T.s Geburt (1)

immernoch Sonntag (39+6):

Abends. Müde. Schlafen. Gott, dieser Zustand… Einfach nur noch Frust. Ich hasse es so. Ich will nicht mehr. Nur noch Schmerzen. Nur noch genervt sein. Fetter Bauch. Alles zieht und drückt. Immerhin die Studienleistung heute fertig bekommen… Arrrgh… Ich kann mich nicht auf P. einlassen!!! Will einfach nur meine Ruhe… Buhuuuhuu… Warum geht es nicht los? Worauf wartet dieses Kind? Stelle K. die gleichen Fragen zum 1000. Mal. Warum ist das Kind so schwer? Am Ende geht es nicht los und es wird doch eine Einleitung oder Kaiserschnitt. Ich hab Angst. Ich will nicht mehr. Und dieses Mal hat er keine Geduld mehr. Wir streiten. Er trabt ins Bett ab. Bleibe geknickt auf dem Sofa zurück. Versuche es später mit einer Entschuldigung. Klappt mehr oder weniger. Ist doch scheiße alles. Wir machen uns noch richtig schön fertig vorher.

Kann nicht einschlafen. Zu viele Gedanken im Kopf. Wie wird es losgehen? Wann wird es losgehen? Wird es überhaupt losgehen? Verdammt… Wenn ich nur nicht so scheiße mutlos wäre. Kann mir einfach nicht vorstellen, dass es wirklich einfach losgeht. Ich glaub nicht mehr dran. Ich befürchte, dass irgendwas schief geht. Dass er nicht kommt. Dass er im Bauch stirbt und ich ihn tot zur Welt bringen muss. Nabelschnurvorfall. Meine verdammte Flanke schmerzt. Die verdammte Niere. Oh Gott, ich hab so die Schnauze sowas von voll. ICH MAG NICHT MEHR! Kirschkernkissen auf die Flanke. Irgendwann wegdämmern. Unruhiger Schlaf.

Montag, 16.09.2013 (40+0):

2:30. Pinkeln. Aua! Flanke, Niere. AUA!!! Arrrgh… Doch wieder Buscopan? Erstmal Wärme. Bringt nichts. Doch Zäpfchen. Soll ja auch den Muttermund weich machen… Na, vielleicht bringt’s ja was… …

Scheiße verdammt. Ich habe echt keinen Bock, morgen zur Gyn zu gehen. Ich glaub, ich bekomme wirklich einen Heulkrampf dort in der Praxis. „Ach, na Sie wollten wir aber eigentlich nicht mehr sehen…“ Arrrrgh… Wenn ich mir das nur vorstelle. T. … Bitte komm raus! Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, komm raus. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte… Komm raus… Bitte, bitte, bitte, bitte…

Über diesen Gedanken schlafe ich irgendwann wieder ein.

6:30. Flanke geht wieder. Okay… Pinkeln. AUTSCH! Was zur Hölle ist das denn? Zwischen meinen Beinen drückt es, aber wie… Au… au… Okay, nicht übertreiben. Erstmal versuchen wach zu werden. Manchmal legt sich das ja durch Bewegung. .. … … Okaaaaay, tut es nicht. Der Schmerz ist durchgehend. Es drückt… irgendwie in der Scheide… Nicht direkt auf die Symphyse, aber da in der Gegend. 09:20 Termin bei der Gyn?

06:40

Furchtbare Nacht, ab heute darf ich offiziell Jammern. Konnte nach 3 einfach nicht mehr pennen. Um 5 musst ich ’ne Buscopan nehmen, weil die Schmerzen plötzlich wieder da waren,. Jetzt häng ich wieder hier, obwohl noch alles schläft… Ich mag nicht mehr!!! Er soll endlich rauskommen… Verdammt nochmal.

07:28

Mein Uuuuuunterleib krampft rum! Fühlt sich aber nicht wenig an. Zu durchgehend. Wundert mich nur, dass ich es merke. Hab ja Zäpfchen gegen 5 genommen, da ist ordentlich Paracetamol drin.

P. ist wach und gut gelaunt, singt, tobt… Es drückt zwischen den Beinen. Ich wecke K. Frühstück. Kann nichts essen. Mir ist schlecht. „Hm. Ich überlege, ob wir nicht lieber direkt ins Krankenhaus fahren anstatt zur Frauenärztin. Der Druck ist echt heftig. Ich würde gern nachgucken lassen… So kann ich jetzt nicht 2 Stunden im Wartezimmer sitzen.“ Sachen einpacken, P. in die Kita und dann zum Krankenhaus. Das sollte drin sein. Fuck, es tut weh… Aber vielleicht, vielleicht geht es ja wirklich los??! Vielleicht hat die Qual heute endlich ein Ende? Oh bitte… Bitte, bitte… Lass das keinen Fehlalarm sein. Au…

08:10

Überlegen, ob wir ins KH statt zur Gyn fahren. Die Schmerzen zwischen den Beinen seine echt extrem. Aber nicht an-/abschwellend. Sondern durchgehend.

08:17

Bringen P. in die Kita und fahren danach. Ich glaub, das könnt schon was sein. (Ich glaub, ich lasse sonst auch einleiten…)

Ah, verdammt. „Soll ich P. nicht lieber allein in die Kita fahren? Das wird doch so nichts…“ sagt K. Er hat recht. P. will, dass ich mit ihr spiele… Aber ich kann nicht, sie überfordert mich gerade… Sie muss jetzt irgendwie erstmal versorgt werden. „Ja, machen wir so. Aber beeil dich!“

08:43

Krass, das zieht ordentlich. Auch ganz anders. Aber wie gesagt, durchgehend. Das ist komisch. Nicht so Wehe kommt und geht… K bringt P. allein in die Kita. Das war gerade ein bisschen anstrengend, weil sie noch so dazwischen war und dauernd was wollte…  Ich glaub, heute könnte er wirklich kommen!

Oh. Mein. Gott. Vielleicht kriege ich heute unser Baby! Neinnnn… Ich will mich nicht darauf einschießen… Am Ende ist wieder nichts und ich sitze heute Nachmittag heulend Zuhause. Sachen sollten wir trotzdem mitnehmen. Krankenhaustasche, der graue Beutel mit den Sachen für T., die Babyschale… Hmmnn… Ein paar Kekse, ein bisschen Traubenzucker. Meine Waschtasche… Kann nicht sitzen… Geschirrspüler noch schnell ausräumen, Boden Fegen, Zeug von A nach B räumen… Dabei laut Musik hören… Herz klopft wie wild.

Oh Mann, oh Mann, oh Mann!!! Ich muss ganz schön schnaufen, um das zu ertragen. Was ist das nur??!?

09:00

Ohne veratmen geht kaum noch. Aua!

09:20

Wenn der heute am Termin kommt, kriege ich ’nen Lachanfall, echt! Aber ich glaub gerade nicht, dass das schon wieder falsch ist. Es sei denn, der Schmerz ist jetzt was ganz anderes.  Ich habe ihn heute Nacht aber auch echt hypnotisiert… 

Schlüssel knackt im Türschloss. K. ist wieder da. Endlich. Ich werde sofort ein bisschen ruhiger. Er rasiert sich, packt auch ein paar Sachen ein. „Hast du noch ein altes T-Shirt für mich?“ – „Für was? Für jetzt?“ – „Nee… Eher so… für die Geburt…“

09:37

Fahren gleich los, bis jetzt hör’s noch nicht wieder auf. Ich glaub, er kommt heute… Aber ich sag’s noch nicht laut…

09:55

Oh Gott! Autofahren ist DIE HÖLLE! AUAAUAUAU!

10:02

Raus aus dem Auto, kann kaum noch laufen. Aua! Ich glaub, die Chancen, dass es losgeht, stehen nicht so schlecht… Sind gleich im Krankenhaus.

Okay. Es geht definitiv nicht mehr. Da ist der Weg hoch zum Krankenhaus. Vor drei Jahren… Mit P…. Nachts Hintereingang… Und 4 Tage später völlig geflasht wieder raus. Vor zwei Wochen, ich hier und P. mit K. nach Hause. Und jetzt vielleicht wirklich zum letzten Mal mit Babybauch hier rein. Mein Gott… Vielleicht werden die nächsten Stunden die Hölle… Vielleicht haben wir heute Nachmittag unser Baby im Arm. Ich glaub das noch nicht…

Vorbei an der Rezeption. Muss auf’s Klo. Mein Herz klopft und klopft und klopf. Es springt mir fast oben aus dem Hals raus. Komme raus, nehme K. an die Hand. „Station 9. Geburtsstation“ Durch die elektronische Tür. Babygeschrei, Hebammen, schlurfende Frauen mit Pavian-Windel-Pos. „Station 10. Kreißsaal“ Ich klingele. Mist, keine der Hebammen, die ich vom letzten Mal kenne. „Hallo. Ich… äh… ich weiß auch nicht. Also ich hab so einen Druck zwischen den Beinen…“ – „Wehen? Wie weit sind sie?“ – „Nee, keine Wehen, es ist durchgehend… 40+0. Heute ist Termin. Ich möchte mal gucken lassen, es ist komisch…“ Gut, dann kommen Sie mal mit.“

CTG-Zimmer. Rotes Frottee-Spannbettlaken. Hier ist mir bei P. die Blase so richtig geplatzt. Lege mich hin. Der Druck ist noch immer da. Herz klopft. Die Hebamme legt die Sensoren an. Erst der Wehenschreiber. Jetzt das Teil für die Herztöne. Mann… Wie viele CTGs hab ich in der Schwangerschaft schreiben lassen… Knacken, laute Geräusche… Die Hebamme guckt irritiert, konzentriert sich, schiebt das Ding auf meinem Bauch rum. „Hm, ich krieg die Herztöne gerade nicht so richtig…“ Sie schaut auf die Anzeige. 200, 203, 205. „Aufgeregt, hm?“ sage ich. „Ist er immer…“ – „Hm. Frau J., wir gehen jetzt mal bitte gleich in den Kreißsaal…“ … …

Wa… Wa…? Wie? Was ist los? Denken setzt aus. Nur noch Herzklopfen und Fragezeichen im Kopf. Was ist los???

Wir gehen vorbei an dem Zimmer, in dem ich letztens stationär lag. Die Hebamme hält bei der Anmeldung an, ruft die Ärztin „Ich glaub, ich brauch dich gleich mal in Kreißsaal 2. Herztöne über 200.“ Besorgte Blicke, die Ärztin kommt gleich mit. Und schon stehe ich im Kreißsaal… Mir wird mulmig. Das schlimme ist, dass in diesen Situationen niemand so richtig mit einem spricht… Was sollten sie aber auch sagen? Es ist ja noch nichts klar. Diese Momente der absoluten Ungewissheit sind furchtbar. Ich soll mich aufs Kreißsaalbett legen. Die Ärztin und die Hebamme schauen immernoch besorgt. Wieder wird so ein CTG-Ding angeschlossen. Wieder knacken, laute Geräusche… 205, 206, 203… Das ist nicht gut.

„Was ist denn los?“ – „Naja… Das Kind hat eine sehr hohe Herzfrequenz, Frau J. Das deutet darauf hin, dass er Stress hat. Wir müssen jetzt mal sehen, ob wir herausfinden, woran das liegt und ob wir ihn beruhigen können. Sonst müssen wir ihn holen.“ – „Ihn holen? Kaiserschnitt??“ Die Hebamme nickt.

Tatsächlich denkt man in so einem Moment gar nicht viel. Was soll man auch denken? Ich hab mir natürlich Sorgen gemacht… Und ich hatte unterschwellig auch Angst. Aber ich war – wie immer in solchen Situationen – total gefasst. Habe versucht, mich zu beruhigen. Ich habe eine Sauerstoffbrille bekommen und eine Infusion. Die Ärztin kam rein, Ultraschall.

„Hm. Kopf tief im Becken. Plazenta schon gut reif… Gibt es schon einen Befund? Nein, keinen Befund… Hm. 3900 Gramm.“ – „Oh, doch so schwer. Ist das zu schaffen?“ – „Na sicher ist es das… Also versprechen kann man es nie, aber es geht…“

Was heißt denn bitte „versprechen kann man es nie???“ Boar ey… Ärzte… Manchmal…

Die Ärztin guckt genau, hier, dort, da… Grau-meliertes Gewaber auf dem Bildschirm. „Ich kann jetzt erstmal nicht erkennen, woran es liegt.“ Hebamme: „Wir schreiben jetzt erstmal eine Stunde CTG und sehen, ob er sich abregt. Manchmal bringt so eine Infusion schon was. Und dann entscheiden wir, was wir tun. Es wäre schon gut, wenn das Kind dann einfach kommen würde.“

Tja. Wem sagen Sie das…

10:49

So. Musste direkt im Kreißsaal. Herzfrequenz bei über 200 :-(( Wurde gleich aus dem CTG-Zimmer in den Kreißsaal gebracht… Sie meinte, dass wir ihn vielleicht gleich holen müssen. Hab jetzt Infusion und Sauerstoff. Und er ist jetzt bei 170, die Drehe. Wird jetzt ne Stunde erstmal überwacht. Im US war nichts erkennbar. Schätzung 3900g (+/-10%). Plazenta reif. In ’ner Stunde wird überlegt ,was wir machen. Wehen sind ab und zu welche drauf, aufm CTG. Aber nicht stark und nicht regelmäßig.

(Fortsetzung folgt…)

Ein Kommentar zu “T.s Geburt (1)

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