Leistung, Baby!

Hach. „Schön“. Aus gegebenem Anlass mal wieder eine ordentliche Selbstzerfleischung:

Ich habe ein Leistungsproblem. Ich habe Probleme mit Erwartungen. Ich habe Probleme mit festen Terminen, Deadlines, Treffen… kurz: Ich habe ein Problem mit all den Situationen, in denen ich zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort anwesend sein muss und in denen etwas Bestimmtes von mir erwartet wird. Sei das nun schlichtweg anwesend zu sein, still auf einem Stuhl zu sitzen ohne auf’s Klo zu gehen, ein Referat zu halten oder gemeinsam einen Tee zu trinken und Smalltalk zu führen. Das fängt beim Arztbesuch an, geht beim Treffen mit Freunden weiter und hört bei Referaten und Prüfungen nicht auf. Ich will ‚herausragend‘ sein, wollte ich schon als kleines Kind, soweit ich weiß. Ich kann nichts einfach ruhig angehen, locker-gelassen sehen oder Dinge auf mich zukommen lassen. Ich will die Dinge besser machen, um mir selbst zu beweisen, dass ich ‚was wert‘ bin (?)

Ich mag keinen Sport und kein Mathe. Ich hasse das geradezu. Ich befürchte, dass das nur daran liegen könnte, dass ich weiß, dass ich darin niemals ‚toll‘ sein werde. Ich habe Probleme mit Anerkennung. Ich brauch sie, ich will sie und ich hasse es, davon abhängig zu sein. Ich versuche, darauf zu scheißen, aber es klappt nicht. Ich passe mich an, ich stecke ein. Mein verdrehtes Ich versucht so zu sein wie es denkt, beim Gegenüber gut anzukommen. Und ich verabscheue ‚es‘ dafür.

Anpassungsstörung. Leistungsangst. Grübelzwang. Übersteigerte Erwartungen an sich selbst. Perfektionismus… Dem Scheiß einen Namen zu geben macht es nicht zwangsläufig besser.

Die Erwartungen, die hohen Ansprüche, der Perfektionismus: Das alles kommt nicht von außen, sondern aus mir selbst. Manchmal denke ich, dass das noch viel schlimmer ist als würden die Dinge von außen an mich herangetragen werden. Dann könnte ich mir wenigstens denken: „Leckt mich doch!“ Problem: Ich hab’s nicht im Griff. Überhaupt nicht. Ich bin mir über diese Dinge bewusst. Ich sehe das kommen. Ich spüre es ganz deutlich. Immer. Und ich finde es total irrational! Aber es passiert mir trotzdem. Immer wieder. Und ich verurteile mich (zusätzlich zu dem Stress, der mich belastet) dann auch noch selbst, weil ich mich so stresse, obwohl ich das nicht will. Weil ich mich/das nicht im Griff habe. Weil ich nicht entspannt sein kann. Weil ich aus einer Mücke einen Elefanten mache. Wie immer. Weil sich einfach nie wirklich etwas ändert. Bäh! Bäh! Bäh!

Und dann kommen die ganzen tollen Ratgeber mit den Klischee-Tipps wie Autogenes Training-progressive Muskelentspannung-schöne Gedanken machen-ausreichend Schlaf-Sport-Stopp denken-Yoga-Pilates-Hobbys-Zeit für sich-warme Wanne-Ingwertee-bla bla bla… Die ganze Wellness-Industrie gibt alles, um mich einzufangen. Aber: Das bringt nichts. Selbst wenn manche dieser Sachen mich in den Momenten kurz abholen, in Stress-Situationen reagiere ich genau so beschissen wie immer. Dazu sitzen die Verhaltensmuster einfach zu tief:

Dann überfallen mich nämlich Fluchtgedanken, sobald ein Termin ansteht. Egal wie klein oder groß die Termine sind und ich kann dem Fluchtreflex kaum widerstehen. Ich stehe immer unter Druck und will mich dem am liebsten gar nicht aussetzen. Bei den Kleineren (Arzt, Seminare, Vorlesungen) schaffe ich es mittlerweile oft – auch dank Therapie – mich zusammenzureißen und mich zu überwinden, nicht dauernd aufzuschieben, abzusagen, zu verdrängen… Beim Arzt „muss ich da halt durch“, beim Treffen mit Freunden sage ich mir, dass es „mir letztendlich gut tut“. Mich kotzt es an, dass es mich nach wie vor so viel Überwindung kostet.

Kritisch wird das Ganze dann, wenn zu dem inneren Dauerdruck tatsächlich einer von außen hinzu kommt. So wie im Moment: Nächste Woche ist Projektabschluss, Semesterende und ich muss ein Referat halten. Alles keine großen Dinger, aber ich leide darunter echt extrem! Ich kann einfach nicht mit dem Stress umgehen, der dadurch bei mir entsteht. Ich verfalle in eine ‚Schockstarre‘, in der ich zum vollkommen überreizten Nervenbündel mutiere. Ich bin dann nur noch dazu fähig, entweder a) etwas für die ’so schrecklich stressigen‘ Dinge zu tun oder b) mich ohnmächtig, erschöpft und krank zu fühlen und gar nichts zu tun. Ich vernachlässige Freunde, Beziehung, Kind, Hobbys, alles das, was mir gut tun würde und verfalle in depressive Löcher. Ich hab gelesen, dass das eigentlich logisch ist, wenn der Kopf nie Ruhe gibt und man sich selbst auch Erholung nicht gönnt, weil man ständig das Gefühl hat, man müsse noch mehr ‚leisten‘. Man ist quasi geistig überlastet und alles, was darüber hinaus geht, ist dann einfach zu viel. Ja, so fühlt sich das auch an.

Selbst da schleicht sich die blöde Tante wieder ein: „Pffft! Erholen! Wovon sollst du dich denn erholen?!“ Ich bin mein schlimmster Feind!

Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will dann niemanden sehen und mich am liebsten verkriechen. Ich habe jetzt bereits seit mehreren Wochen außerhalb meiner Familie und der Uni niemanden getroffen. Ich bin einfach zu fertig, kann mich nicht motivieren. Ich kann bei nichts Spaß empfinden und kaum etwas ertragen. Eigentlich geht nur: Mit mir allein sein, lesen und schreiben. Spaß zu haben, abzuschalten fällt mir ja auch im ‚Normalfall‘ schon schwer. Ich weiß oft nicht, warum ich jemanden treffen sollte, weil ich oft nicht weiß, was es zu erzählen gäbe. (DU! würden meine Freunde jetzt sagen, die nie die Klappe hält und aus dem Reden nicht rauskommt! Hör auf zu spinnen!) Ich habe einfach nicht die Kraft und auch nicht ‚das passende Ich‘ parat, um positiv und damit eine ‚angenehme Gesellschaft‘ zu sein, was heute aber irgendwie – so fühlt es sich an – ständig von einem erwartet wird. Ich fühle mich blöd, wenn ich das meinem Gegenüber nicht geben kann. Eine selbstsichere, positive, authentisch-kritische Spaßkanone hat Mensch zu sein. Die Problemchen und Wehwehchen können gern Zuhause im Tagebuch bleiben. Ich fühle mich manchmal als wäre ich ein einziges Problem! Ich will keine Ningeltante sein. Ich halte diese bescheuerten Probleme für… bescheuert halt. Ich will sie weglöschen, nicht mehr überfordert, ständig müde und erschöpft sein. Ich will einfach sein. So sehe und denke ich mir das Leben. Aber mein Ich zieht nicht mit, das Arschloch.

Die Beschreibung klingt jetzt wieder nach überehrgeiziger Karriere-Muddi. Aber so ist das nicht. Ich will keine Bosse bedienen oder so’n Scheiß. Ich will auch nicht, dass andere denken, dass ich eine Supermami bin. Es geht eher darum, dass mein Ich anscheinend eine panische Angst davor hat, sich selbst beim ‚dumm‘ oder schöpferisch untätig sein zu erwischen. Es geht um ‚Smartness‘, darum, gebildet, schlau und allwissend zu sein. Nicht, um das jemandem auf’s Brot schmieren zu können, sondern um mir selbst gerecht zu werden. Ich erwarte und will das einfach von mir. Und überfordere mich damit total, auch weil ich weiß, dass das unmöglich und unerreichbar ist. Aber so ein kleines bisschen Genialität muss doch drin sein, verdammt nochmal!

Hier liegt des Pudels Kern: In dem Moment, in dem ich ‚da draußen‘ an einer ‚einfachen Aufgabe‘ oder Anforderung ’scheitere‘, ist das der Beweis: Ich bin dumm, weil faul und untätig und einfach stinknormal… (Einmal Selbstauspeitschen bitte!) Ich bin genau so elendig dumm, wie der Großteil der verdammten Menschheit! Und ich bin nicht … (was auch immer) … genug, um etwas dagegen zu unternehmen.

Ja, ich! Nimm das und deal with it.

3 Kommentare zu “Leistung, Baby!

  1. Oh, das kommt mir so bekannt vor. Optimierungszwang, terminphobie, rechtfertigung der eigenen existenz durch staendiges wastun, keinet lust auf sozialbla und aerger darueber, dass man nicht ueber sichl selbst hinwegkommt, immer alles auf dieser metaebene betrachtet. Rezepte dagegen habt ich keine, seI geduldig mit dirk, freu dich ueber die kleinen schritte,.due due machst und wisse, du bist nicht allein.

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