Vom „richtigen” Umgang mit Kindern

Das ist doch, worum wir irgendwie alle ringen. Wie sollten wir mit Kindern umgehen? Als Eltern? In pädagogischen Institutionen? als Gesellschaft?

Willst du ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn du mit (deinen) Kindern umgehst? Hast du dich das mal gefragt? Du, Elter? Du, Erzieherin? Du, Lehrerin? Du, Sozialarbeiterin? Du, Kindertherapeutin? Was ist das Ziel, das du im Kopf hast? Was soll am Ende dabei rauskommen, wenn du dir jetzt was wünschen könntest? Welche Art von Menschen siehst du neben dir: Du als alte Omi / alter Opi darfst die Menschen um dich versammeln, auf die du stolz bist, bezüglich derer du guten Gewissens sagen könntest: „Ich hab einen guten „Job” gemacht.“? Wie sehen sie aus? Wie sind sie? Was tun sie?

Was für Zielvorstellungen hast du im Kopf? Welche Vorstellungen leiten dein Handeln Kindern gegenüber? Was möchtest du – im Idealfall – erreichen? Soll aus den Kindern, die du in einer eine bestimmte Art und Weise behandelst, eine bestimmte Sorte erwachsener Menschen werden? Willst du Mündigkeit erreichen, einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung? Oder hast du Menschen mit einer kritischen Geisteshaltung im Sinn, widerständige, subversive, die nicht einfach mitmachen, die alles hinterfragen? Oder willst du erfolgreiche Menschen, die zum wirtschaftlichen Fortschritt des Landes beitragen? Fleißige, ehrgeizige, kluge, innovative oder wenigstens fleißige und produktive, jedenfalls auf keinen Fall nicht faule, doofe Menschen? Sowas? Willst du, dass die ganzen möglichen Potenziale, die so ein Exemplar der Gattung „Mensch” womöglich in sich hat, sich entfalten – willst du einen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder, mit denen du jetzt umgehst, später mal Menschen werden, die alles oder wenigstens so viel wie möglich bestmöglich können? Ist dir vor allem wichtig, dass die Menschen später mal gut zurechtkommen, in Wohlstand leben, gesund sind und ein zufriedenes und komfortables Leben führen? Menschen also, die flexibel statt festgefahren, die schlüsselkompetent und anpassungsfähig sind? Oder ist dir eher wichtig, dass Kinder zu vollwertigen, wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden? Willst du, dass aus den Kindern, mit denen du umgehst, Menschen werden, denen es wichtig ist, so wenig Arschloch wie möglich zu sein, wenig Schaden anzurichten und Gutes zu tun? Willst du, dass die Kinder später mal vor allem widerstandsfähig sind, dass sie sich durchbeißen können? Sollten die Menschen, die durch dich beeinflusst werden, im Einklang mit sich und der Natur sein?

Oder willst du genau dieses Denken vermeiden? Willst du gar keine bestimmte Zielvorstellungen im Kopf haben? Ist es dir vor allem wichtig, dass sich das Innere der Kinder frei entfalten kann? Dass sie ihre Neigungen und Talente entdecken und zum Ausdruck bringen können? Dass sie irgendwie möglichst unverzogen und -manipuliert und wenig verstellt und von sich selbst entfremdet heranwachsen, eigene Erfahrungen machen, sich eigene Meinungen vor allem aus sich heraus bilden und sie selbst bleiben? Willst du also glückliche Menschen, die ganz bei sich sind und mit sich im Reinen?

Was ist dieses „erziehen“ überhaupt? Wann fängt „erziehen“ an und wo hört es auf? Wozu ist es gut? Hat Erziehung immer ein bestimmtes Ziel? Und wenn ja, was ist deins? Wie ist das mit der Selbstbestimmung / Individualität auf der einen und der Anpassung / Gesellschaft auf der anderen Seite? Was ist dir wichtiger: Anpassung oder Widerstand? Wie sieht für dich eine gelungene Balance dieser beiden Extreme aus? Und wie ist das mit heute und morgen? Ist das kindliche (er)leben im Hier und Jetzt wichtig? Oder kommt’s vor allem darauf an, was und wie die Erwachsenen sind?

Die Frage ist, wie wir Kindern gerecht werden. Einerseits. Wie kann man mit Kindern umgehen, sodass es ihnen gut geht, was entspricht ihnen? Was brauchen sie? Was ist gut für sie? Wie geht man „richtig” mit Kindern um – was brauchen sie, was tut ihnen gut, hier und heute, in diesem Moment. Brauchen sie vor allem Selbstbestimmung, Freiheit, machen-lassen? Oder brauchen sie mehr Anleitung, Grenzen, vormachen, Orientierung, Struktur? Und wie soll man darauf kommen, was sie brauchen? Was zeigt uns “japp, das ist genau das, was dieses Kind jetzt gerade braucht.”? Und was ist dann mit sowas wie “Manchmal muss man sie zu ihrem Glück zwingen.” oder “Das kann sie doch gar nicht einschätzen.”? Worum geht es beim Aufwachsen? Geht es vor allem darum, zu sich zu kommen, sich zu finden und auszuleben, sich selbst zu verwirklichen und dabei so wenig wie möglich gestört zu werden? Sollten wir also einfach nur ermöglichen, dass sich unsere Kinder vielfältig mit den Dingen, die sie umgeben, auseinandersetzen können und gut? Oder geht es vor allem darum, in der Gesellschaft an- und klarzukommen? Ist es also wichtig, dass man sie Maßregelt, ihnen zeigt, was nicht geht und was gut geht?

Was soll sowas wie „Selbstverwirklichung“ sein? Glaube ich an sowas wie ein „wahres Ich“, dass sich entfalten könnte? Und glaube ich daran, dass es möglich ist, das „in sich selbst“ zu finden? Bin ich Bestimmerin im eigenen (inneren) Haus? Kann ich denn alles über mich erfahren? Ist das möglich? Oder bleiben da nicht immer Anteile, über die ich nicht verfüge, die ich nicht erklären, nicht in Worte fassen kann? Vielleicht ist es gerade das, dieser Anteil, den ich nicht erklären, nicht entschlüsseln kann, vielleicht weist gerade das ja wirklich auf sowas hin wie das “wahre Ich”… Vielleicht gibt es das doch. Aber komme ich da ran? Kann ich dieses “wahre Ich”, was ich manchmal fühle, auf den Begriff bringen? Macht das Sinn? Ist unsere allgemeine Sprache dazu geeignet, sowas individuelles – wenn es das denn gibt – auszudrücken? Muss man “sich selbst”, selbst wenn man es wahrnehmen könnte und ausdrücken wollte, nicht zwangsläufig mit dieser allgemeinen Sprache verfehlen? Kann ich mich ausbuchstabieren, mich vollständig transparent machen? Hab ich mich im Griff? Ja, muss man! Das wird uns jedenfalls immer suggeriert: Man muss doch wissen, wer man ist. Man muss doch erklären, warum man das getan hat. Man ist doch jemand ganz Bestimmtes, eine (er)fassbare Einheit, eine Identität… Kann ich wirklich mit Gewissheit erklären, warum ich etwas gemacht, warum ich mich letztendlich für A. und nicht für B. entschieden habe? Sind wir Menschen denn so total rational? Wer spricht da, wenn ich spreche? Wenn ich genau hinschaue, dann merke ich, dass ich schon das Sprechen nicht im Griff hab… Die ersten Sätze kann man sich noch zurechtlegen, aber danach? Selbstläufer. Hat man sich also wirklich im Griff? Und ist dieses – sich Selbst (er)kennen, sich im Griff haben – denn überhaupt ein sinnvolles Menschenbild? Glaube ich an sowas wie absolute „Selbstbestimmung“? Ist es überhaupt möglich, sich von allen äußeren Einflüssen komplett frei zu machen und Urteile einzig und allein aus sich selbst heraus zu fällen? Sind wir nicht immer verstrickt in unsere Beeinflussungen? Sind unsere Beeinflussungen und unser eigenes „Ich“ überhaupt voneinander zu unterscheiden?

Wie gehst du mit (deinen) Kindern um? Woran orientierst du dein Handeln? Was ist dir wichtig? Worauf legst du wert? Wie erziehst du sie? Welche Handlungen machst du? Wie sprichst du mit ihnen? Wie reagierst du auf ihre Gefühlsäußerungen, auch auf die heftigen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was dir nicht passt? Was sind das für Dinge, die dir nicht passen? Und was denkst du, warum es genau die sind, die dir nicht passen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was du gut findest? Was findest du “lobenswert”? Hinterfragst du all das? Oder verlässt du dich auf dein Gefühl und machst einfach? Und wenn ja: Wie geht das? ;-)

Geschwistergedanken (4) nach 2,5 Jahren

Als ich mit T. schwanger war, habe ich mir wirklich viele Gedanken darüber gemacht, wie P. auf die Thronteilung reagieren würde. Ich hatte echt Schiss. P. war (ist) ziemlich aufmerksamkeitsbedürftig und schnell gekränkt. Am Anfang – P. war ca. 3 bei T.s Geburt – war alles dann tatsächlich viel stressfreier als ich dachte. P. war wider meiner Erwartungen sehr, sehr vorsichtig und liebevoll mit und zu T.

Inzwischen ist T. kein Baby mehr. Er wird bald 2 Jahre alt (himmelwiediezeitvergeht!) und liegt nicht mehr einfach nur rum oder klebt an mir dran. T. ist verdammt aktiv, viel mobiler als P. damals, redet dafür aber deutlich weniger. Ziemlich genau jetzt fängt das an, was ich mir damals so vorgestellt habe und was ich auch noch aus meiner Kinderzeit erinnere: “Das ist geeeemeeeeeeeeein, dass T. der Erste ist!”, “Das ist geeeeeeeemein, weil T. mehr hat!”, “Das ist aber mein Schüüüüürm!”. Die streiten sich eigentlich ständig. T. will grundsätzlich alles haben, was P. gerade hat. P. will grundsätzlich alles haben, was T. gerade hat. P. haut T. auf den Kopf, T. haut P. mit dem Schirm. Ich versuche, die beiden das klären zu lassen und mich so wenig wie möglich einzumischen. Andererseits ist T. P. ja eindeutig unterlegen… Muss ich ihm deswegen grundsätzlich helfen? Wenn ich das tun würde, würde P. sich sofort zurückgesetzt fühlen.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mich als Kind immer ungerecht behandelt gefühlt habe. Grundsätzlich immer. Die realen Verhältnissen waren dabei gar nicht ausschlaggebend. Ich hatte zum Beispiel lange ein riesiges Zimmer, mein Bruder nur eine Kammer. Tatsächlich ist sowas aber gar nicht der Punkt. Dieses sich ungerecht behandelt-Fühlen ist vermutlich eher Ausdruck von Angst. Jesper Juul hatte das, glaub ich, mal irgendwo so anschaulich beschrieben, indem er meinte, man solle sich vorstellen, der Partner würde einen anderen Menschen mit nach Hause bringen und sagen “Du, x wohnt ab jetzt mit bei uns, ich liebe jetzt nicht mehr nur dich, sondern x auch, aber hey!, keine Angst! Ich liebe dich genau so wie x.” – schwierig. Und tatsächlich bringt es auch gar keine Erleichterung, wenn man in diesen Situationen auf die realen Verhältnisse hingewiesen wird (“Ihr habt doch beide das selbe.”). Darum geht’s irgendwie nicht. Man hat diese Gefühle ja nicht unter Kontrolle, die sind nicht rational und deshalb können rationale “aber schau doch mal”-Argumente auch nichts dagegen ausrichten. Und trotzdem sage auch ich manchmal sowas zu P. und verstehe diese Sprüche, Rationalisierungsversuche und Genervtheit meiner Eltern um einiges besser.

Was könnte ich denn sagen oder tun, um P. in der akuten Angst-Situation… hmmmm… aufzufangen? In meiner eigenen Erinnerung zu kramen bringt nur bedingt etwas… Was hätte mir damals gut getan? Ich versuche, zu verhindern, dass wir sowas wie “Das ist doch Quatsch!” sagen. Denn das ist echt verletzend und macht alles noch schlimmer. Dann fühlt man sich zusätzlich zu dem doofen Gefühl nämlich auch noch als falsch-Fühlerin, merkt aber, dass das Gefühl dadurch nicht verschwindet, dass man also gar nichts dagegen tun kann. Das bringt ein echtes Dilemma mit sich: Hier ist mein Gefühl und da sind meine Eltern, die sagen, dass mein Gefühl “Quatsch” ist. Das Gefühl geht aber nicht einfach weg. Dass die Eltern falsch liegen, schreit und weint man dann als Kind gern raus… Was zu noch mehr Genervtheit ihrerseits führt. Tatsächlich ist es aber wahrscheinlich unmöglich, seine Eltern in dem Alter komplett abzulehnen oder das, was sie sagen. Vermutlich ist man noch viel zu sehr verbunden und abhängig von ihnen. Also verinnerlicht man, dass mit dem eigenen Fühlen irgendwas nicht in Ordnung ist. Und das will ich P. auf gar keinen Fall vermitteln. Ich versuche also manchmal, offensiv auf das einzugehen, was ich dahinter vermute. Ich sage ihr sowas wie “Hey, ich hab dich lieb” oder frage “Hast du gerade Angst, dass wir T. lieber haben als dich?”, was sie meist bejaht, und sage ihr, dass es mir auch so ging, als ich klein war. Das scheint ein bisschen zu helfen. Tatsächlich ist das angesichts der krassen Gefühlsausbrüche von P. oft gar nicht so leicht, verständnisvoll zu reagieren… Denn das triggert mich zuweilen enorm. (Den Artikel über den Umgang mit diesen heftigen Gefühlsäußerungen von Kindern hab ich immer noch rumliegen, aber nach wie vor nicht fertig.)

Puh, es ist schon echt manchmal hart, damit “cool” umzugehen… Vor kurzem hat K. T. ins Bett gebracht und ihn gerade in den Schlaf geschuckelt. (Für P. war das gerade eine sehr K.-lastige Woche.) P. wollte ins Kinderzimmer stürmen, um K. rauszuholen, ich hielt sie davon ab, sagte, dass ich mit ihr ins Bad gehen kann. P. warft sich mit verschränkten Armen auf den Boden und sagte “Aber ich hab Papa lieber!”. Danach brach sie in Tränen aus und warf sich in meine Arme… Mir kam es vor, als fänd sie das selber irgendwie Mist, dass es so ist. Und Alter, ja, sowas tut echt weh! Wie soll man denn da bitte drauf reagieren? Ich meinte sowas wie “Das ist okay, aber es macht mich trotzdem irgendwie traurig.” – der Inbegriff dieses schwierigen Spagats: Verständnisvoll und authentisch sein wollen. Wie kann ich verständnisvoll sein, wenn ich einfach total wütend oder meine Nerven echt am Ende sind? Wie kann ich authentisch sein, wenn ich in einer Situation eigentlich schreien will “Lass mich jetzt in Ruhe mit deinem Scheiß!”? Später erklärte sie mir: “Das ist einfach so, ich weiß auch nicht warum.” und dass sie so traurig war, weil K. bei T. war… Sie dachte, er hat T. lieber als sie. An einem anderen Tag stritten, heulten, brüllten die beiden fast eine halbe Stunde darum, wer auf meinem Schoß sitzen darf.

Gestern hat P. T. gerettet. T. war so seltsam auf die Heizung geklettert, dass der Kopf schon ziemlich weit aus dem Fenster guckte. P. hielt ihn fest und rief uns. Wir erklärten ihr, dass das sehr gut war. Das machte sie stolz, sehr sogar. Und für den gesamten Tag gab es keine weitere Eifersuchts-Streierei. Im Gegenteil, sie waren ein Herz und eine Seele, spielten gemeinsam, jagten sich durch die Wohnung und kuschelten sich abends zusammen in ihr gemeinsames Bett. Bei P. gibt’s da gerade nur entweder-oder, wuterfüllter Hass oder überschäumende Liebe.

Aktivitäten zu vereinbaren ist auch nicht immer leicht: Für viele Dinge, die mit T. cool wären, ist P. schon zu groß. Viele Dinge, die mit P. jetzt gehen, ist T. zu klein und er funkt immer dazwischen (Spiele spielen zum Beispiel). Challenge: Finde immer etwas, was für beide cool ist. Gerade sind das z.B. Spielplätze – ich hasse Spielplätze! Aber so what… Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass jeder von uns Zeit allein mit P. hat. Und im Moment ist K. bei P. mehr am Zug als ich. Vielleicht sollte ich darauf vermehrt achten.

Ich merke auch in mir etwas, was sicher auch meinen Eltern so ging: T. ist einfach (im Moment noch) sehr viel entspannter als P. Er hat meist gute Laune, ist fröhlich und insgesamt nicht so wahnsinnig sensibel wie sie. P. hat gerade eine Phase, in der sie schnell weint und wütend über Dinge ist, die für uns wirklich schwer nachvollziehbar sind. Sie redet ständig in diesem echt anstrengenden Befehlston mit uns, verdreht die Augen, brüllt und kreischt uns an usw. Ich arbeite an mir, ihr Verhalte nicht (negativ) zu (be)werten, aber oft bringt mich das echt an meine Grenzen. Ich kann (und will) mich einfach nicht ständig anbrüllen oder rumscheuchen lassen… Und irgendwie will ich ihr das auch zeigen. Aber dann fühlt sie sich doch wieder abgewertet… Ich war auch ein forderndes Kind. Und mein Bruder im Vergleich dazu gerade phlegmatisch. Dieser Umstand sollte aber nichts am Verhalten den Kindern gegenüber ändern. Und das empfinde ich als echte Herausforderung. Ich versuche jeden Tag unvoreingenommen anzufangen und P. nicht von vornherein als “das anstrengende Kind” zu sehen. Aber ich merke, dass es mir an manchen besonders ausbruchsgeladenen Tagen echt nicht leicht fällt.

Hach ja, da ist sie wieder, diese schwierige Gratwanderung zwischen den eigenen Grenzen und Baustellen auf der einen und dem Anspruch, seinen Kindern Rückhalt und sicherer Hafen sein zu wollen auf der anderen Seite. Mich erdrückt das manchmal so sehr, dass ich mich eigentlich nur noch dazu im Stande fühle, mich auf die Couch zu legen und an die Decke zu starren. Nicht denken, nicht reflektieren, nicht schuldig fühlen, nicht angesprochen werden, nicht gefordert sein, nicht reagieren, nichts müssen.

Was an der Vereinbarkeits- und Demographie-Debatte nervt

So ziemlich alle großen und kleinen Medien haben jüngst vom Mal wieder großen, aber eigentlich gar nicht so neuen Schock berichtet: Die seit einigen Jahren so unerträglich beliebten – und viel zu selten kritisch hinterfragten –  OECD-Ländervergleichsstudien haben das Demographie-Fass aufgemacht. Deutschland. Ist. Das. Land. Mit der. Niedrigsten. Geburtenquote. Achduscheisseunnu? Unter anderem Stefanie Lohaus hat das in ihrem Artikel “Land ohne Kinder” für die FAZ aufgegriffen und kommentiert. 

Dass in diesem Land familienunfreundliche Politik betrieben wird, sehe ich nicht anders als die meisten Autor_inn_en. Meiner Meinung nach spielen davon abgesehen aber auch andere, in der Debatte unterbelichtete Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, dass die Menschen ausgehend vom 18. Jahrhundert noch kompromissloser im Individualismus angekommen sind, der im übrigen ganz hervorragend zum gegenwärtigen absurden Turbo-Kalitalismus passt. Wenn dem politisch nicht Paroli geboten wird, wie etwa in den skandinavischen Ländern, und tatsächlich umfangreiche Anreiz-Systeme fürs  Familiegründen geschaffen werden, dann sieht’s halt schnell so finster aus. Aaaaaaber –  und dann bin ich auch schon bei meinem Knackpunkt:

Richtig nervig finde ich an der Debatte um die Probleme der (Un-)Vereinbarkeiten (stets in Bezug auf Familie und Karriere) und des damit zusammenhängende Demographiewandels, dass das Problem – wie so häufig – so gnadenlos unkritisch innerhalb der klar abgesteckten Mauern der OECD-Religion verhandelt wird. Denn was wird da immer und immer wieder als das vorrangiges Problem aufgerufen? Rüschtüüüüsch! Es “droht ein Rückgang der Wirtschaftsleistung” (aus oben zitiertem Artikel). Jahaaa! Schland kann nicht mehr mithalten im internationalen Wettrennen um die meisten Kinder, heißt zukünftig weniger Arbeiterbienen = keine Garanten für beständiges Wirtschaftswachstum. Okay, die Renten, das ist auch noch n Ding… Aber die Wachstumsproblematik führt die Top 10 der schlimmsten Katastrophen in Folge des demografischen Wandels unumstößlich an.

Ich halte hier mal fest: Ich gehöre wahrscheinlich zur Post-Wachstums-Bewegung und aus der Perspektive geht es mir echt gehörigst auf die Eier, wie einhellig selbst von (angeblich) kritischen und/oder feministischen Mitsprecher_inne_n (!) bei Themen aus dem Bereich der Familien- und Bildungspolitik, die so vetrauten und deshalb wohl für sie selbst nicht mehr auffälligen, dabei aber nicht weniger stumpfen “Wir müssen doch das wirtschaftliche Wachstum unseres Landes sichern”-Predigten mitgegröhlt und wiedergekäut werden. Dabei bemerken sie nicht, dass sie ihren eigenen kritischen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil eine ganz entscheidende Prämisse nicht mehr hinterfragt wird: Wirtschaftlicher Wachstum = Hoffnung = Ziel = Gesetz = Glaube = Ideologie.

Immerhin: Im letzten Absatz lenkt Lohaus etwas ein: “Im Endeffekt ist mir die Geburtenrate ja egal. Von wegen Aussterben der Deutschen und so. Stattdessen können wir auch das Renteneintrittsalter auf 75 erhöhen und mehr Arbeitsmigration zulassen, auch das sind Lösungen.”; das geht mir aber defintiv nicht weit genug. (Andererseits: Kann man in/von der FAZ etwas anderes erwarten?)

Es gäbe so vieles zu kritisieren, so viel zu hinterfragen, zu vermuten und zu fordern an/von der beschissenen deutschen Familien- und Bildungspolitik, gerade auch von uns Betroffenen! Aber das geht m.E. auch ohne die heute scheinbar unverzichtbar gewordenen Verweise auf zukünftiges Wachstum des nationalen BIP, Durchsetzen und Mithalten müssen in irgendwelchen kruden internationalen Vergleichstabellen und fucking Karrierechancen.  Wettbewerb! Wettbewerb! Wettbewerb! Als gäb’s nichts wichtigeres, als gäb’s nichts anderes, als gäb’s keine Alternativen dazu. Ich gegen die andere Mutter, ich gegen die Kollegin, Frauen gegen Männer, Homos gegen Heteros, Sachsen gegen Bayern (und Bayern gegen den Rest der Welt ;)), Deutschland gegen Schweden, EU gegen USA – alle gegen alle. Mittlerweile ist es egal, worum es geht, Hauptsache “wir” kacken nicht ab. Schande über Deutschland! Letzter Platz beim ESC und jetzt auch noch bei der Geburtenrate? So kann’s nicht weitergehen, da muss dor was passiorn! Mior sind doch keine Forliorornazion!

Jede_r die/der sowas unhinterfragt mitschleift, betreibt Lobby-Arbeit für die Wachstums-Ideologie und den Konkurrenz-Fanatismus der (erweiterten) westlichen Welt, indem sie/er die eben nicht neutralen Vergleiche und Verbreitungen der OECD* inkl. der darin mitgedachten und von ihr beförderten globalen Ungerechtigkeiten und Missstände verbreitet und weiter normalisiert und darüber hinaus – ja das wird jetzt drastisch – einen kleinen ekligen Nationalismus-Warzenpickel.

* OECD = die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in der nur 34 Länder vertreten sind – darunter nicht etwa Indien oder Bangladesh, sehr entscheidend für den globalen Wirtschaftskreislauf, aber nur in ihrer Funktion als quasi-Sklaven für die westliche Welt. Die Haupt-Ziele Dr OECD sind zu einer optimalen Wirtschaftsentwicklung (in den Mitgliedsstaaten!) beizutragen, Wirtschaftswachstum (in den Mitgliedsstaaaten!!) zu fördern und zu einer Ausweitung des Welthandels beizutragen. 

“Mode”diktatoren

Ich bin kein Shopping-Mensch. Zumindest versuche ich keiner zu sein. Ich kaufe trotzdem noch zu viel, finde ich. Ich versuche beim Kauf von Klamotten, Schuhen usw. immerhin auf sowas wie Langlebigkeit zu achten. Klappt aber bei weitem nicht so wie ich das gern hätte. Ich versuche, den Großteil gebraucht zu kaufen. Ja, einkaufen macht auch mir durchaus Spaß. Genau wie Süßigkeitenessen. Beides ist aus Vernunftgründen aber keine gute Sache. Weil moderne Sklavenwirtschaft, ungesund (in vielerlei Hinsicht) usw. Soviel zum Moralapostel-Teil.

Kurz vor meiner Straßenecke habe ich mir gerade meine scheiß “Ballerinas” ausziehen müssen, weil die an meinen Zehen reiben. Und es kotzt mich an! Früher habe ich immer über meine Oma geschmunzelt, die zuerst ihre Hose ausgezogen und “in was bequemes geschlüpft” ist, kaum dass die Haustür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Heute mache ich das selber so. Heute hab ich’s nicht mal bis nach Hause geschafft. Seit so etwa zwei Monaten – hm, gut, ehrlicher: seitdem ich wieder zugenommen habe, vor allem am Bauch – sehe ich es eigentlich einfach nicht mehr ein, unbequemes Zeug anzuziehen. Was ist das eigentlich für eine Scheiße?

Frauenschuhe sind für viele Frauen vorne viel zu schmal geschnitten. Die Schuhe reiben an Zehen, an Fersen… Ich habe offenbar ziemlich weit auseinanderstehende Zehen. Jedenfalls wurde die durch’s Schuhetragen der letzten Jahre extrem zusammenquetscht. Richtig deformiert sehen die aus. Und dabei achte ich schon auf bequeme Schuhe. Was ist das für ‘ne Scheiße mit den Mode-Diktaten?

Hosen drücken den meisten Menschen am Bauch. Das ist ja auch logisch, weil Durchschnitts-Nicht-Waschbrett-Bäuche im Stehen nicht den gleichen Umfang haben wie im Sitzen. Ständig guckt irgendwo eine Arschritze aus. Auch das ist logisch, weil beim in die Hocke gehen, beugen, bücken, kurz: beim Bewegen nun einmal… nee, noch anders: Weil der Arsch sich im Regelfall nach außen wölbt. Schon mal aufgefallen, dass z.B. Röcke rundherum eine Länge haben? Der Hintern ist da einfach nicht mit eingeplant. Und in Hosen ist Bewegung nicht mit eingeplant. Völlig Gaga wird’s ja bei dieser Fett-Weg-Wäsche. Im Netz geistert Mal ein Bild rum, das zeigte, wie die Organe zusammengequetscht werden, wenn sowas getragen wird.

Das muss man sich mal vorstellen: Da erfindet eine High-Society-Trulla aus Ummärrica einen Ganzkörper-Wonderbra und wird damit zum Vorzeige-Model für die Vereinbarkeit von “Familie und Karriere”. Ihr ging’s ja auch so schlecht, weil sie so aus der Form gegangen war, nach der Geburt der Kinder… Da musste sie sich was einfallen lassen. Und weil es mehr oder weniger unmöglich – oder zumindest unwahrscheinlich – ist, den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen – vor allem als Mutter – wird “Funktionswäsche” (!) erfunden, die das Unerwünschte einfach wegquetscht. Geht’s eigentlich noch sinnbildlicher? Und die High Society-Läääidiies bedanken sich in Scharen bei der! Weil sie ihnen “ihr Leben zurückgegeben haben”.

Photoshop, XS-Models, Konfektionsgrößen, “porentiefe Reinheit”, keine Falten im Alter, keine grauen Haare, keine Haare an und zwischen den Beinen oder unter’m Arm… Diese verdammten Schönheitsideale machen mir schon seit meiner Teenie-Zeit zu schaffen, weil ich immer meilenweit von ihnen entfernt war. Seit ich denken kann fühle ich mich hässlich. Zu dick, zu hellhäutig, zu klein, zu stämmig, … Nicht fit genug. Meine Komplexe begleiten mich jeden Tag. Und sie sind nicht gerade leise. Ich habe eine völlig verquere Selbstwahrnehmung und leider sind mir die Blicke der Anderen nicht so egal, wie es mir lieb wäre. Mein bewusstes Denken und meine mir angedachten Ideale brüllen dagegen an – ich will diesen Dogmen nicht folgen, ich will, dass es mir egal ist wie mich wer findet. Ich will meine Beine nicht rasieren, weil ich davon Neurodermitis-Rückfälle bekomme. Ich will meinen Bauch nicht 90% des Tages einziehen müssen. Ich will nicht, dass mir der Hosenbund schmerzhaft in’s Fett schneidet. Ich will mich nicht für meine Risse schämen, die meinen Bauch und meine Oberschenkel noch unansehnlicher machen. Ich will mich nicht mehr dabei erwischen, wie ich beschämt eine Jacke über meinen Bauch lege, sobald ich mich hinsetze. Ich will nur noch in luftigen Jogging-Hosen mit doofen Mustern rumrennen, die ich selber genäht habe. Ich will meinen Bauch raushängen lassen, wenn er halt einfach gerade mal wieder voluminöser ist. Ich will mich nicht nach allem, was ich gegessen habe, fragen, ob das jetzt ein Fehler war. Ich will mir nicht ständig einbilden, dass andere sich vor mir ekeln. Ich will diese “ich versteck mich”-Impulse nicht mehr. Ich will mir nicht jeden zweiten Tag (ernsthaft!) denken: “Ab morgen esse ich nichts mehr, dann geht das schon wieder weg” und mir danach selbst links und rechts eine Watschen müssen für diese Gedanken. Ich will auf solche Oberflächlichkeiten scheißen.

Die Mode-Diktatoren helfen nicht dabei, das hinzubekommen. Im Gegenteil. Und wieder mal frage ich mich, was für eine menschenunfreundliche Welt wir uns da erschaffen haben. Klar sind das Luxus-first world-problems. Aber machen wir uns nichts vor: Diese ständigen Unzulänglichkeitsgefühle sind wahrscheinlich Realität in den Köpfen vieler Menschen. Warum machen wir das mit? Warum begehren wir nicht auf? Warum ziehen wir die scheiß-engen Schuhe und Hosen trotzdem an? Warum wehren wir uns nicht viel, viel mehr gegen sowas? Und wem nützt dieser Kackmist?

Mach doch selber den Wecker aus!

Mach doch selber den Wecker aus, Mann! Dreht der sich einfach wieder um und schnarcht weiter, nachdem er mich erstmal angeschubst hat. Liebevoll ist auch anders… Empfindet der eigentlich noch irgendwelche netten Gefühle für mich? Hm, aber beim Aufstehen darf man den eh nicht für voll nehmen. Wie kann man nur so lahm in den Tag kommen? Jaaaaaa, MamaMamaMamaMaaaaaama! Mannnnnn! Ich höre euch, verflucht nochmal… Uäääääääh, ich will nicht, ich will liegenbleiben, nur noch fünf Minuten. Ich. will. nicht. Und der schnarcht schon wieder. Mich dann aber anblaffen… Ich finde das soooooo so so so ungerecht! Immer muss ich als Erste aufstehen. Duschen würde ich auch gern mal wieder. Wie sehe ich überhaupt aus? Mein Haare sind bestimmt total eklig und meine Haut tut weh. Immer tut meine Haut weh. Immer ist irgendwas mit meinem Körper. Wann habe ich mich eigentlich zum letzten Mal rundum wohl gefühlt? Ich fühle mich so un- … Vielleicht gehe ich einfach duschen. Dann werden die Kinder immer lauter und er muss irgendwann aufstehen. Aber dann kommen wir zu spät. Hm, sinnlos… Maaaaaann, ich bin müdesomüde. Es ist halt einfach scheiße, wenn ich abends noch Unikram mache. Ich denke dann immer ewig darüber nach und kann nicht einschlafen. Ich bin total aufgekratzt und kratze mich auf. Höhö. Cooles Wortspiel. Muss ich mir aufschreiben. Wo ist mein Handy? Hab ich das gestern noch aufgeladen? Ist das hier im Bett? Das muss doch hier sein .. Ich hatte das gestern noch. Ob die W-Lan-Strahlen schädlich sind? Mist. Schon wieder halb 9. Wir kommen wieder zu spät in die Kita. Immer kommen wir zu spät. Ist das nicht eigentlich total verantwortungslos? Die arme P.! Nie kann sie beim Morgenkreis mitmachen… Da reden die bestimmt immer darüber, wie ihr Tag war und so. Es wäre voll wichtig eigentlich, dass sie dabei ist. Aber wir schaffen das einfach nicht. Ich will aber nicht noch eher aufstehen. Alter! Und der pennt immer noch in aller Seelenruhe… Macht der sich gar keinen Kopf darüber? Wahrscheinlich wieder nicht! Warum denke ich so viel nach? Warum mache ich mir immer wegen allem ein schlechtes Gewissen? Und er so gar nicht… Das ist so gemein. Warum denken manche so wenig nach über sich und andere so wenig? Warum haben manche Menschen mehr Probleme mit schlechtem Gewissen als andere? Warum denkt der nie über sich nach? Oder über uns? Und ich dauernd? Warum können die nicht einfach herkommen, anstatt hier durch die ganze Wohnung zu schreien? Ich hätte heute gern frei. Einfach mal nichts vorhaben. Nichts müssen. Die dreihundert Texte lesen, die noch auf meiner “To read”-Liste stehen… Andere Studis könnten soooo viel lesen. Ich hab so wenig Zeit. Ich wäre gern viel belesener. Und schlauer. Ich fühle mich so dumm… Aber ich komme ja auch zu nichts. Ich hätte gern viel mehr Zeit zum Lesen. Ich würde nur lesen, wenn ich die Zeit hätte… Warum habe ich das früher nicht viel mehr gemacht? Ohhh, T. sieht so niedlich aus, wenn er in seinem Schlafsack hier rein kommt. Ich hätte nie gedacht, dass er so niedlich sein würde. Der ist sooooo drollig im Moment. Hach. Oaaaar, nee, der hat gekackt. Scheiße! Ich hab keinen Bock. Immer muss ich den früh gleich wickeln. Immer fängt der Tag mit Scheiße an… Kann der nicht mal wann anders kacken? Kann K. das nicht mal machen jetzt? Gut, dann steh ich jetzt natürlich doch wieder auf. Hrmpf… Okay… okay… okay… Alter, das stinkt so erbärmlich. Waaaaaah! Jetzt P. auch noch … KANN DER JETZT MAL AUFSTEHEN?!?!? Wenn der jetzt nicht seinen Arsch aus dem Bett bewegt, dreh ich durch… Das kann’s doch echt nicht sein. Wie-so mü-ssen Kin-der sich eigentlich gegen alles wehren, was man mit ihnen vorhat? Warum können die nicht einfach mal einsehen, dass manche Dinge sein müssen. Als würde ich das gerne machen! Es würde doch alles viel schneller gehen. Kann der jetzt nicht einfach mal still hier liegenbleiben?? Och neeeeee, jetzt ist der überall – Neeeein! Nicht auch noch die Hand da rein – ehheheheöööö, ich heul gleich. Das ist mir jetzt schon wieder alles zu viel. Ey, wie viele Arbeitsschritte man an so einem Morgen mit zwei Kindern durchläuft… Da sind andere noch nicht mal aufgestanden. 

… … …

Hach ja. Wir sind ja so Erwachsen… Ich finde es ziemlich unterhaltsam, sich selbst beim Denken zuzuschauen.

Aufruf!

Es wird ja allgemein behauptet, man könne nicht in die Köpfe der Anderen gucken… Also müssten “die Anderen” sich mal in die Köpfe gucken lassen. Eh, ihr Blogger_innen und Leute da draußen: Wenn ihr Lust habt, schreibt doch auch einen “stream of consciousnes“-Beitrag und verlinkt ihn in den Kommentaren unter diesem Post. Und die, die keinen Blog haben: Ihr könnt mir gerne einen Bewusstseinstrom per E-Mail schicken (info -at- babykram-kinderkacke -punkt- com.) Vielleicht mache ich einen Beitrag mit den gesammelten Zuschriften draus, wenn bei mir was ankommen sollte. Wär bestimmt spannend!

Lebenszeichen. Oder: Tausendsassa.

Also. Eigentlich habe ich einen super-Artikel in der “Pipeline”, wie man so schön sagt, über den Umgang mit den z.T. heftigen Gefühlsausbrüchen von Kindern. Das Thema liegt mir aber sehr am Herzen, ich lese dazu gerade noch einige Dinge und möchte, dass der Artikel gut wird. Dafür muss der noch ein bisschen gären.

Und ich habe zwei… nun ja mehr oder weniger “Produktvorstellungen” rumliegen, die noch ausstehen. Allerdings macht mir das ein bisschen Bauchschmerzen, obwohl es keine Werbung – im eigentlichen Sinne – ist, d.h. ich bekomme kein Geld dafür -, sondern es geht um zwei Projekte von Eltern, die ich einzigartig, kreativ, selbstständig, nützlich und schon deshalb unterstützenswert finde. (Nämlich die interaktive Märchen-Kinderbuch-App für’s iPad “Knard” von dem total netten Christoph – der hier -, der mir seine Geschichte erzählt hat und die super-coolen Platzdeckchen von Happy Mat, die wir schon seit ‘ner Weile in Gebrauch haben. Eine werde ich verlosen…) Mir macht das Bauchschmerzen gerade weil ich kaum noch zum Schreiben komme. Und dann zwei Sachen zu veröffentlichen, die für mich und das hier eher untypisch sind, … Naja.

Nun häufen sich aber die Nachfragen, ob der Blog einschläft, deshalb also mal dieser irgendwie unthematische Zwischenruf hier, in dem ich einfach mal erzähle, was ich eigentlich so mache, was vielleicht auch erklärt, warum ich diesen Blog gerade nicht mache.

“Hauptamtlich” bin ich – im Moment bin ich 26 – Studentin. Ich studiere Erziehungswissenschaften (Bachelor), inzwischen im 5. Semester (von in der Regel 6, ich studiere aufgrund der Kinder und weil ich’s will aber min. zwei Semester – also ein Jahr – länger. Viele fragen mich, was man eigentlich macht oder wird, wenn man das studiert. Das Studium hat pädagogische, sozialpädagogische, psychologische, soziologische, viele gesellschaftskritische, Sozialforschungs- und erwachsenenbildnerische Inhalte. Ich mag die Kombination sehr, weil es echt ziemlich exakt meinen Interessen entspricht. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Bildungstheorie, Bildungsforschung, Schulsystem(Kritik), Lerntheorie, soziale Ungleichheit, kritisch-emanzipatorische Bildung, politische Bildung und derlei Dinge. Während der Vorlesungszeiten – also jeweils von April bis Mitte Juli und von Oktober bis Ende Januar – fahre ich in der Regel an zwei bis drei Tagen in der Woche in die Stadt, in der ich studiere – das dauert ca. 1,5 Stunden von meiner Wohnungstür bis zum Hörsaal. Dort habe ich dann Vorlesungen oder Seminare. Es ist viel Literatur vorbereitend zu lesen, auszuarbeiten, Referate und Sitzungen sind vorzubereiten, Klausuren zu schreiben, Prüfungen zu absolvieren usw. Vielen Dank, Bologna-Reform. Ich bin recht aktiv am Studieren und studiere auch echt gerne. ich versuche, viel zu lesen, meine eigenen Schwerpunkte zu finden und diskutiere viel und gerne in den Seminaren, leiere eigene Projekte an usw.

Ich bin tollerweise Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, wodurch unser Leben gerade überhaupt nur so machbar ist. Das Geld, was ich von der Stiftung bekomme, muss ich 1. – im Gegensatz zum Bafög – nach dem Studium nicht zurückzahlen und es ist 2. sehr viel mehr als das Bafög: Ich bekomme 597 Euro Gundförderung + 300 Euro “Büchergeld” + 73 Euro Krankenversicherungszuschuss + 198 Kinderbetreuungspauschale + 155 Euro Familienzuschlag, d.h.1323 Euro im Monat. Das ist natürlich super! (Und damit hatte ich übrigens gar nicht gerechnet, als ich mich beworben habe.) Für ein Stipendium bei der Böckler-Stiftung braucht man übrigens nicht vorrangig super Noten. Die Stiftung ist eine gewerkschaftsnahe und fördert vor allem Studierende, die in Gewerkschaften sind bzw. Kinder aus sogenannten “Arbeiterfamilien” – wenn die Eltern also keine AkademikerInnen sind – und erwarten ein gewisses Maß an gesellschaftspolitischem Engagement. In der Stiftung bin ich nun seit einem Jahr und ich bin wahnsinnig dankbar dafür. Ohne das Geld wären wir ziemlich aufgeschmissen, denn nur mit K.s Journalisten-Einkommen und Bafög wären wir nicht über die Runden gekommen und zusätzlich noch arbeiten zu gehen würde ich einfach nicht schaffen. Davon abgesehen bietet die Stiftung auch andere tolle Möglichkeiten, zum Beispiel Seminarfahrten und Sprachkurse, auch im Ausland. Von denen kann ich aber leider nicht wirklich viel nutzen, auch wegen der Kinder, obwohl die Stiftung sich echt bemüht, immer auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten usw. Aber trotzdem: Ich kann mir nicht vorstellen, mit meinen Kindern ein halbes Jahr nach Nepal zu gehen oder so.

Wenn keine Vorlesungszeit ist – ich also “Semesterferien” habe, die diesen Namen aber eigentlich nicht mehr verdienen und offiziell deshalb auch “vorlesungsfreie Zeit” heißen, dann verbringe ich viiiiiiiiiel Zeit in der Bibliothek, weil pro semesterfreie Zeit (jeweils Februar und März sowie August und September) meist 2-3 Hausarbeiten geschrieben werden müssen. Total bekloppt, wenn ihr mich fragt. Ich brauche jedenfalls mehr Zeit, um einen guten wissenschaftlichen Text zu schreiben und mich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Meine letzte Hausarbeit habe ich über AbsolventInnen freier Schulen geschrieben (der Bundesverband freier Alternativschulen (BFAS) wird sie wohl demnächst auf seiner Seite veröffentlichen), aktuell arbeite ich an einer kritischen Analyse einer so genannten “Expertise” für ErzieherInnen, in der Tipps zum Umgang mit so genannten “verhaltensauffälligen Kindern” in Kindertageseinrichtungen gegeben werden, ich konzentriere mich dabei auf den Teil zum “Umgang mit Aggressivität in der Kindertageseinrichtung”. Eigentlich sollte ich auch jetzt gerade daran arbeiten… Allerdings saß ich gestern von 10 bis 24 Uhr in der Bibliothek und habe immernoch sowas wie Muskelkater im Gehirn und leichte Motivationsprobleme.

Wenn ich nicht an Hausarbeiten oder in der Uni sitze, absolviere ich Praktika. Da wir am Ende dieses Studiums nicht nur einen BA-Abschluss Erziehungswissenschaften haben, sondern “automatisch” auch staatlich anerkannte SozialpädagogInnen sind, ist eine lange Praxis-Phase im Studium integriert. Im Normalfall soll man 450 Stunden in Vollzeit am Stück absolvieren, was bei mir aber – Kinder! – nicht möglich ist. Insofern hab ich’s geteilt: Den ersten Teil habe ich an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut (DJI) absolviert und ab 01.05. arbeite ich für drei Monate – juhu! – an der Freien Schule Leipzig.

“Juhu” ist das deshalb, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, eine freie Schule zu gründen. Der Gedanke reift immer mehr, bevor ich aber meine ganze Lebens- und Arbeitszeit in so ein Projekt stecke, möchte ich mir sowas mal in der Praxis anschauen. Ich bin sehr, sehr gespannt, denn ich halte vom Schulkonzept demokratischer Schulen (PDF!) theoretisch sehr viel und kann’s kaum erwarten zu sehen, wie das praktisch funktioniert. Ich kann mir auch vorstellen, diesen Bereich nach meiner Studienzeit eine Weile zu erforschen (es gibt eklatante Forschungslücken, wie ich während der Ausarbeitung meiner letzten Hausarbeit festgestellt habe). Prinzipiell möchte ich gern in Bereichen arbeiten, die “passiven”, konsumistischen Haltungen etwas entgegensetzen, die m.E. heute leider viele Menschen haben, was von Seiten der Politik z.T. auch gefördert wird, und im Gegenzug Emanzipation, tätig sein, gesellschaftspolitisches Engagement usw. fördern. Das kann auf ganz unterschiedliche Bereiche zutreffen und so lange einer diese Kriterien erfüllt, mache ich gern mit. Am liebsten möchte ich aber (früher oder später) ein eigenes Projekt realisieren. Und am allerliebsten soll das eine Schule sein, denn daran, dass sich das Bildungssystem tatsächlich in einem Sinne reformieren lässt, dass es nach meinen Vorstellungen diesen Namen überhaupt verdient, glaube ich (leider) nicht (mehr) wirklich.

Dann “mache” ich noch die Leipziger Kita-Initiative. Die haben wir 2012 gegründet, weil die Platzvergabe und Platzanzahl von Kita-Plätzen in Leipzig eine Katastrophe war und ist. Wir sind quasi die Lobby der Eltern von Kleinkindern in Leipzig, die Schwierigkeiten haben, einen Betreuungsplatz zu finden, reden mit den Verantwortlichen, vermitteln, beraten, organisieren Treffen, Demos, usw. Für die Initiative “Weil Kinder Zeit brauchen” betreue ich die Facebook-Seite und vor kurzem habe ich die tolle Initiative “Was bildet ihr uns ein?” entdeckt und mich mit der netten Lisa getroffen. Dort möchte ich auch mitmischen. Fragt sich nur, wann?

Unser Tag sieht nämlich tatsächlich so aus, dass wir (in der Regel) 7:30 aufstehen. Meist verschlafen wir, oft hat K. Frühdienst. Ich ziehe die Kinder an und wir frühstücken. 1,5 Stunden brauchen wir, um aus dem Haus zu kommen. (Das macht mich wahnsinnig!) Um 9 wollen wir eigentlich in der Kita sein. Manchmal klappt das, meistens eher nicht. In der vorlesungsfreien Zeit gehe ich danach in die Bibliothek und arbeite, entweder bis 15:30, wenn K. nachmittags/abends arbeitet, und hole die Kinder wieder ab oder bis abends, wenn K. die Kids holen kann. Wenn ich Uni habe, fahre ich 9 Uhr in meine Uni-Stadt. Und bin abends 20 Uhr wieder Zuhause. Die Kinder gehen zwischen 20:30 und 21:30 in die Kiste, danach versuchen Zombie-K. und Zombie-ich uns zu unterhalten, was Liegengebliebenes vom zu erledigen oder gemeinsam Serie zu schauen, wenn wir nicht schon bei den Kindern eingepennt sind. Ab Mai arbeite ich an den drei Tagen, an denen ich nicht in der Uni bin, an der freien Schule. Haushalt? Ist echt ein Problem und muss irgendwie nebenbei laufen. Freunde? Sehe ich kaum, wenn, dann die, die auch Kinder haben (Hallo, Jule! :-*) Eigentlich habe ich auch noch andere Hobbys: Schreiben, freie Bildung – jenseits der Uni -, Lesen, Serien gucken mit K., nähen, mit Freunden ins Kino gehen oder in ‘ner Bar quatschen, Konzerte, Klavier spielen, komponieren, Natur, und auch sowas wie Sport würde mir mal wieder gut tun. Is’ aber nicht, gerade. Und für nette Zeiten zwischen K. und mir reicht’s gerade auch nicht.

Was Rieke Drust kürzlich in ihrem Artikel “Eine Polonäse ist nicht Tanzen.” ge- bzw. beschrieben hat, kann ich insofern ganz gut nachvollziehen und auch das, was all die anderen Eltern in letzter Zeit über Vereinbarkeit von Familie und dem Rest des Lebens geschrieben haben. Und trotzdem denke ich mir dabei irgendwie immer auch – auch in Bezug auf mich selbst – “LUXUSPROBLEME”! Ich kann mich selbst nicht so ganz ernst nehmen, wenn es in mir heult, weil es “mal wieder” Zeit für xyz braucht… weil ich niiiiiiiie zu etwas komme und weil ich niiiiiiiiiiie Zeit für mich oder meine Freunde habe. Ich muss mir dann denken, dass ich es mir so ausgesucht habe. Ich muss mir dann denken, dass ich so ehrgeizig und eine “Tausendsassa” bin und schon immer war. Der Tag hat 24 verdammte Stunden, und ja, die Energie und auch der Kopf ist begrenzt. Und glaubt mir, ich finde mein Leben und das Leben mit Kindern generell extrem anstrengend. Ich glaube aber auch, dass “wir” (emanzipierte, wollende) Frauen selbst dafür verantwortlich sind, dass es so ist. Wir wollen viel zu viel, alles gleichzeitig und wir sind mit nichts zufrieden. Wir wollen auf 1000 Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wir wollen tolle Eltern sein, tolle Jobs machen, anerkannt werden für etwas, was wir toll können, viel wissen, sportlich sein und ausgeglichen, gut aussehen, eine tolle Partnerin für unseren Lebensgefährten/unsere Lebensgefährtin sein, eine tolle Freundin für unsere Freunde, eine tolle Tochter für unsere Eltern, wir wollen unseren tollen Hobbys nachgehen (können), die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts mitnehmen (Stichwort: “Wellness”!), wir wollen politisch engagiert sein, wir wollen gesund kochen, wir wollen viel gereist sein und erfahren… Und ja, das ist zu viel, denn das ist nicht machbar. Dafür, dass dieses Ideal der Tausendsassa heute da ist, können wir vielleicht nichts, dafür, dass wir das Gefühl haben, dass das alles von uns erwartet wird, vielleicht auch nicht, aber dafür, dass wir das annehmen und dafür, dass wir glauben, das wir das alles tatsächlich tun müssen… dafür, dass wir glauben, dass wir darauf sogar ein Recht haben und dass die Umstände sich bitteschön unseren verqueren Vorstellungen davon, was alles gleichzeitig drin sein muss, anzupassen haben… dafür, dass wir denken, dass irgendwas nicht stimmt – wahlweise mit uns selbst oder unserem Leben -, wenn das alles so nicht klappt… dafür, dass wir eigentlich nie entspannt, stattdessen immer im Stress und tatsächlich permanent an der Grenze des Burn-Out sind, dafür können wir (oft) schon auch selber was. Denn es ist unser Leben und wir haben heute das Privileg – deshalb sagte ich: Luxusprobleme! – zu entscheiden, was wir tun und was wir lassen. Das ist auch Emanzipation! Wir müss(t)en “nur” das ständige noch-mehr-Wollen mal wirklich sein lassen wollen… Wir müssten “nur” aufhören, zu glauben, irgendwem irgendwie noch mehr beweisen zu müssen, denn meistens sind’s doch wir selbst, die suggerieren, dass wir nicht whatever-genug sind. Wir müssten “nur” ein kleines bisschen zur Ruhe kommen, geduldiger sein, uns mehr Zeit für die Dinge – die Kinder! – nehmen (können). Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich schaff’s nämlich auch nicht.

* Und ich kann mir vorstellen, dass das in Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen müssen, durchaus nochmal ‘ne andere Kiste ist.

Alltag

Ich wurde in letzter Zeit häufig gefragt, wir wir unseren Alltag organisieren zwischen Studium in einer anderen Stadt, Elternsein und freiberuflich-“festfreier” Berufstätigkeit, insofern:

Wir stehen 07:30 auf, damit wir pünktlich um 09:00 in der Kita sind. Der Morgen ist eigentlich immer ganz entspannt, alles geht sehr flott und reibungslos über die Bühne, wir springen tänzelnd und singend pünktlich 08:45 zur Straßenbahn. P. sitzt jeden Morgen pünktlich 09:00 im Morgenkreis der Kita. (Das ist nicht unwichtig, weil das im teil-offenen Konzept der einzige Moment des Tages ist, an dem die Gruppen zusammenkommen und die Kinder sich für ein “pädagogisches Angebot” entscheiden können. Wer später kommt, muss das nehmen, was noch da ist.)

Nachdem ich die Kinder abgegeben habe, setze ich mich ins Café, gern mit guten Freunden, und frühstücke entspannt, während ich Nachrichten lese, schreibe oder anregende Gespräche führe. Anschließend gehe ich nach Hause, wo unser Hausroboter schon den Haushalt inklusive Wäsche erledigt hat. Ich setze mich an den Rechner, beantworte einige Mails und beginne, mich mit spannender Lektüre zu einem mich aktuell interessierenden wissenschaftlichen Thema meines Fachs zu beschäftigen. Anschließend schreibe ich noch 1-2 Stunden. Gegen 13:30 bin ich mit guten Freunden zum Mittagessen verabredet. (Achso: Ja, ich habe einen Time-Warper, so dass die Zeit vom Abgeben in der Kita bis 13:30 verdreifacht wird.) Dann gegen 14:30 mache ich noch einen Spaziergang oder schaue beim Ökohof vorbei, helfe dort ein paar Möhren ernten oder ich schaue bei meinen Kumpels vom Stadtteilladen rein, möglicherweise kann ich da noch etwas helfen.

Pünktlich 15:30 treffe ich dann K. und wir schlendern zur Kita, um unsere gut gelaunten Kinder um 16:00 abzuholen. Wir gehen entspannten Schrittes nach Hause, machen vielleicht noch kurz Halt am Waldspielplatz, wo die Kinder vergnügt Räuber und Gendarme mit Materialien, die sie im Wald finden, spielen und wir unterhalten uns angeregt über Erwachsenenthemen. In der Dämmerung gehen wir nach Hause, wo ich eine leckere Karottensuppe aus den selbst geernteten Möhren zubereite, von der meine Kinder mindestens zwei Schüsseln essen. Schließlich gehen die Kinder – nachdem sie den Tisch abgeräumt haben und gefragt haben, ob sie sonst noch etwas helfen können – ins Bad, ziehen sich aus, waschen sich, putzen die Zähne und kuscheln sich in ihre Betten. (Es ist natürlich niemals später als 19:30!) Dann rufen sie uns, damit wir ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Als wir gerade beim Lesen der letzten Seite angekommen sind, sind beide Kinder eingeschlafen. Sie schlafen durch. Immer.

Der Abend gehört ab aller-aller-spätestens 20:00 dann nur uns Eltern. Wir lassen einen Babysitter kommen und gehen aus oder lesen uns Gedichte vor. Danach haben wir immer Sex, eigentlich jeden Abend. Manchmal kommen auch noch Freunde mit Wein vorbei und wir diskutieren über die Entwicklungen im nahen Osten.

Noch Fragen? ;-))

1 Monat – 1 Buch: 2014

Ich hatte das Lesen von (ganzen) Büchern in den Jahren nach P.s Geburt irgendwie sträflich vernachlässigt. Anfang 2014 habe ich mir vorgenommen, jeden Monat ein Buch zu lesen, weil: Lesen fetzt, ist wichtig, gut, fühlt sich weniger verblödend an als Fernsehen (ja, auch Serien!) und erweitert meinen Horizont… Lesen kann Reisen, die mir nicht möglich sind, ein bisschen ersetzen und bringt einem vergangenes und außerkulturelles näher. Papperlapapp… Für’s Lesen kann man zig gute Gründe finden, insofern: you name it.

(Obwohl ich mich schon das ein oder andere Mal gefragt habe, warum allgemein “viel lesen” eigentlich als so eindeutig besser gesehen wird als “viel fernsehen”, selbst dann, wenn man “gute” Sachen schaut… Letztendlich ist doch beides nichts anderes als Zerstreuung, in der Blaise Pascale (1623 – 1662) zum Beispiel das Laster der Menschen schlechthin gesehen hat (“Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.”). Seiner Ansicht nach suchen die Menschen Zerstreuung, um ihrer inneren Leere zu entkommen bzw. um nicht über die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Seins nachdenken zu müssen… Die Langeweile wäre für den Menschen kaum erträglich, sie würde aus dem Herzen aufsteigen, um den Geist mit ihrem Gift zu erfüllen… Zerstreuung ist Ablenkung vor dem Elend des Menschen, der sich endlos in Raum und Zeit befindet… Inwiefern ist also – vor diesem Hintergrund – Lesen ‘sinnvoller’ als Fernsehen? Aber ach! Palaberrababer… Das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden… (<– Ende, Michael – der Heldenautor meiner Kindheit!)

Ich lese jedenfalls gern und ich finde es sinnvoll.Mich interessiert, wie andere Menschen die Welt sehen und in Geschichten verpacken. Ich lese gerne gute Schreiber und bin immer auf der Suche nach guten Geschichten mit echten Charakteren und einem kritischen Geist dahinter. In meiner Kindheit und Jugend habe ich (für mein Dafürhalten) viel zu wenig gelesen… Deshalb habe ich ständig das Gefühl, viel nachholen zu müssen…

Geschafft habe ich das quasi-Ziel “1 Monat – 1 Buch” zwar nicht – das liegt unter anderem daran, dass ich für die Uni echt viel lesen muss und ich deshalb manchmal einfach keinen Nerv habe, abends privat “auch noch” zu lesen -, einige sind es dann aber doch geworden, nämlich die hier:

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (bei Fischer Verlag)

Das war Anfang 2014… Ist jetzt schon wieder so lange her… Ich erinnere mich, Teile des Buches mit arschkalten Händen an der S-Bahn-Station gelesen zu haben und an das merkwürdige Ende, an die vielen, vielen Frauen und Sex-Träume und daran, dass es mich zeitweise echt genervt hat… Ich kann gar nicht genau sagen, ob es am teilweise für meinen Geschmack zu ausladenden Stil lag, an dem sexistischen Protagonisten, den Narzissmus des Paares oder daran, dass die Geschichte allgemein so vor Sex getrieft hat und die Figuren in ihrem eigenen Saft geschwommen sind. Fazit? Naaaajaaaaa…

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (2. Mal) (bei dtv)

Auf den Punkt, kritisch und äußerst kurzweilig. Kann jeder mal gelesen haben, der die BILD scheiße findet oder finden möchte… 

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (bei randomhouse)

Ich habe den Hundertjährigen irgendwann im Frühjahr angefangen, hatte ihn geschenkt bekommen und kam schon schwer rein, hab mehrmals angesetzt… Äußerst fiktive Geschichten brauchen manchmal ‘ne Weile, um mich zu kriegen. Als es dann in Richtung Weltgeschichte kam, wurde es unterhaltsam und durchaus kurzweilig. Ich erinnere mich daran, K sogar einige Stellen daraus vorgelesen zu haben… Sicher äußerst spaßig für alle, die versiert in Sachen Weltgeschichte sind und Lust haben, sich diesbezüglich mal den Kopf verdrehen zu lassen. Im Kopf geblieben (und tatsächlich auch im Alltag immer wieder gegenwärtig) ist mir Allan Karlssons Einstellung im Sinne “Was passiert, passiert… also stress dich nicht und nimm’s wie’s kommt. Deal with it…” (Zur Not halt auch mit Genosse Stalin, der die das Geheimnis der Atombombe entlocken will)

Was mich allerdings nachhaltig nicht befriedigt hat (mich dafür aber etwas über meine Lese-Vorlieben lehrte) ist, dass ich mit Hauptfigur Allan, dem ja so einiges passiert, der einiges durchmacht und auch selbst einiges bringt, irgendwie so gar nicht vertraut wurde. Ihn ließen seine abgefahren, zum Teil traumatischen Erlebnisse und Taten kalt. Das ist an und für sich ja okay und bietet fruchtbaren Boden für die Architektur eines Charakters… Wenn mir aber einfach nicht klar werden will, warum Monsieur Karlsson überhaupt keine Skrupel hat, Dinge in die Luft zu jagen (weder für die eine, noch für die andere Seite) und ihn die politischen Verwicklungen seiner Zeit ebenso unberührt erscheinen lassen wie Liebe, Familie, oder oder… dann fehlt mir eindeutig die Tiefe. Neben dem, was sich wann und wie “faktisch” in einer Geschichte ereignet, interessiert mich vor allem, wie die Figuren erleben, reflektieren, einschätzen und im Idealfall noch, was ihr Erleben und Empfinden geprägt hat. Ich suche nach Geschichten, die mir das Innerste der (hoffentlich interessanten, tiefgründigen und vielschichtigen) Figuren zeigen und die trotzdem unkonventionelle Gesichten bieten, möglichst jenseits von Klischees und Kitsch.

Hermann Hesse: Der Steppenwolf (2. Mal) (bei Suhrkamp /Insel)

Zu Schulzeiten hat der Steppenwolf mich tief beeindruckt… Wie hier am Schluss das Außen sinnbildlich für das Innen wird, ist einfach gut gemacht. Heute ist er mir streckenweise einfach viel zu pathetisch. Protagonist Haller kommt nicht mit der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins klar und leidet wie ein sterbender Hund. Der Steppenwolf… Das sind 200 Seiten Selbstmitleid, Selbst- und Menschenhass… Irgendwie spiegelt das in weiten Teilen meine Gefühlswelt durchaus, Hallers Empfinden ist mir nicht fremd, im Gegenteil. Aber das Versinken im Selbstmitleid gestehe ich schon mir nicht zu, Haller (bzw. Hesse) schwimmt geradezu lustvoll darin. Diese schwülstige Wortwahl ist m.E. das eher anstrengende an Hesse. Die Idee aber bleibt gut… Man müsste das mal moderner schreiben, vom “Schlick” befreien… Ist es eigentlich sehr abgehoben, so über ein Buch Hesses zu denken? 

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Studie in scharlachrot (bei Suhrkamp /Insel)

Ich liebe die BBC-Miniserie “Sherlock” (lovely Cumberbatch inklusive), hatte die originalen Doyle-Gescichten aber nie gelesen. Shame on me! kann ich jetzt sagen, nachdem ich mir zumindest einen zu Gemüte geführt habe. Wie Holmes ableitet ist einfach grandios, lehrreich, erhellend und wunderbar. Wie schon so oft wünschte ich, ich hätte ein zweites Ich, das seine Zeit ausschließlich mit Lesen verbringen kann… oder besser: Gleich mehrere. Die Sherlock Holmes-Gesichten sind sicher alle mehr oder weniger lohnenswert. (Sie lassen sich übrigens auch ganz gut als Hörbuch wegknuspern.) Außerdem ist es echt spannend, nach der Originallektüre sich die entsprechende BBC-Umsetzung noch einmal anzuschauen.

Kurt Tucholsky: Rheinsberg (1912) (bei Reclam)

Mein erster Tucholsky. Im Urlaub in Kroatien gelesen. Ab-ge-fah-ren wie modern T. bereits Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Zwei albernde Liebende machen einen Wochenendausflug und sich währenddessen über alles lustig. Kann man nur verstehen, wenn man z.B. die Bedeutung einer rauchenden Frau 1911 erahnen kann. Ich glaub, ich mag Tucholsky sehr. Müsste mal seine Tagebücher und Briefe lesen… Scheint ein guter Mann gewesen zu sein. War (schreibmäßig) sehr produktiv.

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm (1931) (bei Reclam)

Den zweiten Tucholsky-“Roman” gleich hinterher geschoben. Gelesen, dass er den nur auf Drängen des Verlegers schrieb, weil Rheinsberg damals so gut lief. Er sollte wohl was ähnliches vorlegen… Finde Gripsholm noch besser gelungen. Er ist sprachlich so exakt, so feinfühlig… Er schafft es mit ganz wenig Aufgepuste, dass man sich ganz nah dabei fühlt… Die Figuren sind ungeheuer plastisch. Fast schade, dass er nicht viel mehr Prosa geschrieben hat. Und natürlich passte die Lektüre perfekt zum Sommerurlaub und all dem, was er da thematisiert: Versuch, der Zeit zu entrinnen, Seele baumeln, Gegensatz zu Großstadt (die Lautstärke, die man im Alltag nicht mehr wahrnimmt und die einen unterschwellig ständig stresst… Und wie sehr mir das deutlich wurde, als wir zurück in L. waren… Alles war so ungeheurlich laut.). Außerdem: Freud – Triebe – Ich-Es-Dualismus, Macht, Massenpsychologie… Gute Gedanken hat der Mann. Aber ich verdächtige auch ihn des Sexismus… Finde es fast schade drum.

Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel (bei Dumont)

Murakami ist mir ständig über den Weg gelaufen und mehrfach empfohlen worden. Ich wollte wissen, was dran ist und habe mir seinen Erstling besorgt. (Ich gehe immer gern chronologisch vor) Das war nach Tucholsky erstmal ein harter Schnitt: Vom 20. Jahrhundert in Deutschland zur Gegenwart nach Japan. Sofort fällt mir die fehlende sprachliche Präzision auf. Ich schätzte Tucholsky dafür umgehend noch mehr… Ich hab außerdem gemerkt, dass mir (schlecht) übersetzte Bücher echt auf den Sack gehen. Und dieses ist, wie es scheint, auch noch vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden… Erklärt einiges. Aber auch davon abgesehen: Diese (wirklich!!) minutiösen Beschreibungen des (nebenbei bemerkt äußerst langweiligen) Alltags des Protagonisten… Das alles dann auch noch in der Vergangenheitsform geschrieben (im Präsenz hätte es vielleicht durchaus mehr Sinn gemacht)… Es liest sich wie ein echt langweiliges Tagebuch (dann hab ich Spaghetti gekocht, dann hab ich geduscht, dann hab ich mich abgetrocknet und eine frische Unterhose aus dem Schrank genommen – oh, die Unterhosen waren alle dreckig, merkte ich, dann bin ich zur Waschmaschine gegangen und hab eine neue geholt…) – auf 766 Seiten! Es fehlt die Tiefsicht, die Gedanken, oder wenigstens Relevanz… Dann noch die Mischung mit okkultem Hickhack… Das ist ja nun echt gar nicht meins. Interessant ist allerdings, dass man einen guten Eindruck davon zu mitnehmen kann, wie Alltag in Japan heute anscheinend so aussieht… Das fand ich interessant. 400 Seiten hab ich ihm die Chance gegeben, mich irgendwie bei der Stange zu halten, dann habe ich erschöpft (ernsthaft!) aufgegeben, weil mir meine Zeit dafür einfach zu Schade ist… Er ist nicht stringent, die Figuren gewinnen nicht an Tiefe, das esoterische nervt tierisch, es ist wahnsinnig geschwätzig, die Übersetzung ist grauenvoll und es liest sich, als hätten sie vergessen, das Buch zu lektorieren… Bisher kann ich die Faszination an Murakamis Geschreibe echt nicht nachvollziehen. Ich hab noch “1Q84″ hier stehen, aber alles in mir wehrt sich, es noch einmal mit ihm zu versuchen…

Siri Hustved: Was ich liebte (bei Rowohlt)

Der Lese-Eindruck ist noch frisch. Eine gute Freundin hat mir Hustved (Frau von Paul Auster) empfohlen, nachdem ich ihr mein Problem mit dem Hundertjährigen geschildert habe. Ich will in die Psyche der Figuren eintauchen… Hustved schreibt hier aus der Sicht eines alten Mannes, der sozusagen seine “Lebensbeichte” abgibt. Es geht um zwei Paare in den Künstlerkreisen New Yorks in den 70ern bis in die 90er, Kennenlernen, Zusammenziehen, Kinder haben und großziehen, Leben meistern… Viele Beschreibungen von Kunstwerken. Das “Bohémienhafte” ging mir stellenweise ziemlich auf die Ketten… Es ist eindeutig ein Buch von Intellektueller für Intellektuelle… Die Hauptfiguren wirkten ungeheuer snobistisch und als hätten sie kein Interesse, über ihren ganz persönlichen Tellerrand zu schauen. Mir fehlt der kritische Geist. Es sind zunächst mal zu viele Figuren und zu vielen Informationen… Ich habe mir (ernsthaft!) ein Genogram aufgezeichnet, um da durchzusteigen… Aber anscht gefallen die biografischen Details mir… Dann ist mir das ganze aber wieder viel zu romantisch, stellenweise fast kitschig. Nicht gleichgeschlechtliche Menschen können in der Geschichte einfach keine Freundschaft miteinander führen, ohne dass es irgendwie sexuell wird… Es geht mir zu viel um die 5-Ecks-Beziehung und zu wenig um das große Ganze, da steckt mir zu wenig Gesellschaft drin. Ab Seite 300 hat es mich dann doch mitgerissen, es wurde wider Erwarten richtig spannend und ich wollte dann wirklich wissen, was da los ist… Hundert Seiten später dachte ich mir wieder, dass es doch an vielen Stellen recht langatmig ist. Interessant ist, dass “der Fall”, um den es später geht, tatsächlich auf einer wahren Geschichte beruht, in die der Paul Austers Sohn aus erster Ehe verwickelt gewesen sein soll… und dass Hustved unglaublich viel autobiografisches eingearbeitet hat, man kann also ein bisschen bei Familie Hustved-Auster durch’s Schlüsselloch illern. Als ich mit dem Buch fertig war, dachte ich mir, dass ich es jetzt eigentlich noch einmal von vorn lesen müsste. Denn das was schließlich passiert, hat viele Bezüge auf Dinge, die am Anfang eingeführt / angeschnitten / losgetreten werden. Insgesamt leider nicht so mitreißend wie ich gedacht habe. Zu angestrengt, zu voll, zu intellektuell-abgehoben. Frau Hustved ist mir in Interviews leider auch nicht sehr sympathisch… Andererseits hat mich die Beschreibung eines weiteren Buches von ihr (“Die Leiden eines Amerikaners” – klick für die Besprechung bei druckfrisch) schon wieder gereizt… Es klingt noch psychologischer… Und damit hat’se mich ja schon wieder, die Siri.

Albert Camus: Der erste Mensch (bei Rowohlt)

Lieblings-Philosoph von K. Vor einigen Wochen Camus-Theaterstück in der Schaubühne Lindenfels gesehen, durchaus beeindruckt gewesen. Vor Jahren den Mythos des Sisyphos (bei Rowohlt) gelesen, kaum Erinnerungen daran. In den posthum veröffentlichten, fragmentarischen, autobiografischen Manuskript-Roman reingelesen und sofort angetan von der Sprache gewesen… Bin aktuell noch dran. Mal sehen, wohin er mich mitnimmt und ob andere Camus-Romane folgen werden… Camus passt gerade jedenfalls hervorragend zum Wetter, wie ich finde.

Das war jetzt also sowas wie mein Jahresrückblick 2014, obwohl ich kollektivem Jahreszurückblicken in etwa so viel abgewinnen kann wie Schweinskopf-Sülze (<– Uäääh… Geschrieben fast noch abstoßender als real!)

2015 werde ich “1 Monat – 1 Buch” fortführen, weil ich tatsächlich deutlich mehr “privat” gelesen habe als in den Jahren davor. Nachmachen ist übrigens erlaubt und gewünscht, falls es euch auch so gehen sollte, dass ihr viel weniger gute Sachen lest seitdem ihr Kinder habt! Lasst uns eine Eltern-Lesen-(wieder)-Bewegung starten! *harr harr harr* (<– herrisches Piraten-Gelächter)

Ich hab ja nun geschrieben, auf welche Arten von Büchern ich stehe und ich weiß ja aus vielen, vielen netten Kommentaren, dass hier ab und zu viele Gleichgesinnte rumschwirren. (Danke für 500.000 Besuche in diesem Jahr, by the way!) Ich bin immer dankbar für Lektüretipps, weil die Welt der Bücher ja schließlich unendlich zu sein scheint und die Eltern-Zeit zum Lesen ist – auch die Erfahrung kennt und teilt ihr sicher größtenteils – zu kostbar für Enttäuschungen… Also: Der Artikel ist nicht umsonst in “Senf, bitte!” abgelegt. Her mit euren Lieblingsbüchern 2014 oder of all time als Kommentar oder mit Pingback im eigenen Blog – ich looke dermaßen forward to it!

Und ach ja: Morgen und so. Wir haben kinderfrei und wissen noch nichtmal, ob wir Lust haben, das Haus zu verlassen. Sind wir nun alt geworden, spießig oder Loser… Oder doch alles gleichzeitig? Hach ja… Die Spießer von heute sind die Punks von gestern… (Schaaahaaatz, wirfst du noch ne Folge Breaking Bad rein?) In diesem Sinne: Rutscht gut rüber!

Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als “normal” angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr “mal schnell” was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können (“Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…” -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt (“Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.”) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der “normalen” Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es “richtig” bzw. “gut” wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das “Leben im Falschen” mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt “richtige” oder zumindest “gute” Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie “fit” zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht “schlechter” sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als “normal” empfunden wird. Erziehe ich sie zu “guten” Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die “heile Welt” in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die “fiese Realität” und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie “Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?” und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte “Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein “Bauchgefühl” einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das “Beste”. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder “Wohlstand” und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest “verkommen” ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der “Magie” nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von “außen” würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur “das außen” vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es “gut”? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das “Nachgeben” aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.

“Ich wollte aber Erster sein!” – Revisited

Im Mai habe ich davon berichtet, dass P. eine schwer zu ertragende Macke entwickelt hatte, die unseren Alltag echt erschwert hat: Sie wollte immer bei allem die Erste sein. (Das Ganze Dilemma hier)

Drei Monate Vier Monate Sechs Monate später will ich kurz berichten, wie sich das entwickelt hat, weil es mich nämlich echt nervt, dass im Netz ständig die Antworten, Fortsetzungen und Entwicklungen zu irgendwelchen verzweifelten Berichten und Fragen fehlen.

Ich weiß nicht mehr wie oder wann das genau passier ist, aber: Es hat sich erledigt. Irgendwann hat sie es einfach nicht mehr gemacht. Sogar schneller als erwartet, nur einige Wochen nach dem Post war’s vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendeinen bestimmten Trick angewandt hätten oder so… Es war dann einfach kein Thema mehr.

Heute spielt das nur noch manchmal eine Rolle, wenn ich gern hätte… ächem… dass irgendetwas schneller geht. Sie sich schnell ausziehen, ohne Umwege ins Bad kommen oder Zähne putzen soll oder so… “Mal sehen, wer als Erste im Bad ist.” – und das will dann schon immernoch sie sein. Rückfälle gibt’s bisher nicht zu beklagen.

Dafür singt und/oder redet sie jetzt. Von. früh. bis. spät. Das heißt: ununterbrochen. Und sehr laut. Und zwar dieses Lied:

 

Nun ja…. Man kann nicht alles haben, ne? :-D