Schwanger sein: 40. Woche (4)

noch immer Mittwoch, 39+2:

Der Tag verlief alles in allem stimmungsschwankend zwischen Ablenkungsversuchen (mal mehr, mal weniger erfolgreich), Resignation (Ich glaub, es wird einfach nicht von allein losgehen…), Selbstberuhigung (Mensch, du hast doch noch Zeit!) und Frustration. Trinke Chai und Himbeerblättertee im Wechsel. Beziehe unser Bett neu, räume unter’m Bett auf, gucke Schrott-TV, gehe heiß baden, … Heule ein bisschen rum, versuche es mit (Galgen-)Humor zu nehmen (wenn mein Kind über 6,5 Kilo wiegt, dann hab ich nach der Geburt wenigstens fast wieder mein Ausgangsgewicht. Ha. Ha. Haaaa…) und mir immer wieder zu sagen:

EINE MENSCHLICHE SCHWANGERSCHAFT DAUERT ZWISCHEN 38 und 42 WOCHEN! ES IST NOCH ALLES VOLLKOMMEN IM RAHMEN. T. GEHT ES GUT. ER KOMMT, WENN ER FERTIG IST.

P. ist in der Wanne und ich hänge auf dem überdimensionalen Sitzkissen daneben rum. T. ist ausnahmsweise sehr aktiv. Wenn er sich bewegt, wird mein Bauch auf einer Seite ganz leer und auf der anderen sieht man eine riesen Beule. Ich weiß immernoch nicht, was das immer ist, was da rausragt. Von der Form her kann es eigentlich nur sein Po sein. Aber es ist so „kantig“… Wuaaaah! So 3 cm über dem geploppten Nabel ist ein kleingliedriges irgendwas… Ich kann die Umrisse ziemlich genau sehen und abtasten… Ein Füßchen? Oder ein Knie? Von dem rund-ovalen Ding kann ich schräg nach unten einen längeren Knochen oder so fühlen… Mein Herz klopft. K. fühlt auch. Ich erinnere mich wieder, worum es geht: MEIN BABY! Es ist total abgefahren, da zu liegen, die Hand auf dem Bauch und auf einer nicht wirklich definierbaren winzigen Baby-Gliedmaße rumzustreicheln… Eigentlich sind da nur wenige Zentimeter – wenige Milimeter! – Haut dazwischen. Und trotzdem ist es noch so ein irre beschwerlicher Weg bis man das Baby dann endlich (endlich, endlich, endlich) so richtig angucken, festhalten, riechen, … kann. Ach ja…

Nachdem P. (endlich) in der Falle ist – ist eine durchschnittliche Zubettgehzeit zwischen 21:00 und 21:30 eigentlich für eine knapp 3-Jährige zu spät? – sammle ich sämtlichen Müll zusammen, jogge die Treppen runter, einmal um den Block. Okaaaay… Joggen ist jetzt ein bisschen übertrieben… Beim Laufen bekomme häufiger einen sehr sehr harten Bauch und ich nicht selten ein tierisches Stechen zwischen den Beinen. Ganz plötzlich. Es durchfährt mich wie ein Blitz und es fühlt sich an… nun ja… als würde jemand mit einem Messer sorgfältig die innere Scheidenwand (in Richtung Symphyse) aufschlitzen. Auuuutsch! Ich muss dann kurz stehen bleiben, mich konzentrieren, um dann langsam und in Trippelschritten weiterzulaufen. Dann ist es aber sofort vorbei… Was ist das nun wieder? Kann sich die Verkürzung des Gebärmutterhalses – am Montag waren ja noch 1,5 cm übrig – oder die Öffnung des Muttermundes so anfühlen? Oder deutet das wieder in Richtung Blasenentzündung? Da spricht der Hypochonder aus mir. Kopf lieber aus jetzt. Hinter mir laufen Leute. Mit Hunden, ohne Hunde, in Bauarbeiterkluft. Ich bin langsamer als alle. Wie man in der 40. Woche wohl so von hinten aussieht? Ich versuche testweise so zu laufen, als hätte ich keinen Medizinball umgeschnallt. Wie ging das gleich? Wie laufe ich unschwanger?

Wie bin ich überhaupt, wenn ich nicht schwanger bin? Was hab ich so gemacht? Ich erinnere mich an einen Morgen (muss so gegen 4 gewesen sein, irgendwann im Frühling), als ich genau hier langgelaufen bin und mich (noch nicht so wirklich nüchtern) über die rosa Schäfchenwolken und den Sonnenaufgang gefreut habe… Als in meinem Kopf kein Wust und in meinem Bauch keine Wassermelone war. Dafür aber die Freude auf’s Bett und die Aussicht, in 2,5 Stunden mit P. aufstehen zu müssen. Das war keine schlechte Zeit. Wahnsinn, dass jetzt einfach Mal so – schuuuuuiii – ein 3/4 Jahr weg ist… Wie lange werde ich dieses Mal brauchen, bis ich wieder zu mir finde? Ich weiß, dass es nach der Schwangerschaft mit P. eine Weile gedauert hat. Da war die ganze Situation aber eine vollkommen andere… Ich musste da ganz neue Lebensinhalte finden, weil der Abschnitt vorher mit dem letzten Konzert schlichtweg komplett vorbei war. Dieses Mal könnte das schneller gehen. Mein Leben ist ja schon auf Kind und Familie eingestellt. Ich bin zufrieden damit. In meiner Vorstellung fühle ich mich schon kurz nach der Geburt wieder viel mehr ich selbst. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…

Donnerstag (39+3):

Nüchterne Information, der Vollständigkeit halber: Es wurde angestupst. (Was ist „stupsen“ eigentlich für ein niedlich-abgefahren-seltsames Wort? „Stupsen“… Lach.) Bisher (wir schreiben 13:45) ist aber keine Veränderung feststellbar. Heute morgen wurde 2-3 Mal der Bauch hart und es zog etwas heftiger dabei im Rücken. Sonst aber nichts weiter. Wir schlagen uns mit Nerv-Scheiß wie unserem neuen doofen Vodafone-Router rum. Im Forum hat eine Mitschwangere heute Vormittag entbunden. 40+1. Bei Mrs. Elch startet heute der zweite Einleitungsversuch. 40+6… Kloß im Hals… Schlucke ihn runter.

Ich befinde mich jetzt gerade in so einem Zustand, in dem ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, dass eben dieser überhaupt noch ein Ende haben wird. Und das in sogar sehr absehbarer Zeit. Als Mensch ist man wahrscheinlich schon irgendwie darauf gepolt, sich zu arrangieren, sich an Dinge zu gewöhnen. Ich hab mich an diesen Zustand gewöhnt. So wie ich mich an meine Krankheit gewöhnt habe, die mich kaum einen Einkaufsladen ohne Schweißausbruch durchqueren und kaum eine soziale Situation ohne Aufregung überstehen lässt. Es ist jetzt so. Mein Bauch ist riesig. Ich bin total unbeweglich. Alle um mich herum werfen ihre Babys raus. Und ich sitze immernoch hier. Renne zum Arzt, sehe wunderbare Wehen auf dem CTG, merke mein sich bewegendes Baby im Bauch, bekomme regelmäßig einen steinharten Bauch, habe Ziehen im Rücken und absondere seltsames Zeug, renne permanent aufs Klo und kann nicht länger wach sein als bis 23:30. Ja, so ist das jetzt. Und ich vergesse immer wieder, dass es ganz bald wieder ganz anders sein wird. Dann werde ich ein süßes kleines Baby haben, mich fragen, ob die Pusteln was Schlimmes sind und ob er genug Milch bekommt, meine wunden Brustwarzen pflegen, mir über den Uni-Start Sorgen machen, versuchen, P. und T. unter einen Hut zu bringen, Babykacke weg machen, zwischendurch fasziniert T. beim Grimmassen schneiden zugucken, morgens über meinen labrig-gerissenen Bauch ganz schnell etwas drüber ziehen und ziemlich, ziemlich übermüdet sein.

Und so schliddern wir Menschen von Phase zu Phase, von Sommer zu Herbst zu Winter, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Sammeln Erinnerungen, an das, was war, machen uns Vorstellungen von dem, was kommt und sehnen uns nach Dingen, die vorbei sind. Über andere sind wir auch ganz froh… Eine überstandene Schwangerschaft gehört für mich eindeutig dazu. Wir wünschen uns oft, dass die Dinge anders wären… Dass wir uns besser fühlten, fitter wären oder unser Leben ein kleines bisschen anders.

Hardcore Zen von Brad Warner hab ich im Urlaub gelesen. Das überzeugte mich nicht in Gänze und ich persönlich brauche auch keinen Buddhismus, um die Denk- und Fühl-Ansätze, von denen er da spricht, gut zu finden. Für mich war das Buch aber in dem Moment genau das, was ich brauchte. (Ich lese gern Bücher und Gedanken von Menschen, die zweifeln und über die Welt grübeln und mit denen ich mich dadurch identifizieren kann. Ich bin immer auf der Suche nach Büchern, in denen mich Menschen – ob nun über eine fiktive Story oder vermittels ihrer eigenen Lebensgeschichte – in ihre Köpfe gucken lassen. Mich interessiert, wie Andere die Welt sehen. Und ich bin immer wieder erstaunt, wie selten man wirklich nahes und authentisches in die Finger bekommt.) Brad Warner ist Punkrocker einerseits und buddhistischer Mönch andererseits. Bei ihm fand ich zum genau richtigen Zeitpunkt „Take it or leave it“-Ansätze, die ich mir vorbeten kann und die mich dazu bringen, mich runterzufahren und Momente so hinzunehmen, wie sie sind. Das ist für mich nach wie vor eine enorm schwere Übung. Ich habe schon als Kind beim Karussellfahren gefragt, was wir danach machen. Ich könnte tagelang vorm Geburtstag nicht schlafen vor lauter Aufregung. Ich bin ungeduldig und übertrieben ehrgeizig seit ich das Reflektieren und soweit ich mich zurückerinnern kann.

So in etwa sehen meine „Mantren“ aus:

  1. Tu, was jetzt gerade dran ist.
  2. Konzentrier dich nur darauf, was du jetzt gerade in diesem Moment tust.
  3. Hör auf damit, die Dinge einfach nur hinter dich zu bringen und im Moment schon beim danach zu sein. Sei hier!
  4. Es gibt nichts, was irgendwie eindeutig besser oder schlechter ist. Alles ist zunächst einmal.
  5. Versuche, nur wahrzunehmen, was du jetzt wirklich wahrnehmen kannst. Ohne Vergleich. Ohne Bewertung. Ohne Einordnung. Ohne Abwerten.
  6. Frag nicht, was jetzt besser wäre oder was anders sein müsste, damit es besser wäre.
  7. Wenn du krank bist, nimm auch den Zustand so wie er ist, ohne ihn mit dem Gesundsein zu vergleichen.
  8. Tu, Tu, Tu es einfach und tu es ganz bewusst!

Man hat schließlich (fast) immer die Wahl: Man kann sich fertig und alles noch viel anstrengender machen durch Grübelei, Gejammer im Sinne von „viel besser-schöner-toller wäre es jetzt, wenn…“ und Selbstbemitleidung (das kann ich zum Beispiel ganz hervorragend). Oder man versucht, wahrzunehmen, was ist: Aha. Ich habe gerade echt starke Rückenschmerzen. Draußen fährt ein Müllauto lang und macht krach. Der Regen trommelt auf mein Fenster, durch den Wind schwillt er an und wieder ab… Das ist wirklich eine gute Übung, hab ich festgestellt – ich glaub, in der Psychotherapie nennt man das „Achtsamkeitstraining“. Schon mal versucht, dich beim Zähneputzen nur und ausschließlich auf’s Zähneputzen zu konzentrieren? Also wirklich einzig und allein auf diesen Vorgang? Durch sowas kann man wirklich in Trance-ähnliche Zustände kommen. Wenn ich merke, dass meine Gedanken, mein Gegrübel und Gehader mal wieder aus dem Ruder laufen, versuche ich mich mit Hilfe dieser „Gedächtnisstützen“ zu „besinnen“. Und das klappt bei mir bisher noch mit am besten… Also besser als autogenes Training, Yoga oder Muskelrelaxion zum Beispiel. Weil ich es viel akuter anwenden kann. Und weil es bei mir schon alles eher über den Kopf geht.

Huch… Was für ein weites Abschweifen war das denn jetzt? Naja… Herzlich Willkommen in meinem Kopf. So sieht’s hier aus, so geht’s hier zu. Tadaaaa… Und eigentlich war ich total motiviert, meine Studienleistung heute zu schreiben…

…. …. ….

Oh Mann.. Ich schwöre, ab morgen gehe ich nur noch mit Schild auf die Straße! Auf dem steht: JA. ES IST EIN ENORMER BAUCH. JA, ES MÜSSTE BALD KOMMEN. JAAAA, GENAU, ES WERDEN SICHER ZWILLINGE. Gääääähn… Schon deshalb wäre es toll, wenn’s dann doch so langsam ein Ende hätte.

Nachdem wir uns mit J&J und K&T im Kinder-Spieledings getroffen habe, gehen wir essen. Ja, entspannt ein bisschen. Außerdem haben wir seit Wochen nicht mehr wirklich was zu Essen im Haus… Bzw. Nur für die nächsten 2-3 Tage. Könnte ja was dazwischen kommen. Ich bekomme langsam Paranoia. Alle starren mich an… Wo ist mein Schild, wenn ich es brauche?? „Was ist los?“ fragt mich K. „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich Immernoch schwanger bin…“ Ich glaub, er kann es überhaupt nicht mehr hören. Aber er gibt sich echt Mühe, das zu überspielen. Dafür verdient er Liebe, finde ich.

Plötzlich bekomme ich wieder Geburtspanik. Hä? Was soll das denn? Die ganzen Tage jetzt war ich fast „heiß“ auf die Geburt und jetzt plötzlich wieder Schiss? Nee, nee… Komm schon, Hirn! So jetzt nicht. Mir geht’s aber gerade irgendwie echt nicht gut. Mir ist schummerig, die Niere tut weh, ich bin kaputt.. Jetzt gerade hab ich wieder ein bisschen Angst, dass es in so einem „ungünstigen“ Moment losgeht… Nö Mann! Es gab auch gute Tage. Wenn ich schon warten muss, dann soll es bitte an so einem energetischen losgehen.

2 Kommentare zu “Schwanger sein: 40. Woche (4)

  1. O.M.G. kann ich da nur sagen, sag mal, kuckst du in meinen Kopf, in mein Herz und schreibst dann los???
    Ich hab grad etwas zu viel Zeit zum Grübeln, aber zum Posten komm ich nicht.
    Das mit dem MC tut mir leid, ne Freundin hat das auch, hat im August auch n kleinen Jungen geboren. Naja, tut nix zur Sache…
    Also, ich bleib hier am Ball und freu mich, meine, äh, deine Gedanken zu lesen :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s