Erziehungsfragen (2): In Maßen, nicht in Massen!

Die Weisheit besteht nicht darin, sich aus Abscheu vor dem Exzess zu mäßigen, sondern aus Liebe zur Grenze.

Nicolás Gómez Dávila (Scholien zu einem inbegriffenen Text)

Sehr schön, Herr Dávila! Und jetzt erklären Sie das bitte (m)einem 1,5-jährigen Kleinkind!

Wenn P. etwas will, dann will sie es SOFORT und OHNE JEDE EINSCHRÄNKUNG. Das ist verständlich, weil: Kekse schmecken nun einmal gut. Sich auf’s Bett schmeißen macht nun einmal Spaß. Mit den Füßen an die Fahrstuhlwand treten macht nun einmal schön Krach. Mama das Gesicht zerkneten sieht nun einmal lustig aus…

Aber: Warum müssen Kleinkinder eigentlich bei allem so maßlos sein?

Vermutlich, weil kleine Kinder (noch) nicht vorausschauend denken. Und weil ihnen die Gründe, warum sie etwas NICHT bekommen, ziemlich egal sind. Will Kind einen Keks, dann geht es ihm in diesem Moment nur und ausschließlich darum. Alles andere ist augenblicklich uninteressant und vergessen. Irgendwie ist das ja auch beneidenswert. Als Erwachsener scheint man ja oft damit beschäftigt zu sein, sich „aus logischen Gründen“ zusammenzureißen. Natürlich ist das ja eigentlich nicht. Oder?

P. ist dann auch sehr schwer abzulenken. Die Erfahrung, überhaupt etwas vehement und eindeutig zu wollen ist für ein Kind wahrscheinlich sowieso schon überwältigend. Insofern ist es ziemlich unsinnig von uns Eltern, dass wir gerne hätten, dass unsere Kinder das eigene Verlangen – eine Empfindungen, die ja prinzipiell gut und natürlich ist – kaum, dass sie es wahrnehmen, kontrollieren und regeln können.

(Ich weiß nicht, warum ich mich gerade daran erinnere, aber irgendwie passt es auch hierher: In einem meiner Lieblingsfilme („Eternal Sunshine of a spotless Mind“ (dt.: Vergiss mein nicht)) stellt Jim Carrey, in einer sich mit der Realität vermischenden Erinnerung an seine Kindheit, im Bezug auf seine Mutter fest: „Unglaublich, wie stark das Bedürfnis ist, von ihr auf den Arm genommen zu werden!“ Das veranschaulicht ganz gut, was ich damit meine, dass ein Kind von seinen eigenen starken Empfindungen manchmal „überrollt“ zu werden scheint und ihm deshalb nichts anderes übrig bleibt, als extrem darauf zu reagieren. Ist ja nicht so, dass sie sich in Ruhe überlegen, wie sie jetzt mit der spontanen Gefühlsregung umgehen…)

Mit Erklärungen, Argumenten und gutem Zureden – diesem ganzen sinnlosen Erwachsenenkram – kommt man da für gewöhnlich nicht weit. Allgemein ist das Denken eines Kleinkindes in den meisten Punkten höchstwahrscheinlich nicht mit dem Denken eines Erwachsenen zu vergleichen.

Wie aber macht man einem kleinen Kind klar, dass es bestimmte Dinge nur in Maßen gibt?

Ist das überhaupt jetzt schon „notwendig“ bzw. sinnvoll in dem Alter?

Zwei Beispiele:

Nachdem P. festgestellt hatte, dass Kekse eine tolle Sache sind, hatte ich damit echte Probleme. Darüber hatte ich derzeit auch häufig berichtet. Teilweise waren ganze Nachmittage ruiniert, weil ich den Fehler (?) gemacht habe, Madame einige Kekse anzubieten, die sie meist auch direkt im Ganzen verschlungen hat. Danach hat das P. lautstark, brüllend, kreischend, zeternd und vor allem STUNDENLANG nach weiteren Keksen verlangt. Irgendwann hatte ich die S****** so voll und war mit den Nerven so am Ende, dass ich ihr eine große Packung Kekse mit den Worten: „Dann friss halt bis du kotzt!“ (pädagogisch sich besonders wertvoll… ächem…) auf den Boden gestellt habe. Was ist passiert? P. hat die gesamt Packung Kekse still, leise und zufrieden weggeknuspert, kam nach 20 Minuten mit vollem Mund ins Wohnzimmer gerannt und hat nach mehr „Giii!? Biddäää?!!!“ verlangt. Na toll…

Ähnliche Situation bei dem Kikaninchen-Lied:

Irgendwann habe ich dieses Lied mit ihr auf meinem Telefon angeschaut. Ihr hat es gut gefallen, sie hat gleich mitgesungen und -getanzt und ich war (ehrlich gesagt) froh, eine halbwegs „vernünftige“ Sache gefunden zu haben, die das P. kurz beschäftigt und durch die ich vielleicht auch mal alleine aufs Klo kann… Nach kurzer Zeit lief das hier aber ähnlich wie bei den Keksen: Kaum klingen die letzten Takte des Liedes an, fängt P. an „Dibbedah!!! Mea!!!“ zu schreien und rennt mit dem Telefon zu mir. Das heißt so viel wie: „Und jetzt in Endlosschleife bitte!“ Wenn’s nach ihr ginge, würde sie sich das Lied 30 Mal hintereinander angucken. Manchmal schaffe ich fünf Mal. Bei häufigeren Wiederholungen streiken 1. meine Nerven und 2. mein schlechtes Gewissen (Zählt das nicht schon zu: „Das Kind vor der Glotze abstellen“?). Wenn ich ihr das Telefon wegnehme und ihr erkläre, dass wir das Lied morgen wieder anschauen können, gibt es natürlich das übliche KLEINKIND-DRAMA. Und wenn ich mal wieder mit den Nerven durch bin, erwische ich mich immer mal bei Gedanken wie: „Was kann daran schon so schlimm sein? Guckt sie das halt 50 Mal. Mir doch egal.“

Die Frage ist also: Wie bringe ich meinem Kind Mäßigung bei?

In letzter Zeit versuche ich sehr darauf zu achten, dass ich selber ruhig bleibe. Ich nehme sie an die Hand, setze sie z.B. auf meinen Schoß, schaue sie an und erkläre ihr die Sache ruhig: „P., heute gibt es keinen Keks mehr. Wir essen gleich zusammen Abendbrot. Morgen kannst du wieder einen Keks essen.“ Ich versuche ihr das Gefühl zu geben, dass ich ihr Anliegen und auch ihren Willen verstehe, dem aber trotzdem nicht nachkomme. Ich versuch auch, sie dann zu trösten, wenn sie sich darüber „ärgert“. Das scheint sie auch zu verstehen und wenn ich Glück habe., gibt sie dann in 2 von 10 Fällen kurz Ruhe. Sie verlangt zwar  momentan dann trotzdem noch aller zwei Minuten danach, aber ich denke, dass das ein ganz guter Weg sein könnte.

Was meint ihr?

4 Kommentare zu “Erziehungsfragen (2): In Maßen, nicht in Massen!

  1. Also hier gibt es EINE goldene Regel (die nicht immer leicht usw.usf.blabla): Selber klar sein. Das Kind hat hochgradig sensible Antennen für Spielräume. Es merkt intuitiv, wie sicher sich sein Gegenüber ist. Und bei der kleinesten Chance hacken sie drauf ;-). Es nützt also wenig, ein unüberzeugtes NEIN überhaupt erst auszusprechen. Den Kampf verlierst du. Du solltest dir also innerlich vorher klar machen, abhängig von dem jeweiligen Begehren, der momentanen Situation, der Beschaffenheit deiner Nerven usw., ob du diesen Kampf überhaupt beginnst.Klingt jetzt sehr kriegerisch, aber was ich meine ist, dass die Kinder nichts so sehr brauchen, wie klare Erwachsene. Wenn du unsicher bist, verunsichert das dein Kind noch viel mehr. Meine Erfahrung ist daher, ein klares Nein provoziert noch lange kein gehorsames und folgendes Kind (wollen wir ja auch gar nicht, ne?), aber das zähe Ringen wird sehr viel kürzer sein und irgendwann nachlassen. Das ist wie der Moment, wo die Kekse dann mal alle sind. Plötzlich kann es gar kein Zaudern mehr geben, die Verhältnisse sind ja schließlich klar. Und schon fällt es einem viel leichter (komischer Weise), bei seinem Nein zu bleiben. Achja, ein wunderbares Thema, ich hab nämlich gerade mein drittes, mittlerweile Anderthalbjähriges, und ich hatte das Alter schon so schön verdrängt ;-):

    • Du hast Recht. Auf jeden Fall.

      Aber: Bei manchen Sachen bin ich mir einfach unsicher ;) Ist 50x Kikaninchen gucken nun schlimm oder nicht? Ich fühl mich da einerseits gleich wieder wie eine Rabenmutter, weil ich das Kind vor einem flimmernden Etwas 2parke“ und genieße es andererseits, dass es EINE Sache gibt, mit der sich P. länger als 2 Sekunden beschäftigt… Was meinst du? Ist das jetzt echt „so schlimm“ oder wie?

      Und: Immerhin hast du’s vergessen ;) Ist das Alter denn im Vergleich echt so anstrengend? Also: Wird es besser? Bitte? ;)

  2. Äh… Fangfrage ;-). Irgendwie wird es natürlich besser, du wirst besser ;-) und es wird eben anders. Die Trotzattacken lassen nach bzw. werden die Kinder irgendwann kompromissbereit (das ist wie Weihnachten und Ostern zugleich, wenn du dich innerlich wiedermal für eine Megadiskussion und Anfälle wappnest und dann sagt das Kind plötzlich einfach zögernd: Okay….).
    Ich denke, 50x Kikaninchen wäre MIR einfach to much. Ob es das für ein anderthalb Jähriges ist, weiß ich nicht, aber dass diese zweidimensionale digitale Welt nicht das Entwicklungsförderlichste ist, weißt du ja selber. Aber du sprichst und singst ja auch mit ihr, liest ihr vor UND vor allem machst du dir einen Kopf um die Dinge. Ich würde mir überlegen, wie oft es für euch beide tolerierbar ist und danach ganz klar einen Cut machen. Dann weiß sie irgendwann, dass das eine klare Vorgabe ist, um die sie zwar disksutieren kann, aber die sich einfach nie ändert. Wir haben hier bei zwei 5- und 8-Jährigen diese Debatten ums Filme gucken auch. Zwei mal pro Woche ist der Deal. Aber die Erfahrung ist, dass die Diskussionen wesentlich weniger sind, wenn sie mal ein, zwei Wochen gar nichts geguckt haben: aus den Augen, aus dem Sinn. Deswegen denke ich oft, dass es viel schwerer ist, Dinge in einem bestimmten Maß zuzulassen, als sie gar nicht anzubieten. Tv kennen meine Kinder gar nicht und deswegen gibts darum schonmal null Debatten. Oder dass ich ihnen was Süßes im Laden kaufe: nie passiert, also gibts darum auch schon lange keine Diskussionen mehr. Man muss halt bei allem, was man einmal, oft ja gedankenlos und nur im Wunsch nach endlich Ruhe ;-), durchgehen lässt, sich klar sein, dass die kleinen Wänster ein gutes Gedächtnis haben und das nun immer wieder einfordern werden.

    So, und nun sprechen wir uns wieder, wenn die lieben Kleinen in der Pubertät sind, ob wir uns die Terrible Two zurück wünschen ;-).

  3. Pingback: Kleine ‘Girassungs’ | BABYKRAM & KINDERKACKE

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