Hey P.,

weißt du, so langsam bist du ein “richtiger Mensch”… Also natürlich bist du von Anfang an ein “richtiger Mensch” gewesen, aber… jetzt redest du, erinnerst dich, findest gut, findest doof… Du drückst dich aus, bist impulsiv, kannst wertschätzen und abwehren, wenn du was nicht willst und all das. Du wirst… Du bist du… Mit allem drum und dran.

Es ist – ehrlich gesagt – oft ziemlich anstrengend für mich, Mutter zu sein. Aber das liegt überhaupt nicht an dir oder dass du “falsch” bist, denn du… du bist super, genau so wie du bist. Es liegt einfach am Leben. Daran dass wir – auch ich – in diesem Jahr ständig krank sind zum Beispiel. Und mit krankem Körper geht das alles einfach nicht so leicht. Und es liegt auch daran, dass neben euch ja auch noch andere Dinge “dran” sind. Studieren, Arbeiten, Haushalt erledigen, Nachdenken, die Welt verändern wollen, …

Wenn du mal groß bist, erwachsen meine ich, dann rate ich dir: Binde dich nicht schon so früh an eine so große Verantwortung, sondern leb erstmal ein bisschen dein Leben. Erkunde dich und die Welt. Lern fremde Länder kennen, lies viele Bücher, mach ganz eigene, selbstbestimmte Erfahrungen! Wenn du Kinder hast, stehen sie an erster Stelle und das Leben ist ganz plötzlich… fremdbestimmt. So wahnsinnig viele Verpflichtungen kommen dann auf dich zu, das kann ganz schön erdrückend sein. Du kannst dann zum Beispiel kaum noch einfach in den Tag hineinleben.  Mal schauen, was heute so bringt… Das ist dann nicht mehr. Du kannst nicht spontan mal weg. Du kannst einfach nicht mehr tun, wie und was du tun willst. Du denkst und lebst nicht mehr nur für dich allein, sondern deine Familie – deine Kinder – und ihre Bedürfnisse bestimmen wahnsinnig viel von dem, was dran ist.

Hey, Schatz… Versteh mich nicht falsch – ich bereue das hier nicht. Ich bereue vor allen Dingen euch nicht. Kein bisschen! Aber ich kann nicht leugnen, dass ich manchmal denke, dass es besser gewesen wäre, noch etwas zu warten, mit dem Kinder bekommen. Du weißt ja inzwischen wahrscheinlich, dass du nicht geplant warst… Vielleicht würde mir das hier leichter fallen, wenn ich meinen Selbstfindungstrip erst einmal ein bisschen hätte ausleben können. Endlich mal selbstbestimmt sein, nur für eine Weile. Nach der Verpflichtung Schule hab ich mich für die Verpflichtung eigene Firma und von da direkt für die Verpflichtung Elternschaft entschieden. Genau! Ich habe mich dafür entschieden. Und deshalb ist das auch okay so. Und ihr gebt mir wahnsinnig – wahnsinnig – viel zurück. Einen Sinn zum Beispiel. Ich weiß, warum ich morgens aufstehe. Und das nicht zu wissen, das kann ganz schön lähmend sein. Das kenne ich nur zu gut. Und falls es dir vielleicht gerade so oder so ähnlich geht – vielleicht gibt es ja einen bestimmten Anlass, warum ich dir dieses – dein – Buch genau jetzt gegeben habe oder warum du es genau jetzt liest – dann gebe ich dir jetzt mal so etwas wie einen Rat:

Geh – wenn es irgendwie geht – raus in die Welt, unvoreingenommen, ohne Angst und ohne Vorurteile und… lerne sie kennen. Geh irgendwo hin und lass auf dich wirken, was du da findest. Sprich mit Menschen und versuche zu ergründen, warum sie wie die Welt sehen. Ich weiß, dass es oft nicht so aussieht, aber es gibt gute Leute da draußen, die es wert sind, dass du sie in dein Leben lässt. Sei nicht oberflächlich! Scheiß drauf, ob irgendwelche Leute, die dir nichts bedeuten, okay finden, wie du aussiehst oder was du machst. Scheiß auf Menschen, die solche Maßstäbe haben. Finde deine eigenen Maßstäbe! Sei ehrlich zu dir und zu anderen, spiel kein Theater. Sei du! Und zweifle nicht zu viel an dir selbst. Du bist okay so wie du bist. Okay?

Ich liebe dich, Mama.

P.S.: Ich hoffe trotzdem, dass du deine Prinzessinnen-Phase inzwischen überwunden hast ;-)

Du darfst kein ROSA mögen!

Anlass des heutigen Geschröbs: Mein Tochter wird bald 4 Jahre alt. Sie liebt rosa und Glitzer und Einhörner und (wirklich!) die ganze verdammte rosarote Mädchenträume-Klischee-Palette. Sie trägt schon seit geraumer Zeit ausschließlich (und das meine ich wortwörtlich!) Kleider. Immer. Nur. Kleider. Weil (Zitat!) “sonst sehe ich nicht schick aus” — ZONK! —

Genderneutralität oder zumindest -Bewusstsein sieht anders aus.

“Ohhhh… Muss das sein?” denke (und sage) ich, wenn sie beim Einkaufen eine FillyPferde- oder Lillifee-Zeitung – was ist eigentlich ekelhafter? – in den Einkaufswagen schmuggelt. Und klar: Die Zeitungen wurden vorher von ihr natürlich ausgiebig hinsichtlich des größtmöglichen Schrott-Gadgets untersucht. Ein rosarotes GlitzersteinchenHännnndiiiie zum Beispiel. Oder pinker N-A-G-E-L-L-A-C-K. Oder Haarzeug. Oder Schminke. Oder irgendwas anderes Beklopptes.

Problem: Meiner Tochter kann man mit sowas tatsächlich eine Freude machen. Ist es denn eins? Also ein Problem? Hm…

Ich erwische mich schon dabei, wie ich mir unterbewusst denke, dass es irgendwie schön wäre, wenn sie etwas weniger dem Überklischee Mädchen entsprechen würde. In den ersten zwei Jahren ging das noch super, sowohl von den Klamotten her, als auch vom Spielzeug und Verhalten. Spätestens seit dem Kindergarten hat sich das geändert. Spätestens als die beste Freundin FillyPferde mitgebracht hat und die ersten Prinzessinnen-Märchen interessant wurden.

Exkurs: Warum ich das erstrebenswert finde?

(Mit “das” meine ich sowas wie Gender-Bewusstsein… Also ein Bewusstsein darüber, dass Geschlechterrollen nicht in Stein gemeißelt, sondern Konstrukte – mit einer bestimmten historisch gewachsenen und allgemein gesellschaftlichen Bedingtheit – sind und dass davon abgesehen Individualität und Vielfalt gut und m.E. erstrebenswert sind.)

Weil wir in einer Konsum-Welt leben und naja… Unternehmen wollen Kohle machen, oder? Nicht immer sind die Leute, die die Kohle verdienen, gute Leute. Diese Leute beschäftigen Marktforscher, Marketer usw., die herausfinden sollen, was die “Kunden” wollen. Damit sich der Schrott gut verkauft. Also gibts für Mädchen pink-glitzer-holysweetness-pferde-Plunder und für Jungs grau-blauen-Auto-toughsport-Kram. Weil die es (angeblich) so wollen und weil es so zu sein hat. Und dann wird die entsprechende Werbung geschaltet. Die Mädchen mit dem Mädchenkram, die Jungen mit dem Jungskram. Und damit produzieren H&M und C&A und Ernstings und Lego und wie sie alle heißen geschlechterbedingt unterschiedliche Begehrlichkeiten und festigen die Rollenklischees. Und Klischees nerven, weil sie eben Klischees sind und Vielfalt im Weg stehen. Das ist in etwa so super wie ne Reihenhaus-Siedlung. Kurz gesagt: Hat nichts mit Individualität und so zu tun. Ich will eigentlich nicht, dass meinen Kindern ein bestimmtes “So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein” infiltriert wird – und schon gar nicht von der Werbung. Denn was damit (Klamotten, Werbung, Spielzeug, Erwartungen) transportiert wird ist schon weitreichend: Jungs sind stark, sportlich, kämpferisch. Mädchen sind süß, nett und adrett. Jungs = Betonung der körperlichen Stärke, Mädchen = Betonung des “Hübschseins”. Insbesondere letzteres halte ich für hochproblematisch. Ich hab selbst echt Komplexe, die mich tierisch nerven, und ich möchte, dass es meinen Kindern diesbezüglich mal anders geht. Soviel dazu, nichts Neues, das. Aber der Vollständigkeit halber sei es erklärt.

Genau am “Ich möchte nicht, dass meinen Kindern ein ‘so musst du als Junge/Mädchen sein’ infiltriert wird” hängt sich das hier auf. Mir ist es also irgendwie ein Dorn im (ehemaligen Punker-)Auge, dass mein Kind schon mit knapp 4 Jahren ein bisschen so aussieht und sich verhält wie eine… jaaaaaa… wie “eine Tussi”. Manchmal sehe ich dann eine rumtakelnde, überschminkte 15-jährige vor meinem inneren Auge genervt die Augen verdrehen, weil ich ihr das falsche verdammte Smartphone zum Geburtstag geschenkt hab. (Ich habe wirklich ein Problem mit nervig-oberflächlichen Leuten, die ihre hirnlose, vorrangig aus Schminke, Shopping und Unterhaltung genährte Haltung zur Welt mit allzu viel Stolz vor sich her tragen.) Und dennoch glaube ich: Dieses Denken meinerseits zeigt etwas, was viel entscheidender ist als die Frage, ob meine Tochter sich in Kleid oder Hose wohler fühlt. Es entblößt MICH.

Denn: 1. ist “Du sollst doch nicht so (ein typisches Werbe-gesteuertes Püppchen) sein” im Endeffekt nur eine andere Variante von “So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein” und hat auch nicht viel mit individueller Entfaltung und “ich liebe dich, weil du bist, nicht wie du bist” zu tun. Denn auch rosa Kleidchen und Glitzerkram zu mögen, gehört zur Vielfalt. (Im übrigen schlug ich als Kind wohl in die gleiche Kerbe) und 2. zeigt das, dass es nach wie vor eine viel zu große Rolle für mich zu spielen scheint, was die Anderen von mir, von uns denken. Zwar auch wieder im Sinne eines Gegenentwurfs (nicht angepasst, nicht nett und freundlich und ganz bestimmt nicht rosa-doof), aber ist das denn wirklich so anders als die, die mühsam an einem kleinen Minimodel feilen? Genau DAS steckt nämlich dahinter: Die Anderen sollen nicht denken, dass meine Tochter “eine Tussi” ist. Wenn man noch etwas mehr elterliche Fürsorge hineininterpretiert, könnte man noch “…damit sie sie nicht deswegen doof finden” als Zusatz gelten lassen.

Das ist nicht gut!

Zu meiner Verteidigung sei erwähnt: Ich torpediere das nicht. Also ich bin mir schon darüber bewusst, dass das ihr Ding ist. Ich mach ihr die Haar und… ich bringe ihr ab und zu Zeug mit, von dem ich weiß, dass sie sich den Hintern darüber wegfreut. Wenn ich will, dass meine Kinder sich so frei wie möglich entwickeln können, dann gehört dazu wohl vor allem auch die Akzeptanz von Dingen, die ich lieber anders hätte. Da kommt ganz garantiert noch “Schlimmeres”.

Manchmal frage ich mich, wie man damit zB bezüglich der Geburtstagsgeschenke und Klamottenbeschaffung umgeht. Kompromisse? Selbst bestimmen? Ganz nach ihr richten? Wie fänd ich es, wenn mir mein Freund zum Geburtstag eine seltene Münze schenken würde (seinerseits Numismatiker)? Beschissen. Ich würde denken, dass er mich nicht kennt, mich und meinen Stil oder Geschmack doof findet oder ignoriert und dass seine Empathie ziemlich kümmerlich ist. Homer Simpson hat Marge mal eine Bowlingkugel zum Geburtstag geschenkt, auf der sein Name eingraviert war und die Löcher nach der Abmessung seiner eigenen Finger hatte…

Also. Dilemma? Wenn ich meinem Kind eine Freude machen möchte und mich zu diesem Zweck in sie hineinversetze um herauszufinden, worüber sie sich freuen würde und wenn das Resultat dieser Forschung (unter Gender-Aspekten) vorrangig klischeebehaftete Dinge wären… Wäre es dann gut, das bewusst nicht zu erfüllen, um die Rollenklischee-Sachen zu boykottieren? Oder schenkt man gemäß der ehrlichen Vorlieben des Kindes, seien sie nun (Gender-politisch, aber und vor allem auch für mich) korrekt oder nicht? Und wie sehr ist Ps Like und Dislike durch Werbung beeinflusst? Ich entscheide mich bisher für letzteres, fühle mich aber nicht wohl dabei, weil ich das Gefühl habe, 1. damit den Teufel zu supporten und 2. zu Ps glitzeriger “Versauung” beizutragen. Ich meine, verdammt! Das dämliche Schwein von Prinzessin Lillifee heißt PUPSI (!) und die Trulla propagiert, dass es nichts wichtigeres und schöneres gibt, als weiße Milch mit einem Tipp des Zauberstabs rosa zu machen, weil die Welt doch viel schöner ist, wenn sie rosa ist und überhaupt ist das einzige, was eine Rolle spielt, dass alles hübsch ist. Hirnloser geht’s wohl kaum noch.

Heute morgen nach dem “Frisieren” tänzelt P in ihrem rosa Kleid zu ihrem Vater und flötete ihm die Worte: “Papa, stimmt’s? Ich bin die Schönste von allen!” ins Ohr. Tja, schon wieder — ZONK! — da reagier mal souverän drauf. Im Kindergarten ist das nämlich gerade DAS Thema überhaupt. Ist ja auch irgendwie logisch, denn ihre Heldinnen (Aschenputtel, Cinderella, …) zeigen ihnen genau das. Und die sind wohl mehr Orientierungsfolie für die Kleinen als uns lieb ist. Aber was soll man machen? Ich hab’s zB mit der nett gemeinten pc-Alternative “Küss den Frosch” versucht. Keine Chance. Glitzern muss es! Schön muss es sein! Lillifee hat schon ganze Arbeit geleistet.

10 Monate

Bei P. kam es mir vor, als wären die ZEHN MONATE ein ganz entscheidender Moment im Aufwachsen. Sogar bedeutender als 6M oder 12M oder 18… Und T. bestätigt das mit seiner Entwicklung. (Gefühlt) Von einem Tag auf dem anderen ist er *swuuuush* ganz weit weg vom Baby und deutlich mehr am Kleinkind dran.

Mit 10 Monaten kam hier ziemlich plötzlich das selbstständige Sitzen, die ersten Male (kurzes) freies Stehen, das Zeigen (mit dem Zeigefinger) auf Dinge, die er haben will, Hochstrecken beider Arme, wenn er auf den Arm genommen werden will, Highspeed-Krabbeling… Er kommuniziert richtig mit uns! Ist sauer, wenn wir ihn allein im Zimmer lassen oder wenn er etwas nicht machen soll oder er etwas nicht bekommt. Und lacht sich kaputt, wenn seine Schwester rumblödelt. Er LIEBT Wasser!

Seit zwei Monaten schläft er bei der Schwester mit im Zimmer (sie in ihrem Bett, er im Gitterbett) und nun hören wir morgens vergnügtes Gebrabbel (beider Kinder) aus dem Kinderzimmer. Sie spielen! P. sitzt vor seinem Bett und schneidet Grimassen, singt ihm Lieder vor oder wirft ihm Spielzeug ins Bett. Seitdem er drüben bei ihr schläft, schläft er übrigens auch durch! Jackpot! So in etwa haben wir uns das doch gedacht…

Ich war und bin der Meinung: Nach 10 Monaten ist man tatsächlich aus dem (ersten) Gröbsten raus. Das ist einerseits schön, weil die Freiheiten und Freizeiten der Eltern wieder zunehmen und andererseits *schnüff*, weil das Baby kaum noch Baby ist.

Morgens, wenn wir die Kinder zu uns ins Bett holen, ich T. stille – die letzte verbliebene Stillmahlzeit – und P. zwischen uns rumkuschelt, ist die Welt ziemlich in Ordnung… Kurz danach bricht dann das Chaos aus, der Haushalt über uns herein und die Zeit läuft konsequent gegen uns… Aber das morgendliche Aufstehen könnte besser kaum sein und fühlt sich nach “alles soweit richtig gemacht” an.

 

tim

Da draußen ist Krieg…

Palästina/Israel. Syrien. Ukraine. Afghanistan. Irak. Kaukasus. Sudan. Mali. Zentralafrika. Somalia. Kongo. Nigeria. (…)

Da draußen ist Krieg, da sterben Menschen,… Menschen, die wahrscheinlich alle versuchen (oder versucht haben), irgendwie ihre kleinen Leben zu führen.

Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann… Aber ich will darüber schreiben. Es geht mir im Kopf rum. Andauernd. Ich fühle mich in den letzten Wochen wie in meiner Kindheit, als ich anfing, Kriege wahrzunehmen. Vergangene Kriege – Weltkriege – im Deutsch- und Geschichtsunterricht und aktuelle “Konflikte” – das sagt man ja heute zum Krieg – im Fernsehen. Eine ständige Angst fraß sich in meinen Kopf. Ich hatte Angst vor einem neuen Weltkrieg, vor Atombomben, vor Selbstmordanschlägen… Dann kam 9/11 und ich hatte ja kein Gefühl für die Distanz zwischen hier und Amerika. Ich war 13. Ich hatte Angst vor Dieben und Mördern, ich sah im Dunkeln Männer auf meinem Balkon stehen und hatte zeitweise Angst vor jedem Geräusch in der Wohnung. Ich hatte Angst vor Neonazis, weil ich (sowas wie) Punkerin war. Und ich hatte Angst im Dunkeln. Die Welt, die vorher noch irgendwie klein und nicht unbedingt heil, aber zumindest übersichtlich war, wurde groß und unberechenbar. Vor meinem inneren Auge sah ich brennende Flugzeuge in den Leipziger Uni-Riesen rasen und Bomben in Leipziger Straßenbahnen hochgehen. Ich habe die Bilder und Meldungen in meine kleine Welt transferiert. Ich hielt das für möglich. Die Gründe und unterschiedlichen Anlässe dafür, dass Leute sich gegenseitig wegbomben, waren mir nicht klar. Ich hatte das Gefühl, es könnte jeden treffen.

Ich wurde älter und fing an, Zusammenhänge zu verstehen. Erster Weltkrieg und dann… die unmenschlichen Vergehen der deutschen Nazis im zweiten Weltkrieg. Meine Eltern besuchten mit uns Konzentrationslager, mein Vater heulte wie ein Schlosshund nach dem Besuch des KZ Theresienstadt. Später versucht ich, zu verstehen, was hinter “islamistischem Terror” steckt (und versuche es noch immer). Ich las Michael Moore und für mich war das damals eine Offenbarung… Aber es machte alles komplizierter. Vorher waren gut und böse noch relativ klar: Islamisten böse, Amerikaner Freunde. Ich verstieg mich in krude Verschwörungstheorien über den 11. September und landete bei der Infragestellung des großen Ganzen: Kapitalismus, Amerika und die Welt, Europa, Nahrungsmittelindustrien, Banken, Regierungsklüngelei, mediale Berichterstattung … territoriale Machtansprüche, Kolonialismus, Menschenrechte, … Und begriff? Immer mehr und damit immer weniger… In mir wuchs der Gedanke, dass Niemand – wirklich Niemand – einen Überblick über diesen ganzen Wahnsinn haben kann und dass die Menschheit nur irgendwie gemäß ihren jeweils eigenen egoistischen Interessen am Verlauf der Dinge herumstümpern. Ich hatte die kindliche Naivität und damit das Vertrauen in die Menschheit verloren. So pathetisch, wie das vielleicht klingen mag.

“What is the most resilient parasite? Bacteria? A virus? An intestinal worm? An idea. Resilient… highly contagious. Once an idea has taken hold of the brain it’s almost impossible to eradicate. An idea that is fully formed – fully understood – that sticks; right in there somewhere.” (aus: “Inception“)

Mir kam alles sinnlos vor. Ich hatte keine Idee, was ich hätte tun können, ohne falsch zu liegen, weil sich alles falsch anfühlte. Die Menschheit hatte mich tief enttäuscht. Gerade noch war die Welt voller Abenteuer und Großartigkeiten und auf einmal sah ich in jedem Menschen ein potenzielles Arschloch, bereit, im Fall der Fälle – solange es seinen Interessen dient – zu töten. Dich, mich, uns alle. Dann kam die Pubertät, in der das bedrohlich aufsteigende depressive Gedankengut von tobenden Emotionsstürmen und grenzenlosem Egoismus weggespült wurde, an irgendeinen Strand im hinteren Teil meiner Kopfwelt. All das draußen konnte mich nicht mehr so stark bewegen, weil das drinnen so übermächtig war. MEINE Band, MEINE Liebeleien, MEINE Ziele, MEINE Gesundheit, MEINE Autonomie, MEINE Freunde… Anerkennung, Liebe, Saufen, Rock’n’Roll und persönliche Dramen. Ich hatte alles, was ich brauch. Was ging mich die Welt an? Das schöne an der Pubertät ist doch, dass du lebst, als gäbe es kein Morgen, weil dir das Morgen scheißegal ist. “NO FUTURE” stand dick und fett auf meinem Schülerkalender – btw: Was für ein wunderschönes Paradoxon, oder? – und ich fühlte das tatsächlich so.

Dann kam meine Sinnkrise. Ich machte Abitur, wir versuchten es mit der Band. Ich durchtrennte hier und da größere und kleinere Abhängigkeiten… und die Welt da draußen konnte ich nicht länger ignorieren. Der große Sturm hatte sich gelegt und ich schipperte ziemlich ziellos auf meiner Hirnsuppe herum… Dann der positive Test. Ich fühlte mich ruhig. Mein lautes Schreien nach Sinn und Bedeutung hatte in zwei blauen Strichen eine vorläufige Antwort gefunden.”No Future” war nicht mehr, plötzlich ging es darum, eine Zukunft aufzubauen. Ich musste Entscheidungen treffen, die nicht nur für mich bedeutsam sein sollten. Und zwischen MEINEN Zukunftsängsten auf der einen und dem Gefühl, dass diese großen “normalsten Sache der Welt” eine gute Entscheidung für uns sein könnte, erkannte ich auch meine alten Gedanken wieder… Das Chaos und die Undurchschaubarkeit der Welt strömte wieder auf mich ein.

Mir fiel auf, dass es kaum möglich ist, sein Kind “gesund” zu ernähren und später fragte ich mich, wonach ich mich bezüglich des “gesund” überhaupt richte und was “gesund” überhaupt ist. Hinter allem standen Fragezeichen.

Wie soll ich meinem Kind eine Welt erklären, die ich selber nicht verstehe?

Wie kann ich es verantworten, ein Kind in eine Welt zu setzen, die ich als “kaputt” empfinde?

Und damit sind wir im Heute. Ich habe eine mögliche (erfolgreiche) Laufbahn als Werbetexterin nicht weiter verfolgt. Ich konnte und wollte nicht länger doofe Produkte für doofe Leute von doofen Leuten anpreisen. Heute studiere ich “was mit Bildung” und setze mich für gute Kinderbetreuung ein. Warum mache ich das? Weil ich dem Rat einer guten Freundin gefolgt bin, die mir irgendwann mal gesagt hat: “Weißt du, wenn du dich engagieren willst, dann musst du dich irgendwann einfach für eine Sache entscheiden. Du kannst nicht die ganze Welt retten.” Und ich habe mich für Bildung entschieden, weil ich denke, dass Kinder gute Leute verdient haben und weil ich denke, dass Kinder gute Leute sind, die es verdient haben,dazu befähigt zu werden, in einer ziemlich hässlichen Welt, gute Leute zu bleiben. Weil sie begreifen und selbstständig durchdenken können sollen, was vor sich geht. Auch so ein Dilemma… Würde ich gefragt, ob ich mir wünsche, dass meine Kinder später glückliche Menschen sind, würde ich natürlich spontan und innbrünstig mit “JA” antworten. Wenn ich aber darüber nachdenke, wohin das, was ich unter “Bildung” verstehe, eigentlich führen soll, dann stehen am Ende nicht unbedingt glückliche Menschen. Denken macht nicht zwangsläufig glücklich. Darum geht es beim Denken nicht. Denken macht kritisch, auch selbstkritisch. Denken kann wehtun. Und Denken macht alles verdammt kompliziert. Und trotzdem stehe ich dahinter.

“Ambivalenz ist doch nichts Schlimmes”

schrieb mir vor Kurzem Doro von dorobot in einem anderen Zusammenhang per SMS. Kann sein… Aber im Bezug auf’s große Ganze kann sie ziemlich lähmend sein.

Ich mache das, was ich tue, sicher auch, weil ich zu den Guten gehören will. Wer sind “gute Leute”? Leute, die nachdenken. Leute, die nicht mitmachen bei… Leute, die keine Arschlöcher sind. Ich fürchte, man kann sein Leben nicht “perfekt” – im Sinne von “durch und durch gut” – machen. (Was ist schon “gut” und “richtig”?) Ich und Andere strampeln sich immerhin ein bisschen ab dafür, es wenigstens zu versuchen. Wir essen fleischloses Biogelumpe (von dem man ja gar nicht alle satt bekäme, wenn alle sich so ernähren wollten), nutzen keine Flugzeuge und versuchen, unser Umfeld positiv zu gestalten, uns einzubringen, Politik zu machen, Entscheidungen mitzuverantworten. Und dann rennen wir auf dem Heimweg von der Beiratssitzung noch schnell zu H&M, um kurz noch ein Shirt und einen Winteranzug für das Kind zu kaufen und schließen unterwegs mit dem Smartphone die Bestellung für’s Tablet ab und ordern hintendrein noch das Buch über eine bessere Welt bei Amazon. Überall Fallen! Obwohl wir wissen (sollten), dass ein Shirt  für vier Euro nicht korrekt sein kann. Obwohl wir wissen (sollten), dass daran das Blut von versklavten Menschen klebt. Und wenn ich daran denke, wird mir klar, dass Krieg eigentlich nicht weit weg ist. Europa sitzt schon irgendwie auf einem Pulverfaß. Dass Krieg nicht weit weg ist, wie es den Anschein hat, wird umso deutlicher, wenn ein ziviles Passagierflugzeug aus den Niederlanden über der Ukraine abgeschossen wird, weil es vielleicht für etwas Anderes gehalten wurde.

 

Die Bilder und Nachricht aus Gaza schockieren. Der Bürgerkrieg in Syrien ist inzwischen medialer Alltag. Ich fühle mich hilf- und ahnungslos. Wie kann man gegenüber Gewaltbereiten pazifistisch-humanistisch auftreten? Bleibt Israel wirklich nichts anderes übrig, weil weite Teile der arabischen Welt das Land vernichtet sehen will? Rechtfertigt die Bedrohungslage Angriffe in diesem Ausmaß? Nutzt die Hamas wirklich Kinder als Schutzschilde, um antiisraelisches Propagandamaterial in der Hand zu haben? … Unterstützt Russland die pro-russischen Separatisten mit schwerem Geschütz? Und wenn ja, warum? Machtinteressen? … Gibt es in Syrien wirklich noch so viele Assad-Unterstützer? Ich glaub, wir können uns kaum vorstellen, was in diesen Ländern abgeht… Wie sieht ihr Alltag aus?

Und dann steht meine Tochter neben mir, mit ihrem zugeschwollen Auge, weil sie zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten Impetigo Contagiosa hat und ich sehe die Klebestreifen an ihrem Kinn, die von die Platzwunde nach einem Stolpersturz am letzten Sonntag herrühren. Und ich humple in die Küche, weil ich mir den Fuß verstaucht habe, und zu K., dass ich es ätzend finde, dass wir erst Ende September Urlaub machen können, wenn überhaupt, und den ganzen heißen Sommer hier verbringen müssen. Und die Waschmaschine verweigert aus irgendeinem Grund das Abpumpen. Und ich fühle mich wegen all dem gebeutelt und tippe “Das gibt’s doch alles gar nicht!” in meinen Facebook-Status und kriege “Wenn schon scheiße, dann richtig”-Kommentare.

Denn das ist meine Welt, das ist unser Alltag. Ich bin über das glücklich oder traurig oder besorgt, was mir in meiner Welt und hier passiert… Ist es erlaubt, glücklich zu sein, während überall auf der Welt so viel Scheiße passiert? Geht uns das alles eigentlich nichts an? Wäre jede Einmischung in “fremde” Konflikte eine, die uns eigentlich nicht zusteht? Ist das Selbstschutz, unseres Frieden zuliebe? Könnten wir überhaupt etwas bewirken? Warum machen wir nicht mehr? Warum sind wir nicht bessere Menschen? Am Ende schauen wir doch dabei zu, wie die Leute aufeinander losgehen und nehmen in Kauf, dass Menschen und Tiere ausgebeutet werden, damit wir es bequem haben. Ja! Es ist so! Und woher kriechen die ganzen Dummbrote, die die Kommentarspalten der Medien mit “Pfui, Gutmenschentum” vollspammen? Wann ist es eigentlich verwerflich geworden, ein guter Mensch sein zu wollen? Habe ich irgendwas verpasst?

Manchmal muss ich aufpassen, nicht zurück in meine alte menschenverachtende Schockstarre zu verfallen. “Es ist doch völlig egal, ob ich darüber nachdenke oder es sein lasse… Ob ich für Frieden oder Kinderbetreuung oder clean Clothes demonstriere oder Zuhause einen Hackbraten in den Ofen schiebe. Die Menschheit ist schlecht und du wirst daran nichts ändern.” Warum gehen wir denn auf die Straße? Warum engagieren wir uns im Kleinen? Ist die naive Hoffnung, dass jedes kleine Rädchen große Maschinen zum Umlenken bringen kann? Oder tun wir’s am Ende nur für unser gutes Gefühl? Tun wir es aus Angst? Aus Verzweiflung? Aus Wut? Bei mir ist es wohl vor allem die Überzeugung, dass sich nur etwas bewegen kann, wenn viele kleine Rädchen sich in eine andere Richtung bewegen. Und ja… vielleicht auch die Hoffnung… zumindest im Kleinen… dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen will (Gandhi).

Keine Panik! (Und ein bisschen Schulkritik)

Weil ich jetzt schon einige Anfragen bekommen habe, an dieser Stell Mal eine kurze Info: Der letzte Beitrag sollte nicht bedeuten, dass ich mit Bloggen aufhöre o.ä. und hatte auch keinen konkret schlimmen Knaller als Auslöser, abgesehen vom stinknormalen Leben und Fühlen…

Der Alltag mit unseren beiden Kindern, dem Studium, meinem dauernden Gekränkel, der Kita-Initiative, meinem Praktikum, (was ich gestern angefangen habe), dem zwei-Kleinkinder-Wahnsinns-Haushalt undsoweiterundsofort… Das alles schlaucht einfach ziemlich und liebgewonne Angewohnheiten – wie Nähen, Komponieren oder Bloggen – stehen gerade ein bisschen auf dem Abstellgleis. Es kommen aber ganz sicher auch wieder schreibwütigere Zeiten. Im Moment frisst mich das Andere einfach meine Zeit.

Hier läuft davon abgesehen alles… irgendwie. Wir schaffen es zwar oft nicht, einzukaufen, weil dafür in unseren Tetris-Wochen gerade nicht wirklich Platz ist. Die Wäsche türmt sich viel zu oft zu Bergen, als mir das lieb ist. Und wir hängen abends nach wie vor spätestens ab 21 Uhr total in den Seilen. Aber wir verstehen uns alle meistens ziemlich gut und zunehmend besser. Das ist ja nicht unwichtig…

T. ist unglaubliche 10 Monate alt und ich habe wirklich keine Ahnung, wo das (fast) eine Jahr hin ist. Ich habe das Gefühl, dass die Zeitgeschwindigkeit sich mit zwei Kindern noch einmal verdoppelt. Dieses Zeitparadoxon finde ich echt faszinierend… Einerseits ist natürlich eine Menge passiert: Kind bekommen usw. und meine Schwangerschaft scheint schon ewig weg zu sein. Andererseits kann ich es nicht fassen, wenn ich kleine Babys sehe und dann meinen T. anschauen, der nun schon 4 Zähne hat, “Dadadada-Mamama”t ohne Pause, sich überall hochzieht und die Welt im Alleingang erforscht. T. ist übrigens nach wie vor ein ziemlich entspannter Kollege. In zwei Monaten wird die Eingewöhnung in P.s Kindergarten anfangen. Und ICH FREUE MICH SO DARAUF! Es ist wahnsinnig nervenzerreibend, in den zwei Stunden Tagesschlaf irgendwie zu versuchen, alles zu erledigen, was man zu erledigen habt. Genau genommen ist es unmöglich. T. hat total Bock auf andere Kinder, insofern gehe ich davon aus, dass das ganz gut klappen wird. Hoffentlich…

P. geht derweilen straight auf die 4 zu und als ich vorhin meine weitere Studienplanung überdacht hab, fiel mir auf, dass wir uns vermutlich schon mit P.s EINSCHULUNG beschäftigen, wenn ich an meiner Bachelorarbeit sitze. Oh Mann! SCHULE! Und P. ist jetzt schon heiß drauf…

Mir stellt sich dann auch gleich wieder die Frage nach der Schulform, die ich bisher noch weitgehend wegschiebe. Ich würde P. am liebsten auf die freie Schule hier schicken. Das ist mit einem deutlich längerem Anfahrtsweg verbunden, aber ich glaube, dass es sich lohnt! Das Schulkonzept ist so toll! Aber dort einen Platz zu bekommen ist Glückssache, da die Platzzusagen unter den (zu vielen) Bewerbern ausgelost werden. Also muss ich mich fragen, ob ich sie – im wahrscheinlichen Fall einer Absage – auf die “normale” Kiez-Grundschule um die Ecke schicke oder ob andere alternative Schulformen für mich in Frage kommen. Ich habe aber ein Problem mit Waldorf und auch Montessori. Ich kann dieses strikte und esoterisch-spirituelle daran nicht  leiden und mir fehlen die demokratischen Elemente, auf die an freien Schulen viel Wert gelegt wird. Andererseits sehe ich bei meinem Cousin, der eine Waldorfschule besucht, dass er gar nicht so “esoterisch” drauf ist und seine Schule liebt. Er steht auf Fußball, Star Wars, Harry Potter und gruselige Filme. Also besser noch Waldorf als Standard-Schule? Hm… Ich muss das mal noch gären lassen. Es hängt ja auch so viel vom für P. zuständigen Pädagogen ab… Mit einem engagierten Lehrer, kann auch die Regelbeschulung gut sein.

Ich habe aber wirklich große Probleme mit dem deutschen Regelschulsystem. Durch die Beschäftigung damit im Rahmen meines Studiums sind die auch nicht kleiner geworden, eher konkreter. Ich finde es Mist, dass die gemeinsame Grundschulzeit auf nur vier Jahre begrenzt ist und danach schon auf weiterführende Schulen selektiert wird, die so eng an die späteren Berufsmöglichkeiten geknüpft sind. Das ist totaler Schwachsinn! Langes gemeinsames Lernen hat so eindeutige Vorteile, dass es mir vollkommen unbegreiflich ist, wie man an dieser Regelung, die übrigens aus dem Jahr 1919 (!) stammt, festhält. (Stichwort: Weimarer Schulkompromiss: Dass wir heute noch ein gegliedertes Schulsystem statt einer Einheitsschule für alle haben scheint das Ergebnis eines bemerkenswerten Kuhhandels zu sein. Die Einheitsschule war offenbar der Preis für nichts geringeres als den Versailler Friedensvertrag! Nur unter der Bedingung, die Konfessions-)Schulen im bisher geordneten Schulbetrieb beizubehalten anstatt die Einheitsschule einzuführen, trat die Zentrumspartei damals in das sozialdemokratisch geführten Kabinett um Gustav Bauer ein und ebenfalls zu der Bedingung, stimmte sie in der Nationalversammlung dem Versailler Friedensvertrag zu!, siehe auch: http://fakten-uber.de/weimarer_schulkompromissErst in Klasse 6 oder noch besser 8 aufzuteilen wäre so viel sinnvoller…

Davon abgesehen halte ich generell diese stark unterschiedlichen Schulformen für nicht sinvoll. Meiner Meinung nach bringt das nicht viel mehr als eine Zementierung der “Ständeunterschiede”. (Ja! Ständeunterschiede!) Die unterschiedlichen Schulformen sind überwiegend bestimmten “Klassen” vorenthalten. Kinder aus “unteren Schichten” müssen mehr Leistung bringen, um eine Übergangsempfehlung fürs Gymnasium zu kommen. Lehrer bewerten mehr oder weniger unbewusst die Schichtzugehörigkeit mit… Bestimmte Kids haben kaum oder gar keine Chancen, halbwegs gut aus der Schule rauszukommen. Abwärtsspirale: Die Eltern können den Kindern aus unterschiedlichsten Gründen weniger “Rüstzeug” für die Schule mitgeben. Deshalb starten Kinder nicht mit gleichen Eingangsbedingungen in die Schulen… Dort treffen sie auf Lehrerinnen, die aus der bürgerlichen Mittelschicht kommen und automatisch das besser bewerten, was ihnen näher ist und Anderes abwerten. Sie kommen nicht aufs Gymnasium, wo sie von einem besseren Lernklima theoretisch profitieren könnten. Stattdessen kommen sie oft auf Schulen, wo das Lernklima Mist ist und in denen sie noch weniger Bock haben. Wie auch immer: Ich bin für die Einheitsschule, aus verschiedenen Gründen. Vor allem aber, weil ich nicht in einer Ständegesellschaft leben will.

Und – jetzt Mal wieder weg von der Ideologie und hin zu dem, was P. und uns ganz praktisch betreffen wird – ich halt nichts von der Art, a) wie Schule gemacht wird, b) wie Unterricht organisiert wird und c) was Lernstoff ist. Ich möchte nicht, dass mein Kind total platt nachts noch vor 6 aufstehen muss, um todmüde 7:30 in der Schule zu sitzen. Ich finde die – übrigens auch im großen und ganzen seit 300 Jahren kaum wirklich veränderten – Lehrpläne größtenteils viel zu vollgestopft. Ich finde die Lehrerausbildung nicht sinnvoll. Ich finde den Schulalltag nicht sinnvoll organisiert… Ich halte viel von Lernen in Zylken statt in Stunden, Lernen nach Interesse statt Vorgabe, Lernen durch experimentieren, forschen und erleben statt eingetrichtert bekommen. Ich bin gegen Noten und für schülerbezogenes, individuelles Feedback. Ich bin gegen PISA und für selbstbestimmtes Lernen. Ich bin dafür, dass jeder in irgendwas gut ist und ich finde es so wichtig, dass jedem Kind auch genau das vermittelt wird. Was soll dieser kollektive Leistungsdruck? Warum bekommt ein Kind vermittelt, dass es möglichst überall möglichst gut sein muss? Das führt dazu, dass Kinder am Ende oft keinen Bock auf gar nichts mehr haben und überall durchschnittlich sind. So kommen sie vielleicht am besten durch und vielleicht werden sie sogar das, was so allgemein als “erfolgreich” bezeichnet wird. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie feststellen, was ihnen liegt, dass sie ihren Interessen an der Welt nachgehen können und dass sie in der Lage sind, sich selbst Meinungen zu Dingen zu bilden und dass sie ihren Weg finden.

 

Okay, das ist jetzt ein bisschen abgedriftet. Aber hey! So ist immerhin ganz von allein ein Blogpost entstanden ;-)

Abschied

Große und kleine Geschichten zerbrechen heimlich meine Köpfe.

Große und kleine Träume, zerschmettert, da hinten, im Irgendwo.

Große Liebe, ja. Aber auch kleine Sehnsüchte, im Herzen, in meinem, das vor Lust auf Kitsch fast überläuft.

Aber ich trau mich nicht und bleibe. Rational. Muss ja weitergehen, nicht wahr?

Liebe. Was ist eigentlich… Aber ach, lassen wir das… Da stehen wir doch drüber.

Komm her, mein Herz, leg dich hin und schlaf, schlaf, schlaf… Ich singe dir ein Lullaby.

Eine Träne, eine kleine nur, die ich nicht verhindern kann.

Alles riecht, schmeckt und sieht nach Abschied aus.

“Ich wollte aber Erster sein!”

P. hat seit einiger Zeit eine Macke, die uns den Alltag zum Teil echt erheblich erschwert. Sie ist aktuell 3,5 (“fast vier”) Jahre alt und möchte IMMER die Erste sein. Und wenn ich immer sage, dann meine ich auch immer.

Das klingt vielleicht erstmal ganz niedlich und nicht weiter dramatisch. Das war es anfangs auch nicht. Jetzt ist es das nicht mehr und ich weiß nicht mehr, wie ich damit umgehen soll und will.

Wo liegt das Problem?

Bei P. beschränkt sich das Erste sein wollen nicht auf eine oder vielleicht zwei Situationen am Tag, auf Spiele oder Wettrennen, sondern auf schlichtweg ALLES: Beim Aussteigen aus dem Auto, beim Laufen (mit schweren Einkaufstüten) zur Haustür, beim Treppesteigen, beim in den Fahrstuhl gehen, beim auf den Knopf drücken, beim Schuhe ausziehen, beim Treppe in der Wohnung hochlaufen, beim Essen, … Ständig haben wir ein pfeifend-schreiend-brüllendes Meckern im Ohr, weil P. lospoltert: “Mama, ICH wollte aber Erster sein – uäääääääh!” – Drama, baby. Und spätestens, wenn sich zahlreiche P.’sche Heulattacken aneinander reihen und ich kaum noch verstehe, was sie eigentlich will, fällt es mir schwer, gelassen zu bleiben. Trifft das dann noch auf übliche “Alltags-Bewältigungssituationen” – schleppen, quetschen, widerspenstige Kinder an-/auswursten, Zeitdruck, T. brüllt weil hunger/müde – spüre ich unweigerlich meinen Stresspegel steigen.

Wie reagiere ich?

a) “Aber P., wir haben doch schon darüber geredet, man kann nicht immer überall Erster sein. Muss man auch nicht. Wir machen jetzt keinen Wettbewerb. Nicht beim Treppesteigen, nicht beim Essen, nicht beim…”

b) “P., ich möchte jetzt keinen Wettbewerb machen, ich habe auch keine Lust mich ständig mit dir darüber zu streiten.”

c) “Du warst doch Erste.”

d) “Naja, äääääh, du warst doch Erste. Von den Kindern.” (hähä, sehr clever, ne?)

e) “P., Erster wird man nicht, indem die Anderen auf dich warten. Wenn du Erste sein möchtest, musst du halt schneller sein als die Anderen, das heißt, dass du dich beeilen musst. Zum Beispiel hintereinanderweg essen, anstatt…”

f) “P., Erwachsene und Kinder machen nicht dauernd Wettbewerbe. Das kannst du mit deinen Freunden im Kindergarten spielen, ja?”

Das Resultat ist meist, dass sie entweder rumdiskutiert (“Ich will aber immer Erster sein, Mama, Mann… gagagaga”) oder (meist in direkter Abhängigkeit vom Müdigkeitsgrad) ein ausufernder Wutanfall folgt.

ÄtzÄtzÄtz!

Diese Macke geht mir dermaßen auf die Ketten!

Selbst wenn ich versuchen wollen würde – was ich nicht will – immer auf sie einzugehen: Das ist. nicht. möglich! Man kann das gar nicht die endlosen Situationen bedenken, in denen das für sie Thema ist! Man müsste zum Beispiel immer darauf achten, auf keinen Fall vor ihr zu laufen. Das ist doch irre! Und besonders sinnvoll erscheint mir das auch nicht… Ständig gewinnen lassen kann hier doch nicht das Mittel der Wahl sein, oder?

Tiefer gehen: 

Diese Eigenheit hat sie vor etwa einem halben Jahr aus der Kita mitgebracht. Dort ist das Thema, seitdem sie aus der Krippe in den Kindergarten gewechselt ist. Dort fing das an, glaube ich, als die Kinder anfingen, sich selbst an- und auszuziehen. In dem Zusammenhang wurde dann immer ein “Wer Erster / Letzter ist”-Wettkampf gestartet, und das weitete sich nach und nach auf’s Essen usw. aus.

Mir ist bewusst, dass ziemlich viele Kinder in dem Alter haben und das auch durchaus zur normalen Entwicklung gehört. Google spuckt 4.220.000 Ergebnisse bei der Suchanfrage “Kind will immer Erster sein” aus. Man stößt auf viele Foreneinträge von Eltern, die sich über das Thema auslassen, aber erstaunlich wenig Expertenmeinungen. Die einzigen beiden Ratgeber-Seiten, die auf Anhieb finden konnte, waren in dem Fall t-online.de (“Warum Kleinkinder immer Erster sein wollen“) und eine österreichische Seite für Erziehungstipps (“Erziehung ist (k)ein Kinderspiel – “Ich will Erster sein!“). Ich finde, dass beide Texte eher wage sind und nicht unbedingt hilfreich. Schnell landet man dann auch bei Seiten mit Themen wie “Früherkennung der autistischen Störung” oder “Wie Sie aus der Psychofalle Perfektionismus herausfinden“. Na schönen Dank auch… Und da wundere sich nochmal einer, dass Eltern zum Teil ein bisschen hysterisch bezüglich der Entwicklung ihrer Kinder werden. Aber Googlen ist ja auch ohnehin so ‘ne Sache für sich… Aber da wird gerade dabei sind:

Hellhörig wurde ich beim t-online-Link nämlich doch:

In der Psychologie sprechen wir bei diesem kindlichen Ehrgeiz von der Entwicklung der Leistungsmotivation,” erklärt Diplom-Psychologin und Diplom-Pädagogin Annette Böttcher aus Wiesbaden.  

LEISTUNG?! Da schrillen bei mir die Alarmglocken! Leistungsdruck, Leistungsorientierung, Leistungsgesellschaft, … Als Kind hatte ich selbst ziemliche Minderwertigkeitsgefühle, wollte unbedingt in allem die Beste sein und hab mich ständig ungerecht behandelt gefühlt. Und das schleppe ich nervigerweise bis heute mit mir rum. Mein Überehrgeiz führt zwar tatsächlich zu guten Leistungen, aber der Preis dafür ist mir eigentlich zu hoch. Jede Art von Leistungsdruck überfordert mich, ich fühle mich allgemein ständig unter Druck und habe ganz schlimmes Lampenfieber. Ich hab’s mit meinem nervigen Perfektionismus und dem permanenten Streben nach Anerkennung nicht leicht mit mir und würde bei meinen Kindern gern irgendwie versuchen, ein bisschen dagegen zu wirken. Ich möchte, dass meine Kinder ein etwas gesünderes Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl entwickeln als ich und nicht mit einem doofen (Selbst-)Optimierungszwang zu kämpfen haben.

 

Ich bin bei der Sache echt ein bisschen ratlos. Wie kann ich den Drive rausnehmen? Ich habe in diesem Fall ein bisschen Angst, etwas falsch zu machen… Was macht Sinn? Soll man das ignorieren? Einlenken? Abwatschen? Zulassen? Mitmachen? Belehren? Ich weiß es echt nicht…

Der t-online-Link sagt lediglich:

Wenn ein Kind zu ehrgeizig ist, überfordert es sich auch selber, weil es nicht zurückstecken kann. Das geht zu Lasten der psychischen Gesundheit und Stabilität. Kinder müssen lernen, mit Niederlagen souverän umzugehen. Das heißt, eine Niederlage sollte Kinder stets anspornen, es erneut zu probieren

Naja, sehr aussagekräftig ist das nicht. Wie lernt denn mein Kind, mit “Niederlagen souverän umzugehen”?

Die Erziehungstipps-Tante aus dem anderen Link gibt folgendes zum Besten:

Offensichtlich hat das Kind ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis. Das hat auch sein Gutes. Bevor wir anfangen, ein Kind zu kritisieren oder „Sei nicht so“-Botschaften zu senden, müssen wir zuerst das Gute am Schlechten erkennen und dem Kind gegenüber würdigen: „Nina, ich finde es toll, dass du so flink bist.“ Dann gilt es, ihre Gefühle ernst zu nehmen und dies auch zu sagen, um Nina zu helfen, damit klar zu kommen: „Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.“ Erst wenn die Mutter Verständnis zeigt, ist Nina in der Lage, Ermahnungen und kluge Worte anzunehmen. Ansonsten wirken sie wie Blockaden und stärken den emotionalen Widerstand, weil sich das Kind unverstanden und abgelehnt fühlt. (…) Worte wie diese können Nina helfen: „Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und auch einmal Andreas zuerst ins Auto einsteigen zu lassen. Aber weißt du, (Verständnis für das andere Kind er wecken) er will auch einmal Erster sein und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.“ Die Mutter könnte Nina fragen, was für sie so schlimm daran ist zu warten und manchmal auch anderen den Vortritt zu lassen. Helfen kann auch etwas liebevoller Humor, aber bitte ohne Ironie und Zynismus. So lernt Ihr Kind, sich selber nicht zu ernst zu nehmen und Dinge zu relativieren.

Wenn Sie gemeinsam auch noch Regeln finden, die für ähnliche Situationen gelten, brauchen Sie nicht jedes Mal Grundsatzdebatten zu klären, wenn es gilt, rasch zu handeln. Wichtig sind auch Nachbesprechungen, bei denen Sie mehr auf Ninas Fortschritt als auf ihre Schwächen schauen und diesen auch würdigen. Wenn das Kind positives Feedback vor allem auch bei spontanen Anlässen bekommt, ist sein wichtigstes Bedürfnis, Hunger nach Anerkennung, auf gute Weise gestillt und es kann auf übertriebene „Ich-bin-Erste!“-Inszenierungen verzichten. Erwachsene sollten zu er wartende Schwierigkeiten im Vorfeld abfangen. Wenn es z. B. wieder an der Tür läutet, könnte sich die Mutter kurz an Nina wenden und wer t- schätzend sagen: „Es läutet und ich möchte selber aufmachen. Ist das o. k. für dich?“ Finden Sie gemeinsam Lösungen, die dem Geltungsbedürfnis der jungen Dame, aber auch der Notwendigkeit des Abgrenzens Rechnung tragen. Dann wird Nina lernen, manchmal auch anderen den Vor tritt zu lassen – und gut sich dabei zu fühlen.

 

Ansich gar keine schlechten Ansätze, aber halt auch furchtbar pädagogisch. Ich finde ja tatsächlich, dass Eltern keine Pädagogen sein sollten und es auch nicht müssen. Die Dinge, die sie da sagt, sind zwar durchaus nachvollziehbar, aber um das im stressbeladenen Alltag (unter Handlungszwang!) umzusetzen, müsste ich das ja… hmmn… auswendig lernen?, weil es irgendwie total unnatürlich ist.

Man stelle sich das am Beispiel bei der Auto-Situation mal vor: Ich “schwinge” T. in Babyschale auf den Arm, wuchte die Einkaufstüten hoch und begebe mich schnaufend zur Haustür. Im worst case muss ich auch noch dringend Pinkeln.

“Maaaaamaaaa, ich wollte aber Erster sein! Uääääääääh!”

(Schritt 1: Das Gute würdigen:)

“Oh, P., ich finde es toll, dass du so flink bist.” (äh? ist sie ja eigentlich in dem Moment nicht… Also müsste ich sagen: “Ich finde es toll, dass du so flink – dieses Wort schon! Arrrgh! – sein willst… Und äh, nee… Genau das finde ich ja gerade ganz und gar nicht toll…)

(Schritt 2: Gefühle ernst nehmen und das dem Kind sagen:)

“Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.”

(Schritt 3: Moralkeule:)

“Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und mich (mit den kackn schweren Einkäufen und dem Eltern-Armbeugen-Folterinstrument Maxi Cosi inkl. 10 Kilo-T. beladen.. Arrrgh!) zuerst zur Haustür gehen zu lassen. Aber weißt du…

(Schritt 3.1 für Pro’s: Während der Moralkeule Verständnis für die Situation des Anderen erwecken)

… die Tüten und dein Bruder hier sind ganz schön schwer und ich muss mal auf’s Klo und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.”

 

Ja, bääämm, oder? Und direkt im Anschluss kann man den gleichen Ablauf beim Treppenaufgang, am Fahrstuhl, beim Schuhe ausziehen usw. wiederholen. Aus dem pädagogischen Quatschen kommt man dann so schnell erstmal nicht wieder raus und es dürfte unter diesen Umständen nicht allzu lange dauernd, bis man den inneren Drang verspürt, sich nach dem ins Bett bringen der Kinder, aus dem Fenster zu stürzen.

Kann sich Jemand erinnern, mal irgendwo etwas Aussagekräftigeres dazu gelesen zu haben? Ich glaube, P. ist von Natur aus schon eher ehrgeizig und sie zeigt schon jetzt Ansätze einer “Bühnenpersönlichkeit”… Ich möchte nur einfach nicht, dass sie so ein Überehrgeiz-Problem bekommt… (wie ich).

It’s getting better now.

Die Kinder sind gesünder und es läuft seit einigen Tagen so ziemlich wie geschmiert.

In einem Seminar heute Abend war kurz Thema, was der letzte Moment ist, an den wir uns erinnern, in dem wir uns richtig wohl gefühlt haben. Mir kam tatsächlich sofort in den Kopf: “Gestern Abend bei meiner Tochter im Bett als ich ihr die Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen habe.”

Es wird.

Viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel

Seit Beginn des Jahres bin entweder ich krank oder eines der Kinder ist es.

Die Bilanz im Mai?

  • 4 grippale Infekte bei P.
  • 1x Krankenhaus mit Impetigo Contagiosa (P.)
  • 1,5x Scharlach (P. / ich)
  • 4 grippale Infekte bei T. (natürlich stets zeitlich versetzt zu P., nicht etwas zeitgleich)
  • 3-5 grippale Infekte (ich)
  • 4x Brustentzündung (ich)
  • 1x Seitenstrangangina-Bindehautentzündung-Superinfektion (ich)

Hm. Es reicht dann jetzt auch mal damit, finde ich. Ich habe inzwischen eine gewisse Panik vor Bakterien und Viren entwickelt. Ich bekomme innerliche Heulkrämpfe, wenn eines der Kinder Krankheitssymptome zeigt.

Ja, ich jammere. Es zerrt echt an den Nerven, wenn nicht einmal der stinknormale Alltag – den ich leider ohnehin schon als ziemlich fordernd empfinde – einfach so läuft, sondern man andauernd damit beschäftigt ist, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Ausnahmezustand wird so langsam zur Routine. Nur noch irgendwie auf den Beinen halten, irgendwie den Tag überstehen, irgendwie durchhalten, irgendwie weitermachen… Das ist einfach ziemlich ätzend und macht einen mürbe. “Vorm Spiegel denkt man: “Das ist dein Gesicht?” Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!” (Kästner) Ich kriege zum Teil kaum noch einen klaren Gedanken zusammen. 

Eine eigentlich gar nicht so unkomplizierte mündliche Prüfung für den Abschluss des letzten Wintersemesters habe ich bereits drei Mal verschieben müssen. Zum Einführungsseminar meiner Stiftung konnte ich nicht fahren. Die drei Male, an denen ich mir ernsthaft vorgenommen hatte, nach Einbruch der Dunkelzeit mit Freunden auszugehen – Jaha, ich meine im DUNKELN! -, sind ins (Wund-)Wasser gefallen. Jetzt nehme ich mir sowas einfach nicht mehr vor. Es frustriert mich zu sehr. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, jemals wieder tatsächlich irgendetwas tun zu können. Planen zu können. Etwas vorhaben.

 

Um genau zu sein nehme ich mir im Moment gar nichts “Privates” mehr vor. Eine Kommilitonin fragte mich heute, wann ich mein Ehrenamt noch machen würde, neben den zwei Kindern und Pendelei zum Studium. “Ich weiß es nicht.” hab ich gesagt und daran gedacht, dass das letzte Treffen der Initiative inzwischen schon viel zu lange her ist. “Und wann machst du den Kram für die Uni? Texte lesen und so?” – “Ich weiß es nicht, ich mach es wohl kaum.” habe ich gesagt. “Und was ist mit deinen privaten Sachen? Hobbys und so?” – “Welche privaten Sachen? Welche Hobbys?” habe ich gefragt. “Und dann hast du ja auch noch die Fahrten.” – “Das ist für mich Erholung. Niemand will etwas von mir, niemand fragt mich was. Ich kann 45 Minuten lang zwei Mal am Tag einfach nur hier sitzen und tun was ich will. Es ist herrlich!” Mein Pendeln, mein Kleinod. Der Zug ist meine Insel. Und es kotzt mich an, wenn der voll mit quatschenden Dumpfköppen ist. Ich will… Ich muss… dann meine Ruhe haben. Manchmal wünschte ich, ich könnte noch zwei Stunden weiterfahren. An den Uni-Tagen bin ich abends auch tatsächlich viel entspannter und kann gelassen Zeit mit den Kindern verbringen, trotz all der Müdigkeit.

Was soll man tun, wenn man merkt, dass alles zu viel ist? Dass man es eigentlich nicht schafft? Ich merke das gerade ziemlich deutlich. Unser Alltag ist so knapp auf Kante genäht, dass die Krankheiten einfach zu viel des Schlechten sind. Der Alltag wird dadurch gesprengt, nichts läuft mehr, alles fühlt sich nur noch schlimm an… Und wir versuchen, für die Kinder, das alles zu retten… Uns bei Laune zu halten. Es klappt noch so halbwegs für die Kinder, aber für uns klappt es nur mehr schlecht als recht. Innerlich sind wir dermaßen angespannt… Wir sind wie pfeifende Tee-Kessel, jederzeit kurz vorm Explodieren. Weil. Es. Zu. Viel. Ist. Wir führen die alten Sinnlosdiskussionen darüber, wessen Tag anstrengender war. Wer eine Pause dringender nötig hätte. Wer sich wann welche (Mini-Mini-)”Auszeiten” genommen hat. Wer wann Zeit Zeit Zeit ohne die Kinder braucht.

Ich habe vor einigen Tagen in irgendeinem Elternblog gelesen, dass das betreffende Elternpaar sich darüber streiten würde, wer mehr Zeit mit den Kindern verbringen darf. Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen. Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich ist unglaublich aufgebläht… Der Teufel schreit: “Dann hättet ihr euch keine Kinder zulegen dürfen!”

SCHEISSE JA, ICH FINDE ES VIEL ZU OFT VIEL ZU ANSTRENGEND, KINDER ZU HABEN!

Und ich hasse es mich wirklich dafür, so zu empfinden. Und ich bin täglich dran, mir beizubringen, es anders zu sehen, es anders wahrzunehmen, nicht so zu denken, zu genießen oder wenigstens weniger zu hadern, die Anstrengung als gegeben hinzunehmen und nicht zu verfluchen. Aber es klappt nicht. Ich empfinde es ständig als anstrengend und ich hasse es, so zu empfinden. Ich will keine zerknirschte Alte sein. Ich will nicht zu den typischen “Es ist alles so anstrengend”-Lamentierern gehören. Und ich mache K. die Hölle heiß, weil er sich ständig beklagt, wie anstrengend alles ist, weil ich in den Momenten meine eigenen Gedanken und Empfindungen gespiegelt sehe und es einfach nicht ertragen kann. Es muss doch wenigstens einer von uns das anders sehen… Es geht doch nicht, dass wir beide…

Ich finde die Ansichten und Gedanken von Jesper Juul ja toll, aber ich kriege es nicht hin, dieses Mantra. Wir sind zu oft zu fertig, zu müde, zu abgeschlafft… Das abendliche Bad-Ritual wird fast täglich zur Zerreißprobe. P. wehrt sich gegen alles, was sein muss. T. an-/auszuziehen gleich tatsächlich dem Versuch, einen lebenden Kraken so in ein Einkaufsnetz zu verfrachten, dass keine Arme heraushängen. Wir hängen im Bad und wollen einfach nur fertig sein, mit dem Tag.

Und K. hilft wirklich viel mit. Und meine Eltern nehmen ab, was sie können. Und ich lese und denke mir schlaue Sichtweisen an. Und ich habe Freunde mit Kindern, die ich regelmäßig treffe. Und nicht zuletzt liebe ich meine Kinder. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich kaputt spielen es mich einfach kaputt macht. Dass ich nicht dafür gemacht bin. Dass ich noch hätte warten sollen. Dass es vielleicht eigentlich nicht mein Ding ist, Mutter zu sein. Das ständige da sein. Die ständige Verantwortung. Diese andauernde Reagieren müssen. Das stark sein müssen, kaum mal schwach sein können.

Als ich letzte Woche hier fiebernd vor mich hin starb wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach nochmal selber klein zu sein und Eltern nebenan zu haben, die einem Tee und einen Marmeladentoast ans Bett bringen und ansonsten alle Anstrengungen von einem fernhalten. Stattdessen saß ich heulend mit 39,8 Fieber vor meinem kleinen Sohn, der auch heulte und ich dachte, dass genau jetzt der Moment gekommen ist, an dem ich es nicht mehr packe, an dem ich einfach aufgeben muss. Ich habe mich unglaublich hilflos gefühlt. Und schlecht auch… Weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Mutter einfach nicht das Recht habe, “mich so aufzuführen”. Dass ich mich zusammenreißen muss. Und ich war nicht einmal sicher, ob ich mich nicht tatsächlich auch zusammenreißen könnte… Ging es mir wirklich so schlecht? War da noch Luft nach oben/unten? Es gibt schließlich Mütter mit mehr Kindern und weniger Unterstützung von Partner / Familie, die müssen ja auch… Scheiß Vergleichereimistkack halt.

Nun ja. Ich habe mich zusammengerissen, soweit es ging. Musste ja. Und nun geht es mir besser. Und den Nachmittag und Abend – nach der Uni – heute mit den Kindern fand ich sogar ziemlich schön. Ich habe mir überlegt, mir das Mantra “Meine Kinder sind meine Entspannung” einzubläuen. Die Idee: Umetikettierung! Statt “Scheiße, am Wochenende bin ich allein mit beiden Kindern” versuchen anders zu denken. Dem Gefühl auf die Sprünge helfen… Ich will das Kinderhaben einfach nicht ständig vorrangig anstrengend finden. Will ich nicht, echt nicht. Das muss doch irgendwie machbar sein.

 

Melancholy-Mom

Ich stehe im Flur. Vor mir an der Wand kleben Babybilder von P. Drei sind es, schwarz-weiß, roter Rahmen. Wir in Italien, September 2011. Eine P. mit Windeln, raspelkurzen Babyhaaren und mit einem weißen Bettlaken spielend… Wir blödelnd im Bett… Auf manchen Bildern erinnert mich T. sehr an sie in ihrer Babyzeit. Mich überkommt ein seltsames Gefühl und ich muss einen kleinen Klos runterschlucken. K. füttert T. derweil in der Küche, P. ist bei ihren Großeltern…

Dieses Gefühl der Wehmut überkommt mich nicht selten in den letzten Tagen und Wochen. T. ist kein Neugeborenes mehr. Er ist ein halbes Jahr alt. Das erste halbe Jahr… Das war für mich gedanklich immer eine Art Grenze… Ich weiß noch genau, dass danach bei P. die “Alles ist neu”-Zeit vorbei war. Danach kam alles… Das Krabbeln, die Zähne, das Hochziehen, das Laufen… Dann geht alles so verdammt schnell. Ich sehe jetzt Menschen mit ganz ganz klitzekleinen Babys und mir wird bewusst, dass diese Phase eine ist, die schon wieder hinter uns liegt. T. ist nun nicht mehr klein, nicht mehr neu in der Welt. Er ist nicht mehr zusammengekullert und die Neugeborenen-Müdigkeit ist aus seinen Augen verschwunden. T. brabbelt, zahnt, robbt, zieht sich hoch, isst stückiges Zeugs und interessiert sich wahnsinnig wach für alles… Er ist irgendwie ein Anderer geworden.

P. quatscht uns von früh bis spät zu, singt, tanzt, springt. Wenn wir Menschen treffen, die wir nur selten sehen, fallen denen fast die Augen aus dem Kopf, weil P. nun einfach so mit uns redet, sich verständigt, eine Stimme hat. Sie ist kein Würmchen mehr, sie ist… sie wirkt… schon so groß, manchmal. Sie kann ihre Gefühle ausdrücken, über Vergangenes und Zukünftiges nachdenken und sagt so Dinge wie: “Meine Hose ist nass, deshalb habe ich beschossen, sie auf die Heizung zu legen, Mama.” Ich schaue mir ihr Babybild an, erinnere mich daran, dass sie über 40 Grad Fieber in diesem Urlaub hatte und gerade anfing, zu stehen. Und dann habe ich plötzlich ihr Babygebrabbel im Ohr. Und ihr Babygebrüll… Es ist unvorstellbar, dass eine Zeit gab, in der sie noch nicht reden konnte. Ich kann das Baby auf dem Bild und meine Tochter gar nicht mehr zusammenbringen. Es ist, als wären das verschiedene Personen. Sie ist irgendwie eine Andere geworden.

Ich setze mich zu K. in die Küche. “Was ist los?” Ich kann es nicht genau sagen. Ich kann nur fühlen. Ich bin betrübt… Ich bin wehmütig. K. füttert T. weiter, ich beobachte sie dabei. Wie sie lachen und blödeln… Wie diese absolute Liebe aus T.s Babyaugen strahlt… Er ist noch so unbedarft. Alles, was er sieht, hört, schmeckt, fühlt ist ein einziges großes Wunder. Ich liebe ihn wahnsinnig. K. hat in den letzten Wochen häufiger gesagt: “Ich kann mich nicht erinnern, dass ich P. in dem Alter so niedlich fand…” Und das ist auch so… Wir waren bei P. viel zu sehr damit beschäftigt, alles richtig machen zu wollen oder eher damit, nichts falsch machen zu wollen und an uns zu zweifeln. T. können wir mehr genießen, weil wir das Vertrauen in uns als Eltern schon haben. Weil wir wissen, dass unser Weg und unsere Art und Weise des Familie-seins so falsch nicht ist. P. haben wir ja auch groß bekommen.

Was wir aber auch schon wissen: Kinder werden unheimlich schnell groß. Und das ist schön. Sie werden selbstständiger. Und ihre Persönlichkeit wird von Woche zu Woche sichtbarer… und sie sind weniger auf uns angewiesen. Aber in diesen Momenten, in denen ich mich an P. als Baby erinnere und mich gleichzeitig so wohlig fühle durch das, was mir mein Baby gerade gibt… Das Gefühl, ihn auf dem Arm zu haben. Das Gefühl, die eigene Wange an seine zu drücken. Seine weiche Babyhaut. Morgens aufzuwachen und sein schlafendes Baby neben sich liegen zu haben. Seine strahlenden Augen. Über den Kopf mit Babyflaum zu fahren… Das alles ist so schön, so kostbar, so vergänglich… Ich kann das Baby auf dem Bild nicht mit P. zusammenbringen. Ich werde T. irgendwann, in gar nicht langer Zeit nicht mehr mit dem zusammenbringen können, wie und was er jetzt gerade für mich ist. Das ist merkwürdig.

Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich da fühle: Ich vermisse dieses Baby. Und ich werde auch T. vermissen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Liebeskummer. Da ist etwas, was sich sehr schön und kostbar und sehr innig angefühlt hat, was nun nicht mehr da ist und ich weiß, es kommt nicht mehr zurück. Ich kann die Erinnerung an diesen Babymenschen behalten. Sie hatte zum Beispiel diese ganz spezielle Art, sich robbend fortzubewegen. Daran erinnere ich mich. Aber das, was sich so schön anfühlt, am Babyhaben, das kann man nicht konservieren. Wie sich P. an meine Schulter gekuschelt hat, wenn der Wind ihr ins Gesicht blies. Ich liebe diese vielen kleinen Dinge, die T. gerade macht so sehr und beim Betrachten von P.s Fotos wird mir schmerzlich bewusst, dass auch seine kleinen Baby-Eigenarten nur temporär sind, Episoden, Phasen… Dass die meisten davon verschwinden werden, weil er ihnen einfach entwachsen wird. Und meine Erinnerung daran wird mit dem Verschwinden verblassen.

Und natürlich: Es werden neue Eigenarten, neue schöne Sachen zwischen uns dazukommen. Kinder verändern sich… Sie verschwinden ja nicht, sie wachsen. Und das ist schön. Aber die Babys und das Gefühl, was einem Babys geben können… Die verschwinden. Und das hat doch irgendwie – bei aller Schönheit – auch etwas trauriges… Zumindest etwas, das mich ab und zu melancholisch stimmt.