Erziehungsfragen (4): Lob und Kritik

Ich lese ja immer noch Jeseper Juuls „Dein kompetentes Kind“ ( ja, ich brauche so lange für ein Buch :-/ ) und gestern war wieder mal eine ziemlich augenöffnende Stelle dabei.

Es ging um die Begriffe und Themen „Selbstvertrauen“, „Selbstgefühl“ und „Selbstwertgefühl“, die nach Jesper Juul unbedingt voneinander zu unterscheiden seien. So würde sich ein gesundes „Selbstgefühl“ vor allem dadurch entwickeln, dass ein Kind erfährt, dass es eine für es wichtige Person es „sieht“ also wahrnimmt und außerdem durch Erlebnisse, in denen man Wertschätzung und Anerkennung erfährt, ohne sich zu verstellen oder etwas zu leisten. Das ist alles soweit verständlich, aber noch nicht so wirklich greifbar.

Dann kam er zum konkreten Thema Lob und Kritik bei Kindern. Eltern (und da schließe ich mich ein), die für sich beschlossen haben, dass sie ihr Kind liebevoll erziehen wollen, nur sachte erziehen möchten und dem Kind Selbstvertrauen geben wollen, neigen zum Überlob.

Das Kind rutscht und sagt „Guck mal!“ und wie reagiert man oft? „Oh, toll machst du das! Ganz fein“ – nicht nur, dass die Äußerung meistens total unnatürlich, aufgesetzt und überkandidelt ist, sie ist zwar (so sagt auch Jesper Juul, der das als Beispiel angefügt hat) lieb gemeint, aber vermittelt dem Kind eigentlich was total falsches. Das Kind – so Juul – wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass es mit dem Rutschen eine bestimmte Leistung vollbringt, es sei total in dem Moment gefangen und will einfach, dass man daran teilhat und seine Existenz und sein Erlebnis bestätigt. Dadurch dass man ständige irgendwelche Aktionen der Kinder mit einem „Super machst du das“ („Tolles Bild hast du gemalt“ / „Fein gemacht!“ / „Toooooll, ein Turm!“) quittiert, macht man sie abhängig von Bewertungen. Sie werden anfangen sich an die Spielregeln zu halten und das Spiel mit spielen… Irgendwann wird die Frage wahrscheinlich schon so formuliert: „Guck mal, mache ich das nicht toll?“ Von der bloßen Existenzbestätigung hat sich die Perspektive schon hin zur Leistung verändert.

Und wie kann man’s nun besser machen?

Anstatt irgendwelcher platteb Lobeshymnen sollte man – laut Juul – eine „persönliche Sprache“ wählen. Anstatt sein Kind zu bewerten soll man ihm in die Augen schauen und ihm z.B. durch ein neutrales „Hallo!“ einfach zeigen, dass man es wahrnimmt. Will man noch mehr geben, könnte man versuchen durch Mimik des Kindes zu erfahren, was wohl gerade in ihm vorgeht und darauf eingehen… Wenn es ängstlich schaut, könnte man sowas sagen wie „Hallo! Das macht bestimmt Spaß, aber vielleicht ist es auch ein bisschen gefährlich“. Das ist allgemein wohl auch ratsamer als „Pass auf, dass du dir nicht weh tust!“ Damit würde man den Fokus des Kindes weg von seinem Erlebnis hin zur Gefühlswelt der Eltern bringen und es im Zweifelsfall verunsichern.

Ansich kann man sein Kind natürlich weiterhin loben, um es bei bestimmten Dingen, bei denen man vielleicht Talente vermutet zu bestärken und zu motivieren. Aber es sollte einfach nicht so eine sinnlose Lob-Flatrate geben. Dadurch wird so ein Mensch ziemlich abhängig von den Bewertungen durch andere. Ich sehe das an mir. Da war’s nicht unbedingt zu viel Lob, sondern eher zu viel Kritik. Aber ich merke an meinem eigenen (kaum vorhandenen bzw. schwer erarbeiteten) Selbstgefühl, dass es mir ganz gut getan hätte öfter mal einfach so hingenommen zu werden wie ich bin.

Das Gefühl für jemanden wertvoll zu sein ohne dass man etwas bestimmtes tut oder leisten muss.

Auf jeden Fall eine Sache, die ich meinem Kind gern vemitteln möchte. Ist nur gar nicht so leicht, wenn man selbst das Gefühl hat, dass es einem nicht wirklich vermittelt wurde. Aber Jesper Juul gibt da ja ganz gute Anregungen.

Also: Ich kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen. Weil einem durch’s Lesen vor allem solche kleinen Alltäglichkeiten bewusst werden, die man einfach automatisch so macht, weil man das eben so macht oder gelernt hat oder was weiß ich… Ich finde die Argumente dagegen auf jeden Fall sehr plausibel und werde versuchen das in meinem Verhalten dem P. gegenüber zu beherzigen.

Ein Kommentar zu “Erziehungsfragen (4): Lob und Kritik

  1. Ich bin ein großer Fan Jesper Juuls und habe sein Buch auch verschlungen. Es sind tolle Tipps drin und ich gebe dir Recht, Kinder sollten immer das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein – egal ob sie dafür etwas leisten oder nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s