„Männer-Fakten über’s Stillen“

Letzte Woche fand ich mich mal wieder auf der Wöchnerinnen-Station „meines“ – mittlerweile kann ich es ja echt so nennen – Krankenhauses wieder.* Zum Warten wurde ich im Stillzimmer platziert. Da liegen immer viele hübsche Info-Heftchen rum. Sowohl K. als auch ich haben die Macke, ALLES lesen zu müssen, was in einer ruhigen Minute in unseren Blickwinkel fällt… Shampooflaschen, Zutatenlisten, Etiketten und also auch Broschüren.

Ich finde es gut und richtig, dass sich viele Menschen auch bloggenderweise mit dem Gender-Thema auseinandersetzen. Das gehört im Normalfall aber nicht so zu meinen Themen… In diesem Fall kann ich einfach nicht anders. Denn gefunden haben wir dieses „Info“-Heft zum Thema Stillen und Muttermilch für junge Familien:

babys an den busen

männer stillen  männerfakten stillen

Und das passende Pendant dazu (in einem Heft):

fakten übers stillen

stillen gender

Herausgeber ist das Netzwerk Junge Familie (Link, Link). „Ziel ist, jungen Familien Wissen und Kompetenzen zu den Themen ausgewogene Ernährung und Allergieprävention zu vermitteln und sie zu einem gesunden Lebensstil zu motivieren.“

Wirklich gehaltvolle Informationen finden sich in dem Ding nicht. Klar, soll ja wahrscheinlich auch vorrangig „cool“, „fresh“ und „trendy“ wirken. Grundtenor ist das altbekannte „Muttermilch ist das Beste für’s Kind, Flasche geben ist böse.“

Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Diese Broschüre ist die Entsprechung von sixx und RTL Nitro im Broschüren-Format! Als hätten die „Redakteure“ (falls solche daran überhaupt beteiligt gewesen sein sollten) einen Wettbewerb veranstaltet: Wie viel Klischee passt auf 5 Doppelseiten? Ich kann einfach nicht glauben, dass es Menschen gibt, die im Jahr 2013 noch sowas konzipieren und vermutlich davon überzeugt sind, dass das tatsächlich ansprechend auf die Zielgruppe wirkt. Und noch viel weniger möchte ich glauben, dass sie damit vermutlich sogar Recht haben könnten. „Junge Familien“, ich nehme an, dass ich mich (mit 25) durchaus zur Zielgruppe rechnen darf.

Mal davon abgesehen, dass „junge Familien“ offensichtlich nur Mini-Sätze mit einfachstem Vokabular, Ausrufezeichen am Ende und ohne Komma verstehen, sind junge Männer also offensichtlich Affen mit einem dümmlichen „Gröööööööhl.. Ich bin ein MANN!“-Duktus („Wir stehen auf Brüste!“) und Frauen dauershoppende, debil grinsende Schminkweiber. Hallo?! DAS soll also die nachwachsende Generation ansprechen bzw. darstellen? Puuuh… Na vielen Dank auch!

Ich befürchte, dass die Macher von dem Teil nicht nur recht passabel dafür bezahlt worden sind – wurde nicht gerade das Schwarzbuch der Steuerzahler herausgegeben? -, sondern auch noch davon ausgehen, dass das irgendwie sowas wie modern ist. Ist es nicht. Ich finde es echt verwerflich, was da für ein Bild gezeichnet wird. Weil es den Eindruck vermittelt, es wäre „normal“ bzw. irgendwie erwünscht, dass Frauen und Männer genau so (und nicht anders) sind. Es wäre sehr, sehr traurig, wenn „die da oben“ solche Bilder von Menschen im Kopf haben, wenn sie Politik machen. Autsch.

Es gibt im Familien/Nachwuchs/Baby-Infobereich übrigens erstaunlich viele unterschiedliche Frauen-Männer-Versionen. Bei Baby-Apps, auf Webseiten, Schwangerschaftskalender… Überall finden sich die ausführlichen, gefühlsbetonten, in rosa gehaltenen „Infos für werdende Mamis“ mit Blümchen und Herzchen auf der einen und die in blau-schwarz-grau getünchten, wahlweise kumpelhaft-männlich oder straight-knapp formulierten „Informationen für werdende Väter“ auf der anderen Seite.

Hallo? Menschen da draußen: Wollt ihr das? Seid ihr so? Spricht euch das echt an?

Aber ich habe ja auch gehofft, dass die CDU/CSU nicht regierungsfähig sein wird nach dieser Bundestagswahl. Und ich will ja auch nicht glauben, dass eine „Zeitung“ wie die Bild tatsächlich die auflagenstärkste sein soll. Ich fürchte, ich traue den Menschen in diesem Land nach wie vor zu viel zu.

Hach. Da fragt man sich doch… Windmühlen und so… Kopf –> Tisch.

* Ich wollte per Ultraschall klären lassen, ob es sich bei der, trotz Antibiotikum nicht verschwinden wollenden Verhärtung in meiner linken Brust um einen Abszess handelt. Nach 3 Stunden Wartezeit wurden wir unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt, weil eine Not-Sectio dazwischen kam und meine Brust nicht lebensgefährlich aussah. Es war Freitag Abend. Montag bin ich zu meiner Gyn. Die war auch ein bisschen ratlos. Flüssigkeit sei schon drin, aber das müsse ja kein Eiter sein. Aufstechen würde sie das nicht wollen. „Wissen Sie, das wird dann ein elendiges Geschnitze und dann trifft man das vielleicht nichtmal…“ – Ich sollte ruhigstellen, kühlen, Baby versuchen nicht da direkt anzulegen. Heute ist es nicht mehr ganz so schmerzhaft, es sieht auch nicht mehr so rot aus. Die Stelle ist aber noch da und tut auch beim Stillen noch ziemlich weh. Subjektiv hilft Kühlen am besten… Gyn meinte, dass das auch eine Zyste oder sonstwas sein könnte. Beobachten und melden, wenn’s schlimmer wird.

13 Kommentare zu “„Männer-Fakten über’s Stillen“

  1. ich finds gar nicht so schlecht. und ich denke auch, dass du eben nicht zur zielgruppe gehörst, sondern eher rtl2-teenie-mütter ;-) und wenn die mit „wtf, voll cool dieses stillen“ ans stillen gebracht werden, dann isses doch super ;-)
    alter, krass! XD

  2. Da kann ich Ori nur zustimmen. Ich find’s mal was anderes, witzig und ansprechend und ist doch cool, mal ne junge Mami mit stillendem Baby im Sling zu sehen :) Und ich denke auch, dass die Zielgruppe Teenmoms von 16-20 sind, die gerne shoppen und ausgehen und nicht grad Uni-Niveau haben. Und wenn diese dadurch dazu gebracht werden, zu stillen (und wenn’s nur die ersten 3 Monate sind), dann find ich das toll! :)

  3. Ich bin bei sowas auch immer kritsch. Das liegt in erster Linie daran, dass ich ein medizinisch orientiertes Studium hinter mir habe un dgerade meine Doktorarbeit im Bereich der Immunologie mache. Da geht man Fragen irgendwie ‚wissenschaftlicher‘ an. Ich brauche Fakten, keine Statements und das einzige wozu mich diese Broschüre kriegen würde, ist eine ausgiebige Literaturrecherche (na erkennst du dich wieder ;)) um den aktuellen Stand der Forschung zu überblicken.

  4. Natürlich könnte mensch argumentieren, der Zweck heiligt die Mittel. Trotzdem ist es echt bedenklich welche Bilder von Männern und Frauen (oder jungen Menschen) hier reproduziert werden. Selbst wenn die Zielgruppe das cool findet, darf man ihr mehr Grips zu trauen. Da braucht die Botschaft gar nicht wissenschaftlich formuliert sein und kann trotzdem ansprechend sein. Und es braucht auch sicher keine biertrinkenden Väter, die auf Brüste stehen um die Einstellung Pro-Stillen zu kommentieren. Denn dann könnten die RedakteurInnen gleich noch eins drauflegen und werben mit „Durchs Stillen hat meine Freundin Riesenmöpse ganz ohne Silikon. Voll geil, Alter!“ Schlägt meiner Meinung nach absolut in dieselbe Kerbe.

  5. Ich kenn das gut mit der Schwellung. Mir hat nach meinen gefühlten 1 Millionen Milchstaus Lecithin geholfen. Das macht die Milch flüssiger und sie fließt besser ab. Und immer schön die Stelle beim Stillen massieren.

    Ich hoffe, es hilft!
    Alles Güte

  6. Das ist Sexismus de luxe.

    Das ist nicht „nicht schlecht“ sonder einfach „geht gar nicht“. Wäre das übliche Werbung, könnte mensch den Werberat einschalten.

    Boah. Und bitte, „Stillen“ sollte auch nicht als „cool“ rübergebracht werden, sondern als eine Möglichkeit ein frisch geschlüpftes Kind zu ernähren. Krabumm.

  7. öhm, also ich hab mir jetzt mal das ganze ding angeschaut und überflogen, die aufregung versteh ich nich ganz. ein wissenschaftlicheres heft gibts während der schwangerschaft vom frauenarzt. und wie viele mädels der zielgruppe (die mit sicherheit NICHT uni-niveau hat… ich glaub, die sind froh, wenn die überhaupt nen abschluss haben…) lesen sich das bitte durch? dann lieber ein bunter flyer mit kurzen texten, ein bisschen lustig und ähm ja, ein bisschen niveaulos ;-)
    was das mit sexismus zu tun hat ist mir schleierhaft. vor allem, es geht a wenn schon gegen beide geschlechter. mädels gehen shoppen und wollen dünn sein und jungs saufen bier und denken nur an sex.
    und jede, die nach der lektüre stillen als COOL ansieht, ist doch prima!

    • „was das mit sexismus zu tun hat ist mir schleierhaft.“

      nun ja. Sexismus ist (sagt auch Wikipedia so schön): „die auf das Geschlecht (engl. sex) bezogene Diskriminierung“.

      Ein Geschlecht haben wohl beide Geschlechter. Und es geht auch gegen beide, wie du anmerkst. Und Mädls im klassischen Stereotyp von wegen “ mädels gehen shoppen und wollen dünn sein“ und Jungs im klassischen Stereotyp „saufen bier und denken nur an sex“ darzustellen ist dann eben sexistisch. Schließlich gibt’s auch noch genügend Menschen (auch junge ohne Uni-Abschluss, oder auch mit), die sich hier drin nicht wiederfinden. Insofern könnte mensch dieses Thema dann schon etwas neutraler gestalten und nicht mit der Männer sind vom Mars/Frauen von der Venus-Keule daherkommen. Das hat auch bei diesem Thema nix verloren. „Lustig“ geht auch ohne Sexismus.

      Und was das Stillen angeht: Ich glaub den kritischen Stimmen hier geht’s eher darum, das Stillen zwar viele Vorteile haben mag, aber eben EINE Möglichkeit ist. Ich stille mein Baby auch, weil ichs aus verschiedenen Gründen gut finde. Aber ich werde in absehbarer Zeit auf die Flasche umsteigen. Und dann werden mich viele sehr kritisch beäugen und den Kopf schütteln, wie es mir auch selbst passiert ist in den ersten Wochen, wenn ich andre mit Fläschchen gesehen hab (weil Stillen momentan als das einzig wahre gehandhabt wird.).

      • Die Aussage „Stillen wird momentan als das einzig wahre gehandhabt“ empfinde ich doch als sehr tendenziös. Das ist wohl Deine subjektive Wahrnehmung. Momentan wird doch sehr viel Wind drum gemacht, ja die armen Flaschenmuttis in Ruhe zu lassen und bloss kein Stillzwang und und und! Je nach Spital wird dann sogar recht schnell vom Stillen abgeraten bevor man einer Mutter richtig Hilfe bietet…

        • Ja, ist meine subjektive Einschätzung – da ich umringt von Plakaten a la „Stillen ist das Beste“ in Spital, Eltern-Kind-Zentrum, Kinderarzt, Hebammenzentrum usw. bin und bei nem Ernährungsworkshop für Babys auf die Frage nach Nahrungsalternativen beim Abstillen die Antwort bekam „Sicher können sie auf Industrienahrung wechseln. Sie müssen nur damit leben, von den anderen für eine Rabenmutter gehalten zu werden.“
          Auch wenn ich den letzten Fall, den du nennst bedenklich finde, bin ich froh, wenn’s a auch noch andere Facetten gibt.

  8. ich glaube nicht, dass die zielgruppe das als sexistisch aufnimmt. wir/ihr vielleicht, aber wir sind wohl auch nicht die zielgruppe… und auch andere junge eltern nicht. das ist wie gesagt in meinen augen rtl2-niveau.
    dieses stillen über alles find ich blöd, aber genauso blöd find ich, wenn mans grundsätzlich ablehnt, weil man das eklig oder komisch findet… gibts leider auch. von daher: ich find das flyerdings nicht schlimm :-)

  9. Sehr gut geschrieben. Ich habe es auch in meiner SS in die Hände bekommen und dachte „Da bin ich wohl schon zu alt dafür“ weil ich es irgendwie nicht wahr habenn wollte wie dort die Eltern dargestellt werden.

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