Kind, können wir Freunde sein?

Und vor allem: Sollten wir das? Also vorrangig?

Immer mal wieder stelle ich fest, dass es einfach nicht immer einfach ist, Eltern zu sein. Ich bin 24. Das, was mal mein soziales Umfeld war, geht immernoch permanent feiern, reist um die Welt, ver- und entliebt sich, lässt sich imm- und exmatrikulieren, zieht ein und aus, weg und zurück, engagiert sich enorm oder halt gar nicht, säuft manchmal viel, vergisst einzukaufen und Wäsche zu waschen oder macht einfach mal ein paar Tage lang blau.

Ich mach vieles davon gar nicht mehr, einiges nur noch manchmal und kaum etwas regelmäßig. Das meiste davon fehlt mir auch gar nicht.

Was mir aber schon fehlt, das ist Zeit. Zeit ohne Punkt und Komma… Zeit für mich… Zeit, die langsam vergeht. Zeit zum Nachdenken, Erkunden, Wegfahren, Sich vergraben, Zeit zum Lesen, Zeit für Nullbock-Phasen, Zeit zum Gesundwerden, Zeit zum Abhängen, Zeit, um zu sich selbst (oder wem anders) zu finden, Zeit zum Mistmachen, Zeit zum Runterkommen, Zeit zum Weltentdecken. Zeit für Sex und Paaraction! Selbstbestimmte Zeit. Ja, das fehlt mir. Und ja, manchmal bin ich irgendwie “grillig” deswegen…

Dann denke ich kleinlaut in Richtung Kind: “Ich will jetzt eigentlich nicht. Ich will jetzt mal nur mich und meine Ruhe. Lass mich.” Aber das sage ich nicht. Natürlich nicht. Und schon gar nicht zum Kind. Was kann sie denn dafür, dass ich gerade 24 bin und in vielerlei Hinsicht noch irgendwie “unfertig”? Gar nichts. Also bemühe ich mich. Und so bemüht wie das jetzt hier dargestellt ist, ist es nicht. Wirklich nicht. Im Normalfall ist das zwischen P. und K. und mir ziemlich… ‘normal’. So stimmungsmäßig, meine ich.

Aber manchmal erwische ich uns Eltern (Achtung! Luxusprobleme!) doch: Ja, wir sind angepisst. Innerlich. Genau! Weil wir manchmal halt einfach nicht müssen wollen. Und durch die Blume versuchen wir dem anderen zu sagen “Bitte, bitte, bitte mach du das jetzt mal! Ich will jetzt Sofa und nicht spielen oder Bücher gucken oder so! Bitte, bitte: Lass mich.” Jahaaa… Manchmal finden wir es einfach beide, glaub ich, total anstrengend und nervig, Eltern zu sein. Das ist die Wahrheit. Dabei bleibt das P. natürlich immernoch süß und entzückend und toll und alles, was sie will und fordert bleibt ihrem Alter und Charakter entsprechend sehr nachvollziehbar, aaaber: Wir sind manchmal trotz alledem einfach nur: Fertig. Vermutlich ist das häufiger so als wir das gern hätten. Dann sind wir natürlich nicht gemein oder gar abweisend zu ihr, aber an manchen Tagen zieht man dieses Elternding irgendwie doch eher ‘so durch’ und sehnt sich dabei heimlich die Bettzeit herbei.

Und dann kommt es vor, dass man so in seinem Kopf und Empfinden drinsteckt und gar nicht merkt, was da in diesem Moment eigentlich mit einem ‘passiert’. Was man da macht. Versteht ihr? Man empfindet einfach alles als so unglaublich anstrengend. Ich habe K. mal gefragt, ob das die Wahrheit ist. Ob das das Erwachsenenleben ist, nachdem man sich als Kind so schrecklich sehnt. Kinder, lasst euch sagen: Erwachsensein ist kacke! Als Erwachsener sucht man nämlich immer nur nach der nächstbesten Bank/dem nächstbesten Sofa/dem nächstbesten Bett… der nächsten Pause, um sich endlich mal auszuruhen. Und das Schlimme ist: Die Pausen sind nie lang genug! Ich persönlich denke mir ab und an echt “NEIHEIN! ICH! WILL! NICHT! MEHR! MÜSSEN! Neinneinneinneinnein!” und würde mich am liebsten P. trotzanfallmäßig anschließen, mich neben sie schmeißen und auch einfach mal ein bisschen rumschreien und ausflippen. Soll ja Menschen geben, die das dann auch mal machen. (Ist dann wahrscheinlich aber wieder eher was pädagogisches… ;-) )

Wenn ich dann aber mal in einer ruhigen Minute darüber nachdenke, wie ich in solchen “anstrengenden” Momenten eigentlich so nachdenke – Könnt ihr mir folgen? – dann fällt mir immer auf, wie behämmert das eigentlich ist. Irgendwie bin ich in solchen Phasen ziemlich weit weg von der P. und von dem, was sie eigentlich tatsächlich macht. Und  das liegt, denke ich, gerade daran, dass ich so mit mir selbst und meinem Bedürfnis nach Ruhe beschäftigt bin. Ich scheine sie fast ein bisschen als Störenfried zu sehen, durch den ich nicht zu meiner ‘Ruhe’ komme. Das ist total gemein! Und das will ich gar nicht! (Ach noch einmal: Ich lasse das nicht direkt an ihr aus und habe diese Gedanken auch nicht vordergründig, das schwelt scheinbar eher unterbewusst so in mir rum.) Kleinkinder sind ja bekanntlich nicht doof und merken so etwas meist noch vor uns Erwachsenen. Und wenn ich darüber nachdenke, dann ist sie auch an genau diesen Tagen total unausgeglichen. Ergo: Die Situation ist für uns alle blöd. Im beknacktesten Fall schnauzen K. und ich uns auch noch gegenseitig an, weil wir so gereizt sind.

Das Positive: Durch das Nachdenken über die Situationen merke ich zunehmend auch in solchen Situationen, wenn es sich in mir so verhält. Dann versuche ich, genau das wahrzunehmen und meinen Blick auf das P. aktiv zu verändern. Ich versuche, sie als Menschen zu sehen, mit dem es Spaß macht, Zeit zu verbringen anstatt als kleinen Störfaktor, der meiner Ruhe im Weg steht, weil ich mich kümmern muss. Und ich stelle fest, dass es mir total gut tut, aus der Elternrolle rauszutreten (das ist quasi die erweiterte Version der Geschwister-Taktik). Ich kann sie und das, was sie so macht, dann wirklich kurzzeitig mit einem ganz anderen Blick sehen und das, was ich da sehe, finde ich unheimlich interessant und schön. Plötzlich nervt mich das Elternsein gar nicht mehr, weil ich mich nicht mehr so “elternmäßig” benehme. Ich sehe dann nicht vorrangig den Berg Verantwortung und die “Aufsichts- und Förderpflicht”, sondern ich sehe, dass kleine Kinder total cool sind (/sein können) und Spaß machen. Und dann kann ich auch sehen, dass ich eigentlich glücklich bin, weil ich so viel intensive Zeit (m)einem Kind verbringen “darf” anstatt egomäßig irgendwas anderes Doofes zu machen.

Tatsächlich erschreckt es mich dann immer ein wenig, dass ich überhaupt schon so “mütterlich” bin und die Sichtweise auf mein Kind nicht vorrangig so wie gerade beschrieben ist. Ich bin/war zwar keine Dauer-Ermahner-Mutter und gehe schon locker und vor allem mit einem normalen Tonfall (also weder überkandidelt noch dauerpissed, finde ich total wichtig!) mit ihr um, aber dieses “Eigentlich würde ich lieber…” drängelt sich schon immer mal hintergründig auf und bestimmt dann mein Verhalten und meine Lust, mich mit ihr zu beschäftigen (was wiederum bestimmt, wie wir unsere Zeit verbringen) mit.

Seitdem mir das aber aufgefallen ist, setze ich mir häufiger diese Brille auf und mittlerweile hat sie schon ziemlich gut abgefärbt, sodass ich mich zunehmend weniger dazu “bringen” muss und das P., ihr Verhalten und unsere gemeinsame Zeit noch häufiger natürlicherweise so sehen kann. Das ist gut.

Kaum habe ich das Gute daran erkannt, kommt das nächste Problemchen dazu in den Kopf: Wenn ich mein Kind so “freundschaftlich” sehe und behandle – was mir selbst und auch ihr echt gut tut – fällt mir das Ding mit den Konsequenzen und Grenzen wieder schwerer. Bin gespannt, wohin sich das also entwickeln wird.

Pffft… Ganz schön anstrengend, ein (selbst)reflektierendes Stück Eltern zu sein!

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11 thoughts on “Kind, können wir Freunde sein?

  1. Ja und weißt Du was, je älter sie werden, desto besser funktioniert das. Damit erzähl ich Dir ja sicher nichts bahnbrechend neues. ;-) Wenn ich mal total kaputt bin und mir nur noch nach Sofa ist, ich aber meinen Sohn allein zu beaufsichtigen hab, dann “häng” ich einfach mit ihm zusammen ab. einen guten Film rein oder ein paar tolle Puzzle auf den Tisch, Kakao gemacht und ab zusammen aufs Sofa. Toll das das Kind mittlerweile auch allein aufs Klo gehen kann, da brauch ich nicht mal mehr aufstehen! *g* Ich bin dabei sogar schon mal eingeschlafen, manchmal schlafen wir dann auch zusammen ein. Ich versuch ihn dann einfach nicht als jemand zu sehen um den ich mich jetzt kümmern muss, sondern mit dem ich es mir zusammen gemütlich mache. Da machen auch seine Spiele viel mehr Spaß, obwohl es mittlerweile schon viele Sachen gibt die ich wirklich gern spiele (seine 100teiligen Puzzle z.Bsp.). Mit 2 fand ich das noch anstrengender.
    Ich erinnern mich noch als wir alle zusammen mal Magen-Darm hatten. Dem Kleinen (er war damals 10 Monate) gings damit noch am besten, Mama und Papa waren total im Eimer und nur noch auf sich fixiert. Das war die Hölle. Da willst Du wirklich nur noch Deine Ruhe (und ein Klo) und alles andere ist Dir egal und dann musst Du Dich noch um ein Baby kümmern.

    Ich stell mir das auch beim zweiten Kind einfacher vor. Dann kann ja das große Kind zwischendrin immer mal das Bespaßen und Bespielen übernehmen oder das Kleine “spielt” sowieso lieber mit dem großen Kind oder guckt einfach dem zu.

    Liebe Grüße Shiva

      • Ja das stimmt, aber in unserem Fall dürfte das nicht dramatisch werden. Mein Großer wird ja bald 4 und war erst 3 Mal richtig krank. Normalerweise übersteht er alles mit ein bissel Husten und Tropfnase und hat noch nie wg. Krankheit in der Kita gefehlt. Und gesetzt den Fall ich würde noch ein zweites Kind kriegen, wäre sie ja bald 5 Jahre auseinander. Ein großes krankes Kind ist einfacher zu pflegen als ein Baby oder Kleinkind.
        Ich kenne Mütter deren Kinder nur 1 oder 2 Jahre auseinander sind und wo die Kinder ständig krank sind. Da zieh ich echt den Hut vor, das kann ich mir gar nicht richtig vorstellen. In dem Punkt bin ich wirklich verwöhnt. ;-)

  2. Ich bin 36 und möchte manchmal weder Erwachsen noch Mutter sein…einfach hinschmeißen, wild strampeln und gestikulieren, ja genauso :-) Wenn´s mir total zu viel wird, sage ich es meinen Kindern, ich brauch 5 Minuten nur für mich. Gut die sind schon etwas größer……Es ist ein Luxusproblem, ja genau, aber es ist da, trotzalledem.

  3. Ich mag deine ehrlichen Texte. In der Krippe, in der ich als Aushilfe arbeite, hilft es mir sehr, daran zu denken, dass die Kinder unter 3 Jahren nicht “extra” sich so verhalten, wie sie es tun, um uns zu ärgern oder uns zu manipulieren. Sondern eben, weil sie nunmal so fühlen und dementsprechend handeln. Das kindliche Verhalten ist, wie du ja schreibst, ungeheuer anstrengend. Aber sie sind es nicht absichtlich. Diese Tatsache finde ich extrem entspannend :)

  4. Puh, das klingt schon nach Frust… Aber ernsthaft. Du darfst jederzeit mal sagen ‘Stopp, jetzt brauch ich ne Pause’. Und zwar ganz deutlich, ohne ‘bitte bitte’ und ohne Diskussion. Vielleicht hast du einen Partner, der mal aushelfen kann, eine Oma oder andere Mütter, eine Kita etc. Oder suche einen netten Babysitter! Und nimm dir mal einen Nachmittag – allein, oder als Paar. Du darfst das auch dem Kind so deutlich sagen: ‘Ich will jetzt meine Ruhe’. Dein Kind ist alt genug zu verstehen, dass du auch Bedürfnisse hast.
    Und vergiss dein schlechtes Gewissen. Du bist (leider) weder unentbehrlich für dein Kind, noch könnt ihr die gemeinsame Zeit genießen, wenn einer nicht gut drauf ist. Dein Kind merkt das, dass du eigentlich keinen Bock hast. Wie würdest du dich da an seinerstatt fühlen? Lieber mal sich richtig erholen und dann wieder frisch ans Werk.
    Im Übrigen macht dein Kind das ja genauso. Wenn dein Kind keinen Bock auf dich und deinen Plan hat, zeigt es das auch deutlich.
    Allen Eltern geht das mal so. Man muss aber unbedingt einen Weg finden, wie man damit gut umgehen kann. Eltern ist man ja für den Rest des Lebens und der ist noch mind. 50 Jahre lang…

  5. Pingback: Feedreaderperlen II | cloudette

    • Ich hab auch oft die Schnauze voll. Bald 30, ein Alter dass gedanklich immer mit Erwachsensein einherging, find ich das Ding kein bisschen leichter. Und je mehr ich mich dagegen versuche zu wehren, versuche durchzuhalten und versuche die “immerundallesfröhlichwuppende” Muddi zu sein um so beständiger bin ich genervt und will ausbrechen. Und so beginne ich mir Freiräume zu schaffen um die Mutter werden zu können, die ich sein will. Das praktisch zu organisieren ist dabei nicht das größte Problem, dabei kein schlechtes Gewissen zu haben ist meine große Aufgabe.

  6. Pingback: Von Leuten, die für’s Elternsein gemacht sind | BABYKRAM & KINDERKACKE

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