Liebende Mutter. Zweifelnder Kopf.

Reflektieren und Erziehen, das bedeutet für mich:

Ich versuche zu erkennen, was dir und uns gut tut. Ich versuche, dir und uns nicht zu schaden.

Ich versuche, mir darüber im Klaren zu sein (und auch dir irgendwann klarzumachen), dass meine Sicht der Welt und mein Umgang mit den Menschen, mein Umgang mit mit mir und dir nur mein Versuch ist. Und nicht die Wahrheit. Deinen Weg musst du selbst herausfinden. Irgendwann. Irgendwie.

Ich will dir gern vermitteln, dass es Sinn macht, darüber nachzudenken, wie man zur Welt und den Anforderungen der Zeit steht. Dass es Sinn macht, zu versuchen, bestimmte Zusammenhänge und Funktionsweisen zu verstehen. Und dass es Sinn macht, sich zu fragen, wie man sich verhalten will. Was man tun, was lassen, was man gut finden will und was nicht. Dass es Sinn macht, nicht einfach alles nur hin- und anzunehmen. Dass Sinn macht, von einem „Jemand“ zu einem „Selbst“ zu werden. Und dass das wahrscheinlich am ehesten geht, indem man nachdenkt.

Das ist nicht leicht, weil ich mir darüber bewusst bin, dass du zunächst vor allem Klarheit und Sicherheit brauchst, um dich entwickeln zu können.

Ich möchte gern, dass du dir selbst vertrauen kannst und dass du weißt, dass du auch mir vertrauen kannst. Ich möchte ehrlich zu dir sein. Und doch zeige ich dir jeden Tag eine heile Welt und nette Menschen, obwohl ich weder das eine, noch das andere so sehe. Weil ich dich liebe. Ich bringe dir bei, dir die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen. Ich sage „jaaaa“, wenn du nach Gummibären fragst und „bitte“ gesagt hast. Ich wasche deine Sachen, wenn sie dreckig sind und kaufe dir solche, in denen du schön aussiehst. Weil ich will, dass du ankommst in der Welt da draußen. Weil ich nicht will, dass du aufgrund von Ausgrenzung leiden musst. Obwohl ich doch finde, dass es viel wichtiger wäre, dass die Welt mit dem Ausgrenzen aufhört. Aber du sollst nicht das Versuchsobjekt sein, an dem ich feststelle, wie weit sie damit schon ist. Dir soll es gut gehen. Obwohl ich weiß, dass es schlauen Köpfen allgemein wohl häufiger eher schlecht als gut geht. Dass „mir geht es gut“ einen nicht zum Nachdenken bringt.

Es ist schwierig für mich zu wissen, dass du dich an meinem Umgang mit der Welt (zunächst jedenfalls) orientierst. Dass du denkst, ich wüsste, wie das geht, mit dem Leben.

Ich kann dir nur zeigen, dass das da draußen in etwa so läuft und dass dies und das so und so funktioniert und dass sich Menschen hier in etwa so und so verhalten, wenn sie keinen Stress haben wollen. Und dass ich dies und jenes eher gut oder eher schlecht finde. Ich kann dich mit 2, 3, 4, 5, … Jahren nicht fragen, wie du das so siehst. Das wäre wohl zu viel. Ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt für diese und jene Zweifel ist… Und ob es von Mutter zu Kind überhaupt einen dafür geben wird. Ich weiß, dass ich dir weniger zeigen werde, als es mir klug erscheint. Weil ich es wichtig finde, dass du die fiesen und dunklen Seiten der Weltmedaille selbst entdeckst und an die für dich passende Stelle in deinem eigenen Werteschrank hängst. Ich will das nicht vorwegnehmen, weil ich es dir nicht abnehmen kann. Nicht abnehmen will. Nicht abnehmen darf.

Ich kann es kaum abwarten, wie es sein wird, wenn du feststellst, dass die Dinge anders sind. Nicht so eindeutig. Nicht so glatt. Und ich habe Angst davor. Ich kann es kaum ertragen, dass du dich (und mich) dann vielleicht fragen wirst: „Warum hast du mir das nicht gesagt?“

Ich kann nur sagen: Es gibt kein eindeutig und für alle immer richtig oder falsch. Es gibt nur das draußen und das drinnen. Und weil wir immer mal ins Draußen müssen (oder auch wollen), müssen wir herausfinden – uns entscheiden – wie das Innen mit dem Außen zurechtkommen kann. Für die einen ist das Anpassung, für die anderen ist es Verweigerung. Für die einen ist es Rückzug, für die anderen ist es Offenheit. Für viele mag es problematisch sein, für einige wenig bedeutsam. Die einen suchen bewusst, die anderen stolpern so rein, die nächsten schwimmen mit. Aber müssen, müssen es alle. Das ist eine der wenigen Wahrheiten, die ich kenne und wohl eine, die man am schwersten vermitteln kann ohne vorzusagen. Denn: Das Außen wird dem Innen einfach begegnen. Es wird mit ihm umgehen, es verletzten, es einengen und überfordern. Das Außen ist kompliziert, unübersichtlich, unklar, zufällig und ziemlich unstet. Das Innen kann ziemlich verletzlich sein.

Weil ich dich liebe, hätte ich dafür gerne ein Rezept. Ich würde dir nur zu gern beibringen wie das gehtdas Leben. Das Zurechtkommen. Das Mitschwimmen ohne unterzugehen. Aber die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Und das ist wohl die schwerste, unbarmherzigste und verdammt verunsicherndste Wahrheit überhaupt. So verunsichernd, dass ich gar nicht weiß, ob ich will, dass du sie jemals herausfindest. Ob ich nicht lieber doch stark aussehend bleiben will. Für dich.

Aber für dich da sein, das kann ich und das werde ich. Dir helfen, dich auffangen, dich unterstützen, wo es nur geht. Das Innen vor dem Außen schützen, wenn es sein muss, wenn du es willst und zulassen kannst. Dein Innen ist sicher hier, bei mir.

Eine liebende Mutter. Ein kritischer Kopf. Das ist, was ich bin. Das ist, was ich sein will. Das ist unendlich schwer.

4 Kommentare zu “Liebende Mutter. Zweifelnder Kopf.

  1. Ich finde es toll, wie du es schaffst deine Gedanken auch in Worte zu fassen, die jeder mitnehmen kann. Mir gelingt das oft nicht. Aber der Text war wirklich schön:) Danke!

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