H. Walsh „Ich will schlafen“ ((Ready for 2))

Ich bin krank. Weil Krankheit flachliegen mit sich bringt, lese ich “ Ich will schlafen “ von Helen Walsh.

Ich habe gestern die ersten 200 von etwa 300 Seiten gelesen. Bisher finde ich es… befremdlich. Es geht um eine Rachel (Anfang 30), die ein Kind bekommt. Sie will ihr Kind sowohl allein bekommen als auch erziehen. Das ganze ist zwar erfrischend, weil das Ding eindeutig ein ROMAN ist. Das ist also kein reiner Erfahrungsbericht. Es ist irgendwie auch Fiktion. Fakt ist aber auch, dass man so etwas, solche Gedanken, solche Details meiner Meinung nach nicht schreiben kann, wenn man sie nicht wenigstens teilweise selbst durchlebt hat. Denn: Es geht in dem Buch vor allem um postnatale Depressionen.

(ZEIT-Interview mit Helen Walsh)

Und tatsächlich schildert Walsh stellenweise in einer gewissen „Rohheit“ mütterlich-übermüdete Gedanken, die mir bisher bei dem Thema noch nicht untergekommen ist. Sowohl sich selbst als „Versagerin“ gegenüber als auch dem Kind.

Zwei Dinge passieren während dem Lesen mit mir:

1. Ich finde das befremdlich.

Man schaut der Protagonistin also ab Zeitpunkt der Geburt beim überfordert sein zu. Bei einigen Stellen muss ich schlucken und auch schmunzeln, weil ich mich erinnere, dass auch mir dieses ans Kind gefesselt sein, das Stillen, das nicht schlafen können, die Verantwortung, das nicht fliehen können, das Entgleiten der Zeit neben all dem Kümmern und verarbeiten manchmal einfach zu viel.. zu „krass“ war. Ich wollte  Zeit für mich, die Geburt verarbeiten und überhaupt mit all den Erlebnissen und Emotionen klarkommen, in Ruhe. Und genau das geht nun einmal nicht, wenn man gerade ein Kind bekommen hat. Im Fall von Rachel auch noch ganz allein. Ja, das kann schwierig sein. Und wenn ich mir zusätzlich noch vorstelle, dass ich schon 10 Jahre länger mein eigenes, selbst bestimmtes Leben gelebt hätte und Entscheidungen für niemand anderen außer mich selbst treffen musste… Vielleicht käme man dann schneller zu diesen verzweifelten Endlos-Abgrund-Gedanken.

ABER: Mich stört das unreflektierte. In letzter Zeit stört mich das ständig – nicht nur in der Literatur, sondern auch im echten Leben. Die Menschen nehmen sich, ihre Erfahrungen und Erlebnisse viel zu wichtig. Ständig denkt Mensch, er sei etwas besonders außergewöhnliches. Ich neige auch dazu, von Zeit zu Zeit, meine eigenen Gedanken und Empfindungen zu überhöhen. Aber irgendwie erzwinge trotzdem immer wieder einen Rückschritt: Ich bin nicht der Nabel der verdammten Welt! Ich bin höchstwahrscheinlich nicht die erste und auch nicht die einzige, die diese oder jene Gedanken hat. Es gibt keinen verdammten Grund an dieser Tatsache zu verzweifeln. Es gibt Menschen auf dieser Erde, die TATSÄCHLICH Probleme haben – existenzielle Probleme. Dagegen sind diese Hirnpupse Kinkerlitzchen. So gehe ich jedenfalls damit um. Was nichts daran ändert, dass auch ich dunkle Phasen und Stunden habe.

Auch in „Ich will schlafen“ treffe ich wieder eine Person, die der Meinung ist, dass es NIEMANDEM so geht wie ihr. Dass sie ganz allein diese Erfahrungen macht. Dass sie die große Ausnahme ist, bei der alles schief und anders läuft. Außerdem eine Person, die sich so sehr irgendwelchen Erwartungshaltungen und Normen hingibt, dass es mir manchmal fast schlecht wird. Auch wenn ich das kenne… Wo bleibt der „Eigentlich weiß ich, dass ich mich nicht von diesen Dingen einschüchtern/bestimmen lassen sollte“-Turn? Da wird dann der Windelkauf in übermüdeten Zustand zum Horrortrip und das Stillen in der Öffentlichkeit zum Fiasko… Über allem schwebt „Was sollen bloß die Leute denken?“ Am meisten scheint Rachel damit zu kämpfen zu haben, irgendeinem Bild nicht zu entsprechen. Deshalb kann sie sich auch keine Hilfe suchen. Wer schon am „Nimm mir das Kind mal ab, ich muss schlafen!“ scheitert, hat irgendetwas grundlegend nicht verstanden, oder?

Und überhaupt: Was mich wirklich nervt bei dieser ganzen Eltern-Gesellschaft-Nummer, ist dieses ständige „Boooar! Das hat ja noch niiiiie jemand so offen gesagt“-Gehabe. In jeder verdammten Elternzeitung und jedem 3. Beitrag über Eltern – oder Schwangerschaft, ob nun eher alternativ oder konventionell – taucht irgendwas in Richtung „Wenn wir mal ganz ehrlich sind, dann ist Elternsein doch gar nicht immer schön, sondern auch ziemlich anstrengend.“ auf. Bei gutefeindinnen gab’s auch schon mal einen Aufreger zu dem Thema. Ständig geht es um die ach so großen Ansprüche „der Gesellschaft“ (welcher eigentlich?) an die armen, dauer-überforderten Eltern. Und immer wieder liest man von Müttern, die „jetzt mal echt ganz offen“ darüber sprechen, wie fertig und müde sie zum Teil waren, aber dass man das ja „öffentlich nicht zeigen“ darf, weil ja von einem erwartet wird, die strahlend-glückliche Mami zu sein, die dann auch noch den Haushalt schmeißt und Essen kocht. Insbesondere wenn es um postnatale Depressionen geht, ist das das Bild, was vermittelt wird: Die armen Mamis unter Druck, weil angeblich von ihnen erwartet wird, perfekt zu sein und dann können sie da noch nichtmal drüber reden, weil sie ja dann gleich von der Gesellschaft verstoßen werden.

Bullshit, sag ich! Hier werden Mütter wieder einmal mehr dargestellt wie unmündige verhuschte Dinger, die gar nicht wissen wie ihnen geschieht. Vor allem aber als Menschen, die unbedingt einem angeblich von außen geforderten Bild entsprechen wollen! Denn das ist ja die Voraussetzung dafür, diesen Druck überhaupt zu empfinden und daraufhin unter dem Nichtäußern seiner „wahren Gefühle“ zu leiden. Ich finde nicht, dass die meisten Frauen/Mütter so sind. Und wenn welche doch so sind, dann finde ich sie ziemlich doof. Klar sind Eltern gestresst. Aber das sollten sie nicht sein, weil sie irgendeinem Bild nicht entsprechen können, sondern weil Kinder halt stressig sein können und man plötzlich sehr wenig Zeit für sich hat.

Das mit den Erwartungen ist doch überhaupt nicht mehr so extrem! Wer erwartet denn wirklich noch glücklich-strahlende Eltern? Das gibt’s doch nur noch in der Windelwerbung! Und das weiß m.E. auch so gut wie jeder. Viel mehr habe ich das Gefühl, dass noch 10 mal nachgehakt wird, ob „wirklich alles in Ordnung“ ist, weil die Themen Babyblues und postnatale Depressionen so sehr in aller Munde sind. Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, dass Elternschaft relativ problemlos abläuft. Es ist doch eher der Gegenteil der Fall! An jeder Ecke bekommt man Broschüren und Erziehungsratgeber nachgeschmissen. Es gibt Beratungsangebote noch und nöcher. Ich habe mit meinen Mit-Muddis fast ausschließlich darüber geredet, was am Kinder haben scheiße anstrengend ist und tue das auch nach wie vor.

Vielleicht ist das ungerecht einigen Müttern/Eltern gegenüber, aber ich habe das Gefühl, wer sich heutzutage noch unter dem angeblichen Druck von außen, eine perfekte Mutter sein zu müssen, leidet, der ist ein stückweit auch selber Schuld. Das muss heute einfach wirklich nicht mehr sein. „Die Gesellschaft“ gibt hierzu meiner Meinung nach keinen Anlass mehr. In diesem Fall hat man wohl eher ein Problem, dass man sich allgemein zu sehr von der Meinung anderer abhängig macht. Genau diesem Muster folgt leider auch Walsh und auch Muttergefühle von Rike Drust. Ich finde es okay, dass so über Elternschaft geschrieben wird und ich les sowas auch ganz gerne, weil ich allgemein gern Sachen lese, die was mit meinem eigenen Leben und Problemchen zu tun haben. Aber ich finde es bekloppt, dass diese Sachen derzeit immer unter so einem „Boar, wie mutig! Eine Muttiiii, die mal sagt, wie’s wirklich ist!“-Ding laufen. Das hat nichts mit Mut zu tun. Offen über seine Gefühle und Probleme – auch bezüglich der Elternschaft – zu sprechen, ist irgendwie sowas wie das Mindeste.

Was mich dann wirklich irgendwie aufregt ist, dass solche Bücher auch gerne mal in die Feminismus-Ecke geschoben werden. Das ist dann der größte Quark! Wenn die Mütter, die so über Mutterschaft schreiben, sich irgendwie schon fast damit brüsten den armen, unglücklichen, mundtot gemachten Muttis „da draußen“ endlich eine wahrhaftige Stimme zu geben und auch Medien und Verlage bereitwillig so tun als würden die Autorinnen das Thema Mutterschaft damit als gar nicht so kuschelig-rosarot entlarven, finde ich das blöd. Weil eben die dann auch von unmündigen, unselbstbewussten Frauen ausgehen. Es ist vollkommen okay, solche Dinge zu schreiben. Tue ich in diesem Blog ja auch zur Genüge. Aber ich denke nicht, dass ich damit irgendeinem Auftrag hinterherkomme oder ICH endlich mal die Wahrheit über Elternschaft schreibe. Für mich ist das gut zum Reflektieren, Verarbeiten, Tipps einholen und zum Kontakt knüpfen zu Menschen, die Elternschaft vielleicht ähnlich angehen wie ich. Wenn sich die ein oder andere dadurch animiert fühlt, auch mal mehr zu reflektieren und Gefühle und Gedanken unverschleiert zu äußern, ist das super. Aber das maße ich mir nicht an, weil ich „euch da draußen“ für mündig und intelligent halte. Also lasst uns darüber reden, schreiben, singen… wie das so ist Eltern zu sein und was für Probleme wir haben. Aber bitte nicht darüber, wie geil wir sind, weil wir darüber so reden.

2. Ich bin bereit.

Erstaunlicherweise macht sich bei mir während des Lesens aber auch noch etwas ganz anderes bemerkbar: Der tatsächliche und selbst empfundene Wunsch nach einem zweiten Kind. Seitdem K. und ich uns darauf geeinigt haben, dass wir es 2013 noch einmal darauf ankommen lassen wollen, macht sich das in mir breit. Vor einigen Monaten habe ich noch gesagt, dass es noch nicht richtig ist, solange ich das nur „für P.“ will… Damit sie ein Geschwisterchen hat. Was ein ziemlich hinrissiger Grund dafür sein dürfte, weil ich ja vorher nicht wissen kann, ob das P. mit ihrem Geschwisterkind gut klar kommen wird. Ich muss das schon auch selbst wollen.

Beim Lesen des „Geburtsberichts“ und alle der Dinge habe ich deutlich gemerkt: Ich bin es. Ich bin bereit. Ich kann mir das alles wieder vorstellen. Schwanger sein. Gebären. Stillen. Tragen. Kümmern. Wie absurd, dass das gerade jetzt passiert. Kurz bevor ich mich endgültig aus der eher Elternzeit wieder in eine eher Studium-Zeit begebe. Wenn alles klappt, wird ein Jahr studiert und dann noch einmal für No. 2 pausiert.

Ich stelle mir all die Sachen schön vor. Ich habe das Gefühl, dass ich die No. 2 mit viel mehr Gelassenheit erwarten kann. Ich habe auch Respekt. Insbesondere vor einigen organisatorischen Fragen… Wenn man dann mal frei haben will, muss man schließlich zwei Knirpse loswerden. Aber nichtsdestotrotz: Das fühlt sich richtig an. Und dass sich das richtig anfühlt, fühlt sich gut an.

6 Kommentare zu “H. Walsh „Ich will schlafen“ ((Ready for 2))

  1. Erst habe ich deine Nr. 1 gelesen und dir uneingeschränkt zugestimmt – und dann ein bisschen darüber nachgedacht und möchte nur einige Gedanken dazustellen:
    • Depressionen sind nicht rational, Menschen die Depressionen haben sind nicht rational und Menschen mit Depressionen sind auch nicht liebenswürdig. Und als Teil des Krankheitsbildes sind ihre Gedanken vermutlich immer befremdlich. Ich finde, es gehört unbedingt zwischen postnataler Depression und Baby-Blues unterschieden.
    • Das mit dem gesellschaftlichen Druck funktioniert mittlerweile, glaube ich, sehr subtil. Unterm Strich ist es vielleicht der Druck, den wir Mütter (und Väter) uns nur uns selbst gegenüber machen, weil wir finden, unseren Ansprüchen nicht gerecht zu werden – aber sind diese Gedanken einfach so in uns entstanden – oder sind sie sozialisiert, uns also von Gesellschaftsseiten implantiert worden? Ich glaube zweiteres.
    • Und das mit dem Tabubrechen … phuu. Ich finde auch, der Satz „Noch NIE hat jemand so offen über Mutterschaft geschrieben“ hat ausgedient. Das wirkliche Tabubrechen muss jeder bei sich selber machen: Bei mir war es jedenfalls so. Das Eingestehen, dass ich das Baby manchmal nicht mag. Und dann kam zum Glück die Erkenntnis: Das bedeutet nicht, dass ich es nicht trotzdem immer inständig liebe.

    Und zu Nr. 2: Gratuliere :)

  2. Ich denke auch man muss da zwischen echten Depressionen und normalem Baby-Blues unterscheiden. Depressionen gehen halt nicht davon weg, dass man sich einfach zusammenreißt und für Depressionen ist es eben auch sehr typisch, dass man an Dingen scheitert, mit denen psychisch Gesunde normalerweise klar kommen. Man ist daran auch nicht selber Schuld, es ist eben eine Krankheit, die im Prinzip jeden erwischen kann.

    Ich finde es auch immer mal wieder nervig, dass sich viele für so unglaublich einzigartig halten, obwohl sie eigentlich total durchschnittlich sind. Dass Elternschaft auch sauanstrengend sein kann, ist unterdessen wohl auch kein Geheimnis mehr. Und klar ist die erste Zeit nach der Geburt für alle schwierig, aber mit handfesten Depressionen dazu ist das tatsächlich nochmal was GANZ anderes. Leider kommt das aber oft vor, dass viele sich Depressionen so vorstellen, wie einfach mal keinen Bock oder schlechte Laune oder ein bisschen Stress zu haben. Es ist aber wirklich nicht damit vergleichbar.

  3. Ausserdem ist Rachel ja Erzieherin und somit eigentlich „vom Fach“, aber grade die „Experten“ erkennen ja manchmal nicht, dass auch sie Hilfe bräuchten…

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