Kleinkindliches Drama – 1. Akt

Bitteschön, dankeschön und auf Wiedersehen! So oder so ähnlich denkt ein Teil von mir, nachdem ich das P. derzeit nach den allmorgendlichen Start-„Schwierigkeiten“ dankbar (!) in der KiTa abgeliefert habe. Ich bin dann fest entschlossen: Heute ist es soweit. Ich hebe alles Geld, was sich auf dem Konto befindet, ab – das sind so etwa 150 Euro – und fahre zum Flughafen. Ich buche ein One-Way-Ticket nach mirwurschtwohin und schlage mich dort als mirwurschtalswas durch. Den Rest werde ich schon nach und nach vergessen. Nur raus hier! Das erträgt doch kein normaler Mensch!

6,5 Minuten später finde ich mich furchtbar und schreibe anstattdessen dieses:

KLEINKINDLICHES DRAMA

Die Protagonisten:

  • Mutter
  • Vater
  • Kind (2 Jahre)

Akt 1.1 – Schlafzimmer

Oktober. Eigentlich golden, hier aber eher verhangen-trübe. Kurz nach Dämmerung. Schlafzimmer. Dumpfes Geblög aus dem Kinderzimmer ist zu hören.

(Kind:) Rabääääääääh! Maaaamaaaaa!!! KOMM! HIER! HER! Rabäääääääää!!!

Elterliches, allmorgendliches Umdrehen und krampfhaft-hoffnungsvolles Kopfkissen über die Ohren ziehen. Ich-will-noch-ein-bisschen-liegen-bleiben-Grunzlaute werden ausgetauscht.

Vater: … hrchmpf chüüüü (tut als würde er noch tief und fest schlafen)

Mutter: Das ist jetzt aber nicht dein Ernst?

Vater: …

Mutter (verärgert): Hallohooo?! Ich hab dich was gefragt, verdammt noch mal!

((Kind: Rääääääääääääääääääääääää! MAMA! PAPA!!! AUSSESLAFEN!))

Vater: (lunzt betont verschlafen unter dem Kopfkissen hervor): Was is’n?

Mutter (resigniert): Na was wohl? Deine Tochter ist WACH!

Vater: Und?

Mutter: Oh Mann, du kotzt mich echt total an!

Mutter ab. Vater zieht sich die Decke über den Kopf und stöhnt.

Vater (nuschelnd): … Jeden … verdammten … Morgen …

Akt 1.2 – Kinderzimmer

Schlafzimmer. Fast vollständige Dunkelheit. Ein kleiner Spalt Licht scheint durch die fast vollständig zugezogenen Verdunkelungsrollos. Das Kind liegt mit dem Kopf am Bettrand und schlägt „Mama“-schreiend die Beine gegen die Gitterstäbe.

Kind: MAMAMAMAMAMAMAMAMAMAMAAAAAAA… Oh! (sieht die Mutter) Hallo! (grinst)

Mutter (gähnend): Hallo, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?

Kind (Blick verdunkelt sich): MAMA! AUSSESLAFEEEEEEEEEEEN!

Mutter (in Panik geratend): Alles gut! Wir gehen jetzt ins Bad, ziehen uns…

Kind (Tränen herauspressend): NEEEEEEIN! NIS BAD GEHN! NEEEEEEIN! FRÜSTRÜCKEN!!!

Mutter (versucht Genervtheit zu verbergen): Wir gehen ins Bad und dann gehen wir Frühstücken.

Kind (kreischend): NEEEIN! NEIIIIIN! NEEEEEEEEIN! IS SPIEL NOCH!

Mutter: (-.-)

Das Kind nimmt sich ein Feuerwehrauto und beginnt – scheinbar betont vertieft – zu spielen. Die Mutter setzt sich frustriert auf’s Bett. (Alternativ: Die Mutter läuft ins Schlafzimmer und zieht dem Vater die Bettdecke weg).

Mutter: Wir gehen jetzt ins Bad. Wir müssen dich anziehen. Dann gehen wir frühstücken und in den Kindergarten.

Kind: NEEEEEEIN! MÖSTE NIS! DAHAUSE BLEIBEN!

Mutter: Jetzt gehen wir erstmal ins Bad.

Die Mutter nimmt das strampelnde Kind und trägt es ins Bad. Auf dem Weg geht sie im Schlafzimmer vorbei und hält das schreiende Kind dem Vater neben den schlafenden Kopf.

Akt 1.3 – Badezimmer

Mutter (betont spielerisch): So jetzt ziehen wir mal ganz schnell den Schlafanzug aus und…

Kind (tobsuchtwütend): NEEEIN! MAMA! NEEEEIN! (Die Stimme bricht) nis slafsug.. an.. siehn…!

Das Kind haut der Mutter mehrmals auf die Hände, wenn diese versucht, den Schlafanzug auszuziehen. Mit viel Mühe gelingt es ihr immerhin, das Oberteil auszuziehen.

Kind: Mickimaus ansiehn!

Mutter: Mickmaus ist noch nass, wir müssen etwas anderes anziehen, zum Beispiel das Kleid mit den Sternen.

Kind (herzzereißend weinend): NEIIIIIIN! MAMA!!! MICKIMA-MA-MA – (schluchz) – HUS A-A-N-SIE-HI-N!

Mutter (versucht die Ablenkungstaktik): Ohhhh, was haben wir denn hier? Was ist denn auf dem Buch drauf?

Kind (schlägt der Mutter das Buch aus der Hand): M-I-C-K-I-M-A-U-S  O-B-A-T-E-I-H-Ä-L ANSIEHN!!!

Mutter (harrsch): NEIN! BASTA!

Die Mutter zieht das heulende Kind an.

Akt 1.4 – Schlafzimmer

Der Vater schläft. Auftritt Mutter und Kind. 

Mutter: Ich muss mich jetzt auch anziehen.

Kind: NEEEEIN! NIS ANSIEHN! FRÜSTRÜCKEN! NETZ!

Mutter: Erst ziehe ich mich an und dann können wir frühstücken.

Kind: NEEEEEEEIN!

Mutter: Du kannst auch allein in die Küche gehen, ich komme gleich. (Mutter öffnet den Schrank)

Kind: NEEEEEEIN! SRANK SUUUU-MACHÄN!!! NEEEEINNN! NIS DOCH!

Vater: Hcccchmooopf… Och Manno!

Mutter (zum Vater): Du bleibst jetzt mal ganz ruhig!!

Vater: Zick mich halt nicht so an!

Mutter: Leck mich am Arsch!

Kind: Lek mis an As.

Mutter und Vater (zum Kind): NEIN! Das sagt man nicht!

Kind (lacht): Sat ma nis.

Akt 1.5 – Küche

Kind sitzt im Kinderstuhl am Küchentisch. Die Mutter sieht sich orientierungslos um.

Mutter: So. Jetzt können wir frühstücken. Was möchtest du denn essen?

Kind: Müsi.

Mutter (freudig): Fantastisch! Also Müsli… Wollen wir…

Kind: Nein! Nis Müsi! Noghurt essen!

Mutter: Joghurt? Okay, dann Joghurt. (holt den Joghurt aus dem Kühlschrank)

Kind: Aufmachen!

Mutter: Ja, bin doch schon dabei. (zieht den Deckel ab)

Kind: NEEEEEEIN! NEEEEEEEEIN! NEEEEEEEEEEIN! (bricht in Tränen aus)

Mutter (entgeistert): Was zur….?

Auftritt Vater.

Vater: Was ist denn hier schon wieder los?

Mutter: Ich habe – ehrlich – keine Ahnung.

Kind: NEIN MAMA! NIS NOGURTMÜSI! NIS AUFMACHEN!

(nach einigen Verständigungsproblemen stellt sich heraus, dass das Kind sich daran stört, dass die Mutter den Joghurtdeckel einfach abgemacht hat, anstatt dies das Kind tun zu lassen)

Vater (zum Kind): Möchtest du Müsli essen?

Kind (zum Vater): Ja, bitte Papa. (strahlt)

Mutter: …

Vater holt die grüne Plastikschüssel und will das Müsli in diese füllen.

Kind: NEEEEIN! NEEEEEEIN! NEEEEEIN, PAPA! NIS! IS MACH DAS! BAUE SÜSSEL!

Mutter (zum Vater): Ha-Ha! (grinst gehässig)

Vater (gibt dem Kind die blaue Schüssel, lässt das Kind das Müsli einfüllen): So. Mit Milch?

Kind: Ja, bitte Papa, Mis!

Vater holt die Milch aus dem Kühlschrank und gießt diese auf das Müsli. 

Kind (rastet vollkommen aus, fällt fast vom Stuhl, läuft blau an): NEIN! RABÄÄÄH! NEEEEEEIN! NIS! NEEEEEEEEEEIN!!! RABÄÄÄÄH (Flecken entstehen im Gesicht)

Vater und Mutter: ? ? ?

(nach einigen Verständigungsproblemen stellt sich heraus, dass das Kind sich daran stört, dass der Vater, die Milch einfach so auf das Müsli gekippt hat, anstatt dies das Kind tun zu lassen. Umständliche Umfüllaktionen – von der blauen ohne Milch wieder in die Grüne und zurück – sind wenig erfolgreich. Schließlich möchte das Kind doch Müsli MIT Milch.)

Ungefähre Dauer der Aufführung: 15 – 20 Minuten. Jeden verdammten Morgen.

16 Kommentare zu “Kleinkindliches Drama – 1. Akt

  1. Oh, wie gut ich das doch kenne! :) Nur, dass mein Kind nach geöffnetem Joghurt und eingeschüttetem Müsli weder noch essen will. Und auch sonst nix… Was hilft: Lasst das Kind selber machen. ALLES! Unser Sohn kann mittlerweile auch den Kühlschrank selber öffnen also muss ich nix mehr tun ausser die ausgeleerten in tausend Brösmeli verteilten Müslis wieder vom Boden zu klauben wenn er die Packung wie so oft fallen lässt. Hmm… was noch hilft: Geduld: Mit 3 Jahren sollte die Trotzphase überstanden sein. Ich warte. Noch.
    Ansonsten: Schön geschrieben! Und das mit dem Vater kennen wir doch leider auch alle. Schön, dass du dich wehrst! ;)

    • Mit 3 Jahren aus der Trotzphase raus? Wer hat Dir denn das Märchen erzählt? Mein Großer wird im Dezember 6 – und seit max. 6 Monaten bockt er nicht mehr so extrem. Dafür läuft mein kleiner mit 3 1/2 Jahren zu Hochform auf …

      Danke für den Text, moody. Ich kann ihn zu 100% nachvollziehen – und es ist tröstlich zu lesen, daß ich mit solchen Dramen nicht alleine stehe (inkl. Fluchtgedanken).

  2. Ach du scheisse o.O
    Ich glaub, ich bring meinem gar nich erst sprechen bei… Das is doch mal n plan ^^

    Liest sich zwar superlustig, aber mitmachen möchte ich da nicht. Zumindest nich jeden morgen ;-)

  3. hm … klingt für mich weniger nach kleinkindlichem drama, sondern eher nach partnerschaftlichem drama. akt 1.1 klingt nach der tragödie höhepunkt. also, mein persönliches drama wäre das zumindest …

    • stimmt, so kann man das auch lesen. wir haben irgendwann mal das abkommen getroffen: alles, was nachts oder bis 1,5 Stunden nach dem Aufstehen passiert, wird dem jeweils anderen nicht nachgetragen. Wir sind einfach beides total Morgenmuffel. Deswegen ist das nicht ganz so dramatisch wie es auf den 1. Blick wirkt ;-) Es ist sehr selten, dass sich daraus dann noch eine weiterführende Diskussion ergibt.

  4. +ooooohhhhhhhhhhhhhhhhhmmmmmmmmmmmmmmmmmm*

    Danke für den Post :) Ich hab sehr schmunzeln müssen, super geschrieben.. In dem Moment wars sicher alles andere als lustig und ich kann super nachvollziehen, dass man dem Papa dann schon morgens so blöd kommt. Kenn ich auch, meiner verpennt auch einfach alles und überhört jeden Piep! (in echt jetzt!!) Kopf hoch! ;)

    Oh wei.. meiner ist fast 19 Monate und es dauert nicht mehr lange, dann geht das auch bei uns los. O.O
    Ich genieße dann mal noch ein wenig das ewige und nicht aufhörende „da!!?!?!?daaaaaa!!???!?“

    LG Stephie

  5. Wenn das kein Klassiker der Dramatik wird.
    Schön geschrieben,was sich in der Realität bestimmt genau gegenteilig anfühlt.Macht unglaublich Vorfreude auf die noch kommenden Trotzphasen vom kleinen Wusel(obwohl :Wickeln sorgt jetzt schon für zorngerötetes Gebrüll).Kann man da nicht irgendwo auf Vorlauf drücken???Es gibt doch heutzutage für alles ’ne Taste;)…Liebe Grüße und gute Nerven weiterhin!

  6. Uiuiui. Gut, dass ich mein Blog begann als der Kleine Mann bereits 3 1/4 Jahre alt war, sonst wäre ich aus diesen Szenen gar nicht mehr rausgekommen.
    Aber, ich sags mal aus eigener Erfahrung: es wird ab 3 wirklich TENDENZIELL besser. Also zumindest mehr oder weniger. Also: Ohren zu, tief durchatmen und….. 2. Akt!
    Liebe Grüße: Mama007

  7. Das wsr sehr sehr lustig, auch wenn die sache im kern natuerlich ernst und nervig ist. In der suedfeutschen zeitung ist dieses wochende ein artikel zum fruehaufstehzwang fuer schulkinder. Ebenfalls sehr lustig, aber leider auch mit der aussicht, dass es nicht besser wird. Wenn das kind laenger schlafen wuerde, musd es stattdessen in die schule.an dieser stelle ein lob auf meinen freund, der sich das aufstehen mit mir teilt. Hurra und schoenen sonntag

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