Hirnsuppe Deluxe: Me vs. Myself

So. Ich habe mich jetzt durchgerungen hier ein Stück Hirnsuppe und Selbstbreitlatschung par excellence zu veröffentlichen, die ich vielleicht noch bereuen werde… weil es wirklich sehr, sehr tief geht. Aber: Die Aussicht, dass es hier eventuell Leser/innen gibt, die auch so fühlen und denken und die vielleicht doch den ein oder anderen Tipp haben, wie man mit derlei KopfKack umgeht, ist es mir wert.

ACHTUNG! Das, was jetzt kommt ist s-e-h-r lang, sehr verkopft und es kommt sehr oft das Wort „ich“ drin vor… Aber es ist, wie es aussieht… In meinem Kopf und dient keinem „Guckt mal, wie toll ich bin“ oder „Seht alle her, was ich kann“, sondern eher einem: „Auf einer Skala von 1 bis 10: für wie bescheuert haltet ihr mich?“ oder am allerehesten: „KANN MIR BITTE IRGENDJEMAND HELFEN???“

(Um ehrlich zu sein, bin ich gespannt, ob sich tatsächlich überhaupt irgendwer durch diese quasi „Bleiwüste“ kämpft. Falls ja wäre ich dankbar für ein Zeichen…)

Also dann wollen wir mal:

Ich habe einen Optimierungszwang!

Ich setze mich selbst unter Druck. Ich versuche jede Situation, meine Lebensumstände, sogar meine Gedanken, meine Gefühle – mich selbst – permanent zu optimieren.

Ich reflektiere meine Gedanken, Empfindungen und Gefühle ständig und bekomme oft trotzdem nicht mit, dass ich mich wieder in meiner persönlichen Optimierungs“falle“ befinde. Ich reflektiere MICH und MEIN LEBEN viel viel viel zu viel. Es gibt Leute , die sagen (und die haben Recht), dass das auch und vor allem am fehlenden Hirnfutter liegt und ich meine intellektuellen Denkressourcen sinnloserweise gegen mich selbst aufwende.

((Ich denke wirklich, dass das besser werden könnte, wenn ich mich wieder mit wissenschaftlichen Studieninhalten beschäftigen kann. Da kann ich mich wunderbar reinsteigern und ausarbeiten und machen und tun und das sogar befriedigend finden. Bis dahin (im Herbst) habe ich diese Probleme also voraussichtlich weiterhin. Oder bin ich jetzt einfach so?? Für immer???? Dann muss ich demnächst irgendwo runterspringen. Glaub ich.))

In meinem Kopf befinden sich also ständig Sachen wie:

„Warum kann ich nicht ausdauernder mit meinem Kind spielen?“

„Warum schafft mich das „bisschen“ Arbeiten vormittags und die Bespaßung meines Kindes am Nachmittag so sehr? Warum bin ich nicht leistungsfähiger?!“

„Warum denke ich so viel über mich nach???“

„Warum bin ich ständig so angespannt??“

DAS MUSS ICH ALLES UNBEDINGT UND SCHNELL ÄNDERN!

Gedanklich versuche ich jede kleinste Situation – vom Lesen über’s Einkaufen bis zum Kochen und Arbeiten – zu optimieren und kann dabei nur verlieren. Ich scheitere immer und immer wieder an meinem eigenen Perfektionismus.

Ich gehe Situationen ständig im Kopf durch. Ich versuche den wirklich und definitiv optimalen Weg zu finden und spiele es immer wieder durch. Ich will (anscheinend) unbedingt die bestmögliche Ausnutzung meiner Zeit und Wege erreichen.

DABEI IST DAS OPTIMALE ABER ÜBERHAUPT NICHT DEFINIERT!

Insofern kann ich es auch nicht erreichen und habe auch nie Erfolgserlebnisse. Ich kann nur verlieren. Und dadurch fühle ich mich schlecht, unzureichend, ungenügend… scheiße.

Viele haben das Problem, dass sie das Gefühl haben „nur noch zu funktionieren“. Ich habe das Problem, dass ich das Gefühl habe, nicht zu funktionieren. . .

Denn: Immer wenn ich beispielsweise:

  • einem Auftraggeber erkläre, dass ich den Auftrag nicht in der abgemachten Frist abliefere
  • P. nicht total enthusiastisch bespaße
  • mich um 15 Uhr fühle als wäre ich bereits 3 Marathons gelaufen
  • einfach den Drang habe mich aufs Sofa zu legen und apathisch an die Wand zu starren
  • Den Tag in der Wohnung bleibe, anstatt rauszugehen
  • mal wieder nicht genug Wasser trinke
  • zu viele Süßigkeiten esse
  • mich nicht aufs Lesen konzentrieren kann
  • wieder keine Lösung für den Nahost-Konflikt, die Umweltverschmutzung und den Welthunger gefunden hab

widerspricht das meinem Perfektionismus.

Ich sage die Dinge dann vielleicht ab, wenn ich das Gefühl habe sie nicht schaffen. Es kommt auch immer öfter vor, dass ich gar nicht erst versuche Dinge fristgerecht oder „zufriedenstellend“ zu erledigen oder Verabredungen warzunehmen, weil ich mit einer negativen Erwartungshaltung rangehe: „Das schaffe ich doch eh nicht, ich bin halt ein Loser“. Dadurch bin ich demotiviert, sage ab und fühle mich schlecht. (In Wahrheit ist auch das schon wieder Quark: So oft sage ich keine Aufträge ab, meistens schaffe ich mein Pensum sehr wohl! Verabredungen hingegen sage ich schon oft ab…)

Ich sage mir das („Ich schaff’s eh nicht“) nicht bewusst und ich versuche auch irgendwie gedanklich dagegen zu steuern („Es ist okay, dass du jetzt fertig bist“ / „Es ist okay, dass du das abgesagt hast“ / „Es ist nicht schlimm, wenn man einen Tag lang nicht rausgeht“), aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen rsp. ein schlechtes Gefühl dabei. Ich komme mir mies vor. Ich habe das Gefühl, ich müsste mehr machen, meine Zeit besser nutzen. Ich denke, dass es kann nicht sein kann, dass ich schon „total kaputt“ von so „minimalen Standard-Sachen“ bin, wo es doch so viel mehr gäbe, was ich tun sollte / müsste / könnte… Ich könnte / müsste / sollte mehr wissen, mich mehr bilden, mich mit wichtigen Sachen beschäftigen, meine Ernährung unter Kontrolle haben, politisch korrekt konsumieren, mehr Sport machen, mehr rausgehen, mehr und besser auf P. eingehen, besser aussehen und alles das wäre sogar möglich, aber: ICH schaffe es nicht, weil ICH ein Loser bin! Und es gibt keine gültige Ausrede dafür. Punkt.

Wenn ich dann doch das Gefühl habe, dass ich halbwegs ausreichend „geschafft“ habe, dann fühle ich mich gut und ich bin auch für einen kurzen Moment lang sowas wie „stolz“ auf mich. (Zum Beispiel wenn ich viele Punkte einer ToDo-Liste in wenigen Stunden abarbeite oder eine gute Note bekomme.)

Allerdings bekomme ich als Alleinarbeitende oft wenig Feedback, was ich (ganz offensichtlich und ätzenderweise) dringend brauche.

Das Problem ist, dass ich nie das Gefühl habe, dass jemand mal endgültig zufrieden mit mir ist.

Weder ich selbst bin es, noch habe ich das Gefühl, dass es jemand anderes ist. Wenn ich einen Auftrag / eine Sache / eine Situation gemeistert habe, kommt zum Beispiel meistens direkt das nächste… „Ja, toll gemacht, kannst du jetzt bitte das noch machen?“

Nach der Geburt meiner Tochter hielt das „Ich habe etwas Gutes geschafft und ich bin stolz drauf“-Gefühl zum ersten Mal seit ewiger Zeit – vielleicht sogar das erste Mal überhaupt – für längere Zeit an. Da brauchte ich keinen Beweis. Da habe ich gesehen: DAS habe ICH geschafft, es war schmerzhaft und langwierig, ich habe gekämpft, alles gegeben und bin über meine Grenzen hinausgegangen. Und das Ergebnis ist wunderbar und atemberaubend. Daran besteht kein Zweifel. Der Zuspruch von anderen tat mir in dem Moment gut, aber er war mir tatsächlich auch relativ egal. Denn von der Sache musste mich niemand überzeugen. P. habe ich gut gemacht. Ich hatte die Schwangerschaft und eine schmerzhafte Geburt überstanden. In dem Moment war eine Sache „abgeschlossen“ (obwohl sie natürlich gerade erst anfing). Ich habe mich wahnsinnig wohl, stark und zufrieden gefühlt.

Genau das ist das Problem im Alltag: Es ist nie etwas endgültig abgeschlossen. Man ist wie in einem verdammten Laufrad und hangelt sich von einer schlechten Phase zur nächsten und fragt sich wo die Gute bleibt. Ich kann meinen Alltag im Großen und Ganzen oft nicht genießen. Und das kotzt mich an.

Ich habe ständige das innere Gefühl, dass es noch besser geht. Dass ich mehr machen müsste. Dass ich faul und nicht leistungsfähig bin. Dass ich eine Lusche bin, weil ich diese „Kleinigkeiten“, die mein Leben sind, nicht stark auf die Reihe bekomme, sondern ständig alles als anstrengend empfinde und rumjammere. Weil ich es zwar durchziehe, aber dabei doch irgendwie „versage“.

Der springende Punkt ist aber, dass ich meinen Alltag vermutlich genau deshalb anstrengend finde, weil ich ständig alles optimieren möchte… Das zerrt logischerweise an den Nerven, weil:

MAN KANN EINFACH NICHT ALLES RICHTIG MACHEN ! ! !

Ich denke mir ständig alles schlecht:

  •  Beim Lesen, denke ich, dass ich zu langsam lese, generell viel zu wenig gelesen habe bisher und auch im Alltag zu wenig lese, dass ich viele Klassiker nicht kenne und doch so gern „alles“ wissen wollen würde… Und dass es sicher viel interessantere, wichtigere, lesenswertere, allgemeinbildendere Bücher gibt, die ich anstelle des Buches, was ich lese, lesen sollte… Wobei ich ja eh zu wenig lese… usw.
  •  Beim Weg durch die Stadt habe ich einen Zettel und ich gehe im Kopf ständig wieder die Wege ab… „Ich brauche dies das und jenes“, das bekomme ich da und da, ich gehe erst dahin, dann dorthin, dann dahin – und wieder von vorne. Bis ich total gestresst bin.
  • Auf dem Weg zu einer „Prüfung“ (Das fängt bei ganz normalen Kennenlerngesprächen für die Arbeit oder sogar Treffen mit Freunden, die mich eventuell „fordern“ an und hört bei Führerscheinprüfungen und Klausuren auf), versuche ich mir auszumalen, wie die Situation sein wird. Welche Fragen, wie die Person auf mich reagieren wird, ob ich alles wissen / gut reagieren werde… Wie ich abschneide oder rüberkomme.

ICH WILL MENSCHEN (anscheinend) UNBEDINGT VON MIR ÜBERZEUGEN.

Das macht mich ganz wahnsinnig! Denn eigentlich will ich das NICHT, vom Verstand her. Ich finde das total bescheuert! Aber mein „Sein“ will es… anscheinend. Ich versuche mich auf die Situation mit Menschen einzustellen, überlege mir, wie die wohl drauf sind, was sie von mir verlangen und wie ich „sein“ sollte, damit ich gut rüberkomme. Meistens stelle ich dann fest, (das passiert alles mehr oder weniger unbewusst), dass ich mich nicht auf die Situation einstellen KANN. Dass ich nicht weiß, was mich erwartet, wie die Person sein wird, was sie „von mir will“ und erwartet. , dass ich selbst von mir nicht überzeugt bin und Komplexe habe. ICH HASSE DIESE SITUATION!

Ich hasse es, wenn ich mich nicht auf eine Situation einstellen kann. Wenn ich nicht weiß, was mich erwartet und was von mir erwartet wird. Ich hasse es. Ich hasse es. Ich hasse es. Ich hasse Prüfungen aller Art. Der Stress und der Druck, den ich vorher spüre, ist fast unerträglich. Aber der PUSH, den ich danach empfinde, wenn ich die Situation „überstanden“ und womöglich noch gut gemeistert habe, ist es mir wert.

ICH WILL (anscheinend) HERAUSRAGEND SEIN.

Auch das macht mich noch blöde. Denn auch das WILL ich nicht. Weil ich einfach diesen DRUCK nicht will und weil ich auch das vom Prinzip her total behämmert finde. Aber es passiert mir einfach.

Ich merke auch immer wieder, dass es mich traurig macht, dass ich irgendwie keine wirklichwirklich guten „dicken“ Freunde habe. Leute, die mich akzeptieren wie ich bin und die mich vielleicht auch ein bisschen toll finden und so… Ich habe sehr anspruchsvolle und „eigene“ Leute um mich, die nicht mit Lob um sich werfen. Ich liebe diese Leute, ich habe sie mir „ausgesucht“ und ich will keine Ja-Sager und ach…

IRGENDWIE BEDINGT SICH DAS DOCH AUCH ALLES GEGENSEITIG.

Das absolut nervtötende daran ist, dass ich dieses Leistungsdenken und Anerkennungs-Profilierungs-Gemoschel tatsächlich selbst total zum Kotzen finde. Wenn ich lese, dass andere so denken, würde ich mich im ersten Moment wahrscheinlich eher nicht damit identifizieren und das blöd finden. Leistungsdenken sucks! Mir ist das alles im Kopf irgendwie klar, aber ich kann es nicht umsetzen. Und auch da bin ich schon wieder mittendrin in der Selbst-Optimierung.

Ich MUSS anders sein! Ich MUSS selbstbestimmter und zufriedener sein! Ich MUSS mein Leistungsdenken ablegen! Ich MUSS auf Anerkennung durch andere scheißen! Ich MUSS mir selbst genügen! Aber ich KANN es nicht! Ich schaffe es einfach nicht… Ich komme immer wieder darauf zurück. Ich mache mich immer wieder heiß, wegen diesen Dingen… weil ich überzeugen will.

Ich schaffe es nicht, mich davon zu lösen.

Also bin ich ein Loser! 

Womit wir wieder beim Anfang wären.

All diese Gedanken und Spiralen kann ich mittlerweile nicht mehr steuern. Ich grüble und reflektiere und wäge ab und schreibe auf und denke, denke, denke. Mittlerweile komme ich tatsächlich nur noch runter, wenn ich in die Glotze gucke… Das schafft mich einfach. Es macht mich krank und müde.

(Danke, falls das tatsächlich jemand bis hierher gelesen haben sollte!)

17 Kommentare zu “Hirnsuppe Deluxe: Me vs. Myself

  1. du bist wundervoll!

    ja immer noch!

    und auch jetzt noch

    und ich kenn das. was mit geholfen hat:
    – meinen freundInnen sagen dass ich sie toll finde. jedesmal wenn ich das gerade so finde (dazu gehört auch nett, sexy, schlau, herzlich, lustig usw.) . weil das geht allen so wie uns. manchen fällt es leichter damit umzugehen als uns. und fast niemand traut sich anderen zu sagen wenn er/sie gerade umwerfend ist. weil ist ja irgendwie komisch. aber bald finden es fast alle ganz normal.

    – auf die todoliste eine ecke reservieren mit den schönen und guten dingen des lebens. und auch machen.

    – hast du mal was von transaktionsanalyse gehört? da gibts die idee von antreibern also botschaften die uns als kindern mitgegeben wurden. mein stärkster ist „sei perfekt“ gepaart mit „schaffs nicht“ kann das ganz schön anstrengend werden. und vom „skript“ das wir als kinder von unseren leben schreiben, und in dem häufig sachen stehen die wir objektiv für total bescheuert halten würden. (mein liebstes beispiel. ich reiß mir den arsch auf und fahre kilometer weit um an einer versanstaltung teilzunehmen nur um dann krank zu werden, passiert mit öfter, ist kein zufall, passt ins skript) beruhigend ist, dass mensch das alles umschreiben kann.

    – wir alle pfuschen und verschlampen termine und fristen. ich kenne mittlerweile ein paar auch große konzerne von innen und leute die das sind, was mensch im allgemeinen als performer oder auch erfolgreich bezeichnen würde. und alle wirklich alle haben dass gefühl, dass sie noch nicht genug tun das sie eigentlich den ganzen tag nur improvisieren und haben angst dass ihr gegenüber merken könnte, das sie gefühlt keine ahnung haben, was sie da tun.

    • :-*

      „und alle wirklich alle haben dass gefühl, dass sie noch nicht genug tun das sie eigentlich den ganzen tag nur improvisieren und haben angst dass ihr gegenüber merken könnte, das sie gefühlt keine ahnung haben, was sie da tun.“ genau DESHALB war es eine gute Idee das doch breitzulatschen ;) Genau DAS denke ich nämlich auch ;)

      Transaktionsanalyse… Kenne ich nicht unter dem Begriff. Ich habe aber schon viel darüber nachgedacht, was einem so als Kind auf den Weg mitgegeben wurde… Und die Botschaft, die ich jedenfalls NICHT mitbekommen habe ist: „du bist erstmal und ganz prinzipiell (ohne irgendwas besonderes zu tun) in Ordnung und liebenswert“ und das ist sicher eins der größten Auslöser für diesen Mistscheiß.

      Ich danke dir für’s lesen und für’s Senfen!

      • die TA ist in der Psychotherapie mittlerweile ganz angesagt. tatsächlich gehts dabei auch und vor allem darum wie wir miteinander kommunizieren. sehr sympathisch wie ich finde. und es ist nicht so Problem fixiert. schön auch die Idee der Spiele, also Kommunikationshandlungen zwischen Personen die nur das Ziel haben, dass sich alle am Ende schlecht fühlen. falls es dich interessiert der Klassiker der TA: Ian Stewart und Vann Joinnes: „Die Transaktionsanalyse, Eine Einführung.“ erschienen bei Herder Spektrum, das steht auch in den meisten Bibliotheken. ein wichtiges Ziel ist übrigens sich selbst liebenswert und wertvoll zu finden. eine Übersicht über die wichtigsten Inhalte habe ich gerade da: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Transaktionsanalyse.shtml gefunden…
        ach und du bist immer noch wundervoll!

  2. Hallo, das kommt mir doch sehr bekannt vor… bei mir glaube ich, meine Schulzeit als Auslöser ausgemacht zu haben. Aufgewachsen in der DDR, alles immer richtig machen sollend und dann auch wollend, irgendwie bei jedem ein positives Bild hinterlassen wollend, setze ich mich auch ständig unter Druck. Was mir hilft? Die Meta-Sicht. Die meisten Menschen haben kein realistisches Bild von mir – wie auch, wo doch die meisten Begegnungen kurz und ohne Tiefe sind. Die, die mir nahe sind und denen ich mich öffne, bemerken trotz Optimierungszwang meine Schwächen. Will ich also mich von der einen zur nächsten überdurchschnittlichen Leistung hetzen lassen für alltägliche Kurzkontakte?
    Und zweitens hilft mir die Metasicht Nr. 2: Was passiert eigentlich, wenn ich meine Bemühungen auf ein normales Maß reduziere? Merkt das überhaupt jemand? Ist es echt so schlimm, gelegentlich durch- oder unterdurchschnittlich zu sein? Meine alten Lehrer wären die einzigen, die da empört wären. Also versuche ich bewusst, aus dem Hamsterrad auszusteigen.
    Mittlerweile bin ich stolz auf meine faulen Momente. Sie sind so herrlich selbstbestimmt. Da habe ich endlich echte Kontrolle über mein Leben.

    • Danke für deinen Kommentar :)

      Deine Wege klingen sinnvoll.

      Ich müsste (darauf hat mich eine Freundin heute gebracht), glaube ich, vor allem erstmal anerkennen, dass die Bewältigung meines Alltags so, wie er jetzt ist, schon eine Leistung ist. Ich weiß gar nicht, was ich denn noch alles erwarte… von mir.

      Das ist genau das Problem: Man erwartet halt „mehr“ – und dieses undefinierte „mehr“ kann man nicht erreichen…

      Und was das Gefallen angeht: Bei mir klappt das IN der Situation drin dann meistens ganz gut, weil ich allgemein ein extrovertierter Typ bin. Aber die Zeit VOR einer sozialen Situation ist bei mir immer mit Kalkulations-Versuchen usw. verseucht. Das nervt mich einfach.

      Mich nervt eigentlich am meisten, dass ich diese ganzen Dinge schon ewig und ständig und immer wieder SEHE und WEIß, dass ich es aber trotzdem nicht unter Kontrolle habe – ich bin „trotzdem“ ständig hypernervös bin und vollkommen unentspannt.

      Das schlechte Gewissen „in faulen Momenten“ bekomme ich mal mehr und mal weniger in den Griff (meistens tendenziell weniger). Immerhin halte ich mich mittlerweile trotzdem daran, dass ich abends, nachdem ich mein Kind ins Bett gebracht habe, nicht mehr arbeite. Ich bin mir „eigentlich“ bewusst, dass ich diese Zeit als Regenerierung brauche. (Jetzt muss ich mich dabei halt nur noch weniger „unnütz“ fühlen…)

  3. Ich verstehe Dich in wahnsinnig vielen Punkten – nicht in allen natürlich, Du bist einzigartig! Ich glaub nicht mal, daß Du mich magst… Aber wir ziehen im Juli wieder nach L. Und ich bin gerne die Freundin, die Dich auch mal einfach nur toll findet.

  4. Wenn du zwanghaft immer wieder diese Denk- und Niedermachspiralen wiederholst, solltest du dir vielleicht auch einfach mal für eine Weile professionelle Hilfe suchen. Ich weiß, das widerspricht sehr stark dem perfektionistischen Anforderungen, dem „Ich kann alles alleine, ich bin doch kein Psycho, und weiß selbst, was am besten für mich ist“- Denken.
    Aber ich bin mit so einer Mutter aufgewachsen, die irgendwann nur noch Zusammenbrüche hatte und kaum noch aus dem Bett/Badezimmer gekommen ist. Erst vor kurzem hat sie sich dazu überwunden, sich helfen zu lassen – Und es geht ihr inzwischen so viel besser.
    Natürlich ist dein Denken ganz normal, vor allem, wenn man sich gerade in einer Situation wie der deinen befindet.
    Aber es schadet ja nicht, einfach mal mit jemanden darüber zu reden, ohne dass man Angst haben muss, wie man nun bewertet wird.
    Liebe Grüße und fühl dich ganz fest umarmt!

    • Bin mittlerweile seit über 3 Jahren in Therapie ;) Und das hat mir auf jeden Fall schon viel geholfen… Aber es gibt einfach „Auswüchse“, da kann man nur selber ran. Wie gesagt: Mein Problem ist ja, dass ich die meisten Dinge rein faktisch WEIß, aber dennoch nicht einfach“abstellen“ kann – das klappt leider auch nicht mit irgendwelchen tollen „Psycho-Tricks“. Aber in vielerlei Hinsicht bringt die Therapie natürlich trotzdem was…

    • Ach entschuldige den unqualifizierten und inhaltslosen Spontankommentar. Aber vieles, wenn auch nicht alles, kommt mir so bekannt vor. Ich bin eine manische To-Do-Listen-Schreiberin, ich habe Tagespläne, Wochenpläne, Jahrespläne… Ich habe auch eine Excel-Tabelle in der mein kompletter Tag in verschiedenfarbige Zellen zerstückelt wird – damit auch jede Minute möglichst sinnvoll gefüllt wird. Bringt bloß alles nix. Außer dem Gefühl nichts zu schaffen. Ich hetze immer hinterher. So langsam reift die Einsicht, dass ich leider eine total unrealistische Planerin bin. Und das der Alltag mit Kleinkindern irgendwie doch viel anstrengender ist, als ich mir das vorher so gedacht habe. Früher habe ich milde gelächelt, wenn ein Kollege morgens um 10 Uhr ins Büro gepoltert kam und stöhnte, er habe das Gefühl er hätte schon einen halben Arbeitstag hinter sich, bloß weil er seine zwei Kinder morgens angezogen, abgefrühstückt und in die Kita gebracht hatte. Typisch Mann, dachte ich. Millionen von Frauen machen das ohne großes Bohai. Jetzt weiß ich, wie er recht hatte. Und das es vielleicht gesünder wäre als Frau auch mal Bohai zu machen. Ich frage mich: Wenn Du Deine eigenen Leistungen nicht anerkennst, wieso sollten es dann andere tun? Und was ist das Ziel hinter all diesen Optimierungsbemühungen? Wessen Ansprüchen versuchst du zu genügen? Wenn es wirklich deine eigenen sind, warum bist du dann so demotiviert und unglücklich damit? Da stimmt doch irgendwas nicht, oder? Andrerseits: Führen diese Fragen nicht auch bloß zurück ins Hamsterrad? Ins ständige Zweifeln, sich selbst in Frage stellen, kritisieren, kasteien? Und unfassbar viel Zeit und Energie genau damit zu verplempern? Sollte man sich vielleicht lieber anderen zuwenden, sich selbst nicht so wichtig nehmen, hoffen, dass sich die Dinge dadurch zurecht rücken?

      Die Methode von unsichtbar finde ich sehr klug. Das geben, was man selbst gern bekommen würde. Die Tonart ändern. Aussteigen aus dem ewigen Gejammer und Gemecker und – huch – einfach mal was Nettes sagen. Lob und Anerkennung verteilen, weil es davon generell zu wenig gibt.

      Was mir auch schon mal geholfen hat: Dankbarkeit entwickeln. Das klingt nach primitivem Positiv-Thinking-Scheiß, den ich eigentlich verabscheue, aber es funktioniert. Ok, ich hab’s von einem Priester (einem klugen allerdings), aber es geht auch ohne Gott (wenn man den nicht mag). Jeden Abend fünf Dinge überlegen, für die man heute dankbar ist. Anfangs hatte ich manchmal Schwierigkeiten soviel zusammen zu kriegen, aber mit der Zeit verändert sich der Blick. Man entwickelt ein Bewußtsein für das, was trotz allem schön & gut ist im eigenen Leben. Das kann helfen, wenn man sonst dazu neigt sich am Negativen festzubeißen. Oder so. Ich sollte jetzt wirklich arbeiten.

  5. Mir geht’s genau gleich, ich finde keine Lösung, nehme mir aber jeden Tag vor, alles anders, besser zu machen. Es klappt nicht :( das war immer schon so, denke ich, aber das Muttersein hat es enormst verstärkt…

  6. Wahnsinn, es geht mir ganz genauso wie dir und selbst das zu schreiben finde ich schlecht von mir, schliesslich hast du noch das P. und ich muss mich nur um mich kümmern (und den Freund, bla..) grossartiger Artikel, jedenfalls. Habe ihn nicht nur einmal bis zum Ende geschafft, sondern direkt mehrmals lesen müssen, wollen.

  7. Eine kurze antwort.
    gehe zu einem psychotherapeuten!
    bei mir wars so ähnlich – nämlich als meine depression noch voll im gange war.
    jetzt bin ich aus dem gröbsten raus.
    die von dir geschilrdetren gedanken waren bei mir zum teil auch so.
    ich habe auch noch darüber gedanken gemacht wieseo dieser und jener gegenstand oder ding gerade an diesem ort liegt, steht oder sich befindet und nicht einen mm daneben.

  8. Danke! Danke für diesen Text! Du sprichst mir in sehr vielen Punkten aus der Seele. Das tut einerseits gut, andererseits macht es mich kaputt. Hast du, falls du das siehst, in dieser Zeit seit du diesen Artikel geschrieben hast, einige Vorschläge etwas zu ändern? Wirklich gute Vorschläge die etwas verändern & nicht solche wie: Denk einfach nicht nach… Die höre ich nämlich ständig.

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