Geschwistergedanken (1): Dem Kind das Herz brechen…

Da ist es nun, das zweite Kind.

Ich habe nicht ewig darüber gegrübelt, ob und wie das Sinn macht oder nicht. Ich hatte einen kleinen Bruder, habe an unsere gemeinsamen Urlaube gedacht und daran, wie viel Zeit ich mit ihm und wie viel mit meinen Eltern verbracht habe und dachte: Ja, ein Kind allein und immer nur allein, das find ich nicht gut. Und habe dabei auch an mich selbst gedacht. Weil ich halt echt kein guter mit einem Kind-Spieler bin. Weil ich viel mehr mit mehreren Kindern anfangen kann. Denen kann ich einen Rahmen bieten, in dem sie sich herrlich austoben können. Aber ich tobe halt nicht so gern (und gut) mit. Ich freunde mich auch langsam damit an, wirklich die Überzeugung zu vertreten, dass man das als Erwachsener auch nicht tun muss, wenn es einem nicht liegt.

P. ist eine ziemliche Prinzessin. K. verwöhnt sie ganz schön, bespielt und -spaßt viel. P. läuft nicht einfach mit, wir machen viele kinderfreundliche Dinge. Zoo, Hüpfburg-Fest, Schwimmbad, … All sowas. Tatsächlich fand ich das oft ziemlich anstrengend, mit ihr allein. Gerade in den letzten Monaten, seitdem sie so ca. 2,5 Jahre alt ist und so richtig tobt und fordert, dachte ich schon oft aaaaaaaanstrengend… und hab mir die Momente schön gemalt, wenn nicht mehr ich oder K. mit auf’s Riesen-Trampolin müssen, sondern P. und T. Die Kinder machen Kindersachen, die Erwachsenen machen Erwachsenensachen. Und alle sind glücklich. So sieht das aus in meiner Phantasie und so in etwa erinnere ich mich auch an meine Kindheit.

Abgesehen von dem Moment im Disneyland, als ich noch etwa 3,5 cm zu klein für die coole große Achterbahn war und mit meinem kleinen Bruder draußen gewartet habe, während meine Eltern Achterbahn fahren waren… Maaaaann, war das gemein! Heute rechne ich ihnen ihren Egoismus in dem Moment echt hoch an irgendwie… Ich würde das wahrscheinlich nicht machen… Ich hab halt ständig Angst, meinen Kindern das Herz zu brechen.

Und schon bin ich beim Thema. Meinem Kind das Herz brechen.

268 Tage war ich schwanger. Wir haben viel mit P. darüber gesprochen, dass sie einen kleinen Bruder bekommt und am Ende war nicht nur ich, sondern auch sie ungeduldig. Sie hat den dicken Bauch noch vor mir begrüßt und mit ihrem Bruder geredet: „Komm endlich raus, T.! Ich will dich sehen!“ In ihrer Musikgruppe haben drei gleichaltrige Kinder in den letzten Monaten Geschwisterkinder bekommen und auch ihre allerliebste Kindergartenfreundin hat eine kleine Schwester bekommen. Alles ganz gute Voraussetzungen für unsere Erweiterung, fand (und finde) ich. Sie schien sich wirklich auf ihren Bruder zu freuen. Ich glaube nicht, dass sie eine echte Vorstellung davon hatte, was das eigentlich genau bedeutet. Wir haben ihr erzählt, dass T. bald raus kommt, der Bauch dann weg ist, T. dann bei uns wohnen wird, Milch aus meiner Brust trinkt und am Anfang noch nicht viel kann, außer schreien und schlafen. Der Bauch bekam Küsse und ihre zwei Babypuppen – Arthur und Ella – wurden heftig betüddelt.

Jetzt ist T. tatsächlich da.

Am Tag nach seiner Geburt kam P. mit meinen Eltern ins Krankenhaus. Sie hatte Geschenke für ihren Bruder dabei und er hat ihr einen Lolly mitgebracht (Tipp von der Hebamme). Sie ist aufs Bett geklettert und hat ihn begrüßt, seine Hand gestreichelt, schüchtern gegrinst, ist dann aber gleich zurück zur Oma geflüchtet. Oder zum Papa. Jedenfalls nicht zu mir. Als er anfing, zu quaken, hat sie gefragt „Warum weint er denn?“ … Die Frage wird uns noch lange begleiten, schätze ich. Wir haben uns dann angezogen und sind alle zusammen losgegangen. Dass T. noch mit im Auto saß, fand sie ganz witzig. Zuhause hatte sie dann einen ziemlichen Zickenanfall, fand alles doof und war irgendwie unwirrsch. Okay… Das wäre sie vielleicht so oder so gewesen. Nach der Kita ist sie oft müde, wenn sie dort mittags nicht geschlafen hat. Aber normalerweise sagt sie nicht sowas wie „Ich will nicht, dass du hier bist, Mama! Papa soll hier sein!“ – Auuuuutsch!

Der erste Nachmittag und Abend mit zwei Kindern hat sich – im Bezug auf’s Geschwisterthema – komisch angefühlt. Es war nicht so richtig ein Familiengefühl da, sondern T. – der Säugling – auf der einen Seite und P. – die 3-Jährige – auf der anderen. Als ich mit T. auf dem Sofa saß und ihn gestillt habe, war mir P., die draußen rumgeschrien hat, ein bisschen zu viel. Als ich mit P. abends im Bett lag und ihr Geschichten vorgelesen habe, habe ich kurz vergessen, dass ich gestern Abend ein Kind zur Welt gebracht habe, dass im Wohnzimmer gerade schlummert.

Dann einerseits so tolle Momente – Vorgeschmacks-Momente – wie der Morgen und P. kommt ins Bett und wir liegen da zu viert. Und dann gleich die andere Seite: T. fängt an zu weinen und P. fragt „Warum weint der?“, verzieht das Gesicht und sagt „Mir ist das zu laut. Das nervt / Das ist anstrengend.“ oder auch „Nein, T., du darfst nicht in mein Zimmer!“ als ich mich mit ihm zu ihr und K. legen will, während sie sich ein Buch angucken… Ist ja toll, dass sie das so klar sagen kann… Aber auch ein Dämpfer, der Befürchtungen schürt.

Und dann hatte ich natürlich einen ordentlichen Heulanfall…

Es ist komisch. Ich bin so… ich bin so traurig für P., weil sie nun einfach nicht mehr die Nummer 1 ist und ich mir vorstellen kann, dass das echt hart für sie ist. Und ich selbst finde es für mich schwierig, weil die Hormone mich total an T. binden und ich ihn wirklich mit Herzchen-Augen angucke, den ganzen Tag…  Ich finde es schwierig, weil ich nicht in P.s Kopf gucken kann und Kinder in dem Alter ja auch noch nicht reflektiert sagen können „Du, damit komme ich gerade ganz schwer zurecht.“ Sie verhält sich einfach irgendwie und ich muss, glaub ich, aufpassen, dass ich da jetzt nicht zuuuu viel rein interpretiere… Ich versuche, Rituale bewusst mit ihr durchzuziehen. Wie immer mit ihr aufzustehen, zu frühstücken und sie anzuziehen. K. bringt sie in die Kita. Es tut mir ein bisschen weh, weil es für sie sicher traurig ist, dass ich sie schon seit Monaten nur noch selten abhole und den Nachmittag mit ihr verbringe, und jetzt geht das ja noch einen Moment so weiter. Ich wäre gern mal wieder uneingeschränkt da für sie. Und ich weiß nicht bzw. ich will nicht, dass sie mir das irgendwie nachträgt bzw. dass sich das allzu sehr auf unsere Beziehung auswirkt. Dass das irgendwas kaputt geht, was nicht mehr wieder gut zu machen ist.

Mein Mutterherz krampft ein bisschen zusammen vor Angst, wir könnten uns vor dem Hintergrund dieser neuen Situation total entfremden…

Ja, ich hab echt ein bisschen Herzschmerz. Einfach nur aufgrund der Tatsache, dass es zwischen uns nie, nie, nie wieder so sein wird, wie es einmal war. Das ist etwas, das ich mir vorher hätte etwas bewusster machen sollen. Das heißt nicht, dass ich jetzt denke, dass es ganz schrecklich anders ist als sonst oder so oder niemals gut werden wird. Es wird nur nie wieder so sein, wie es war. Sie wird einfach nie mehr mein eines Kind sein. Ach herrje… Ich könnte schon wieder heulen *schluck* (Jaja, die AfterGeburt-Hormonladung tut da sicher auch ihren Teil dazu…)

Davon abgesehen bin ich mir eigentlich ja sicher, dass sich das alles einspielen wird. Wenn sie erst einmal feststellt, dass wir auch alle zusammen wieder raus gehen, Dinge unternehmen und es nicht ewig bei dieser Ausnahmesituation bleiben wird. Wenn es einfach normal wird, dass T. da ist. Wenn T. für sie einfach selbstverständlich dazu gehört. Außerdem tut es der kleinen Prinzessin – so auf lange Sicht – schon eher gut, nicht mehr ständig in unserem Mittelpunkt zu stehen.

Aber trotzdem… hach… Ich wünschte, ich könnte in ihren Kopf reinschauen und genau sehen, was die Situation gerade mit ihr macht. Man muss ziemlich genau beobachten, um das rauszukriegen. Ich kann nur mutmaßen, wie es in ihr aussieht gerade und ob sie wirklich schlimm daran zu knabbern hat oder ob alles okay ist. Ich denk, die Zeit mit ihrer Omi tut ihr ganz gut gerade. Sie hat sich gestern – 4 Tage nach T.s Geburt – auch ausdrücklich gewünscht, bei ihrer Omi zu schlafen… Und ich weiß, dass es ihr dort gut geht. Und ehrlich gesagt tut es mir auch gut, dass sie weg ist und ich merke, dass sie mir fehlt und ich mich darauf freue, wenn sie wieder hier ist.

Mein großes Kind kommt mir wirklich irre groß vor gerade! Wenn ich den ganzen Tag mit T. zu tun hatte, sie abends nach Hause kommt und ich ihre Hand anfasse, ihre Kopf streichle… Das ist ein Weltenunterschied. Wahnsinn! Daran muss ich mich auch erst einmal gewöhnen. Auch daran, dass man einen Säugling ganz anders anfasst und kuschelt als ein 3-Jähriges Kind.