T.s Geburt (3)

Geburtswanne… „Ich kann nicht mehr“ – „Ja ich weiß, jetzt warte mal, das Schmerzmittel wirkt in 10 Minuten. Dann hast du wieder Pausen zwischen den Wehen.“ – „Aber ich glaube, dass die Wehen nichts bringen.“ – „Doch, sag das nicht. Die bringen was, ganz bestimmt. Wir müssen doch auch vorwärts kommen.“ Immer wieder sagt sie das. Und sie hat Recht. Ja, stimmt. Hier geht es ja um etwas. Schon bei der Geburt von P. hatte ich das zwischenzeitlich immer wieder aus den Augen verloren.

Es ist mir zu viel jetzt, wenn jemand redet. Muss mich irre konzentrieren… „Atme die Wehe mal richtig weg“ hat die Hebamme vorhin gesagt. Der Gedanke hilft irgendwie. Druck kommt… Steigert sich… Weeeeg Wehe… Weeeeg… Pause… Muss mich festhalten… Liege links gekauert… Wechsele ab und zu die Seite… Unglaubliche Anstrengung. Versuche mich auf die sechs Atmenzüge pro Wehe zu konzentrieren und irgendwie nicht untenrum zu verkrampfen. Es soll vorbei sein. Es soll einfach vorbei sein… Ich kann nicht mehr. Es drückt wahnsinnig. Trotzdem merke ich, dass es noch nicht so weit ist. Gucke immer wieder zur Uhr. Die Zeit kriecht. Und dann irgendwie doch nicht. Ich weiß nicht. Grausam, dass niemand mir sagen kann, wie lange ich diesen Zustand hier noch ertragen muss. Kaum noch Kraft. Mutlos. Willenlos. Diese verdammten Schmerzen…

Tür auf. Hebamme kommt rein… „PDA? Kann ich eine PDA haben?“ – „Ja… Oder warte… Wie ist denn der Druck?“ – „Ja. Da.“ – „Warte, ich muss mal tasten…“ … … … … … „Das sind… Moment… Ich glaube… Also wenn mich nicht alles täuscht, dann ist dein Muttermund jetzt 10 cm offen! Ich kann es nicht versprechen, weil man das in der Wanne immer schlecht tasten kann… Aber ich glaub, er ist offen.“ – „Wie? Ja? Ehrlich?“ – „Ja! Und das ist gut! Aber da können wir keine PDA mehr machen…! – „Aber ich kann nicht mehr. Ich brauch ein Schmerzmittel. BITTE! Ich schaffe das nicht sonst…“ – „Aber das andere ist noch nicht lange genug her, wir müssen noch warten.“ Muss heulen… „Bitte, ich ertrag das nicht… Ich…“ – „Ja… Okay… Aber ich muss dir was Anderes geben.“ – „Okay…“

20:36

Hab nach PDA gebettelt. Wohl keine PDA mehr heute. Hebi hat in der Wanne getastet. 10 cm offen! Vielleicht noch eine Stunde… Jetzt noch ein anderes Schmerzmittel bekommen…

Weeeeeeg, Wehe, weeeeg… Du sollst weg gehen… Jede Wehe ist eine Wehe weniger… Jede Wehe ist eine Wehe, die nicht wieder kommt… Weeeeeg, Wehe, weeeeeg…

„Wenn du Druck merkst, dann kannst du auch schon mal versuchen mit zu pressen!“ Startschuss? Ja? Ich darf was machen??! Wehe kommt… Komm raus, komm raus, bitte bitte, komm raus… Drücke wie verrückt… „Nicht so doll! Zwischendurch atmen! Nur drücken, wenn du wirklich Druck merkst und nicht mehr veratmen kannst!“ – Wie? Jetzt doch nicht? Ich dachte, jetzt handelt es sich nur noch um Minuten? „Das Problem ist, dass dein Kind wahrscheinlich wirklich groß ist. Der Kopf ist noch nicht ganz da, wo er hin soll. Das Beste wäre, wenn du aus der Wanne kommst und…“ – Raus aus der Wanne? NEIN! NICHT! RAUS! AUS! DER! WANNE! aufgarkeinenfall!!! – „NEIN! Ich will nicht aus der Wanne! Ich will nicht aus der Wanne raus! Ich will wirklich nicht… Ich will hier drin bleiben!“ – „Ja, das verstehe ich. Aber hier draußen haben wir einfach mehr Möglichkeiten. Da kannst du dich noch ein bisschen bewegen und die Position ändern, damit er noch weiter nach unten rutschen kann!“ – „Ich kann mich nicht bewegen. Das schaffe ich nicht!“ – „Du musst mir da vertrauen, wirklich! Er schafft das sonst nicht…“ – „Ich will aber nicht. Ich kann nicht. Ich will hier drin bleiben.“ – „Okay… Dann geh aber mal in der Wanne auf die Knie. Du musst die Position ändern“ Zurücksinken. Wimmern. Wehenpause… Aufrichten… Zittere… K hält mich. „Und jetzt schieb mal mit nach unten, wenn du Druck merkst. Ich schaue mal, ob ich schon was tasten kann…“ Wehe kommt… Drücken… „ATMEN! Und ja los, komm, schieb nochmal!“ Wie? Geht’s jetzt schon los? „Der grenzt schon.“ – „Der Kopf?“ – „Ja… Aber er muss noch weiter runter!“ Hebamme raus… Schlechtes Zeichen. Wenn die gehen, dann dauet’s noch.

10 Minuten später wieder Tür auf. Hebamme mit Ärztin und einer anderen Hebamme rein. „Es wäre wirklich unbedingt notwendig, dass du raus kommst! Wir kriegen die Herztöne auch nicht mehr so gut.“ – Ärztin: „Sie müssen wirklich raus, Frau J. Ihrem Kind wird das langsam zu anstrengend. Er muss jetzt raus.“ – Diese Sprüche kenne ich. Die kenne ich gut. Aber es heißt auch, dass es nicht mehr so lange dauern kann. Gucke zur Uhr. 21:06. Wasser wird abgelassen. Dauert ewig. „Mach ein paar Wehen im Stehen!“ Ha! Ja, klar. Im Stehen. Er soll jetzt aber da raus.. Mache jetzt alles. An K.s Hals hängen, wenn die Wehe kommt. Nimmt die Verspannung etwas. Wehen im Stehen… Die Hölle!

Wanne leer. Raussteigen. Bin klatschnass. Soll das nasse Shirt ausziehen. Jede Bewegung bringt mich um. Will sterben. Auf’s Kreißsaalbett. Endspurt jetzt? Will es endlich zu Ende bringen. Es soll vorbei sein. Sehe hier keine Ende gerade… Geht immer einfach weiter… Will nicht mehr. Kann nicht mehr. Nur noch Schmerz, alles nur noch Schmerz und Druck. Vierfüßler. „Schieb mit, wenn du Druck spürst. Aber übertreib es nicht! Erst die Wehe veratmen und dann pressen“ … … „Leg dich vor der nächsten Wehe mal linksseitig. Danach rechtsseitig. Dann kann er nochmal gut rutschen!“ – „Ich… Was? Ich kann nicht…“ – „Doch du schaffst das, wir helfen dir doch! Wir sind alle da!“ ABER IHR HABT DIE SCHEISS SCHMERZEN NICHT, VERDAMMT! Der Druck nach unten ist zu krass. Liege rechts. 21:45. Hebamme vor meinem Gesicht. „Du, ich muss jetzt wirklich los. Du schaffst das! Ich weiß das! Es dauert jetzt wirklich nicht mehr lange!“ – „Wie lange noch???“ – „45 Minuten maximal“ – FÜNFUNDVIERZIG? WIE? WAS??? WARUM????? – „Und minimal?“ – „Puh, das kann ich nicht sagen… sofort… 10 Minuten… Ich weiß es nicht.“ Hebamme geht. Will sterben. 45 Minuten. Das schaffe ich nicht. Das schaffe ich nicht. Wie kann das noch so lange dauern?

Tür auf. Engel rein. S.! MEINE LIEBLINGSHEBAMME… Meine WUNSCH-HEBAMME!!! In mir blüht was auf. Wie frisch sie aussieht. Lächelt, reibt sich die Hände mit Desinfektionsmittel ein. „So, dann bringen wir das mal zu Ende, ja?“ – „Du… HEY!“ Muss grinsen. Hole Luft. Tanke Mut.

„Geh nochmal hoch in den Vierfüßler und häng dich mit dem Oberkörper da über die Lehne!“ K. hinter’m Kreißsaalbett, hält meine Hände fest. „Und wenn eine Wehe kommt, dann drückst du mal mit. Dann schauen wir mal, wo wir sind.“ Druck kommt. Wou… Die wird stark… Scheiße, die wird richtig stark… Und S. ruft plötzlich „Jaaa, komm! Los! Sehr gut! Schieb weiter… Los! Noch ein Stück! Atmen! Und nochmal drücken! Ja!“ – „Oh Gooott!“ Fuck! Was ist das? Das brennt? DAS BRENNT!!! Oh Mein Gott… Was ist? Ist da? Ist das ein Stück vom Kopf? „Jaaa, ich weiß, das tut jetzt weh… Du musst atmen… ruhig atmen… Und in der nächsten Wehe nochmal richtig mit schieben, okay? Du schaffst das!“ Nächste Wehe kommt… Verdammt… Ich werd ohmächtig, glaub ich… „Los! Ja! Gut! Nochmal drücken, ja, loos, weiter, noch ein Stück, jaaa… … Oh… Hallo Bambi!“ ( – Ja, ich verstehe BAMBI, sie hatte aber BLONDIE gesagt ;-) -) Wehenpause… „Guck mal runter an dir!“ … Hhhha… Oh. Mein. Gott. Da ist… Sein Kopf… Sein Haarschopf! Ich kann ihn sehen. Oh mein Gott!!! „Du kannst es mal anfassen, wenn du willst…“ Hhhha… Oh Mann… Diese Wärme… Feucht, warm, weich und… lebendig… Halb drinnen, halb draußen. Ein Stück Körper…  Nächste Wehe kommt… „Nochmal drücken… Los, genau dahin wo’s am meisten weh tut… Da hin musst du drücken… Jaaa… Looooos, weiter… Komm, noch ein Stück…“ Ddddddha… Stille… Sie dehnt etwas? Es brennt… Muss atmen… Atmen… Gleich wird er da sein… Gott, es brennt… Das ist unmenschlich! Hebamme spricht mit dem Baby…. „Ja, du meckerst wohl schon?“ Schaue nach unten… Etwas mehr ist da zu sehen… Merke, wie sich etwas bewegt. IN MIR! Unglaublich.

„Mit der nächsten Wehe ist er da!“ – „Ja? Was? Okay… Okay…“ Wehenpause. Dauert lange… Kralle mich an K.s Armen fest. Atme… Letzte Reserven rausholen. Mit der nächsten muss es klappen. Ich kann nicht mehr länger. Es brennt so wahnsinnig. Warum dauert das so lange? Wie jetzt? Kommt keine Wehe mehr… Plötzlich ist da wieder die Oberärztin. Gucke auf die Herztöne. Ziemlich niedrig. Ärztin drückt auf meinem Bauch rum. Alle warten. Nichts passiert. Scheiße! SCHEIßE!!! Das war’s jetzt… Es geht nicht weiter… Ärztin: „Ich glaub, jetzt kommt was“ sagt sie. Oh ja… Merke es. Da kommt der Druck. Von ganz unten… Okay… Okay… Das wird heftig. Ich will ihn raus haben… Okay… Da kommt sie… Hole Luft… Schiebe… „Ja, ganz nach unten, du musst ganz nach unten drücken, da wo es richtig weh tut… Jaaa! Komm… Weiter! Jaaa! Noch ein Stück… Noch ein Stück… Nochmal Luft holen und nochmal so doll du kannst…“ Schiebe… Hole Luft… Und dann… auf einmal…

… … …

RRRRUUUTSCH

… … …

Dieses wahnsinnige Gefühl! Genau an dieses Gefühl bei P.s Geburt erinnere ich mich auch noch klar und deutlich… Nicht nur der Schmerz, den man spürt, wenn das Kind unten am Ausgang hängt – dieses Brennen – lässt so urplötzlich nach, sondern der gesamte Druck, der sich über 9 Monate in einem gesammelt hat, geht mit einer Sekunde raus. Ein irres, einzigartiges, abgefahrenes, wahnsinnig atemberaubendes Gefühl!

Und da liegt er. Unter mir. Auf dem Rücken. Alle Gliedmaßen von sich gestreckt, noch durch die Nabelschnur mit mir verbunden… und guckt… und röchelt… hustet… verzieht das unglaublich zerknautschte Gesicht und… UÄÄÄÄÄÄH! UÄÄÄÄÄH! UÄÄÄÄÄH!

„Oh Gott… Oh mein Gott… Oh Gott… Ich hab’s geschafft… Es ist vorbei… Oh Gott, es ist vorbei… Es ist vorbei… Ich hab’s geschafft. Da ist er… Oh Goooott…“

„Wird auch gleich ganz rosig“ sagt die Hebamme… Sie haben ihn dann ganz kurz weggeholt (er brauchte wohl eine Sauerstoffdusche, hab ich danach erfahren…), „Mensch, schwer bist du…“ sagt sie und schlägt ihn schnell in ein gelbes Handtuch ein. Genau wie P. vor drei Jahren…

Ich kann unmöglich beschreiben, wie erleichtert ich war. Deshalb zeig ich euch diesen Moment… Weil ich denke, dass das mehr sagt als alles, was ich dazu schreiben könnte…

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Ich hab mein kleines schweres Baby auf dem Arm… „Oh Gott, ich hab es geschafft… Ich hab echt nicht mehr daran geglaubt…“ Er quäkt, er guckt, ich rieche ihn… Es ist wirklich etwas ganz ganz einmaliges, zum allerersten Mal einen kleinen neuen Menschen zu spüren. Diese Schwere, diese Wärme, die Bewegungen… Das ist wirklich der Hammer.

T. ist da. Endlich ist er da! 16.09.2013. 22:03. 4325 Gramm. 54 cm. 38 cm Kopfumfang . Keine Geburstverletzungen.

Ich bin unendlich erleichtert. Und glücklich.

16 Kommentare zu “T.s Geburt (3)

  1. so, jetzt aber, nach drei wuuundervollen Teilen, Tränen meinerseits und eines der wunderschönsten Geburtsbilder, das ich kenne: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! Zu deinem Sohn, zu dieser Leistung, zum 40 Wochen und ein paar krasse Stunden verkraften! DU TROOPER!!!!

  2. Oh wie schön! Da fällt mal für ein paar Tage mein Rechner aus und schon verpass ich das Happy End. Herzlichen Glückwunsch! Hab jetzt alles gelesen und weiß gar nicht ob das so gut war. Hab das ja schließlich bald alles noch vor mir und irgendwie glaub ich das wird gar nicht so schlimm. Ich versuch mal noch ein bisschen auf meiner naiven Wolke zu bleiben. ;-)
    Wünsch Euch eine schöne Kennenlernzeit und Du, erhol Dich gut!

    Liebe Grüße Shiva

  3. Wow, so gross und nix gerissen!? Krass! :) Glück hattest! Toll, wie detailliert der Bericht ist. Ich konnte das nach der Geburt kaum mehr so gut nachvollziehen. Hattest ein Aufnahmegerät dabei oder so? :D

  4. Ich habe jetzt Gänsehaut am ganzen Körper! Unglaublich realitätsnah, wie du die Geburt beschrieben hast. Ich glaube, ich habe zwischendurch die Luft angehalten beim Lesen deiner Wehen und hätte um ein Haar auch noch mitgepresst ;)
    Ich habe deine zweite Schwangerschaft vom Beschreiben des Streifenwahnsinns auf den Ovulationstests über die erste zarte Linie an ES + 10 abends bis hin zur Geburt verfolgt und gratuliere euch von ganzem Herzen zu eurem Sohn!!!

  5. *heul* so bewegend, so verängstigend, so schön! Macht trotz der intensiven beschreibung der schmerzen und der erschöpfung und der verzweiflung wirklich mut und lust auf die nächste geburt.
    Für mich war bei meinem ersten kind auch dieses unheimlich starke: ich-hab-es-geschafft-gefühl das euphorisierendste, was ich je erlebt habe!

  6. Mensch jetzt hab ich fast 3 Tage zum „nachlesen“ gebraucht :-) bin gerade im eigenen Babygewussel gefangen und komme nicht so oft ins Internet. Glückwunsch und ja so eine Geburt ist ne Meisterleistung, du bist ne Superheldin. :-) Ich wünsche dir auf jeden Fall alles alles gute und alles Gute dem Zwerg.

  7. Hallo unbekannterweise, ich bin zufällig auf deinen Blog gestoßen und muss dir einfach für deine ehrlichen Worte und Gedanken danken! Ich bin ab morgen in der 40. SSW und mein Baby wird auch schon auf knapp 4000 g geschätzt. Ich habe auch seit 2 Wochen immer mal wieder Wehen, aber es geht nicht los. Ich habe die gleichen Ängste und Sorgen wie du vor 2 Jahren. Es tut grad wirklich gut, dass ich nicht alleine bin mit den Sorgen und Ängsten. Danke! Und so süße Bilder! LG Irene

    • Oh! Schön, dass es hilft! Ich wünsche dir alles Gute. Denk an die Zeit mit Baby kurz nach der Geburt, du wirst dich wahrscheinlich fühlen wie Super-Woman ;) (Der hormonelle Cocktail, der dich überrollt wirkt besser als jede Feelgood-Droge!) Bald ist es vorbei :-*

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