Nervöser Seelentanz

It’s Seelenstriptease-Time:

Ich bin allgemein gerade recht gut mit Kitsch angefüllt… Bin froh, über mein P. und das kleine T. in meinem Bauch und auch K. – selbst im schnief-trief-Zustand – und das Studium, obwohl es so viel ist. Ich stehe gerade fest in meinem/unserem Leben und sehne mich nicht nach einem anderen. Das ist echt gut.

Allerdings: Es kristallisiert sich da eine Sache heraus, mit der ich nicht mehr bereit bin, einfach so weiterzuleben. Weil es nervt, weil es mich einschränkt, weil es mich fertig macht, weil es mich so sehr ankotzt. Ich bin hypernervös. Dauernd und ständig, vollkommen überreizt. Aber mal von vorn…

Schon in der Kindheit hat, soweit ich mich erinnern kann, vor wichtigen Prüfungen, Auftritten und Dates mein Magen-Darm-Trakt verrückt gespielt. Wenn etwas anstand, kam ich nicht vom Klo runter. Das war für mich nie so schlimm, es war nervig, aber ich hielt das für normal und habe nicht weiter darüber nachgedacht. Zu Zeiten der Band gehörte Perenterol wie selbstverständlich zu unserer Reiseapotheke, weil wir vor den Auftritten durchaus alle so unsere Probleme damit hatten.

Ab dem Zeitpunkt der Pubertät – Zeit der erste Freunde und Auswärts-Übernachtungen – wurde das etwas stärker, ich hatte schon mehr Probleme damit. Ich war wahnsinnig nervös vor diesen Dates und fühlte mich eigentlich unwohl, bei (frischen) Freunden zu schlafen, weil ich mich vor Nervosität am liebsten auf dem Klo einquartiert hätte. Da ging das auch schon auf den Kopf über. Erst kam die Nervosität, dann kam der Magenkrampf, dann kam die Angst, die ganze Zeit auf dem Klo zu hocken. Auch im Rahmen der Auftritte wurde das schlimmer. Die Sache mit dem Magen verstärkte mein Lampenfieber und als die Spannungen auch in der Band größer wurden, ebenso wie der Erwartungsdruck von außen und der, den ich mir selbst machte, war es ganz schlimm. Zu der Zeit bekam ich meinen ersten richtigen Schub. Das ging soweit, dass ich eigentlich gar nicht mehr vor die Tür wollte, dass mir das Einkaufen (weil Schlange und keine Toiletten) zu viel war und ich mich eigentlich sofort unwohl fühlt, sobald ich das Haus verließ.

Um die Zeit rum wurde bei mir nach einer ewigen von Arzt zu Arzt-Rennerei schließlich Morbus Crohn diagnostiziert. Ich habe eine medikamentöse und eine Verhaltens-/Gesprächstherapie angefangen, um damit besser zurecht zu kommen und hey! heute kann ich wieder einkaufen gehen und bin recht gut eingestellt. Jedenfalls habe ich keinen Schub. Aber der psychische Knacks, der ist geblieben.

Was war zuerst da? Der Knacks oder der Darm? Mittlerweile ist das ein elendiger Teufelskreislauf… Sobald etwas ansteht – und es ist echt egal, was es ist – bin ich nervös. SEHR nervös! Das fängt an bei Treffen mit Bekannten, geht beim Einkaufen mit Freunden und Terminen beim Arzt weiter und steigert sich bei Prüfungen und zu haltenden Referaten ins unerträgliche. Ich bin so furchtbar nervös, dass sich mir der Magen umdreht und ich am liebsten Wegrennen will. Die Nervosität schlägt mir wieder auf den Bauch und das führt dazu, dass ich mich noch unwohler fühle/noch nervöser werde, weil ich mich so unsicher fühle… (Was ist, wenn ich jetzt aufs Klo muss?) Immer, wenn ich auf dem „Präsentierteller“ sitze, fängt dieser Kreislauf an und – verdammt – ich krieg es nicht in den Griff!

Hunderttausende Male habe ich versucht, mir einzureden, dass ich nicht nervös sein muss, vor der Routineuntersuchung beim Frauenarzt. Dass ich bisher noch jedes Referat geschafft habe (ja, sogar sehr gut darin bin) und ich mich danach immer geradezu euphorisch fühle. Dass ich mich (beim Treffen mit Freunden z.B.) doch eigentlich freuen will. Dass die Situation nicht „schlimm“, entscheidend oder sonstwas ist und die Nervosität insofern in keinster Weise angemessenDass ich mich/die Situationen nicht so überbewerten will… Dass die Nervosität weg ist, sobald ich in der Situation drin bin.

Ich habe Baldrian probiert (nichts gebracht), Johanniskrautkapseln (nicht vertragen), Tees, autogenes Training (nicht wirklich effektiv), Atemübungen, rote Autos zählen, ablenken, an was Schönes denken, mich selbst stark machen, … Ich hab Tabletten mitgehabt und die präventiv geschluckt, …

Aber es hilft nichts!

Es kotzt mich so so so an, im Wartezimmer des Pränatalzentrum zu sitzen und vor Nervosität schwitzige Hände und einen nervösen Darm zu haben. Und ich weiß nicht mal warum. Ich weiß nur, dass ich eigentlich nicht nervös sein muss und will! Reizdarm nennt man das dann wohl. Eigentlich habe ich Angst vor der Angst-Reaktion. Ich habe nicht mehr Angst, dass ich dort ausgelacht werde oder nicht „bestehen“ kann, sondern dass ich meinen verdammten Körper nicht im Griff habe und „abbrechen“ muss. Ich kann mir dann sagen, dass selbst wenn das passieren würde, es halt einfach so wäre und es auch dann kein Weltuntergang wäre. Davon mal ganz abgesehen ist das noch nie (!) in einer entscheidenden Situation passiert. Wie gesagt: Sobald ich in der Situation drin bin, ist die Nervosität in 90% der Fälle weg und ich bin sehr souverän. Auch bei Prüfungen, Auftritten, Vorträgen. Ich ärgere mich darüber, denn ich denke, ich könnte sogar eigentlich in einem Bereich arbeiten, in dem ich präsentieren muss. Aber durch diese Sache ist das für mich unvorstellbar.

Diese Nervosität vor den Situationen, die macht mich völlig verrückt! Die ständige Anspannung führt dazu, dass ich total überreizt bin und am Ende eines Tages oft total fertig. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht damit zu tun habe. Ich vergrabe mich lieber zu Hause, weil soziale Situationen einfach so anstrengend sind für mich. Jede soziale Situation bedeutet Überwindung für mich, ich kann mich auf nichts freuen. Das ist wirklich verdammt anstrengend und schade, weil ich eigentlich sehr kommunikativ und durchaus auch gut mit den meisten Menschen klar komme. Ich bin nicht schüchtern und nicht leise, aber…

…das Problem ist vermutlich vorrangig mein Selbstwertgefühl. Das ist in Wirklichkeit wohl ziemlich klein und die Angst vor Abweisung und „Versagen“ ziemlich groß. In mir sind Stimmen, die sind hämisch und zynisch und die machen mich dauernd runter. Die begleiten mich seit 20 Jahren und sind nicht einfach auszuschalten. Mittlerweile sind sie separiert, die sind nicht mehr ich. Aber sie sind halt da. Deshalb wird jede soziale Situation zur Prüfung für mich. Soziale Situationen haben immer was mit Bestätigung meiner Person zu tun… Dabei will ich das gar nicht! Ich habe das Gefühl, etwas in mir denkt, ich würde sofort zusammenbrechen, wenn ich mal an etwas oder jemandem „scheitere“. Dabei ist das gar nicht so! Ich bin schon oft gescheitert, und es bereitet mir keine großartigen Probleme. Ich bin trotzdem erfüllt von dem Antrieb, irgendwie „richtig“ sein zu wollen. Nicht unbedingt im normativ-durchschnittlichen Sinn.

Vor den Situation versucht sich mein Denken, immer wieder in die Situation hineinzuversetzen… Und stellt fest, dass es nicht geht, weil ich nicht weiß, was genau passieren wird. Weil ich nicht weiß, was von mir genau erwartet wird und ob ich bestehe. Auch beim Arzt, zum Beispiel. Ich habe große Probleme damit, dass Erwartungen an mich gestellt werden. Ich hab mir als Kind irgendwann aus diesen und jenen Gründen angewöhnt, die Erwartungen meiner Mitmenschen abzuwägen und mich und mein Verhalten dem so ein bisschen anzupassen, um zu überzeugen. Weil ich das Gefühl hatte, aus mir selbst heraus nicht überzeugen zu können/überzeugend zu sein. Irgendwas in mir sieht mich noch immer so. Als jemand, den man gar nicht gut finden kann.

Und dann schließt sich gleich der nächste, höchst zweifelhafte Fragekomplex an: Wenn ich mich selbst (innen drin) offensichtlich nicht okay finden kann, was zu den Symptomen Erwartungsdruck-Angst, Dauernervosität und Reizdarm führt… Wie soll ich meinen Kindern dann vermitteln, dass sie okay sind, wie sie sind und sich nicht so sehr von Erwartungen anderer leiten lassen müssen. Ich will ja authentisch sein, aber mein Ich ist (ehrlich gesagt) ziemlich zerrissen. Ich will meinen Kindern nicht „die starke Frau“ vorspielen, aber ich will auch nicht, dass mich dauerschwach und zweifelnd-nervös und aufgeregt erleben.

Wie bekomme ich mein Selbstwertgefühl endlich nachhaltig in den Griff, damit nicht mehr jede kleinste soziale Situation zur Bewährungsprobe für mich wird und ich mich  – wenigstens vor Arztterminen – nicht mehr  im körperlichen Alarmzustand befinde? Ich will einfach nicht mehr ständig nervös sein! Ich will mich auf Sachen freuen können! Ich will souverän in „echte“ Prüfungen gehen können!

Im Moment gehe ich vorher immer durch die Hölle. Sobald ich in der Situation bin, ist alles in Ordnung und danach bin ich euphorisch, weil ich es geschafft habe. Danach fühle ich mich gestärkt. Ich versuche, diesen Weitblick vorher schon zu haben und mein Kopf sieht das auch, aber mein Körper spielt nicht mit. So extrem ist das nun seit 5 Jahren, seit etwa 2-3 arbeite ich so daran. Und es ändert sich wirklich nicht viel. Vor Zahnarztstuhl oder CTG könnte ich immernoch heulen, weil ich mit der Vorstellung nicht klarkomme, da gleich 20-30 Minuten an eine Liege gefesselt zu sein und nicht weg (aufs Klo) zu können. DABEI HAB ICH KEINEN SCHUB!

Im Moment hab ich das Gefühl, dass die einzige Möglichkeit ist, die Situationen immer wieder zu durchleben, sich immer wieder durchzubeißen, die Nervosität immer wieder zu ertragen und zu versuchen. sich nicht von ihr einschüchtern zu lassen. In der Hoffnung, dass es – je häufiger ich tatsächlich erlebe, dass ja trotz Nervosität alles gut geht – irgendwann mal „Klick“ macht und es nicht mehr ganz so schlimm ist. Also: Die Anspannung immer wieder aushalten, aushalten, aushalten.

Falls jemand andere Zaubertricks, Lektüre kennt oder das irgendwie nachvollziehen kann: Her mit dem Senf!

2 Kommentare zu “Nervöser Seelentanz

  1. Ich kann dir 2 Sachen dazu sagen:
    1. die Nervosität erzeugt Adrenalin und mit dessen Hilfe rockst du die Referate/Prüfungen etc. so gut. Diesen Sachverhalt zu durchschauen hat mich immer sehr beruhigt.
    2. ich konnte meine Nervosität wegtrainieren. Die ersten 2,3 Referate in einem Semester waren die Hölle, ich hatte Atembeschwerden. Das hörte sich beim Sprechen so an, als wär ich gerade 3 km gerannt und war extrem peinlich. Es hörte aber mit zunehmenden freien Sprechen vor größeren Gruppen auf. Darauf konnte ich mich verlassen.

  2. Hm. Ich habe so fast das gleiche Problem, in Stresssituationen (oder wenn ich denke, dass es stressig werden könnte oder wenn ich denke, dass ich denken könnte, dass es stressig werden könnte usw) wird mir sehr sehr schlecht, oft bis hin zum Übergeben.
    Das war in meiner Pubertät sehr sehr blöd, weil sich alle meine ersten „Dates“ sich früher oder später mit dem Kopf überm Klo abgespielt haben.
    Sehr, sehr peinlich.
    Und auch heute habe ich noch keine Lösung und schon jetzt furchtbare Angst, weil ich bald beruflich für eine Woche weg muss. Da betreue ich rund um die Uhr ein sehr aufmerksamkeitbedürftiges Kind und KANN einfach nicht nur mit mir beschäftigt sein.
    Und da ich jetzt schon Angst habe und mir schon beim Gedanken daran schlecht wird… Hm. Wird lustig. Nicht.

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