„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

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 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

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Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)

 

25 – Fernsehen

Ich habe einen Ausflug gemacht.

Urlaub unter Wölfen

Ich stehe – wippe – auf meinem Trampolin und bewege langsam die Arme dazu. Auf und ab. Auf. Und ab. Dabei schaue ich aus dem Fenster, in den Händen meine beiden Fernbedienungen für die Glotze. Als Hantelersatz.

Ich schaue in die Ferne. Das geht gut, aus unserem Dachgeschoss im 4. bzw. 5. Stock. Ich lasse den Blick über die Häuserdächer schweifen… Über die Schornsteine, die mich aus irgendeinem Grund immer an Bilder englischer Städte zur Zeit der industriellen Revolution erinnern. Dach, Dach, Dach, etwas weiter hinten Baumspitzen, dieser Turm oder diese Esse, der oder die aussieht wie eine Spritze, der Kirchturm hinten am Kreuz und am Horizont – natürlich – Lippendorf. Oh Lippendorf! Du verdammter Schandfleck meiner täglichen Aussicht, der du mich immer wieder zuverlässig an die Abgründe des Menschlichen erinnerst… Motorengeräusche und Vogelgezwitscher, Straßenbahnrauschen und der kühle Wind, der meinen Nacken umspielt. Das ist unser – das ist mein…

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Ohne Worte.

Aus Gründen.

kiddo.the.kid

13427896_805059259596133_1968376590176817673_n.jpg„Klein“ von Stina Wirsén

Die Bahn fährt gerade in den Tunnel, als ich die Treppen zum Gleis hinabsteige. In 7 Minuten kommt erst die nächste. Ferienfahrplan und alles. Ich schlendere die U-Bahnstation entlang, wenigstens ist es hier unten schön kühl.

Patsch, macht es plötzlich. Ich schaue mich um. Sehe eine Frau auf der Wartebank sitzen, ein Kleinkind im Buggy vor sich. Neben ihr ein Typ, ins Handy vertieft.

Patsch, macht es wieder, und diesmal sehe ich: Die Frau schlägt ihrem Kind auf sein nacktes Bein. Ich rücke unauffällig näher. So nah, dass ich in normaler Lautstärke zu der Frau sprechen könnte, sollte ich das denn wollen. Oder wagen.

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Fehler im System (Oder: Kleinfamilien-Rant)

Ich wache davon auf, dass ein Kind schreit als würde es lebendig verbrannt. Ich springe aus dem Bett und falle dabei auf die Nase. Meine Beine waren eingeschlafen, ich hatte kein Gefühl mehr darin. Mit blutender Nase humpele ich ins Kinderzimmer. T.s Schlafanzug ist oberhalb der Windel gelb-braun. P. kreischt und schreit panisch. Eine Honigbiene sitzt auf ihrer Schlafanzughose. T. guckt verdattert. Ich versuche, sie zu beruhigen, wir befördern die Biene aus dem Fenster. T. ruft „Mama! Is will eine Miiis!“ und P. „Und ich will Cornflakes!“ und „Mama, kann ich fernsehen?“ und „Mama, was machen wir heute?“ und „Mama, können wir heute schwimmen gehen?“ und irgendwann: „Mama, du blutest ja!“ Morgens, halb zehn in Deutschland. Es ist Sonntag.

Sonntage sind so ziemlich die schrecklichsten aller Tage, finde ich. Nur Weihnachtsferien sind noch schlimmer. Die Kita hat zu, man fühlt sich nach Rumgammeln und Nixtun (alle kinderlose Welt tut auch ebendas, die Schweine!), die Kinder sind aufgekratzt und auf Action und alle Bekannten haben in 99% aller Fälle schon was innerfamiliäres geplant. Dem oder der, die oder der sich den Sonntag ausgedacht hat, wünsche ich eine Woche voller Sonntage. Mit kranken Kleinkindern. Und Regen. (Und die Kinder sind nicht etwa nur erkältet, sie haben MAGEN-DARM! Ha!)

Ich war – wie so oft – schon angespannt und genervt von dem Dauerfeuer, dem ständigen reagieren müssen bevor ich überhaupt so richtig wach war. Und ich war – wie so oft – wütend auf mich, weil ich genervt war und nicht schon ganz entspannt ein Familienfrühstück im Sonnenschein und für danach eine kleine Bastelei mit den Kindern, kurz vor dem Ausflug ins Grüne, vorbereitet habe. Altes Lied, altes Leid.

Ich habe mich schließlich mit einer Freundin und ihren Kindern verabredet. Als sie kamen war sofort alles besser. Die Kinder waren mit anderen Kindern beschäftigt – laut, aber beschäftigt -, ich konnte mich mit Erwachsenen unterhalten, nebenbei Haushaltskram erledigen, der Mann der Freundin hat später Mittagessen für alle gekocht, ich habe den Tisch gedeckt, sie hat nach dem Essen abgewaschen, K. ist später mit den Kids zum Indoor-Spielplatz. Alles im Flow. So mag ich das.

Kaum wieder allein, rasen die Gedanken in üblichen Bahnen. Mich lässt die Frage nicht los, was es uns Eltern heute so schwer macht, Eltern zu sein. Warum sind wir oft so genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Nachdem P. geboren war, fand ich mich am Wickeltisch einem kreischendem Mini-Menschen gegenüber, den ich zu diesem Zeitpunkt (mit 21) noch ein Jahr zuvor definitiv nicht in meinem Leben verortet hätte. Ich gewöhnte mir unbewusst an, die Zähne ganz fest aufeinanderzupressen, wenn sie schrie. Das Schreien machte mich aggressiv und ich fühlte mich oft hilflos, wenn es einfach nicht aufhören wollte, aber ich wollte und durfte das nicht an ihr auslassen. Das „Zähne zusammenbeißen“ war ein Kompensationsversuch, den ich zwar irgendwann später bemerkte, aber nicht mehr los wurde. Heute habe ich CMD und dadurch Dauer-Verspannungen im Kiefer-Kopf-Bereich. Die Herausforderung Elternschaft hatte also direkt konkrete physische Konsequenzen und ich wette, beinahe jedes Elternteil könnte ähnliches berichten.

Ich empfand (und empfinde) das Zusammensein mit meinen Kindern oft als anstrengend, das habe ich hier mehr als einmal beschrieben. Ich wollte aber von Anfang an nicht die Kinder dafür beschuldigen. „Ja, Elternsein ist anstrengend.“ Aber die Kinder dafür verantwortlich zu machen, fühlte sich trotzdem nicht richtig an. Also: Who’s to blame? Ich suchte in meiner Psyche, meiner Kindheit, meiner Persönlichkeit, meinem Temperament. Ich las Blogartikel, Bücher, schrieb in Foren, sprach mit Eltern, … Aber ich fand die Aspekte der Überforderung und der Anstrengung so selten in den Erzählungen und Beschreibungen anderer Eltern(blogs), erlebte das aber selbst alltäglich so. Das fütterte meine Schuldgefühle.

Es muss an mir liegen. Alle anderen kriegen das schließlich hin.

Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft. Und irgendwie emanzipiert. Die Kommentare unter Artikeln (z.B. hier) und einschlägige Feuilleton-Beiträge (wie hier oder hier), in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? (Bis man unter einer CMD leidet?) Was, wenn die Kinder von der Überforderung und der Genervtheit lesen, wird dann gerne gefragt. (Schlechtes Gewisseeeeen, hallooooohoo!) Warum auch noch darüber schreiben, es rausposaunen? Ich kann hier nicht mit guten Argumenten punkten, fürchte ich. Ich hatte (habe) das Bedürfnis, diese Wahrheit – meine Wahrheit – mitzuteilen, weil ich den Eindruck hatte/habe, dass es eine unterbelichtete ist. Und weil mich „Scheinwelten“ ankotzen. Das war schon immer so. Sowas durchbreche ich gerne. Mit Ehrlichkeit, mit Offenheit, mit Einblicken.

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.

Was ist denn richtig? Kann mir mal irgendjemand sagen, wie ich mich verhalten soll? 

Natürlich gibt es darauf heute keine allgemein gültige Antwort mehr.

Ich will meinen Kindern eine „gute Mutter“ sein, will ihnen nicht (psychisch) schaden… Aber wie kriege ich das hin? 

Ich wusste Bescheid über den Einfluss der Eltern auf die „psychische Gesundheit“ von Kindern, die Bedeutung der frühen Kindheit, Bindungstheorien usw. – studiere ja schließlich Erziehungswissenschaft! Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich hatte andauernd das Gefühl, diesen (meinen) Ansprüchen einfach nicht gerecht werden zu können. Haufenweise Artikel in diesem Blog zeugen davon. (Zum Beispiel hier oder hier.) Mir ging es nicht um eine glänzende Wohnung oder den hübschesten Kuchen beim Kita-Sommerfest, sondern darum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich empfinde und wie ich denke. Und ich dachte oft „Oar nee, keine Lust jetzt!“, „Hör. auf. zu. brüllen!“, „Kann K. nicht noch länger mit ihnen draußen bleiben?“, „Ich hätte gern einfach meine Ruhe.“ oder auch „Wie wäre es, jetzt einfach ins Flugzeug zu steigen. Irgendwohin. Ich könnte ein Strandcafé eröffnen, bräuchte aber eine neue Identität.“ Und klar, schon die Gedanken fühlen sich den Kindern gegenüber total illoyal an. Ich dachte letztendlich wirklich oft, dass man vielleicht besser keine Kinder bekommen sollte, wenn man „so ein Mensch“ ist. Dass es einfach eine scheiß Idee und total unüberlegt war. Ich war sehr oft sehr verzweifelt darüber und die Schuldgefühle in jede erdenkliche Richtung wurden zu einem Dauerrauschen. Egal was ich tat, ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig. Ich war – ich bin – einfach eine echt miese Mutter, ich bin dafür einfach nicht gemacht, dachte ich und fühlte mich wie eine Versagerin in nicht mehr und nicht weniger als der wichtigsten Sache der Welt. Schließlich geht es hier um zwei lebendige Menschen und nicht um den nächsten Pitch.

STOP!

Ist das wirklich so „einfach“? Es gibt Menschen, die „können“ das einfach „besser“ als Andere? Geht es hier wirklich um Egoismus und Altruismus? Gibt’s Menschen, die die „geborenen Eltern“ sind und andere, die es einfach lassen sollten?

Über Generationen sah man die Schuld vor allem beim Kind und zog daraus die relativ logische Konsequenz, „hart durchgreifen“ zu müssen mit dem hehren Ziel, „vernünftige Menschen“ aus ihnen zu machen. Heute scheint mir der Zeiger in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Nicht das Kind ist Schuld, wenn was nicht „richtig“ läuft, sondern die Eltern sind es. Das baut nicht nur enormen Druck auf, sondern kann Eltern auch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Ich weiß wovon ich spreche.

Man doktert an sich herum, analysiert die innersten Windungen, versucht krampfhaft darauf zu kommen, warum verdammt nochmal es mit der stets liebevollen Begleitung nicht klappen will. Man weiß doch alles, versteht schon längst, warum das Verhalten der Kinder einen manchmal so enorm triggert, man denkt und denkt und forscht und… es klappt einfach trotzdem nicht. Die Genervtheit und die Überforderung, der Wunsch nach Zeit ohne „Kinderdienst“, die Verzweiflung… alles bleibt – trotz der tollen Erkenntnisse – da und es bleibt nur, diese Gefühle zu unterdrücken. Oder? Gute Miene zum bösen Spiel. Es kann einen zerreißen, einerseits authentisch und echt sein zu wollen und andererseits „gute Eltern“. Was, wenn ich echt und authentisch mal ’ne echt beschissene Mutter bin? Ich bin launisch. Ich bin leicht reizbar. Ich will eigentlich nur mein Ding machen und kann kaum was anderes ertragen. Ich bin aufbrausend. Ich bin ungeduldig. Ich bin ungerecht. Undsoweiterundsofort. Im Casting für die beste Mutter der Welt würde ich nicht einmal in den Re-Call kommen. Wenn ein Vater zum Beispiel ständig wütend wird. Was macht man da? Was ist hier richtig? Die Wut ausleben, rauslassen wäre authentisch, unverstellt und echt. Die Kinder lernen ihren Vater kennen. Er ist halt Choleriker, aber immerhin ist er echt. Oder soll er seine Wut unterdrücken, muss er sich besser kontrollieren lernen? Das wäre dann nicht authentisch, aber zum Wohl der Kinder. Nur: Wie lange funktioniert das? Und was macht das mit den Kindern, wenn sie feststellen, dass der Vater die ganze Zeit mehr oder weniger Theater spielt? Gute Miene zum bösen Spiel. Ich kenne beides. Und beides ist auf je eigene Art scheiße. Ständige Wutanfälle sind scheiße. Aber zu merken, dass mit einem Elternteil was los ist, ohne dass man jemals erfährt, was, das ist nicht unbedingt besser. Also hätten beide die Verantwortung, ihren Kram aufzuarbeiten und klarzukommen? Therapie machen, rausfinden was mit einem los ist, woher die Wut kommt, Techniken erarbeiten, damit umzugehen. Fertig ist der Lack. So stellt man sich das heute gerne vor. Ist aber sehr viel leichter gesagt als getan. Ich arbeite seit Jahren hart daran, klarzukommen, um meinen Vergangenheits-Scheiß nicht an meiner Familie auszulassen. Aber es lässt sich (oder sollte ich sagen: Ich lasse mich) nur bedingt ändern. Die ständigen Schuldgefühle, das Gegrübel, die Aggressionen, die Traurigkeit, die Verletzungen, die Unsicherheit, die Bedürftigkeit, die Genervtheit… Das alles geht nicht einfach weg. Eine der Therapeutinnen bei der Mutter-Kinder-Kur, zu der ich im Februar/März mit T. war, fragte entgeistert, als ich meine krampfhaften Versuche der Auf- und Verarbeitung schilderte:

Ääääääääähm…. Vielleicht hören Sie damit mal auf?!?

Ich glaub, ich starrte ebenso entgeistert zurück. Sie erklärte mir, ihre Sicht auf die Dinge: Ich würde auch mit diesen Versuchen weiter das Muster der Selbstabwertung vertiefen, würde mich immer nur in Differenz wahrnehmen und beurteilen:

Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Bei meinen Sitzungen dort ging es folglich um Selbstakzeptanz, um Annahme und Achtsamkeit. Tatsächlich ein neues Terrain für mich. Ich wusste wohl, dass ich nicht gerade nett mit mir selbst umgehe und laute selbstkritische Stimmen in mir habe, aber ich habe nie gesehen, dass meine Versuche, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und meine Reaktionen, mein Fühlen, mein Handeln zu ändern, um meinen Kindern eine bessere Mutter sein zu können, auch in dieses Horn blasen. Das war durchaus ein Augenöffner. Ich bin tatsächlich ständig unzufrieden mit mir, sehe nur, was ich alles nicht kann, nicht gut mache, fokussiere auf die Dinge, die nicht klappen. Eine andere Therapeutin empfahl mir, mal „auf Schatzsuche“ zu gehen. Damit meinte sie einerseits, ich solle Menschen fragen, was sie an mir mögen und andererseits am Ende eines Tages aufschreiben, was gut war. Sie spiegelte mir, wie sie mich sah und ich empfand Scham und konnte ihr nicht in die Augen schauen, wenn sie was Nettes sagte. Abends schrieb ich auf, was am Tag schön/gut war und fokussierte dabei vor allem auf Momente mit T. Das war ziemlich neu und ziemlich heilsam. Ich stellte fest: So eine miese Mutter bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich viele gute Momente am Tag. (Wer also ähnlich Probleme mit der Selbstwahrnehmung hat, dem kann ich das nur ans Herz legen.)

Das könnte jetzt hier enden. Ich will es aber hier nicht enden lassen. Denn die Frage, warum das Elternsein für viele von uns so anstrengend ist, beantwortet die Feststellung nicht, dass weder Kinder noch Eltern wirklich zu beschuldigen sind. Aber woran liegt es dann?

Ziehen wir den Fokus etwas größer und schauen uns den Kontext an: Wie leben wir allgemein? Welchen Einfluss hat die Eingerichtetheit der Gesellschaft auf unser Leben als Eltern, als Erwachsene, die mit kleinen Kindern zusammenleben und für sie verantwortlich sind?

Ich habe inzwischen auch darüber viel nachgedacht und bin damit noch lange nicht am Ende. Trotzdem möchte ich einige Gedanken mitteilen.

Zunächst ein Gedankenexperiment:

Du bist Mutter von zwei Kindern. Das jüngere ist 1,5 Jahre, das ältere 7. Du trägst dein Kind in einem Tuch auf der Hüfte und bist gerade mit anderen Menschen auf dem Weg zurück vom Früchtesammeln zum Dorf. Ihr singt und unterhaltet euch. Andere Frauen haben auch ihre Kinder im Tuch dabei, einige ältere Kinder haben beim Sammeln geholfen und rennen zwischen euch hin und her. Als ihr zurück im Dorf seid, wird von anderen bereits das Abendessen vorbereitet. Im ganzen Dorf sind die Menschen beschäftigt: Essen wird vorbereitet, an anderer Stelle werden Stellen an den Häusern verbessert, es wird geschnitzt, Schmuck hergestellt, Kleidung geflickt… Eine Gruppe Kinder badet unten am Fluss, andere hocken etwas abseits der Dorfmitte und untersuchen gespannt etwas. Du setzt dich zusammen mit einigen Erwachsenen und Kindern und beginnst, die gesammelten Früchte für das Abendessen vorzubereiten. Deine ältere Tochter kommt vom Baden nach oben und schaut interessiert zu, was ihr gesammelt habt. Dein jüngeres Kind sitzt auf dem Schoß deiner Mutter, die ein Lied anstimmt. Andere umsitzende steigen in den Gesang ein.*

Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt haben (vom Hirn her können Menschen wohl intensivere Beziehungen zu 150 Menschen pflegen)mit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten (und genau wussten, wer für was „gut“ ist – die eine spendet gut Trost, der andere weiß viel, die nächste erzählt toll Geschichten, von dem kann ich lernen, wie man schnitzt), Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich.

Mal nur fokussiert auf die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern (, das ganze Paket mit Naturnähe, Handarbeit usw. lasse ich mal außen vor): Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.)

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen kame das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)

Noch einmal ein Bild: Statt einem vielspurigen Straßennetz wird eine einspurige Autobahn immer und immer wieder befahren. Und wenn diese eine Autobahn nicht ganz in Ordnung ist, dann kracht das kleine Auto jedes Mal beim drüberfahren in das eine fiese Schlagloch. Das wird natürlich durch die Dauerbeanspruchung immer größer. Die Autobahn bekommt Risse und ist irgendwann eigentlich unbefahrbar. Aber es gibt ja nur diese eine, also wird sie weiter befahren.

Ist das Bild verständlich? Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere.

Es reihen sich ein: Ordnungsdogma, Beschleunigung, Effizienz, Schnelllebigkeit, Reibungslosigkeitskult, Störungsfreiheit, Regeln, Bürokratie, … Unvollständige Aufzählung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Dazu kommen noch die kaum zu überschätzenden Erwartungen anderer Erwachsener. Eltern antiziperen, dass von ihnen allgemein erwartet wird, ihre Kinder „im Griff“ zu haben, „im Zaun zu halten“, sie sollen ihre Bälger bitteschön „unter Kontrolle“ haben und Störungen der Rationalität durch die quasi unerträgliche Irrationalität der Kinder auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduzieren. Wenn Eltern das mehr oder weniger gewaltvoll versuchen, erhalten sie sowohl anerkennend-zustimmende wie ablehnende Reaktionen. Wenn sie die Kinder ihr Ding machen lassen, genauso. Wenn sie es liebevoll-bedürfnisorientiert angehen ebenfalls. (Siehe glücklich scheitern: Du bist eine gute Mutter, wenn…)

Die Idee von bedürfnis- oder bindungsorientierter Elternschaft, „Attachement Parenting“ etc. ist ansich – im Sinne des Kindes – ziemlich lobenswert. Man will das Beste für’s Kind. Wenn ich Artikel und Bücher aus dem Dunstkreis lese, nicke ich durchaus mit dem Kopf. Aber als ich dieses Differenzdenken in mir festgestellt habe – Was ich heute mal wieder nicht hinbekommen hab -, habe ich gemerkt, dass es auch solche Ideen von „guter Elternschaft“ sind, die mich unter Druck setzen und mir beständig das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Wenn ich von dem gerade gedachten ausgehe, dann befinden sich solche Ansätze genau in dieser „Elternschuld“-Schiene. Inzwischen halte ich diese Art des Zusammenlebens mit Kindern für mich/für uns für utopisch und ich frage mich: Was bürdet man sich mit dem Versuch der straighten Kinderbedürfnis-Orientierung eigentlich auf? Es sind ziemlich heftige Ansprüche und teilweise wirklich „unmenschliche“ Erwartungen, die man da an sich selbst stellt: Quasi völlige Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung und Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Impulse. Extreme Reflektiertheit, in jeder Situation. Und eine unmenschliche Geduld. Ich glaube, man erträumt sich da einen Einklang von Kindern und Eltern, eine Harmonie den bzw. die ich – zumindest im Kontext unserer modernen Lebensweise – für illusorisch halte. Ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass das Menschen womöglich durchaus glücklich machen kann, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein ausgeprägtes „Helfer-Syndrom“ haben und tatsächlich ihre Erfüllung darin finden, von anderen gebraucht zu werden. (Das ist nicht abwertend gemeint, eher Ergebnis von Analyse.) Ich sehe da die Gefahr symbiotischer Beziehungen und heftiger Abhängigkeiten und frage mich: Was kommt „danach“, wenn die Kinder das Nest verlassen? Wenn die Eltern nicht mehr so sehr gebraucht werden? Was ist davon abgesehen, wenn man das einfach nicht hinkriegt, mit der Bedürfnisorientierung, dem Verständnis, der Geduld, dem pädagogisch wertvollem Verhalten? Manchmal frage ich mich außerdem, ob man auf die Kinder nicht ausgesprochen schizophren und damit auch verunsichernd wirkt, wenn man oft ganz nett und verständnisvoll reagiert, in regelmäßigen Abständen aber dann plötzlich total ausrastet, weil der Unterdrückungsmechanismus gerade mal wieder aussetzt. Ich hab das Gefühl, dann verstehen Kinder die Welt nicht mehr. Und auch das sieht man und kann es wunderbar als Anlass nehmen, noch unzufriedener mit sich selbst zu sein. Man ist ständig mit dem eigenen Scheitern konfrontiert und das kann zu wirklich ausgeprägtem Selbsthass führen. Wenn Auspeitschen noch angesagt wäre, man würde es wohl freiwillig tun. 

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben. Vielleicht kriegen wir damit auch endlich das Problem mit den Behinderten, Gestörten und generell Unproduktiven in den Griff. *ironieoff*

Also:

Liebe Eltern, 

ihr seid nicht scheiße, wenn es euch manchmal (oder auch oft) nicht leicht fällt, eure nach eurer ungeteilten Aufmerksamkeit dürstenden Kinder zu „ertragen“, geschweige denn das Ganze zu genießen. Ihr seid nicht falsch und ihr seid auch nicht persönlich schuld daran. Eure Kinder sind es aber noch viel weniger. Dass es so ist, ist bei genauerer Betrachtung der Umstände, in denen wir leben, eigentlich ziemlich logisch. Eure Verantwortung ist immens. Und dass das erdrückend wirkt, ist klar. 

Eltern! In Wirklichkeit seid ihr Superhelden! Denn ihr verlangt von euch, insofern ihr versucht, gute Eltern zu sein, quasi übermenschliches. Heute im Standardleben mit all den scheinbaren Annehmlichkeiten, all dem scheinbaren „Luxus“ und der Bequemlichkeit, all den Verführungen, all der Rationalität, all den Erwartungen und Idealen ist es tatsächlich verdammt anstrengend und beschwerlich, als Familie mit Kindern zu (über-)leben.

Was ich empfehle? Oder mir wünsche?

Empfehlen kann ich einerseits „Born to be wild“ von Herbert Renz-Polster, um Kinder in ihrem „ursprünglichen“ Verhalten zu sehen und es zu verstehen und andererseits ein bisschen richtiges Leben im falsch (ver-)suchen: Viel Zeit mit anderen Familien verbringen, immer Kinder zusammenschmeißen, andere Menschen (Großeltern!) in die Betreuung einbeziehen und zu alternativen Bezugspersonen entwickeln lassen, ein „sie können es nicht anders“-„sie macht es nicht, um mich zu stressen“-„sie ist noch klein“-Mantra gegenüber den Kindern, regelmäßiger Abstand, weniger schlechtes Gewissen wegen Glotze und Gadgets – Glotze ist die logische Konsequenz des separierten Kleinfamilienlebens – und viel Auslauf.

Wünschen tue ich mir eigentlich ein alternatives Lebensmodell. Ich habe die Stadt satt. Ich habe die Hektik satt. Gib mir 50 coole Leute mit Kindern, wir kaufen zusammen ein heruntergekommenes Haus (von welchem Geld auch immer), polieren das auf und leben zusammen, vielleicht auch teilweise als Selbstversorger. Ohne Waldorf-Hippie-Kram, ohne spirituellem Überbau und Firlefanz. Einfach nur, weil wir glauben, dass an dem afrikanischen Sprichwort 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

etwas dran ist. Und weil man zusammen einfach weniger allein ist.

Warum sind wir also oft genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Es gehört niemand so wirklich auf der Anklagebank. Die Kinder nicht, die Eltern nicht. „Schuld“ ist niemand. Und das passt nicht zu unserem Denken, deshalb ist es so schwer zu ertragen und so unbefriedigend. Wir suchen immer nach Ursachen, Gründen, Schuldigen. Und dann müssen wir das Ausmerzen. Basta. „Schuld“ ist in diesem Fall aber, wenn man so will, „der Kosmos“, sind Zufälle, „kosmische Kräfte“, die vor 12.000 Jahren das Ende der Eiszeit einläuteten, was zu anderen, schwankenden klimatischen Bedingungen führte und die allgemein als „neolithischen Revolution“ bezeichneten Änderungen der menschlichen Lebensweise wohl bedingten. Mit der neuen Lebensweise kamen Dinge wie Produktion, Sesshaftigkeit, Bevölkerungswachstum, größere Siedlungen, später Städte, zu verwaltende Überschüsse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, technische Innovationen, Ungleichheit, Monotheismus, du sollst/darfst // du sollst/darfst nicht… usw. usf. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht und heute sind wir, wo wir sind. Die Verhältnisse haben sich geschichtlich entwickelt. Und das ist wichtig: Das, was heute als „normal“ gilt, galt nicht schon immer. Nichts ist selbstverständlich einfach so. Alles ist geworden. Und die „kosmischen Kräfte“ lassen sich nicht ausmerzen.

Ich glaube nicht, dass es einen (gesamtgesellschaftlichen) Weg zurück gibt. Das lähmt manchmal meinen Aktionismus. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, alle „Fortschritte“ vergessen und alles auf Anfang setzen. Vielleicht leider. Vielleicht zum Glück. Auch entweder-oder, schwarz-weiß, optimal-suboptimal sind nur Kategorien menschlichen Denkens, die es so „natürlich“ gar nicht gibt. Das Leben in Jäger-Sammler-Clans ist nicht optimal. Das Leben heute ist nicht optimal. Gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Jäger-Sammler-Clans funktionieren z.B. über straighte Traditionen, mit Frauen wird oft wohl nicht gut umgegangen, und dass es wohl kaum Alternativen, keine freie Wahl der Leute und des Lebensmodells gibt, ist schwer vorstellbar und schwer gut zu finden. Aber ob „homo oeconomicus“ wirklich eine smarte Alternative ist?

Wir reden über fucking Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über regretting motherhood, über Einzelphänomene und verlieren dabei den Blick für größere Zusammenhänge. Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, kommen mir viele Debatten und Themen so unwesentlich vor. Frauenquote, Frauen früher in den Job zurück, Karriere, Vereinbarkeit, Brei oder nicht, U-Untersuchungen, Kinderwagenmarken, … Das ist hinsichtlich dessen, wo ich die wirklich tiefgreifenden Probleme verorte einfach nicht entscheidend. Die Gedanken mögen realitätsfern wirken, aber für mich sind sie es nicht. Sie sind ein Erklärungsansatz für mein alltägliches Leiden am Familienleben in einer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft, das ich nicht länger als individuelles Versagen beurteilen will. Mich erleichtert das irgendwie. Die Gedanken mindern zunehmend meine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie führen zu mehr Selbstakzeptanz und zu Verständnis gegenüber eigenen Gefühlen und Gedanken und gegenüber dem Verhalten meiner Kinder. Das ist gut. Und sie führen zu Vorstellungen von einer alternativen Lebensform, die ich vielleicht vielleicht irgendwann doch noch realisieren kann.

P.S.: Wer mit mir nach Rügen ziehen und einen auf Selbstversorgung machen will, kann sich gern melden ;-)

*
Ich glaube nicht, dass ein Leben in totaler Abhängigkeit von der Natur – also ohne Ackerbau/Viehzucht – irgendwie paradiesisch wäre. Mir ist bewusst, dass das oft ein ziemlich harter Überlebenskampf war/ist, mit Hunger, Kälte und Todesgefahr. Aber vielleicht ist – bei all der Gefahr – genau das eher „artgerecht“? Ich frage mich ernsthaft, ob Eltern indigener Jäger-Sammler-Gemeinschaften Situationen erleben, in denen ihre 2,5-jährigen Kinder auf den (Feld-)Wegen stehen und sich weigern, weiterzulaufen. (Okay, die Mutter hat vermutlich kein Laufrad, keine 3 Rücksäcke, kein Sandspielzeug, keine Verpflegung für den mindestens 15-minütigen Fußmarsch zum Kinder-/Familien-Ghetto dabei,… Aber vielleicht einen Sack mit Feuerholz.) Und „Alleinerziehende“, die auch tatsächlich allein sind, mit ihren Kindern, trifft man in solchen Sozialzusammenhängen wahrscheinlich auch eher weniger an. Vielleicht glorifiziere ich dennoch das „ursprüngliche Leben“ und vermutlich ist das latent rassistisch. Ich versuche, mich im Moment diesbezüglich weiterzubilden (Ethnologie!), erkenne aber zunehmend die absolut notwendigen Grenzen und die problematischen Aspekte. (Siehe survivalinternational.de, Gesellschaft für bedrohte Völker) Ich will hier nicht das Bild der „edlen Wilden“ reproduzieren. Ich will nur den größtmöglichen Kontrast zu unserer modernen Lebensweise zeichnen. 

Ich gegen mich.

1) Immer wieder spülen meine Timelines Artikel in mein Blickfeld wie jüngst „Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?“ von Franziska Schutzbach. Artikel also, die irgendwie mehr oder weniger mit dem „regretting  motherhood“-Ding zu tun haben.

2) Mein letzter Artikel ist vom 13. Dezember. In meinen jüngsten Artikeln ging es häufig nicht oder nur am Rande um Elternschaft, Mutterschaft, Leben mit Kindern.

3) Ich stecke mitten in einem Morbus Crohn-Schub und bin aktuell zusätzlich auf Cortison-Entzug. Ich fühle mich wie von jemandem ausgekackt, der einen dauerhaft entzündeten Darm hat. Sorry, für die Direktheit. Ich schlafe abends 21 Uhr mit den Kindern ein, wache kur nach 7 auf und fühle mich wie vom LKW überfahren. Meine Augen sind entzündet, ich hab Akne und ein Neurodermitis-Schub kündigt sich an. Wie schon so oft habe ich das Gefühl, dass mein verdammter Körper nicht für dieses verdammte Leben gemacht ist. Im Dschungel wäre ich vermutlich längst tot. Mit oder ohne Schamane.

4) Prüfungsphase. Ich müsste für die Statistik-Klausur lernen. Ich fühle mich zu alt für Klausuren. Ich habe Hass auf diese Form des Geprüft-werdens. Ich will das nicht mehr! Aber ich mag das Studieren (manchmal) noch immer ganz gern. Wenn nur der Zeitdruck nicht wäre.

5) Schlechtes Gewissen und Hass auf mich selbst. Ich will nicht jammern. Ich will nicht jammern. ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Ich denke ständig an diesen Blog. Ich denke daran, wie gerne ich schreibe. Aber ich fühle mich leer. Habe ich nichts mehr zu sagen? Habe ich mich eingefunden, in die Elternschaft? Nicht wirklich oder: Mal mehr, mal weniger. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Kraft verlässt mich nach kurzer Zeit. In mir und in der Couch sind Magnete befestigt, die sich beständig zueinander hingezogen fühlen. Ich will die Rollläden schließen, mich in eine Decke einigeln und mich tagelang mit Steinzeit-Dokus ablenken vom hier und meinem erschöpften Körper.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

„Durchziehen“ denkt ein Teil in mir. „Fresse halten und DURCHZIEHEN! Reiss dich mal zusammen!!!“ Wenn ich indigene Frauen sehe, die in brasilianischen oder venezuelanischen Regenwaldgebieten schweres Zeug auf dem Kopf kilometerlang von A nach B tragen… und daran denke, wie ich fertig, schwitzend, keuchend in der Bahn stehe und fast zusammenbreche, nachdem ich einige Meter rennen musste… METER! NICHT KILOMETER!!! „Verzärtelt“ nennt Nietzsche das. Die Arschlöchin in mir spuckt mir das Wort vor die Füße: VERZÄRTELT! Und ich fauche zurück: Und? Nietzsche war ein herrischer Antisemit! Warum sollt ich mir von DEM was vorwerfen lassen?!

Es gäbe so viel zu sagen. In meinem Kopf denkt sich so viel zusammen… Und so vieles davon halte ich durchaus für mitteilenswert. Aber der Flow fehlt. Die Zweifel hingegen sind erdrückend. Hört sich alles so bescheuert an. Ist nicht zu Ende gedacht, nicht rund. Ich bin damit noch nicht fertig. Und kurze Zeit später ist der Gedanke schon überholt und ich bin ganz froh, ihn für mich behalten zu haben. Außerdem leidet auch meine Koordination unter meinem körperlichen Zustand. Ich treffe kaum die Tasten, verschreibe mich ständig. Lange am Rechner arbeiten geht auch nicht, Augen sind entzündet.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Franziska Schutzbach schreibt: „Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte.“ – das kann ich nachvollziehen. So geht’s mir oft auch. Womit wir beim schlechten Gewissen wären. Gestern habe ich meinen Körper zur Kita geschleift, um die Kinder abzuholen. Menschen, die sich mit Depressionen herumschlagen, können vielleicht nachvollziehen, was für eine monströse Aufgabe das sein kann, wenn man eine üble Phase hat. Oft schleift man dann auch tatsächlich nur den Körper, führt Automatismen aus, spult Abläufe ab. Anwesend bin ich nicht wirklich. Ich mache Dienst nach Vorschrift, an solchen Tagen. „Ich hatte ‚Dienst am Kind'“ zu sagen, fühlt sich dann gar nicht mehr so lustig an, wie ich es sonst meine. Aber zurück zum Gestern.

Die Mutter einer Freundin von P. schlug vor, gemeinsam mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen. Der Sprachautomat am oberen Ende meines Körpers sagte „Ja, gerne.“ – der antwortete übrigens auch kurz zuvor „Alles gut.“ auf die Frage, wie es mir geht. Der verbannte Teil im Kopf plärrte: „NEIN! NEIN! NEIN! NACH HAUSE! WIR WOLLEN NACH HAUSE!!! BIST DU BESCHEUERT??!?“ Ich zog den Kindern ihre gefühlten 4000 Lagen Winterklamotten an, schwitzte dabei wie ein Schwein, Schwindel… P.s Freundin ging es dann nicht gut, Bibliothek fiel also aus, wir gingen also doch nach Hause. „Couch, Couch, Couch“ hallte es durch meinen Kopf. „Du kannst doch nicht immer. nur. rumhängen! Du bist noch nicht einmal 30 Jahre alt! Was bist du für ein Vorbild?“ wettert die Arschlöchin. Ich ducke mich weg, fühle mich schuldig. Ich will gerade nicht sein und schon gar kein Vorbild für irgendwen.

Wir gingen, weil ich das für eine gute Idee hielt. An den kalt-regnerischen Tagen gehen die in der Kita nicht viel raus. Frische Luft, gesundheitlich und pädagogisch wertvoll und so. Es pisste, es wurde dunkel und nach kurzer Zeit wollte T. getragen werden. Ich hab das einfach nicht länger als ein paar Minuten hinbekommen. Erklär das mal einem 2,5-jährigen. P. stellte derweil Fragen am laufenden Band. Zuhause sollte ich vorlesen. Eine Geschichte reicht nicht. Wenn ich einwerfe, dass ich lieber nur eine vorlese, weil ich es sinnlos finde, 10 hintereinander vorzulesen: „Du bist gemein!“-Geschrei. „Ich halte das heute nicht aus!“ in meinem Kopf. Immer wieder. „Reiß dich zusammen!“ Immer wieder. Gucke auf die Uhr: 17:00. Rechne nach, wie viele Stunden es noch dauert, bis Bettzeit. Schon die Frage macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich wähle den Notausgang und schalte die Glotze an. Sie läuft mehrere Stunden, bis zum Abendbrot. Ja, auch vor T.s 2,5-jähriger Nase. Wir gucken „Frozen Partyfieber“, „Maulwurf“ und fast alle Folgen „PeppaWutz“. Und nein, das ist kein ganz außergewöhnliches „ausnahmsweise mal“. Es ist zwar nicht alltäglich – wir versuchen irgendwie die 2 Folgen-Sache durchzuziehen… Aber: Der Geist ist willig… und der Geist ist schwach. Oder so. Als ich den Fernseher endlich ausschalte, weil ich den Tisch für’s Abendbrot gedeckt habe: Geschrei. Gebrüll. „Du bist gemein!“ Die Kinder sind eindeutig drüber, ich merke das und ärger mich über mich selbst. „Selbst schuld!“ raunz die Arschlöchin. „Das ist sehr hilfreich“ blaffe ich zurück. P. zetert lautstark vor mir rum. „Ich klatsch dir gleich eine!“ sage ich. Plötzlich. Ja, das habe ich wirklich gesagt. (Aber noch nie – ich schwöre! – gemacht!) P. war natürlich entrüstet und weinte „Sowas darf man nicht sagen!“ noch lauter, zurecht, natürlich. „So redet man nicht mit Kindern!“ Ja, sie hat Recht. Und ich schäme mich. Und ich bin so fassungslos über mich selbst: Immer wieder ist da diese unglaubliche Wut, die Hilflosigkeit und immer wieder der Drang, das laute Kind überzeugen zu können, abzustellen… Und nichts funktioniert. Keine Rücksicht, keine Einsicht, nur laut und kräh. Und die eigenen Ideale, an denen ich immer und immer wieder scheitere. Verständnisvoll sein, ruhig bleiben, … Später versuch ich ihr, mich zu erklären. „Schon gut“ sagt sie, wie immer in solchen Situationen.

Ich fühl mich ständig wie die Ärzte in dem Zeit-Artikel „Kranker Job“.

Szenenwechsel.

Mitte Januar bin ich fünf Tage auf einer Seminarfahrt gewesen. Davon abgesehen, dass mich das Thema interessiert hat, stelle ich rückblickend (fast mit Erschrecken) fest: Das Burn-Out-Gefühl war weg. Ich hab interessante Gespräche geführt, gute Leute kennengelernt, konnte spontan sein und trotz wenig Schlaf fühlte ich mich geradezu energiegeladen. Als K. mich am Abreisetag abholte, war ich euphorisch, ich fühlte mich wie als hätte jemand den Akku gewechselt… Und ich freute mich so richtig, meine Kinder wiederzusehen! Die hatte ich nämlich tatsächlich nach drei Tagen vermisst. Und als wir wieder zusammen waren, konnte ich sie wieder sehen! Und vor allem sehen, dass ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte, vor lauter Trott. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir dieses Gefühl und diesen Blick auf K. und die Kinder irgendwie zu erhalten. Das ist jetzt 2,5 Wochen her. Immer mal raus, immer mal Abstand, das wäre so wichtig. Aber ich habe das Gefühl (die Befürchtung), dass mein Bedürfnis danach zu groß ist. Es wundert mich nicht, dass getrennt lebende Eltern, die sich die Betreuung der Kinder teilen, oft sehr viel entspannter wirken. (Wie’s den Kindern damit geht, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.)

„Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes.“ zitiert Franziska Schutzbach eine Mutter in ihrem Artikel. Ja und ja und ja! Diese Ambivalenz ist für mich derart spürbar, dass ich sie manchmal kaum aushalten kann. Wenn ich abends mit den Kindern im Bett liege und darauf warte, dass sie schlafen, spüre ich sie. Weil ich es liebe, so nah bei ihnen zu sein, ihren Atem zu hören, für sie da zu sein. Und weil ich es gleichzeitig kaum ertragen kann, diese Nähe, das Gewusel, die laaaaange Zeit, die sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen, der Termindruck im Nacken, weil es noch etwas zu erledigen gibt oder einfach der nicht wegzudrückende Wunsch meinerseits, mal machen zu können, was ich will. Wenn ich in irgendwelchen Kinder-Ghettos bin, spüre ich es. Weil ich Kinder mag und Kinder gern beim Spielen zusehe, aber ich möchte eigentlich Beobachterin bleiben. Ich will und muss da nicht mitmachen. Ich halte das auch für Quatsch. Aber das interessiert meine Kinder ja nicht, die von mir fordern, mit ihnen auf dem doofen Klettergerüst rumzukraxeln. Wenn mein Körper am Ende ist – wenn ich am Ende bin – spüre ich es extrem deutlich. Wenn sich alles nach Auszeit, Rücksichtnahme, Ruhe, Regeneration sehnt, das aber einfach nicht drin ist. Und ich auch gar nicht einschätzen kann, ob wirklich mein Körper die Ruhe braucht oder meine depressiven Anteile mal wieder zuschlagen. Ist es richtig, sich immer wieder selbst anzutreiben, durchzuziehen, sich die Ruhe nicht zu gönnen, weil ich damit einer depressiven Phase die Stirn biete? Oder wäre es angebracht, zur Ruhe zu kommen, zu regenerieren, um den Schub nicht noch schlimmer werden zu lassen oder zumindest einzugestehen, dass so viele Entzündungsherde im Körper zu Energieverlusten und Schlappheit führen?? Oder ist meine Schlappheit am Ende doch der Versuch, die Verantwortung abzugeben, ein Weg, mich zurückzuziehen? So habe ich das als Kind schon (unbewusst) gemacht, um mir Auszeiten zu verschaffen.

Franziska Schutzbach schreibt weiter:

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‘Mutterrolle’ identifizieren, sei es aus anderen Gründen). Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das “Richtige” (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde.

Die Sache mir der Autonomie, dem Subjekt-sein, dem Individualismus, dem freien Willen und Wollen gehört zu so einem Komplex, über den ich so viel mitzuteilen hätte. Aber ich kriege die Gedanken nicht geordnet, finde überall schlaue Worte von Menschen, die schon alles dazu gesagt zu haben scheinen. Braucht es meinen Senf noch dazu? Das Gefühl, dass alles schon viel besser gewusst, gesagt, getan worden ist, hat mich schon als Kind eingeschüchtert und gelähmt.

Franziska Schutzbachs Gefühle kann ich nachvollziehen und ich teile sie zum Teil mit ihr. Wenn ich mittwochs mit meinen Kindern zu Kawi gehe, um dort die Musikkurse der Kinder mitzumachen – zumindest bei T., P. geht mittlerweile allein -, dann kommt mir diese Szenerie manchmal völlig bekloppt vor: Wie diese erwachsenen Menschen (meist Frauen) dort im Kreis sitzen, ihre Kinder auf dem Schoß, „Babababa“ wiederholen, Tücher wie Schneebälle werfen oder auf allen vieren durch den Raum robben, die Kinder auf dem Rücken sitzend… Und manchmal denke ich mir auch: Warum stellt man sich eigentlich so an? Was hat es auf sich, mit diesen Gefühlen der Peinlichkeit und Scham in solchen Situationen? Warum kommen die gerade dann, wenn wir mit unseren Kindern singen und tanzen? Warum fühlen sich überhaupt fast alle unwohl, beim laut singen und haben sogar fremdschäm-Gefühle angesichts von Leuten, die ohne Rücksicht auf Schönheit singen und tanzen. Fast neidvoll denke ich an die Bilder der Himba (und auch vieler anderer indiginen Stämme), die ausgelassen in Gruppen singen und tanzen… Was ist der Unterschied zwischen unserem Leben und deren? Warum können sie so ausgelassen sein und wir nicht?

Was soll ich also sagen? Ja, ich leide. Im Moment. Und immer wieder. Aber leide ich darunter, Eltern zu sein? Würde ich weniger leiden, wenn ich nicht verantwortlich wäre für zwei Heranwachsende?

Ich habe das Gefühl, das Falsche am „modernen Leben“, die Eingerichtetheit der Gesellschaft als Eltern sehr stark zu spüren. Das war vorher nicht so stark oder nicht so eindeutig. Die individualisierte, rationalisierte Lebensweise passt einfach nicht zusammen mit Familien und heranwachsenden (irrationalen) Menschen. Auf mich selbst gestellt käme ich damit vielleicht besser zurecht. Weil ich anpassungsfähiger wäre oder meinen Auf- und Widerstand konsequenter ausüben könnte. Weil Regeneration und Aktivität selbstbestimmter ablaufen würden. Weil mich meine sozialen Rollen vielleicht weniger Kraft kosten würden oder ich mich rausnehmen kann, wenn’s mir mal wieder zu viel wird, weil ich selbst mir in sozialen Kontexten zu viel bin. Weil ich gefallen will, weil ich nicht abgelehnt werden will, weil ich kräftezehrend aufdrehe bis mir das Gesicht glüht. Und weil ich darüber keine Kontrolle habe. Ünerhaupt wäre es vielleicht nicht so anstrengend, weil ich die Illusion, die Kontrolle zu haben über mein Leben, leichter aufrecht erhalten könnte. Vielleicht wäre die Vereinzelung auch nicht derart schmerzhaft spürbar… Weil ich mich weniger stark nach einem Clan sehnen oder einfach in irgendein Hausprojekt ziehen würde. Weil ich mich immer dann in Gesellschaft begeben würde, wenn mir danach ist. Andererseits würde ich daran und darunter leiden, dass es mir an Sinn fehlt. Die Sinnfrage würde mir das Hirn zermartern und ich würde mich vermutlich nicht viel weniger zerrissen fühlen als jetzt. Nach dem Sinn frage ich mich jetzt nicht mehr. Der Sinn krabbelt jeden morgen in zweifacher Ausführung in mein Bett.

Wenn man gelernt hat, alles zu hinterfragen, dann sind Elternschaft und die eigenen Kinder davon nicht ausgenommen. Wie Franziska Schutzbach auch schreibt, ist das Ideal unserer Zeit, in unseren Gefilden (!) Selbstbestimmtheit, kritisches Hinterfragen, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, autonom sein. Ich halte das grundsätzlich für eine Illusion. Autonomität ist nichts, was ich für realisierbar halte. Wir werden verantwortlich gemacht, für die Entscheidungen, die wir treffen. Dabei ist jeder Mensch beeinflusst von allen möglichen Dingen, auf die wir zum Teil noch nicht einmal Zugriff haben. Die Menschheit überschätzt sich selbst, das Denken und die eigene Rationalität gewaltig.

Wir sind es gewohnt, uns dagegen entscheiden zu können, abzubrechen, wenn uns etwas nicht passt. Mit Kindern hört genau das auf. (Obwohl der Schritt natürlich auch jenseits von Abtreibungen nach der Geburt prinzipiell möglich wäre. Man könnte sich sehr wohl dafür entscheiden, die Kinder wegzugeben, sich dagegen zu entscheiden… Aber wer geht diesen radikalen Schritt und begründet das mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung?)

Und dieses Hinterfragen, kritisch sehen, selbst bestimmen wollen steht womöglich in direktem Gegensatz zu den geradezu archaischen Programmen, die meiner Meinung sowohl in uns, wenn wir Eltern werden als (und besonders) auch in den Kindern ablaufen. An Kinder kommen wir mit unseren rationalen Techniken nicht ran. Und auch unsere absolut rational eingerichtete Welt passt nicht zu unseren irrationalen Kindern. Und genau das macht es so scheiße schwer. Es fühlt sich an, als müssten wir Eltern die verdammte rationale Suppe auslöffeln, die die Menschheitsgeschichte uns eingebrockt hat. Und das auch noch weitgehend jede_r für sich allein bzw. als Kleinfamilie.

Ich sehe gerade nur einen sinnvollen Ausweg: Zusammenrotten! Wir müssen weg von der Kleinfamilie und hin zum Clan! Gründet Hausgemeinschaften mit Gärten, schmeißt eure Kinder zusammen und lasst sie gemeinsam spielen, statt sie mit gezwungenem Lächeln zu bespielen. Ich kriege gerade ständig mit, dass immer mehr Familien sich danach sehen. Das Teuflische ist: Die meisten sind heute derart eingebunden in Verpflichtungen, dass ihnen Energie, Zeit und Geld dafür fehlen, etwas zu realisieren, was womöglich dazu führen könnte, mehr Energie, Zeit und Geld zu haben. Genau so geht es uns gerade. Und es kotzt mich an.

Inside #le1212

Ihr habt es in den Nachrichten mitbekomme, vielleicht.

Das ist bei uns vor der Haustür und der größte Krawall lief in der Straße, in der die Kita der Kinder ist. Und weil das so ist, will ich etwas dazu schreiben. Was ging hier ab? Was soll, was kann ich dazu schreiben?

Erst einmal: Nachrichtenmagazine suchen sich krasse Bilder raus. So „Krieg“ wie das in den Nachrichten wirken mag, war es nicht. Dass es Krawall geben würde, war mit Ansage. Warum? Siehe (zum Beispiel) hier: https://twitter.com/mauritz_berg/status/667306993829306369/. Dass die Nazis ihre Demos ausgerechnet hier angemeldet haben, war Provokation.

Vorgeschichte: Connewitz ist die Hochburg der Linken in Leipzig, in Sachsen, vielleicht sogar in Ostdeutschland. Die Nazis haben drei Demos in Connewitz angekündigt. Letztendlich wurden die – aus diversen Gründen – von Connewitz etwas weiter Richtung Stadtmitte, in die Südvorstadt verlegt und aus dem Sternmarsch, den die Faschos vorhatten, wurde eher ein Märschchen von 600 Metern. Angekündigt (und angemeldet) hatten die Nasen 400 Menschen pro Demo. Außerdem wurden mehrere Gegendemos angemeldet, in der kompletten Südvorstadt.

Zur Vorgeschichte gehören auch: Die Demos der LEGIDA-Rassisten wöchentlich, seit nun beinahe einem Jahr, schwankende Anzahl Menschen dort und bei den Gegendemos. Auch ich gehe nicht mehr jeden Montag dahin. Ich weiß nicht, wie viele hundert „Versammlungen“ es in diesem Jahr schon in Leipzig gab. Auch die Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten zähle ich dazu. Die steigenden Werte der AfD. Die Sticker auf Ortsschildern in und um Leipzig vor einigen Wochen: „Refugees in… not welcome„. Die ganze „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“-Scheiße.

Eine erste Gegen-Demo gab es schon am 11.12. abends. In der Nacht vom 11. zum 12. wurde am Büro eines Linken-Abgeordneten Scheiben eingeschlagen. Kurz-Bilanz ansonsten (Zahlen hab ich auch nur aus den Medien): 2500 Gegendemonstrant_innen. 130-150 Nazis. Haufenweise (!) Polizei in dicken Schutzanzügen, bewaffnet mit Schlagstöcken, Reizgas, 4 Wasserwerfer, ein Räumungsfahrzeug – soweit ich das sehen konnte. Und dann ist da noch die „Krawall“-Bilanz: Fliegende Pflastersteine, zerbrochene Schaufensterscheiben, Werbetafeln, Haltestellenhäuschen, einiges an Sachbeschädigungen (auch Freisitz-Inventar von Kneipen – die Karli, die hier vorn ist, ist die Ausgeh-Meile im Leipziger Süden… Hier reiht sich Café an Café), brennende Mülltonnen + Inhalte, brennender (Sperr-)Müll und Autoreifen.

Die Kinder waren bei meinen Eltern. Der gesamte Morgen war begleitet von Hubschrauber-Geratter, Geknalle (Böller?) und Polizei-Sirenen. Eine ziemlich ungewöhnliche Geräuschkulisse. (Ich frage mich, wie das für die Asylsuchenden ist, die eine Straßenecke von unserem Haus entfernt in einer alten Schule untergebracht sind…) Ich hab den Stand der Lage anfangs über Facebook, twitter und die Live-Ticker der Medien versucht, zu verfolgen. Die ersten heftigeren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und einigen der Anti-Nazi-Demonstrant_innen liefen zu dem Zeitpunkt offenbar schon. K. und ich mussten/wollten im Laufe des Tages eigentlich noch in die Innenstadt, Weihnachtsgeschenke und so. Es ist ziemlich seltsam, sowas vollkommen… bescheuertes vorzuhaben, während vor der Haustür das läuft… Einerseits haben wir uns gefragt, zu welcher Demo wir nun gehen. Und andererseits, wie und ob wir überhaupt in die Stadt kommen. Es fuhren ja keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Auto kam man auch nicht durch. Das nächste ungewöhnliche Gefühl: Man kann sich nicht frei bewegen, fühlt sich eingekesselt. Und das waren wir ja auch, irgendwie.

Als wir losgegangen sind, war es ca. 14 Uhr. Start für die meisten der Gegendemos. Wir sind mit den Rädern einfach ein paar hundert Meter gefahren und standen schon zwischen vielen Gegendemonstrant_innen. Die Nazis kamen offenbar gerade vorbei, was wir aber nur erahnen konnten, weil die Polizei Sicht und Weg komplett mit Wagenburgen verrammelt hat. Wir haben Krach gemacht… Und schlecht Luft bekommen, das fiel uns nach einigen Minuten schon auf. Die Polizei hatte an der nächsten Straßenecke offenbar massiv Tränengas eingesetzt. Wir haben nur das, was der Wind rübergeweht hat, abbekommen, und mussten dann echt da weg, weil die Augen tränten und das Atmen zunehmend schwer fiel. (Für mich mit Asthma echt ziemlich uncool…) Einige Menschen waren mit Kindern dort. Es ist tatsächlich auch mehr als fraglich, wie unter diesen Bedingungen ein Protest gegen den Nazi-Aufzug möglich sein soll. Über den Dächern der Häuserreihen steig Rauch auf – brennende Barrikaden – sprich: Mülltonnen, Sperrmüll, Mülltonnen-Inhalt, Autoreifen – auf der Karli.

Wir haben dann versucht, eine andere Stelle zu finden, an der wir gegen die Nazis laut sein können. Aber es war schlicht nicht möglich. Zwischen den Faschos und den Gegendemonstrationen hat die Polizei meterweite Korridore gezogen. Alles Seitenstraßen waren mit Polizeikontrollen versperrt. Da war kein Rankommen. Und genau das ist ja das Problem, was einige der Gegendemonstant_innen haben, die regelmäßig mit der Polizei heftig aneinandergeraten. Im Prinzip ist der Punkt: „Das ist unser Kiez und wir sehen nicht ein, dass Rassist_innen hier aufmarschieren!“ – beschützt und eskortiert von der Staatsgewalt und wohlgemerkt nur einige zehn Meter entfernt von einer Unterkunft für Asylsuchende, die nicht wenige der Intoleranten liebend gern abbrennen sehen würden – am liebsten inklusive der dort lebenden Menschen. Dass die Rechten hier langziehen können, sich an einem Platz treffen und dort ihren ätzenden Mist über Lautsprecher erzählen können – das ist, wogegen alle der Protestierenden sind. Sitzblockaden werden von der Polizei aufgelöst, damit die Rechten zu „ihrem Recht“ kommen, sprich: Die von ihnen angemeldete Demonstration (Merke: für Intoleranz, Fremdenhass und Nationalismus!) ungestört ablaufen kann. Soweit so… naja.

Hier gibt/gäbe es viel zu bereden, zu bedenken, einzubeziehen: Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, Meinungsfreiheit… Alles wichtige Dinge. „Keine Toleranz gegenüber Intoleranz!“ aber genauso. Wenn nun aber am selben Tag andere, ebenso offiziell angemeldete Demonstrationen von der Polizei mit Reizgas-Granaten beschossen werden, dann gibt das nicht nur zu denken, sondern macht wütend und fassungslos:

Wir suchen also nach einem anderen Standort, um das inakzeptable Gerede der Nazis zu übertönen, stehen an einem Platz (mit Spielplatz!) als eine zunehmend größere Gruppe Anti-Rassist_innen über den Platz gelaufen kommt… Kurze Zeit später kommen 4-6 Sixpacks angerast (!), stoppen mit Vollbremsung wenige Meter vor uns, die Türen gehen auf, die Polzist_innen springen raus und gehen direkt auf Menschen los. Mindestens auf zwei Menschen schlagen sie ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken ein, viele werden festgenommen. Ein Polizist sagt zu einem anderen:

Was wir haben, rein da – verarbeitet wird später!

Ja mit „Was“ waren hier die Gegendemonstrant_innen gemeint… Erst jetzt (!) fingen vereinzelte an, Steine zu schmeißen – insgesamt vielleicht 5-9 Stück. Die Polizist_innen stellen sich in Reihe auf, schießen mit Nebelpistolen und – wieder, wie so oft an diesem Tag – Reizgas-Granaten. Die Menschen werden von den Polizist_innen eigentlich ausschließlich angebrüllt… Die wirkten definitiv völlig überreizt / überspannt, adrenalingeladen,  und reagieren meiner Meinung nach (!) in vielen Fällen extrem unverhältnismäßig und übertrieben. Auch wir werden angefahren, dass wir jetzt da weg sollen. Der Platz wurde dann (mehr oder weniger) geräumt…

Zu dem Zeitpunkt waren die Nazis durch mit Marsch und Kundgebung. Die Krawalle gingen dann wohl noch weiter, Hubschraubergeratter und Sirenen blieben uns jedenfalls noch eine Weile erhalten. Als wir uns auf den Weg in die Innenstadt machten, mussten wir an einer Kreuzung länger warten, weil die Wasserwerfer gerade abfuhren… Ein dermaßen seltsames Bild und Gefühl. Du stehst mit deinem Rad an der Kreuzung, die du immer befährst, K. hat den Kinderhänger hinten dran. Neben euch: Sixpacks en masse – links und rechts. Vor euch: Vier riesige Wasserwerfer. Hinter euch: Noch mehr Polizei… Warum bloß fühle ich mich angesichts soviel „Staatssicherheit“ alles andere als sicher? Könnte vielleicht an dem Bildern in meinem Kopf liegen… Immer wieder das selbe Bild: Der Mann mit dickem Sicherheitshelm, Schutzanzug, Springerstiefeln, bewaffnet, ausgerüstet prügelt auf den jungen Typen in Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen ein… Keine Waffen.

In der Stadt dann Weihnachtsmarkt-Verkehr: Glühweingeruch. Langosz. Gebrannte Mandeln. KaufenKaufen. Irgendwie surreal. Mein Hals kratzt noch immer vom Tränengas.

Ich finde es bescheuert, den eigenen Kiez zu zerlegen. Ich verstehe auch nicht, was es mit Protest gegen Rassismus zu tun hat, das Schaufenster der selbstständigen Frisörin oder des kleinen Cafés an der Ecke einzuschmeißen. Ich glaube auch nicht daran, dass die, die „randalieren“, ausschließlich Leute aus anderen Städten sind, denen der Kiez hier egal ist. Ich glaube, dass sich bei dieser „Räuber-und-Gendarme“-Nummer eine Eigendynamik zwischen überspannten Polizist_innen und angepissten Anti-Rassist_innen entwickelt, bei der beide Seiten regelmäßig ziemlich sinnlosen, kontraproduktiven Kack machen. Außerdem ist natürlich der Kampf zwischen „Staatsgewalt“ und einigen Anti-Faschist_innen ein Nebenschauplatz, der hier gestern mal wieder zum Hauptschauplatz wurde. Polizisten, die Nazis dabei unterstützen, zu demonstrieren und ihre Intoleranz öffentlich und laut zu verkündigen und gleichzeitig Gegendemonstrationen angreifen, werden hier den Faschisten zugerechnet.. Und ich kann es ihnen angesichts dessen, was ich gesehen habt, nicht verübeln. Und brennende Barrikaden? Vielleicht geht’s hier um eine gewisse – so absurd es klingen mag – „Demo-Ästhetik“…

Ich weiß nur nicht, was wir nun – alles in allem – davon haben: Die Nazis sind gelaufen und haben geredet. Sachschäden sind zu bezahlen. Auch zukünftige Demonstrationen werden nicht einfach untersagt. Und die Medien kennen vor allem Thema: Ausschreitungen auf Seiten der Gegendemonstrant_innen. Und die Nachwehen der Auseinandersetzungen finden sich (mal wieder) in den Kommentarspalten.

Wichtig bleibt: Wo immer Nazis auftreten, sollten zehn Mal so viele antreten und lautstark, aber gewaltfrei zeigen, dass die nicht viele und nicht die meisten sind. Die wichtigste Message des gestrigen Tages sollte sein: Leipzig denkt bunt. Und das ist, was ich gern vor allem groß in den Medien lesen würde: In Leipzig (Sachsen) demonstrierten 130-150 für Intoleranz und 2500 für Toleranz und Vielfalt.

Von Kindern, die über Esstische laufen (Oder: Erziehung zur Rücksichtnahme?)

Als ich gestern Nacht einen Text für die Uni las*, bin ich auf folgende Anekdote gestoßen, die A.S.Neill offenbar in seinem Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ schildert:

Einmal brachte eine Frau ihr siebenjähriges Mädchen zu mir. „Mr. Neill“ sagte sie, „ich habe jede Zeile gelesen, die Sie geschrieben haben. Und noch bevor Daphne zur Welt kam, hatte ich schon beschlossen, sie genau nach Ihren Prinzipien zu erziehen.“ Ich warf einen Blick auf Daphne, die mit ihren schwarzen Schuhen auf meinem Konzertflügel stand. Sie machte einen Satz auf das Sofa und stieß beinahe die Sprungfedern durch. „Sehen Sie, wie natürlich sie ist“, sagte die Mutter. „Das Neill’sche Kind!“

Neill war das offenbar irgendwie unangenehm. Er kommentiert die Szene in seinem Buch, indem er (sinngemäß) den Unterschied zwischen Gleichwürdigkeit und Verwöhnen bzw. „Freiheit“ und „Zügellosigkeit“ betont:

In einem Heim, in dem Disziplin herrscht, haben die Kinder keine Rechte. In einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Eltern die gleichen Rechte. (…) Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf. Es muss also gehorchen, das stimmt. Doch auch sie müssen ihm gehorchen, wenn es nötig ist. Ich verziehe mich jedenfalls, wenn man mir im Zimmer der kleinen Kinder sagt, ich solle hinausgehen.

Karl Binneberg wiederum, dessen Text ich gerade las, sagt dazu dann (unter anderem):

Wären nämlich (…) allein die kindlichen Absichten und Interessen das Regulativ menschlichen Zusammenlebens, so wäre ein geregeltes Miteinander unmöglich. Ohne gewisse Regeln (…) wäre das Leben mit Kindern wahrscheinlich in der Tat, wie Hobbes es formuliert hat, ’nasty and brutish‘. Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen. Es geht nicht um die Irrlehre von Befehl und Gehorsam, sondern um ein sinnvolles Arrangement von Regeln und Ordnungen.

Und BÄMM – ich bin mittendrin: Da ist sie wieder, diese – meine – ewigste und drängendste aller Erziehungsfragen, dieser ewige Zwiespalt zwischen Regeln und Freiheit. DAS ist der ständige Krampf, der ständige, alltägliche Kampf mit mir, in mir, zwischen mir und meinen Kindern… Und ich weiß nach wie vor oft selber nicht, wie ich dazu stehe, stehen kann, stehen will. Ich bin keine gute Kinder-Diktatorin, jedenfalls will ich keine sein. Ich „arbeite“ gegenüber meinen Kindern nicht mit Auszeiten, nicht mit „Ich zähle bis 3“, ich drohe ihnen nicht und ich benutze nicht die dritte Person, wenn ich mit ihnen spreche („Die Mama hat gesagt“). Ich versuche sie einfach wie Menschen zu behandeln. Ich möchte ihnen nicht einfach irgendwas vorschreiben oder sie andauernd ermahnen. Ich mag mich selbst nicht, wenn ich einen „pädagogischen Tag“ hab, an dem ich feststelle, dass ich sie ständig ermahne und ansonsten eigentlich keine Kommunikation stattfindet. (Bei Grummelmama gibt’s dazu gerade einen passenden Artikel: „Los! Jetzt! Sofort!“.) Ich empfinde ehrliche, tiefe Verachtung und Ekel, wenn ich draußen Menschen bei der Kommunikation mit Kindern beobachte und immer wieder feststelle, wie oft Kinder wahlweise nur im Militärton angebellt oder aber wie Schwerstbehinderte angesäuselt werden. Ich bin inzwischen fast soweit, dazwischen zu gehen, wenn Erwachsene verbal scheiße zu Kindern sind. Noch kriege ich es nicht hin – die Gründe liegen aber eher in grundsätzlichen Hemmungen meinerseits, anderen gegenüber „unangenehm“ zu sein. Aber eigentlich ist es mir ein großes Bedürfnis, den betroffenen Kindern von kommunikativer Gewalt zu zeigen, dass das nicht in Ordnung ist, wie mit ihnen umgegangen wird… (Fraglich nur, was das mit einem Kind macht, wenn seine Mutter von einer fremden Person belatschert wird… und ob das so gut ist. Müsste man mal eine Kosten-Nutzen-Abschätzung machen.)

Ich bin inzwischen Mitglied in der unerzogen-Gruppe bei Facebook. Ich mag die Reflektiertheit der Leute dort, teile viele der Ansichten und mir gefällt die Idee der Gleichwürdigkeit. In der Gruppe routieren (und eskalieren) immer wieder bestimmte Themen, wie zum Beispiel Zähneputzen/Haarekämmen/Waschen, Süßigkeitenkonsum, Konsum grundsätzlich, Fernsehen, Computerspielen, Schlafenszeiten und… Rücksicht auf Andere. Bei den erstgenannten gibt’s verschiedene Sichtweisen. Einige setzen hier tatsächlich auf totale Freiheit, sprich: Selbstregulierung. Die Kinder können fernsehen oder Süßkram essen, wann und wie viel sie fernsehen wollen und sie gehen pennen, wann und wie sie das wollen. Viele versuchen sich an einem Zwischenweg, einige trauen sich nicht so richtig usw. Ich kann mich nicht so richtig entschließen.

Ich habe das mit der Selbstregulierung in Sachen Fernsehen und Süßigkeiten mit P. versucht. Aber es führte dazu, dass sie wirklich unheimlich viel und regelmäßig geglotzt hat und Unmengen Süßkram gegessen hat. In Sachen Fernsehen machte ich einen Rückzieher nachdem P. nach einem 4-5-Stunden Glotz-Marathon an einem Sonntag vor geraumer Zeit völlig durchdrehte, keine Kommunikation mehr möglich war, sie nur noch wütete und weinte und der gesamte Sonntag (inklusive unserer Familie) vollkommen… im Arsch war. Ich habe für mich (und uns) in diesem Moment beschlossen: Das geht so nicht. Das will ich nicht. Ich habe daraufhin mit P. besprochen und meinen Verdacht geteilt, dass die schlechte Stimmung mit dem vielen Fernsehen zusammenhing und wir haben gemeinsam beschlossen, unsere alte Kontingent-Abkreuz-Liste wieder einzuführen: Sie darf 5 Mal in der Woche gucken, jeweils zwei Folgen. Und wenn sie geguckt hat, macht sie Kreuzchen auf der Wochenliste. Wenn das Kontingent alle ist, ist es alle. Das klappt ganz gut und von der Regelung bin ich überzeugt. Manchmal ist sie genervt davon, aber im Großen und Ganzen läuft das. Ich bin überzeugt, weil ich an diesem Sonntag für mich entschieden habe, dass ich zu viel Fernsehen tatsächlich für schädlich halte, dass Fernsehen süchtig machen kann und ich meine Tochter hier regulieren möchte und muss, damit sie dem nicht ausgeliefert ist. Auch beim Schlafengehen haben wir mehr Selbstregulierung versucht. (Unsere Kinder gehen ohnehin recht spät ins Bett, im Sommer selten vor 21:30.) Hier fahren wir jetzt so ein Mittelding, glaube ich. Momentan regulieren wir wieder etwas mehr, was heißt: Wir sagen irgendwann schon „Lasst uns jetzt mal langsam ins Bad gehen.“ P. kann dann aber nachkommen, wenn sie soweit ist. Wir gehen dann mit T. schon vor. Meist klappt das. Bei den Süßigkeiten ist das schon schwieriger. P. ist echt ’ne Zuckerschnute. Sie kann in der Tat Unmengen an Süßigkeiten essen und tut das auch. In der Gruppe laufen die Diskussion meist auf den Kern zu, dass man sich fragen und für sich entscheiden muss, inwiefern man Zucker tatsächlich für gefährlich hält. Studien gibt’s sowohl in die eine als auch für die andere Richtung. Keine Wissenschaft der Welt wird das eindeutig beantworten können. (Davon abgesehen glaube ich nur bedingt an die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungstheorien, sondern weil Wissenschaft meiner Meinung nach keine 100%-Aussagen über die Wirklichkeit treffen kann. Wissenschaft ist nie mehr als Wahrscheinlichkeitsrechnung, allgemeine Aussagen, die mit dem Einzelfall niemals übereinstimmen, insbesondere wenn es um Menschen geht.) Aktuell ist ein Zwischenweg, dass wir ein Ding bezahlen – also zum Beispiel einen Nougattaler vom Bäcker Lotzmann, dem Handwerksbäcker, der um die Ecke von der Kita beinahe täglich angesteuert werden muss, und wenn sie mehr will, muss sie das von ihrem Taschengeld bezahlen. Sie hat 20 Euro im Monat für sowas zur Verfügung. Und wenn das alle ist, dann gibt’s halt keine Extras mehr. Wir haben damit gerade erst angefangen, bisher läuft es gut. Aber gestern Nachmittag haben sich trotzdem Unmengen an Süßkram in ihrem Bauch angesammelt. Und nein, das ist hier auch keine Ausnahme. Hm. Mich nervt es ja echt ein bisschen, dass man offenbar tatsächlich nicht um die klassischen Eltern-Kind-Streitthemen (Essen, Schlafen, Fernsehen) drumrum kommt. Auch dann nicht, wenn man sich für „coole Eltern“ hält. Ich höre mich auch oft genervt sagen „Ja, P., wenn du wenigstens mal ein bisschen Gemüse essen würdest…“ – haha. Punk is dead!

Eigentlich geht es mir hier aber um den Aspekt der Rücksicht. Deshalb auch die Geschichte und die Kommentare oben. Denn das beschäftigt mich wirklich. Stellen wir das Mikroskop mal scharf. Binneberg sagt:

Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen.

Sind Kinder rücksichtslos?

Mit Sicherheit nicht immer. Aber es kommt vor, würde ich sagen. Und es kommt in Ausführungen vor, die mir manchmal den Mund offen stehen bleiben lassen. Es kommt in Ausmaßen vor, die ich so nicht erwartet habe. Es kommt so heftig vor, dass ich eigentlich wirklich verletzt und wütend bin, weil mein Wohlergehen so dermaßen keine Rolle spielt… Die Rücksichtslosigkeit ist einer der Aspekte am Elternsein bzw. am Zusammenleben mit Kindern, mit dem ich und auch K. wohl am schwersten zurechtkommen.

Es ist wirklich eine verdammt harte Prüfung, verständnisvoll und geduldig, mit Mitgefühl, Liebe und Nachsicht auf Menschen zu reagieren, die wütend und brüllend von dir verlangen, sie gefälligst jetzt sofort zu tragen, während du mit vielen schweren Taschen bepackt, schwitzend, müde und krank versuchst, aus der überfüllten Straßenbahn auszusteigen. Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben gegenüber einem Menschen, dessen Zimmer du gerade in mühsamer, aber durchaus liebevoller Arbeit auf- und umgeräumt hast, nachdem sie es gemeinsam mit ihren Freundinnen verwüstet hat, und der dann nichts besseres einfällt als dir wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, weil du ihr nicht augenblicklich Apfelsaft aus der Küche holst. Wie soll man verständnisvoll bleiben angesichts des Essens, das man auf Wunsch zubereitet hat, dass dann aber nicht gegessen wird, weil das Gegenüber ein Ministück Kräuter darin entdeckt hat? Soll man ja irgendwie nicht. Muss man ja irgendwie nicht. Man soll will ja auch „authentisch“ sein, kein Elternroboter. Okay.

Kinder können Rücksicht noch nicht so gut. Ich versuch’s – je nach Vermögen mal mehr mal weniger „wertvoll“ – ihnen gegenüber zu vermitteln. Das macht es nicht einfach. Das Leben mit Kindern empfinde ich grundsätzlich nicht als einfach. Das schwierigste ist für mich, glaube ich, ständig reagieren zu müssen, ständig angesprochen zu werden, ständig gefragt zu sein – egal, ob es passt oder nicht. Egal, ob ich (noch) kann oder nicht. Egal, ob ich krank bin oder nicht. Genervt bin oder nicht. Bock habe oder nicht. Es passiert einfach ständig irgendetwas, was man nicht auf dem Schirm hatte und es ist kaum möglich, ein Ding zu Ende zu machen, wie man das vorhatte. Pläne und Kinder? Das widerspricht sich einfach. Ich bin leider eine ziemliche Kontrolletta. Ich finde das Kinderhaben ziemlich… herausfordernd. Das wissen alle, die den Blog hier schon häufiger gelesen haben. Und trotzdem finde ich’s auch oft sehr toll. Ziemlich oft ziemlich genau so:

hurrah for gin a typical day
(c) http://hurrahforgin.com

Abschweif: Ich habe in letzter Zeit wieder häufiger über die #regrettingsmotherhood-Debatte nachgedacht. Vor allem ein Artikel von berlinmittemom ist mir im Kopf geblieben: ambivalenz ist nicht bereuen. Sie schreibt:

Es geht nämlich meiner Meinung nach nicht nur um ambivalente Gefühle oder um die Sehnsucht nach dieser besonderen Freiheit vor den Kindern (…) es geht um Frauen, die explizit bereuen, dass sie Mutter geworden sind. (…) Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.

Ich glaube nicht, dass ich wirklich zu den bereuenden Müttern gehöre. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich mich, wenn ich vor der Wahl stünde und mit dem Wissen, dass ich jetzt über mein Elterndasein habe, anders entscheiden würde (und könnte… Als ich mit P. ungeplant schwanger war, konnte ich mich nicht entscheiden, das Kind nicht auszutragen, sprich: abzutreiben. Ich konnte – für mich wirklich überraschend – nicht einmal denken, welche Schritte dazu nötig wären.). Ich kann den Gedanken kaum zulassen und nur schwer ertragen, dass diese Entscheidung bedeuten würde, dass die beiden Menschen, die wir gezeugt haben, nicht wären. Diese beiden Menschen sind toll. Ich habe das Gefühl, ihre Existenz gegen meine (fehlenden) Freiheiten abwägen zu müssen. Und hier gewinnt ihr Existenzrecht, mein Wunsch, dass sie existieren und meine Liebe zu ihnen. Und ich möchte auch vieles von dem, was mit mir passiert ist, seitdem ich Mutter bin, nicht missen. Wer weiß, wo ich jetzt stünde, hätte ich nicht mit 21 mein erstes Kind bekommen. Was würde ich jetzt tun? Hätte ich Erziehungswissenschaften studiert? Mit Sicherheit nicht. Vermutlich würde ich irgendwie vor mich hin sinnkrisen. Vermutlich wäre ich ziemlich depressiv. Vielleicht hätte ich die Band noch. Wäre dann aber körperlich ziemlich fertig, glaub ich. Vielleicht würde ich mir raten, später Kinder zu bekommen und vorher in Ruhe und mit Zeit zu studieren, zu reisen, zu vögeln, … Vielleicht. Ich mag es, zu erzählen, dass ich zwei Kinder habe. Ich definiere mich inzwischen auch darüber. Sie sind ein Teil von mir. Anstrengend finde ich’s trotzdem wahnsinnig oft.  Kinderhaben ist wie das Leben ist: Höhen und Tiefen. Ich sperre mich gegen Roswatteplüsch und Schönmalerei. Kinderhaben ist ’ne riesige Herausforderung. Aber wenn man sich darauf einlässt, auch eine der größten Entwicklungschancen, die es im Leben gibt. Ich glaub, ich gehöre eher zur Fraktion „ambivalent“.

Im Kern ist die fehlende Rücksichtnahme der Kinder mir gegenüber der Grund dafür, dass ich das Zusammenleben mit Kindern oft als so kräftezehrend empfinde. Der springende Punkt ist aber, dass ich meinen Kindern deswegen nicht böse sein will und zum Glück auch sehr selten tatsächlich bin. Viele Erwachsene scheinen das aber oft zu sein, anders kann ich mir den völlig bescheuerten Dauer-Aggro-Umgang mit Kindern, die „nicht spuren“ kaum erklären. (Hm, doch, kann ich… Aber das wäre ein anderes Thema.) Ja, ich raste manchmal aus. Aber ich gebe mir große Mühe, dass auf eine Weise zu tun, die meinen Kindern zwar zeigt, dass hier meine Grenze erreicht ist, ohne dabei aber ihre total zu verletzen. Das gelingt mir sicher nicht immer. Wenn es nicht gelingt, sage ich ihnen, dass es mir leid tut und es nicht okay von mir war, ich es aber einfach nicht anders hinbekommen habe, weil ich so wütend war. Ich habe Verständnis für ihr „rücksichtsloses“ Verhalten, weil ich es – spontan – mit einer fehlenden Einsicht- bzw. Vernunftfähigkeit von kleinen Kindern erkläre. Sie können’s einfach noch nicht besser. Wie kann man ihnen da böse sein? (Memo an mich selbst: Darüber muss ich bei Gelegenheit genauer nachdenken… Warum sind kleine Kinder eigentlich so „rücksichtslos“? Liegt das an dieser kinderunfreundlichen Industrienationen-Welt? Ist das bei indigenen Völkern, die etwa im Amazonas-Regenwald leben anders? Und wenn ja: Wie kann man das erklären? Was braucht es an „Fähigkeiten“, damit sowas wie Rücksichtnahme möglich ist? Welche Annahmen stecken in dieser Annahme? > Entwicklung hin zur Rationalität… Also steckt darin das Ideal des rational-vernünftigen-impulskontrollierten Menschen… hm. Impulskontrolle kann man ja auch durchaus kritisch sehen… Ist Impulskontrolle einfach notwendig, wenn mehrere Menschen miteinander in ein Verhältnis treten? Wozu dann aber diese heftigen Impulse? Warum haben wir Menschen die? … Ich muss endlich mal an diesem Artikel über heftige Gefühlsausbrüche von Kindern – und dem Umgang Erwachsener damit – weiter arbeiten!)

Okay. Bis hierhin ging es um persönliche Belastungsgrenzen. Wenn ich einfach nicht mehr kann, dann kann ich nicht mehr. Die geschilderten Fälle sind – vom Gefühl her – noch relativ eindeutig. Hier wäre einfach Rücksicht und Zurücknahme der eigenen Wünsche vor dem Hintergrund der Anstrengungen des Gegenübers angebracht. Selbst ich, die ich ja an fast allen meiner Wahrnehmungen und Ansichten zweifle, empfinde das hier ausnahmsweise mal als ziemlich eindeutig: Sowas müssen Kinder irgendwie lernen. Soweit so gut. Es bleibt mir offenbar nicht viel mehr übrig, als meinen Kindern ehrlich zu zeigen, wenn meine Grenzen erreicht sind und ich ihre Wünsche bzw. Ansprüche gerade unverhältnismäßig und rücksichtslos finde, dabei aber gleichzeitig damit klarzukommen, dass Kinder ihre Impulse noch nicht derart kontrollieren können und ansonsten vor allem selbst Rücksichtnahme und Verständnis vorzuleben.

Aber dann ist da ja noch der Esstisch aus dem Beispiel:

Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf.

Und das sagt fucking A.S. NEILL! Der Godfather der antiautoritären Erziehung!

Hier ist auch noch einmal eine Abgrenzung nötig: Es gibt Situationen, da reguliere ich, weil (Lebens-)Gefahr droht. Wenn mein zweijähriges Kind dabei ist, auf die viel befahrene Straße zu rennen, dann werde ich das nicht ausdiskutieren, dann greife ich ein. Wenn mein Kind sich (wie heute morgen) die Schere in den Mund stecken will, dann greife ich ein. Wenn mein Kind (wie gestern) das offene Küchenregal hochklettern will, dann greife ich ein. Soweit, so klar.

Wenn mein Kind aber über den Esstisch spazieren, auf dem Sofa springen, die Füße beim Essen auf den Tisch legen, mit Essen im Mund reden oder sonstwas will… Was dann? Hier droht keine Gefahr. Das sind Sachen, die Menschen einfach nicht wollen, weil… aus unterschiedlichen Gründen. (Auch die wären ein Extra-Artikel Wert.) Und das ist jetzt der Kern der Auseinandersetzung: Ich finde, dass Neill es sich hier vielleicht etwas einfach macht, wenn er hier lediglich erklärt, dass Erwachsene und Kinder gleiche Rechte hätten. Neill geht offenbar davon aus, dass die Kinder es nicht tun, wenn man ihnen sagt, dass sie’s nicht dürfen.

Es muss also gehorchen (…).

Die entscheidende Frage ist aber, was passiert, wenn das Kind nicht einsieht, nicht über den Tisch (das Klavier, das Sofa, …) zu laufen. Das Kind hat den Tisch nicht dahin gestellt. Das Kind hat den Tisch auch nicht als „Esstisch“ bestimmt. Das Kind hat auch das „Heim“ (oder die Wohnung, das Haus, …) nicht so „erwachsen“ (funktional) eingerichtet. Für die Erwachsenen ist das Ding gelabelt als „Esstisch“ und verknüpft mit „da läuft man nicht drauf rum, schon gar nicht mit Schuhen“. Für Kinder ist das – je nach Alter – aber nicht so. Für ganz kleine Kinder ist es einfach ein interessantes Ding, dass zum Klettern geradezu einlädt. Und ältere folgen halt irgendwelchen Impulsen, wie auch immer… Was passiert also, wenn man dem Kind sagt, dass es das nicht darf – und das Kind tut es trotzdem? Alle Varianten, das Kind zur Einsicht zu bewegen, sind eigentlich scheiße und/oder stressig. Man könnte auf das Kind einreden, es argumentativ zu überzeugen versuchen. (Das würde ich bestimmt versuchen.) Das hätte vermutlich zur Folge, dass beim Kind nach etwa 3,5 Sekunden ankommt „Wuorpwuorpwuorpbluoerpblupp“. Aber immerhin hätte man nicht seine körperliche Überlegenheit missbraucht, nur seine intellektuelle einzusetzen versucht. Bringt aber oft nicht viel, insbesondere wenn Kinder im überTische-Lauf-Modus sind. Vielleicht hat man Glück und das Kind lässt sich vom Tisch wegquatschen. Oder man hebt oder zerrt das Kind vom Tisch runter. Das kann schon handgreiflich werden und gleichwürdig ist das eigentlich nicht mehr. (Bei ganz kleinen Kindern kann man wenigstens noch das Argument „Gefahr“ hier  als Trumpf spielen, um sich rauszureden.) Oder man schimpft und droht mit irgendwelchen beknackten Konsequenzen, womit man sich endgültig im schwarzen, stinkenden Sumpf der autoritären Erziehungsmethoden befindet. Sehen wir’s ein: Es gibt gar keinen „vernünftigen“ Grund, warum das Kind nicht über den Tisch laufen sollte, außer den, dass wir das nicht wollen. Also bleibt uns eigentlich „vernünftigerweise“ nur übrig, dem Kind genau das zu sagen: „Ich will nicht, dass du das machst. Lass es bitte.“ Vielleicht fängt daraufhin eine Diskussion an. Bei P. passiert das inzwischen immer häufiger. Eigentlich finde ich das gut, glaube ich. Das ist zwar auch stressig, weil man irgendwann nur noch am diskutieren ist… Aber ist gleichwürdiges Zusammenleben zwischen Menschen nicht genau das? Aushandlung, Kompromiss, Kommunikation? P. stellt mit ihren fünf Jahren schon erstaunlich viel in Frage. Sie blafft die Erzieherinnen in der Kita an, dass sie nicht einfach über die Kinder bestimmen können. Sie fragt mich entrüstet, als wir an einem Sonntag über unseren Plan sprechen, ein Puppentheater zu besuchen, ob wir überhaupt die Kinder gefragt haben, ob sie da hingehen möchten. Und sie knallt mir an den Kopf „Du kannst nicht über mich bestimmen“ oder „Es geht nicht nur nach deinem Kopf“, wenn ich sie bitte, sich noch die Zähne zu putzen. Und sie hat verdammt Recht damit. Aber das macht es alles nicht einfach. Und trotzdem bin ich schon jetzt verdammt stolz auf sie.

P.S.: Hm. Eigentlich wollte ich noch mehr über Rücksichtnahme und Erziehung oder Erziehung zur Rücksicht schreiben. Die Posts fließen in letzter Zeit noch stärker als sonst irgendwie wohin sie wollen… oder ich lasse das Fließen mehr zu. Wirklich kluge Gedanken habe ich dazu aber offensichtlich auch gar nicht. Falls jemand mal was Schlaues gelesen hat, kann das gern in den Kommentaren verlinken.

Vielleicht ist die Sache mit der Kommunikation und Aushandlung ja auch schon ein Wink in Richtung einer Antwort. Kann ich mehr tun als sagen, was ich will und was nicht und dann in Verhandlung gehen, um irgendwie eine Lösung zu finden, mit der alle leben können? Mit Erwachsenen will ich das doch genauso. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, zu partizipieren, sondern mich einfach an von anderen gesetzt Regeln zu halten habe. Sowas kotzt mich an. Diese Art der Partizipation und Kommunikation erfordert aber schon ziemlich viel Rationalität und Impulskontrolle. Und die können wir von kleinen Kindern nur bedingt erwarten. Meine Tante warf in dem Zusammenhang mal den Aspekt der Überforderung in den Raum. Sie meinte, dass kleine Kinder überfordert sind mit so viel Reflexion, Erklärung, Entscheidung und Auswahl und dass sie ihrer Meinung nach einfach(e) Strukturen, Regeln, Grenzen, Vorgaben von Erwachsenen bräuchten. Das gebe Sicherheit, das Gefühl von Verlässlichkeit und Orientierung und genau das sei es doch, was kleine Kinder bräuchten. Wenn alles verhandelbar ist, dann sie das zu viel. Dieses Reflektieren, hinterfragen, eigene Standpunkte beziehen usw. sei in dem Alter einfach nicht dran und deshalb sei das auch nicht gut… (Ich glaub, sie ist ziemlich beeinflusst von diesem Kontinuum-Gedanken von Jean Liedhoff. Darin steckt die Idee von natürlichen Entwicklungsstufen und bestimmten Fähigkeiten in bestimmten Zeiträumen. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halte… Ich denke aber, dass die Idee von festen Entwicklungssprüngen/-phasen in einem bestimmten Alter auch viele Probleme mit sich bringt und nicht zuletzt dazu beitragen, dass sich eine Vorstellung von „normaler“ und „unnormaler“ Entwicklung etabliert. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass eine Freundin mir letztens besorgt an meinem Küchentisch erzählte, dass ihr Fünfjähriger vom Arzt als auffällig eingestuft wird, weil er noch keine Strichmännchen malt. Sie soll jetzt mit ihm üben und erzählte: „Ich habe jetzt mit ihm gemalt. Er malte ein Männchen, aber halt mit einem Auge und die Nase ist rechts am Kopf. Als ich ihn gefragt habe, warum die Figur nur ein Auge hat, meinte er: ‚Der guckt zur Seite.'“ (O.o) Ein Kind, das offenbar sogar schon räumlich und perspektivisch denken und das auf eine Zeichnung übertragen kann, wird also als auffällig beurteilt… Und warum? „Naja, in der Schule wird das erwartet…“ – da haben wir’s.) Und trotzdem beschäftigt mich die Frage der Überforderung… Auch im Hinblick auf meine Zeit an der demokratischen Schule. Überfordert Kinder diese grundsätzliche Verhandelbarkeit, dieses viele Reflektieren und die ständige Kommunikation? Der Einwurf ist nicht unberechtigt… Aber kann man denn wirklich sagen, das ist „nicht gut“ – im Sinne von tendenziell schädlich, gesundheitsgefährdend – für sie? Brauchen Kinder Erwachsene, die klare Ansagen machen oder nicht? Wäre das wirklich besser? Das ist zwar irgendwie der Kern der Frage. Aber selbst wenn es so wäre, berechtigt es Erwachsene nicht, Kinder so scheiße zu behandeln wie sie es oft tun. Wenn es so wäre, dann kann ich es mir noch am ehesten vorstellen, wie in Jesper Juuls-Eis-Situation:

Die dreijährige Kim fragt ihren Papa: „Darf ich ein Eis haben?“ Der Vater antwortet: „Nein, darfst du nicht.“ Kim: „Ich will aber!“ Vater: „Das höre ich. Und es ist auch okay, dass du ein Eis willst. Du kriegst aber trotzdem keins.“ Kim: „Doofer Papa!“ Vater: „Dann bin ich eben ein doofer Papa. Aber es bleibt dabei.“

Die Gleichwürdigkeit dieses Dialogs liegt vor allem in dem, was nicht gesagt wird, zum Beispiel: „Du hast heute schon genug Eis gehabt.“ (Mit dieser Definition lässt der Vater Kim seine Macht spüren.) Oder aber: „Ich habe Nein gesagt, und jetzt hör auf zu quengeln!“ (Der Vater traut sich nicht, offen Nein zu sagen, also kritisiert er Kim dafür, dass sie ihren Wunsch ausspricht.) Oder auch: „Wenn du brav bist, gibt’s heute Abend vielleicht Eis zum Nachtisch.“ (Der Vater bezieht nicht klar Stellung, sondern greift zu einem Ablenkungsmanöver.)

Entscheidend wäre, wenn man das annimmt – also dass klare Grenzen und Strukturen wichtig sind -,  über „ja“ und „nein“ zwar eindeutig zu bestimmen, mit der Wut und Trauer der Kinder aber anders umzugehen, darauf mit Verständnis zu reagieren und für sie da zu sein. Impulskontrolle zu lernen, das ist hart. Aber in dieser Art von Gesellschaft kommen wir wahrscheinlich tatsächlich nicht drumherum. Wir mussten da alle durch und es war vermutlich für uns alle ziemlich schmerzhaft. Und vermutlich wurden viele von uns nicht wirklich einfühlsam dabei begleitet. Vielleicht reagieren Erwachsene genau aus diesem Grund oft so verständnislos und wütend auf die heftigen Gefühlsausbrüche unserer Kinder… (Verdammt! Ich muss diesen Artikel schreiben! Wenn ich nur endlich die Zeit fände…)

*Binneberg, Karl (1997): Plädoyer für eine pädagogische Kasuistik, In: Ders. (Hg.): Pädagogische Fallstudien. Frankfurt, Main u.a.: Lang.

Bitte hör auf mit dem Gebrüll. BITTE!

Heute ist es mal wieder passiert. Und gestern. Und irgendwann in den Tagen davor auch. Ich hab rumge… naja… „brüllt“ wäre übertrieben… „rumgeschnauzt“ trifft es vielleicht besser.

Ich versuche so so sehr gerade nicht mehr so stark die Anstrengung zu empfinden, sondern im Moment zu sein, gerade, wenn ich mit den Kindern zusammen bin. Nicht immer vergleichen, nicht immer an’s nächste Denken… Positiver sein, bei ihnen sein. Aber wie soll ich es hinkriegen, die Dinge positiv zu sehen, wenn stundenlang nur-nur-nur gebrüllt wird? Wie soll das gehen? Ich e-r-t-r-a-g-e das einfach manchmal nicht mehr. Also wortwörtlich… Eigentlich ist es mir dermaßen zu viel, dass es nicht mehr geht, ich halt’s eigentlich nicht aus. Aber ich kann ja nicht einfach weg, ich muss ja in der Situation bleiben, wenn ich mit den Kindern allein bin. Heute habe ich mich 19:30 mitten auf den Gehweg gesetzt und 10 Minuten gewartet. T. wollte (brüllend) auf den Arm, nicht im Buggy bleiben. Ich hatte Einkäufe zu tragen. P. wollte spontan auch nicht mehr weiterlaufen, hat den Buggy besetzt, was wiederum T. nicht passte, der spätestens dann vollkommen außer sich war und die Straße zusammenschrie. Ich hab versucht rauszufinden, was T. will, ihm erklärt, dass das nicht geht, er wütete weiter rum, ich setzt mich und nahm ihn auf den Schoß. Das war ganz schön kalt.

Man ist ja erwachsen, ne? Aber in diesen Momenten… An solchen Tagen, brodelt’s früher oder später in mir hoch… Das kindische „Wann nimmt eigentlich mal wieder jemand Rücksicht auf mich?„-Gefühl. Dann muss ich ganz oft (runter-)schlucken und mir vergegenwärtigen, wie alt meine Kinder sind, um nicht einen verdammten Hals zu kriegen, angesichts der kleinen „Ego-Nummern“, die sich da vor mir abspielen.

Irgendwann waren wir dann Zuhause. Aber das Brüllen hörte nicht auf.

Ich bemühe mich. Ich bemühe mich wirklich. Ich will geduldig sein und verständnisvoll, ich gehe auf die Kinder ein, ich rede mit ihnen, frage, mache, tue, … Ich versuche es wirklich. Aber irgendwann geht’s nicht mehr, dann hakt es aus, und ein Schalter legt sich um.

Erst habe ich mich in die Mitte des Wohnzimmers gestellt und einfach „AAAAAAAAH!“ geschrien. Als das Brüllen der Kinder auch dann nicht aufhörte, bin ich ins Schlafzimmer gegangen, habe die Tür zugeknallt und mir die Ohren zugehalten. Mehrere Male habe ich versucht, mich zu beruhigen, ruhig zurück zur Brüll-Szene zu kehren, in der meine beiden Kinder schon seit Nachmittag die Hauptdarsteller waren.

Szene jetzt: Küche. P. hatte sich jetzt (auch noch) am Kopf gestoßen. Wieder ein neuer Grund für Gebrüll. Aber ich war nicht mehr in der Lage, zu trösten, zu streicheln, zu beschwichtigen. Ich flehte sie an, mit dem Geschrei aufzuhören. „Du kannst weinen, sag mir was passiert ist, aber bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte hör auf mit dem Gebrüll. BITTE!“ Jede, die das schon mal probiert hat, weiß, dass das mit 99%iger Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass das Kind noch mehr, noch lauter, noch eindringlicher kreischt.

Und dann kam sie, die Standpauke.

Ständig versuchen wir, es euch recht zu machen, Tag und Nacht. Wir nehmen immer Rücksicht auf euch, richten uns dauernd nach dem, was ihr wollt. Seit Tagen haben wir nicht mehr richtig geschlafen haben, weil T. permanent alles vollkotzt. Die Nachmittage, die Morgen, die Wochenenden, der Urlaub, die Mahlzeiten… Ständig versuchen wir, euch ganz besonders zu berücksichtigen. Und trotzdem findet ihr immer, immer, immer, immer einen Grund, unzufrieden zu sein. Ihr findet immer einen Grund, euch zu beschweren, mich zu treten oder zu hauen, zu brüllen, uns „doof“ zu nennen oder rumzuschreien! Und manchmal, ja, manchmal, da kann ich einfach nicht mehr. Ich WILL jetzt kein Gebrüll mehr hören, weder von dir, noch von dir. Gar nicht mehr heute! Kein einziges bisschen!

P. guckt mich mit großen, geschwollenen Augen an. Sogar T. hat mit dem Geplärre aufgehört. *schnief* macht sie. Ich fühle mich wie einem französischen Familiendrama.

„Weißt du…“, sage ich kleinlaut zu P., „ich wünschte, ich könnte immer ganz ruhig bleiben und auf alles ganz entspannt reagieren. Ich wünscht, ich wäre immer fröhlich und hätte immer gute Laune. Aber ich schaffe das einfach nicht immer so wie ich will. Und dann raste ich manchmal aus und meckere oder brülle auch. Das heißt nicht, dass ich euch total doof finde, aber ich halte es manchmal einfach nicht mehr aus… Das tut mir ehrlich leid. Ich hab euch trotzdem lieb.“ *schnief-schnief* macht P. nochmal und sagt: „Mama, schon okay, Mama, das muss doch auch mal raus, die Wut, sonst kriegt man Bauchschmerzen. Man kann nicht immer fröhlich sein.“

Ach Mensch. Und dann schniefte ich.

Im Bett sagte sie, als ich sie fragte, was sie träumen möchte „dass du immer bei mir bist“.

Man kann nicht mehr wirklich zurückfühlen, wie Kinder ticken. Wenn ich von K. ne Standpauke kriege, dann reagiere ich da jedenfalls mit sehr viel weniger Verständnis als meine 5-jährige Tochter. Ich brauche mindestens bis zum nächsten Morgen, um mich abzuregen.

(P.S.: Ich hab dann abends mal endlich mitbekommen, dass T. zahnt. Supermutter, ich.)

Sie flüchten. Wir flüchten. Keine Sicherheit. Nirgends.

Vielleicht denken einige von euch „Jetzt kommt die schon wieder mit dem Thema, ich kann’s nicht mehr hören.“ Ich kann es auch nicht hören und vor allem nicht mehr sehen, aber ich kann auch nicht lassen, darüber nachzudenken und ich kann mir nicht mehr zugestehen, nicht hinzusehen.

Ich kann es einfach nicht ab, in einem Land zu leben, das mitmacht in einem Zusammenschluss von Staaten, der so mit Menschen umgeht, wie es gerade, nein, eigentlich schon ewig, passiert. Es wird nur gerade so offensichtlich, so unübersehbar, weil die Massen von Geflüchteten vor unseren Haustüren und in unseren Urlaubsregionen ankommen, unter anderem weil der Winter ansteht und die Menschen versuchen, vorher noch nach Europa zu kommen und weil die Lage in den Krisenländern aussichtsloser wird (> lesenswerter Artikel dazu von adopt a revolution, eine Organisation, die friedliche syrische Aktivisten unterstützt: Warum kommen gerade so viele Geflüchtete nach Europa?) Wir können nicht mehr wegsehen. Wir können nicht mehr weitermachen wie bisher, uns unsere Wänste in unserem Wohlstandsland fettfressen und so tun als ob uns das alles nichts angeht.

Derzeit befinden sich weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl, die jemals von UNHCR verzeichnet wurde. Und sie wächst weiter. 2014 wurden 13,9 Millionen Menschen zur Flucht getrieben – viermal so viele wie noch 2010. Jeden Tag machten sich durchschnittlich 42.500 Menschen auf den Weg auf der Suche nach Frieden, Sicherheit und einem neuen Leben. (Quelle UNO)

Und hey, das ist ja ein Blog über Familienthemen, also:

Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

Dreißig. Millionen. Kinder.

Kinder, wie dieses hier:

osman sagirli

Ich habe mich in den letzten Tagen in die Syrien- bzw. Flucht-Thematik verstiegen, versucht zu verstehen und die ganzen kleinen und großen Details, auf die ich stoße, bereiten mir Magenschmerzen.

Da ist dieser wahnsinnig authentische Film vom 24-jährigen Durchschnitts-Generation Y’ler Hubertus Koch, der für 2-3 Wochen nach Syrien fuhr, um als Dokumentarfilmer ein Hilfsprojekt mit der Kamera zu begleiten und der so eindrücklich und unglaublich nah vermittelt, dass und wie seine Welt erschüttert wurde durch das, was er in Syrien erlebt hat. Die Welt braucht mehr Menschen, die solche ehrlichen Dinge schreiben, drehen, erzählen… Viel mehr!

 

Da ist Aylan Kurdi, dessen Bild mich mehrmals zum Heulen brachte und mir auf einen Schlag so deutlich klar machte, dass das Grenzregime der EU ein verdammt großer Teil des Problems ist.

Da ist die EU-Richtlinie 2001/51/EG, durch die Fluggesellschaften Unterkunft, Rückflug, Versorgung von Menschen bezahlen müssen, die sie – ohne Visum – in ein EU-Land transportieren und (!) die dann abgewiesen werden, denen Asyl nicht gewährt wird. Der letzte Punkt ist wichtig, denn Menschen aus Syrien wird in der Regel Asyl gewährt, d.h. die Fluggesellschaften müssten hier nichts befürchten und könnten diese Menschen einfach mitnehmen. Wenige hundert Euro kostet ein Flug von der Türkei nach Deutschland. Aber die Fluggesellschaften nehmen niemanden ohne gültiges Visum mit, denn dann müssten sie genauer/anders kontrollieren, wer da in die Flieger steigen will… Politische Entscheidungen würden dann quasi am Boarding-Schalter stattfinden, von Menschen, die damit eigentlich nichts am Hut haben. Also verweigern die Fluggesellschaften allen die Möglichkeit der sicheren Flucht und überlassen sie dadurch den Schleppern, den Gummibooten, dem Mittelmeer, den verriegelten LKWs, den verschlossenen Kisten, den Frachtern, den Kofferräumen. Warum gibt es keine Proteste, die die Fluggesellschaften aufruft, Zufluchtsuchende mitzunehmen??? Warum boykottiert niemand das Fliegen, wenn daran nichts geändert wird? Es macht mich krank, dass die einen auf dem Weg von der Türkei nach Deutschland vor allem die Frage beschäftigt, ob sie Menü 1 oder 2 wählen, während die anderen sich in Lebensgefahr begeben. Während Familien mit Kindern im Alter meiner Kinder mit unsicheren Booten versuchen nachts über’s Mittelmeer zu kommen und danach, falls sie es geschafft haben, tage- und wochenlang und über weite Strecken zu Fuß versuchen, sichere Länder zu erreichen, über Berge, in der prallen Hitze, teilweise ohne Schuhe, ohne Kleidung, ohne Essen, ohne Wasser… Auf der selben Route über’s Mittelmeer, die das Boot von Alyan und seiner Familie genommen hat, fahren täglich Fähren. Kinder unter 6 Jahren fahren kostenlos mit. Es ist so unglaublich, so – entschuldigt das Pathos! – beschämend für die Menschheit, dass sowas geht! Das sind doch alles Menschen! Es ist so unbegreiflich, dass alles das passiert und ich bin hier und habe das Gefühl, überhaupt nichts daran ändern zu können. Ich kann, ich will aber keine „Mein Arsch an meine Wand“-Haltung einnehmen! Mir geht das nicht am Arsch vorbei, sondern verdammt nah.

Da ist das Dublin-Verfahren, das regelt, dass Asylsuchende sich in dem europäischen Land registrieren lassen und um Asyl bitten müssen, das sie zuerst betreten, was schon für einen Laien ganz offensichtlich nicht hinhauen kann, gerade auch vor dem Hintergrund der gerade erwähnten EU-Richtlinie. Die einzige Möglichkeit, europäisches Festland zuerst in Deutschland (oder Schweden oder Dänemark…) zu betreten, ist nun einmal das Flugzeug. Da das nicht geht, flüchten die Menschen in den besagten Booten. Eine Freundin, die arabisch spricht und in dem Bereich sehr aktiv ist erzählte mir gestern, dass es eine Facebook-Gruppe gibt, in der Notrufe geteilt werden, wenn Boote kentern, damit die Küstenwache informiert werden kann. Sie meinte, dass jede Nacht mindestens 6-8 Notrufe eingehen. (In diesem Video sieht man, wie diese Flucht per Boot (und das Kentern) passiert… Die Motoren fallen ständig aus, ständig!) Und dann ist das erste europäische Land, das die Menschen erreichen nun einmal Griechenland. (Die haben’s ja eh gerade so dicke…) Also lassen Griechenland, Mazedonien und Serbien die Geflüchteten ziehen, stellen Kurz-Visa aus und umgehen so das Dublin-Verfahren mehr oder weniger. Dann kommen die Fliehenden nach Ungarn. Was da abgeht, ist unter aller Würde…

 

Die Ungarn haben die Grenze nun dicht gemacht und die Polizei geht mit Tränengas und Gummi-Geschossen auf die Menschen los. Ich frage mich ernsthaft, wo die Menschen hin sollen. Griechenland schiebt sie weiter, Mazedonien schiebt sie weiter, Serbien schiebt sie weiter. Ungarn macht zu. Deutschland jetzt auch. Könnt ihr euch vorstellen, wie sich sowas anfühlen muss? Wenn in der eigenen Stadt, im eigenen Land Krieg ausbricht und es plötzlich jeden Tag um Leben und Tod geht? Wenn du dich nicht mehr fragst, ob deine Kinder in den Turnschuhen vielleicht nasse Füße bei dem regnerischen Wetter bekommen oder ob das Jäckchen zu kühl ist, sondern ob ihr – ob sie – den Tag überleben werden? Wenn die Frage nicht heißt „Gehen wir nachher noch auf den Spielplatz oder in den Wald?“, sondern „Wann wird wo die nächste Bombe hochgehen?“? Vielleicht hilft das hier dabei:

 

Und dann fliehst du mit deiner Familie, lässt alles zurück… Fotos, Erbstücke, Wohnung, Möbel, Spielzeug der Kinder, Klamotten…; ihr verkauft, was ihr besitzt, um die Flucht zu bezahlen; ihr gebt alles, was ihr an Geld habt, irgendwelchen dubiosen Typen; setzt euer und das Leben eurer Kinder noch einmal auf’s Spiel, um nach Europa zu kommen und merkt dann, wenn ihr es bis nach Europa geschafft habt, dass ihr nirgends – nirgends willkommen seid. Ihr werdet hin- und her geschoben, rumgeschubst, in Lagern zusammengepfercht, es stinkt, die hygienischen Zustände sind katastrophal, die Menschen behandeln euch abschätzig, wie Tiere… Deine Kinder spielen im Müll…

 

Oder ihr verliert euch

Österreich und vor allem Deutschland hatten eine humanitäre Woche, haben Dublin ausgesetzt und signalisiert, dass die Geflüchteten kommen können. Jetzt kommt die „Rolle rückwärts“. „Nee, könnt doch nicht kommen. Deutschland sei „an seiner Belastungsgrenze“. Wie absurd das ist! Die Menschen sind angesichts dieser Kehrtwende am Boden zerstört! Durch die Signale der Bundesregierung haben sich sehr, sehr viele Menschen auf den Weg gemacht, Ziel Deutschland. Endlich Sicherheit! Endlich Schutz! Endlich Ankommen! Endlich heißt uns ein sicheres Land Willkommen! ENDLICH!!! Merkel hat den Menschen Hoffnung gemacht, sie haben sie gefeiert.

 

Wie kann die Regierung dieses Landes dieses Hin und Her verantworten, um „mal eine Verschnaufpause“ zu haben?!?!? EINE VERSCHNAUFPAUSE!!!! Was ist mit den Menschen, die seit Jahren – in anderen Ländern seit JAHRZEHNTEN – keine verdammte Verschnaufpause hatten, weil sie jeden Tag damit rechnen müssen, dass ihr Haus oder Kind weggebombt wird, unter anderem durch Waffen und Panzer, die Deutschland denen am Abzug verkauft hat?! Was bitte ist mit deren „Verschnaufpause“???

Reisen in oder aus Europa darf man also nur mit Visum. Und wie bekommt man ein Visum? Man muss vor allem nachweisen, dass man Geld hat. Dazu kommt, dass es fast unmöglich ist, in den Botschaften im Ausland Visa zu beantragen. In Damaskus gibt es schon lange keine Botschaften mehr und in der Türkei bekommt man offenbar keine Termine vor Sommer 2016. Die Flucht kostet wahnsinnig viel Geld, das wissen wir nun alle aus den Medien. Aber woher haben die Menschen das? Sie verkaufen alles, was sie haben. Die Familie sammelt vielleicht, wenn überhaupt noch Geld da ist. So war es im Fall von Alyan Kurdis Familie. Da haben viele Menschen gebürgt, damit sie ein Visum für Kanada bekommen. Es wurde ihnen versagt. Begründung? Keine. Willkür. Oder die Menschen arbeiten in Transitländern wie der Türkei und sparen, wo sie nur können. Sie teilen sich manchmal zu 10. ein kleines Zimmer und essen nur, wenn es wirklich sein muss. Und warum kann man nicht von einem anderen Land aus Antrag auf Asyl in einem EU-Land stellen? Man muss es persönlich tun, sich auf dem Boden des Landes befinden, in dem Asyl beantragt wird, seine Fingerabdrücke abgeben. (Ich war gestern auf dem Bürgeramt, um mir einen neuen Personalausweis zu besorgen. Die Dame fragte mich: „Wollen – WOLLEN! – Sie ihre Fingerabdrücke abgeben?“ Ich so: „Hmmmmnööö…“.) Fazit: Es gibt viele Regelungen, die es Menschen erschweren bzw. fast unmöglich machen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig sorgen wir Wohlstandsnationen mit Waffenexporten in Milliardenhöhe mit dafür, dass es in diesen Ländern nicht sicher ist, nicht sicher sein kann und in naher Zukunft auch nicht sicher werden wird. Deutschland wird 2015 etwa 10 Milliarden Euro in die Flüchtlingshilfe stecken… In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden Rüstungsexporte in Höhe von insgesamt 6,35 Milliarden Euro genehmigt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage van Akens hervorgeht. Der Wert ist damit bereits fast so hoch wie im gesamten Jahr 2014. (Quelle) Und dann behauptet die Regierung dieses Landes, dass sie sich die Flüchtlingshilfe nicht leisten können??? Soll das ein Witz sein??? Das ist ja fast ein System der Selbsterhaltung: Unruhen in einem Krisenland > Waffen aus dem Ausland (z.B. Deutschland) > Einnahmen aus Waffenhandel (für Deutschland) in Höhe von 6-12 Milliarden Euro > bewaffneter Krieg im Krisengebiet > Kriegs-Opfer bzw. Lebensbedrohung > zunehmende Flucht aus dem Krisengebiet in reiche, sichere Länder (z.B. durch Waffenexporte) > Ausgaben Flüchtlingshilfe > dafür brauchen wir Geld (zum Beispiel aus Waffenverkauf). Liefert keine Waffen und es gibt weniger Flüchtlinge. Punkt.

Offiziell liefert Deutschland zwar keine Waffen nach Syrien, aber in andere Gebiete im nahen Osten, die früher oder später auch in Syrien landen können. Aber Deutschland beliefert zum Beispiel den Irak. 86 Millionen haben wir (WIR!) allein 2014 an Waffenverkäufen an den Irak verdient. Nicht wenige der Asylbewerber kommen von dort und bitten in Deutschland um Asyl: 10.500 Menschen aus dem Irak haben allein 2015 Asylanträge in Deutschland gestellt. Und dann wird allen ernstes darüber diskutiert, ob aus dem Irak geflüchtete als schutzbedürftig eingestuft werden? In was für einer Welt leben wir eigentlich? Und ja, es werden wohl Waffen in den Irak geliefert, um den Kampf gegen den IS zu unterstützen. Nach Syrien werden aber keine geliefert, obwohl genau das dort auch ein Thema ist. Wie wird das denn begründet? Warum dann diese Ungleichbehandlung? Ach jaaa… In Syrien gibt es ja noch das Assad-Problem.

Genau. DAS Assad-Problem. Denn das ist, was ich früher oder später immer von Menschen aus Syrien höre:

 

Denn was das Assad-Regime dort anrichtet, ist zum Beispiel sowas:

ACHTUNG!!! TRIGGER-WARNUNG!!! DAS VIDEO ZEIGT UNZENSIERTES MATERIAL AUS SYRIEN NACH EINEM GIFTGAS-ANSCHLAG!!!

 

Ja, diese Bilder sind unerträglich. Aber ich kann – genau wie im Fall von Aylan Kurdi – nur denken: Die Menschen MÜSSEN das sehen. Wir MÜSSEN ENDLICH hinsehen, nachdem wir viel zu lange weggesehen haben. Müsst ihr nicht auch an Nazi-Deutschland denken? Habt ihr nicht auch diese Frage im Kopf, warum sich damals nicht mehr Menschen gegen Hitler, gegen sein Regime und vor allem gegen die Judenverfolgung, gegen die Konzentrationslager, gegen die Euthanasie gewehrt haben? Warum haben alle mitgemacht? Warum haben alle weggesehen als Millionen von Menschen erst ausgegrenzt wurden und dann nach und nach verschwanden, die Leichen sich zunehmend in Gruben stapelten und merkwürdiger Rauch aus Arbeitslagern aufstieg? Warum haben sie – verdammt nochmal – nicht hingesehen, was dort passiert??? Wir leben im Jahr 2015, im digitalen Zeitalter globaler Vernetzung. Für uns ist es noch schwerer, nicht hinzusehen. Für uns wird es noch schwerer sein zu rechtfertigen, warum wir weggesehen haben, obwohl wir alle Möglichkeiten hatten, hinzusehen. Ich wiederhole, was ich schon auf meiner Facebook-Seite in Bezug auf den Umgang mit dem Bild des toten dreijährigen Aylan Kurdi geschrieben habe:

Doch, man muss hinsehen. Ich kann es nicht, ohne zu weinen. Und beim Anblick des Kindes ist mir die ganze Wucht, das ganze Ausmaß und das drängende Problem bewusst geworden. Mir wird schlecht, mein Herz krampft und ich will unbedingt, dass sich das ändert! Wir leben in diesem Europa; wir lassen das – SOWAS – zu?! Ich will das nicht! Der Vater selbst sagt, die ganze Welt soll das sehen. Ich kann nicht verstehen, wie hier von Sensationsgeilheit oder von „Geschmacklosigkeit“ die Rede sein kann, warum das zum Thema wird, obwohl es doch um etwas ganz anderes gehen sollte! Warum reden wir darüber, ob man dieses Bild zeigen darf oder nicht, während jeden Tag tausende von Kindern sterben??? Von „Geschmack“ in dem Zusammenhang überhaupt zu reden, das ist geschmacklos! Niemand darf hiervor die Augen verschließen! Ein Kind ist ein Kind ist ein Mensch. (…) SCHAUT! NICHT! WEG! Denn DAS ist die Realität, gegen die wir nicht laut genug etwas unternehmen. Wir hier in Europa hängen da ALLE mit drin!

Und auch dieses so schmerzhaft passende Zitat von Rosa Luxemburg muss ich an dieser Stelle wiederholen:

Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln.

Aber wie kann man diesen Krieg in Syrien beenden? Wie soll das gehen? Die Welt hat bisher eine „Geht uns nichts an“ / „Was sollen wir denn machen?“-Haltung gehabt. Ich hatte die auch. Hubertus Koch ebenfalls… Aber das sind diese Hilferufe aus Syrien. Was sollen, was können wir tun?

Und wir? Wir kümmern uns um die, die es überhaupt nach alle den Strapazen bis hierher schaffen… Um die, die hier eigentlich gar nicht sein wollen. Um Menschen, die nie in die Situation kommen wollten, ihre Heimat verlassen zu müssen.

Ja, große Hilfsbereitschaft in Deutschland. Das ist gut. Die Fremdenfeinde sind nicht die Einzigen hier. Wir wollen helfen. Ich bin Teil von Blogger für Flüchtlinge. 115.000 Euro in 3 Wochen haben wir gesammelt, viele Projekte unterstützt. Die 2500 Euro-Geldsammlung für eine Großbestellung Unterwäsche, die ich organisiert habe, dauerte kaum 48 Stunden, eine weitere offene Sammlung für noch mehr Unterwäsche wird folgen. Als ich meine Sammlung geplant habe, gab es eine Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig für 450 Menschen. Inzwischen sind 2200 Plätze dazugekommen, deshalb sammle ich wieder bzw. weiter, um mehr Unterwäsche bestellen zu können. (Wer sich an der Unterwäsche-Großbestellung beteiligen möchte, kann das hier tun.) Ich sammle Geld für Unterwäsche… UNTERWÄSCHE! Einfach weil das der konkrete Bedarf hier vor Ort ist, der mir kommuniziert wurde und ich wenigstens irgendetwas tun wollte, was akut hilft. Ein Gefühl, dass wahrscheinlich viele haben, die versuchen den Geflüchteten in diesen Tagen irgendwie zu helfen. „Du kannst nicht die ganze Welt retten“ hat meine Mutter nach meinen letzten Blogartikeln gesagt. Ich weiß. Scheiße. Während ich diesen Text hier schreibe, sollte ich eigentlich an einer wissenschaftlichen Arbeit für die Uni arbeiten. Aber ich kann nicht. Ich kann mich einfach nicht darauf konzentrieren. In wenigen Tagen fahren wir in den Urlaub. Nach Kroatien. Über die österreichische Grenze. Ich bin so gar nicht in Urlaubsstimmung. 

#bloggerfuerflüchtlinge hat jetzt jedenfalls das Profil etwas geschärft: Die gespendeten Gelder sollen zukünftig vor allem an Projekte weitergeleitet werden, deren Hilfe im Bereich Kinder und Kommunikation angesiedelt ist. (Ha! Das war die Information, um die es eigentlich in diesem Beitrag gehen sollte…)

Das Helfen hier vor Ort ist gut und wichtig. Aber was ist mit den Ursachen? Es gibt verschiedene Teilgebiete auf dieser riesigen Großbaustelle: Da sind 1. die komplexen Situationen in den Krisenländern. Da sind 2. die Bedingungen, die die Flucht in sichere Länder erschweren und das Flüchten der eh schon mit der Welt fertigen Menschen zum lebensgefährlichen Wagnis machen, das nicht wenige mit ihrem Leben bezahlen.  Und da ist (erst) 3. die Art und Weise wie mit Schutzsuchenden umgehen, die es – trotz aller Hindernisse – tatsächlich bis hierher geschafft haben. Und dann gibt es Unmenschen – nicht wenige! -, die deren Unterkünfte abbrennen. Ich kann das überhaupt nicht fassen… Was muss das für die Menschen bedeuten, die glauben, hier nun endlich wenigstens in Sicherheit zu sein, vorm Feuer?

Denn wenn sie es nach Deutschland geschafft haben, was gut einen Monat oder länger dauern kann, geht die Odysee auch offiziell weiter. Zufluchtsuchende sind den deutschen Behörden ausgeliefert, ihre Würde und ihre Selbstbestimmungsrechte geben sie fast vollständig ab. Sie müssen sich registrieren und werden dann in eine Erstaufnahmeeinrichtung in irgendeinem Bundesland verteilt. Darauf haben sie keinen Einfluss. Dann dürften sie sich von dort für die Dauer der Bearbeitung ihres Antrags nicht wegbewegen (Residenzpflicht). Sie sollen jederzeit erreichbar sein. (Warum zur Hölle gibt es diese Residenzpflicht in Zeiten von Internet und Smartphones, die gerade Geflüchtete in aller Regel besitzen??) … Sie werden ausgestattet, sie werden versorgt. Es ist unklar, wann sie vorsprechen müssen, um ihre private Geschichte zu erzählen, über die dann geurteilt wird. Reicht die Scheiße, die ein Mensch erlebt hat aus, um ihn nicht in die Scheiße zurückzuschicken? In den Einrichtungen haben sie keine Privatsphäre, sie schlafen auf Liegen dicht an dicht oder in Zelten. Sie haben keine Beschäftigung. Das ist wohl eins der größten Probleme… Sie kriegen 140 Euro „Taschengeld“, soweit ich weiß. (Arrrgh, wie mich schon allein diese Begrifflichkeiten rund um das Thema aufregen Flüchtlinge, Taschengeld, … Meine Fresse! Das sind erwachsene Menschen, nicht selten haben sie studiert und in großen Städten wie Damaskus ein „ganz normales“ Leben geführt!) In anderen Ländern wie Ungarn oder Griechenland sind die Zustände in den Lagern noch um einiges schlimmer. Die Zustände dort sind menschenunwürdig.

 

Bei uns ist das vielleicht etwas weniger der Fall, aber es bleibt dennoch so. Bei vielen Asylsuchenden dauert die Bearbeitung der Anträge Jahre. In der Zeit sind die Menschen nicht mehr von Bomben bedroht, aber sie sind de facto auf Standby, was zu Bedrohungen ganz anderer Art führt. Depressionen. Wieder Konflikte. Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

Wir sind eins der reichsten Länder dieser Erde. Wir sind das Land, dass nach den USA und Russland am meisten Geld mit Rüsungsexporten verdient. Und wir sprechen gleichzeitig davon, dass wir den Menschen, deren Zustand wir zumindest mit-verursachen nicht besser helfen können.

Ich wollte eigentlich nur einen kurzes Update zur Blogger für Flüchtlinge-Initiative geben. Nun ist es doch wieder ein Sermon geworden, der kein Ende und keine Lösung hat, nur einen Haufen Schmerz, Wut und Fragen. Ich fühle mich gerade sehr hilflos und sehr ohnmächtig. Und ich habe wirklich eine verdammte Scheiß-Wut auf die Konservativen und Fremdenhasser in diesem Land und in diesem Europa.

Man soll sich ja trauen in Utopien zu denken: Vielleicht wäre eine Umsortierung der Welt entsprechend Gesinnungen eine Lösung. Alles noch einmal auf Start. Menschen, die in Vielfalt leben möchten, zusammen in ein grooooßes Land. Gruppierungen, die unter sich bleiben wollen, in jeweils eine anderes. Sollen sie doch die Grenzen zu machen und in ihrer je eigenen reinen Suppe kochen. Ich will hier nicht nur Weißbrote haben.

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Rousseau hatte Recht:

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.

… bzw. ist es genau dieses territoriale Besitzdenken meiner Meinung nach die Wurzel des Problems.

#bloggerfuerfluechtlinge (1)

Im letzten Beitrag habe ich zum Thema Zufluchtsuchende geschrieben, dass ich ständig dieses „da muss man doch mehr tun (können)“-Gefühl habe. Wenige Stunden später habe ich die Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ entdeckt. Bei der Kampagne geht es darum, dass sich Menschen zusammenschließen, um sich gemeinsam a) für Zufluchtsuchende und b) gegen Fremdenhass lautstark zu machen. Gute Aktion. Mitmachen kann übrigens jede/r, nicht nur Bloggende!

Innerhalb von 3 Tagen wurden fast 30.000 Euro 7 Tagen wurden 40.000 Euro gesammelt. Das ist wohl nicht schlecht… Mit den Spenden über die Betterplace-Kampagne werden bundesweit verschiedene regionale Flüchtlingshilfe-Projekte  unterstützt. In dieser Übersicht könnt ihr nachvollziehen, welche Projekte bisher Geld erhalten haben (Stand: 28.08.2015):

Spenden für Flüchtlinge in Berlin Moabit/ Bürgerinitiative „Moabit hilft!!“
Teachers on the road
BieBie One – Nähwerkstatt für Flüchtlinge
Making a difference for refugees in Munich
Kinderlachen kehrt zurück!
Kinder stärken! Hilfe für Flüchtlingskinder
Refugees Solidarity Mainz
Ein Zuhause für syrische Flüchtlinge 
Unterstützung junger Flüchtlinge in Aalen
Chancen statt Grenzen e.V. – Für Flüchtlinge & Hilfsbedürftige in Neumarkt
Miteinander reden können – Deutschkurse für Flüchtlinge
Flüchtlinge Willkommen
Sächsischer Flüchtlingsrat e.V.
Über den Tellerrand kochen I Für ein WIR aus Flüchtlingen und Einheimischen
Raum für Hilfe – Unterstützung für Flüchtlinge in Krefeld
Solidarität mit den Menschen in der Flüchtlingsunterkunft Wolfhagen
Schenke Kindheit! Spende Spielgeräte für Flüchtlingskinder!
Refugees welcome – Karoviertel Hamburg

Die Initiatoren der Kampagne sagen zur Verteilung der Spenden:

Wir sind in enger Abstimmung mit Betterplace, um die richtigen Projekte zur Flüchtlingshilfe zu identifizieren und zu unterstützen.

Björn von Betterplace.org hat mir erklärt, wie das mit dem Geld konkret abläuft:

Die eingehenden Gelder liegen „virtuell“ auf der Sammelseite bei betterplace.org. Die Initiatoren verteilen das Geld dann von dort an die einzelnen Projekte (konkret macht das Paul Huizing von lecker-essen.com). Wieviel Geld welches Projekt bekommt, kann man ganz unten auf der Sammelseite sehen. Das betterplace-Team unterstützt bei der Projektauswahl. Dabei wird insbesondere auf eine breite regionale Streuung geachtet sowie auf konkrete Umsetzungsprojekte.

Wenn in eurer Stadt konkret Hilfe gebraucht wird – in Leipzig braucht es aktuell z.B. Männer-Unterwäsche und Obst – können neue Projekte kostenlos auf betterplace.org angelegt werden.

Außerdem hat ein Hamburger EDEKA-Laden eine – wie ich finde – super Aktion gestartet:

SPENDEN für Flüchtlinge: Sie kaufen ein ganzes Paket an extra bereitgestellten Artikeln wie z.B. „Zahngel, Windeln, Duschgel, Shampoo, Deospray, Zahnbürsten, Damenbinden usw.“, zu unserem Einkaufspreis. An der Kasse können Sie die Artikel abgeben, und wir sorgen für den Transport zu den Flüchtlingsunterkünften am Volkspark und an den Messehallen. Helfen Sie mit!

Ich habe lokale Supermärkte kontaktiert und angefragt, ob solche Aktionen nicht auch hier möglich gemacht werden können. Das könntet ihr auch machen! Außerdem habe ich mich bei den Johannitern gemeldet, die die Hilfe in den Leipziger Notunterkünften organisieren und gefragt, was gerade dringend benötigt wird. Antwort: Unterwäsche und Obst. Also versuchen wir, eine Spendensammlung für Unterwäsche zu organisieren und ich habe Fruchtgroßhändler angeschrieben, um in Erfahrung zu bringen, inwiefern sie zum Spenden bereit wären.

Und total wichtig: Wie man „richtig“ spendet (und wie bitte nicht), das lest ihr hier: Die 4 Typen von Kleiderspendern und hier: Entsorgen Sie noch oder spenden Sie schon?, konkret auch noch einmal hier: Ihr wollt Kleider für die Flüchtlinge spenden? So geht’s! – durch die Artikel habe ich auf jeden Fall etwas dazu gelernt!

Wer etwas Zeit übrig hat, sollte seinen Hintern einfach zum Flüchtlingsrat seiner Stadt bzw. direkt zu den Unterkünften schieben und fragen, wo er wie helfen kann, wie es zum Beispiel Mareice von kaiserinnenreich getan hat. Hier hat sie über ihre Erfahrungen geschrieben: Was ich nicht weiß.

Werdet aktiv, Leute!