Keine Panik! (Und ein bisschen Schulkritik)

Weil ich jetzt schon einige Anfragen bekommen habe, an dieser Stell Mal eine kurze Info: Der letzte Beitrag sollte nicht bedeuten, dass ich mit Bloggen aufhöre o.ä. und hatte auch keinen konkret schlimmen Knaller als Auslöser, abgesehen vom stinknormalen Leben und Fühlen…

Der Alltag mit unseren beiden Kindern, dem Studium, meinem dauernden Gekränkel, der Kita-Initiative, meinem Praktikum, (was ich gestern angefangen habe), dem zwei-Kleinkinder-Wahnsinns-Haushalt undsoweiterundsofort… Das alles schlaucht einfach ziemlich und liebgewonne Angewohnheiten – wie Nähen, Komponieren oder Bloggen – stehen gerade ein bisschen auf dem Abstellgleis. Es kommen aber ganz sicher auch wieder schreibwütigere Zeiten. Im Moment frisst mich das Andere einfach meine Zeit.

Hier läuft davon abgesehen alles… irgendwie. Wir schaffen es zwar oft nicht, einzukaufen, weil dafür in unseren Tetris-Wochen gerade nicht wirklich Platz ist. Die Wäsche türmt sich viel zu oft zu Bergen, als mir das lieb ist. Und wir hängen abends nach wie vor spätestens ab 21 Uhr total in den Seilen. Aber wir verstehen uns alle meistens ziemlich gut und zunehmend besser. Das ist ja nicht unwichtig…

T. ist unglaubliche 10 Monate alt und ich habe wirklich keine Ahnung, wo das (fast) eine Jahr hin ist. Ich habe das Gefühl, dass die Zeitgeschwindigkeit sich mit zwei Kindern noch einmal verdoppelt. Dieses Zeitparadoxon finde ich echt faszinierend… Einerseits ist natürlich eine Menge passiert: Kind bekommen usw. und meine Schwangerschaft scheint schon ewig weg zu sein. Andererseits kann ich es nicht fassen, wenn ich kleine Babys sehe und dann meinen T. anschauen, der nun schon 4 Zähne hat, “Dadadada-Mamama”t ohne Pause, sich überall hochzieht und die Welt im Alleingang erforscht. T. ist übrigens nach wie vor ein ziemlich entspannter Kollege. In zwei Monaten wird die Eingewöhnung in P.s Kindergarten anfangen. Und ICH FREUE MICH SO DARAUF! Es ist wahnsinnig nervenzerreibend, in den zwei Stunden Tagesschlaf irgendwie zu versuchen, alles zu erledigen, was man zu erledigen habt. Genau genommen ist es unmöglich. T. hat total Bock auf andere Kinder, insofern gehe ich davon aus, dass das ganz gut klappen wird. Hoffentlich…

P. geht derweilen straight auf die 4 zu und als ich vorhin meine weitere Studienplanung überdacht hab, fiel mir auf, dass wir uns vermutlich schon mit P.s EINSCHULUNG beschäftigen, wenn ich an meiner Bachelorarbeit sitze. Oh Mann! SCHULE! Und P. ist jetzt schon heiß drauf…

Mir stellt sich dann auch gleich wieder die Frage nach der Schulform, die ich bisher noch weitgehend wegschiebe. Ich würde P. am liebsten auf die freie Schule hier schicken. Das ist mit einem deutlich längerem Anfahrtsweg verbunden, aber ich glaube, dass es sich lohnt! Das Schulkonzept ist so toll! Aber dort einen Platz zu bekommen ist Glückssache, da die Platzzusagen unter den (zu vielen) Bewerbern ausgelost werden. Also muss ich mich fragen, ob ich sie – im wahrscheinlichen Fall einer Absage – auf die “normale” Kiez-Grundschule um die Ecke schicke oder ob andere alternative Schulformen für mich in Frage kommen. Ich habe aber ein Problem mit Waldorf und auch Montessori. Ich kann dieses strikte und esoterisch-spirituelle daran nicht  leiden und mir fehlen die demokratischen Elemente, auf die an freien Schulen viel Wert gelegt wird. Andererseits sehe ich bei meinem Cousin, der eine Waldorfschule besucht, dass er gar nicht so “esoterisch” drauf ist und seine Schule liebt. Er steht auf Fußball, Star Wars, Harry Potter und gruselige Filme. Also besser noch Waldorf als Standard-Schule? Hm… Ich muss das mal noch gären lassen. Es hängt ja auch so viel vom für P. zuständigen Pädagogen ab… Mit einem engagierten Lehrer, kann auch die Regelbeschulung gut sein.

Ich habe aber wirklich große Probleme mit dem deutschen Regelschulsystem. Durch die Beschäftigung damit im Rahmen meines Studiums sind die auch nicht kleiner geworden, eher konkreter. Ich finde es Mist, dass die gemeinsame Grundschulzeit auf nur vier Jahre begrenzt ist und danach schon auf weiterführende Schulen selektiert wird, die so eng an die späteren Berufsmöglichkeiten geknüpft sind. Das ist totaler Schwachsinn! Langes gemeinsames Lernen hat so eindeutige Vorteile, dass es mir vollkommen unbegreiflich ist, wie man an dieser Regelung, die übrigens aus dem Jahr 1919 (!) stammt, festhält. (Stichwort: Weimarer Schulkompromiss: Dass wir heute noch ein gegliedertes Schulsystem statt einer Einheitsschule für alle haben scheint das Ergebnis eines bemerkenswerten Kuhhandels zu sein. Die Einheitsschule war offenbar der Preis für nichts geringeres als den Versailler Friedensvertrag! Nur unter der Bedingung, die Konfessions-)Schulen im bisher geordneten Schulbetrieb beizubehalten anstatt die Einheitsschule einzuführen, trat die Zentrumspartei damals in das sozialdemokratisch geführten Kabinett um Gustav Bauer ein und ebenfalls zu der Bedingung, stimmte sie in der Nationalversammlung dem Versailler Friedensvertrag zu!, siehe auch: http://fakten-uber.de/weimarer_schulkompromissErst in Klasse 6 oder noch besser 8 aufzuteilen wäre so viel sinnvoller…

Davon abgesehen halte ich generell diese stark unterschiedlichen Schulformen für nicht sinvoll. Meiner Meinung nach bringt das nicht viel mehr als eine Zementierung der “Ständeunterschiede”. (Ja! Ständeunterschiede!) Die unterschiedlichen Schulformen sind überwiegend bestimmten “Klassen” vorenthalten. Kinder aus “unteren Schichten” müssen mehr Leistung bringen, um eine Übergangsempfehlung fürs Gymnasium zu kommen. Lehrer bewerten mehr oder weniger unbewusst die Schichtzugehörigkeit mit… Bestimmte Kids haben kaum oder gar keine Chancen, halbwegs gut aus der Schule rauszukommen. Abwärtsspirale: Die Eltern können den Kindern aus unterschiedlichsten Gründen weniger “Rüstzeug” für die Schule mitgeben. Deshalb starten Kinder nicht mit gleichen Eingangsbedingungen in die Schulen… Dort treffen sie auf Lehrerinnen, die aus der bürgerlichen Mittelschicht kommen und automatisch das besser bewerten, was ihnen näher ist und Anderes abwerten. Sie kommen nicht aufs Gymnasium, wo sie von einem besseren Lernklima theoretisch profitieren könnten. Stattdessen kommen sie oft auf Schulen, wo das Lernklima Mist ist und in denen sie noch weniger Bock haben. Wie auch immer: Ich bin für die Einheitsschule, aus verschiedenen Gründen. Vor allem aber, weil ich nicht in einer Ständegesellschaft leben will.

Und – jetzt Mal wieder weg von der Ideologie und hin zu dem, was P. und uns ganz praktisch betreffen wird – ich halt nichts von der Art, a) wie Schule gemacht wird, b) wie Unterricht organisiert wird und c) was Lernstoff ist. Ich möchte nicht, dass mein Kind total platt nachts noch vor 6 aufstehen muss, um todmüde 7:30 in der Schule zu sitzen. Ich finde die – übrigens auch im großen und ganzen seit 300 Jahren kaum wirklich veränderten – Lehrpläne größtenteils viel zu vollgestopft. Ich finde die Lehrerausbildung nicht sinnvoll. Ich finde den Schulalltag nicht sinnvoll organisiert… Ich halte viel von Lernen in Zylken statt in Stunden, Lernen nach Interesse statt Vorgabe, Lernen durch experimentieren, forschen und erleben statt eingetrichtert bekommen. Ich bin gegen Noten und für schülerbezogenes, individuelles Feedback. Ich bin gegen PISA und für selbstbestimmtes Lernen. Ich bin dafür, dass jeder in irgendwas gut ist und ich finde es so wichtig, dass jedem Kind auch genau das vermittelt wird. Was soll dieser kollektive Leistungsdruck? Warum bekommt ein Kind vermittelt, dass es möglichst überall möglichst gut sein muss? Das führt dazu, dass Kinder am Ende oft keinen Bock auf gar nichts mehr haben und überall durchschnittlich sind. So kommen sie vielleicht am besten durch und vielleicht werden sie sogar das, was so allgemein als “erfolgreich” bezeichnet wird. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie feststellen, was ihnen liegt, dass sie ihren Interessen an der Welt nachgehen können und dass sie in der Lage sind, sich selbst Meinungen zu Dingen zu bilden und dass sie ihren Weg finden.

 

Okay, das ist jetzt ein bisschen abgedriftet. Aber hey! So ist immerhin ganz von allein ein Blogpost entstanden ;-)

Abschied

Große und kleine Geschichten zerbrechen heimlich meine Köpfe.

Große und kleine Träume, zerschmettert, da hinten, im Irgendwo.

Große Liebe, ja. Aber auch kleine Sehnsüchte, im Herzen, in meinem, das vor Lust auf Kitsch fast überläuft.

Aber ich trau mich nicht und bleibe. Rational. Muss ja weitergehen, nicht wahr?

Liebe. Was ist eigentlich… Aber ach, lassen wir das… Da stehen wir doch drüber.

Komm her, mein Herz, leg dich hin und schlaf, schlaf, schlaf… Ich singe dir ein Lullaby.

Eine Träne, eine kleine nur, die ich nicht verhindern kann.

Alles riecht, schmeckt und sieht nach Abschied aus.

Auf Wiedersehen, Lebenslust. Auf Wiedersehen, Abenteuer. Auf Wiedersehen, Naivität. Macht’s gut! Macht’s besser! (Als ich.)

“Ich wollte aber Erster sein!”

P. hat seit einiger Zeit eine Macke, die uns den Alltag zum Teil echt erheblich erschwert. Sie ist aktuell 3,5 (“fast vier”) Jahre alt und möchte IMMER die Erste sein. Und wenn ich immer sage, dann meine ich auch immer.

Das klingt vielleicht erstmal ganz niedlich und nicht weiter dramatisch. Das war es anfangs auch nicht. Jetzt ist es das nicht mehr und ich weiß nicht mehr, wie ich damit umgehen soll und will.

Wo liegt das Problem?

Bei P. beschränkt sich das Erste sein wollen nicht auf eine oder vielleicht zwei Situationen am Tag, auf Spiele oder Wettrennen, sondern auf schlichtweg ALLES: Beim Aussteigen aus dem Auto, beim Laufen (mit schweren Einkaufstüten) zur Haustür, beim Treppesteigen, beim in den Fahrstuhl gehen, beim auf den Knopf drücken, beim Schuhe ausziehen, beim Treppe in der Wohnung hochlaufen, beim Essen, … Ständig haben wir ein pfeifend-schreiend-brüllendes Meckern im Ohr, weil P. lospoltert: “Mama, ICH wollte aber Erster sein – uäääääääh!” – Drama, baby. Und spätestens, wenn sich zahlreiche P.’sche Heulattacken aneinander reihen und ich kaum noch verstehe, was sie eigentlich will, fällt es mir schwer, gelassen zu bleiben. Trifft das dann noch auf übliche “Alltags-Bewältigungssituationen” – schleppen, quetschen, widerspenstige Kinder an-/auswursten, Zeitdruck, T. brüllt weil hunger/müde – spüre ich unweigerlich meinen Stresspegel steigen.

Wie reagiere ich?

a) “Aber P., wir haben doch schon darüber geredet, man kann nicht immer überall Erster sein. Muss man auch nicht. Wir machen jetzt keinen Wettbewerb. Nicht beim Treppesteigen, nicht beim Essen, nicht beim…”

b) “P., ich möchte jetzt keinen Wettbewerb machen, ich habe auch keine Lust mich ständig mit dir darüber zu streiten.”

c) “Du warst doch Erste.”

d) “Naja, äääääh, du warst doch Erste. Von den Kindern.” (hähä, sehr clever, ne?)

e) “P., Erster wird man nicht, indem die Anderen auf dich warten. Wenn du Erste sein möchtest, musst du halt schneller sein als die Anderen, das heißt, dass du dich beeilen musst. Zum Beispiel hintereinanderweg essen, anstatt…”

f) “P., Erwachsene und Kinder machen nicht dauernd Wettbewerbe. Das kannst du mit deinen Freunden im Kindergarten spielen, ja?”

Das Resultat ist meist, dass sie entweder rumdiskutiert (“Ich will aber immer Erster sein, Mama, Mann… gagagaga”) oder (meist in direkter Abhängigkeit vom Müdigkeitsgrad) ein ausufernder Wutanfall folgt.

ÄtzÄtzÄtz!

Diese Macke geht mir dermaßen auf die Ketten!

Selbst wenn ich versuchen wollen würde – was ich nicht will - immer auf sie einzugehen: Das ist. nicht. möglich! Man kann das gar nicht die endlosen Situationen bedenken, in denen das für sie Thema ist! Man müsste zum Beispiel immer darauf achten, auf keinen Fall vor ihr zu laufen. Das ist doch irre! Und besonders sinnvoll erscheint mir das auch nicht… Ständig gewinnen lassen kann hier doch nicht das Mittel der Wahl sein, oder?

Tiefer gehen: 

Diese Eigenheit hat sie vor etwa einem halben Jahr aus der Kita mitgebracht. Dort ist das Thema, seitdem sie aus der Krippe in den Kindergarten gewechselt ist. Dort fing das an, glaube ich, als die Kinder anfingen, sich selbst an- und auszuziehen. In dem Zusammenhang wurde dann immer ein “Wer Erster / Letzter ist”-Wettkampf gestartet, und das weitete sich nach und nach auf’s Essen usw. aus.

Mir ist bewusst, dass ziemlich viele Kinder in dem Alter haben und das auch durchaus zur normalen Entwicklung gehört. Google spuckt 4.220.000 Ergebnisse bei der Suchanfrage “Kind will immer Erster sein” aus. Man stößt auf viele Foreneinträge von Eltern, die sich über das Thema auslassen, aber erstaunlich wenig Expertenmeinungen. Die einzigen beiden Ratgeber-Seiten, die auf Anhieb finden konnte, waren in dem Fall t-online.de (“Warum Kleinkinder immer Erster sein wollen“) und eine österreichische Seite für Erziehungstipps (“Erziehung ist (k)ein Kinderspiel – “Ich will Erster sein!“). Ich finde, dass beide Texte eher wage sind und nicht unbedingt hilfreich. Schnell landet man dann auch bei Seiten mit Themen wie “Früherkennung der autistischen Störung” oder “Wie Sie aus der Psychofalle Perfektionismus herausfinden“. Na schönen Dank auch… Und da wundere sich nochmal einer, dass Eltern zum Teil ein bisschen hysterisch bezüglich der Entwicklung ihrer Kinder werden. Aber Googlen ist ja auch ohnehin so ‘ne Sache für sich… Aber da wird gerade dabei sind:

Hellhörig wurde ich beim t-online-Link nämlich doch:

In der Psychologie sprechen wir bei diesem kindlichen Ehrgeiz von der Entwicklung der Leistungsmotivation,” erklärt Diplom-Psychologin und Diplom-Pädagogin Annette Böttcher aus Wiesbaden.  

LEISTUNG?! Da schrillen bei mir die Alarmglocken! Leistungsdruck, Leistungsorientierung, Leistungsgesellschaft, … Als Kind hatte ich selbst ziemliche Minderwertigkeitsgefühle, wollte unbedingt in allem die Beste sein und hab mich ständig ungerecht behandelt gefühlt. Und das schleppe ich nervigerweise bis heute mit mir rum. Mein Überehrgeiz führt zwar tatsächlich zu guten Leistungen, aber der Preis dafür ist mir eigentlich zu hoch. Jede Art von Leistungsdruck überfordert mich, ich fühle mich allgemein ständig unter Druck und habe ganz schlimmes Lampenfieber. Ich hab’s mit meinem nervigen Perfektionismus und dem permanenten Streben nach Anerkennung nicht leicht mit mir und würde bei meinen Kindern gern irgendwie versuchen, ein bisschen dagegen zu wirken. Ich möchte, dass meine Kinder ein etwas gesünderes Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl entwickeln als ich und nicht mit einem doofen (Selbst-)Optimierungszwang zu kämpfen haben.

 

Ich bin bei der Sache echt ein bisschen ratlos. Wie kann ich den Drive rausnehmen? Ich habe in diesem Fall ein bisschen Angst, etwas falsch zu machen… Was macht Sinn? Soll man das ignorieren? Einlenken? Abwatschen? Zulassen? Mitmachen? Belehren? Ich weiß es echt nicht…

Der t-online-Link sagt lediglich:

Wenn ein Kind zu ehrgeizig ist, überfordert es sich auch selber, weil es nicht zurückstecken kann. Das geht zu Lasten der psychischen Gesundheit und Stabilität. Kinder müssen lernen, mit Niederlagen souverän umzugehen. Das heißt, eine Niederlage sollte Kinder stets anspornen, es erneut zu probieren

Naja, sehr aussagekräftig ist das nicht. Wie lernt denn mein Kind, mit “Niederlagen souverän umzugehen”?

Die Erziehungstipps-Tante aus dem anderen Link gibt folgendes zum Besten:

Offensichtlich hat das Kind ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis. Das hat auch sein Gutes. Bevor wir anfangen, ein Kind zu kritisieren oder „Sei nicht so“-Botschaften zu senden, müssen wir zuerst das Gute am Schlechten erkennen und dem Kind gegenüber würdigen: „Nina, ich finde es toll, dass du so flink bist.“ Dann gilt es, ihre Gefühle ernst zu nehmen und dies auch zu sagen, um Nina zu helfen, damit klar zu kommen: „Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.“ Erst wenn die Mutter Verständnis zeigt, ist Nina in der Lage, Ermahnungen und kluge Worte anzunehmen. Ansonsten wirken sie wie Blockaden und stärken den emotionalen Widerstand, weil sich das Kind unverstanden und abgelehnt fühlt. (…) Worte wie diese können Nina helfen: „Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und auch einmal Andreas zuerst ins Auto einsteigen zu lassen. Aber weißt du, (Verständnis für das andere Kind er wecken) er will auch einmal Erster sein und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.“ Die Mutter könnte Nina fragen, was für sie so schlimm daran ist zu warten und manchmal auch anderen den Vortritt zu lassen. Helfen kann auch etwas liebevoller Humor, aber bitte ohne Ironie und Zynismus. So lernt Ihr Kind, sich selber nicht zu ernst zu nehmen und Dinge zu relativieren.

Wenn Sie gemeinsam auch noch Regeln finden, die für ähnliche Situationen gelten, brauchen Sie nicht jedes Mal Grundsatzdebatten zu klären, wenn es gilt, rasch zu handeln. Wichtig sind auch Nachbesprechungen, bei denen Sie mehr auf Ninas Fortschritt als auf ihre Schwächen schauen und diesen auch würdigen. Wenn das Kind positives Feedback vor allem auch bei spontanen Anlässen bekommt, ist sein wichtigstes Bedürfnis, Hunger nach Anerkennung, auf gute Weise gestillt und es kann auf übertriebene „Ich-bin-Erste!“-Inszenierungen verzichten. Erwachsene sollten zu er wartende Schwierigkeiten im Vorfeld abfangen. Wenn es z. B. wieder an der Tür läutet, könnte sich die Mutter kurz an Nina wenden und wer t- schätzend sagen: „Es läutet und ich möchte selber aufmachen. Ist das o. k. für dich?“ Finden Sie gemeinsam Lösungen, die dem Geltungsbedürfnis der jungen Dame, aber auch der Notwendigkeit des Abgrenzens Rechnung tragen. Dann wird Nina lernen, manchmal auch anderen den Vor tritt zu lassen – und gut sich dabei zu fühlen.

 

Ansich gar keine schlechten Ansätze, aber halt auch furchtbar pädagogisch. Ich finde ja tatsächlich, dass Eltern keine Pädagogen sein sollten und es auch nicht müssen. Die Dinge, die sie da sagt, sind zwar durchaus nachvollziehbar, aber um das im stressbeladenen Alltag (unter Handlungszwang!) umzusetzen, müsste ich das ja… hmmn… auswendig lernen?, weil es irgendwie total unnatürlich ist.

Man stelle sich das am Beispiel bei der Auto-Situation mal vor: Ich “schwinge” T. in Babyschale auf den Arm, wuchte die Einkaufstüten hoch und begebe mich schnaufend zur Haustür. Im worst case muss ich auch noch dringend Pinkeln.

“Maaaaamaaaa, ich wollte aber Erster sein! Uääääääääh!”

(Schritt 1: Das Gute würdigen:)

“Oh, P., ich finde es toll, dass du so flink bist.” (äh? ist sie ja eigentlich in dem Moment nicht… Also müsste ich sagen: “Ich finde es toll, dass du so flink – dieses Wort schon! Arrrgh! – sein willst… Und äh, nee… Genau das finde ich ja gerade ganz und gar nicht toll…)

(Schritt 2: Gefühle ernst nehmen und das dem Kind sagen:)

“Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.”

(Schritt 3: Moralkeule:)

“Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und mich (mit den kackn schweren Einkäufen und dem Eltern-Armbeugen-Folterinstrument Maxi Cosi inkl. 10 Kilo-T. beladen.. Arrrgh!) zuerst zur Haustür gehen zu lassen. Aber weißt du…

(Schritt 3.1 für Pro’s: Während der Moralkeule Verständnis für die Situation des Anderen erwecken)

… die Tüten und dein Bruder hier sind ganz schön schwer und ich muss mal auf’s Klo und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.”

 

Ja, bääämm, oder? Und direkt im Anschluss kann man den gleichen Ablauf beim Treppenaufgang, am Fahrstuhl, beim Schuhe ausziehen usw. wiederholen. Aus dem pädagogischen Quatschen kommt man dann so schnell erstmal nicht wieder raus und es dürfte unter diesen Umständen nicht allzu lange dauernd, bis man den inneren Drang verspürt, sich nach dem ins Bett bringen der Kinder, aus dem Fenster zu stürzen.

Kann sich Jemand erinnern, mal irgendwo etwas Aussagekräftigeres dazu gelesen zu haben? Ich glaube, P. ist von Natur aus schon eher ehrgeizig und sie zeigt schon jetzt Ansätze einer “Bühnenpersönlichkeit”… Ich möchte nur einfach nicht, dass sie so ein Überehrgeiz-Problem bekommt… (wie ich).

Besser jetzt…

Die Kinder sind gesünder und es läuft seit einigen Tagen so ziemlich wie geschmiert.

In einem Seminar heute Abend war kurz Thema, was der letzte Moment ist, an den wir uns erinnern, in dem wir uns richtig wohl gefühlt haben. Mir kam tatsächlich sofort in den Kopf: “Gestern Abend bei meiner Tochter im Bett als ich ihr die Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen habe.”

Es scheint also nicht alles verloren zu sein.

Viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel

Seit Beginn des Jahres bin entweder ich krank oder eines der Kinder ist es.

Die Bilanz im Mai?

  • 4 grippale Infekte bei P.
  • 1x Krankenhaus mit Impetigo Contagiosa (P.)
  • 1,5x Scharlach (P. / ich)
  • 4 grippale Infekte bei T. (natürlich stets zeitlich versetzt zu P., nicht etwas zeitgleich)
  • 3-5 grippale Infekte (ich)
  • 4x Brustentzündung (ich)
  • 1x Seitenstrangangina-Bindehautentzündung-Superinfektion (ich)

Hm. Es reicht dann jetzt auch mal damit, finde ich. Ich habe inzwischen eine gewisse Panik vor Bakterien und Viren entwickelt. Ich bekomme innerliche Heulkrämpfe, wenn eines der Kinder Krankheitssymptome zeigt.

Ja, ich jammere. Es zerrt echt an den Nerven, wenn nicht einmal der stinknormale Alltag – den ich leider ohnehin schon als ziemlich fordernd empfinde – einfach so läuft, sondern man andauernd damit beschäftigt ist, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Ausnahmezustand wird so langsam zur Routine. Nur noch irgendwie auf den Beinen halten, irgendwie den Tag überstehen, irgendwie durchhalten, irgendwie weitermachen… Das ist einfach ziemlich ätzend und macht einen mürbe. “Vorm Spiegel denkt man: “Das ist dein Gesicht?” Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!” (Kästner) Ich kriege zum Teil kaum noch einen klaren Gedanken zusammen. 

Eine eigentlich gar nicht so unkomplizierte mündliche Prüfung für den Abschluss des letzten Wintersemesters habe ich bereits drei Mal verschieben müssen. Zum Einführungsseminar meiner Stiftung konnte ich nicht fahren. Die drei Male, an denen ich mir ernsthaft vorgenommen hatte, nach Einbruch der Dunkelzeit mit Freunden auszugehen – Jaha, ich meine im DUNKELN! -, sind ins (Wund-)Wasser gefallen. Jetzt nehme ich mir sowas einfach nicht mehr vor. Es frustriert mich zu sehr. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, jemals wieder tatsächlich irgendetwas tun zu können. Planen zu können. Etwas vorhaben.

 

Um genau zu sein nehme ich mir im Moment gar nichts “Privates” mehr vor. Eine Kommilitonin fragte mich heute, wann ich mein Ehrenamt noch machen würde, neben den zwei Kindern und Pendelei zum Studium. “Ich weiß es nicht.” hab ich gesagt und daran gedacht, dass das letzte Treffen der Initiative inzwischen schon viel zu lange her ist. “Und wann machst du den Kram für die Uni? Texte lesen und so?” – “Ich weiß es nicht, ich mach es wohl kaum.” habe ich gesagt. “Und was ist mit deinen privaten Sachen? Hobbys und so?” – “Welche privaten Sachen? Welche Hobbys?” habe ich gefragt. “Und dann hast du ja auch noch die Fahrten.” – “Das ist für mich Erholung. Niemand will etwas von mir, niemand fragt mich was. Ich kann 45 Minuten lang zwei Mal am Tag einfach nur hier sitzen und tun was ich will. Es ist herrlich!” Mein Pendeln, mein Kleinod. Der Zug ist meine Insel. Und es kotzt mich an, wenn der voll mit quatschenden Dumpfköppen ist. Ich will… Ich muss… dann meine Ruhe haben. Manchmal wünschte ich, ich könnte noch zwei Stunden weiterfahren. An den Uni-Tagen bin ich abends auch tatsächlich viel entspannter und kann gelassen Zeit mit den Kindern verbringen, trotz all der Müdigkeit.

Was soll man tun, wenn man merkt, dass alles zu viel ist? Dass man es eigentlich nicht schafft? Ich merke das gerade ziemlich deutlich. Unser Alltag ist so knapp auf Kante genäht, dass die Krankheiten einfach zu viel des Schlechten sind. Der Alltag wird dadurch gesprengt, nichts läuft mehr, alles fühlt sich nur noch schlimm an… Und wir versuchen, für die Kinder, das alles zu retten… Uns bei Laune zu halten. Es klappt noch so halbwegs für die Kinder, aber für uns klappt es nur mehr schlecht als recht. Innerlich sind wir dermaßen angespannt… Wir sind wie pfeifende Tee-Kessel, jederzeit kurz vorm Explodieren. Weil. Es. Zu. Viel. Ist. Wir führen die alten Sinnlosdiskussionen darüber, wessen Tag anstrengender war. Wer eine Pause dringender nötig hätte. Wer sich wann welche (Mini-Mini-)”Auszeiten” genommen hat. Wer wann Zeit Zeit Zeit ohne die Kinder braucht.

Ich habe vor einigen Tagen in irgendeinem Elternblog gelesen, dass das betreffende Elternpaar sich darüber streiten würde, wer mehr Zeit mit den Kindern verbringen darf. Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen. Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich ist unglaublich aufgebläht… Der Teufel schreit: “Dann hättet ihr euch keine Kinder zulegen dürfen!”

SCHEISSE JA, ICH FINDE ES VIEL ZU OFT VIEL ZU ANSTRENGEND, KINDER ZU HABEN!

Und ich hasse es mich wirklich dafür, so zu empfinden. Und ich bin täglich dran, mir beizubringen, es anders zu sehen, es anders wahrzunehmen, nicht so zu denken, zu genießen oder wenigstens weniger zu hadern, die Anstrengung als gegeben hinzunehmen und nicht zu verfluchen. Aber es klappt nicht. Ich empfinde es ständig als anstrengend und ich hasse es, so zu empfinden. Ich will keine zerknirschte Alte sein. Ich will nicht zu den typischen “Es ist alles so anstrengend”-Lamentierern gehören. Und ich mache K. die Hölle heiß, weil er sich ständig beklagt, wie anstrengend alles ist, weil ich in den Momenten meine eigenen Gedanken und Empfindungen gespiegelt sehe und es einfach nicht ertragen kann. Es muss doch wenigstens einer von uns das anders sehen… Es geht doch nicht, dass wir beide…

Ich finde die Ansichten und Gedanken von Jesper Juul ja toll, aber ich kriege es nicht hin, dieses Mantra. Wir sind zu oft zu fertig, zu müde, zu abgeschlafft… Das abendliche Bad-Ritual wird fast täglich zur Zerreißprobe. P. wehrt sich gegen alles, was sein muss. T. an-/auszuziehen gleich tatsächlich dem Versuch, einen lebenden Kraken so in ein Einkaufsnetz zu verfrachten, dass keine Arme heraushängen. Wir hängen im Bad und wollen einfach nur fertig sein, mit dem Tag.

Und K. hilft wirklich viel mit. Und meine Eltern nehmen ab, was sie können. Und ich lese und denke mir schlaue Sichtweisen an. Und ich habe Freunde mit Kindern, die ich regelmäßig treffe. Und nicht zuletzt liebe ich meine Kinder. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich kaputt spielen es mich einfach kaputt macht. Dass ich nicht dafür gemacht bin. Dass ich noch hätte warten sollen. Dass es vielleicht eigentlich nicht mein Ding ist, Mutter zu sein. Das ständige da sein. Die ständige Verantwortung. Diese andauernde Reagieren müssen. Das stark sein müssen, kaum mal schwach sein können.

Als ich letzte Woche hier fiebernd vor mich hin starb wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach nochmal selber klein zu sein und Eltern nebenan zu haben, die einem Tee und einen Marmeladentoast ans Bett bringen und ansonsten alle Anstrengungen von einem fernhalten. Stattdessen saß ich heulend mit 39,8 Fieber vor meinem kleinen Sohn, der auch heulte und ich dachte, dass genau jetzt der Moment gekommen ist, an dem ich es nicht mehr packe, an dem ich einfach aufgeben muss. Ich habe mich unglaublich hilflos gefühlt. Und schlecht auch… Weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Mutter einfach nicht das Recht habe, “mich so aufzuführen”. Dass ich mich zusammenreißen muss. Und ich war nicht einmal sicher, ob ich mich nicht tatsächlich auch zusammenreißen könnte… Ging es mir wirklich so schlecht? War da noch Luft nach oben/unten? Es gibt schließlich Mütter mit mehr Kindern und weniger Unterstützung von Partner / Familie, die müssen ja auch… Scheiß Vergleichereimistkack halt.

Nun ja. Ich habe mich zusammengerissen, soweit es ging. Musste ja. Und nun geht es mir besser. Und den Nachmittag und Abend – nach der Uni – heute mit den Kindern fand ich sogar ziemlich schön. Ich habe mir überlegt, mir das Mantra “Meine Kinder sind meine Entspannung” einzubläuen. Die Idee: Umetikettierung! Statt “Scheiße, am Wochenende bin ich allein mit beiden Kindern” versuchen anders zu denken. Dem Gefühl auf die Sprünge helfen… Ich will das Kinderhaben einfach nicht ständig vorrangig anstrengend finden. Will ich nicht, echt nicht. Das muss doch irgendwie machbar sein.

 

Melancholy-Mom

Ich stehe im Flur. Vor mir an der Wand kleben Babybilder von P. Drei sind es, schwarz-weiß, roter Rahmen. Wir in Italien, September 2011. Eine P. mit Windeln, raspelkurzen Babyhaaren und mit einem weißen Bettlaken spielend… Wir blödelnd im Bett… Auf manchen Bildern erinnert mich T. sehr an sie in ihrer Babyzeit. Mich überkommt ein seltsames Gefühl und ich muss einen kleinen Klos runterschlucken. K. füttert T. derweil in der Küche, P. ist bei ihren Großeltern…

Dieses Gefühl der Wehmut überkommt mich nicht selten in den letzten Tagen und Wochen. T. ist kein Neugeborenes mehr. Er ist ein halbes Jahr alt. Das erste halbe Jahr… Das war für mich gedanklich immer eine Art Grenze… Ich weiß noch genau, dass danach bei P. die “Alles ist neu”-Zeit vorbei war. Danach kam alles… Das Krabbeln, die Zähne, das Hochziehen, das Laufen… Dann geht alles so verdammt schnell. Ich sehe jetzt Menschen mit ganz ganz klitzekleinen Babys und mir wird bewusst, dass diese Phase eine ist, die schon wieder hinter uns liegt. T. ist nun nicht mehr klein, nicht mehr neu in der Welt. Er ist nicht mehr zusammengekullert und die Neugeborenen-Müdigkeit ist aus seinen Augen verschwunden. T. brabbelt, zahnt, robbt, zieht sich hoch, isst stückiges Zeugs und interessiert sich wahnsinnig wach für alles… Er ist irgendwie ein Anderer geworden.

P. quatscht uns von früh bis spät zu, singt, tanzt, springt. Wenn wir Menschen treffen, die wir nur selten sehen, fallen denen fast die Augen aus dem Kopf, weil P. nun einfach so mit uns redet, sich verständigt, eine Stimme hat. Sie ist kein Würmchen mehr, sie ist… sie wirkt… schon so groß, manchmal. Sie kann ihre Gefühle ausdrücken, über Vergangenes und Zukünftiges nachdenken und sagt so Dinge wie: “Meine Hose ist nass, deshalb habe ich beschossen, sie auf die Heizung zu legen, Mama.” Ich schaue mir ihr Babybild an, erinnere mich daran, dass sie über 40 Grad Fieber in diesem Urlaub hatte und gerade anfing, zu stehen. Und dann habe ich plötzlich ihr Babygebrabbel im Ohr. Und ihr Babygebrüll… Es ist unvorstellbar, dass eine Zeit gab, in der sie noch nicht reden konnte. Ich kann das Baby auf dem Bild und meine Tochter gar nicht mehr zusammenbringen. Es ist, als wären das verschiedene Personen. Sie ist irgendwie eine Andere geworden.

Ich setze mich zu K. in die Küche. “Was ist los?” Ich kann es nicht genau sagen. Ich kann nur fühlen. Ich bin betrübt… Ich bin wehmütig. K. füttert T. weiter, ich beobachte sie dabei. Wie sie lachen und blödeln… Wie diese absolute Liebe aus T.s Babyaugen strahlt… Er ist noch so unbedarft. Alles, was er sieht, hört, schmeckt, fühlt ist ein einziges großes Wunder. Ich liebe ihn wahnsinnig. K. hat in den letzten Wochen häufiger gesagt: “Ich kann mich nicht erinnern, dass ich P. in dem Alter so niedlich fand…” Und das ist auch so… Wir waren bei P. viel zu sehr damit beschäftigt, alles richtig machen zu wollen oder eher damit, nichts falsch machen zu wollen und an uns zu zweifeln. T. können wir mehr genießen, weil wir das Vertrauen in uns als Eltern schon haben. Weil wir wissen, dass unser Weg und unsere Art und Weise des Familie-seins so falsch nicht ist. P. haben wir ja auch groß bekommen.

Was wir aber auch schon wissen: Kinder werden unheimlich schnell groß. Und das ist schön. Sie werden selbstständiger. Und ihre Persönlichkeit wird von Woche zu Woche sichtbarer… und sie sind weniger auf uns angewiesen. Aber in diesen Momenten, in denen ich mich an P. als Baby erinnere und mich gleichzeitig so wohlig fühle durch das, was mir mein Baby gerade gibt… Das Gefühl, ihn auf dem Arm zu haben. Das Gefühl, die eigene Wange an seine zu drücken. Seine weiche Babyhaut. Morgens aufzuwachen und sein schlafendes Baby neben sich liegen zu haben. Seine strahlenden Augen. Über den Kopf mit Babyflaum zu fahren… Das alles ist so schön, so kostbar, so vergänglich… Ich kann das Baby auf dem Bild nicht mit P. zusammenbringen. Ich werde T. irgendwann, in gar nicht langer Zeit nicht mehr mit dem zusammenbringen können, wie und was er jetzt gerade für mich ist. Das ist merkwürdig.

Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich da fühle: Ich vermisse dieses Baby. Und ich werde auch T. vermissen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Liebeskummer. Da ist etwas, was sich sehr schön und kostbar und sehr innig angefühlt hat, was nun nicht mehr da ist und ich weiß, es kommt nicht mehr zurück. Ich kann die Erinnerung an diesen Babymenschen behalten. Sie hatte zum Beispiel diese ganz spezielle Art, sich robbend fortzubewegen. Daran erinnere ich mich. Aber das, was sich so schön anfühlt, am Babyhaben, das kann man nicht konservieren. Wie sich P. an meine Schulter gekuschelt hat, wenn der Wind ihr ins Gesicht blies. Ich liebe diese vielen kleinen Dinge, die T. gerade macht so sehr und beim Betrachten von P.s Fotos wird mir schmerzlich bewusst, dass auch seine kleinen Baby-Eigenarten nur temporär sind, Episoden, Phasen… Dass die meisten davon verschwinden werden, weil er ihnen einfach entwachsen wird. Und meine Erinnerung daran wird mit dem Verschwinden verblassen.

Und natürlich: Es werden neue Eigenarten, neue schöne Sachen zwischen uns dazukommen. Kinder verändern sich… Sie verschwinden ja nicht, sie wachsen. Und das ist schön. Aber die Babys und das Gefühl, was einem Babys geben können… Die verschwinden. Und das hat doch irgendwie – bei aller Schönheit – auch etwas trauriges… Zumindest etwas, das mich ab und zu melancholisch stimmt.

Internationaler Kinderbuchtag

Zur Abwechslung mal ein sinnvoller Tagestag ;-) Lesen fetzt, ist wichtig, weil bildsam und überhaupt und sowieso. Hier wird sehr viel (vor)gelesen.

Was ist denn mein liebstes Kinderbuch aktuell? Mal überlegen… Ich glaub, ich finde gerade “Feuerwehr und Regenauto” von JANOSCH und “Oma schreit der Frieder” von Gudrun Mebs, was schon als Kind eines meiner Lieblingsbücher gewesen ist, am unterhaltsamsten.

P. steht auf Prinzessinen-Geschichten und vor allem die klassischen Märchen (Dornröschen, Rotkäppchen, Schneewittchen). Die Frieder-Geschichten mag sie zum Glück auch gerne. Und die Bücher von der kleinen Prinzessin. T. mag das “erste Buch zum Anbeißen“.

Ich freue mich schon darauf, wenn wir bei P. mit längeren, fortlaufenden Geschichten anfangen können! Das SAMS probieren wir schon ab und zu, aber so kontinuierlich zu folgen ist noch eher schwierig, denke ich. Außerdem hat sie vor dem Vieh noch Angst. Aber wenn es dann erst einmal in Richtung Unendliche Geschichte, Backsteinweg und Hogwarts geht… Hach! Vorfreude!

Ich habe übrigens eine eigene Seite hier auf dem Blog zum Thema liebste Kinderbücher. Guckt da manchmal wer von euch drauf? (Ich kann sowas ja immer nicht wirklich einschätzen.) Ich finde es jetzt schon interessant, mir die Liste anzuschauen mich daran zu erinnern, worauf P. mit einem oder zwei Jahren buchmäßig so stand, wie es sich verändert und wie es im Vergleich bei T. sein wird. Dokumentations-Wahni halt.

Wir lesen übrigens JEDEN Abend zwei Geschichten vor dem Schlafen vor und sollen tagsüber ungefähr 20.000 – nach P’scher Anweisung – erzählen (“Von einem Mädchen, dass immer nur Süßigkeiten essen wollte / immer nur Dornröschen spielen wollte / sich nie die Zähne putzen wollte… Von einem Jungen, der ein Ohr werden wollte…”)

Wie läuft das bei euch ab, mit Vorlesen und Geschichtenerzählen? Gibt’s Regelmäßigkeiten / Rituale? Und was sind aktuell eure Bücher-Favoriten und die eurer Kinder? Und welche mochtet ihr als Kind?

Mama, ich will…!

Neulich im Zoo:

“Mamaaaa, Ich will ein Eis!

Mamaaaa, ich will einen Lutscher!

Mamaaaa, ich will Pommes!

Mamaaaa, ich will ein Brötchen mit Wurst!

Mamaaaa, ….”

Manchmal entsprechen meine unsere Kinder so sehr dem Klischee nerviger, verwöhnter westliche Welt-Göhren, dass es ein bisschen weh tut. Und manchmal entsprechen wir vermutlich sehr dem überforderte Eltern-Klischee, wenn wir es mit unserer dauerfordernden Tochter zu tun bekommen. Ich selbst könnte einen herrlich reißerischen Artikel über unser teilweise echt bekloppt-lächerliches Eltern-Verhalten schreiben… Wir versuchen dann nämlich gerne Mal, “vernünftig” zu argumentieren:

“Aber P., wir sind nicht hier, um zu essen. Wir wollen uns Tiere angucken, hm? Wir können jetzt nicht die ganze Zeit eine Sache nach der anderen kaufen.” 

-”Warum?”

“Weil das alles Geld kostet und wir nicht so viel Geld dafür ausgeben wollen. Und können.”

- “Ich will aber!”

“Ja, ich weiß, dass du das willst. Ich will dir jetzt aber keinen Lutscher kaufen. Du hattest gerade Pommes und ein Eis und…”

- “UääääääääähichwiillaaaaaaaaabeeeereinenLuuuuuuuuuu…” (TretenStampfenAurasten)

Einatmenausatmeneinatmenausatmen…Puuuuuuh.

“Wie mich dieser andauernde kindliche Konsumtrieb nervt…” sage ich zu K. Er guckt mich an und verdreht die Augen, seufzt. Da stehen wir also. Sonntag um 11. Im überfüllten Zoo. Die Massen schubsen uns rum, T. rumort in der Trage, irgendwie hat niemand Spaß.  “Toller Ausflug,” murmelt K. und steckt sich eine Kippe an. Manchmal passieren mir dann Gedanken wie: “Was mache ich hier eigentlich? Ich bin 25 und stehe am Sonntagmittag im ekelhaft übervollen Kack-Zoo mit einer unersättlichen, aktuell nach Lollie-brüllenden Dreijährigen an der Hand, einem schweren lebendigen Rucksack am Bauch und einem genervten Mann neben mir. Dabei mag ich gar keine Sonntagsausflüge. Oder Zoos. Oder Pommesbuden. Oder Menschen. Und ich hab Rücken. Ich mag Sonntage im Bett, mit Glotze und/oder Lektüre. Waruuuuuuum tue ich mir das hier an???”

Warum mache ich das also? Meinen Kindern zuliebe. Dem Familienidyll zuliebe. Weil man mit ‘ner Dreijährigen nicht ständig Zuhause rumhocken kann und sollte. Weil ZuhauseRumhock-Sonntage sich mit kleinen Kindern endlos anfühlen und sich spätestens 14:30 alle gegenseitig auf den Sack gehen… Und ja, weil wir es uns das eigentlich ganz nett ausgemalt haben. Schönes Wetter, wir gucken Tiere an, ein heißer Kakao in der Kiwara-Lounge… “Und dann macht sie mit ihrem blöden Dauerhabenwollen alles kaputt” höre ich mich kopffrotzeln. Und na klar: Es sind irgendwie (mal wieder) unsere Erwartungen das Problem, weil sie mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. “Ideal- und Realtypus sind in diesem Falle nicht vereinbar.” sagt die Wissenschaft zu sowas. Ich sage: Wären die Erwartungen nicht da, wäre  man nicht unzufrieden, weil nicht enttäuscht. Wäre irgendwie besser. Aber zu sagen “Erwarte doch einfach nichts” hat für mich in etwa so einen Effekt wie “Denk nicht an einen rosa Elefanten”.

Kleine Kinder leben im Jetzt. Und nur da. Im Gegensatz zu Erwachsenen legen Kinder keine Konten an. Sie rechnen nicht auf und ziehen nicht ab. Keine Rechnung à la: “Mama und Papa sind ja jetzt mit mir in den Zoo gegangen und das ist ja erstmal eine ziemlich coole Sache – ein Zugeständnis -, da benehm’ ich mich jetzt mal besonders gut und bin nicht so kackn anstrengend, sondern tu mal so als wäre ich zufrieden. Sie haben sich’s ja verdient, weil: Sie bemühen sich ja, mir/uns eine tolle Zeit zu machen und das muss man schließlich auch mal honorieren…” Nö. Das geneigte, städtisch-verwöhnte Kleinkind denkt wohl eher so: “Au ja! Zoo! Will ich!” – swooooosh – “Au ja! Eis! Will ich!” – swooooooosh – “Au ja! Pommes! Will ich!” – swoooooosh – “Oh! Das Kind hat einen Lutscher! Ich will auch einen Lutscher!” – swooooosh – “Oh! Die Bratwurst sieht aber gut aus! Ich will!” … “Oh Gummischlangen!” … “Oh Luftballons!” … “Oh! Wo ist das Kinderschminken?”

Kinder sind hemmungslos (und) lustgesteuert!

Deshalb sind sie auch so beliebte Zielgruppen Opfer für der Werbeindustrie. Spielzeuge, Freizeit, Snacks. Werbeleute wissen genau, wie leicht Kinderbedürfnisse zu wecken sind. In den großen Werbeagenturen beschäftigen sich ganze Abteilungen ausschließlich damit, zu “erforschen”, wie das kindliche Habenwollen noch zuverlässiger getriggert werden kann. 

Und Eltern…? Wir stehen da irgendwie vor einem Dilemma, oder? Wir wollen unsere Kinder nicht mehr autoritär erziehen. Wir wollen, dass sie sich frei entfalten können, sich selbst kennen (und lieben) lernen und zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen. Wir wissen um die Bedeutung der frühen Kindheit für Bindung, Selbstsicherheit und Persönlichkeitsentfaltung. Wir wissen allgemein viel zu viel. Wir wollen vielleicht keine perfekten Übermütter (im Sinne von Braten im Ofen und glänzendem Haus) sein, aber eine unserer größten Ängste ist, unseren Kindern durch unsere eigenen Charakterschwächen zu schaden. Wir sind es gewohnt, in Freiheit und durchaus lustbetont zu leben. Wir sind freiheitsliebende Hippie-Punks und Jemanden zu begrenzen missfällt uns. Unser Regulativ ist unser Verstand. Aber genau darauf können wir beim Kind nicht setzen. Also stehen wir da, haben alle elterlichen “Waffen” abgelegt und sind bereit, zu verhandeln. Sie sollen ja können, wie sie wollen… Aber wie sollen wir entscheiden, wann das Wollen begrenzt werden muss, weil das Wollen zum Müssen wird und das macht ja auch wieder unglücklich… Und sind wir nicht unserer Kinder Glücksschmiede?

Deshalb sieht man Erwachsene zuweilen mit Kindern über die Schädlichkeit von Lutschern und Nahrhaftigkeit von Gemüse diskutieren… > Gesunde Ernäherung ist wichtig. Übergwicht und Krankheiten und so. Deshalb sieht man uns auf dem Spielplatz zwischen zwei Dreieinhalbjährigen über das Teilen eines Sandeimers verhandeln > Unsozial sein ist kacke. Teilhabe, Depressionen und so. Wir schmieren abends Brote mit Frischkäse (OHNE RINDE!), obwohl wir frisches und gesund gekocht haben, weil der Brokkoli in der Brokkoli-Käse-Soße eben doch nicht gut genug versteckt war. > Mein Kind muss nicht essen, worauf es keine Lust hat! Und jajaja! Natürlich kommen wir uns dabei albern vor. Es fühlt sich falsch an, streng  den Ton anzugeben. Und es fühlt sich falsch an, ständig nachzugeben. Wir wollen keine Service-Eltern sein. Und keine Helikopter-Eltern. Aber Arschloch-Eltern wollen wir auch nicht sein. Wir wissen, dass es vermutlich ziemlich albern ist, zu hoffen, die besten Freunde und Vertrauten vom Kind sein zu können. Und wir versuchen es trotzdem.

Unsere Kinder sind ein bisschen wie Diktatoren. Despoten! Egoisten!  Ohne Vernunft! Triebgesteuert! Raffgierig! Geizig! Und maßlos ohne Ende! (Ja, sie sind auch herrlich neugierig, phantasie- und liebevoll, … aber darum geht es hier ja gerade nicht…) Und ich glaube, wir sind damit einfach überfordert. Niemand sagt uns, was eindeutig gut oder eindeutig böse ist. Wir können uns in wenigen Minuten zu jedem Thema haufenweise Fakten und Meinungen reinziehen. Wir müssen selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden und inwieweit wir, unsere Kinder bestimmen und uns von ihnen bestimmen lassen. Richtig gibt’s nicht.

Ich höre an dieser Stelle oft Argumentationen wie “Mit Dreijährigen darfst du nicht diskutieren. Du bist die Mutter, du entscheidest. Basta!” oder auch gerne “Da musst du deinem Bauchgefühl – deiner INTUITIOOOOON – vertrauen.” Mir persönlich hilft das aber nicht weiter. Ich hab ein sehr diskutierfreudiges Kind, das Gründe haben will, wenn ich “Nein!” sage und ich will ihr die auch irgendwie liefern. Meiner  “Intuition” nach zu urteilen ist das richtiger als zu sagen “Weil ich das so (nicht) will.” Für diese Variante müsste ich mich ziemlich verbiegen und härter tun, als ich fühle und bin. Oft wird mir aber suggeriert, dass das die bessere – die richtige – Variante wäre. Und die Diskutiererei macht mich ja auch alle…

Irgendwie ist es auch das Zusammenspiel von Programmierung und Umwelt, was hier Probleme macht: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie glücklich machen. Und wir sind – furchtbar biologistisch gesprochen – darauf gepolt, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen. Wir leben aber in einer Überflussgesellschaft. Eine ziemlich unnatürliche (Um)Welt für Menschen(kinder). Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie süß und bunt und fettig. Sie können zwar tatsächlich nicht immer und nicht alles haben, aber theoretisch heute und hier sehr, sehr viel. Mehr, als sie brauchen und mehr als – so mutmaßen wir – gut für sie ist. Erwachsene haben – mal mehr mal weniger erfolgreich – gelernt, ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und zu unterscheiden, um in der Welt des too much klarzukommen. Und manchmal werden wir fett und unbeweglich und krank, weil wir uns in dieser unnatürlichen Welt eben doch nicht im Griff haben.

Es gehört Einiges dazu, diesen fiesen Teufelskreislauf zu durchbrechen: Verstand, Durchhaltevermögen, Resilienz, Konsequenz, ein Masterplan, … Und – um zurück zum Thema zu kommen – man unterschätze nicht die Verführung, auf durch Nachgeben zu einem “zufriedenem” Kind und stressfreien Moment zu kommen. Das ist es ja, was uns die Werbung verspricht, oder? Zufriedene Kinder. Entspannte Eltern. Glückliche Familien. Aber sehen wir es, wie es ist: Immer nachgeben, das ist de facto: Ruhigstellen. Damit geht man den Weg des geringsten Widerstands und macht es sich so einfach wie es nur irgendwie geht. Hauptsache keinen Stress… Und was ist falsch daran? Klingt doch nach einem ziemlich guten Lebensmotto. Auf Dauer tut man sich damit selbstverständlich keinen Gefallen. Die Kinderbedürfnisse könnten sich unkontrolliert vermehren. Kinder, bei denen es kein “genug” gibt und im Resultat: Konsumorientierte, doofe Menschen, die lernen, dass man Befriedigung vor allem kaufen kann (und muss). Wollen wir das? Wollen wir nicht. Davon gibt es auf der Welt wahrlich schon genug.

Was ist also mit dem kindlichen Dauer-Habenwollen? Wie sollen wir damit umgehen?

Kleine Kinder kennen noch kein Maß. Sie können nicht verstehen, warum sie nicht dürfen, wenn Dinge in greifbarer Nähe und theoretisch zu haben sind. Ihnen fehlen die “Kompetenzen”, derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sich selbst zu begrenzen und aus reinen Verstandsgründen zu verzichten. Sie sind dieser – Achtung, Polemik! – fiesen, unnatürlichen, ihre Unschuld und Unwissenheit ausnutzenden, kapitalistischen Waren- und Konsumwelt schutzlos ausgeliefert, und man kann hier zu dem Schluss kommen, dass wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigen, wenn wir unsere Kinder nicht davor beschützen. Oder? Gerade unser Verstand sollte uns doch eigentlich hier sehr deutlich zeigen, dass es wichtig und richtig ist, (Konsum-)Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen und sie in dieser Hinsicht zu begrenzen. Um sie vor sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zu schützen, quasi. Ist das so? Ihnen “Grenzen setzen” ist also tatsächlich der richtige Umgang damit?

Ich denke nicht, dass dieses Dilemma Kinderwollen vs. Elternmeinen ein für allemal auflösbar ist. Man muss die Situationen immer wieder neu bewerten. Man wird sich immer wieder fragen müssen, wie man das gerade findet und ob man es gerade zulassen will. Ab und zu sollte man sich vielleicht wirklich fragen, was man zu einem guten Freund in der Situation sagen würde. Andererseits können Kinder in vielen Situationen nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wann können sie? Wann müssen wir?

Wieder denke ich an Juul, der sich auch dazu äußert. Man müsse zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden. Das Bedürfnis des Kindes ist zum Beispiel Ernährung. Nur Nugggets bei McDoof oder einen Lutscher zu wollen, das ist ein Wunsch. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie den Wunsch erfüllen wollen. “Man kann eine lange, glückliche Kindheit haben ohne Pizza oder McDonalds” sagt Juul dann. Hier geht es um die eigenen Werte, Einstellungen und Sichtweisen der Eltern. Was findet man gut? Was nicht? Welchen Wunsch will man erfüllen, welchen nicht? Juul meint auch, dass Kinder ihre Eltern kennenlernen wollen. Mit etwa 4 bis 5 Jahren hätten sie den Großteil von dem, was ihre Eltern prinzipiell zulassen und was nicht – die elterlichen Grenzen – ausgelotet. Und Kinder wollen selbstständig sein und selbst entscheiden. “Ich will meine Jacke nicht anziehen! Ich will meine Zähne nicht putzen!” – “Hör mal, Zähne putzen muss man irgendwie, sonst passiert alles Mögliche. Zwei Dinge kann ich dir sagen: Es ist unangenehm, weil irgendwelche Erwachsenen vielleicht etwas Hartes in deinen Mund stecken und anfangen zu bohren…” – Und was ist, wenn das Kind auf seinem “Nein” beharrt? – “Wenn man dieses Grundvertrauen hat , dann sagt man: ‘Okay, schade, weil wie du weißt, finde ich es wichtig, aber wenn es für dich nicht wichtig ist, dann machen wir es heute nicht.” Man müsse einfach das Vertrauen haben, dass Kinder prinzipiell kooperieren wollen. Das ist Juuls ganz grundsätzliche These. Verantwortung müsse man vor allem übernehmen, wenn es um Leib und Leben geht – das Anhalten an roten Ampeln ist nicht verhandelbar. Nachlesen kann man das zum Beispiel in diesem Interview mit Jesper Juul, und in dem und dem.

Vertrauen wir unseren Kindern nicht? Würde es mit ein wenig mehr Vertrauen alles einfach gehen? Wir denken “Zähne putzen muss sein!”, weil wir das so beigebracht bekommen haben und “weil man das so macht” und wir denken so Sachen wie “Wenn ich das jetzt einmal schleifen lasse, dann wird das nie was und dann kriegt sie Karies und faulige Zähne… und im Kindergarten wird man über sie reden, weil sie einen schlechten Atem hat… und die Erzieherinnnen zerreißen sich das Maul über uns unfähige Eltern.” – Genau! Das “Was sollen denn da die Leute denken?” steckt nämlich viel zu oft dahinter, egal für wie unabhängig man sich hält. Man will nicht als Eltern dastehen, die es nicht hinkriegen. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich das Kind nie wieder die Zähne putzen wird, weil man einmal sagt: “Gut, wenn du es partout nicht willst, dann machst du es halt nicht.” Andererseits sage ich, dass es schon ziemlich wahrscheinlich ist, dass mein Kind sich ausschließlich von ungesundem Kack ernähren würde, könnte es das selbst entscheiden. Und was es zu essen gibt, das geht doch irgendwie alle was an, oder?? Vielleicht teilt man die Woche mal testweise in “Du bestimmst, was es zu essen gibt”-Tage und “Wir bestimmen, was es zu essen gibt”-Tage auf.

Wir haben uns dann jedenfalls dann doch noch sehr ausgiebig die Affen angeguckt, über eine Stunde beim Karpfenbecken abgehangen und eine halbe Stunde auf die Fütterung der Pinguine gewartet. Hat sich gelohnt, das Konsumieren zu durchbrechen, drei Mal “Nein, gibt’s nicht! Ich will jetzt Affen angucken” zu sagen und die jeweiligen Wutausbrüche zu ertragen.

“Manchmal muss man sie doch echt zu ihrem Glück zwingen.” sage ich während der Rückfahrt zu K., kurz nachdem beide Kinder zeitgleich weggepennt sind und wir um 17 Uhr das erste “störungsfreie” Gespräch des Tages miteinander führen.

Muss… Darf man das? Die Kinder zu “ihrem Glück” zwingen? Ist ihr Glück nicht in allererster Linie das, was wir als “Glück” – als schön / gut / erstrebenswert – bewerten? Passt das zu unserer Vorstellung der frei denkenden, selbstbestimmten Menschen, als die wir unsere Kinder gern später sehen würden? Ist Lesen wirklich “besser” als iPad-Daddeln? Ist es echt sinnvoll, immernoch dieses Idealbild vom auf der großen Wiese frei herumtollenden Kind im Kopf zu haben und darum ständig mit schlechtem Gewissen durch die betonierte Großstadt zu laufen, weil man es einfach nicht realisiert bekommt??

Hm. Man sollte vielleicht auch nicht vergessen, dass unsere Kinder später eh selbst entscheiden werden, was sie unter Glück verstehen. Und dass diese Definition nur zu einem Teil davon abhängt, wie sie ihre Kindheit mit uns verbracht haben. Unsere Kinder haben ein Recht auf’s Heute. Das ständige ans Morgen denken macht mich auch wirklich alle… Die Gedanken krieg ich nur ganz schwer ausgeschaltet. “Wenn sie heute zu viel fernsieht, wird sie niemals Bücher lesen oder sich für Kultur oder Geschichte oder … interessieren”, “Wenn ich jetzt nicht versuche, sie zum Gemüse essen zu bewegen, wird sie das niemals tun und krank und fett werden”, “Wenn sie jetzt nicht lernt, dass…, dann wird sie nie…” – Was für ein Bullshit das doch ist! Und wie einen das tagtäglich unter Druck setzt! Das nimmt die ganze Leichtigkeit aus dem Alltag und aus dem Umgang mit dem Kind. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen, “den Förderauftrag” der Bildungseinrichtungen Zuhause fortzuführen. Und auch davon spricht Juul gerne mal. Man wird bekloppt, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einen irgendwie anders… irgendwie besser haben wollen als man ist. Die einen umerziehen wollen. Unsere Kinder sollten bei uns einfach mal nichts müssen müssen, einfach mal sein dürfen, so (unperfekt und launisch und unausgeglichen) wie sie sind. Unsere Kinder sind keine Projekte, die wir möglichst erfolgreich abschließen. Unsere Kinder sind Menschen. Ihre Persönlichkeit sollten wir in erster Linie annehmen und respektieren. Wir können ihnen eigentlich nur sagen: “Hör mal, so fühlst du dich jetzt und das ist okay. Du bist du. Und ich bin ich. Und das da draußen ist die Welt. Und wenn du das jetzt (nicht) machst, könnte das passieren. Deshalb mag ich nicht, dass du es machst. Jetzt kannst du entscheiden, ob du es trotzdem tun willst.”

An Denkstoff mangelt es mir jedenfalls ganz und gar nicht, seitdem ich Kinder habe. Gesellschaftliche Zwänge. Freiheit. Die eigene und die der eigenen Kinder. Werte. Moral… Können, wollen, sollen, müssen. Kinder konfrontieren einen wirklich sehr schonungslos mit sich selbst, den eigenen Maßstäben und Nicht zu Ende-Gedachtem. Man muss permanent kurzfristig nötige (“Ich will aber JETZT, Mama!”), aber langfristig wirkende (“Warum habe ich nur so große Selbstzweifel? Meine Eltern sind schuld!”) Entscheidungen treffen und das unter akutem Handlungszwang und erschwerten Bedingungen (“UÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHICHWILLABER!”).

Memo an mich selbst: Unbedingt mal darüber nachdenken, wie ich diese exzellent trainierten “Troubleshooting”- und “Multitasking”-Kompetenzen in meiner Vita einbauen kann.

6 Monate 4-Erziehungsfragen-Sermon

16.03.2014. Verdammte Axt! Echt jetzt? Ein halbes Jahr?! Gibbet doch nich…

Es gäbe viel zu schreiben darüber, was oftmals zu lesen ist, wenn Leute monatliche Feedbacks zur Entwicklung der Kinder geben: Klar, er ist gewachsen, enorm sogar… Und er hat sich entwickelt wie sich Babys halt entwickeln. Am Anfang war er sehr empfindlich und hat ‘ne ganze Weile gebraucht, um sowas wie anzukommen, in der Welt. Viel geschrien, hat er. Und gar nicht geschlafen tagsüber. P. hat das alles super weggesteckt, denke ich. Keine großen Eifersüchteleien – abgesehen von “Eyä, du sollst das nicht ablutschen!”.

In den letzten Wochen haben wir uns gefunden, es ist rhythmisch. T. schläft abends sehr schnell und zuverlässig (mit Pre HA) ein – Versuch mit Pre ohne HA ist KLÄGLICH gescheitert – und wacht nach 4-5 Stunden wieder auf. Danach wird er gestillt und schläft bei/an mir. Wie er nachts nach der ersten Phase wach wird, kann ich gar nicht sagen. Ab 6/7 ist er morgens endgültig wach und ich auch, mehr oder weniger. Morgens fühle ich mich ziemlich gerädert. Aber seit 2,5 Wochen schenkt er mir und sich – auch sehr zuverlässig – vormittags gute 2-3 Stunden Schlaf. Und das ist wirklich ein Geschenk! Dann komme ich dazu, was für die Uni zu machen. Oder Haushalt. Oder Klarkommen. Ich gewöhne mich leider immer zu schnell an sowas und erwische mich dabei, enttäuscht und unterschwellig genervt zu sein, wenn er schon nach 1,5 Stunden wieder wach ist und ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Genau genommen schaffe ich das nie.

Uni zu machen in diesem 2-3-Stunden-Fenster ist ein bisschen irre. “So. Wo war ich. Ah ja. Bourdieu…” Ich brauche eine halbe Stunde, um mich wieder an die Stelle zu denken, an der ich am Vormittag des vorherigen Tages aufgehört habe. 10 Minuten, um mich wieder in die Texte reinzufuchsen. Und es fällt mich wahnsinnig schwer, sie zu durchsteigen, geschweige denn, sie in Zusammenhang mit meinem Thema zu bringen. TickTickTick… Deine Küche sieht aus wie Sau… TickTickTick… Quäääk…. TickTickTick… Sport müsste ich auch mal wieder machen… TickTickTick… TickTickTick – Die Heranwachsenden müssen “die Fähigkeit zur Unbestimmtheit und strukturellen Umformung und Wandlung” erwerben, um “Entwicklungs- und Modernisierungsprozesse zu ermöglichen” – Waaaaasmüssendie? TickTickTick… TICK TICK TICK… Dann wird er wach, mein Kopf dampft und ich muss wieder in einen anderen Gang schalten, dabei schreit alles nach Pause… Kleines Kind wach, versorgen. Zeit im Blick haben, großes Kind abholen, Nachmittagsaction, abends werden alle nölig, dann noch Abendessen und Bett und danach theoretisch das ganze Chaos des Tages beseitigen. Und abends dann noch was Uni machen? Ich schaffe es einfach nicht, mich dann noch durch meine wissenschaftlichen Texte zu kämpfen. Beide Kinder sind zur Zeit nicht vor 21:30 endgültig im Bett. Dann könnte ich erst anfangen und müsste es auch direkt tun, damit es sich lohnt… Das packe ich nicht. Ich erinnere mich an diese Gefühle… Ich hatte das so bei P. auch als ich wieder angefangen hatte, selbstständig von Zuhause aus zu arbeiten. Es ist zu wenig Tag für all das, was zu tun wäre. Vereinbarkeit Kinder und “Karriere” MY ASS!!!

(Deshalb auch die Stille hier, die ich sehr bedauere.)

Jesper Juul treibt mich auch mal wieder um. Auslöser war seine Kolumne im Standard, die ich erst jetzt entdeckt habe. Ich find den ja immernoch ziemlich toll… Ich habe P., die nach wie vor häufig Heulattacken-Phasen hat, in letzter Zeit häufiger gesagt, dass sie in ihr Zimmer gehen kann, um sich auszutoben und dass sie ja dann wiederkommen kann, wenn sie fertig ist und mag. Ich hielt das für ‘ne okaye Methode. Ist sie aber eigentlich gar nicht, denk ich jetzt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mies und heulig drauf seid und euer Partner würde zu euch sagen: “Geh ins Schlafzimmer und heul dich aus. Du darfst wiederkommen, wenn du nicht mehr weinst.” Irgendwie ist das total das falsche Signal… Sie soll doch nicht denken, dass sie nur akzeptiert wird, wenn sie “genehm” ist… Und auch nach wie vor extrem richtig und wichtig finde ich das, was er zur “persönlichen Autorität” bzw. “persönlichen Sprache” sagt… Dass es nämlich für Kinder vor allem wichtig ist, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Er beschreibt oft und gern von seiner Beobachtung, dass Eltern (und Großeltern oder Erwachsene allgemein) Kindern gegenüber Rollen spielen anstatt aufrichtig und echt zu sein. Anstatt z.B. zu sagen “Du, ich hab da jetzt echt keinen Nerv drauf.” benehmen sie sich so, wie sie meinen, dass sich Eltern Kindern gegenüber benehmen müssten… Dabei sprechen sie von sich in der dritten Person (“Nicht die Mama hauen!” … “Gib der Mama mal die Schere wieder!” *gruselig*) und 3 Oktaven höher als es ihrer natürlichen Stimmhöhe entspricht. Und obwohl ich das sehe und meine, muss ich mich selbst immer mal wieder daran erinnern, einfach echt zu sein und nicht “mich selbst” abzukapseln und zum Eltern-Roboter zu werden. Ein passendes, plakatives Beispiel: Gestern hatte ich ein Freundin mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner zu Besuch. Wir haben versucht, uns zu unterhalten, während die Kinder uns lautstark im Wohnzimmer umkreisten und ohne Unterlass auf uns einquatschten. Wir haben abwechselnd – wahlweise mit netten Worten oder Lockmitteln (“Zeig ihr doch mal…”) – versucht, die Kinder loszuwerden, damit wir uns einfach mal unterhalten können. Irgendwann sagte ihr Partner zu uns: “Warum sagt ihr ihnen nicht einfach, dass ihr mal eure Ruhe haben wollt? Dann gehen sie doch.” – “Klappt bei P. nicht.” habe ich gesagt, es kurz darauf aber ausprobiert (und seitdem mehrmals) und echt Bauklötze gestaunt, weil P. tatsächlich ohne ein Wort verständnisvoll nickt und sich verzieht, um sich allein zu beschäftigen. Manchmal macht man sich’s halt echt unnötig schwer. Weil? Ja, weil wir beliebt sein wollen (auch bei unseren Kindern) und Angst haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Vor nichts haben wir größere Angst, als sie zu traumatisieren… Vor nichts fürchten wir uns mehr, als schlechte Eltern für sie zu sein.

Juuls Frage, ob wir uns (bzw. wer sich denn) wirklich aufrichtig starke und selbstbewusste Kinder wünschen würde, finde ich so unglaublich richtig gestellt und spannend, dass es weh tut. Er meint, die meisten Menschen wollen in Wahrheit – ohne sich dessen bewusst zu sein – genau das nicht, sondern liebe, artige, tüchtige und folgsame Kinder. Vorzeige-Exemplare halt… Ja-Sager. Ich will das nicht! Wirklich aufrichtig! Manchmal, denke ich, sollte ich mir das wieder häufiger bewusst machen, wenn ich die “Trotzreaktionen” meines Kindes mal wieder ätzend und anstrengend-nervig finde…

Einen Widerspruch kann ich aber auch mit Juul nicht lösen: Aufrichtig soll und will ich sein. Ich selbst, meinen Kindern gegenüber. Beim oben genannten Beispiel (10 Heulanfälle in 5 Minuten) bin ich ehrlich extrem genervt und angekotzt. So sehr, dass ich schreien will. Oder Türen schmeißen. Ich möchte kann das Gebrüll manchmal einfach nicht mehr hören ertragen. Es macht mich wahn-si-nnig! Irgendwie scheiße zu reagieren, das wäre die ehrliche Reaktion in den Momenten… Aber natürlich keine Gute. Ich finde nicht, dass sie das verdient hat. Den Fehler macht ja nicht sie. Denn sie ist klein und frustiert, weil irgendwas nicht geht. Und ich bin groß und kann reflektieren und mich zusammenreißen. Anzuerkennen, dass sie pissed ist und sie auch in diesem Moment zu akzeptieren, anzunehmen und ihr beizustehen ist dann doch richtiger. Aber ja eiiiigentlich nicht mehr authentisch. Also was denn nun? Und was ist mit der Süßigkeiten-Flatrate? Juul meint, Erziehung wäre eh ziemlich sinnlos, weil Kinder eh nur vom dauerhaften Vorleben lernen und jedes gewollte Erziehen (im Sinne von dranherumziehen) verschenkte Liebesmüh ist… Keine Belehrungen über gesundes Essen am Essenstisch. Kein Zwang oder Überedeversuche, Gemüse zu essen… Also einfach essen lassen, was und wann sie will? “Noch niemand ist an 3 Wochen nur Nudeln mit Soße essen gestorben.” sagt er sinngemäß und auch: “Die Eltern sind verantwortlich. Dann dürfen sie halt nichts im Haus haben, was sie nicht gut finden.” Hm. Vielleicht wahr, aber ziemlich unrealistisch, oder? (Und Herr Juul himself ist in der Hinsicht wohl auch kein nachahmenswertes Vorbild, by the way… Check) Und wie sieht das aus mit iPad-Spielen und Fernsehen? Irgendwie fühlt es sich schon so an, als müsste man den Kids in der Hinsicht ein Maß mit auf den Weg geben. Ich fühl mich dafür verantwortlich… verpflichtet… Ist das falsch? Kann… Muss… Sollte man denn immer richtig sein (wollen)?

Und dann noch die Sache mit dem “Mann sollte die Kinder einfach mitlaufen lassen”… Man würde seine Kinder heute viel zu sehr mit Aufmerksamkeit überhäufen, viel zu viel Kinder-Animation betreiben… Ja, sehe ich auch so. Sehr sogar. Und wenn man auf’m Bauernhof arbeitet oder auf dem Feld, dann mag das vielleicht auch toll funktionieren… Sich die Kinder einfach auf den Rücken schnallen und ab geht’s. A.B.E.R: Das berücksichtigt irgendwie nicht, wie die Realität Vieler heute aussieht. Was machen wir nämlich? Wir sitzen vorm Rechner. Und dabei kann man die Kinder nicht “einfach mitmachen / mitlaufen” lassen. Man läuft ja nicht. Man sitzt. Und man muss sich konzentrieren. Für’s Kind ist dabei kein Platz. Es gibt nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gibt nur Stille, Geticker und Stören. Computerarbeit und Kinder sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht gleichzeitig.

Hach ja. Schön rumgekreist und vom Weg abgekommen…

Wie die Bilanz nach einem halben Jahr zu viert nun ausfällt?

Medaillenseite 1: Wir sind ziemlich durch. Wir sind spätestens 16 Uhr nachmittags sackmüde, können uns aber meistens nicht dazu entschließen, einfach mal direkt mit den Kindern ins Bett zu gehen. Also tun wir das regelmäßig viel zu spät, denn uns fehlt selbstbestimmte Zeit! Die ziehen wir vom Schlaf ab, wodurch wir natürlich noch müder werden. Wir müssen weitermachen. Immer, immer weitermachen… Auszeiten gibt’s nicht. Oder nicht wirklich. Im Moment wüssten wir nicht einmal wofür wir sie nutzen könnten. Das Quietschen und Quaken des kleinen Kindes bringt uns in den letzten Tagen beinahe um den Verstand. Er ist krank und wahrscheinlich im 26-Wochen-Schub (obwohl ich nicht an das Vorhandensein von Wochenschüben glaube). Die Große macht’s uns auch nicht einfacher durch ihre “Ich kann das aber alleine – ich will aber erster sein – Nein! Das geht so aber nicht – Ihr seid gemein!”-Heul-Tiraden. Abends wünschen wir uns nicht selten, wir könnten die Zeit vordrehen bis zu dem Punkt, an dem die Kinder endlich im Bett sind. *seufz* Mit uns als Menschen, als Denkende, als Aktionisten, als Künstler, als Freunde, als Paar ist im Moment nicht viel los…

Medaillenseite 2: Wir sind ziemlich zufrieden. Wir werden früh von einem glucksenden, ungeheuer niedlichen Baby geweckt. Das erste, was du siehst, ist das verliebteste und ehrlichste Strahlen der Welt. An jedem Morgen ist das erste, was ich tue, meinem kleinen Baby, das direkt neben mir liegt, über den Kopf zu streicheln, ihn aus seinem Schlafsack zu befreien und meine Wange ganz dicht neben seine zu legen. Er streckt sich dann ausgiebig, erzählt ein bisschen und dreht suchend den Kopf umher. Ich flüstere zu K., dass er mal gucken soll, weil sein Sohn ihn begrüßen möchte… Dann rufen wir P., die meist schon seit einer Stunde leise in ihrem Zimmer spielt. Ich höre die tappelnden Schritte, wir ziehen unsere Decken hoch und P. springt mit zu uns in die Kiste. Wir schieben ein Stück vom Rollo nach oben, Sonnenlicht fällt auf’s Bett… K. und ich beobachten, wie unsere Tochter unserem Sohn erzählt, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hat und er lacht sich darüber kaputt. Manchmal kriegt man ziemlich feuchte Augen vor Rührung. Und da ist man gerade einmal seit 10 Minuten wach…

Keine Eifersuchtsdramen. Größere gesundheitliche Downs gemeinsam gemeistert. Ziemlich gut auf einem Nenner gelandet. Und immer wieder überrascht, dass wir das doch irgendwie alles hinbekommen und es sich zwar ständig so anfühlt, als würde die Energie uns im Stich lassen, sie es aber halt nie endgültig tut.

“Wir schuften weiter, immer weiter.”

Rollenspiele-Terror

Für P. gibt’s ja gerade nichts Anderes mehr. Sie rennt Zuhause prinzipiell nur noch im Prinzessinenkleid rum… Prinzessin, Einhörner, Schule, Eltern und Määääääärchen… Von früh bis spät. Und natürlich niemalsnie allein *augenroll*

Versteht mich nicht falsch, es ist ja schön, dass sie so fantasievoll ist, aber ich spiele bei sowas einfach nicht wirklich gern mit. Bin ja eh ein Spielmuffel… K oder die Omis und Opis machen das schon eher Mal mit, wenn auch nicht immer 100% überzeugend ;-)

Wie seht ihr das?

Spielt ihr mit? Findet ihr, man sollte/”muss” sich dazu als Erwachsener (dem Kind zuliebe) “überwinden”, auch wenn man nicht mag? Oder ist “nein, ich mag nicht” sagen okay, weil ehrlich? Und wie könnte ich sie dazu animieren, das mehr allein (mit puppen / Stofftieren zum Beispiel) zu machen (“Ich will aber nicht alleine spielen” *heulipopoili-krokodiligeweichmachertränen-schnief*)? Sollte man sich jeden Tag auch nach der Kita mit anderen Kindern verabreden, damit die das in Ruhe ausleben können? Was haltet ihr vom “Das Kind muss lernen, allein zu spielen”? Jaklar-Neinquark?

Sagt doch mal!