Kindermund (11): „Unvedingt!“

  • Überhaupt gor nis!„. „Überhaupt“ war überhaupt das überhaupt wichtigste Wort von P. im Februar: „Is hab überhaupt gor keine Lust, will nis in den Kindergordn geeeeehn!“ zum Beispiel.
  • P. hat ein neues T-Shirt an. K. kommt nach Hause und sagt zu ihr:

    K: Du hast aber ein schickes T-Shirt an!
    P: Ja, Papa, sehr ungewöhnlich.

  • Die schrecklichste sprachliche Neu-Gewohnheit war P.s „WASSS?“ nach jedem 2. Satz, den wir zu ihr sagen und zwar etwa 7 Mal hintereinander. Am besten war dann der Dauer-Dialog:

    V: Wir gehen gleich einkaufen.
    P: WAS?
    V: Sag nicht ständig ‚Was‘!
    P: Was?
    V: Ich möchte nicht, dass du immer ‚Was‘ sagst!
    P: Ich will was sagen!
    V: Na dann sag doch was.
    P: WAS?
    V: (-.-)

    Getopt werden konnte es nur zum Ende des Monats durch das formvollendete „Hä?

  • Ich wechsle P. die Windel, werfe die (nicht wirklich volle) Windel Richtung Mülleimer. P. ruft vollkommen entsetzt: „Nein Mama! Das darfst du nis! Nis werfen! Die muss in Mülleimer, die Windel! Da wohnt die!“ 
  • „Ich brauch noch was holen! Unvedingt!“
  • Beim morgendlichen Kakao-Trinken spürt P. etwas nasses am Mund und sagt: „Hö? Guck mal, Papa, is hab ein Kakao-Baaat!
  • V: Wollen wir den Tisch decken?
    P: Neeeeeeein! Nis Fisch essen!
  • Wir fahren ans Meer. Es liegt Schnee. Wir steigen aus dem Auto aus.

    V: So, P. Jetzt sind wir am Meer.
    P: Badehose anziehen! Alle nackis ausziehn, ja?

(Es war Februar 2013, das P. war 28 Monate alt.)

Kinder sind doch nicht…

… ständig unzufrieden.

Dieser Gedanke kam gerade kurz nach dem Frühstück. Eine Ecke meines Ichs dachte offensichtlich mal wieder an „Oh Mann, heute Nachmittag… Was machen wir denn? Seit Tagen machen wir irgendwie nicht wirklich was. Aufstehen, anziehen, Frühstück, raus zur Kita, von der Kita abholen, nach Hause, ein bisschen Spielen, Laura gucken, Abendessen, Bett. Armes P.“ – „Schwachsinn!“ dachte sich das Contra. Denn am Dienstag hatten wir zum Beispiel laaaange Besuch und Mittwoch gehen wir zur Musikgruppe mit anschließenden Spielen im Indoor-Spielplatz. P. wirkt ausgeglichen, davon abgesehen, dass sie nicht in die Kita will morgens (dann aber doch Spaß hat). Kinder brauchen nicht ständig Abwechslung, regelmäßige Abläufe geben ja auch Sicherheit. „Du und deine scheiß Komplexe!“

Mein Kind erwartet nicht ständig etwas Anderes oder Besseres von mir.

Ich hab mich erwischt! Ich unterstelle meiner kleinen zweijährigen Tochter den gleichen gedanklichen Mist wie dem Rest der Menschheit. Ich habe ständig ein schlechtes Gewissen, weil sich ein Teil von mir einbildet, „die Anderen“ würden irgendwas von mir erwarten. Mehr rausgehen, mehr abends weggehen, mehr Kunst, mehr cool, mehr relaxt, mehr Erlebnisse, mehr mehr mehr… Eigentlich weiß ich, dass das Quatsch ist (meistens) und eigentlich will ich, dass mir das egal ist, denn meine Werte sind das nicht. Aber diese Komplexe habe ich schon seit ich denken kann. Und jetzt denkt es sich also auch in mir, dass mein Kind Dinge von mir verlangt, die ich nicht bringen kann. Und dann geht mein Ich in seine trotzige „Nö, will nicht… Ich kann das nicht.“-Haltung und mich plagt unverzüglich das schlechte Gewissen…

Oh Mann, verkorkstes Ich! Das, was man kleinen Kindern bei all dem Trotzverhalten ja wirklich hoch anrechnen kann ist, dass sie ihren Eltern bedingungslosen Liebes-Kredit geben. Kindern nehmen uns Eltern doch im Prinzip (bis zu einem bestimmten Alter) genau so wie wir sind, ohne zu hinterfragen, warum wir so sind oder dies oder das tun oder lassen… Das soll uns nicht davon befreien, zu reflektieren, was wir tun. Aber wir sollten kein schlechtes Gewissen haben, weil wir meinen, unsere Kinder würden überzogene Erwartungen an uns stellen. Schon der Rest der Menschheit hat wenigere an uns als wir uns einbilden, wir sind ja nicht der Nabel der Welt. Aber die Einbildung klappt hier ganz gut und ist schwer zu überwinden. Aber hey! Kinder! Kinder sind vermutliche einige der wenigen Menschen, die tatsächlich frei von Erwartungen anderen Menschen gegenüber sind… Also: Schlechtes Gewissen? Bitte nicht aus dem Grund!