Konsum (Update)

Vor geraumer Zeit hatte ich ja unter anderem diesen Artikel zum Thema fairer Konsum, Bio, saubere Kleidung etc. geschrieben und mich gefragt, wie Mensch sich denn „heutzutage“ in einer Industrienation verhalten soll / kann / darf / muss, um sowas wie „fair“ zu sein. Das ist jetzt 10 Monate her. Zeit für ein Update. Denn: Die Fragen beschäftigen mich natürlich nach wie vor.

Ernährung. In der Zwischenzeit leben wir noch immer zu 98% fleischlos – alle 2 Monate gibt es mal eine (Bio-)Hühnersuppe und 1x im Monat Fisch. Wir essen wahrscheinlich viel zu viele Milchprodukte (Milch, Joghurt, Käse, Sahne, Schmand, Creme Fraîche, sauere Sahne, Butter, Frischkäse, …). Wir hatten viele Monate eine regionale Bio-Kiste, mit der ich aber nur partiell gut klarkam, weil ich einfach nicht ständig so viel koche. Und das teure Gemüse in die Tonne hauen ist ja fast noch schlimmer als den Billig-Kram kaufen. Die neue und mir gut gefallende Variante heißt: Wochenmarkt. Das verbindet viel Gutes. Man geht bewusster einkaufen, man „strengt“ sich fast ein bisschen an. Man quatscht mit den Herstellern über ihr Obst und Gemüse und darüber, wo die Pilze herkommen. Und man macht dabei noch nebenbei quasi einen Familienausflug. Das fühlt sich gut an. Ich benutze den Bio-Supermarkt häufiger und achte auch im normalen Supermarkt ziemlich darauf, was ich kaufe. Alles tierische möglichst Bio. Es erschreckt mich, dass ich in vielen Wochen keine Äpfel aus Deutschland dort bekomme. Dafür aus Neuseeland. Und es erschreckt mich noch mehr, wie vielen Leuten das nach wie vor total egal ist. Da ist sie wieder, die eigene Haustür.

Wohnen. Wir leben in einer 130qm-Wohnung im Dachgeschoss. Das ist teuer und eigentlich zu viel Raum für 2,5 Menschen. Unser größtes Problem ist, dass uns ein Balkon fehlt und die Miete zu hoch ist. Einrichtungsmäßig sind die Möbel aus K.s Erbe gemischt mit den I.kea-Anschaffungen meiner ersten Wohnung. Das ist wahrscheinlich auch nicht okay. Aber Geld, Zeit und Kraft für einen Umzug…? Und wo denn hin? Neubau? Altbau? Sanierter Altbau? Und der Stadtteil? Möglichst der hier. Der ist alternativ, wird allgemein als studentisches In-Viertel bezeichnet. Stichwort Gentrifizierung. Also unsanierter Altbau im Randgebiet? Oder energie-effiziente Kernsanierung?  Wie „darf“ Mensch städtisch leben? Eigentlich will ich am liebsten: Ein Hausprojekt mit mehreren Freunden, Familien usw. beziehen, alles selbst renovieren und da wohnen. Gemeinschaftlich. So ähnlich wie es unsichtbares beschrieben hat.

Energie. Unser Stromanbieter (naturstrom) hat uns die Info geschickt, dass wir für nächstes Jahr 12 Euro weniger Strom pro Monat zahlen müssen. Also bringen die StandBy-Steckdosen und der ganze Kram doch was. Dafür haben wir uns vor ein paar Monaten einen (immerhin gebrauchten) Trockner angeschafft, weil mich das ständige Wäschewaschen und Aufhängen so unglaublich genervt hat. Ich freue mich immer noch bei jedem Waschgang über die Zeitersparnis, verpasse mir aber zeitgleich einen kleinen, imaginären Peitschenhieb ob meiner Faulheit und dem Betrügen meiner Ideale.

Fortbewegung. Immerhin: Wir haben uns nach wie vor kein Auto angeschafft und haben es auch nicht vor. Das ist gut. Die Preise der Verkehrsbetriebe ärgern mich. Ich fange ab nächste Woche an zu pendeln und kriege Schweißhände bei dem Gedanken, was mich das kostet. Wir haben 3,5 Fahrräder und einen Fahrradanhänger, den wir eigentlich nicht benutzen. Sollten wir den verkaufen, obwohl wir Nr. 2 planen? Dann brauchen wir doch wieder einen, oder? Also lieber noch warten. Dafür hat das P. einen Fahrradsitz, mit dem sie sich gern rumkutschieren lässt. Den haben wir neu gekauft, weil die Gebrauchtpreise fast höher waren als die Neupreise. Ist das jetzt „schlecht“?

Kleidung. Ich nähe immer mehr Klamotten selbst, leiste mir aber keine Öko-Stoffe. Ich kaufe deutlich weniger Klamotten ein und habe bei jedem Teil, was ich neu kaufe immerhin ein richtig schlechtes Gewissen. Ganz lassen kann ich es aber nicht. Oder es wenigstens auf wirklich nötiges beschränken. Das ärgert mich. Immerhin: Ich habe ausgemistet und viele Sachen auf einem Flohmarkt verkauft oder gespendet. Das hat sich auch gut angefühlt. Sich eingrenzen, weniger besitzen. Weniger, einfach von allem. Ich versuche Klamotten für das P. selber zu machen oder Second Hand zu kaufen. Das ziehe ich auch in 80% der Fälle durch. Aber ich mache mir nichts vor: Kaufräusche kriegen mich immernoch. Im Urlaub zum Beispiel. An einem Schlechtwetter-Tag sind wir doch tatsächlich in so eine Mega-Mall gefahren. Is‘ ja alles so schön billig da. Nach all dem Beschränken ging’s richtig mit mir durch… Ich falle immer wieder auf H&M rein. Danach hab ich mich gefühlt als müsste ich kotzen… Das fühlte sich an wie die Fress-Attacke eines Bulimie-Kranken.

Engagement. Ich will, will, will mich engagieren. Aber ich weiß einfach nicht wo. Am liebsten würde ich Bildungsarbeit in genau diesen Bereichen machen. Die Leute zum Nachdenken über ihr Konsumverhalten bringen. Zum Hinterfragen der eigenen Wertvorstellungen. Wenn ich an die weiteren Versuche denke, ein Stipendium zu bekommen, wird mir ganz anders, weil ich kaum Faktisches in den Spalten zu „gesellschaftspolitisches Engagement von … bis …. bei Organisation xyz“ vorzuweisen habe. Ich finde einfach keine Organisation, der ich mich sofort anschließen will. Ich bin Mitglied der Grünen Jugend, kann aber mit ganz vielen Sachen wenig anfangen. Mir ist das zu jugendlich, irgendwie. Ich spiele mit dem Gedanken, mich beim der Organisation Ökolöwe zu engagieren, bin mir aber auch da nicht sicher. Am liebsten wäre mir was eigenes, was ich gestalten kann. So wie das hier. Gehöre ich auch zur „Generation Man müsste mal„? Okay, ich will im Bereich der „Bildungsoptimierung“ tätig sein. Ich denke, dass Bildung der Schlüssel ist. Ich will alles – meine Lebens- und Denkzeit – darauf verwenden, dass begriffen wird, wie unglaublich wichtig Bildung ist. Von der Krippe bis zur Hochschulreife. Von der besseren Ausbildung und Bezahlung für Erzieher_innen über sinnvollere Bildungskonzepte bis zu durchdachten Lehrplänen für Schulen. Deshalb studiere ich Pädagogik. Aber reicht das? Warum fang ich nicht sofort an, wenn es mir doch so wichtig ist? Mache ich mir etwas vor?? Sitze ich am Ende wieder hier, schreibe Marketingkonzepte und gestehe mir ein, dass all der Idealismus nichts bringt und mich nur krank macht? Dieses ewige schlechte Gewissen…

Achtsamkeit. Ich achte auf Inhaltsstoffe und Zucker und Fett und Transportwege. Auf Fußabdrücke und Lieferanten und Arbeitsbedingungen… Aber ehrlich? Es wird mir echt alles zu viel und ich weiß überhaupt nicht, woran ich mich halten soll. Was ist denn nun „gesund“ und gleichzeitig fair und bio und ökologisch und saisonal und frisch und … na, wenigstens okay? Manchmal denke ich mir: „Oh Mann. Ich geb’s auf. Mein schlechtes Gewissen und meine Unzulänglichkeitsgefühle kotzen mich nur noch an! Ich scheiße drauf, ein guter Mensch zu sein. Es funktioniert einfach nicht“ Aber ich kann es nicht abstellen.

Konsum = Glück? In meiner Stadt gibt es seit geraumer Zeit einen weiteren der eh schon zu viel vorhandenen Konsumtempel. Und alle freuen sich. Die Zeitungen freuen sich, weil sie einen eigenen Media Store in dem Ding haben. Die Leute freuen sich, weil die Freunde jetzt endlich wieder Jobs haben. Die „Verbraucher“ (wie ich dieses Wort „liebe“…) freuen sich, weil sie jetzt statt 5 H&M’s 6 zur Auswahl haben und alles so schön glitzert und blinkt. Die Freunde moderner Architektur freuen sich, weil jetzt noch ein stahl-gläserner Klotz die Innenstadt „verschönert“. Und ich bekomme Gänsehaut. Einfach nur Gänsehaut. Wirklich. Warum nehmen so unglaublich viele Menschen das Konzept „Konsum = Glück = Lebensinhalt eines modernen Menschen“ so kritiklos hin? Irgendwo hab ich mal gelesen:

Konsumieren hält Menschen vom Denken ab.

Mittlerweile sehe ich das genauso. „Ich kaufe, also bin ich.“

Eine Fragebogen zum Thema „Nachhaltige Stadtfinanzierung“ fragt mich, was ich besser finde, um Einnahmen in die Stadt zu spülen: Kürzungen, Einnahmesteigerung oder Wachstum. Tolle Auswahlmöglichkeiten. Ich hätte gern die Auswahlmöglichkeit „Umdenken“ gehabt…

4 Kommentare zu “Konsum (Update)

  1. Pingback: Kita-tatataaaa… (Engagement und so) | BABYKRAM & KINDERKACKE

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