Melancholy-Mom

Ich stehe im Flur. Vor mir an der Wand kleben Babybilder von P. Drei sind es, schwarz-weiß, roter Rahmen. Wir in Italien, September 2011. Eine P. mit Windeln, raspelkurzen Babyhaaren und mit einem weißen Bettlaken spielend… Wir blödelnd im Bett… Auf manchen Bildern erinnert mich T. sehr an sie in ihrer Babyzeit. Mich überkommt ein seltsames Gefühl und ich muss einen kleinen Klos runterschlucken. K. füttert T. derweil in der Küche, P. ist bei ihren Großeltern…

Dieses Gefühl der Wehmut überkommt mich nicht selten in den letzten Tagen und Wochen. T. ist kein Neugeborenes mehr. Er ist ein halbes Jahr alt. Das erste halbe Jahr… Das war für mich gedanklich immer eine Art Grenze… Ich weiß noch genau, dass danach bei P. die “Alles ist neu”-Zeit vorbei war. Danach kam alles… Das Krabbeln, die Zähne, das Hochziehen, das Laufen… Dann geht alles so verdammt schnell. Ich sehe jetzt Menschen mit ganz ganz klitzekleinen Babys und mir wird bewusst, dass diese Phase eine ist, die schon wieder hinter uns liegt. T. ist nun nicht mehr klein, nicht mehr neu in der Welt. Er ist nicht mehr zusammengekullert und die Neugeborenen-Müdigkeit ist aus seinen Augen verschwunden. T. brabbelt, zahnt, robbt, zieht sich hoch, isst stückiges Zeugs und interessiert sich wahnsinnig wach für alles… Er ist irgendwie ein Anderer geworden.

P. quatscht uns von früh bis spät zu, singt, tanzt, springt. Wenn wir Menschen treffen, die wir nur selten sehen, fallen denen fast die Augen aus dem Kopf, weil P. nun einfach so mit uns redet, sich verständigt, eine Stimme hat. Sie ist kein Würmchen mehr, sie ist… sie wirkt… schon so groß, manchmal. Sie kann ihre Gefühle ausdrücken, über Vergangenes und Zukünftiges nachdenken und sagt so Dinge wie: “Meine Hose ist nass, deshalb habe ich beschossen, sie auf die Heizung zu legen, Mama.” Ich schaue mir ihr Babybild an, erinnere mich daran, dass sie über 40 Grad Fieber in diesem Urlaub hatte und gerade anfing, zu stehen. Und dann habe ich plötzlich ihr Babygebrabbel im Ohr. Und ihr Babygebrüll… Es ist unvorstellbar, dass eine Zeit gab, in der sie noch nicht reden konnte. Ich kann das Baby auf dem Bild und meine Tochter gar nicht mehr zusammenbringen. Es ist, als wären das verschiedene Personen. Sie ist irgendwie eine Andere geworden.

Ich setze mich zu K. in die Küche. “Was ist los?” Ich kann es nicht genau sagen. Ich kann nur fühlen. Ich bin betrübt… Ich bin wehmütig. K. füttert T. weiter, ich beobachte sie dabei. Wie sie lachen und blödeln… Wie diese absolute Liebe aus T.s Babyaugen strahlt… Er ist noch so unbedarft. Alles, was er sieht, hört, schmeckt, fühlt ist ein einziges großes Wunder. Ich liebe ihn wahnsinnig. K. hat in den letzten Wochen häufiger gesagt: “Ich kann mich nicht erinnern, dass ich P. in dem Alter so niedlich fand…” Und das ist auch so… Wir waren bei P. viel zu sehr damit beschäftigt, alles richtig machen zu wollen oder eher damit, nichts falsch machen zu wollen und an uns zu zweifeln. T. können wir mehr genießen, weil wir das Vertrauen in uns als Eltern schon haben. Weil wir wissen, dass unser Weg und unsere Art und Weise des Familie-seins so falsch nicht ist. P. haben wir ja auch groß bekommen.

Was wir aber auch schon wissen: Kinder werden unheimlich schnell groß. Und das ist schön. Sie werden selbstständiger. Und ihre Persönlichkeit wird von Woche zu Woche sichtbarer… und sie sind weniger auf uns angewiesen. Aber in diesen Momenten, in denen ich mich an P. als Baby erinnere und mich gleichzeitig so wohlig fühle durch das, was mir mein Baby gerade gibt… Das Gefühl, ihn auf dem Arm zu haben. Das Gefühl, die eigene Wange an seine zu drücken. Seine weiche Babyhaut. Morgens aufzuwachen und sein schlafendes Baby neben sich liegen zu haben. Seine strahlenden Augen. Über den Kopf mit Babyflaum zu fahren… Das alles ist so schön, so kostbar, so vergänglich… Ich kann das Baby auf dem Bild nicht mit P. zusammenbringen. Ich werde T. irgendwann, in gar nicht langer Zeit nicht mehr mit dem zusammenbringen können, wie und was er jetzt gerade für mich ist. Das ist merkwürdig.

Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich da fühle: Ich vermisse dieses Baby. Und ich werde auch T. vermissen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Liebeskummer. Da ist etwas, was sich sehr schön und kostbar und sehr innig angefühlt hat, was nun nicht mehr da ist und ich weiß, es kommt nicht mehr zurück. Ich kann die Erinnerung an diesen Babymenschen behalten. Sie hatte zum Beispiel diese ganz spezielle Art, sich robbend fortzubewegen. Daran erinnere ich mich. Aber das, was sich so schön anfühlt, am Babyhaben, das kann man nicht konservieren. Wie sich P. an meine Schulter gekuschelt hat, wenn der Wind ihr ins Gesicht blies. Ich liebe diese vielen kleinen Dinge, die T. gerade macht so sehr und beim Betrachten von P.s Fotos wird mir schmerzlich bewusst, dass auch seine kleinen Baby-Eigenarten nur temporär sind, Episoden, Phasen… Dass die meisten davon verschwinden werden, weil er ihnen einfach entwachsen wird. Und meine Erinnerung daran wird mit dem Verschwinden verblassen.

Und natürlich: Es werden neue Eigenarten, neue schöne Sachen zwischen uns dazukommen. Kinder verändern sich… Sie verschwinden ja nicht, sie wachsen. Und das ist schön. Aber die Babys und das Gefühl, was einem Babys geben können… Die verschwinden. Und das hat doch irgendwie – bei aller Schönheit – auch etwas trauriges… Zumindest etwas, das mich ab und zu melancholisch stimmt.

Internationaler Kinderbuchtag

Zur Abwechslung mal ein sinnvoller Tagestag ;-)

Was ist denn mein liebstes Kinderbuch aktuell? Mal überlegen… Ich glaub, ich finde gerade “Feuerwehr und Regenauto” von JANOSCH und “Oma schreit der Frieder” von Gudrun Mebs, was schon als Kind eines meiner Lieblingsbücher gewesen ist, am unterhaltsamsten.

P. steht auf Prinzessinen-Geschichten und vor allem die klassischen Määääääärche (Dornröschen, Rotkäppchen, Schneewittchen). Die Frieder-Geschichten mag sie zum Glück auch gerne. Und die Bücher von der kleinen Prinzessin. T. mag das “erste Buch zum Anbeißen“.

Ich freue mich schon darauf, wenn wir bei P. mit längeren, fortlaufenden Geschichten anfangen können! Das SAMS probieren wir schon ab und zu, aber so kontinuierlich zu folgen ist noch eher schwierig, denke ich. Außerdem hat sie vor dem Vieh noch Angst. Aber wenn es dann erst einmal in Richtung Unendliche Geschichte, Backsteinweg und Hogwarts geht… Hach! Vorfreude!

Ich habe übrigens eine eigene Seite hier auf dem Blog zum Thema liebste Kinderbücher. Guckt da manchmal wer von euch drauf? (Ich kann sowas ja immer nicht wirklich einschätzen.) Ich finde es jetzt schon interessant, mir die Liste anzuschauen mich daran zu erinnern, worauf P. mit einem oder zwei Jahren buchmäßig so stand, wie es sich verändert und wie es im Vergleich bei T. sein wird. Dokumentations-Wahni halt.

Wir lesen übrigens JEDEN Abend zwei Geschichten vor dem Schlafen vor und sollen tagsüber ungefähr 20.000 – nach P’scher Anweisung – erzählen (“Von einem Mädchen, dass immer nur Süßigkeiten essen wollte / immer nur Dornröschen spielen wollte / sich nie die Zähne putzen wollte… Von einem Jungen, der ein Ohr werden wollte…”)

Wie läuft das bei euch ab, mit Vorlesen und Geschichtenerzählen? Gibt’s Regelmäßigkeiten / Rituale? Und was sind aktuell eure Bücher-Favoriten und die eurer Kinder? Und welche mochtet ihr als Kind?

Mama, ich will…!

Neulich im Zoo:

“Mamaaaa, Ich will ein Eis!

Mamaaaa, ich will einen Lutscher!

Mamaaaa, ich will Pommes!

Mamaaaa, ich will ein Brötchen mit Wurst!

Mamaaaa, ….”

Manchmal entsprechen meine unsere Kinder so sehr dem Klischee nerviger, verwöhnter westliche Welt-Göhren, dass es ein bisschen weh tut. Und manchmal entsprechen wir vermutlich sehr dem überforderte Eltern-Klischee, wenn wir es mit unserer dauerfordernden Tochter zu tun bekommen. Ich selbst könnte einen herrlich reißerischen Artikel über unser teilweise echt bekloppt-lächerliches Eltern-Verhalten schreiben… Wir versuchen dann nämlich gerne Mal, “vernünftig” zu argumentieren:

“Aber P., wir sind nicht hier, um zu essen. Wir wollen uns Tiere angucken, hm? Wir können jetzt nicht die ganze Zeit eine Sache nach der anderen kaufen.” 

-”Warum?”

“Weil das alles Geld kostet und wir nicht so viel Geld dafür ausgeben wollen. Und können.”

- “Ich will aber!”

“Ja, ich weiß, dass du das willst. Ich will dir jetzt aber keinen Lutscher kaufen. Du hattest gerade Pommes und ein Eis und…”

- “UääääääääähichwiillaaaaaaaaabeeeereinenLuuuuuuuuuu…” (TretenStampfenAurasten)

Einatmenausatmeneinatmenausatmen…Puuuuuuh.

“Wie mich dieser andauernde kindliche Konsumtrieb nervt…” sage ich zu K. Er guckt mich an und verdreht die Augen, seufzt. Da stehen wir also. Sonntag um 11. Im überfüllten Zoo. Die Massen schubsen uns rum, T. rumort in der Trage, irgendwie hat niemand Spaß.  “Toller Ausflug,” murmelt K. und steckt sich eine Kippe an. Manchmal passieren mir dann Gedanken wie: “Was mache ich hier eigentlich? Ich bin 25 und stehe am Sonntagmittag im ekelhaft übervollen Kack-Zoo mit einer unersättlichen, aktuell nach Lollie-brüllenden Dreijährigen an der Hand, einem schweren lebendigen Rucksack am Bauch und einem genervten Mann neben mir. Dabei mag ich gar keine Sonntagsausflüge. Oder Zoos. Oder Pommesbuden. Oder Menschen. Und ich hab Rücken. Ich mag Sonntage im Bett, mit Glotze und/oder Lektüre. Waruuuuuuum tue ich mir das hier an???”

Warum mache ich das also? Meinen Kindern zuliebe. Dem Familienidyll zuliebe. Weil man mit ‘ner Dreijährigen nicht ständig Zuhause rumhocken kann und sollte. Weil ZuhauseRumhock-Sonntage sich mit kleinen Kindern endlos anfühlen und sich spätestens 14:30 alle gegenseitig auf den Sack gehen… Und ja, weil wir es uns das eigentlich ganz nett ausgemalt haben. Schönes Wetter, wir gucken Tiere an, ein heißer Kakao in der Kiwara-Lounge… “Und dann macht sie mit ihrem blöden Dauerhabenwollen alles kaputt” höre ich mich kopffrotzeln. Und na klar: Es sind irgendwie (mal wieder) unsere Erwartungen das Problem, weil sie mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. “Ideal- und Realtypus sind in diesem Falle nicht vereinbar.” sagt die Wissenschaft zu sowas. Ich sage: Wären die Erwartungen nicht da, wäre  man nicht unzufrieden, weil nicht enttäuscht. Wäre irgendwie besser. Aber zu sagen “Erwarte doch einfach nichts” hat für mich in etwa so einen Effekt wie “Denk nicht an einen rosa Elefanten”.

Kleine Kinder leben im Jetzt. Und nur da. Im Gegensatz zu Erwachsenen legen Kinder keine Konten an. Sie rechnen nicht auf und ziehen nicht ab. Keine Rechnung à la: “Mama und Papa sind ja jetzt mit mir in den Zoo gegangen und das ist ja erstmal eine ziemlich coole Sache – ein Zugeständnis -, da benehm’ ich mich jetzt mal besonders gut und bin nicht so kackn anstrengend, sondern tu mal so als wäre ich zufrieden. Sie haben sich’s ja verdient, weil: Sie bemühen sich ja, mir/uns eine tolle Zeit zu machen und das muss man schließlich auch mal honorieren…” Nö. Das geneigte, städtisch-verwöhnte Kleinkind denkt wohl eher so: “Au ja! Zoo! Will ich!” – swooooosh – “Au ja! Eis! Will ich!” – swooooooosh – “Au ja! Pommes! Will ich!” – swoooooosh – “Oh! Das Kind hat einen Lutscher! Ich will auch einen Lutscher!” – swooooosh – “Oh! Die Bratwurst sieht aber gut aus! Ich will!” … “Oh Gummischlangen!” … “Oh Luftballons!” … “Oh! Wo ist das Kinderschminken?”

Kinder sind hemmungslos (und) lustgesteuert!

Deshalb sind sie auch so beliebte Zielgruppen Opfer für der Werbeindustrie. Spielzeuge, Freizeit, Snacks. Werbeleute wissen genau, wie leicht Kinderbedürfnisse zu wecken sind. In den großen Werbeagenturen beschäftigen sich ganze Abteilungen ausschließlich damit, zu “erforschen”, wie das kindliche Habenwollen noch zuverlässiger getriggert werden kann. 

Und Eltern…? Wir stehen da irgendwie vor einem Dilemma, oder? Wir wollen unsere Kinder nicht mehr autoritär erziehen. Wir wollen, dass sie sich frei entfalten können, sich selbst kennen (und lieben) lernen und zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen. Wir wissen um die Bedeutung der frühen Kindheit für Bindung, Selbstsicherheit und Persönlichkeitsentfaltung. Wir wissen allgemein viel zu viel. Wir wollen vielleicht keine perfekten Übermütter (im Sinne von Braten im Ofen und glänzendem Haus) sein, aber eine unserer größten Ängste ist, unseren Kindern durch unsere eigenen Charakterschwächen zu schaden. Wir sind es gewohnt, in Freiheit und durchaus lustbetont zu leben. Wir sind freiheitsliebende Hippie-Punks und Jemanden zu begrenzen missfällt uns. Unser Regulativ ist unser Verstand. Aber genau darauf können wir beim Kind nicht setzen. Also stehen wir da, haben alle elterlichen “Waffen” abgelegt und sind bereit, zu verhandeln. Sie sollen ja können, wie sie wollen… Aber wie sollen wir entscheiden, wann das Wollen begrenzt werden muss, weil das Wollen zum Müssen wird und das macht ja auch wieder unglücklich… Und sind wir nicht unserer Kinder Glücksschmiede?

Deshalb sieht man Erwachsene zuweilen mit Kindern über die Schädlichkeit von Lutschern und Nahrhaftigkeit von Gemüse diskutieren… > Gesunde Ernäherung ist wichtig. Übergwicht und Krankheiten und so. Deshalb sieht man uns auf dem Spielplatz zwischen zwei Dreieinhalbjährigen über das Teilen eines Sandeimers verhandeln > Unsozial sein ist kacke. Teilhabe, Depressionen und so. Wir schmieren abends Brote mit Frischkäse (OHNE RINDE!), obwohl wir frisches und gesund gekocht haben, weil der Brokkoli in der Brokkoli-Käse-Soße eben doch nicht gut genug versteckt war. > Mein Kind muss nicht essen, worauf es keine Lust hat! Und jajaja! Natürlich kommen wir uns dabei albern vor. Es fühlt sich falsch an, streng  den Ton anzugeben. Und es fühlt sich falsch an, ständig nachzugeben. Wir wollen keine Service-Eltern sein. Und keine Helikopter-Eltern. Aber Arschloch-Eltern wollen wir auch nicht sein. Wir wissen, dass es vermutlich ziemlich albern ist, zu hoffen, die besten Freunde und Vertrauten vom Kind sein zu können. Und wir versuchen es trotzdem.

Unsere Kinder sind ein bisschen wie Diktatoren. Despoten! Egoisten!  Ohne Vernunft! Triebgesteuert! Raffgierig! Geizig! Und maßlos ohne Ende! (Ja, sie sind auch herrlich neugierig, phantasie- und liebevoll, … aber darum geht es hier ja gerade nicht…) Und ich glaube, wir sind damit einfach überfordert. Niemand sagt uns, was eindeutig gut oder eindeutig böse ist. Wir können uns in wenigen Minuten zu jedem Thema haufenweise Fakten und Meinungen reinziehen. Wir müssen selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden und inwieweit wir, unsere Kinder bestimmen und uns von ihnen bestimmen lassen. Richtig gibt’s nicht.

Ich höre an dieser Stelle oft Argumentationen wie “Mit Dreijährigen darfst du nicht diskutieren. Du bist die Mutter, du entscheidest. Basta!” oder auch gerne “Da musst du deinem Bauchgefühl – deiner INTUITIOOOOON – vertrauen.” Mir persönlich hilft das aber nicht weiter. Ich hab ein sehr diskutierfreudiges Kind, das Gründe haben will, wenn ich “Nein!” sage und ich will ihr die auch irgendwie liefern. Meiner  “Intuition” nach zu urteilen ist das richtiger als zu sagen “Weil ich das so (nicht) will.” Für diese Variante müsste ich mich ziemlich verbiegen und härter tun, als ich fühle und bin. Oft wird mir aber suggeriert, dass das die bessere – die richtige – Variante wäre. Und die Diskutiererei macht mich ja auch alle…

Irgendwie ist es auch das Zusammenspiel von Programmierung und Umwelt, was hier Probleme macht: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie glücklich machen. Und wir sind – furchtbar biologistisch gesprochen – darauf gepolt, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen. Wir leben aber in einer Überflussgesellschaft. Eine ziemlich unnatürliche (Um)Welt für Menschen(kinder). Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie süß und bunt und fettig. Sie können zwar tatsächlich nicht immer und nicht alles haben, aber theoretisch heute und hier sehr, sehr viel. Mehr, als sie brauchen und mehr als – so mutmaßen wir – gut für sie ist. Erwachsene haben – mal mehr mal weniger erfolgreich – gelernt, ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und zu unterscheiden, um in der Welt des too much klarzukommen. Und manchmal werden wir fett und unbeweglich und krank, weil wir uns in dieser unnatürlichen Welt eben doch nicht im Griff haben.

Es gehört Einiges dazu, diesen fiesen Teufelskreislauf zu durchbrechen: Verstand, Durchhaltevermögen, Resilienz, Konsequenz, ein Masterplan, … Und – um zurück zum Thema zu kommen – man unterschätze nicht die Verführung, auf durch Nachgeben zu einem “zufriedenem” Kind und stressfreien Moment zu kommen. Das ist es ja, was uns die Werbung verspricht, oder? Zufriedene Kinder. Entspannte Eltern. Glückliche Familien. Aber sehen wir es, wie es ist: Immer nachgeben, das ist de facto: Ruhigstellen. Damit geht man den Weg des geringsten Widerstands und macht es sich so einfach wie es nur irgendwie geht. Hauptsache keinen Stress… Und was ist falsch daran? Klingt doch nach einem ziemlich guten Lebensmotto. Auf Dauer tut man sich damit selbstverständlich keinen Gefallen. Die Kinderbedürfnisse könnten sich unkontrolliert vermehren. Kinder, bei denen es kein “genug” gibt und im Resultat: Konsumorientierte, doofe Menschen, die lernen, dass man Befriedigung vor allem kaufen kann (und muss). Wollen wir das? Wollen wir nicht. Davon gibt es auf der Welt wahrlich schon genug.

Was ist also mit dem kindlichen Dauer-Habenwollen? Wie sollen wir damit umgehen?

Kleine Kinder kennen noch kein Maß. Sie können nicht verstehen, warum sie nicht dürfen, wenn Dinge in greifbarer Nähe und theoretisch zu haben sind. Ihnen fehlen die “Kompetenzen”, derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sich selbst zu begrenzen und aus reinen Verstandsgründen zu verzichten. Sie sind dieser – Achtung, Polemik! – fiesen, unnatürlichen, ihre Unschuld und Unwissenheit ausnutzenden, kapitalistischen Waren- und Konsumwelt schutzlos ausgeliefert, und man kann hier zu dem Schluss kommen, dass wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigen, wenn wir unsere Kinder nicht davor beschützen. Oder? Gerade unser Verstand sollte uns doch eigentlich hier sehr deutlich zeigen, dass es wichtig und richtig ist, (Konsum-)Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen und sie in dieser Hinsicht zu begrenzen. Um sie vor sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zu schützen, quasi. Ist das so? Ihnen “Grenzen setzen” ist also tatsächlich der richtige Umgang damit?

Ich denke nicht, dass dieses Dilemma Kinderwollen vs. Elternmeinen ein für allemal auflösbar ist. Man muss die Situationen immer wieder neu bewerten. Man wird sich immer wieder fragen müssen, wie man das gerade findet und ob man es gerade zulassen will. Ab und zu sollte man sich vielleicht wirklich fragen, was man zu einem guten Freund in der Situation sagen würde. Andererseits können Kinder in vielen Situationen nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wann können sie? Wann müssen wir?

Wieder denke ich an Juul, der sich auch dazu äußert. Man müsse zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden. Das Bedürfnis des Kindes ist zum Beispiel Ernährung. Nur Nugggets bei McDoof oder einen Lutscher zu wollen, das ist ein Wunsch. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie den Wunsch erfüllen wollen. “Man kann eine lange, glückliche Kindheit haben ohne Pizza oder McDonalds” sagt Juul dann. Hier geht es um die eigenen Werte, Einstellungen und Sichtweisen der Eltern. Was findet man gut? Was nicht? Welchen Wunsch will man erfüllen, welchen nicht? Juul meint auch, dass Kinder ihre Eltern kennenlernen wollen. Mit etwa 4 bis 5 Jahren hätten sie den Großteil von dem, was ihre Eltern prinzipiell zulassen und was nicht – die elterlichen Grenzen – ausgelotet. Und Kinder wollen selbstständig sein und selbst entscheiden. “Ich will meine Jacke nicht anziehen! Ich will meine Zähne nicht putzen!” – “Hör mal, Zähne putzen muss man irgendwie, sonst passiert alles Mögliche. Zwei Dinge kann ich dir sagen: Es ist unangenehm, weil irgendwelche Erwachsenen vielleicht etwas Hartes in deinen Mund stecken und anfangen zu bohren…” – Und was ist, wenn das Kind auf seinem “Nein” beharrt? – “Wenn man dieses Grundvertrauen hat , dann sagt man: ‘Okay, schade, weil wie du weißt, finde ich es wichtig, aber wenn es für dich nicht wichtig ist, dann machen wir es heute nicht.” Man müsse einfach das Vertrauen haben, dass Kinder prinzipiell kooperieren wollen. Das ist Juuls ganz grundsätzliche These. Verantwortung müsse man vor allem übernehmen, wenn es um Leib und Leben geht – das Anhalten an roten Ampeln ist nicht verhandelbar. Nachlesen kann man das zum Beispiel in diesem Interview mit Jesper Juul, und in dem und dem.

Vertrauen wir unseren Kindern nicht? Würde es mit ein wenig mehr Vertrauen alles einfach gehen? Wir denken “Zähne putzen muss sein!”, weil wir das so beigebracht bekommen haben und “weil man das so macht” und wir denken so Sachen wie “Wenn ich das jetzt einmal schleifen lasse, dann wird das nie was und dann kriegt sie Karies und faulige Zähne… und im Kindergarten wird man über sie reden, weil sie einen schlechten Atem hat… und die Erzieherinnnen zerreißen sich das Maul über uns unfähige Eltern.” – Genau! Das “Was sollen denn da die Leute denken?” steckt nämlich viel zu oft dahinter, egal für wie unabhängig man sich hält. Man will nicht als Eltern dastehen, die es nicht hinkriegen. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich das Kind nie wieder die Zähne putzen wird, weil man einmal sagt: “Gut, wenn du es partout nicht willst, dann machst du es halt nicht.” Andererseits sage ich, dass es schon ziemlich wahrscheinlich ist, dass mein Kind sich ausschließlich von ungesundem Kack ernähren würde, könnte es das selbst entscheiden. Und was es zu essen gibt, das geht doch irgendwie alle was an, oder?? Vielleicht teilt man die Woche mal testweise in “Du bestimmst, was es zu essen gibt”-Tage und “Wir bestimmen, was es zu essen gibt”-Tage auf.

Wir haben uns dann jedenfalls dann doch noch sehr ausgiebig die Affen angeguckt, über eine Stunde beim Karpfenbecken abgehangen und eine halbe Stunde auf die Fütterung der Pinguine gewartet. Hat sich gelohnt, das Konsumieren zu durchbrechen, drei Mal “Nein, gibt’s nicht! Ich will jetzt Affen angucken” zu sagen und die jeweiligen Wutausbrüche zu ertragen.

“Manchmal muss man sie doch echt zu ihrem Glück zwingen.” sage ich während der Rückfahrt zu K., kurz nachdem beide Kinder zeitgleich weggepennt sind und wir um 17 Uhr das erste “störungsfreie” Gespräch des Tages miteinander führen.

Muss… Darf man das? Die Kinder zu “ihrem Glück” zwingen? Ist ihr Glück nicht in allererster Linie das, was wir als “Glück” – als schön / gut / erstrebenswert – bewerten? Passt das zu unserer Vorstellung der frei denkenden, selbstbestimmten Menschen, als die wir unsere Kinder gern später sehen würden? Ist Lesen wirklich “besser” als iPad-Daddeln? Ist es echt sinnvoll, immernoch dieses Idealbild vom auf der großen Wiese frei herumtollenden Kind im Kopf zu haben und darum ständig mit schlechtem Gewissen durch die betonierte Großstadt zu laufen, weil man es einfach nicht realisiert bekommt??

Hm. Man sollte vielleicht auch nicht vergessen, dass unsere Kinder später eh selbst entscheiden werden, was sie unter Glück verstehen. Und dass diese Definition nur zu einem Teil davon abhängt, wie sie ihre Kindheit mit uns verbracht haben. Unsere Kinder haben ein Recht auf’s Heute. Das ständige ans Morgen denken macht mich auch wirklich alle… Die Gedanken krieg ich nur ganz schwer ausgeschaltet. “Wenn sie heute zu viel fernsieht, wird sie niemals Bücher lesen oder sich für Kultur oder Geschichte oder … interessieren”, “Wenn ich jetzt nicht versuche, sie zum Gemüse essen zu bewegen, wird sie das niemals tun und krank und fett werden”, “Wenn sie jetzt nicht lernt, dass…, dann wird sie nie…” – Was für ein Bullshit das doch ist! Und wie einen das tagtäglich unter Druck setzt! Das nimmt die ganze Leichtigkeit aus dem Alltag und aus dem Umgang mit dem Kind. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen, “den Förderauftrag” der Bildungseinrichtungen Zuhause fortzuführen. Und auch davon spricht Juul gerne mal. Man wird bekloppt, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einen irgendwie anders… irgendwie besser haben wollen als man ist. Die einen umerziehen wollen. Unsere Kinder sollten bei uns einfach mal nichts müssen müssen, einfach mal sein dürfen, so (unperfekt und launisch und unausgeglichen) wie sie sind. Unsere Kinder sind keine Projekte, die wir möglichst erfolgreich abschließen. Unsere Kinder sind Menschen. Ihre Persönlichkeit sollten wir in erster Linie annehmen und respektieren. Wir können ihnen eigentlich nur sagen: “Hör mal, so fühlst du dich jetzt und das ist okay. Du bist du. Und ich bin ich. Und das da draußen ist die Welt. Und wenn du das jetzt (nicht) machst, könnte das passieren. Deshalb mag ich nicht, dass du es machst. Jetzt kannst du entscheiden, ob du es trotzdem tun willst.”

An Denkstoff mangelt es mir jedenfalls ganz und gar nicht, seitdem ich Kinder habe. Gesellschaftliche Zwänge. Freiheit. Die eigene und die der eigenen Kinder. Werte. Moral… Können, wollen, sollen, müssen. Kinder konfrontieren einen wirklich sehr schonungslos mit sich selbst, den eigenen Maßstäben und Nicht zu Ende-Gedachtem. Man muss permanent kurzfristig nötige (“Ich will aber JETZT, Mama!”), aber langfristig wirkende (“Warum habe ich nur so große Selbstzweifel? Meine Eltern sind schuld!”) Entscheidungen treffen und das unter akutem Handlungszwang und erschwerten Bedingungen (“UÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHICHWILLABER!”).

Memo an mich selbst: Unbedingt mal darüber nachdenken, wie ich diese exzellent trainierten “Troubleshooting”- und “Multitasking”-Kompetenzen in meiner Vita einbauen kann.

6 Monate 4-Erziehungsfragen-Sermon

16.03.2014. Verdammte Axt! Echt jetzt? Ein halbes Jahr?! Gibbet doch nich…

Es gäbe viel zu schreiben darüber, was oftmals zu lesen ist, wenn Leute monatliche Feedbacks zur Entwicklung der Kinder geben: Klar, er ist gewachsen, enorm sogar… Und er hat sich entwickelt wie sich Babys halt entwickeln. Am Anfang war er sehr empfindlich und hat ‘ne ganze Weile gebraucht, um sowas wie anzukommen, in der Welt. Viel geschrien, hat er. Und gar nicht geschlafen tagsüber. P. hat das alles super weggesteckt, denke ich. Keine großen Eifersüchteleien – abgesehen von “Eyä, du sollst das nicht ablutschen!”.

In den letzten Wochen haben wir uns gefunden, es ist rhythmisch. T. schläft abends sehr schnell und zuverlässig (mit Pre HA) ein – Versuch mit Pre ohne HA ist KLÄGLICH gescheitert – und wacht nach 4-5 Stunden wieder auf. Danach wird er gestillt und schläft bei/an mir. Wie er nachts nach der ersten Phase wach wird, kann ich gar nicht sagen. Ab 6/7 ist er morgens endgültig wach und ich auch, mehr oder weniger. Morgens fühle ich mich ziemlich gerädert. Aber seit 2,5 Wochen schenkt er mir und sich – auch sehr zuverlässig – vormittags gute 2-3 Stunden Schlaf. Und das ist wirklich ein Geschenk! Dann komme ich dazu, was für die Uni zu machen. Oder Haushalt. Oder Klarkommen. Ich gewöhne mich leider immer zu schnell an sowas und erwische mich dabei, enttäuscht und unterschwellig genervt zu sein, wenn er schon nach 1,5 Stunden wieder wach ist und ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Genau genommen schaffe ich das nie.

Uni zu machen in diesem 2-3-Stunden-Fenster ist ein bisschen irre. “So. Wo war ich. Ah ja. Bourdieu…” Ich brauche eine halbe Stunde, um mich wieder an die Stelle zu denken, an der ich am Vormittag des vorherigen Tages aufgehört habe. 10 Minuten, um mich wieder in die Texte reinzufuchsen. Und es fällt mich wahnsinnig schwer, sie zu durchsteigen, geschweige denn, sie in Zusammenhang mit meinem Thema zu bringen. TickTickTick… Deine Küche sieht aus wie Sau… TickTickTick… Quäääk…. TickTickTick… Sport müsste ich auch mal wieder machen… TickTickTick… TickTickTick – Die Heranwachsenden müssen “die Fähigkeit zur Unbestimmtheit und strukturellen Umformung und Wandlung” erwerben, um “Entwicklungs- und Modernisierungsprozesse zu ermöglichen” – Waaaaasmüssendie? TickTickTick… TICK TICK TICK… Dann wird er wach, mein Kopf dampft und ich muss wieder in einen anderen Gang schalten, dabei schreit alles nach Pause… Kleines Kind wach, versorgen. Zeit im Blick haben, großes Kind abholen, Nachmittagsaction, abends werden alle nölig, dann noch Abendessen und Bett und danach theoretisch das ganze Chaos des Tages beseitigen. Und abends dann noch was Uni machen? Ich schaffe es einfach nicht, mich dann noch durch meine wissenschaftlichen Texte zu kämpfen. Beide Kinder sind zur Zeit nicht vor 21:30 endgültig im Bett. Dann könnte ich erst anfangen und müsste es auch direkt tun, damit es sich lohnt… Das packe ich nicht. Ich erinnere mich an diese Gefühle… Ich hatte das so bei P. auch als ich wieder angefangen hatte, selbstständig von Zuhause aus zu arbeiten. Es ist zu wenig Tag für all das, was zu tun wäre. Vereinbarkeit Kinder und “Karriere” MY ASS!!!

(Deshalb auch die Stille hier, die ich sehr bedauere.)

Jesper Juul treibt mich auch mal wieder um. Auslöser war seine Kolumne im Standard, die ich erst jetzt entdeckt habe. Ich find den ja immernoch ziemlich toll… Ich habe P., die nach wie vor häufig Heulattacken-Phasen hat, in letzter Zeit häufiger gesagt, dass sie in ihr Zimmer gehen kann, um sich auszutoben und dass sie ja dann wiederkommen kann, wenn sie fertig ist und mag. Ich hielt das für ‘ne okaye Methode. Ist sie aber eigentlich gar nicht, denk ich jetzt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mies und heulig drauf seid und euer Partner würde zu euch sagen: “Geh ins Schlafzimmer und heul dich aus. Du darfst wiederkommen, wenn du nicht mehr weinst.” Irgendwie ist das total das falsche Signal… Sie soll doch nicht denken, dass sie nur akzeptiert wird, wenn sie “genehm” ist… Und auch nach wie vor extrem richtig und wichtig finde ich das, was er zur “persönlichen Autorität” bzw. “persönlichen Sprache” sagt… Dass es nämlich für Kinder vor allem wichtig ist, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Er beschreibt oft und gern von seiner Beobachtung, dass Eltern (und Großeltern oder Erwachsene allgemein) Kindern gegenüber Rollen spielen anstatt aufrichtig und echt zu sein. Anstatt z.B. zu sagen “Du, ich hab da jetzt echt keinen Nerv drauf.” benehmen sie sich so, wie sie meinen, dass sich Eltern Kindern gegenüber benehmen müssten… Dabei sprechen sie von sich in der dritten Person (“Nicht die Mama hauen!” … “Gib der Mama mal die Schere wieder!” *gruselig*) und 3 Oktaven höher als es ihrer natürlichen Stimmhöhe entspricht. Und obwohl ich das sehe und meine, muss ich mich selbst immer mal wieder daran erinnern, einfach echt zu sein und nicht “mich selbst” abzukapseln und zum Eltern-Roboter zu werden. Ein passendes, plakatives Beispiel: Gestern hatte ich ein Freundin mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner zu Besuch. Wir haben versucht, uns zu unterhalten, während die Kinder uns lautstark im Wohnzimmer umkreisten und ohne Unterlass auf uns einquatschten. Wir haben abwechselnd – wahlweise mit netten Worten oder Lockmitteln (“Zeig ihr doch mal…”) – versucht, die Kinder loszuwerden, damit wir uns einfach mal unterhalten können. Irgendwann sagte ihr Partner zu uns: “Warum sagt ihr ihnen nicht einfach, dass ihr mal eure Ruhe haben wollt? Dann gehen sie doch.” – “Klappt bei P. nicht.” habe ich gesagt, es kurz darauf aber ausprobiert (und seitdem mehrmals) und echt Bauklötze gestaunt, weil P. tatsächlich ohne ein Wort verständnisvoll nickt und sich verzieht, um sich allein zu beschäftigen. Manchmal macht man sich’s halt echt unnötig schwer. Weil? Ja, weil wir beliebt sein wollen (auch bei unseren Kindern) und Angst haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Vor nichts haben wir größere Angst, als sie zu traumatisieren… Vor nichts fürchten wir uns mehr, als schlechte Eltern für sie zu sein.

Juuls Frage, ob wir uns (bzw. wer sich denn) wirklich aufrichtig starke und selbstbewusste Kinder wünschen würde, finde ich so unglaublich richtig gestellt und spannend, dass es weh tut. Er meint, die meisten Menschen wollen in Wahrheit – ohne sich dessen bewusst zu sein – genau das nicht, sondern liebe, artige, tüchtige und folgsame Kinder. Vorzeige-Exemplare halt… Ja-Sager. Ich will das nicht! Wirklich aufrichtig! Manchmal, denke ich, sollte ich mir das wieder häufiger bewusst machen, wenn ich die “Trotzreaktionen” meines Kindes mal wieder ätzend und anstrengend-nervig finde…

Einen Widerspruch kann ich aber auch mit Juul nicht lösen: Aufrichtig soll und will ich sein. Ich selbst, meinen Kindern gegenüber. Beim oben genannten Beispiel (10 Heulanfälle in 5 Minuten) bin ich ehrlich extrem genervt und angekotzt. So sehr, dass ich schreien will. Oder Türen schmeißen. Ich möchte kann das Gebrüll manchmal einfach nicht mehr hören ertragen. Es macht mich wahn-si-nnig! Irgendwie scheiße zu reagieren, das wäre die ehrliche Reaktion in den Momenten… Aber natürlich keine Gute. Ich finde nicht, dass sie das verdient hat. Den Fehler macht ja nicht sie. Denn sie ist klein und frustiert, weil irgendwas nicht geht. Und ich bin groß und kann reflektieren und mich zusammenreißen. Anzuerkennen, dass sie pissed ist und sie auch in diesem Moment zu akzeptieren, anzunehmen und ihr beizustehen ist dann doch richtiger. Aber ja eiiiigentlich nicht mehr authentisch. Also was denn nun? Und was ist mit der Süßigkeiten-Flatrate? Juul meint, Erziehung wäre eh ziemlich sinnlos, weil Kinder eh nur vom dauerhaften Vorleben lernen und jedes gewollte Erziehen (im Sinne von dranherumziehen) verschenkte Liebesmüh ist… Keine Belehrungen über gesundes Essen am Essenstisch. Kein Zwang oder Überedeversuche, Gemüse zu essen… Also einfach essen lassen, was und wann sie will? “Noch niemand ist an 3 Wochen nur Nudeln mit Soße essen gestorben.” sagt er sinngemäß und auch: “Die Eltern sind verantwortlich. Dann dürfen sie halt nichts im Haus haben, was sie nicht gut finden.” Hm. Vielleicht wahr, aber ziemlich unrealistisch, oder? (Und Herr Juul himself ist in der Hinsicht wohl auch kein nachahmenswertes Vorbild, by the way… Check) Und wie sieht das aus mit iPad-Spielen und Fernsehen? Irgendwie fühlt es sich schon so an, als müsste man den Kids in der Hinsicht ein Maß mit auf den Weg geben. Ich fühl mich dafür verantwortlich… verpflichtet… Ist das falsch? Kann… Muss… Sollte man denn immer richtig sein (wollen)?

Und dann noch die Sache mit dem “Mann sollte die Kinder einfach mitlaufen lassen”… Man würde seine Kinder heute viel zu sehr mit Aufmerksamkeit überhäufen, viel zu viel Kinder-Animation betreiben… Ja, sehe ich auch so. Sehr sogar. Und wenn man auf’m Bauernhof arbeitet oder auf dem Feld, dann mag das vielleicht auch toll funktionieren… Sich die Kinder einfach auf den Rücken schnallen und ab geht’s. A.B.E.R: Das berücksichtigt irgendwie nicht, wie die Realität Vieler heute aussieht. Was machen wir nämlich? Wir sitzen vorm Rechner. Und dabei kann man die Kinder nicht “einfach mitmachen / mitlaufen” lassen. Man läuft ja nicht. Man sitzt. Und man muss sich konzentrieren. Für’s Kind ist dabei kein Platz. Es gibt nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gibt nur Stille, Geticker und Stören. Computerarbeit und Kinder sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht gleichzeitig.

Hach ja. Schön rumgekreist und vom Weg abgekommen…

Wie die Bilanz nach einem halben Jahr zu viert nun ausfällt?

Medaillenseite 1: Wir sind ziemlich durch. Wir sind spätestens 16 Uhr nachmittags sackmüde, können uns aber meistens nicht dazu entschließen, einfach mal direkt mit den Kindern ins Bett zu gehen. Also tun wir das regelmäßig viel zu spät, denn uns fehlt selbstbestimmte Zeit! Die ziehen wir vom Schlaf ab, wodurch wir natürlich noch müder werden. Wir müssen weitermachen. Immer, immer weitermachen… Auszeiten gibt’s nicht. Oder nicht wirklich. Im Moment wüssten wir nicht einmal wofür wir sie nutzen könnten. Das Quietschen und Quaken des kleinen Kindes bringt uns in den letzten Tagen beinahe um den Verstand. Er ist krank und wahrscheinlich im 26-Wochen-Schub (obwohl ich nicht an das Vorhandensein von Wochenschüben glaube). Die Große macht’s uns auch nicht einfacher durch ihre “Ich kann das aber alleine – ich will aber erster sein – Nein! Das geht so aber nicht – Ihr seid gemein!”-Heul-Tiraden. Abends wünschen wir uns nicht selten, wir könnten die Zeit vordrehen bis zu dem Punkt, an dem die Kinder endlich im Bett sind. *seufz* Mit uns als Menschen, als Denkende, als Aktionisten, als Künstler, als Freunde, als Paar ist im Moment nicht viel los…

Medaillenseite 2: Wir sind ziemlich zufrieden. Wir werden früh von einem glucksenden, ungeheuer niedlichen Baby geweckt. Das erste, was du siehst, ist das verliebteste und ehrlichste Strahlen der Welt. An jedem Morgen ist das erste, was ich tue, meinem kleinen Baby, das direkt neben mir liegt, über den Kopf zu streicheln, ihn aus seinem Schlafsack zu befreien und meine Wange ganz dicht neben seine zu legen. Er streckt sich dann ausgiebig, erzählt ein bisschen und dreht suchend den Kopf umher. Ich flüstere zu K., dass er mal gucken soll, weil sein Sohn ihn begrüßen möchte… Dann rufen wir P., die meist schon seit einer Stunde leise in ihrem Zimmer spielt. Ich höre die tappelnden Schritte, wir ziehen unsere Decken hoch und P. springt mit zu uns in die Kiste. Wir schieben ein Stück vom Rollo nach oben, Sonnenlicht fällt auf’s Bett… K. und ich beobachten, wie unsere Tochter unserem Sohn erzählt, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hat und er lacht sich darüber kaputt. Manchmal kriegt man ziemlich feuchte Augen vor Rührung. Und da ist man gerade einmal seit 10 Minuten wach…

Keine Eifersuchtsdramen. Größere gesundheitliche Downs gemeinsam gemeistert. Ziemlich gut auf einem Nenner gelandet. Und immer wieder überrascht, dass wir das doch irgendwie alles hinbekommen und es sich zwar ständig so anfühlt, als würde die Energie uns im Stich lassen, sie es aber halt nie endgültig tut.

“Wir schuften weiter, immer weiter.”

Rollenspiele-Terror

Für P. gibt’s ja gerade nichts Anderes mehr. Sie rennt Zuhause prinzipiell nur noch im Prinzessinenkleid rum… Prinzessin, Einhörner, Schule, Eltern und Määääääärchen… Von früh bis spät. Und natürlich niemalsnie allein *augenroll*

Versteht mich nicht falsch, es ist ja schön, dass sie so fantasievoll ist, aber ich spiele bei sowas einfach nicht wirklich gern mit. Bin ja eh ein Spielmuffel… K oder die Omis und Opis machen das schon eher Mal mit, wenn auch nicht immer 100% überzeugend ;-)

Wie seht ihr das?

Spielt ihr mit? Findet ihr, man sollte/”muss” sich dazu als Erwachsener (dem Kind zuliebe) “überwinden”, auch wenn man nicht mag? Oder ist “nein, ich mag nicht” sagen okay, weil ehrlich? Und wie könnte ich sie dazu animieren, das mehr allein (mit puppen / Stofftieren zum Beispiel) zu machen (“Ich will aber nicht alleine spielen” *heulipopoili-krokodiligeweichmachertränen-schnief*)? Sollte man sich jeden Tag auch nach der Kita mit anderen Kindern verabreden, damit die das in Ruhe ausleben können? Was haltet ihr vom “Das Kind muss lernen, allein zu spielen”? Jaklar-Neinquark?

Sagt doch mal!

((Verlosung))

Dass ich gerade auf Facebook einige meiner (unpefekten) selbstgenähten Kinderklamotten zum Zweitgebrauch anbiete, nehme ich zum Anlass etwas sehr LiebSchönes an euch weiterzugeben:

Die Kürbis-Mütze mit Kopfumfang ca. 37-39 cm, handgestrickt von meiner lieben Freundin Maikefer

Kürbismütze

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Sie ist wirklich ganz entzückend und viel zu schade, um nur von einem Baby getragen zu werden. T. hat sie leider nur so kurz gepasst, weil sein Kopf wächst wie sonstwas.

Maike fertigt übrigens auf Anfrage tolle, individuelle Strickteile an, Socken, Mützchen, Schals usw. Kontaktieren könnt ihr sie via E-Mail oder über ihr Facebook-Profil.

Teilnehmen könnt ihr bis zum 28.02.2014, 00:00, indem ihr unter diesem Beitrag oder unter dem Beitrag bei Facebook ein Kommentar abgebt. Ich lose dann aus und kontaktiere euch via E-Mail (oder Facebook). Viel Glück :-)

aber, aber:
- Keine Dopplungen!
- Rechtsweg ausgeschlossen
- anonyme Kommentare bitte mit E-Mail-Adresse*** VERLOSUNG IST BEENDET *** 

Impetigo Contagiosa

P ist über den Damm. Seit Montag Mittag sind wir wieder Zuhause.

staphylokokken auge schmierinfektion
Das, was sie hatte, schimpft sich impetigo contagiosa. Auf dem Bild seht ihr den Zustand im Krankhaus (Tag 2).

Eigentlich ist das relativ harmlos und soll wohl normalerweise gut mit Salbe zu behandeln sein. Bei P. waren aber die Augen besiedelt. Da hier einerseits die Augen in Mitleidenschaft gezogen werden können und vor allem hinter den Augen Nerven langgehen, die direkt ins Hirn führen, wurde uns nahegelegt, sie stationär aufnehmen zu lassen. Deshalb hat sie eine Woche lang Antiobiotikum (Cefuroxim?) intravenös und Augentropfen (Floxal) bekommen. Inzwischen hat sich der Schorf gelöst und die Haut darunter ist gesund… Montag darf sie wieder in die Kita.

Eine zeitlang stand Herpes im Raum, das wurde aber per Abstrich ausgeschlossen.

Die Woche war natürlich für uns alle ziemlich stressig… P. durfte das Zimmer nicht verlassen – weil halt Herpes so lange im Raum stand und das Zeug wohl sehr ansteckend ist. Sie durfte nicht ins Spielzimmer, sich nichtmal beim Essenholen anstellen, gar nichts. Erklärt das Mal einer Dreijährigen. Sie hat das alles aber echt tapfer mitgemacht… 2-3-stündlich Augentropfen. 5x am Tag Antibiotikum, d.h. eine halbe Stunde im Bett bleiben. Zweimal neuer Zugang. K. hat im Krankenhaus geschlafen, war tagsüber arbeiten und ich mit dem Kleinen dann im Krankenhaus (der hat zum Glück nix abbekommen). Zum Glück (!) hatten wir sehr viel Hilfe von meiner Familie, die im Schichtdienst angetreten sind, damit wir nicht allein dastehen. Hammer!

Mein unbedingter Tipp nach der Sache ist: Wenn Kinder eine offene Stelle haben – (und sei sie noch so winzig! Es war bei P. am Anfang wirklich nur ein Pickel auf der Nase) – dann heißt es:  Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen und darauf achten, dass die das nicht aufknibbeln / dran rumspielen. Am besten Pflaster drauf oder direkt beim Öfnnen eine antibiotische Salbe drauf geben. Vielleicht auch die Hände ab und zu desinfizieren. Das kann sonst – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Auge gehen! Und einige Tage hatte ich echt Angst.

Das “Gute” an der Sache?

Über die Woche habe ich meinen achsoöden Alltag echt schätzen gelernt UND ich bin mittlerweile fit darin, mit beiden Kindern allein gut klarzukommen. Wenn man erstmal ‘ne Woche mit einer Dreijährigen in quasi-Isolationshaft verbracht hat, dann kommt einem die eigene Wohnung und Freiheit vor wie das Paradies.

Auch gut zu spüren: Bei aller fehlenden Resilienz unsererseits: In Krisen klappen wir Eltern als Team doch gut. Und: Familiäres Backup = Top!

Am Rande des…

Ich habe gerade – wie erwähnt – dank Antibiotikum meine 5. Brüstentzündung seit T.s Geburt halbwegs überstanden.

K. hat hustet-würgt-rotzt grippal vor sich hin und fühlt sich wie zertreten.

T. hat Fieber, Schnupfen und bellenden Reizhusten.

P. hat – neben dem obligatorischen grippalen Infekt – … ja, was eigentlich? Es fing an, mit einer ganzganz kleinen offenen Stelle auf dem Nasenrücken. Die wurde langsam größer, wahrscheinlich hat P. auch daran rumgefummelt… Einige Tage danach: Verschiedene kleine Pickelchen in ihrem Gesicht. Am Donnerstag plötzlich: Rötung und Schwellung des linken Augenlids, mit kleinen weißen Punkten drauf. Am nächsten Tag: Vereiterung/fast zugeschwollenes Auge. Sieht total fies aus. Ärztin. “Schmierinfektion” sagt die. Streptokokken, sei nichts ungewöhnliches. Antibiotische Salbe verschrieben. Heute: Die Stelle auf der Nase ist doppelt so groß. Das Auge komplett zugeschwollen, tränt/eitert. Haut auf dem Augenlid ist offen… P. ist den dritten Tag in Folge einfach eingeschlafen beim Vorlesen – passiert sonst NIE!

Was ist das nur???

Es steht eine scheiß-harte Woche an. K. arbeitet. P. kann natürlich nicht in die Kita. Wir müssen das hinbekommen. Ich mache mir schreckliche Sorgen… Und fühle mich hoffnungslos überfordert.

Worst-Case-Szenario.

Müde.

Ich bin müde. MÜDE-MÜDE-MÜDE!

Bevor Mensch Kinder hat, ist es wohl diese Sache – neben der Fremdbestimmung -, die von vielen kolossal unterschätzt wird. Schlafmangel. Wochen, Monate, manchmal Jahre.

Ich habe in dieser der Schwangerschaft sehr darauf geachtet, nicht viel später als 23 Uhr ins Bett zu gehen. Ich wollte “vorschlafen”, obwohl mir klar war, dass das 1. nicht geht und der Effekt 2. nach einer anstrengenden Geburt eh dahin ist, davon mal  ganz abgesehen, dass die Nächte am Ende einer Schwangerschaft alles andere als erholsam sind… Trotzdem: Am Anfang konnte ich irgendwie doch ein bisschen davon zehren.

Und jetzt? T. ist inzwischen 4,5 Monate alt. Er geht gegen 20:30 ins Bett und schläft zum Glück recht zuverlässig ein. In Ausnahmefällen schläft er Mal bis 1-2-3 Uhr. Meistens wird er aber zwischen 23:30 und 00:30 wieder wach, will trinken. Und dann 2-3 stündlich. Morgens ist die Nacht zwischen 7 und 8 vorbei, das ist soweit okay.

Ich fühle mich aber trotzdem die meiste Zeit extrem gerädert.

Ich kann will mich abends auch nicht einfach 20 Uhr mit hinlegen. Ich lechze nach den 2-3 Stunden am Abend, in denen ich tun und lassen kann, was ich will (oder muss). Wenn beide Kinder im Bett liegen, fällt die Verantwortung von mir ab wie ein schwerer Rucksack. FREIHEIT! Selbst wenn ich vorher todmüde war… Dann werden Kraftreserven aktiviert, ich schaffe es noch irgendwelche Texte zu erledigen oder gesellschaftspolitisch aktiv zu sein. Bei P. ging das zum Beispiel nicht. Da war ich abends am Ende und nur noch Sofa möglich. Wenn überhaupt.

Ich brauche diese freien Stunden so dringend. Ich kann sie nicht gegen Schlaf eintauschen! Würde ich sie verschlafen, wäre ich ausschließlich Mutter, von früh bis spät. Ich wäre ausschließlich tagtäglich nur für Andere da. Von Aufstehen bis Schlafen kümmern, springen, schuckeln, Tränen trocknen, diskutieren, wickeln, stillen, den Tag füllen, Spielplätze, Essen kredenzen, Chaos begrenzen, spielen, Nein sagen, Ja sagen, “Das geht jetzt aber nicht” sagen, noch mehr diskutieren, aufpassen, bis 10 zählen, den Kopf vorm Platzen bewahren, … Es scheint Menschen zu geben, die das können. Ich kann’s nur bedingt.

Aber ich merke, wie ich abbaue. Die Müdigkeit schwillt nicht mehr an und ab, sie ist immer da. Ich werde ständig krank, hatte inzwischen schon die 5. Mastitis. Als Elter ist Kurieren nicht (oder kaum) drin. Man muss weitermachen, immer immer weitermachen. Egal, wie sehr du eine Pause bräuchtest. Mit einem Kind können die Großeltern einen für 1-2 Tage (manchmal sogar länger) tatsächlich Mal komplett entlasten. Mit zwei Kindern geht das – zumindest anfangs – nicht so ohne Weiteres. Der Kleine bleibt ja da… Er ist einfach immer da. Und es bringt mir auch nichts, wenn ihn mir mal Jemand “1-2 Stunden abnimmt”. Ich kann tagsüber nicht schlafen, brauche zu lange zum einschlafen…

Habe neulich hier den Satz gelesen:

Wenn die Kinder bei der Tagesmutter waren und ich arbeitete, kam ich mir vor wie auf Müttergenesungskur.

Ich musste daran denken, als ich im Zug zur Uni saß. In die Uni zu gehen, ohne Kind an der Hand oder am (oder im) Bauch ist momentan für mich tatsächlich wie ein Kurzurlaub. Ich bin an keinen Tagen der Woche so entspannt, wenn ich wieder Zuhause bin. Einfach Mal stundenweise was Anderes sehen. In Ruhe 5 Sätze hintereinander denken und/oder sprechen. Sich einem Thema widmen. Letzte Woche habe ich eine Prüfung geschrieben und sowohl Vorbereitung als auch Durchführung liefen erstaunlich reibungslos und entspannt ab. Ich könnt fast sagen entspannend.

Wenn zwischendurch nicht ab und zu dieses Sinnlosigkeitsgegrübel hätte, könnte ich noch bestimmter sagen, dass die Entscheidung, das Studium dieses Mal nicht ganz zu unterbrechen für mich definitiv die richtige Entscheidung war, auch wenn es mir am Anfang echt davor gegraut hat und organisatorisch aufwendig ist. Diese regelmäßige Anzeit für’s Hirn tut mir gut und ich fühle mich allgemein nicht ganz so raus.

Was ich allerdings auch wieder an mir beobachte, obwohl ich dachte, es schon bei P. abgelegt zu haben: Aufgrund von Kindern, Studium, Ehrenamt etc. in Kombination mit meiner Müdigkeit bleibt kaum de facto keine Zeit und Energie für andere Sachen. Sowas wie Freunde treffen, abends Weggehen, Kino,… Es geht einfach nicht. Am Ende der Tage habe ich weder Kraft noch Zeit noch Lust noch Kopf dafür übrig. Und ich fühle mich deswegen schlecht. Nicht schlecht, weil ich es eigentlich will, sondern weil ich denke, dass es von mir erwartet wird oder dass ich es müsste, meinen Freunden sowas wie schuldig bin… Dieses schlechte Gewissen Anderen gegenüber begleitet mich schon ewig, mal mehr und mal weniger. Und ich habe da auch so meine Theorien, warum das so ist. Aber gerade bei diesem sozialen schlechten Gewissen hatte ich gedacht, ich hätte es inzwischen hinter mir gelassen. Es nagt an mir…

Sollte ich mich nicht doch mal zwingen? Könnte es am Ende nicht sogar ganz schön sein? Vergraule ich meine Freunde dadurch endgültig? Ich bin ein verdammter Loser!

Ich stelle mir vor, wie sich gute Freunde denken: “Die brauch ich nicht fragen, die kann ja eh nicht.” und fühle mich irgendwie ungerecht behandelt, glaub ich. Dann denke ich, dass kinderlose Menschen einfach keine Ahnung haben, wie unglaublich Kräftezehrend es ist (oder sein kann), zwei kleine Kinder zu haben.

Wenn ich mir ein Treffen vorstelle, finde ich schon die Vorstellung anstrengend… Ich sehe mich, krampfhaft nach kinderfreien Themen suchend und das Dauergähnen unterdrückend, zum x-ten Mal erklärend, dass ich nichts trinken kann und dass es bei mir nichts großartig Neues gibt, außer vielleicht dass die Prüfung gut lief, wir uns gerade eine Presseschlacht mit einer dubiosen Firma liefern, T. sich jetzt vom Rücken auf den Bauch dreht und P. im Denken und Reden schon wieder viel Weiter ist als noch vor Kurzem. Dann erzählt vielleicht das Gegenüber. Und dann ist das Stille und das flaue Gefühl, dass man einfach zu wenig miteinander teilt, alsdass man noch so entspannt schöne Zeiten miteinander verbringen könnte wie “damals”… Die gemeinsamen Erlebnisse fehlen einfach. Und ohne die geht es nicht. Nicht gut jedenfalls. Ich hab das Gefühl, dass meine kinderlosen Altersgenossen von mir Dinge erwarten – Spaß, Action, Erlebnisse, wasweißich -, die ich einfach nicht (mehr) bieten kann. Und dann fühle ich mich alt. Und irgendwie spießig. Und Fehl am Platz. Ich kann mit “immer was erleben müssen”-Leuten nichts mehr anfangen.

Ich bevorzuge es, zu lesen, mich in mein Studium zu vergraben, entspannt Filme zu gucken oder zu Schreiben. Und eigentlich finde ich das auch alles in Ordnung so. Wäre da nicht das kleine fiese Ding, was mir unentwegt – leise aber unüberhörbar – in den Kopf flüstert, dass ich mich vorm Draußen drücke, dass ich flüchte und schon wieder auf dem besten Weg bin, mich einzuigeln, es in mir bequem zu machen und das Leben auszuschließen.

wherethemagichappens
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