GEBURTSBERICHT (2)

10:00 kommen die Wehen langsam stärker, sie sind jetzt sehr viel schmerzhafter als Regelschmerzen.

10:30 – Ich habe hunger, kann aber so gar nichts essen.

11:00 sagt uns eine Hebamme, dass wir spazieren gehen sollen. Die wirken so genervt irgendwie. Ich bin ungeduldig.

11:30 kommen die Wehen in 5 Minuten-Abständen. Ich muss anfangen, zu veratmen.

12:30 kommen meine Eltern, um mir beizustehen. (Sie haben übrigens dann die ganze Zeit gewartet. 12 Stunden lang! Danke dafür :-*)

13:00 bin ich mir sehr sicher, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann. Die Wehen werden stark und anstrengend.

14:00 werde ich wieder ans CTG angeschlossen und bekomme wehenfördernde Mittel.

15:00 gehen wir in die Wanne. Die Wehen werden stärker. Aber es ist angenehm. K. ist bei mir, die ganze Zeit.

16:00 fange ich an, laut zu stöhnen-atmen-schreien. Wir sind nach wie vor in der Wanne.

17:00 muss K. mir aller 3 Minuten einen kalten Waschlappen aufs Gesicht legen.

17:30 Höllenqualen! Aber absolute Gewissheit meinerseits, dass es nach der Wanne dann losgehen muss. Mehr Schmerzen gehen nicht, denke ich.

18:00 untersucht mich die Hebamme und sagt: „Ja Frau J., ihr Muttermund ist jetzt 3 cm geöffnet.“

18:03 sterbe ich. Noch 7 cm. Wie soll das gehen?

18:10 noch mehr wehenfördernde Mittel, Muttermundweichmacher und Schmerzmittel.

18:30 Hölle auf dem Krankenhausbett. Ich denke, dass sich so in etwa ein Heroin-Entzug anfühlen muss.

18:40 Kotzen vor Schmerz.

19:00 bin ich nicht mehr aufnahmefähig.

19:05 schwarz vor Augen. Ich will, dass es aufhört. Ich kann nicht mehr.

19:10 untersucht mich die Hebamme  „Gut, der Muttermund ist jetzt 8 cm offen“.

19:20 „Frau J., Wir gehen jetzt in den Kreißsaal!“

19:30 schaffe ich es nicht vom Bett in den Kreißsaal.

19:45 Kreißsaal. Ich zittere.

19:50 verlange ich eine PDA, weil ich sonst ohnmächtig werden würde.

20:00 kommt der Anästhesist und labert mich voll.

20:05 soll ich irgendwas unterschreiben.

20:08 wird an mir rumgefummelt und Zeug auf meinen Rücken geklebt.

20:10 sterbe ich zum 5. Mal. Ich will nicht mehr!!!

20:12 beschwöre ich mein Kind, damit aufzuhören.

20:13 nehme ich das zurück und sage ihr, dass sie weitermachen soll.

20:15 sagt der Anästhesist vergnügt: „Die Betäubung wirkt dann in etwa 20 Minuten“.

20:16 bringe ich den Anästhesisten gedanklich auf sehr qualvolle Weise um.

20:30 wirkt die PDA. Erlösung.

20:40 habe ich endlich eine Pause und kann wieder atmen und sogar ein bisschen reden.

20:50 verspüre ich regelmäßig einen kleinen Druck.

21:30 lässt die Wirkung der PDA wieder nach.

21:40 riecht es noch immer überall nach Curry…

21:50 hört die PDA hört auf zu Wirken und die Wehen werden wieder stärker.

22:00 setzen die PRESSWEHEN ein.

22:10 bitte ich die Hebamme, nicht immer wegzugehen, weil ich dann weiß, dass es noch lange dauern muss.

22:30 soll ich mehrfach die Position ändern.

22:35 – „Frau J., Da muss was ganz großes durch was ganz kleines durch, das dauert nun einmal…“

22:45 kann ich meinen Nachnamen nicht mehr hören „Frau J., Frau J., Frau J.“

22:50 STURMWEHEN

wehen

23:00 sollte ich pinkeln gehen – Trick von der Hebamme, weil ich immer zu sehr auf den Kopf – also auf meinen – gepresst habe und nicht nach unten.

23:05 soll K. mir den kleinen Zeh massieren – das soll irgendwie anregend wirken.

23:06 – „Frau J., ich sehe bereits die Haare ihres Kindes. Sie hat eine Beule auf dem Kopf, das ist aber nichts schlimmes und geht wieder weg“

23:07 – „Frau J., ihr Kind liegt bereits sehr lange im Becken… Sie liegt quer, deshalb dauert das so lange….“

23:08 – „Sie veratmen jetzt noch 3 Wehen und dann holen wir ihr Kind!“

23:10 guckt die Hebamme plötzlich sehr ernst.

23:12 werde ich schnell auf die Kreißsaal-Liege befördert und mir wird erklärt, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss, weil P. keine Luft mehr bekommt und die Herztöne gerade schlechter werden.

23:13 kommen eilig zwei weitere Hebammen rein, eine von ihnen stellt sich neben mich, begrüßt mich und wartet kurz…

… auf die nächste Wehe (23:14) und wirft sich dann mit voller Wucht auf meinen Oberkörper, kurz unter meine Rippen und schiebt P. mit der Wehe mit heraus. Es fühlt sich irre an, dieser letzte Moment, indem dein Baby deinen Körper verlässt. So ein „Schwwwuuupp…“ – man merkt das richtig…

23:15 sitzt P. ganz klein und zusammengesunken und grau-lila und verquollen mit einer großen Beule auf dem Kopf bei der Hebamme auf der Hand…

… und gibt kaum einen Laut von sich (23:16)

23:17 sterbe ich ein letztes Mal an diesem Tag, weil ich denke, dass sie es eventuell nicht schafft… Niemand spricht mit mir, die Hebamme starrt mein Baby an. Sie macht natürlich den Apgar-Test, woran ich in dem Moment nicht denke.

23:20 schreit P.! Endlich! „Höö.. Höö… Uäääääh!!!!“

23:21 denke ich: „Es ist vorbei. Ich muss nicht mehr gebären. Keine Wehen mehr. Ich bin nicht mehr schwanger. Es ist vorbei.“

23:22 – „Sie hat keine Augenbrauen. Warum hat sie keine Augenbrauen?“

23:23 – „Ich bin schon überwältigt. Müsste ich jetzt nicht eigentlich heulen?“ – K. schneidet die Nabelschnur durch. Zum ersten Mal bekomme ich P. zu mir. Wow, wie schwer sie sich anfühlt. Etwas so kleines Lebendiges… Ich kann nicht beschreiben, wie sich das anfühlt… Wahnsinn, irre, neu, schön, …

djaljdl

23:25 wiegt und vermisst die Hebamme P., macht ein Foto, Fußabdrücke auf die Karte und säubert sie ein wenig. Dann muss die Nachgeburt noch raus und mein kleiner Scheidenriss wird verarztet.

23:30 bekomme ich mein Baby, in ein gelbes Handtuch gewickelt, auf die Brust gelegt.

Die Hebammen verlassen den Raum. K. sagt: „Ich… muss jetzt mal kurz… raus.“ und meine Eltern kommen in den Kreißsaal. Meine Mama sieht das Bündel in meinem Arm… „Och Gott…“ Kurze Zeit später lege ich P. zum ersten Mal an und wundere mich, wie sehr das ziept. Wir verbringen etwa eine 3/4 Stunde im Kreißsaal, K. kommt nach 15 Minuten zurück. Ich frage ihn, ob er seine Tochter denn nun auch mal auf den Arm nehmen möchte… „Ach… Du machst das doch gerade ganz gut…“ Und dann nimmt er sie doch, sichtlich überwältigt.

Wir fragen nach einem Familienzimmer. Die Hebamme meint, dass leider keins frei ist. Darüber bin ich echt sehr, sehr traurig. Ich will nicht, dass K. geht. Ich bin so stolz auf ihn und so glücklich, dass ich ihn habe. Das hier, das hat uns zusammengeschweißt. Das merke ich schon in diesem Moment. Es gibt niemanden, der mir in diesem Moment mehr bedeutet. Er, ich, wir.

Ich stehe vom Kreißsaalbett auf, sehe mich im Spiegel des Badezimmers an. Meine Güte, sehe ich fertig aus! Ganz rote Augen, weil tausend kleine Adern darin aufgeplatzt sind. Aufgeplatzte Adern auch überall im Gesicht. Der Mund eingerissen und trocken, die Haare strähnig-nass. Ich wasche mir das Gesicht, ziehe mir ein frisches Shirt an, gewinne langsam wieder an Fassung, orientiere mich. Wo ist meine Tasche? K. hat schon alles organisiert. Ich merke, wie fertig ich bin. Ich war noch nie so erschöpft! Aber ich bin ganz ruhig. Und selbstsicher. Zum ersten Mal seit langem habe ich Vertrauen, Vertrauen in mich selbst. Weil ich gerade etwas geschafft habe, was ich nie zu schaffen geglaubt hätte. Ich – mein Körper – kann viel, viel mehr aushalten als ich jemals angenommen hatte. Das macht stark.

Uns wird etwa später gesagt, dass das Familienzimmer doch frei ist und für uns vorbereitet wird. Ich bin so glücklich darüber! K. fährt mich in einem Rollstuhl (und P. im Arm) in unser gemeinsames Zimmer. Ein Doppelbett, eigenes Bad. Mehr Hotel als Krankenhaus. Ich bin glücklich. Eine sehr liebe Hebamme kommt zu uns, zeigt uns, wie wir P. wickeln und anziehen, worauf wir achten sollen, wo Windeln und Sachen sind. Sie bekommt eine weiß-grüne Wickeljacke an und einen gepunkteten Strampler. Wir wickeln sie und legen sie in die Mitte unseres Bettes – sie sieht so winzig darin aus. P. und ich schlafen sofort ein. Wir werden bis morgens um 10 schlafen. Und man lässt uns.

Nachts gegen 05:00 wache ich auf, um aufs Klo zu gehen. Als ich zurückkomme, sehe ich K. und unser Baby dort im Bett liegen. Ich bin überwältigt, bekomme Gänsehaut überall. Draußen wieder Dämmerung. Wow. Wir sind jetzt Eltern…

5 Kommentare zu “GEBURTSBERICHT (2)

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