Schwanger sein: So war die 39. Woche (Teil 1)

Montag (38+0):

01:15. Ich wache von zunehmend stärker werdenden Flankenschmerzen auf. Drücke das rote Knöpfchen. Eine Hebamme kommt ins dunkle Zimmer und bringt mir kurze Zeit später eine Infusion und ein warmes Kirschkernkissen. Die Infusion wirkt binnen Minuten. Wunderzeug!

03:06. Ein Baby schreit jämmerlich, direkt vor meiner Tür. Ich muss mich orientieren. Ach ja, ich bin Krankenhaus… Kreißsaalstation. Muss aufs Klo. Gegenüber das Zimmer, in dem die Notfallversorgungen für Neugeborene im Falle des Falles stattfinden. Hektik, Diskussionen, Krach… „Das war wirklich nicht absehbar, Frau Doktor.“ – piep-piep-piep – „Ja, aber das hätte man doch…“ – piep-piep-piep – uäh Uäh uäh uäh. Stille. Piep-piep-piep… Uäh uäh. Ich gehe zurück in mein Zimmer. Zu welcher Frau gehört das Baby? Die, die gestern im Nebenzimmer so laut getönt hat? Die, deren Baby so heftig auf die Einleitung reagiert hat, dass sie nach den wehenfördernden direkt wieder wehenhemmende Mittel bekommen musste? Ich schlafe erst über 1,5 Stunden später wieder ein, als das Baby endlich aus dem Flur gefahren wird. (Zwischendurch haben die Ärzte gelacht. Es wird also nichts Schlimmes gewesen sein…) Ich muss hier raus…

Morgens. Ich darf nichts essen. „Wenn dann doch schnell eine Schiene gelegt werden muss, müssen Sie nüchtern sein.“ Schiene? Ich will keine Schiene?!? WartenWartenWarten. CTG soll noch geschrieben werden vor der Untersuchung. Im Krankenhaus ist man nur eine Nummer. Ich bin dauernd am Warten. Schon wieder so nervös, dass mir der kalte Schweiß ausbricht. Ich hab das alles so satt… Um 7. Um 8. CTG ist okay. Keine Wehen, nur zwei kleine unregelmäßige Kontraktionen. Um 9. Mein Kreislauf sackt ab… Laufe auf der Neugeborenen-Station vorbei. Kleine Ohren, Nasen, Gequake, fertige Frauen, verliebte Typen. Das ist alles noch so weit weg.

Untersuchung bei der Urologin. Sie sagt, dass sich schon Harn in den Nieren staut, aber nicht schlimm. Aber da wäre wohl viel Zeugs im Urin. Empfiehlt nochmal ein stärkeres Antibiotikum gegen den Infekt. Entlasten der betroffenen Seite, Ruhe, viel trinken. Sie sieht keinen Grund, einzuleiten. Ich soll wiederkommen, wenn Fieber, Schüttelfrost, Extreme Schmerzen. „So schlimm ist das jetzt alles nicht, das habe ich schon schlimmer gesehen!“ Man selber hat so zu tun damit und für die ist das alles so harmlos… Aber: Ich darf nach Hause! Ich freu mich! Die Schmerzen fangen aber gleich wieder an. Ich lasse mir noch eine Paracetamol-Infusion geben, die Nadel wird aus dem Handeglenk gezogen, ich bekomme Antibiotikum und Buscopan-Zäpfchen mit. „Gut Frau J., dann beehren Sie uns bald wieder.“ – „Ja, aber hoffentlich erst zur Geburt“ sage ich.

Es ist so seltsam. Im Krankenhaus steht die Zeit still. Man ist so festgelegt auf nur das, was da passiert. Auf seinen Körper. Die nächste Untersuchung. Die Schmerzen. Draußen ist Herbst geworden. Ich war da nur zwei Tage drin und trotzdem fühlt sich draußen alles anders an. Ich habe großen Respekt vor allen, die schon Wochen und Monate im Krankenhaus verbracht haben. Ich glaube, man muss da echt aufpassen, nicht durchzudrehen…

Decke mich mit Kirschkernkissen und Tee ein. Zuhause auf’s Sofa. K. ist wahnsinnig fürsorglich. Ich fühle mich gleich viel besser. Das fehlt einem im Krankenhaus. Echte Fürsorge. Berührungen. Liebe!

Dienstag (38+1):

P. wacht morgens um 6 schreiend auf. Sie hat von einem Fahrstuhl im Krankenhaus geträumt, der plötzlich zu gegangen ist und sie ist allein drin. Gott, mein armes Kind… Sie nimmt das alles ziemlich mit. Dazu noch der grippale Infekt… Ich fühle mich mies, weil ich so wenig für sie da bin gerade.

Die Schmerzen sind auch spürbar. Auch Schmerzen beim Pinkeln zunehmend. Mistmistmist, verdammter Kackmist!!! Wieder Krankenhaus? Sie hat gesagt, wenn es beim Pinkeln brennt, soll ich kommen. Bloß nicht. Hab kein Fieber, kein Erbrechen, kann noch reden. Was soll ich nur machen? Buscopan rein. Auf’s Sofa. Ich bin so durch den Wind… Einleiten? Kaiserschnitt? Abwarten? Gehe immer wieder die Optionen durch, die alle so überhaupt nicht verlockend sind. Ein weiterer Tiefpunkt: Ich will nicht mehr, ich kann keine Schmerzen mehr ertragen!! Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin total erschöpft. Am Ende. Total kraft- und willenlos. Fühle mich zu schwach, um vom Sofa zum Bad zu gehen und bin danach völlig erledigt. Wie soll ich denn in der Verfassung ein Kind zur Welt bringen???? Wie???? „Lass ’nen Kaiserschnitt machen“ sagen die Frauen im Forum. Ich will das aber nicht. Glaub ich… Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich diesbezüglich will oder kann… Ich will einfach nur noch aus sein. Ich will, dass es vorbei ist.

… … …

Die Schmerzen lassen langsam nach. Aber ständig schießt die Panik fies in Kopf und Bauch… Schweißausbruch, Zittern… Ich hab wirklich richtig Angst. Panik vor Schmerzen. Ich hab das Gefühl, verrückt zu werden. Angst. Einfach nur wahnsinnige Angst! Ich komme überhaupt nicht mehr runter… Will irgendwie flüchten, weiß doch aber, dass das nicht geht.

Gucke aus lauter Verzweiflung doof-TV. Das hätte ich schon viel eher machen sollen… Lenkt gut ab. Und dann endlich ein sinnvoller Gedanken-Dreh: „Hey! Es geht doch hier um unser Baby! Um mein Kind!“ Tatsächlich habe ich das vor lauter Gedanken an Schwangerschaft, Geburt, Schmerzen, Entscheidungsdruck und „es soll aufhören“ fast komplett aus den Augen verloren. Mache mir Notizen. Denke an das Baby. Stelle mir vor, dass er in meinem Bauch so aussieht wie die Babys der Station 9… Das hilft! Versuche, die Gedanken festzuhalten und die Panik wegzuschieben. Es geht mir schon besser… Ich komme über den Tag mit viel Fernsehen, Liegen, Trinken, aber dafür ohne Schmerzmittel. Bin endlich nicht mehr so verzweifelt. Vielleicht geht der Plan doch noch auf? Vielleicht wirkt das Antibiotikum, die Schmerzen gehen weg und ich komme wirklich nochmal zu Kräften? Komm, mein Baby! Wir schaffen das… Nach der Geburt wird alles das hier so egal sein.

Abends dann ein gemeiner Dämpfer. Kaum sind P. und K. wieder da und ich beginne, mich ein bisschen zu bewegen, kommen auch die scheiß Schmerzen zurück. Wieder so extrem, wie sie seit Tagen nicht mehr waren. NeinNeinNein! Verdammte scheisse!!! Kann mich nur noch in die Wanne schmeißen und heulen. Nehme wieder ein Zäpfchen. Die Schmerzen lassen nach. Mir wird schlecht. Ich schiebe mir trotzdem etwas Essen rein. Denke bei jeder Nahrungsaufnahme daran, dass ich das später auskotzen werde, wenn die Geburt jetzt beginnen sollte. Versuche, P. ins Bett zu bringen. Schaffe es nicht. Schleppe mich nur wieder zum Sofa. Armer K., der übernimmt hier alles gerade. Schmeiße Avena Sativa ein und hoffe auf einen schnellen, steinernen Schlaf…

Mittwoch (38+2):

Schlafe fast durch. Wirre Träume mit Inhalten aus Schultagen. P. hat wieder normal geschlafen, benimmt sich heute morgen aber wie ein pubertierender Teenager. Weint ständig los, meckert nur rum, sagt „Lass mich in Ruhe!“ – sie wirkt auch ziemlich durch den Wind. Schmerzen bisher immerhin nur dumpf. Heute aber wieder mehr Panik. Ein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend. Bekomme die Angst nicht weg… Versuche, wirklich ganz bewusst ans Baby zu denken. Streichle meinen 120 cm-Bauch.

Frage mich, woher die Schmerzen in der Flanke eigentlich kommen. Von der gestauten Niere? Von der Entzündung? Vom Infekt? Oder liegt da ein Nerv? Es ist seltsam, weil die linke Niere laut Urologin weniger gestaut ist ist als die rechte. Aber ich hab die Schmerzen linksseitig, immer an exakt der selben („selbsten“, wie P. sagen würde) Stelle. Google verrät mir nichts. Stoße nur wieder auf Horrorgeschichten. Lasse das sein. Schreibe lieber einen Bericht über die letzte Woche und das Krankenhaus-Wochenende. Schreiben hilft. Wie schon so oft…

Heute traue ich mich, wider etwas mehr zu sitzen. Laufe rum. Ignoriere den dumpfen Schmerz. Bin nach wie vor ziemlich fertig, habe seltsame Hitzewallungen und den grippalen Infekt von P. mit abbekommen. Aber keine Schmerzmittel bisher gebraucht. Ablenkung und… Da! Der Bauch wird hart!! Zum ersten Mal seit Tagen wird mein Bauch wieder hart! Ich freue mich darüber tatsächlich total… In den nächsten Stunden wird er alle halbe Stunde hart. Und dann? Eine Wehe! „Back in the Game“ denke ich und erkläre meinem Bauch: „Morgen, mooooorgen, T. – morgen ist ein toller Tag!“ Meine Mutter würde P. aus der Kita holen, sie könnte übers Wochenende bei meinen Eltern sein. Ich stelle mit das gut vor. Fühle mich gar nicht mal so unbereit plötzlich. Komm, T., wir schaffen das! Dann sparen wir uns auch den beknackten 8-Uhr-Termin bei der Gyn… Ha! Ich hab meinen Galgenhumor wieder.

Es geht bergauf!!!

4 Kommentare zu “Schwanger sein: So war die 39. Woche (Teil 1)

  1. Oh man, Du Arme! Ich schicke eine große Portion Kraft und Nerven und habe großen Respekt vor dem, was Du gerade durchmachst und vor allem, wie Du es schaffst, dich selber wieder zu zentrieren. Go, go! Endspurt! Alles Gute Euch vieren.

  2. Gut gemacht! So hört sich das toll an. Du schaffst die Geburt und du wirst sich durch den schmerz gehen können. Denn du hast bald das Baby. Dein Baby! Euer Baby! Meine Tochter ist jetzt 6 und mein Sohn drei Jahre alt. Als er auf die Welt kam, ist sie zur Papatochter geworden und das war gut so. Denn es gibt bald noch jemanden. Ich habe ambulant entbunden und habe es genossen nach Hause zu kommen in mein Bett zu liegen und mit allen zu kuscheln. Ich hatte ein Bett im Kinderzimmer und so konnte ich ihr beim spielen zusehen und ihn stillen. Du schaffst das, denn ich denke du bist stark. Nicht viel darüber nachdenken, wie was, warum, wann, wie stark wird es sein… Mein Gedanke war komm raus! Ich will dich jetzt! Hier! Komm!raus!da! :)
    Du schaffst das!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s