Was ist richtig für uns?

(Oder: Sind wir einfach nicht für’s Kinder haben gemacht?)

Stan, wir können nicht einfach tun und lassen, was wir wollen! Wir haben Kinder! Meinst du, ich würde mir nicht gerne jeden Tag ’ne dicke, fette Line Koks reinziehen? Das geht aber nicht, weil ich morgen zum Elternabend muss. Und du musst die Garage aufräumen, ein paar Rechnungen bezahlen, die Regenrinne säubern, das Auto braucht einen Ölwechsel, …  

Ich habe in den letzten Tagen wieder einmal in das Buch „Die ersten fünf Jahre – Wie sich Ihr Kind entwickelt“ von Richard Michaelis geschaut. (Übrigens ein Buch zum Thema kindliche Entwicklung, was mir persönlich viel besser gefällt als Klassiker wie „Oh je, ich wachse“ oder auch „Babyjahre„, die mich immer eher verunsichert als wohltuend informiert haben.) Das Thema kindliche Entwicklung interessiert mich einfach und auf Basis der Studienveranstaltungen zur Entwicklungspsychologie, die ich besucht habe, kann ich sagen, dass ich dieses Buch für wissenschaftlich fundiert halte und es trotzdem leicht verständlich finde. Ich mag die Einstellung, mit der der Autor die Erkenntnisse vorträgt… An einigen Stellen könnte es für meinen Geschmack noch etwas ausführlicher sein. Zum Beispiel an der, um die es mir hier geht…

In dem Buch gibt es einen Abschnitt „Kinder in der Familie“. Thema ist dort, dass Kinder in der westlichen Welt heute vorrangig in Kleinfamilien aufwachsen und Eltern häufig damit zurechtkommen müssen, dass… ja, womit eigentlich?

Eltern müssen damit zurechtkommen, dass sie nicht mehr (tendenziell) egoistisch, selbstbestimmt und „mal gucken, wo mich meine Nase hinbringt“-mäßig durch’s Leben gehen können. Eltern müssen damit klarkommen, dass ihre frei verfügbare Zeit sehr viel eingeschränkter und anders abläuft als vor dem Elternsein. Eltern müssen damit umgehen lernen, dass ständig etwas von ihnen verlangt wird und sie müssen sich fragen, was sie davon auf welche Weise geben wollen, könne und müssen in einer Zeit, in der sie theoretisch so gut wie alles geben können und es viel weniger Grenzen des Erreichbaren und Möglichen gibt.

Ich komme als „erziehendes“, mit einem Kind zusammenlebendes Stück Mensch immer und immer wieder zu Punkten, an denen ich mir nicht sicher bin, wie ich es eigentlich machen will und sehe. Wie ich es richtig finde. Wie es für mich okay ist. Oft geht es dabei darum, was ich will, kann, brauch und/oder muss und was mein Kind gerade braucht, verlangt, kann, will und/oder muss.

Die Frage ist: Wie viel ist gut für mich, für uns und für das hier?

Wie viel Bespaßung? Wie viel an kindermäßigen Freizeitaktivitäten? Wie viel von dem, was heute so gern als „Anregung“ bezeichnet wird? Und welche? Wie viel „Mitlaufen“ im Alltag? Wie viel Langeweile? Wie viel Action? Wie viel Fernsehen? Wie viele Süßigkeiten? Wie viel Gemüse? Wie viel Trinken? Wie viel Schlaf? Wie viel Sonnencreme? Wie viele Klamottenschichten? Wie viele Termine? Wie viele Regeln? Wie viele Vorschriften? Wie viele „Maßregelungen“? Wie viele Freiheiten? Wie viel „Laissez-faire“? Wie viel „Lass mich jetzt mal machen“? Wie viel „Mach mal dein Ding“?  Wie viel „Ich muss jetzt aber mal…“? Wie viel Ehrlichkeit? Wie viele Nachfragen? Wie viel Trösten? Wie viel eingehen auf’s Gemecker? Wie viel Beibringen? Wie viel Vorsagen? Wie viel selbst herausfinden lassen?

(„Wie viel“ ist dafür natürlich nur ’ne Helikopter-Fragestellung, die es gar nicht genau trifft. Es geht ja dabei ja schließlich nicht um die Menge, sondern vor allem um das „Wie will ich das machen?“)

Ich versuche beständig, meinen/unseren eigenen Weg zu finden und stoße dabe natürlich ständig auf Unklarheiten, faule Kompromisse, Widersprüche, Gegensätze und Gewissensbisse.

Das Gefühl, lieber irgendwie was Anderes machen zu wollen als den Tag im überfüllten Zoo, im Schwimmbad, auf dem Spielplatz oder sonstwo „kindgerecht“ zu verbringen lässt sich nicht so leicht rechtfertigen, wenn man gar nicht genau weiß, was man eigentlich lieber täte. Wenn das kein „ich muss“ dahinter steht… Denn die „ich muss“-Sachen lassen sich hier meistens irgendwie organisieren… Noch weniger leicht lässt sich das Gefühl abstellen. Die Erleichterung, wenn die Oma das Kind aus der Kita abholt und erst kurz vor dem Schlafengehen bringt, führt zu einem fiesen Zwicken im Nacken: „RABENMUTTER, DU BIST EINE VERDAMMTE RABENMUTTER, DIE IHR KIND BEI JEDER GELEGENHEIT LOSWERDEN WILL!“

Ich sehe Frauen und Männern, die mit ihren Kindern Juchzend alle Rutschen und Kletterstangen des Indoor-Spielplatzes ausprobieren, die hochmotiviert stundenlang Türmchen bauen und wieder einreißen, Blumenkärtchen basteln und sich nichts Schöneres vorstellen können als drei Wochen ganz allein mit der Familie in ihren Center Parcs-Urlaub zu fahren… Ich. Mache. Sowas. Überhaupt. Nicht. Gerne. Ich muss mich echt extrem motivieren und zusammenreißen, um bei diesen Dingen halbwegs erträglich und dabei sein zu können. Ja, andere Eltern sehe ich natürlich auch. Die etwa, die im Indoor-Spielplatz rumhängen mit ’ner übelsten Fresse, die ihre Kinder in einer Tour anmotzen und total unbeteiligt sind. Zu denen will ich auch nicht gehören. Aber auch nicht zu den Aufgesetzten, denen man anmerkt, dass sie eigentlich keinen Nerv haben, die aber denken, sie müssten andauernd total freudig ihre Kinder bespielen, damit sie keinen Schaden kriegen. Oder die Leistungsorientierten… Da wird angestrengt betüddelt und betaddelt und geplant und organisiert als gäbe es kein Morgen… Soweit das Bild, was davon ja auch allgemein so gern gezeichnet wird, wie zum Beispiel erst kürzlich vom Spiegel wieder: Elterntypen. Tatsächlich gibt es solche und solche Eltern, genau wie es halt solche und solche Fahrradfahrer und solche und solche Einstellungen zum Thema Haustiere gibt…

Ich weiß nicht, welchem Elterntyp ich angehöre. Ich will natürlich, dass es meinem Kind gut geht. Ich möchte nicht, dass mein Kind ein verwöhntes Arschloch-Kind ist oder wird. Ich wünsche mir, dass mein Kind kein bestmöglichst angepasster Ja-Sager-Mensch wird. Ich wünsche mir, dass mein Kind sein Hirn benutzt und sich eine eigene Meinung zu Dingen bildet. Ich will nicht, dass sich mein Kind irgendwie von mir abgelehnt oder ungewollt fühlt, ich will für sie da sein und sie neugierig machen. Ich möchte gern, dass mein Kind etwas findet, wofür es brennen kann und was es gerne macht. Wenn das dann noch halbwegs sinnvoll ist und über „Shoppen“ hinausgeht, wäre ich glücklich. Ich möchte, dass mein Kind mitkriegt, wer und wie ihre Eltern sind und ich halte es für notwendig, dass mein Kind mitkriegt, dass nicht alles immer gleich geht, dass nicht alles nach ihrer Nase läuft, dass sie nicht alles haben kann und muss und dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben, die respektiert werden sollten (siehe „Arschloch-Kind“). Soviel zum Rahmen. Und zu was für einem „Elterntypen“ macht mich das jetzt? Und welche Schlüsse ziehe ich daraus für mein erzieherisches Handeln, Dr. Rogge? Kategorien sind ja per sé eher schwierig. Und wie viel Wahrheit hinter dem steckt, was man von einem Stück Eltern auf dem Spielplatz so mitbekommt, das sei jetzt mal dahingestellt… Also lassen wir das lieber…

Diese ständige Kinderbespaßung ist jedenfalls echt nicht mein Ding. Mein Kind und dessen Wohlergehen liegen mir aber trotzdem am Herzen und es ist auch nicht so, dass ich mich nie mit ihr beschäftigen möchte… Was zum Beispiel gut geht, ist das Treffen mit „echten“ Freunden, die auch Kinder haben. Das versuche ich zu tun, so oft es geht. Ich kann in der Hinsicht Tom Hodgkinson nur zustimmen:

Meine Idealvorstellung von Kindererziehung ist eine große Wiese. Auf der einen Seite der Wiese ein Festzelt mit Bar, an der das heimische Ale ausgeschenkt wird. Dort versammeln sich die Eltern. Auf der anderen Seite der Wiese, ein gutes Stück entfernt, spielen die Kinder. Ich gehe ihnen nicht auf die Nerven, und sie gehen mir nicht auf die Nerven.

Aber genau genommen hab ich davon nur drei. Das ist ein Problem. Andere Leute, die ich noch so kenne und schätze haben mit Kindern und Kinder-Spaß nichts am Hut, die Kontakte schwinden. Ich will mich nicht aufdrängen. Ich bin die, die in ihrer Generation anders ist.

Ich lese also von Großfamilien und Clans und dass diese Art des Zusammenlebens mit Kindern der Menschheit viel eher (und wenn man die gesamte Menschheit betrachtet wohl auch sehr viel häufiger) entspricht als dieses seltsame Modell, in dem sich ein oder zwei Menschen mehr oder weniger all around the clock allein dem hoffentlich „erfolgreichen“ Gedeih – und damit wohl eher dem Verderb – von ihrem Nachwuchs widmen.

Ich frage mich, wo unser Weg ist zwischen „Guck mal, so funktioniert das“ und „Guck selbst, wie das funktioniert“. Zwischen „Guck mal, so sind die Leute da draußen und das erwarten die“ und „Guck mal, so sind wir und so bist du“. Zwischen „Man muss (nicht)“, „Man kann (nicht)“, „Man sollte (nicht)“ und „Man darf (nicht)“. Und überhaupt eigentlich weg vom „man“ und hin zum „ich, du, wir, hier“.

Ich kann nicht einfach guten Gewissens in diesen (irgendwie auch ekelhaft) überheblich-belächelnd-belehrenden „Lasst doch eure Kinder einfach mal in Ruhe“-Chor einstimmen, der in den verschiedensten Medien so einstimmig erklingt, wenn sie uns von der neuen Elterngeneration der Kinderoptimierer und/oder Überfürsorglichen erzählen (BeispielBeispiel). Ich war auch mit P. beim Pekip, da war sie kaum sechs Monate alt. Und wir gehen mit ihr einmal in der Woche zu einer Musikstunde, die wohl auch in den Bereich der musikalischen Früherziehung fallen dürfte. Ich sehe mich überteuerte Kinderschuhe kaufen, wegen dem besseren Fußbett und so. Ich denke über den Kauf eines Kindersitzes für über 500 Euro nach, wegen der Sicherheit und so. Ich sehe mich den Kopf schütteln, wenn Eltern mit einer BabyBjörn-Trage vorbeikommen und das Kind auch noch nach vorn drin hängt, wegen der unnatürlichen Haltung und so. Ich erwische mich dabei, wie ich zu P. sage „Der Arzt hat aber gesagt, dass du viel Obst und Gemüse essen musst“, weil mir keine gute Begründung jenseits von „weil’s gesund ist“ einfällt und nicht auf „weil ich das sage“ zurückgreifen will. Ich erwische mich aber halt auch dabei, wie ich morgens einen halben Wutanfall bekomme, weil sie kurz vorm Losgehen in den Kindergarten das Seifenblasenwasser komplett verkippt hat und ich mir gerade nichts sehnlicher wünsche, als dass K. sie endlich raus aus der Wohnung und rein in die Kita befördert, damit ich mich mal ein paar Stunden nicht um sie, sondern um meinen eigenen Scheiß kümmern kann. Immerhin hab ich mich danach für’s Ausrasten entschuldigt. Mommy’s not perfect. Soweit komme ich ja inzwischen schon klar mit mir und uns. Aber diese ständige zu füllende Zeit… Dieser Zwang zur Aktivität…

Clans und Großfamilien. Das ist heute nicht mehr. Das dem Zeitgeist entsprechende Modell wäre dann wohl das der befreundeten Familien, die sich zusammen ein Haus mit großem Garten für alle kaufen oder so… Oder nachbarschaftlich enge Kontakte. Zum Pekip und zur Musikstunde ging/gehe ich vor allem deshalb, weil das ein fester wöchentlicher Termin ist, bei dem mein Kind sich mit anderen Kindern trifft und ich mir nicht jede Woche auf’s Neue einen Kopf darum machen muss, wie ich diesen (Nachmit)Tag fülle. UND weil es in einem Rahmen stattfindet, für den ich nicht persönlich verantwortlich bin. Niemand muss sich persönlich beleidigt fühlen, wenn ich dort nicht mehr auftauche. Und hier kommen wir zu einem Teil des Kerns vom Pudel, denke ich. ICH will gar keine 100.00 Kontakte zu irgendwelchen neuen Leuten, denn persönliche Kontakte bedeuten für mich immer auch Verbindlichkeiten. Und was Verbindlichkeiten angeht… Diesbezüglich hab ich einen enormen Knacks. Ich bin so ziemlich die unzuverlässigste Person des Universums, weil mich beinahe jede Art von „Deadline“ stresst und unter Druck setzt. Ich brauche die Möglichkeit des Ja oder Nein und will dabei niemanden vor den Kopf stoßen müssen und auch kein schlechtes Gewissen haben. Das hatte ich in meinem Leben zur Genüge. Ein „ich muss“ setzt mich unter Druck. Und ich bin wählerisch. Menschen gehen mir schnell auf den Keks. Und eigenartig bin ich auch. Ich brauch ’ne Weile, um mich mit Leuten so wohl zu fühlen, dass ich sie ein Teil von meinem Leben lassen sein kann und mich deren Vorhandensein trotzdem nicht stresst. Vielleicht geht es aus den unterschiedlichsten Gründen vielen Menschen so, dass sie keine Lust haben, sich ständig nah auf neue Menschen einzulassen. Fremdheit ist ein kostbares, schützenswertes Gut!„, das ist so ein Slogan, den sich einige Soziologen auf die Fahne geschrieben haben… Darüber kann man sicher diskutieren. Vielleicht sitzen Eltern deshalb vormittags jeweils einzeln auf den fünf Bänken des Spielplatzes und starren lieber in ihre Smartphones, Magazine, Bücher oder ihre Kinder an, anstatt ihre Telefonnummern untereinander auszutauschen und sich zu verabreden… Das kann eine Erklärung sein, bringt mich aber wieder zurück zum Punkt…

Wenn das Modell Kleinfamilie Fakt ist und damit einher viele, viele Stunden gehen, in denen wir weder Essen jagen, noch unsere bedrohte Existenz vor Feinden schützen oder zum nächsten belebbaren Fleck Erde ziehen müssen, die Welt aber gerade nicht verändern/-bessern können und/oder wollen… Welche Spielregeln gelten dann in dieser Zeit? Davon ausgehend, dass man nicht der geborene Spielkamerad ist, einem aber trotzdem sehr viel an seinem Kind liegt… Wie viel Bespaßung finde ich gut und richtig und wo hört der Spaß auf? Beim 10. Buch in Folge, dass ich vorlese? Sobald ich keinen Bock mehr habe, wenn ich ehrlich zu mir und ihr bin? Ist es okay seiner 2 1/2-Jährigen zu sagen, dass man keinen Nerv auf Arztspielen hat? Darf ich sie fragen, ob sie in ihrem Zimmer weiter lauthals singen kann, wenn’s mir gerade auf den Keks geht und was mache ich, wenn sie sagt „Nein.“? Will ich wirklich jedes Wochenende diesen typischen Familien-Späßchen nachgehen? Was ist die Alternative? Was mache ich denn gerne? Was würde ich machen, wenn keine Kinder da wären und lässt sich das nicht irgendwie vereinbaren? Woran könnten wir alle Freude haben, ohne dass jemand – wahlweise K. oder ich, wir ticken da nämlich leider sehr ähnlich – dabei ständig denkt „anstrengend. das ist anstrengend-anstrengend-anstrengend.“?

Das wirklich Traurige ist, dass ich nicht einmal konkret sagen kann, was ich eigentlich gerne mache, um das einfach zu vereinbaren. Auch nicht dann, wenn ich versuche mir vorzustellen, was ich gerade „freiwillig“ tun würde, wenn da nicht das Kind wäre… Ich lese gerne. Ich beschäftige mich gern mit Dingen. Ich studiere gerne. Ich hänge viel am Rechner. Ich denke über alle möglichen Sachen nach und schreibe mir andere Sachen dazu auf. Oh, ich gucke gern Filme. „Früher“ bin ich abends gern mit Freunden ausgegangen, hab mich angetütert gemacht und mir dann die Nächte um die Ohren gehauen… Hab mir Bands angeguckt, bin selbst auf Tour gefahren, hab Konzerte gegeben, mich mit unseren Songs beschäftigt, geprobt… Oder wir haben tage- und nächtelang in irgendwelchen Parks rumgehangen und Mist gequatscht. Alles nicht unbedingt Dinge, die ich jetzt noch so unbedingt machen muss und auch keine, die ich der Kategorie „kinder- / familientauglich“ zuordnen würde… Wie wunderbar passend dazu war der (hier ganz oben stehende) Spruch, den ich gestern Muster-Ehefrau Francine bei „American Dad“ (Staffel 7, Folge 1: „Zu heiß gebadet“) habe sagen hören und sehr lachen musste…

Sind wir einfach eigentlich nicht für’s Kinder haben gemacht und müssen da jetzt durch? Ich bin nicht unbedingt froh darüber, dass im Wald rumlatschen und Stöcker-Häuser für Regenwürmer basteln, Gärtnern, Tieren beim Lausen zugucken oder Fußballspielen nicht zu meinen Hobbys gehören. Aber das sind die Fakten, mit denen ich zu dealen habe. Ich lese meiner Tochter gern Bücher vor. Aber nicht unendlich oft hintereinander. Ich geh auch gern mit ihr Schwimmen. Aber nicht an jedem Wochenende und ungern allein ohne K. Ich treffe gern befreundete Eltern und tummle mich dann auch durchaus auf Spielplätzen. Aber das geht nicht immer. Soll es ja auch gar nicht. Langeweile fördert ja angeblich die Kreativität und die Selbstentfaltung, habe ich gelesen.

Mein Kind interessiert es aber ziemlich wenig, wenn ich ihm erkläre, dass ich gerade nicht spielen will und dass es mit seiner Langeweile klarkommen muss, weil es dadurch seine Potenziale entfalten wird. Dann will es ja trotzdem noch Jemanden zum Spielen haben. Momentan befindet sich dieser Jemand aber noch in meinem Bauch. Muss ich also ständig mit Farben matschen, Burgen aus Holzklötzern bauen, die Kletterburg erklimmen und Puppendoktor spielen, damit mein Kind sich geliebt fühlt? Oder Alternativ ein ausgeklügeltes Freizeitgestaltungsprogramm abliefern? Dafür fehlt mir oft auch einfach die Energie und auch das halte ich nicht für richtig für uns. Im Moment geht das aufgrund der Umstände sowieso nicht. K. bespielt allgemein häufiger und ausdauernder als ich. Er sagt dann sowas wie „Die Forderung, beschäftigt zu werden bzw. mitzuspielen passiert ja unter Androhung von Krawall. Also spiele ich lieber mit…“

Ich denke, dass es sogar wichtig ist, sein Kind nicht andauernd zu bespaßen und zu beschäftigen. Tatsächlich halte ich diesen Weg für schwieriger als den des Dauerprogramms. Insbesondere dann, wenn die Zeit für viel Bespaßung theoretisch oft da ist. Ich putze nicht wie ’ne Irre die Wohnung, wasche Wäsche nur wenn’s nötig ist, ich bügele nicht und knalle unsere Zeit nicht mit tausenden von Termin voll und renne auch nicht andauernd von A nach B. Die Zeit für gemeinsame Aktivitäten ist jenseits von der Kita fast immer da… Die Zeit ist da und es setzt mich unter Druck, dass die irgendwie genutzt, gefüllt oder rumgebracht werden muss und zwar Kleinkind-gemäß. Aaaahhh! FREIZEIT-STRESS!!! HORROR!!! Manchmal türmen sich die Minuten und Stunden geradezu bedrohlich vor mir auf und in meinem Kopf schwebt ein „Genieß gefälligst diese wertvolle Zeit aktiv mit deinem Kind!“ Ja, also nein, also natürlich ja, aber doch nicht immer und ständig … … … Oder?

Was ist denn mit Muse? Ausruhen? Kräfte tanken? Faulheit? Nicht immer irgendwas machen oder vorhaben? Entspannen mit einem Buch? Denken? Sich auf etwas einlassen? Den Kopf erweitern?

Sind das nicht auch Dinge, die Kinder sehen und quasi durch Vorbilder „lernen“ sollten? Bringen wir Kinder nicht damit, dass immer irgendetwas los ist, genau in die Spur dieser elendig rastlos-gehetzten „Mach dich nützlich“-Zeit? Muss denn echt immer irgendwas los sein?

Ich finde, dass Elternsein einem schon manchmal Superkräfte abverlangt. Punkt. Und ich habe keine Superkräfte. Auch Punkt.

Un‘ nu?