Mach doch selber den Wecker aus!

Mach doch selber den Wecker aus, Mann! Dreht der sich einfach wieder um und schnarcht weiter, nachdem er mich erstmal angeschubst hat. Liebevoll ist auch anders… Empfindet der eigentlich noch irgendwelche netten Gefühle für mich? Hm, aber beim Aufstehen darf man den eh nicht für voll nehmen. Wie kann man nur so lahm in den Tag kommen? Jaaaaaa, MamaMamaMamaMaaaaaama! Mannnnnn! Ich höre euch, verflucht nochmal… Uäääääääh, ich will nicht, ich will liegenbleiben, nur noch fünf Minuten. Ich. will. nicht. Und der schnarcht schon wieder. Mich dann aber anblaffen… Ich finde das soooooo so so so ungerecht! Immer muss ich als Erste aufstehen. Duschen würde ich auch gern mal wieder. Wie sehe ich überhaupt aus? Mein Haare sind bestimmt total eklig und meine Haut tut weh. Immer tut meine Haut weh. Immer ist irgendwas mit meinem Körper. Wann habe ich mich eigentlich zum letzten Mal rundum wohl gefühlt? Ich fühle mich so un- … Vielleicht gehe ich einfach duschen. Dann werden die Kinder immer lauter und er muss irgendwann aufstehen. Aber dann kommen wir zu spät. Hm, sinnlos… Maaaaaann, ich bin müdesomüde. Es ist halt einfach scheiße, wenn ich abends noch Unikram mache. Ich denke dann immer ewig darüber nach und kann nicht einschlafen. Ich bin total aufgekratzt und kratze mich auf. Höhö. Cooles Wortspiel. Muss ich mir aufschreiben. Wo ist mein Handy? Hab ich das gestern noch aufgeladen? Ist das hier im Bett? Das muss doch hier sein .. Ich hatte das gestern noch. Ob die W-Lan-Strahlen schädlich sind? Mist. Schon wieder halb 9. Wir kommen wieder zu spät in die Kita. Immer kommen wir zu spät. Ist das nicht eigentlich total verantwortungslos? Die arme P.! Nie kann sie beim Morgenkreis mitmachen… Da reden die bestimmt immer darüber, wie ihr Tag war und so. Es wäre voll wichtig eigentlich, dass sie dabei ist. Aber wir schaffen das einfach nicht. Ich will aber nicht noch eher aufstehen. Alter! Und der pennt immer noch in aller Seelenruhe… Macht der sich gar keinen Kopf darüber? Wahrscheinlich wieder nicht! Warum denke ich so viel nach? Warum mache ich mir immer wegen allem ein schlechtes Gewissen? Und er so gar nicht… Das ist so gemein. Warum denken manche so wenig nach über sich und andere so wenig? Warum haben manche Menschen mehr Probleme mit schlechtem Gewissen als andere? Warum denkt der nie über sich nach? Oder über uns? Und ich dauernd? Warum können die nicht einfach herkommen, anstatt hier durch die ganze Wohnung zu schreien? Ich hätte heute gern frei. Einfach mal nichts vorhaben. Nichts müssen. Die dreihundert Texte lesen, die noch auf meiner “To read”-Liste stehen… Andere Studis könnten soooo viel lesen. Ich hab so wenig Zeit. Ich wäre gern viel belesener. Und schlauer. Ich fühle mich so dumm… Aber ich komme ja auch zu nichts. Ich hätte gern viel mehr Zeit zum Lesen. Ich würde nur lesen, wenn ich die Zeit hätte… Warum habe ich das früher nicht viel mehr gemacht? Ohhh, T. sieht so niedlich aus, wenn er in seinem Schlafsack hier rein kommt. Ich hätte nie gedacht, dass er so niedlich sein würde. Der ist sooooo drollig im Moment. Hach. Oaaaar, nee, der hat gekackt. Scheiße! Ich hab keinen Bock. Immer muss ich den früh gleich wickeln. Immer fängt der Tag mit Scheiße an… Kann der nicht mal wann anders kacken? Kann K. das nicht mal machen jetzt? Gut, dann steh ich jetzt natürlich doch wieder auf. Hrmpf… Okay… okay… okay… Alter, das stinkt so erbärmlich. Waaaaaah! Jetzt P. auch noch … KANN DER JETZT MAL AUFSTEHEN?!?!? Wenn der jetzt nicht seinen Arsch aus dem Bett bewegt, dreh ich durch… Das kann’s doch echt nicht sein. Wie-so mü-ssen Kin-der sich eigentlich gegen alles wehren, was man mit ihnen vorhat? Warum können die nicht einfach mal einsehen, dass manche Dinge sein müssen. Als würde ich das gerne machen! Es würde doch alles viel schneller gehen. Kann der jetzt nicht einfach mal still hier liegenbleiben?? Och neeeeee, jetzt ist der überall – Neeeein! Nicht auch noch die Hand da rein – ehheheheöööö, ich heul gleich. Das ist mir jetzt schon wieder alles zu viel. Ey, wie viele Arbeitsschritte man an so einem Morgen mit zwei Kindern durchläuft… Da sind andere noch nicht mal aufgestanden. 

… … …

Hach ja. Wir sind ja so Erwachsen… Ich finde es ziemlich unterhaltsam, sich selbst beim Denken zuzuschauen.

Aufruf!

Es wird ja allgemein behauptet, man könne nicht in die Köpfe der Anderen gucken… Also müssten “die Anderen” sich mal in die Köpfe gucken lassen. Eh, ihr Blogger_innen und Leute da draußen: Wenn ihr Lust habt, schreibt doch auch einen “stream of consciousnes“-Beitrag und verlinkt ihn in den Kommentaren unter diesem Post. Und die, die keinen Blog haben: Ihr könnt mir gerne einen Bewusstseinstrom per E-Mail schicken (info -at- babykram-kinderkacke -punkt- com.) Vielleicht mache ich einen Beitrag mit den gesammelten Zuschriften draus, wenn bei mir was ankommen sollte. Wär bestimmt spannend!

Demokratischer Schulbesuch (5)

Ich habe keine Ahnung, wie es bzw. was in Regelschulen aktuell auf Team-/ Kolleg_inn_en-Ebene eigentlich läuft. Wird dort überhaupt innerhalb des Kollegiums kommuniziert? Gibt es für sowas Termine? Und wenn ja: Worüber wird da geredet? Und wie? In der demokratischen Schule wird – das habe ich nun schon das ein oder andere mal erwähnt – sehr, sehr, SEHR viel Wert auf Kommunikation gelegt. “Wie geht’s dir?” ersetzt dort (gefühlt) das “Hallo”. Mehrmals in der Woche gibt es Teamsitzungen, die häufig einige Stunden dauern. Ich empfinde es tatsächlich als ziemlich angenehm, dass Befindlichkeiten dort ernstgenommen werden, dass Bauchschmerzen dringend zu äußern sind, dass einfach ständig miteinander geredet wird und das ganz normal ist. Ich habe auch in (Liebes-)Beziehungen – meistens zum Arrrrrgh meiner jeweiligen männlichen Lebensgefährten – ein großes, ein sehr großes Bedürfnis “über uns” zu reden. Mich interessieren Zwischenmenschlichkeiten einfach und ich grübel auch viel über sowas nach. Im Konzept der Schule steht, dass sie als “lernende, fehlerfreundliche Organisation” zu verstehen sei. Dem auch faktisch zu entsprechen wird sich tatsächlich redlich bemüht.

In den vielen Team-Sitzungen wird viel und vorrangig über Schüler_innen gesprochen, über Probleme, Konflikte, Gefahren, Entwicklungen, Chancen, Wege, … Wie über einzelne Kinder (Fälle) gesprochen wird, ist dabei echt interessant. Im Team gibt’s ganz unterschiedliche Professionen und demzufolge auch Positionen. Während die einen z.B.einen “aufmüpfigen” Schüler genau als diesen besprechen und sehen, bringen andere den familiären Background, die aktuelle Situation des Kindes, das Umfeld, die Clique usw. ins Spiel. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass sich das Team echt gut ergänzt und durch die verschiedenen Blickrichtungen eine ziemlich “ganzheitliche”, zumindest aber nicht einseitige Betrachtung von “Problemfällen” dort stattfindet. Bei Bedarf gibt’s dann noch die Möglichkeit einer Fall-Supervision mit einer externen Psychologin. Dort wird eine unabhängige Meinung von außen bzgl. des Umgangs mit bestimmen “Problem”-Schüler_innen eingeholt, z.B. wenn das Team an seine Grenzen kommt, nicht mehr weiter weiß. Die einzelnen Schüler_innen scheinen den Erwachsenen wirklich am Herzen zu liegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Regelschulen so sozialpädagogisch ticken. Wird dort überhaupt annähernd auf diese Weise kommuniziert? Und wenn nicht… Wie soll das eigentlich ohne gehen? In Erinnerung an meine eigene Schulzeit kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand mal wohlwollend oder in unserem Sinne über (geschweige denn mit) uns gesprochen hat… Allerdings ist das nun auch schon wieder eine ganze Weile her.

Das Schüler_innen-Lehrer_innen-Verhältnis ist auch sehr besonders: Die Schüler_innen haben das Recht auf ein Einzelgespräch pro Woche und auch zwischendurch sind die Erwachsenen eigentlich immer irgendwie ansprechbar. Und (!) die Schüler_innen nutzen das auch. Ich habe mich im Rahmen von Uni-Seminaren in Richtung Schulsozialarbeit immer gefragt, ob die Kinder wirklich zu den Erwachsenen Professionellen gehen und mit denen über ihre privaten Probleme sprechen… Ich war ziemlich skeptisch und konnte mir das eigentlich nicht vorstellen. Aber zumindest an dieser Schule funktioniert das: Während wir spielen setzt sich ein Mädchen zu uns und klagt der Sozialpädagogin ihre Beziehungs- und die daraus resultierenden Freundschaftsprobleme. Eine andere erzählt von einem verschwundenen Gegenstand. Wieder ein anderer von Problemen mit den Eltern… Den Kids scheint der Rat der Erwachsenen tatsächlich auch etwas zu bedeuten. Irgendwie bekommen die den Spagat dort ganz gut hin: Sie sind einerseits “kompetenter” und werden von den Kindern auch so adressiert. Andererseits aber trotzdem nicht unnahbar oder herablassend. Das Verhältnis ist freundschaftlich. Die ganze Nähe-Distanz-Problematik bekommt dort eine ganz andere Dimension: Kinder und Erwachsene umarmen sich bei Begrüßung und Abschied, die Heranwachsenden haben die Handynummern der Erwachsenen, usw. Im großen und ganzen werden die Kinder ernstgenommen und es wird sich weitgehend um Gleichwürdigkeit bemüht. Ich denke, das Gegenteil dessen ist, was mich an Regelschulen extrem stört – dass Kinder abschätzig behandelt werden und nicht ernstgenommen werden – und das es genau das ist, was mir an diesen demokratischen Schulen so gefällt.

Umso mehr fällt es auf, wenn diese “Regel” – über die man als Gast an der Schule übrigens vorher explizit aufgeklärt wird! – verletzt wird. Heute haben sich z.B. einige Kinder pünktlich zur Anfangszeit bei einem Angebot eingefunden. Der “Lehrer” kam 15 Minuten zu spät und hat dann einfach nichts – also keinen Unterricht – gemacht, obwohl die Schüler_innen das eingefordert haben. Die Schüler_innen haben den Lehrer auch darauf angesprochen, er hat aber seltsame Ausflüchte gesucht. Die Situation war wirklich sehr strange. Eine Kommunikation kam hier überhaupt nicht zustande und es schien, als würde der Lehrer die Schüler_innen nicht ernst nehmen. An so einer Schule fällt das extrem auf, was ja prinzipiell eigentlich ein gutes Zeichen ist. Allerdings hätte ich erwartet, dass die Schüler_innen sich irgendwie dazu äußern, einen Antrag einbringen oder ähnliches. Im Gespräch kam aber durch, dass das bei diesem Lehrer als bekannt und normal eingeschätzt wird.

Tatsächlich vermute ich dahinter einen Aspekt, der mir schon häufiger durch den Kopf gegeistert ist, nicht zuletzt beim Lesen dieses Artikels: Wie geht es mit Absolventen demokratischer Schulen weiter? (unerzogen magazin 1/15). Die Heranwachsenden an freien Schulen scheinen sich mit den Erwachsenen fast zu überidentifizieren. Sie wollen, dass es den Lehrer_innen gut geht und vermeiden, dass sie sich nicht gut fühlen. Sie übernehmen Verantwortung für deren emotionales Befinden. Wird das freie Interesse am Ende sogar dadurch gelenkt, dass sie Lehrer_innen einen Gefallen tun wollen? Wie ist das zu beurteilen? Dazu passt z.B. auch, dass ein Teamer aus meiner Schule in der Schulversammlung angekündigt hat, sein Angebot zu streichen, weil keiner mehr kommen würde. In der Woche darauf war der Seminarraum voll. Womöglich ist das ein gar nicht unwesentlicher Punkt: “Böse Lehrer” bieten Kindern etwas ganz wesentliches und vielleicht nicht unwichtiges: Reibeflächen. Die können sie ganz in Ruhe scheiße finden. Das trägt vielleicht nicht unbedingt zum effektiven Wissenshorten bei – aber mal ehrlich: Was weiß man nach der Schule denn noch an Fakten? Worum geht’s denn in Schule wirklich? Ist das Soziale nicht viel entscheidender und ist es dann nicht folgerichtig, die Schule eher zu einem sozialen als einem Wissensanhäufungsort zu machen? Womöglich haben doofe Lehrer_innen nicht unwichtige Funktionen… Die Kids können sich abstoßen und gegen ihre “Knechte” rebellieren. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir als Teenies darüber gesprochen haben, dass wir als Punks die Arschkarte haben, weil es (nach unserem Dafürhalten damals) nichts mehr gab, wogegen man ernsthaft rebellieren könnte. Die Bürde der Freiheit… Die Reibflächen fehlen. An freien Schulen haben die Heranwachsenden haben keine Antreiber, sie müssen – ganz den neuzeitlichen Erfordernissen entsprechend – lernen, sich selbst anzutreiben, zu knechten, zu organisieren – und machen sich damit womöglich sich selbst zum Feind. Dieses Spannungsfeld (Lust vs. Unlust, den eigenen Schweinehund überwinden usw.) selbstständig auszutarieren, sich effektiv produktiv zu machen fällt schon den Erwachsenen nicht gerade leicht und man kann das aus vielen Perspektiven sehr kritisch sehen. Was bedeutet das aber für Jugendliche, die eigentlich ganz andere Probleme – vor allem im Hinblick auf LUST – haben?

Ich frage mich davon abgesehen, ob Unstimmigkeiten im Team genauso offen besprochen werden wie Unstimmigkeiten zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden. Bisher habe ich das noch nicht mitbekommen… Eigentlich wäre das aber wichtig und folgerichtig. Ich kann mir vorstellen, dass diese ganze “Klärungs-Kultur” dazu führt, dass Unstimmigkeiten zwischen den Erwachsenen “wegkooperiert” werden. Von den Schüler_innen weiß ich, dass die Lehrer_innen schon sehr unterschiedlich mit dem Konzept umgehen, unterschiedliche pädagogische Ansätze verfolgen und den Unterricht unterschiedlich handhaben. Also muss es da eigentlich in und wieder Spannungen geben…

Apropos “klären”: Im Moment ist es ganz spannend zu sehen, dass das “Klären” auch Grenzen hat – etwa bei Regelverstößen. Einige Kinder sind über Kommunikation offenbar nicht wirklich zu erreichen. SO ist jedenfalls die aktuell vorherrschende Interpretation. Sie gehen nicht zu Schulversammlungen, verweigern Gespräche, Klärungsversuche und lassen sich auch von Strafdiensten oder “Strafversetzungen” ins Streitgremium nicht beeindrucken. Wie geht man nun damit um? In einer Supervision wurde wohl erklärt, dass es Kinder gebe, die eher durch faktische Konsequenzen als Apelle zu erreichen seien… Nach dem Motto: Wenn du klaust, dann mögen dich die Kinder nicht mehr dabei haben, dann kannst du nicht mit zum Ausflug. Nun gibt es aber Fälle, bei denen das “Fehlverhalten” meiner Meinung nach durchaus einen Sinn hat, wenn man den Fall vom Kind aus denkt. Ich gehe eigentlich grundsätzlich so an Menschen ran. Vereinfacht: Ein Kind baut scheiße, nicht um des Scheißebauens willen, sondern z.B. weil es irgendwie Aufmerksamkeit, Kontakt, Bezug sucht. Gerade an einer Schule mit so vielen Freiheiten ist das durchaus verständlich und umso mehr bei so genannten “schwierigen Kindern”. Wenn nun ein Kind auf der Suche nach Bezug für sein Fehlverhalten einfach zwar konsequent, aber dennoch faktisch bestraft wird, dann funktioniert das vielleicht für die Organisation, weil es den gewünschten Effekt hat (Fehlverhalten hört auf), aber: Was bedeutet das für’s Kind? Was kommt bei ihm an? Kann man das nicht auch anders angehen? Und ein weiteres Problemfeld tut sich da auf: Wenn das eigentliche Problem hinter dem Verhalten nicht in der Schule, sondern in der Familie begründet liegt, was oft der Fall sein dürfte, welche Möglichkeiten und welche Verantwortung hat die Schule dann überhaupt? Was kann Schule da überhaupt an- und ausrichten? Ich glaube, das wäre für mich als Schulsozialarbeiterin – oder generell als Sozialpädagogin – immer wieder sehr schwer zu akzeptieren: Meine sehr begrenzte Zuständigkeit, das nicht bearbeiten können/dürfen/sollen/müssen bestimmter Teilgebiete eines Falls / eines Menschen, mit dem ich zu tun habe. Ich weiß gar nicht, ob das mit meinen Ansätzen überhaupt geht… Ich begreife Menschen und ihre etwaigen (vor allem psychischen) Probleme als Komplexes Gebilde, bei dem alles miteinander zusammenhängt. Da macht es nicht viel Sinn, einzelne Dinge, nach Disziplinen sortiert gesondert zu betrachten.

Im Endeffekt mündet auch das wieder in so weitreichende Fragen wie: Was kann / soll / darf und muss Schule? Was ist ihre Funktion? Und (wie) ist Schule mit einem alternativen Ansatz überhaupt wirklich konsequent denkbar? Was “nützt” die richtige Schule in der falschen Gesellschaft? Und wie müsste die Gesellschaft in welchen Aspekten verändert werden, um zur richtigen Schule zu passen?

Demokratischer Schulbesuch (4)

Ich musste ganz schön hetzen gestern (Dienstag) früh, um pünktlich 8:30 in der Schulversammlung zu sitzen. Die Kinder früh alleine fertig machen, in der Kita abliefern – dort gerade Personalnotstand, nicht wegen Streik, sondern wegen krank und Urlaub -, dann mit dem Rad nach G. düsen, um pünktlich 8:30 in der Schulversammlung zu sitzen. (Schwitz’sch by the way, wenn die Kinder ab 9 Uhr betreut werden.) Hm, ‘Never complain, never explain’ war noch nie so meine Stärke und dass ich “Stärke” gerade mit ‘SCH’ schreiben wollte, verrät so einiges über meine aktuelle geistige Verfassung… Aber einige Eindrücke will ich trotzdem schnell, frisch und von daher halbwegs unverdaut rauspusten, weil mich erfreulicherweise einige Interessenbekundungen bzgl. der Schulartikel erreicht haben.

Diese meine 2. Schulversammlung an der demokratischen Schule war sehr viel besser besucht als die erste. Mein erster Eindruck, dass dort tatsächlich über Dinge verhandelt wird, hat sich auch bestätigt: Schüler_innen bringen Themen ein, melden sich zu Wort, widersprechen den Erwachsenen, zweifeln, hinterfragen, stimmen ab. Auch die jüngeren Schüler_innen sagen durchaus auch etwas (immerhin vor allen anderen) zu Themen, gerade zu Streit-Fällen. Themen, die zu doof oder unwichtig sind, gibt’s nicht.

Die Organisation der Schulversammlungen läuft im übrigen (derzeit – das kann sich ja alles jederzeit ändern) so: An zwei Tagen in der Woche gibt es zu festen Zeiten die große Schulversammlung – die ist offen für alle und findet immer zur gleichen Zeit und im gleichen Raum statt. Das heißt: Die Schüler_innen wissen Bescheid, wann die ist. Einige Tage vorher wird im Foyer der Schule der Themenzettel ausgehangen, auf dem Themen eingetragen werden können, die man besprechen möchte. Es wird dort drauf geschrieben, wer man ist, welches Thema man hat, um was für eine Art es sich handelt (Antrag, Vorschlag, …) und wie lange (kurz/lang) das ungefähr dauert. Zwei Schüler_innen leiten die Schulversammlung. (Bisher waren das einmal eine ältere und eine jüngere Schüler_in und einmal zwei ältere Schüler_innen. Ich weiß noch nicht, wie das entschieden wird.) So ab 8:15 sammeln sich alle, die es interessiert, im großen Saal der Schule. Alle sitzen im Kreis auf dem Boden. Die Tür wird zu Beginn verschlossen. Wer bis dahin noch nicht da ist, muss bis zur Pause warten – ich nehme an, dass dieses Vorgehen mal irgendwann gemeinsam beschlossen wurde. Die Schüler_innen haben einen Themenplan vorbereitet, der vorn hängt, eröffnen die Schulversammlung und fragen zuerst, ob es Gäste gibt, die vorgestellt werden müssen. Danach werden die Themen abgearbeitet, die Schüler_innen moderieren, leiten die Abstimmungen und Auszählungen. Die, die Themen angemeldet haben, tragen ihr Anliegen vor. Wer etwas dazu zu sagen hat, meldet sich mit Handzeichen. In der Pause können die, die sich nicht für die kommenden Themen interessieren gehen und die, die zu spät waren, dazukommen. Geredet wird über ganz unterschiedliche Sachen: Über Regelungen bzgl. des Verlassen des Schulgeländes, über Pünktlichkeit, Anträge ans Finanzkomitee, Angebote, Fragen, Ausflüge, Konflikte, … Bisher wurde beide Male ein Antrag für die Aufnahme von Schüler_innen in das Streitschlichtungsgremium gestellt.

Zu den Konflikten bzw. Anträgen, das ist vielleicht auch ganz interessant: Wenn es einen Konflikt zwischen Schüler_innen gibt, der ausartet oder nicht geklärt werden kann, dann haben die Schüler_innen die Möglichkeit, einen Antrag in den Morgenkreisen zu stellen. (Davon gibt es drei in den Grundschulgruppen und drei offene ab Klasse 4 bis 10.) Morgenkreise laufen 20 Minuten “normal”, d.h. es wird darüber gesprochen, was so los ist, wie es allen geht oder was in der Welt passiert und danach sind 10 Minuten Antragszeit. In denen können Antragsteller_innen dann erzählen, was es für eine Auseinandersetzung gab. Im Morgenkreis wird dann versucht, eine Lösung, einen Kompromiss usw. zu finden. Oft geht es dabei darum, dass eine Person sich entschuldigt oder beide Sichtweisen noch einmal zur Sprache kommen. Allermeisten geht es darum, dass Regeln nicht eingehalten wurden. (Total wichtig ist zum Beispiel die Stopp-Regel: Jede_r an der Schule kann in jeder Situation “STOPP” rufen. Der Deal ist, dass dann aufgehört wird, egal, was gerade ist.) Außerdem können Strafdienste verhangen werden usw. Wenn das Problem im Morgenkreis nicht für alle Parteien zufriedenstellend geklärt werden kann, gibt es die Möglichkeit, mit dem Fall eine Instanz höher – in  die Schulversammlung – zu gehen, und dort vorzuschlagen, dass die Person ins Streitschlichtungsgremium kommt. Daraufhin wird der Fall in der Schulversammlung vorgetragen und darüber abgestimmt, ob die Person in das Streitschlichtungsgremium kommt.

Faszinierend finde ich, wie die Schüler_innen sich diese Strukturen aneignen: Ständig hört man Schüler_innen “Aaaaaaantraaaag!” durch die Gänge und Räume rufen. Sobald zwei sich streiten, wird damit gedroht… Wenn es zwischen zwei Schüler_innen aggressiv wird, rufen die Schüler_innen nicht “prügeln! prügeln!”, sondern “Antrag! Antrag!”. Auffällig sind auch die vielen, vielen, vielen (ständigen!) Diskussionen: Die Erwachsenen sind sehr sensibilisiert hinsichtlich Machtmissbrauch, d.h. sie achten wirklich enorm darauf, Schüler_innen nicht über den Mund zu fahren. Interessanterweise führt das dazu, dass im Alltag in ganz vielen Situationen, z.B. in einer Diskussion bzw. sobald jemand äußert, dass ihr_ihm etwas nicht passt, rausplautzt: “Bring’s doch in die Schulversammlung” – und (erstmal) fertig.

Das führt dazu, dass viele Themen nicht vor Ort und Stelle ausdiskutiert oder besprochen werden. Tatsächlich kann das aber auch dazu führen, dass einander gar nicht zugehört wird bzw. das Kinder kein Gehör finden, denn nicht jedes Kind ist – denke und beobachte ich – so weit oder traut sich, so “kleine” Dinge – wie z.B. die Unzufriedenheit damit, dass es beim Vesper nur ein Brot pro Kind gibt oder das Vesper PUNKT 14:30 startet und keine Minute eher – in der Schulversammlung auf den Tisch zu bringen und zu diskutieren .

Von wegen regel- und strukturlos! Man neigt ja dazu, sich das so vorzustellen: Freie Schule heißt keine Regeln. Aber dem ist ganz und gar nicht so: Dem (scheinbaren) Chaos und der unübersehbaren Lebendigkeit dieser Schule stehen ganz klare Regeln und Strukturen gegenüber – darauf komme ich bestimmt in anderen Einträgen noch genauer zu sprechen. Diese gemeinsam ausgehandelten Regeln halten das Ganze zusammen wie ein äußeres, formgebendes Netz, in dem sich alles andere – die “Freiheit” – abspielt.

Das ist für mich wirklich überraschend: Dort wird wirklich alles gemeinsam geklärt. Wenn man das nicht mal direkt erlebt und bearbeitet hat, kann man sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, welche Auswirkungen das tatsächlich hat. Man kann z.B. nicht einfach mal spontan an einer Teambesprechung teilnehmen. Das muss als Antrag eine Woche vorher eingebracht, besprochen werden und abgestimmt werden. Das ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Und ich weiß gar nicht, wie ich das eigentlich sehe… Warum fühlt sich das eigentlich zum Teil so seltsam an? Warum denke ich manchmal “uhuhuuhuuuu” (i.S.v. “Meeeeeine Fresse, jetzt habt euch doch nicht so!”)? Fällt und stößt einem das als “Normalsterbliche” so extrem (und z.T. quasi unangenehm) auf, weil es im Standard-Leben tatsächlich so wenige demokratische Strukturen gibt? Gibt’s ein zu viel an Demokratie? Mir fällt außerdem auch ein Aspekt an Hierarchie und eben nicht Demokratie auf: Es ist bequem, sich in von anderen bestimmten und nicht diskutablen Strukturen zu bewegen… Es vereinfacht die Dinge, wenn Menschen Dinge festlegen und zum festlegen (deine Meinung repräsentieren) bestimmt wurden.

Ich habe ganz stark den Eindruck, dort zu begreifen, dass Demokratie eben nicht gleichgesetzt werden kann mit Harmonie und alle haben sich lieb. Im Gegenteil! Demokratie fängt dort an, wo die Wahrheit endet; wo es keine Gründe und keine Eindeutigkeiten mehr gibt. Dort ist keine Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung. Es wird wahnsinnig viel gestritten, permanent diskutiert, verhandelt usw. An anderen Schulen scheint das vielleicht anders zu sein, aber wahrscheinlich nur, weil es die Diskussionsräume gar nicht gibt. Das kann nun oberflächlich harmonischer wirken, während unter der Oberfläche zahlreiche Konflikte schwelen, die durch die vorhandenen Machtstrukturen aber nicht wirklich ausbrechen (können)… Fragt sich nur, über welche Ventile die dann frei gelassen werden und was das eigentlich mit Menschen macht, dieses sich-Anpassen, mitmachen, die Schnauze halten und wahrnehmen, dass ich mich zu beugen und meine Meinung für mich zu behalten habe. Diese extreme Form der Kommunikation und Aushandlung empfinden, glaube ich, viele befremdlich an vielen alternativen Settings, seien es nun sozio-kulturelle Zentren, politische Organisationen oder oder… Und ja, das ist auch wirklich anstrengend, das bindet viel Energie. Andererseits ist die Frage, ob es wirklich “besser” ist, um des lieben Friedens willen – der ja irgendwie doch nur ein Scheinfrieden ist – nicht zu kommunizieren und Unstimmigkeiten mit sich zu klären.

Ich finde diese Strukturen und Kommunikationsmöglichkeiten dort schon sehr, sehr bemerkenswert. Das ist das, was diese freien und demokratischen Schulen so besonders macht. Wenn ich bedenke, dass wir an unserer Schule gerade einmal eine Vertrauenslehrerin hatten, bei der aber niemandem so wirklich klar war, wo die ist, wann die Sprechstunde hat und überhaupt… Es gab einfach keine Räume – jenseits des Unterrichts – über irgendetwas zu sprechen.

Gleichzeitig wirken diese Kommunikationsstrukturen auf mich irgendwie… unnatürlich. Ich frage mich, wie hoch die Hemmwschwelle bei den Kindern ist, eigene Themen in die Schulversammlung zu bringen. Da der Großteil der Themen aber dort vor und mit allen geklärt wird, kann es passieren, dass Dinge unter den Tisch fallen, weil es einen “inoffiziellen Raum” nicht gibt… Einfach mal was schnell klären ist dort nicht. (Nun gut… Es gibt die Möglichkeit der Einzelgespräche, die Sozialpädagog_inn_en sind auch immer ansprechpar usw… Falls jemand ein persönliches Problem hat, hätte sie_er schon Ansprechpartner_innen.) Die Spontaneität geht ein bisschen verloren. Die Strukturen beeinflussen die Kommunikation aller und auch der Schüler_innen untereinander total extrem. (Das habe ich oben versucht zu zeigen – “Antrag! Antrag!”) Ich tue mich mit solchen Gremienstrukturen allgemein schwer, das geht mir auch bei Gewerkschaften so. Irgendwie fühlen sich diese Organisationsstrukturen so behördlich und damit… ja wie eigentlich? an. Ich muss darüber noch ein bisschen nachdenken.

Ha! Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie die “Unterrichtsstunden” so waren, die ich mir angeschaut habe, über “das Spannungsfeld” Konzentration und Lebendigkeit, übers “Zocken” und/oder über die Arbeit der Erwachsenen, über das, was ich dort tue… und vorher nur kurz meine Tage dort umreißen. Dabei bin ich nicht einmal über den ersten Punkt – “Schulversammlung am Dienstag” – hinausgekommen. Es gibt also noch ‘ne Menge zu erzählen. Aber jetzt ist mein Hirn Matsch. In diesem Sinne: Gute Nacht!

Demokratischer Schulbesuch (3)

Eine Frage, die sich viele in Bezug auf freie Schulen stellen ist: Was passiert eigentlich nach dem Besuch einer solchen Schule? Lernen die da überhaupt was? “Die lernen doch da gar nichts!” ist das wahrscheinlich am häufigsten gehörte Vorurteil bei dem Thema. Das sieht man sehr schön im Kommentarbereich unter dem Artikel “Wer will kann zehn Jahre lang im Baum hocken” (Spiegel Online) über eine freie Schule. Die Vorbehalte liegen ja auch nahe: Diese Schulen kann man ja als sowas wie die richtige Schule in der falschen Gesellschaft betrachten. Können solche Schulen die Kinder überhaupt auf das “böse” Leben danach vorbereiten?

Über die Bildungsbiografien von Absolvent_innen dieser Schulen habe ich in den vergangenen Monaten eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben und mich in dem Zusammenhang ausführlich damit auseinandergesetzt. (Wen das ausführlich interessiert: Der ganze Text Freie Alternativschule und danach (?) als PDF). Dabei kam im Wesentlichen heraus:

  1. Bildungsbiografien/Lebensverläufe von Alternativschulabsolvent_inn_en sind so gut wie nicht erforscht. (Eine Forschungslücke, die ich, wenn ich die Gelegenheit bekommen sollte, sehr gern schließen würde.)
  2. Zum familiären Hintergrund der Schüler_innen: Vorrangig alternative Eltern schicken ihre Kinder auf freie Alternativschulen. (“Alternatives Milieu” –> zu den Milieus gibt’s hier Infos. Vom alternativen Milieu wird heute nicht mehr gesprochen, das wurde 1995 revidiert. Am ehesten ist es mit dem postmateriellen Milieu zu vergleichen.) Über 50% der Eltern haben hohe Bildungsabschlüsse. Trennungs- und/oder Scheidungskinder gibt es an diesen Schulen überdurchschnittlich oft. (Forscher_innen vermuten, dass getrennte Eltern in den alternativen Schulen eine besondere Form der Unterstützung sehen, die sie brauchen und ihre Kinder deshalb oft auf solche Schulen schicken. Außerdem vermute ich, dass der Fokus auf Selbstverwirklichung und die Neigung zu Selbst-Reflexion und damit zusammenhängenden häufigen Umentscheidungen, die für Vertreter_innen alternativer Milieus typisch z sein scheinen, auch vor der Partnerwahl nicht Halt machen.) Das Einkommen der Eltern ist sehr unterschiedlich, “von der Sozialhilfe bis zum Professorngehalt”. Letzteres trifft auch auf die Schule zu, an der ich gerade bin.
  3. Kindern, die alternative Grundschulen besuchen und danach auf eine “normale” weiterführende Schule, wechseln meist auf Schulen, an denen sie Abitur machen können und schaffen das in der Regel auch. Rückstände im Vergleich zu den Regelschüler_innen haben sie, wenn, dann vor allem im Bereich Rechtschreibung, wobei die Rückstände aber wohl schnell und vor allem selbstständig (!) von den Schüler_innen aufgeholt werden können.
  4. Fast alle Kinde, die zehn Jahre lang eine freie Alternativschule besucht haben, machen einen ersten Schulabschluss (meist Realschule). Kaum Schüler_innen verlassen die Schullaufbahn ohne Abschluss, es sind jedenfalls deutlich weniger als im Durchschnitt. Die meisten Schüler_innen besuchen nach Verlassen ihrer freien Schule weiterührende Schulen und viele (die meisten) machen Abitur.  Laut der Forscher_innen liegt die Abschlussverteilung über dem Durchschnitt. Die Absolvent_innen bleiben recht lange in der vollzeitschulischen Ausbildung bevor sie in die Arbeitswelt wechseln. 66% der Schüler_innen aus einer Untersuchung wechselten an ein Gymnasium, 25% auf berufsbildende Schulen, 10% auf andere und nur 2,9% begannen direkt nach Klasse 10 eine Ausbildung. Berufsbildende Schulen besuchten sie meistens, um einen zweiten, höheren Schulabschluss zu erwerben (Fachabi). Der Wechsel von der alternativen zur Regelschule gelingt den Schüler_innen meist ganz gut. Rückstände gibt’s wenn, dann in den Bereichen Orthographie, Mathematik und Englisch. Die Rückstände holen auch die älteren Schüler_innen meist selbstständig und schnell auf. Befragte Regelschullehrer_innen beschreiben die Alternativschulabsolvent_innen als auffallend selbstständig, kommunikativ höchst kompetent, und insgesamt als Bereicherung für den Klassenverband. Die Schüler_innen, die gewechselt haben geben nicht etwa größeren Leistungsdruck, sondern vor allem den Unterrichtsstil und das schlechte Lehrer-Schüler-Verhältnis als extremste Umstellungserfahrung an. In einer Untersuchung fand ich das aussagekräftige Zitat:

    Das Unterrichtssystem und die Art, wie die Lehrer mit uns umgingen, haben stark mein Interesse geschwächt, sogar in den Bereichen, die mich vorher sehr interessiert haben. Ich merke, dass ich nicht mehr aus eigenem Interesse lerne, sondern hauptsächlich, um mein Ziel den Abschluss zu erreichen.

  5. Nach der Schule wechseln Absolvent_innen freier Schulen eher nicht auf direktem Weg in die Berufstätigkeit. Sie verbleiben nicht nur lange im Schulsystem, sie nutzen auch die Jahre nach der Schule für ausgedehnte Orientierungsphasen. Das ist nach Meinung einiger Forscher_innen ein allgemeiner Trend, bei Absolvent_innen freier Schulen sei er aber besonders ausgeprägt. Die österreichischen Absolvent_innen geben an, dass es ihnen bzgl. des Berufs wichtig sei, einen zu finden, der ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht. Der Durchschnitt hingegen legte mehr Wert auf gute Bezahlung, einen sicheren Arbeitsplatz und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Viele Absolvent_innen studieren (in der Studie 44%). Über Berufswahl, Einkommen usw. liegen (noch) keine Untersuchungen vor.

Klingt ja alles soweit ziemlich super. Die Ergebnisse muss man aber ein bisschen einschränken:

  1. Die Datenlage ist wie schon gesagt sehr, sehr, dünn.  Für meine Auseinandersetzung mit dem Thema konnte ich nur auf eine deutsche Studie aus den 90er-Jahren zurückgreifen und auf zwei aus Österreich. Die deutsche Studie bezieht sich außerdem auf die Glocksee-Schule in Hannover, die eine staatliche Versuchs- bzw. mittlerweile Angebotsschule ist. Das heißt, sie ist 1. besser mit finanziellen Mitteln ausgestattet als andere freie Schulen und darf 2. selbst prüfen und staatlich anerkannte Abschlüsse vergeben. Ich vermute, dass es bzgl. der Abschlüsse nicht unwichtig ist, ob die Schüler_innen von den Lehrer_innen an der Schule geprüft werden, die sie seit zehn Jahren kennen oder ob sie an einer anderen Schule von Fremden geprüft werden, die sie vorher noch nie gesehen oder gesprochen haben. Es kann also sein, dass die Abschlussverteilung an genehmigten Ersatzschulen, die selbst keine Abschlüsse vergeben dürfen, nicht ganz so eindeutig ist. Darüber gibt es aber keine Statistiken.
  2. Sind die Eltern größtenteils gebildet. Das wirkt sich – das kann man jedenfalls stark vermuten – wahrscheinlich nicht unwesentlich auf die Abschlussziele und auch die Motivation, zum Unterricht zu gehen, aus. An diesen Schulen ist im Moment einfach nicht die soziale Durchmischung zu finden wie an “normalen”. Das ist bei Reformschulen generell so und das ist auch etwas, das ich sehr kritisch sehe. Das Eliteschul-Dilemma. Gerade bei den Alternativschulen ist das etwas tragisch, weil sie ja gerade keine Elite “züchten” wollen. Die Schulen haben das selbst durchaus auf dem Schirm – bei der letzten Tagung des Bundesverbands der freien Alternativschulen (BFAS) ging’s z.B. genau darum (Bitte gründlich mischen! Freie Schulen auf der Suche nach gesellschaftlicher Diversität).

Insgesamt können die Ergebnisse aber schon zumindest dem “Die lernen da ja gar nichts” etwas entgegensetzen. Klar wird aber auch, dass die Alternativschüler_innen sich Zeit lassen und offenbar nicht daran interessiert sind, schnellstmöglich zu effizienten Leistungsträgern der konsumkapitalistischen Hochleistungsgesellschaft zu werden.

Auch in meinem Gespräch mit F., einem Absolventen der Schule, an der ich bin, kamen wir immer wieder auf das Lernen, Lernmotivation, Ziele usw.:

Die Regelschüler definieren sich über ihre Noten! Die denken “Ich habe eine 1 in Mathe, ich bin gut in Mathe.” oder halt “Ich habe eine 4 in Englisch, ich bin schlecht in Englisch.” Die quälen sich dadurch und machen sich richtig fertig, haben Panik. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Wenn ich ‘ne 3 hab, dann hab ich halt mal ‘ne 3. Ich weiß einfach, dass die Note nur ein Ausschnitt ist und dass es 1000 Gründe haben kann, warum die nun so oder so ausfällt. Mir fehlt da das Nachdenken über die Relationen: Was bedeutet denn die 1 oder die 4? Die Noten sagen meiner Meinung nach nichts darüber aus, wie “gut” oder “schlecht” man in einem Fach ist. Eine 1 heißt nicht, dass man schlau ist und eine 5 heißt nicht, dass man doof ist. Ich beziehe da ganz andere Aspekte ein, um sowas zu beurteilen. Jedenfalls mache ich es nicht an den Noten fest.

(…)

Es war auch lange so, dass Eltern viele Kinder nach der 4. aus der Schule genommen haben, so von wegen “Noch ein bisschen Kindergartenschule ist ja ganz nett, aber jetzt muss er auch mal was richtiges lernen.”

(…)

Den Schülern an den Regelschulen ist überhaupt nicht klar, dass sie eigentlich für sich selber lernen (sollten), nicht für die Lehrer oder die Eltern oder sonstwen. Und das geht an der Regelschule einfach auch unter. Noten sind dabei gar nicht so das Hauptproblem. Wir haben zum Beispiel einen Lehrer an der FO, der nicht so durchsetzungsfähig ist. Und dann sprengen die einfach den Unterricht. Einfach, weil sie es bei dem können. Dabei ist das ein Fach, was eigentlich alle interessiert. Sie verstehen nicht, dass sie damit in allererster Linie sich selbst schaden.

(…)

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, die Beziehung, ist natürlich auch anders. Es ist nämlich eine, also eine Beziehung. An der freien Schule haben Lehrer und Schüler Respekt voreinander, sind offener, netter. Der Lehrer ist hier einfach ein Mensch, den ich kenne. Ich weiß, wenn H. nicht da ist, dann ist er krank oder im Urlaub oder was weiß ich. Es ist familiärer, auf Augenhöhe. Und: Hier sehen sich Lehrer Schülern gegenüber, die wollen, dass man ihnen was beibringt. Das ist an Regelschulen ganz, ganz anders.

(…)

Schule bedeutet für mich Freunde treffen, Kontakt haben, Kommunikation und eigene Interessen verfolgen. Es ist irgendwie sowas wie ein zuverlässiger Kontaktraum.

(…)

(Was hat dir die Schule gegeben?) Selbstvertrauen! Ich war am Anfang wirklich zurückhaltend, still und nur für mich, wurde an andren Schulen gemobbt. Hier habe ich Selbstbewusstsein und -sicherheit entwickelt. Und ich habe gelernt, Sachen zu hinterfragen, Dinge offen zu sagen, vor großen Gruppen zu sprechen. Auch Streitschlichtung und allgemein kommunikative Fähigkeiten habe ich hier mitgenommen.

(F. war an vielen verschiedenen Schulen – auch Waldorf und Montessori. Letztendlich hat die freie Schule für ihn und seine Eltern am besten gepasst.)

(…)

Die Kinder hier haben schon meistens Lust auf die Schule. Manche lernen aber an der freien Schule einfach nicht, also sie gehen nicht zu den Angeboten. Das gibt’s auch. Die meisten gehen spätestens, wenn dann die Prüfungen anstehen, also in der 9. und 10. Klasse in die Prüfungsvorbereitungsgruppen. Und Sachen, die einen interessieren, die macht man auch früher. Es hängt auch stark davon ab, was die Freunde machen. Wenn alle Freunde zum Beispiel in ein Angebot gehen, dann geht man da auch hin, weil man sonst alleine auf’m Schulhof steht. Ohne Prüfungen am Ende der 10. würde man schon auch in Angebote gehen, denke ich. Aber halt nur in die, die einen interessieren. Sachen, die ich dumm finde oder die mich nicht interessieren, die würde ich dann halt nicht machen. Die Kriterien sind schon: Was interessiert mich? Was brauch ich?

Auch L. erzählte mir, dass er einen bestimmten Berufswunsch hat und deshalb vor allem zu den Angeboten geht, die dafür wichtig sind und dass er für die Fächer auch das meisten macht. Das habe ich in den Gesprächen schon oft gehört. Die Schüler_innen gehen zu den Angeboten, die sie interessieren. Sie gehen dann zur Schulversammlung, wenn dort etwas besprochen wird, was sie interessiert. Sonst halt nicht.

Aber wenn es an die Prüfungen geht, müssen sie dann auch in den saueren Apfel beißen und sich mit Dingen beschäftgen, die ihnen nicht so liegen. Man kann sich schon mal ganz grundsätzlich fragen, wie sinnvoll das eigentlich ist. Warum müssen sich Heranwachsende eigentlich jahrelang mit Formeln, geometrischen Berechnungen oder Gedichtanalyse beschäftigen, wenn ihnen das einfach überhaupt nicht liegt und sich dann auch noch in ihrer Auseinandersetzung von “kompetenteren Erwachsenen” – die ja eigentlich nur die mit dem Lösungsbuch sind – bewerten zu lassen? Wie sinnvoll ist es, Kindern zu vermitteln, dass sie in jedem Bereich gut sein müssen? Warum können Schüler_innen in der Regel nicht selbst entscheiden, womit sie sich auseinandersetzen?

F. erzählt mir aber auch von fehlender Motivation. Von Leuten, die eigentlich auf’s Gymnasium gehen wollten, um Abi zu machen, dass sie dort auch anfangs gute Noten gehabt hätten, dann aber abgerutscht wären und zum Teil abgebrochen hätten, weil

…einfach die Motivation fehlt. An der freien Schule macht man halt nur, was einem sinnvoll erscheint. Dort ist das Ziel nur der Abschluss und der liegt irgendwie noch so fern. Man sieht einfach denn Sinn nicht und muss sich überwinden, Woche für Woche sechs bis acht Stunden in der Schule still hocken zu müssen und im Endeffekt alles nur, damit man keine Fehlstunden hat. Der Zwang, damit kommen man nicht so gut zurecht. Damit, dass man die eigenen Interessen nicht mehr verfolgen kann. Und man hat ja dann schon einen Abschluss, es muss halt nicht sein, dass man sich mit Dingen beschäftigt, die einen nicht Interessieren. Und das sieht man dann nicht so richtig ein und dann lässt man es halt schleifen… An der freien Schule hat einen ja niemand angetrieben. Wenn ich jetzt (( F. ist 19 und an der Fachoberschule, um sein Fachabitur zu machen )) lerne, dann lerne ich halt den Stoff für die Prüfung und vergesse es danach wieder. An der freien Schule habe ich gelernt, weil ich es verstehen wollte.

F. erzählte übrigens von ganz unterschiedlichen Bildungsbiografien/Lebensverläufen nach der freien Schule:

  • Realschulabschluss > Fachabitur
  • Hauptschulabschluss (bewusste Entscheidung!) > Einzelhandelskaufmann > eigener Laden
  • Realschulabschluss > musikalische Ausbildung
  • Realschulabschluss > Ausland, Kinder > physiotherapeutische Ausbildung
  • Realschulabschluss > Gymnasium > Abitur > Studium

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Schüler_innen Absolvent_innen irgendwie entspannter sind, nicht so getrieben und gestresst wie andere Heranwachsende im Hinblick auf ihre Zukunft, Abschlüsse, Noten, Berufswahl usw. Sie scheinen mehr bei sich zu sein. Sie machen sich Gedanken darüber, was sie wollen, was sie interessiert und wer sie sind, was sie gut finden, was nicht und warum. Das mit dem Selbstvertrauen kann ich schon bestätigen.

Gerade dieses individualistische kann aber auch ein Ansatz für Kritik sein: Sind die Heranwachsenden nicht wirklich sehr stark auf sich selbst und ihre eigenen Interessen, ihre Selbstverwirklichung fixiert? Übersehen sie neben all der Orientierung an ihren eigenen Interessen dann nicht (gesellschaftliche) Notwendigkeiten?

Ist es nicht wichtig, die Fähigkeit auszubilden, auch mal dranzubleiben? Auch mal was durchzuziehen, was im ersten Moment nicht so ‘nen Spaß macht? Wenn ich virtuos Klavier spielen will, muss ich erstmal üben und das Klavierspielen langwierig und sehr unspaßig lernen, erst dann kann ich wirklich frei damit umgehen und kreativ sein.

Fördert diese Ich-Zentrierung nicht außerdem auch Ellenbogen-Mentalitäten und Konkurrenzdenken? Ist das überhaupt ein besonderes Merkmal freier Alternativschüler_innen? Ist das nicht eher ein ganz allgemeiner Trend, der bei vielen (den meisten?) Kids heute festgestellt werden kann? Dafür sind ja nicht in erster Linie Schulen verantwortlich, sondern andere, allgemeine gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Kinder waren ja, glaub ich, noch nie so im Zentrum der (u.a. elterlichen) Aufmerksamkeit wie heute.  Facebook, YouTube und Co. befördern den Drang zur Selbstdarstellung zusätzlich. Und diese sozialen Netzwerke sind für die Kids unglaublich bedeutsam. Hat die Regelschule in der Hinsicht Vorteile, nur weil sie mit Zwang und Kontrolle arbeitet? Stellt die das Ich weniger ins Zentrum? Gerade das Notensystem der Regelschulen fördert ja stark, vorrangig an sich selbst und sein Weiterkommen zu denken. Nur dass sich die Ich-Fixierung hier nicht auf die eigenen Interessen bezieht, sondern auf die von außen bewertete Leistung – Hauptsache besser sein als die anderen. Meiner Überzeugung nach begünstigt das problematische Dinge wie Anpassung, affirmative, d.h. unkritisch-befolgende Haltung zu Normen, Orientierung an von außen herangetragenen Anforderungen, Duckmäusertum, Unterordnung, Abhängigkeit von positivem Feedback und Selbstausbeutung stark, spielt aber natürlich den heutigen Arbeits- und Wirtschaftsverhältnissen absolut zu. Die Konsumgesellschaft funktioniert auch deshalb so “gut”, weil in den normalen Schulen das Gegenteil von kritischem Denken passiert und die Menschen zu Schienenfahrern statt zu Schienenlegern werden (Martin Wagenschein geklaut, der sich Zeit seines Lebens stark gemacht hat für eine Lehre nach dem Prinzip des Verstehens, des Nachvollziehens der Genese von Wissen statt der Vermittlung von Wissensresultaten).

Die  freien Schulen setzen Ich-Fixierung und der damit einhergehenden Gefahr der Ellenbogen-Mentalität aber demokratische Strukturen, gemeinsam ausgehandelte Regeln, Streitschlichtungsgremien, einen starken Fokus auf Kommunikation und das persönliche, gleichwürdige Schüler-Lehrer-Verhältnis entgegen, wodurch schon ein Bewusstsein für Solidarität, gemeinsame Verantwortung usw. begünstigt wird.

“Erfolg” als Kriterium… Hm, wann eine Schule “erfolgreich” ist und ob sie in der Lage ist, Kinder “gut” auf ihr Erwachsenenleben vorzubereiten ist eine Frage, deren Beantwortung immer abhängig von individueller Weltanschauung ist. Das hat philosophische Dimensionen: Ist es wichtiger, dass Kinder zu effizienten, “erfolgreichen” Arbeitsbienen werden und sich im Gesellschaftsspiel gut platzieren können, um schließlich im Idealfall die Schlossallee zu besitzen oder (noch “besser”) die Bank zu verwalten oder ist wichtiger, die Kinder mit einem “gesunden” Selbstvertrauen auszustatten, sich selbst näherzubringen und womöglich auch die Spielregeln zu durchschauen, zu kritisieren und schließlich mitzubestimmen? Welche Funktion und welche Rolle spielt Schule in unserer Gesellschaft eigentlich? Was kann, soll und muss sie leisten?

An diesem Spannungsfeld der Ich-Fixierung/Individualität vs. Gesellschaftsorientierung/Notwendigkeiten und an der Frage, wie man damit in kritischem Geist in einer Schule sinnvoll umgehen könnte, werde ich wohl noch eine ganze Weile zu knabbern haben. Wer Hinweise, Anmerkungen, Kritik, … hat, der/die schreibe mir gern!

Demokratischer Schulbesuch (2)

Tag 2 meines Praktikums an der freien Schule.

Heute habe ich besser verstanden, was den Unterschied zwischen den Grundschul-Klassen und den höheren ausmacht:

  • Die Klassenstufen 1-3 sind in festen, altersgemischten Gruppen eingeteilt, zu je 18 Kindern. Jeweils sechs aus jeder Altersstufe, deshalb gibt es drei Grundschulgruppen. Der Morgen beginnt dort in den festen Gruppen mit dem Morgenkreis. Die Gruppen haben je ein_e Erzieher_in und eine_n Lehrer_in.
  •  Ab Klasse 4 gibt es keine festen Gruppen mehr, sondern Vertrauenslehrer. Morgens gibt es drei offene Morgenkreise, zu denen die Schüler_innen gehen können, wenn sie wollen. Und es gibt die schon erwähnten Angebote, an denen die Schüler_innen teilnehmen können.
  • Ab Klasse 9/10 gibt es Prüfungsvorbereitungsgruppen in allen Fächern. Dort gibt’s eigentlich ganz normalen Unterricht. Die Teilnahem ist auch freiwillig, den Schüler_innen ist aber sehr bewusst, dass sie dort sinnvollerweise hingehen, wenn sie die Realschulprüfung (die sie extern als Fremdprüfung ablegen) bestehen wollen. Danach könnten sie, wenn sie wollen, irgendwie ihr Abi machen.

Ich habe außerdem ein weiteres demokratisches Element kennengelernt: Die Rückmelde-Runde. Dort treffen sich Schüler_innen und Lehrer_innen, um sich über neues Personal zu unterhalten. (Nachdem dieses schon unter Mitbeteiligung der Schüler_innen auf Probe eingestellt wurden.) Darüber, ob die Probezeit verlängert oder beendet werden soll, wie zufrieden alle sind usw. Nach der Runde wird dann gewählt. Das ist schon ein echt großer Unterschied zu anderen Schulen. An Regelschulen darf nicht einmal die Schule entscheiden, welche Lehrer_innen sie einstellt. Das wird auf Landesebene entschieden. Und dort entscheiden es die Schüler_innen (mit). Macht ja auch Sinn, schließlich müssen die mit denen tagtäglich klarkommen. Daumen hoch dafür. Auffällig war aber – wie schon bei der Schulversammlung -, dass sich nicht wirklich viele Schüler_innen beteiligen. Die meisten, die dort waren, waren Mädels zwischen 12 und 16. Die ganz kleinen Schüler_innen und die  Jungs kamen nicht.

Dann gibt’s noch ein weiteres Gremium: Die Streitschlichter. Dort werden Konflikte geklärt, die weder im Morgenkreis, noch in der Schulversammlung zufriedenstellend geklärt werden konnten. Alle Schüler_innen und Lehrer_innen, die dort drin sind, müssen vorher ein Streitschlichtungs-Seminar absolvieren. In dem Klärungsgremium wird versucht, zwischen den Konfliktparteien irgendwie eine Einigung auszuhandeln. Das bringt wahrscheinlich in Sachen “Sozialkompetenz” ‘ne ganze Menge…

Außerdem konnte ich heute einige Schüler_innen kennenlernen. (Ich sagte ja schon, dass dort viel gespielt wird. Dementsprechend wird man als Praktikant_in schnell zum (Mit-)Spielen “verdonnert”. Ich mache mein Praktikum aber auch im sozialpädagogischen Bereich, das ist so eine Art Spielecafé / Aufenthaltsraum / Ganztagsangebot.) Die Kinder kommen auf mich zu, fragen, wer ich bin, was ich an der Schule mache, wie lange ich bleibe usw. Auch hier sind’s meist Mädchen, die mich ansprechen… Der neue Sozialarbeiter wird mehr von Jungen frequentiert.

Was mir gestern schon auffiel und heute noch mehr: Es scheint mir gerade als gebe es nur zwei extreme Möglichkeiten des Schulalltags a) Schüler_in nimmt an einem Angebot der Lehrer_innen teil oder b) Schüler_in macht ihr eigenes Ding, auch wenn das heißt: nicht wirklich irgendwas. Dazwischen klafft irgendwie eine Lücke. Das Spielecafé und die dort arbeitenden Sozialpädagog_inn_en fangen einiges auf, aber eins ist nicht von der Hand zu weisen: Die Kids hängen offensiv rum. Viele scheinen sich zu langweilen und irgendwie ihre Zeit abzusitzen… Mir scheint, als würden viele nicht wirklich “abgeholt”. Die Lehrer_innen bieten zwar auch (wöchentlich) Einzelgespräche an – aber auch hier ist es wie bei den Angeboten: Wenn jemand das Angebot nicht wahrnimmt, passiert halt auch nichts. Die Schüler_innen müssen von sich aus kommen.

Ich komme ein bisschen ins Hadern: Was halte ich von der Langeweile? Vom Nichtstun? Vom Rumhängen? Vom Selbstmotivations- und -steuerungsdogma? Sollten Teenies, die in ihrer Null-Bock-Phase sind, irgendwie angetrieben werden? Wie geht man überhaupt mit Teenies an solchen Schulen um? F. – der Absolvent, mit dem ich gestern lange geredet habe – erzählte, dass immer früher oder später einige anfangen würden, zu randalieren, weil sie nichts mit sich anzufangen wüssten. Ein Mädchen antwortet auf die mittägliche Nachfrage, was sie denn heute noch so machen würde “Mich langweilen”. Andere sagen, sie würden sich manchmal wünschen, ein bisschen “in den Arsch getreten” zu werden. Von den Motivationsproblemen hat auch F. berichtet. Sich ganz allein zu organisieren und zu motivieren, ist halt doch ganz schön viel verlangt von Kinder zwischen 6 und 16.

N. (10) und C. (9) sind zum Beispiel so ein Fall. Gegen Mittag hängen sie im Spielecafé rum… Sie tun das, was meine Mutter “rumschmieren” nennen würde. N. (10) fragt, ob sie mir was in mein Notizheft malen darf. Darf sie. Auf Nachfrage erklärt sie mir, dass sie keine Angebote besucht, weil “kein Bock” und dass sie eigentlich immer malt. Ich unterhalte mich eine Weile mit ihnen, gehe dann das Angebot “Mal-Ort” eine Etage weiter oben besuchen – der “Mal-Ort” ist ein Konzept von Arno Stern, Infos dazu hier. Dort sitze ich eine Weile, schaue den unterschiedlichen Kindern beim konzentrierten und (halbwegs) stillen Malen zu… Und dann frage ich mich, warum N. und C. da unten gelangweilt rumhängen anstatt hier oben zu sein… Also gehe ich zurück zum Spiele-Café und frage die beiden, ob sie nicht Lust haben, zum Mal-Ort mitzukommen. Sie wussten nicht, dass das heute angeboten wird. “Ich geh nur, wenn du mitkommst”, sagt N. Kaum sind sie da, malen sie mit viel Spaß ein Bild nach dem anderen. Ich fühle mich gut. Ich hab das Gefühl, dass ich bei N. und C. ein bisschen Lethargie und Langeweile durchbrochen habe und es für sie am Ende ein guter Tag war.

Gerade bei den jüngeren Kindern habe ich den Eindruck, dass sie gern mitgenommen, angeregt werden würden und das vielleicht auch wirklich brauchen. Die Schüler_innen sind an so einer Schule schon sehr auf sich allein gestellt. Das ist aktuell ganz stark mein Eindruck. Die ganzen demokratischen Gremien überfordern sie noch. Viel läuft über Gruppendynamik: Wenn die Freunde was machen, dann geht man auch hin. Nicht wenige Kinder erscheinen mir aber einsam… Pro Schuljahr werden 18 Kinder dort aufgenommen. Das Los entscheidet darüber, weil es viel mehr Bewerbungen als Plätze gibt. Die Kinder müssen also irgendwie miteinander auskommen. Das passt aber nicht immer. Das ist vielleicht ein Hinkefuß oder auch “Risiko” an Schulen, die so sehr auf den sozialen Faktor setzt wie diese und das müsste man vielleicht anders puffern.

Wie sähe ein gelungener Kompromiss zwischen der drillig-zwanghaften Regelschule und starkem Selbststeuerungsdogma aus, das ja letztendlich auch nichts anderes als Zwang ist? Diese Schule ist super in Sachen Mitbestimmung, Selbstvertrauen, Kommunikation usw. – aber Langeweile, Rumhängen, Lethargie, Selbststeuerungszwänge ist die andere Seite. Irgendwie müsste man die – ja echt guten – Angebote vielleicht flankieren, begleiten, “bewerben”. Oder ist dieser “Das geht doch so nicht, das kann doch nicht gut sein”-Automatismus, der sich bei mir angesichts dessen einstellt durch dieses allgemeine “Nützlichkeitsdenken” geprägt (und versaut) gegen das die Schule ja explizit anarbeitet? Ist die Langeweile vielleicht sogar als Gegenpart zur Welt da draußen ganz heilsam und sinnvollerweise Teil des Konzepts? Langeweile kann schließlich auch Nährboden für Muse und Kreativität sein…

Im Großen und Ganzen wirkt die Schule auf mich gerade wie ein großer Jugendclub. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde. Und vor allem weiß ich (noch) nicht, wie man’s anders lösen könnte.

Demokratischer Schulbesuch (1)

Ich habe heute mein Praktikum an einer demokratischen Schule “angetreten”. Ich werde dort drei Monate verbringen, die Ferienbetreuung machen und mich mit dem Schultyp vertraut, weil ich mit dem Gedanken spiele, so eine Schule zu gründen… (Wer mehr zu dem Schultyp erfahren will, kann hier vorbeischauen.)

Für den Eindruck:

Was diese demokratischen Schulen zu so anderen Schulen macht, ist vor allem:

  • Unterricht in Angebotsform, die Teilnahme ist freiwillig. Montags gibt’s dann etwa immer von 9-10 Mathe I oder Physik oder Bio, dienstags Kritisches Denken, Sport, Gärtnern, Chemie, … Aber auch Bandprobe, “Schmuck”, Kochen, Garten usw. Anwesenheitspflicht besteht zwischen 8:30 und 13:00. in dieser Zeit müssen die Schüler_innen in der Schule sein, damit die Schulpflicht erfüllt wird. Was sie dort aber machen, ist so ziemlich ihr Ding.
  • Prinzip “1 Mensch – 1 Stimme”: 2 x in der Woche gibt es eine Schulversammlung, das wichtigste Entscheidungsorgan der Schule. Die wird von je zwei Schüler_innen geleitet. Dort werden Dinge besprochen, es können Anträge, Regelvorschläge, Konfliktklärungen usw. stattfinden. Es gibt verschiedene Gremien: Bewerber_innengruppe (entscheiden über neues Personal), Konfliktklärung usw. Regeln werden (in der Regel) in Aushandlungs- und Abstimmungsprozessen festgelegt.
  • Der Tag beginnt in den Gruppen mit einem Morgenkreis, bei dem Dinge in kleinerer Runde besprochen werden.
  • Eltern werden stark mit einbezogen.
  • Ganztagsschule (Kernzeit 9 – 16 Uhr. In dieser Zeit gibt es auch Angebote).
  • Das Schüler_innen-Lehrer_innen-Verhältnis ist echt sehr anders: Es wird sich geduzt, alle kennen sich und interessieren sich füreinander. Die Klassen 1-3 haben je zwei feste Lehrer_innen pro Gruppe, ab Klasse 4 (bis 10) können die Schüler_innen Vertrauenslehrer_innen wählen.

Ich bin theoretisch von dem Konzept ziemlich angetan und bin wahnsinnig gespannt, wie die Praxis aussieht.

Heute morgen war ich echt aufgeregt. 8:30 sollte ich mich in der Schulversammlung vorstellen… Eigentlich kein Ding, aber… es ist nun doch schon einige Jahre her, dass ich aus der Schule raus bin und mit Teenies hatte ich schon lange nichts mehr zu tun. Wer weiß schon, wie die drauf sind? Wenn die einen scheiße finden, hat man wahrscheinlich ziemlich verloren… Ich habe ein bisschen Bedenken, dass ich mich fehl am Platz oder als Störerin fühlen werde, nicht reinkomme, wasweißich… So Standard-Gedanken wahrscheinlich, wenn man eine neue Stelle antritt. Man kennt dort keinen, steht einem eingeschworenen Team gegenüber.

Die beiden Mädels, die die SV leiten, fragen zu Beginn, ob es Gäste gibt und ich melde mich, sage ein paar Sätze, Geklatsche, fertig. Danach erlebe ich zum ersten Mal wie diese Schulversammlung abläuft… Kurz und schmerzlos, routiniert. Punkt 1… Punkt 2… Jemand noch was dazu zu sagen? Punkt 3… Wer ist dafür, wer dagegen? Punkt 4… Was sofort auffällt, ist, dass es hier ganz normal zu sein scheint, seine Bedenken anzubringen. “Sehe ich nicht so, kann man das nicht so und so machen…” Vor allen, in großer Runde. Da war ich als wahrscheinlich aufgeregter als die alle zusammen. Gewundert hat mich, dass nicht alle Schüler_innen an der SV teilnehmen. Auch das ist den Schüler_innen freigestellt. In der Mitte gibt es eine Pause, in der die, die sich für die weiteren Punkte nicht interessieren, gehen können. Das scheint auch niemand blöde zu finden und die, die gehen, scheinen sich nicht blöd dabei vorzukommen.

Wenn man über die Gänge läuft, kommt einem meist jemand mit einem Skateboard oder anderen fahrbaren Untersätzen entgegen. Auf dem Hof spielt eine große Gruppe “Capture the flag”… Ich habe (hatte) keine Ahnung, was das sein soll… Wir haben “damals” noch Feuer, Wasser, Sturm gespielt und irgendwie sowas ist es auch. Ich fühle mich alt. Nicht das letzte Mal an diesem Tag.

Ich drehe eine Runde mit dem rastazöpfigen neuen Sozialarbeiter, der praktischerweise auch heute seinen ersten Tag hatte. Der FSJler zeigt ihm, wie man als Springer Räume kontrolliert, erklärt, was verboten ist (auf den Außenzäunen sitzen zum Beispiel). Aha! Ist also doch nicht alles erlaubt. Rauchen auch nicht, wie ich später erfahre. Auch nicht alle dürfen in’s Einkaufszentrum und dass Antifa-Sticker und Schmierereien häufiger auf Möbeln, Türen und Wänden anzutreffen sind, wird auch bemängelt.

10-11 setze ich mich in’s erste Angebot mit rein: “Kritisches Denken”. Hach, da werden mir, die den Großteil ihrer Zeit an einem kritisch geprägten Institut an der Uni verbringt, ja ein bisschen die Augen feucht. 7 Mädels zwischen 10 und 16 Jahren sitzen konzentriert am Tisch und sprechen mit ihrem Mentor über’s Geldsystem, Kredite, Freigeld… anhand eines Artikels aus einem Wirtschaftsmagazin. Der Mentor macht das gut: Im Text geht’s um das “Wunder von Wörgl“, Österreich, 30er-Jahre und ich erlebe, wie (toll) das mit dem alters- und fächerübergreifenden Unterricht laufen kann: Es wird laut vorgelesen (lesen üben), nach jedem Absatz wird angehalten, Unklares geklärt, Österreich an der Landkarte gesucht, über den ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, den zweiten Weltkrieg, die Zahl 1 Milliarde geredet, das Wort “Autodidakt” geklärt, … Kein Lehrplan der Welt kann das planen. Es ergibt sich aus den Interessen, Lücken und Fragen der Schüler_innen. Nicht alle lesen gleich “schnell” oder gleich “gut”, aber niemand stört sich daran. Keiner lacht, keiner stresst. Die Schüler_innen helfen einander, der Lehrer ist interessiert an dem, was die Schüler_innen zu sagen haben. Es ist eher wie in einem Seminar an der Uni. Und es funktioniert echt gut. Ich bin begeistert.

Und gleichzeitig merke ich, dass ich irritiert bin: Auf dem Gang ist ein enormer Krach. Das ist man aus normalen Schulen nicht gewohnt. Während der Stunde kommt von draußen zweimal das Knallen eines Böllers (oder so). Eine der Teilnehmer_innen gähnt mehrmals lautstark und ungeniert. Eine andere sagt ohne Umschweife, als sie mit Lesen an der Reihe ist, dass sie keine Ahnung hat, wo sie anfangen soll zu lesen, weil sie nicht zugehört hat. Zwischendrin wird über einen Film geredet, weil eine Schüler_in halt gerade diese Assoziation hat. Und ja, auch Briefchen werden geschrieben und Köpfe liegen auf Bänken… Dort findet kein Feuerwerk an konzentriertem Arbeiten statt. Aber gegenseitiger Respekt, Vertrauen, Wohlfühlen und Gleichwürdigkeit. Das schon. Das ist wirklich bemerkenswert.

Später schaue ich noch im Angebot “Band” vorbei, spiele eine Runde Tabu – es wird wahnsinnig viel gespielt an dieser Schule! -, und führe ein laaaaaanges Gespräch mit einem Absolventen der Schule. Das interessiert mich brennend, weil ich genau diese (Absolvent_inn_en frei-demokratischer Schulen) gern später mal erforschen möchte, wenn ich die Möglichkeit bekommen sollte. Das Gespräch war extrem interessant und ergiebig. Dazu später mehr…

Das war mein erster Tag dort. Ich bleibe bis Juli/August. Wenn jeder Tag so spannend und aufschlussreich ist, brauch ich ‘ne neue interne Festplatte.

Lebenszeichen. Oder: Tausendsassa.

Also. Eigentlich habe ich einen super-Artikel in der “Pipeline”, wie man so schön sagt, über den Umgang mit den z.T. heftigen Gefühlsausbrüchen von Kindern. Das Thema liegt mir aber sehr am Herzen, ich lese dazu gerade noch einige Dinge und möchte, dass der Artikel gut wird. Dafür muss der noch ein bisschen gären.

Und ich habe zwei… nun ja mehr oder weniger “Produktvorstellungen” rumliegen, die noch ausstehen. Allerdings macht mir das ein bisschen Bauchschmerzen, obwohl es keine Werbung – im eigentlichen Sinne – ist, d.h. ich bekomme kein Geld dafür -, sondern es geht um zwei Projekte von Eltern, die ich einzigartig, kreativ, selbstständig, nützlich und schon deshalb unterstützenswert finde. (Nämlich die interaktive Märchen-Kinderbuch-App für’s iPad “Knard” von dem total netten Christoph – der hier -, der mir seine Geschichte erzählt hat und die super-coolen Platzdeckchen von Happy Mat, die wir schon seit ‘ner Weile in Gebrauch haben. Eine werde ich verlosen…) Mir macht das Bauchschmerzen gerade weil ich kaum noch zum Schreiben komme. Und dann zwei Sachen zu veröffentlichen, die für mich und das hier eher untypisch sind, … Naja.

Nun häufen sich aber die Nachfragen, ob der Blog einschläft, deshalb also mal dieser irgendwie unthematische Zwischenruf hier, in dem ich einfach mal erzähle, was ich eigentlich so mache, was vielleicht auch erklärt, warum ich diesen Blog gerade nicht mache.

“Hauptamtlich” bin ich – im Moment bin ich 26 – Studentin. Ich studiere Erziehungswissenschaften (Bachelor), inzwischen im 5. Semester (von in der Regel 6, ich studiere aufgrund der Kinder und weil ich’s will aber min. zwei Semester – also ein Jahr – länger. Viele fragen mich, was man eigentlich macht oder wird, wenn man das studiert. Das Studium hat pädagogische, sozialpädagogische, psychologische, soziologische, viele gesellschaftskritische, Sozialforschungs- und erwachsenenbildnerische Inhalte. Ich mag die Kombination sehr, weil es echt ziemlich exakt meinen Interessen entspricht. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Bildungstheorie, Bildungsforschung, Schulsystem(Kritik), Lerntheorie, soziale Ungleichheit, kritisch-emanzipatorische Bildung, politische Bildung und derlei Dinge. Während der Vorlesungszeiten – also jeweils von April bis Mitte Juli und von Oktober bis Ende Januar – fahre ich in der Regel an zwei bis drei Tagen in der Woche in die Stadt, in der ich studiere – das dauert ca. 1,5 Stunden von meiner Wohnungstür bis zum Hörsaal. Dort habe ich dann Vorlesungen oder Seminare. Es ist viel Literatur vorbereitend zu lesen, auszuarbeiten, Referate und Sitzungen sind vorzubereiten, Klausuren zu schreiben, Prüfungen zu absolvieren usw. Vielen Dank, Bologna-Reform. Ich bin recht aktiv am Studieren und studiere auch echt gerne. ich versuche, viel zu lesen, meine eigenen Schwerpunkte zu finden und diskutiere viel und gerne in den Seminaren, leiere eigene Projekte an usw.

Ich bin tollerweise Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, wodurch unser Leben gerade überhaupt nur so machbar ist. Das Geld, was ich von der Stiftung bekomme, muss ich 1. – im Gegensatz zum Bafög – nach dem Studium nicht zurückzahlen und es ist 2. sehr viel mehr als das Bafög: Ich bekomme 597 Euro Gundförderung + 300 Euro “Büchergeld” + 73 Euro Krankenversicherungszuschuss + 198 Kinderbetreuungspauschale + 155 Euro Familienzuschlag, d.h.1323 Euro im Monat. Das ist natürlich super! (Und damit hatte ich übrigens gar nicht gerechnet, als ich mich beworben habe.) Für ein Stipendium bei der Böckler-Stiftung braucht man übrigens nicht vorrangig super Noten. Die Stiftung ist eine gewerkschaftsnahe und fördert vor allem Studierende, die in Gewerkschaften sind bzw. Kinder aus sogenannten “Arbeiterfamilien” – wenn die Eltern also keine AkademikerInnen sind – und erwarten ein gewisses Maß an gesellschaftspolitischem Engagement. In der Stiftung bin ich nun seit einem Jahr und ich bin wahnsinnig dankbar dafür. Ohne das Geld wären wir ziemlich aufgeschmissen, denn nur mit K.s Journalisten-Einkommen und Bafög wären wir nicht über die Runden gekommen und zusätzlich noch arbeiten zu gehen würde ich einfach nicht schaffen. Davon abgesehen bietet die Stiftung auch andere tolle Möglichkeiten, zum Beispiel Seminarfahrten und Sprachkurse, auch im Ausland. Von denen kann ich aber leider nicht wirklich viel nutzen, auch wegen der Kinder, obwohl die Stiftung sich echt bemüht, immer auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten usw. Aber trotzdem: Ich kann mir nicht vorstellen, mit meinen Kindern ein halbes Jahr nach Nepal zu gehen oder so.

Wenn keine Vorlesungszeit ist – ich also “Semesterferien” habe, die diesen Namen aber eigentlich nicht mehr verdienen und offiziell deshalb auch “vorlesungsfreie Zeit” heißen, dann verbringe ich viiiiiiiiiel Zeit in der Bibliothek, weil pro semesterfreie Zeit (jeweils Februar und März sowie August und September) meist 2-3 Hausarbeiten geschrieben werden müssen. Total bekloppt, wenn ihr mich fragt. Ich brauche jedenfalls mehr Zeit, um einen guten wissenschaftlichen Text zu schreiben und mich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Meine letzte Hausarbeit habe ich über AbsolventInnen freier Schulen geschrieben (der Bundesverband freier Alternativschulen (BFAS) wird sie wohl demnächst auf seiner Seite veröffentlichen), aktuell arbeite ich an einer kritischen Analyse einer so genannten “Expertise” für ErzieherInnen, in der Tipps zum Umgang mit so genannten “verhaltensauffälligen Kindern” in Kindertageseinrichtungen gegeben werden, ich konzentriere mich dabei auf den Teil zum “Umgang mit Aggressivität in der Kindertageseinrichtung”. Eigentlich sollte ich auch jetzt gerade daran arbeiten… Allerdings saß ich gestern von 10 bis 24 Uhr in der Bibliothek und habe immernoch sowas wie Muskelkater im Gehirn und leichte Motivationsprobleme.

Wenn ich nicht an Hausarbeiten oder in der Uni sitze, absolviere ich Praktika. Da wir am Ende dieses Studiums nicht nur einen BA-Abschluss Erziehungswissenschaften haben, sondern “automatisch” auch staatlich anerkannte SozialpädagogInnen sind, ist eine lange Praxis-Phase im Studium integriert. Im Normalfall soll man 450 Stunden in Vollzeit am Stück absolvieren, was bei mir aber – Kinder! – nicht möglich ist. Insofern hab ich’s geteilt: Den ersten Teil habe ich an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut (DJI) absolviert und ab 01.05. arbeite ich für drei Monate – juhu! – an der Freien Schule Leipzig.

“Juhu” ist das deshalb, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, eine freie Schule zu gründen. Der Gedanke reift immer mehr, bevor ich aber meine ganze Lebens- und Arbeitszeit in so ein Projekt stecke, möchte ich mir sowas mal in der Praxis anschauen. Ich bin sehr, sehr gespannt, denn ich halte vom Schulkonzept demokratischer Schulen (PDF!) theoretisch sehr viel und kann’s kaum erwarten zu sehen, wie das praktisch funktioniert. Ich kann mir auch vorstellen, diesen Bereich nach meiner Studienzeit eine Weile zu erforschen (es gibt eklatante Forschungslücken, wie ich während der Ausarbeitung meiner letzten Hausarbeit festgestellt habe). Prinzipiell möchte ich gern in Bereichen arbeiten, die “passiven”, konsumistischen Haltungen etwas entgegensetzen, die m.E. heute leider viele Menschen haben, was von Seiten der Politik z.T. auch gefördert wird, und im Gegenzug Emanzipation, tätig sein, gesellschaftspolitisches Engagement usw. fördern. Das kann auf ganz unterschiedliche Bereiche zutreffen und so lange einer diese Kriterien erfüllt, mache ich gern mit. Am liebsten möchte ich aber (früher oder später) ein eigenes Projekt realisieren. Und am allerliebsten soll das eine Schule sein, denn daran, dass sich das Bildungssystem tatsächlich in einem Sinne reformieren lässt, dass es nach meinen Vorstellungen diesen Namen überhaupt verdient, glaube ich (leider) nicht (mehr) wirklich.

Dann “mache” ich noch die Leipziger Kita-Initiative. Die haben wir 2012 gegründet, weil die Platzvergabe und Platzanzahl von Kita-Plätzen in Leipzig eine Katastrophe war und ist. Wir sind quasi die Lobby der Eltern von Kleinkindern in Leipzig, die Schwierigkeiten haben, einen Betreuungsplatz zu finden, reden mit den Verantwortlichen, vermitteln, beraten, organisieren Treffen, Demos, usw. Für die Initiative “Weil Kinder Zeit brauchen” betreue ich die Facebook-Seite und vor kurzem habe ich die tolle Initiative “Was bildet ihr uns ein?” entdeckt und mich mit der netten Lisa getroffen. Dort möchte ich auch mitmischen. Fragt sich nur, wann?

Unser Tag sieht nämlich tatsächlich so aus, dass wir (in der Regel) 7:30 aufstehen. Meist verschlafen wir, oft hat K. Frühdienst. Ich ziehe die Kinder an und wir frühstücken. 1,5 Stunden brauchen wir, um aus dem Haus zu kommen. (Das macht mich wahnsinnig!) Um 9 wollen wir eigentlich in der Kita sein. Manchmal klappt das, meistens eher nicht. In der vorlesungsfreien Zeit gehe ich danach in die Bibliothek und arbeite, entweder bis 15:30, wenn K. nachmittags/abends arbeitet, und hole die Kinder wieder ab oder bis abends, wenn K. die Kids holen kann. Wenn ich Uni habe, fahre ich 9 Uhr in meine Uni-Stadt. Und bin abends 20 Uhr wieder Zuhause. Die Kinder gehen zwischen 20:30 und 21:30 in die Kiste, danach versuchen Zombie-K. und Zombie-ich uns zu unterhalten, was Liegengebliebenes vom zu erledigen oder gemeinsam Serie zu schauen, wenn wir nicht schon bei den Kindern eingepennt sind. Ab Mai arbeite ich an den drei Tagen, an denen ich nicht in der Uni bin, an der freien Schule. Haushalt? Ist echt ein Problem und muss irgendwie nebenbei laufen. Freunde? Sehe ich kaum, wenn, dann die, die auch Kinder haben (Hallo, Jule! :-*) Eigentlich habe ich auch noch andere Hobbys: Schreiben, freie Bildung – jenseits der Uni -, Lesen, Serien gucken mit K., nähen, mit Freunden ins Kino gehen oder in ‘ner Bar quatschen, Konzerte, Klavier spielen, komponieren, Natur, und auch sowas wie Sport würde mir mal wieder gut tun. Is’ aber nicht, gerade. Und für nette Zeiten zwischen K. und mir reicht’s gerade auch nicht.

Was Rieke Drust kürzlich in ihrem Artikel “Eine Polonäse ist nicht Tanzen.” ge- bzw. beschrieben hat, kann ich insofern ganz gut nachvollziehen und auch das, was all die anderen Eltern in letzter Zeit über Vereinbarkeit von Familie und dem Rest des Lebens geschrieben haben. Und trotzdem denke ich mir dabei irgendwie immer auch – auch in Bezug auf mich selbst – “LUXUSPROBLEME”! Ich kann mich selbst nicht so ganz ernst nehmen, wenn es in mir heult, weil es “mal wieder” Zeit für xyz braucht… weil ich niiiiiiiie zu etwas komme und weil ich niiiiiiiiiiie Zeit für mich oder meine Freunde habe. Ich muss mir dann denken, dass ich es mir so ausgesucht habe. Ich muss mir dann denken, dass ich so ehrgeizig und eine “Tausendsassa” bin und schon immer war. Der Tag hat 24 verdammte Stunden, und ja, die Energie und auch der Kopf ist begrenzt. Und glaubt mir, ich finde mein Leben und das Leben mit Kindern generell extrem anstrengend. Ich glaube aber auch, dass “wir” (emanzipierte, wollende) Frauen selbst dafür verantwortlich sind, dass es so ist. Wir wollen viel zu viel, alles gleichzeitig und wir sind mit nichts zufrieden. Wir wollen auf 1000 Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wir wollen tolle Eltern sein, tolle Jobs machen, anerkannt werden für etwas, was wir toll können, viel wissen, sportlich sein und ausgeglichen, gut aussehen, eine tolle Partnerin für unseren Lebensgefährten/unsere Lebensgefährtin sein, eine tolle Freundin für unsere Freunde, eine tolle Tochter für unsere Eltern, wir wollen unseren tollen Hobbys nachgehen (können), die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts mitnehmen (Stichwort: “Wellness”!), wir wollen politisch engagiert sein, wir wollen gesund kochen, wir wollen viel gereist sein und erfahren… Und ja, das ist zu viel, denn das ist nicht machbar. Dafür, dass dieses Ideal der Tausendsassa heute da ist, können wir vielleicht nichts, dafür, dass wir das Gefühl haben, dass das alles von uns erwartet wird, vielleicht auch nicht, aber dafür, dass wir das annehmen und dafür, dass wir glauben, das wir das alles tatsächlich tun müssen… dafür, dass wir glauben, dass wir darauf sogar ein Recht haben und dass die Umstände sich bitteschön unseren verqueren Vorstellungen davon, was alles gleichzeitig drin sein muss, anzupassen haben… dafür, dass wir denken, dass irgendwas nicht stimmt – wahlweise mit uns selbst oder unserem Leben -, wenn das alles so nicht klappt… dafür, dass wir eigentlich nie entspannt, stattdessen immer im Stress und tatsächlich permanent an der Grenze des Burn-Out sind, dafür können wir (oft) schon auch selber was. Denn es ist unser Leben und wir haben heute das Privileg – deshalb sagte ich: Luxusprobleme! – zu entscheiden, was wir tun und was wir lassen. Das ist auch Emanzipation! Wir müss(t)en “nur” das ständige noch-mehr-Wollen mal wirklich sein lassen wollen… Wir müssten “nur” aufhören, zu glauben, irgendwem irgendwie noch mehr beweisen zu müssen, denn meistens sind’s doch wir selbst, die suggerieren, dass wir nicht whatever-genug sind. Wir müssten “nur” ein kleines bisschen zur Ruhe kommen, geduldiger sein, uns mehr Zeit für die Dinge – die Kinder! – nehmen (können). Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich schaff’s nämlich auch nicht.

* Und ich kann mir vorstellen, dass das in Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen müssen, durchaus nochmal ‘ne andere Kiste ist.

Alltag

Ich wurde in letzter Zeit häufig gefragt, wir wir unseren Alltag organisieren zwischen Studium in einer anderen Stadt, Elternsein und freiberuflich-“festfreier” Berufstätigkeit, insofern:

Wir stehen 07:30 auf, damit wir pünktlich um 09:00 in der Kita sind. Der Morgen ist eigentlich immer ganz entspannt, alles geht sehr flott und reibungslos über die Bühne, wir springen tänzelnd und singend pünktlich 08:45 zur Straßenbahn. P. sitzt jeden Morgen pünktlich 09:00 im Morgenkreis der Kita. (Das ist nicht unwichtig, weil das im teil-offenen Konzept der einzige Moment des Tages ist, an dem die Gruppen zusammenkommen und die Kinder sich für ein “pädagogisches Angebot” entscheiden können. Wer später kommt, muss das nehmen, was noch da ist.)

Nachdem ich die Kinder abgegeben habe, setze ich mich ins Café, gern mit guten Freunden, und frühstücke entspannt, während ich Nachrichten lese, schreibe oder anregende Gespräche führe. Anschließend gehe ich nach Hause, wo unser Hausroboter schon den Haushalt inklusive Wäsche erledigt hat. Ich setze mich an den Rechner, beantworte einige Mails und beginne, mich mit spannender Lektüre zu einem mich aktuell interessierenden wissenschaftlichen Thema meines Fachs zu beschäftigen. Anschließend schreibe ich noch 1-2 Stunden. Gegen 13:30 bin ich mit guten Freunden zum Mittagessen verabredet. (Achso: Ja, ich habe einen Time-Warper, so dass die Zeit vom Abgeben in der Kita bis 13:30 verdreifacht wird.) Dann gegen 14:30 mache ich noch einen Spaziergang oder schaue beim Ökohof vorbei, helfe dort ein paar Möhren ernten oder ich schaue bei meinen Kumpels vom Stadtteilladen rein, möglicherweise kann ich da noch etwas helfen.

Pünktlich 15:30 treffe ich dann K. und wir schlendern zur Kita, um unsere gut gelaunten Kinder um 16:00 abzuholen. Wir gehen entspannten Schrittes nach Hause, machen vielleicht noch kurz Halt am Waldspielplatz, wo die Kinder vergnügt Räuber und Gendarme mit Materialien, die sie im Wald finden, spielen und wir unterhalten uns angeregt über Erwachsenenthemen. In der Dämmerung gehen wir nach Hause, wo ich eine leckere Karottensuppe aus den selbst geernteten Möhren zubereite, von der meine Kinder mindestens zwei Schüsseln essen. Schließlich gehen die Kinder – nachdem sie den Tisch abgeräumt haben und gefragt haben, ob sie sonst noch etwas helfen können – ins Bad, ziehen sich aus, waschen sich, putzen die Zähne und kuscheln sich in ihre Betten. (Es ist natürlich niemals später als 19:30!) Dann rufen sie uns, damit wir ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Als wir gerade beim Lesen der letzten Seite angekommen sind, sind beide Kinder eingeschlafen. Sie schlafen durch. Immer.

Der Abend gehört ab aller-aller-spätestens 20:00 dann nur uns Eltern. Wir lassen einen Babysitter kommen und gehen aus oder lesen uns Gedichte vor. Danach haben wir immer Sex, eigentlich jeden Abend. Manchmal kommen auch noch Freunde mit Wein vorbei und wir diskutieren über die Entwicklungen im nahen Osten.

Noch Fragen? ;-))

1 Monat – 1 Buch: 2014

Ich hatte das Lesen von (ganzen) Büchern in den Jahren nach P.s Geburt irgendwie sträflich vernachlässigt. Anfang 2014 habe ich mir vorgenommen, jeden Monat ein Buch zu lesen, weil: Lesen fetzt, ist wichtig, gut, fühlt sich weniger verblödend an als Fernsehen (ja, auch Serien!) und erweitert meinen Horizont… Lesen kann Reisen, die mir nicht möglich sind, ein bisschen ersetzen und bringt einem vergangenes und außerkulturelles näher. Papperlapapp… Für’s Lesen kann man zig gute Gründe finden, insofern: you name it.

(Obwohl ich mich schon das ein oder andere Mal gefragt habe, warum allgemein “viel lesen” eigentlich als so eindeutig besser gesehen wird als “viel fernsehen”, selbst dann, wenn man “gute” Sachen schaut… Letztendlich ist doch beides nichts anderes als Zerstreuung, in der Blaise Pascale (1623 – 1662) zum Beispiel das Laster der Menschen schlechthin gesehen hat (“Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.”). Seiner Ansicht nach suchen die Menschen Zerstreuung, um ihrer inneren Leere zu entkommen bzw. um nicht über die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Seins nachdenken zu müssen… Die Langeweile wäre für den Menschen kaum erträglich, sie würde aus dem Herzen aufsteigen, um den Geist mit ihrem Gift zu erfüllen… Zerstreuung ist Ablenkung vor dem Elend des Menschen, der sich endlos in Raum und Zeit befindet… Inwiefern ist also – vor diesem Hintergrund – Lesen ‘sinnvoller’ als Fernsehen? Aber ach! Palaberrababer… Das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden… (<– Ende, Michael – der Heldenautor meiner Kindheit!)

Ich lese jedenfalls gern und ich finde es sinnvoll.Mich interessiert, wie andere Menschen die Welt sehen und in Geschichten verpacken. Ich lese gerne gute Schreiber und bin immer auf der Suche nach guten Geschichten mit echten Charakteren und einem kritischen Geist dahinter. In meiner Kindheit und Jugend habe ich (für mein Dafürhalten) viel zu wenig gelesen… Deshalb habe ich ständig das Gefühl, viel nachholen zu müssen…

Geschafft habe ich das quasi-Ziel “1 Monat – 1 Buch” zwar nicht – das liegt unter anderem daran, dass ich für die Uni echt viel lesen muss und ich deshalb manchmal einfach keinen Nerv habe, abends privat “auch noch” zu lesen -, einige sind es dann aber doch geworden, nämlich die hier:

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (bei Fischer Verlag)

Das war Anfang 2014… Ist jetzt schon wieder so lange her… Ich erinnere mich, Teile des Buches mit arschkalten Händen an der S-Bahn-Station gelesen zu haben und an das merkwürdige Ende, an die vielen, vielen Frauen und Sex-Träume und daran, dass es mich zeitweise echt genervt hat… Ich kann gar nicht genau sagen, ob es am teilweise für meinen Geschmack zu ausladenden Stil lag, an dem sexistischen Protagonisten, den Narzissmus des Paares oder daran, dass die Geschichte allgemein so vor Sex getrieft hat und die Figuren in ihrem eigenen Saft geschwommen sind. Fazit? Naaaajaaaaa…

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (2. Mal) (bei dtv)

Auf den Punkt, kritisch und äußerst kurzweilig. Kann jeder mal gelesen haben, der die BILD scheiße findet oder finden möchte… 

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (bei randomhouse)

Ich habe den Hundertjährigen irgendwann im Frühjahr angefangen, hatte ihn geschenkt bekommen und kam schon schwer rein, hab mehrmals angesetzt… Äußerst fiktive Geschichten brauchen manchmal ‘ne Weile, um mich zu kriegen. Als es dann in Richtung Weltgeschichte kam, wurde es unterhaltsam und durchaus kurzweilig. Ich erinnere mich daran, K sogar einige Stellen daraus vorgelesen zu haben… Sicher äußerst spaßig für alle, die versiert in Sachen Weltgeschichte sind und Lust haben, sich diesbezüglich mal den Kopf verdrehen zu lassen. Im Kopf geblieben (und tatsächlich auch im Alltag immer wieder gegenwärtig) ist mir Allan Karlssons Einstellung im Sinne “Was passiert, passiert… also stress dich nicht und nimm’s wie’s kommt. Deal with it…” (Zur Not halt auch mit Genosse Stalin, der die das Geheimnis der Atombombe entlocken will)

Was mich allerdings nachhaltig nicht befriedigt hat (mich dafür aber etwas über meine Lese-Vorlieben lehrte) ist, dass ich mit Hauptfigur Allan, dem ja so einiges passiert, der einiges durchmacht und auch selbst einiges bringt, irgendwie so gar nicht vertraut wurde. Ihn ließen seine abgefahren, zum Teil traumatischen Erlebnisse und Taten kalt. Das ist an und für sich ja okay und bietet fruchtbaren Boden für die Architektur eines Charakters… Wenn mir aber einfach nicht klar werden will, warum Monsieur Karlsson überhaupt keine Skrupel hat, Dinge in die Luft zu jagen (weder für die eine, noch für die andere Seite) und ihn die politischen Verwicklungen seiner Zeit ebenso unberührt erscheinen lassen wie Liebe, Familie, oder oder… dann fehlt mir eindeutig die Tiefe. Neben dem, was sich wann und wie “faktisch” in einer Geschichte ereignet, interessiert mich vor allem, wie die Figuren erleben, reflektieren, einschätzen und im Idealfall noch, was ihr Erleben und Empfinden geprägt hat. Ich suche nach Geschichten, die mir das Innerste der (hoffentlich interessanten, tiefgründigen und vielschichtigen) Figuren zeigen und die trotzdem unkonventionelle Gesichten bieten, möglichst jenseits von Klischees und Kitsch.

Hermann Hesse: Der Steppenwolf (2. Mal) (bei Suhrkamp /Insel)

Zu Schulzeiten hat der Steppenwolf mich tief beeindruckt… Wie hier am Schluss das Außen sinnbildlich für das Innen wird, ist einfach gut gemacht. Heute ist er mir streckenweise einfach viel zu pathetisch. Protagonist Haller kommt nicht mit der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins klar und leidet wie ein sterbender Hund. Der Steppenwolf… Das sind 200 Seiten Selbstmitleid, Selbst- und Menschenhass… Irgendwie spiegelt das in weiten Teilen meine Gefühlswelt durchaus, Hallers Empfinden ist mir nicht fremd, im Gegenteil. Aber das Versinken im Selbstmitleid gestehe ich schon mir nicht zu, Haller (bzw. Hesse) schwimmt geradezu lustvoll darin. Diese schwülstige Wortwahl ist m.E. das eher anstrengende an Hesse. Die Idee aber bleibt gut… Man müsste das mal moderner schreiben, vom “Schlick” befreien… Ist es eigentlich sehr abgehoben, so über ein Buch Hesses zu denken? 

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Studie in scharlachrot (bei Suhrkamp /Insel)

Ich liebe die BBC-Miniserie “Sherlock” (lovely Cumberbatch inklusive), hatte die originalen Doyle-Gescichten aber nie gelesen. Shame on me! kann ich jetzt sagen, nachdem ich mir zumindest einen zu Gemüte geführt habe. Wie Holmes ableitet ist einfach grandios, lehrreich, erhellend und wunderbar. Wie schon so oft wünschte ich, ich hätte ein zweites Ich, das seine Zeit ausschließlich mit Lesen verbringen kann… oder besser: Gleich mehrere. Die Sherlock Holmes-Gesichten sind sicher alle mehr oder weniger lohnenswert. (Sie lassen sich übrigens auch ganz gut als Hörbuch wegknuspern.) Außerdem ist es echt spannend, nach der Originallektüre sich die entsprechende BBC-Umsetzung noch einmal anzuschauen.

Kurt Tucholsky: Rheinsberg (1912) (bei Reclam)

Mein erster Tucholsky. Im Urlaub in Kroatien gelesen. Ab-ge-fah-ren wie modern T. bereits Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Zwei albernde Liebende machen einen Wochenendausflug und sich währenddessen über alles lustig. Kann man nur verstehen, wenn man z.B. die Bedeutung einer rauchenden Frau 1911 erahnen kann. Ich glaub, ich mag Tucholsky sehr. Müsste mal seine Tagebücher und Briefe lesen… Scheint ein guter Mann gewesen zu sein. War (schreibmäßig) sehr produktiv.

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm (1931) (bei Reclam)

Den zweiten Tucholsky-“Roman” gleich hinterher geschoben. Gelesen, dass er den nur auf Drängen des Verlegers schrieb, weil Rheinsberg damals so gut lief. Er sollte wohl was ähnliches vorlegen… Finde Gripsholm noch besser gelungen. Er ist sprachlich so exakt, so feinfühlig… Er schafft es mit ganz wenig Aufgepuste, dass man sich ganz nah dabei fühlt… Die Figuren sind ungeheuer plastisch. Fast schade, dass er nicht viel mehr Prosa geschrieben hat. Und natürlich passte die Lektüre perfekt zum Sommerurlaub und all dem, was er da thematisiert: Versuch, der Zeit zu entrinnen, Seele baumeln, Gegensatz zu Großstadt (die Lautstärke, die man im Alltag nicht mehr wahrnimmt und die einen unterschwellig ständig stresst… Und wie sehr mir das deutlich wurde, als wir zurück in L. waren… Alles war so ungeheurlich laut.). Außerdem: Freud – Triebe – Ich-Es-Dualismus, Macht, Massenpsychologie… Gute Gedanken hat der Mann. Aber ich verdächtige auch ihn des Sexismus… Finde es fast schade drum.

Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel (bei Dumont)

Murakami ist mir ständig über den Weg gelaufen und mehrfach empfohlen worden. Ich wollte wissen, was dran ist und habe mir seinen Erstling besorgt. (Ich gehe immer gern chronologisch vor) Das war nach Tucholsky erstmal ein harter Schnitt: Vom 20. Jahrhundert in Deutschland zur Gegenwart nach Japan. Sofort fällt mir die fehlende sprachliche Präzision auf. Ich schätzte Tucholsky dafür umgehend noch mehr… Ich hab außerdem gemerkt, dass mir (schlecht) übersetzte Bücher echt auf den Sack gehen. Und dieses ist, wie es scheint, auch noch vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden… Erklärt einiges. Aber auch davon abgesehen: Diese (wirklich!!) minutiösen Beschreibungen des (nebenbei bemerkt äußerst langweiligen) Alltags des Protagonisten… Das alles dann auch noch in der Vergangenheitsform geschrieben (im Präsenz hätte es vielleicht durchaus mehr Sinn gemacht)… Es liest sich wie ein echt langweiliges Tagebuch (dann hab ich Spaghetti gekocht, dann hab ich geduscht, dann hab ich mich abgetrocknet und eine frische Unterhose aus dem Schrank genommen – oh, die Unterhosen waren alle dreckig, merkte ich, dann bin ich zur Waschmaschine gegangen und hab eine neue geholt…) – auf 766 Seiten! Es fehlt die Tiefsicht, die Gedanken, oder wenigstens Relevanz… Dann noch die Mischung mit okkultem Hickhack… Das ist ja nun echt gar nicht meins. Interessant ist allerdings, dass man einen guten Eindruck davon zu mitnehmen kann, wie Alltag in Japan heute anscheinend so aussieht… Das fand ich interessant. 400 Seiten hab ich ihm die Chance gegeben, mich irgendwie bei der Stange zu halten, dann habe ich erschöpft (ernsthaft!) aufgegeben, weil mir meine Zeit dafür einfach zu Schade ist… Er ist nicht stringent, die Figuren gewinnen nicht an Tiefe, das esoterische nervt tierisch, es ist wahnsinnig geschwätzig, die Übersetzung ist grauenvoll und es liest sich, als hätten sie vergessen, das Buch zu lektorieren… Bisher kann ich die Faszination an Murakamis Geschreibe echt nicht nachvollziehen. Ich hab noch “1Q84″ hier stehen, aber alles in mir wehrt sich, es noch einmal mit ihm zu versuchen…

Siri Hustved: Was ich liebte (bei Rowohlt)

Der Lese-Eindruck ist noch frisch. Eine gute Freundin hat mir Hustved (Frau von Paul Auster) empfohlen, nachdem ich ihr mein Problem mit dem Hundertjährigen geschildert habe. Ich will in die Psyche der Figuren eintauchen… Hustved schreibt hier aus der Sicht eines alten Mannes, der sozusagen seine “Lebensbeichte” abgibt. Es geht um zwei Paare in den Künstlerkreisen New Yorks in den 70ern bis in die 90er, Kennenlernen, Zusammenziehen, Kinder haben und großziehen, Leben meistern… Viele Beschreibungen von Kunstwerken. Das “Bohémienhafte” ging mir stellenweise ziemlich auf die Ketten… Es ist eindeutig ein Buch von Intellektueller für Intellektuelle… Die Hauptfiguren wirkten ungeheuer snobistisch und als hätten sie kein Interesse, über ihren ganz persönlichen Tellerrand zu schauen. Mir fehlt der kritische Geist. Es sind zunächst mal zu viele Figuren und zu vielen Informationen… Ich habe mir (ernsthaft!) ein Genogram aufgezeichnet, um da durchzusteigen… Aber anscht gefallen die biografischen Details mir… Dann ist mir das ganze aber wieder viel zu romantisch, stellenweise fast kitschig. Nicht gleichgeschlechtliche Menschen können in der Geschichte einfach keine Freundschaft miteinander führen, ohne dass es irgendwie sexuell wird… Es geht mir zu viel um die 5-Ecks-Beziehung und zu wenig um das große Ganze, da steckt mir zu wenig Gesellschaft drin. Ab Seite 300 hat es mich dann doch mitgerissen, es wurde wider Erwarten richtig spannend und ich wollte dann wirklich wissen, was da los ist… Hundert Seiten später dachte ich mir wieder, dass es doch an vielen Stellen recht langatmig ist. Interessant ist, dass “der Fall”, um den es später geht, tatsächlich auf einer wahren Geschichte beruht, in die der Paul Austers Sohn aus erster Ehe verwickelt gewesen sein soll… und dass Hustved unglaublich viel autobiografisches eingearbeitet hat, man kann also ein bisschen bei Familie Hustved-Auster durch’s Schlüsselloch illern. Als ich mit dem Buch fertig war, dachte ich mir, dass ich es jetzt eigentlich noch einmal von vorn lesen müsste. Denn das was schließlich passiert, hat viele Bezüge auf Dinge, die am Anfang eingeführt / angeschnitten / losgetreten werden. Insgesamt leider nicht so mitreißend wie ich gedacht habe. Zu angestrengt, zu voll, zu intellektuell-abgehoben. Frau Hustved ist mir in Interviews leider auch nicht sehr sympathisch… Andererseits hat mich die Beschreibung eines weiteren Buches von ihr (“Die Leiden eines Amerikaners” – klick für die Besprechung bei druckfrisch) schon wieder gereizt… Es klingt noch psychologischer… Und damit hat’se mich ja schon wieder, die Siri.

Albert Camus: Der erste Mensch (bei Rowohlt)

Lieblings-Philosoph von K. Vor einigen Wochen Camus-Theaterstück in der Schaubühne Lindenfels gesehen, durchaus beeindruckt gewesen. Vor Jahren den Mythos des Sisyphos (bei Rowohlt) gelesen, kaum Erinnerungen daran. In den posthum veröffentlichten, fragmentarischen, autobiografischen Manuskript-Roman reingelesen und sofort angetan von der Sprache gewesen… Bin aktuell noch dran. Mal sehen, wohin er mich mitnimmt und ob andere Camus-Romane folgen werden… Camus passt gerade jedenfalls hervorragend zum Wetter, wie ich finde.

Das war jetzt also sowas wie mein Jahresrückblick 2014, obwohl ich kollektivem Jahreszurückblicken in etwa so viel abgewinnen kann wie Schweinskopf-Sülze (<– Uäääh… Geschrieben fast noch abstoßender als real!)

2015 werde ich “1 Monat – 1 Buch” fortführen, weil ich tatsächlich deutlich mehr “privat” gelesen habe als in den Jahren davor. Nachmachen ist übrigens erlaubt und gewünscht, falls es euch auch so gehen sollte, dass ihr viel weniger gute Sachen lest seitdem ihr Kinder habt! Lasst uns eine Eltern-Lesen-(wieder)-Bewegung starten! *harr harr harr* (<– herrisches Piraten-Gelächter)

Ich hab ja nun geschrieben, auf welche Arten von Büchern ich stehe und ich weiß ja aus vielen, vielen netten Kommentaren, dass hier ab und zu viele Gleichgesinnte rumschwirren. (Danke für 500.000 Besuche in diesem Jahr, by the way!) Ich bin immer dankbar für Lektüretipps, weil die Welt der Bücher ja schließlich unendlich zu sein scheint und die Eltern-Zeit zum Lesen ist – auch die Erfahrung kennt und teilt ihr sicher größtenteils – zu kostbar für Enttäuschungen… Also: Der Artikel ist nicht umsonst in “Senf, bitte!” abgelegt. Her mit euren Lieblingsbüchern 2014 oder of all time als Kommentar oder mit Pingback im eigenen Blog – ich looke dermaßen forward to it!

Und ach ja: Morgen und so. Wir haben kinderfrei und wissen noch nichtmal, ob wir Lust haben, das Haus zu verlassen. Sind wir nun alt geworden, spießig oder Loser… Oder doch alles gleichzeitig? Hach ja… Die Spießer von heute sind die Punks von gestern… (Schaaahaaatz, wirfst du noch ne Folge Breaking Bad rein?) In diesem Sinne: Rutscht gut rüber!

Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als “normal” angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr “mal schnell” was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können (“Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…” -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt (“Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.”) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der “normalen” Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es “richtig” bzw. “gut” wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das “Leben im Falschen” mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt “richtige” oder zumindest “gute” Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie “fit” zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht “schlechter” sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als “normal” empfunden wird. Erziehe ich sie zu “guten” Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die “heile Welt” in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die “fiese Realität” und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie “Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?” und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte “Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein “Bauchgefühl” einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das “Beste”. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder “Wohlstand” und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest “verkommen” ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der “Magie” nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von “außen” würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur “das außen” vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es “gut”? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das “Nachgeben” aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.