Der ganz normale Vormittagsthrill

(Heute ein älterer Text, den ich bereits in meinem anderen Blog veröffentlicht habe)

 

Ich schultere P. und trage sie hoch in unser provisorisches Schlafzimmer, das mal mein Zimmer und Refugium war. Unser „echtes“ Schlafzimmer hat sich im Winter Schimmel eingefangen, seitdem benutzen wir es nicht mehr. Wegen der Atemwege. Der des Kindes, versteht sich. Irgendwo hat irgendwer irgendwie mal geschrieben, dass das nicht gut sei… kleine Kinder und Schimmel und so. Klingt logisch, also leben wir seit zwei Monaten in einer überteuerten 2-Raum-Wohnung und ich habe de facto keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Geschenkt.

 

Es ist 9:15. Ich will, dass P. schläft. Sie soll einfach schlafen, schlafen, schlafen. Damit ich nach 3 Stunden Zwangswachheit endlich ankommen kann im Tag. Wenigstens Frühstücken. An eine Dusche, geschweige denn ein Bad (ha!) wage ich gar nicht zu denken. „Schlaaaaaaaaaf jetzt einfach, okay?!“ denke ich und gucke meiner Tochter tief in die Augen. Sie grinst mich hellwach an und quiekt. Schlechtes Zeichen. Als ich versuche sie in unser großes Bett zu legen – der Versuch eines Deals: Guck mal! Du darfst im tollen großen Bett schlafen! Na? Ist das nichts? Das findest du doch toll, oder? Ist das nicht ganz toll??? – bekommt sie einen Tobsuchtsanfall.

 

Ich nehme sie wieder hoch. Sie lacht. Kacke. „Letztes Register“ denke ich und packe die Brust aus. Klappt. Ha! Der zieht doch immer… Mit Erziehung oder Konsequenz hat das zwar nicht viel zu tun („Die Kleine muss aber auch alleine in den Schlaf finden“), aber wtf. Kaum angedockt, fallen die Augen langsam zu. Jackpot. Mein Blick wandert zur Uhr. 9:28. Ich starre mein schläfriges Kind an. „schlafschlafschlafschlaaaaaf“. Sie hört auf zu saugen. Ich halte die Luft an. Langsam, gaaaanz langsam versuche ich mich aus der Bettdecke zu schälen, unter der ich (verdammt!) mit ihr zusammen liege. G-a-n-z langsam. Jetzt bloß k-e-i-n Geräusch erze-u-g-e-n… Jaaa, jaaa – KNACK!

 

Scheißdreckiges Mistvieh von Bett! P. reißt die Augen auf und fängt an zu plärren. Maaaaann! Wieder hingelegt, Kind sorgsam in die Decke gerollt und mich DAVOR. Brust raus. Kind ran. Augen zu. Großartig. Noch mal fünf Minuten. Ich stöhne und gucke angespannt auf die Uhr. 9:35. Mir kamen die letzten vier Minuten vor wie 20. Dieses Gefesseltsein. Ich will jetzt weg hier. Mich nur mal kurz frei bewegen, durchatmen, keine doofen „Guckguck-daaaaa“-Spiele spielen. P. hört auf zu saugen. Neuer Versuch. Ich bewege mich langsam aus dem Bett raus und schaffe es fast geräuschlos. Kind atmet weitherhin gleichmäßig. Ich atme so lautlos wie möglich erleichtert aus. Auf Zehenspitzen mache ich mich auf den Weg zur Tür. Gleich geschafft. In Gedanken bin ich bei der nächsten Stunde Freizeit: Brötchen, Obstsalat, Tee, Nachrichten… KNARZ!!

 

Fuckfuckfuckfuckfuck, Neiiiiiiiiiin! Wer zur Hölle hat eigentlich behauptet, dass alte Dielen eine super Sache sind??? Ich gucke mit schreckverrzertem Gesicht zum Bett. P. regt sich kurz, streckt sich und entspannt sich wieder. Puh! Ich… „UÄÄÄÄÄH!!!“ Ooooooooch Nööööö!! Ich fühle mich nach heulen und Scheiß drauf. 9:42. Zurück ins Bett. Andere Brust. Da ist noch mehr morphiumähnliches Milchzeugs drin. 5 Minuten. Augen zu. Gleichmäßiges Atmen. Kurzer Check (mit der Hand wild vor dem Gesicht des Kindes rumwedeln) und next Try to escape the room. ((Merke: Keine schlechte Idee für eine Version des gleichnamigen Spiels: „Try to escape the room without störing the Baby!“ Notiert.)) Ich fühle mich halbwegs sicher. Langsam schleiche ich aus dem Bett, außer Reichweite des Bettes und in Richtung Tür. Nur noch 3 Treppenstufen trennen mich vom unteren = sicheren Teil der Wohnung. Das potenzielle Knarren der Treppen ist eine dieser Fallen, die ich mittlerweile geschickt zu umgehen weiß.

 

Unten angekommen kann ich mich endlich wieder normal bewegen. Ich beschleunige meine Schritte. Jetzt aber Hardcore-Entspannung im Schnelldurchlauf! BrötchenBrötchenBrötchen! TeeTeeTee! ApfelApfelApfel! Jaaaa!!! Ich befinde mich auf dem besten Weg zur Menschwerdung, als urplötzlich ein ohrenbetäubendes Geräusch in mein Hirn böllert. Es kommt von vor der Haustür. Scheiße, nein!!! Die ruppen die Straße auf! Wahrscheinlich Arbeiten an irgendwelchen verkackten Leitungen oder sonstwas wichtiges.

 

Aber…

 

…DAS FENSTER oben ist doch…

 

„QUÄÄÄÄÄÄÄÄÄK!!!“

 

9:59. Ich beschließe das Frühstück mit dem Mittag zusammenzulegen und schlurfe langsam die Treppe hoch in Richtung meines ehemaligen Arbeitszimmers…

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