Schreien-Nuckeln-Aua!

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(T. ist 19 Tage alt. Fast drei Wochen.)

Es kommt uns momentan so vor, als würde unser Baby eigentlich immer brüllen, wenn er wach ist. Das geht ganz schön an die Substanz. Und es ist uns nicht instinktiv total automatisch klar, wie wir damit sinnvollerweise umgehen könnten. (Einen lesenswerten Artikel über die (Un)Möglichkeit der Erziehung nach Bauchgefühl findet ihr hier.)

Zum brüllenden Kind und dem entsprechend „richtigen“ Umgang mit ihm gibt’s so ziemlich jede Ansicht. Voraussetzung ist, dass das Kind gestillt ist und keine vollgekackte Windel hat.

1. Schreien = Bedürfnis nach Nähe/Stillen. Am besten ganz viel Kuscheln und auch die Brust anbieten, zur Befriedigung des Saugbedürfnisses.

2. Schreien = Ausdrucksmittel. Am besten das Brüllen begleiten und das Baby nicht einfach durch diverse Beruhigungsmaßnahmen mundtot machen. Es muss sich ausdrücken dürfen.

3. Schreien = Reizüberflutung. Am besten Baby von den Reizen abschirmen, Ruhe… Viel im Tragetuch haben.

4. Schreien, weil Gewöhnen an die Welt hier draußen. Am besten den Mutterleib durch Schuckeln, Pucken und Sch-Sch-Sch imitieren.

5. Schreien = mehr Hunger, weil Wachstum. Am besten das Baby immer und immer wieder anlegen. So wird die Milchmenge gesteigert.

6. Schreien = Müdigkeit. Am besten das Baby zum Schlafen bringen.

7. Schreien = „Dreimonatskoliken“. Am besten behandeln… Wärme, Kümmelzäpfchen, …

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Für mich heißt das eigentlich nur: Man weiß es nicht. Von Dreimonatskoliken halte ich nichts. Ich glaub da nicht dran. Ich glaub nichtmal, dass es das wirklich gibt. Bedürfnis nach Mama/Nähe: Ja. Ausdrucksmittel/Verarbeitung/Reizüberflutung/nicht zur Ruhe kommen: Ja, möglich. Müdigkeit? Auch möglich. Hunger? Bin mir nicht sicher…

Problem: Alle Gründe verlangen nach anderen Taktiken. Einem reizüberfluteten Baby bringen weitere Beruhigungversuche nichts. Wenn ich meine, dass mein Baby verarbeiten muss, dann wäre es ja falsch, ihm mit der Brust den Mund zu stopfen. Wenn ich meine, mein Baby braucht meine Nähe und muss sein Saugbedürfnis befriedigen, ist das Anbieten der Brust zur Beruhigung (oder von mir aus auch eines Schnullers, den T. übrigens komplett verschmäht, ja, auch verschiedene Formen) die richtige Wahl. Tja. Toll. Und nun?

Wenn T. aufwacht, brüllt er eigentlich sofort los. Man liest hier und da ganz gerne mal, es müsste gar nicht zum Brüllen kommen, weil die Kinder schon gut ’ne halbe Stunde vorher „Warnsignale“ aussenden. Auf die müsse man nur reagieren und dann wär’s das auch schon. Haha. Mein Kind signalisiert nichts. Es wacht auf und brüllt sich oft sofort von 0 auf 100. Genau das ließen seine Herzfrequenzen im Bauch übrigens schon vermuten. Er ist ein ganz schöner Choleriker…

Er wacht also auf und meistens lege ich ihn direkt an. Er trinkt dann sehr, sehr hektisch 10-15 Minuten vielleicht. Danach nuckelt er eigentlich nur noch. Dabei dümpelt er immer mal weg, reißt dann wieder die Augen auf, nuckelt weiter, dümpelt weg, schläft vielleicht auch mal ein, wacht aber 10 Minuten später wieder auf und will weiter nuckeln. Er schreit meistens sofort, wenn ich ihm die Brust entwende.

Manchmal lässt er sich durch Schuckeln beruhigen. Selten irgendwann dann auch ablegen… Meistens wacht er nach 30-60 Minuten dann wieder auf. Manchmal nuckelt er auch am Finger. Durch’s Pucken wird er deutlich ruhiger. Manchmal schläft er dabei in Verbindung mit Schuckeln zügig ein. Im Tuch, im Auto schläft er zuverlässig.

Ab und zu (!) ist er auch wach ohne zu schreien. Allerdings maximal 10-15 Minuten. Dann guckt er wirklich ziemlich aufmerksam rum, uns an, ins Licht, sein Sternchenbild an… Dann verzieht er irgendwann das Gesicht und schreit los. Wenn ich ihn dann anlege, nuckelt er sofort los – manchmal trinkt er auch wieder – und schreit nicht mehr. Manchmal schläft er dann beim Nuckeln ein. in der ersten Woche recht zuverlässig. Mittlerweile kann sich das Stunden hinziehen.

Was mich irritert:

Ich habe das Gefühl, dass er schon recht eindeutig nach der Brust sucht, wenn er schreit/brüllt. An der Brust beruhigt er sich meist unmittelbar. Er kann stundenlang nuckeln. Manchmal kann ich die Brust irgendwann aus seinem Mund ziehen und er pennt trotzdem ein bzw. weiter. Oft wacht er dann aber auch nach 5 Minuten wieder auf uns sucht sofort wieder. Er ist dann sofort total nervös-hektisch-aufgeregt und wenn er sie nicht gleich in den Mund bekommt, brüllt er sofort wie am Spieß.

Ich habe kein prinzipielles Problem damit, ihn anzulegen, wenn er das braucht und sich da beruhigt.

Aber ein paar Probleme macht das doch:

1. Meine Brüste tun inzwischen wahnsinnig weh durch das ständige Genuckel. Ich mache alles, was man dagegen tun kann. Aber es nützt nichts. Sie haben einfach keine Regenerationsmöglichkeit. Das Stillen wird so zur Qual und ich erwische mich regelmäßig bei dem Gedanken, ob es nicht ohne doch irgendwie einfacher wäre… und schmerzfreier! Davon hatte ich in den letzten Monaten nämlich echt mehr als genug.

2. Einen Rhythmus, der ja bei unruhig-nervös-sensiblen Babys angeblich so unendlich wichtig wäre, ist so de facto unmöglich! Ich richte mich ja mit dem Anlegen usw. komplett nach ihm und seinem Nuckel-Beruhigungs-Bedürfnis.

3. Ich habe eine dreijährige Tochter! Ich kann eigentlich nicht jetzt drei Monate lang mit meinem Baby an der Brust im Bett verbringen. Echt nicht.

4. Ich habe durch das dauernde Genuckel wirklich absolut keine Ahnung, wann er denn wirklich hunger/durst hat und tatsächlich trinken will (und nicht nuckeln). Das ist doof!

Ich versuche wirklich ganz ganz dolle, nicht alles einfach nur anstrengend zu finden. Und noch gelingt mir das erstaunlich gut. Aber es fällt mir zunehmend schwerer, es nicht doof und irgendwie „fies“ zu finden, dass mein kleines Kind eigentlich im wachen Zustand nur am Brüllen ist. Außerdem ist es dadurch mit der Erstgeborenen nicht unbedingt leichter. Verständlicherweise findet sie ihren kleinen Bruder dadurch nämlich zuallererst mal anstrengend. Wenn T. brüllt versteht hier nämlich niemand mehr ein Wort.

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Ich frage mich, ob ich das irgendwie falsch wahrnehme und das übertrieben sehe. Aber K. nimmt es ja auch so wahr… Kaum ein wach ohne Brüll… Also lang anhaltendes Brüll. Und es gibt nur einen Ausknopf. Und bei dem bin ich mir nicht sicher, ob ich es richtig finde, ihn immer einfach zu drücken.

Was meint ihr denn?