Kleinkind-Terror

(oder: sich „richtig“ verhalten gegenüber dem Kind)

Ich verhalte mich meinem Kind gegenüber menschlich. Das ist mir wichtig. Ich halte nicht viel davon, irgendwelche Normen einfach zu übernehmen und mich „elternmäßig“ zu benehmen. Also Dinge irgendwie zu tun, weil ‚man‘ sie halt so macht oder machen muss. Ich versuche mich immer mehr wegzubewegen von dem ‚man‘-Denken. Ich möchte nicht, dass mein Kind zu einer möglichst perfekt angepassten, nichts hinterfragenden Hülle wird. Ich möchte gern, dass mein Kind ein selbstständig denkender, vernunftbegabter, interessierter Mensch wird.

Mein derzeitiges Problem: Es fällt mir schwer, mich in bestimmten Situationen überhaupt irgendwie zu verhalten. Gemeint sind Situationen, in denen sie sich recht wenig menschlich (genau genommen ist es wahrscheinlich sogar sehr menschlich… Also sagen wir lieber sowas wie:) „sozial“ verhält – ja, mir ist klar, dass sie mit 27 Monaten nicht annähernd eine Vorstellung davon hat, was dieses Konstrukt bedeutet und mir ist auch klar, dass sie das faktisch gar nicht können kann. Es geht um  das, was allgemein häufig als ‚Trotz‘ bezeichnet wird. Es geht um Abgrenzung, unterschiedliche Bedürfnisse, Grenzen, um all sowas geht’s. Theoretisch.

Ganz praktisch geht es aber um: „Jetzt komm verdammte scheiße nochmal bitte her!“ oder auch: „Du musst Ich will dir jetzt aaaaaaaaaaaah! ichdrehdurchichwerdwahnsinnig!  bitte deine Jacke anziehen, es ist himmelarschundzwirn kalt draußen!“ und ich bekomme gleich einen Wut- oder Heulanfall, wenn ich daran denke, dass wir bereits vor einer 3/4 Stunde in der Kita sein wollten und noch Schuhe, Handschuhe, Schal und Mütze vor uns liegen! Gerne auch: „Bitte! Lauf! Jetzt! endlich Weiter!“ oder ich raste gleich echt aus. genau JETZT werde ich nämlich gerade wahnsinnig. einszweidreivierfünfsechssiebenachtneunzehndreitausend. aaaatmenaaaaatmenaaaatmen-zähneknirsch-zähneknirsch-zähneknirsch oder: „Kannst du nicht wenigestens ein verpisstes kleines Stück von diesem Essen kosten?“ Ich koche nie wieder für dich! nie! wieder!

Ja, ich habe wahrscheinlich ziemlich hohe Ansprüche an mich. Das bekomme ich jedenfalls immer wieder zu hören. Aber: Es geht mir nicht darum, eine perfekte Maaaamiiii zu sein. Gar nicht! Es geht mir darum, meine eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen und trotzdem auch denen des Kindes gerecht zu werden. Es geht mir darum, nicht (oder so selten wie möglich) in irgendeiner Entwicklungsphase total den Müll zu bauen, unter dem dann sie als großer Mensch, wir als Familie oder, oder, oder zu leiden hat. Es geht mir auch darum, zu berücksichtigen, dass es kein falsch oder richtig gibt. Also keinen DEN Umgang mit einer bestimmten Phase oder Situation. Keine Knöpfe, die man drücken kann, um Kompetenzen/Fähigkeiten wie Denken, Empathie oder Toleranz freizuschalten. Ich will authentisch sein und nicht manipulativ oder sonstwas. Ich will fair sein, meine elterliche Machtposition nicht ausnutzen und meinem Kind keine Traumata einpflanzen.

Nur: Wo fangen die an und wo hören die auf? Ist es schon grenzwertig, wenn ich in einer Phase, in der sie abends nicht in s Bett will, abends das Licht in ihrem Zimmer ausmache, weil ich a) einfach Feierabend haben will und sie b) auch tatsächlich hundemüde ist? Finde ich es eigentlich okay, diese „Na  gut, dann muss ich halt alleine gehen“-Taktik anzuwenden, wenn sie sich standhaft weigert, weiterzulaufen. Ist das nicht schon Manipulation? Darf ich Lockmittel einsetzen, wenn ich keine Lust auf Kampf habe oder ist das verurteilenswerte Bestechung?

Aber ich muss mir gerade echt selbst eingestehen: Einem Kleinkind in der Trotzphase kannst du einfach nicht mit logischem Menschenverstand begegnen. Und ich frage mich ernsthaft: Mit was denn dann? Ich habe dafür wirklich keine Lösung. Als Mutter, meine ich. Ich kann mit Kindern sehr gut umgehen, die nicht meine eigenen sind. Auch mit deren Trotz kann ich gut umgehen, weil der sich – so ist meine Erfahrung – ‚Fremden‘ gegenüber niemals so extrem zeigt wie gegenüber den eigenen Eltern. Ist ja auch gut so! Juul sagt, es sei wichtig, eine „persönliche Sprache“ zu nutzen, wenn man mit seinem Kind zu spricht. Also keine leeren Formulierungen wie „Kannst du eigentlich nie aufräumen?“ oder auch: „Super!“. Er sagt auch: Es ist richtig und wichtig, dem Kind seine Grenzen zu zeigen. Das entspricht ziemlich dem, was ich eingangs erwähnte: Menschlich sein. Aber: Kleinkinder sind Egoisten, Egozentriker und Narzissten in einem! (Und das ist gut und wichtig so, ihre Entwicklung betreffend.) Insofern bringt mich das nur halbwegs weiter.

Während mein Kind freudig und impulsiv ihre Grenzen entdeckt und auslotet, bringt mich das eindeutig an meine. Weil ich schlicht keine Lösung dafür habe. Weil ich immer trotzdem versuche, sie so gut wie möglich nachzuvollziehen. Und das Problem ist: Ich kann es! Ich kann sie meistens sehr gut nachvollziehen! Klar, sie will nicht aus der Kita nach Hause gehen, weil sie dort gerade noch etwas Spannendes macht. Verstehe ich, ändert aber nichts daran, dass ihre Betreuungszeit 16 Uhr zu Ende ist und ich mit ihr nach Hause will, wenn ich sie abhole. Klar, will sie manchmal nicht essen, was ich gekocht habe, weil’s ihr nicht schmeckt oder sie keinen Hunger hat oder sie was anderes essen will. Ändert aber nichts daran, dass ich für sie gekocht habe und es mich ankotzt, wenn sie das dann nicht isst. Klar, sie will manchmal nicht weiterlaufen, weil sie was Spannendes entdeckt hat, müde ist, ihre Füße weh tun oder sie einfach nicht weiterlaufen will. Ich kann ihr Verhalten nachvollziehen und sehe trotzdem meine Grenzen. Ich hab nicht die Geduld! Ich halte es nicht aus, 45 Minuten für 700 Meter Weg von der Haltestelle bis zur Haustür zu brauchen, begleitet von 30 Schreiattacken. Und trotzdem sehe ich es nicht so, dass es ihr Fehler ist. Und das bringt mich erst Recht an meine Grenzen! Könnte ich all das gelassen hinnehmen, wenn ich selbst „einfach“ gelassener wäre?

Was macht das, was ich mit meinem Kind mache, mit meinem Kind??? Welche Auswirkungen hat welche Handlung? Welche Grenzen sind gut und welche sind zu viel? Wann braucht mein Kind Begrenzung, wann nicht? Wann macht es Sinn, meine Sicht oder meinen Willen durchzusetzen und wann nicht? Welche Normen muss ich ihr vermitteln, dammit sie klarkommt?

Das ist, was ich mit Kleinkind-Terror meine: Mehr als das Verhalten (m)eines Kleinkindes, was einfach in der Tat tierisch anstrengend für mich sein kann, ist es mal wieder mein Kopfwust, der mich terrorisieret. All diese Dinge, denen ich gerecht werden will und die ich „richtig – will heißen: begründet und durchdacht – machen will, weil das einfach mein Anspruch ist. Wenn mir da jemand kommt mit „Intuition“, dann kann ich nur sagen: Das ist meine Intention und meine Intuition. Genau so, wie ich durchdenke, was ich kaufe, was ich esse, mit wem ich mich umgebe, was ich gern tue, wie ich die Welt sehe und was ich scheiße finde oder auch, wie die Beziehung zu meinem Partner ist und ob ich da fair bin, wo Probleme sind, durchdenke ich auch das Zusammenleben mit und das Verhalten gegenüber meinem Kind. Das kann (und will) ich auch nicht ausschalten, obwohl es anstrengend ist und trotz der frustrierenden Gewissheit, dass es „die Lösung“ und „das richtige Verhalten“ nicht gibt.

Vielleicht ist es genau das, was Mensch von seinen Kindern lernen kann und sollte: Richtig gibt’s nicht. Du musst deinen Weg allein finden. Und es vor allen Dingen schaffen, zu ihm zu stehen. Amen.

*Jesper Juul (2009): Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie, rororo
Jesper Juul (2008): Nein aus Liebe. Klare Eltern – starke Kinder, Kösel-Verlag

7 Kommentare zu “Kleinkind-Terror

  1. hast du mal karp gelesen? ich noch nich, aber bisher hab ich nur gutes gehört :) und das in den schlaf schuschen hat bei uns gut geklappt.
    http://www.amazon.de/Das-glücklichste-Kleinkind-Welt-Trotzphase/dp/3442171253/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1359063223&sr=8-1

    ich werds noch kaufen und ich bin immer noch dafür, dass wir hier die trotzphase einfach auslassen ^^
    (und der mann meinte schon letzte woche 1x zu mir, ich würde schwanger aussehen ^^ das geht scheinbar echt sehr viel schneller jetzt ;) )

  2. Ich kenn das so gut – dieses Hin- und Hergerissen sein. Das Kind verstehen und trotzdem selbst am Rad drehen. Gleichzeitig der Kopfwust, der so viele Dinge flüstert. Das Abwägen zw. eigenen Bedürfnissen und denen des Kindes. Mir gefällt deine Antwort ganz am Schluss. Liebe Grüße.

  3. unser weg sieht folgendermaßen aus:
    ich koche nur das, was der igel mag. (zum glück deckungsgleich mit meinen gelüsten, hehe.) es ist enorm (!) wichtig, dass er gerade abends möglichst etwas isst, da einer leerer magen verheerende folgen auf unseren nachtschlaf hat.
    wenn er aber nichts essen möchte, ess ich halt alleine weiter und lese, während er spielt, flitzt…und irgendwann meist doch nochn paar happen isst.

    thema laufen: wenns schnell gehen muss, trage ich ihn, auf der hüfte oder auf den schultern.
    (ich war neulich 4std mit ihm auf der hüfte im elbsandsteingebirge „wandern“ – meine arme konnten nicht mal mehr zittern vor erschöpfung.)
    wenn er was bewundern will – stehe ich ne weile rum und dann sehe ich weiter hinten nen viiiiiiel interessanteren kackehaufen zu dem wir dann rennen können.
    wenn er nicht laufen möchte – tragen, s.o.

    letztendlich versuche ich kraftschonend mit ihm über die runden zu kommen.
    wenn das heißt, dass er zum morgendlichen anziehen entweder 2,5h braucht oder wir gucken dazu katzen-videos auf youtube – läuft unter der woche youtube und am wochenende hüpfen wir bis nachmittags im schlafanzug rum.
    sicher nicht pädagogisch wertvoll, vermittelt nix usw…aber ich glaube ganz fest daran, dass er sich in 18jahren auch ohne kätzchen-videos anziehen kann (und wenn nicht – who cares?). pädagogisch grottiger wären sicher meine brüllenden, das kreischende kind mit aller gewalt festhaltenden anziehversuche – bei denen wir am ende beide verloren haben.

  4. du sprichst mir sowas von aus der seele!!! “ Weil ich immer trotzdem versuche, sie so gut wie möglich nachzuvollziehen. Und das Problem ist: Ich kann es! Ich kann sie meistens sehr gut nachvollziehen! “ – genau, genau, genau! :)

    “ Mehr als das Verhalten (m)eines Kleinkindes, was einfach in der Tat tierisch anstrengend für mich sein kann, ist es mal wieder mein Kopfwust, der mich terrorisieret. All diese Dinge, denen ich gerecht werden will und die ich “richtig – will heißen: begründet und durchdacht – machen will, weil das einfach mein Anspruch ist.“ – so isses, so isses, so isses!!!!!!! :)

    Und der kommentar von kraehenmutter ist auch toll.

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