Fernsehentzug (2)

Das Fernsehexperiment hat echt sehr interessantes bewirkt.

Es war ja – wie hier erzählt – so, dass für P. die Glotze viel zu alltäglich und selbstverständlich war und sie schon beim nach Hause kommen fragte, ob sie glotzen darf. Sie hat zum Teil richtig Stress gemacht, wenn das verneint wurde. P. durfte Caillou gucken, wenn wir das Abendessen vorbereitet haben. Manchmal fragte sie ab 16 Uhr, wann wir endlich Abendessen vorbereiten werden. Sie hat sich kaum noch selbst beschäftigt, ihr Zimmer hätten wir eigentlich auch ausräumen können… Sobald ihr langweilig wurde, wollte sie glotzen. Das hat sich nicht gut und nicht richtig angefühlt. Der Fernseher wurde dadurch zu einem, den Alltag mit strukturierenden Ding.

Also haben wir ihr gesagt, dass der Fernseher kaputt ist. Das war sicher nicht sehr pädagogisch wertvoll, weil es ja nicht wahr war… Ich hatte zugegebenermaßen einfach keinen Nerv auf die Diskussion, wenn ich ihr einfach gesagt hätte, dass ich plötzlich nicht mehr will, dass sie so viel fernsieht. Ich kenne schließlich P.s Ausdauer in solchen Dingen. Sie hat die Ansage recht schnell akzeptiert und nach 2-3 Tagen kaum noch nach dem Fernseher gefragt.

Und 4 Wochen später?

1. Sie hat tatsächlich ihr Zimmer wiederentdeckt. Sie hat angefangen, sich selbst Beschäftigungen zu suchen. Sie malt, sie tanzt… Und jaaa… Sie fragt seeehr oft: „Kannst du mit mir spiiiiielen?“ So oft, dass ich manchmal fast schwach werde, weil es so einfach wäre, sich Ruhe zu verschaffen. Aber ich finde, dass es trotzdem so besser und richtiger ist.

2. Sie schläft besser. Das ist ja eine Vermutung, die ich schon häufig gelesen habe: Schlafprobleme bei Kindern könnten mit zu viel Medienkonsum zu tun haben. Vor einem Monat brauchte sie manchmal 2-3 Stunden zum einschlafen. Aktuell ist das in 99% der Fälle kein Problem. Wir haben allerdings auch das Ritual abends etwas verändert.

(Nach dem Bad gehen wir in ihr Zimmer, lesen wie üblich zwei Geschichten. Dann stellen wir einen Wecker, der nach fünf Minuten klingelt. In den fünf Minuten – „bis der Wecker klingelt“ können Kinder in dem Alter besser begreifen – darf sie sich noch bei Licht ein Buch anschauen. Danach gehen wir rein, machen ein Hörspiel an und das Licht aus. Letzteres hat hier noch vor Kurzem für große Probleme gesorgt. Davor hatte sie immer eine gedämpfte Lampe an und ist extrem schwer in den Schlaf gekommen, hat sich aber auch gegen eine dunkles Zimmer gesträubt. Lösung: Sie bekommt so ein Fingerlicht an den Finger… Das akzeptiert sie. Klappt wirklich ganz toll!)

Inzwischen gucken wir einfach dann Fernsehen, wenn wir einen Freiraum haben – wie manchmal sonntags oder so – und richtig Lust darauf. Das ist mit Kleinkind natürlich nicht so einfach… Das sind ja solche Lustmonster. Ich versuche das irgendwie nach Gefühl zu machen und ehrlich zu mir selbst zu sein. Ist das ein Moment, in dem es mir nur gelegen kommen würde, sie mal einen Moment ruhig zu haben? Oder wäre das wirklich jetzt eine schöne Sache. Im Moment läuft der Fernseher so 1-2 Mal pro Woche. Wenn überhaupt. Letzte Woche zum Beispiel gar nicht. Vorher war es täglich. Wir suchen uns dann ein Märchen oder eine DVD heraus und gucken die ganz bewusst. Zusammen. Und auch nur das eine und nicht mehrere Dinge hintereinander. Das gibt nun noch etwas Stress, weil sie nach der einen Sache immer gleich die Nächste gucken will… Jaja, im maßvollen Genuss war ich selbst als Kind wohl auch nicht wirklich gut.

Alles in allem war der Fernsehentzug für uns aber auf jeden Fall wichtig und richtig und hat ziemlich genau das bewirkt, was ich mir erhofft habe.

Vom Produzenten zum Konsumenten

Beim Geburtstag meiner Mutter. Es wird „so langsam spät“ – also das „so langsam spät“ von Kleinkind-Eltern… meint so gegen 8 etwa. Mein (Zieh-)Vater meint (mehr oder weniger ironisch), was denn dann mit den Gesellschaftsspielen sei, wenn wir jetzt schon nach Hause gehen wollen. „Ach… Hmmmmnnn… Ach, lass mal. Müde.“ höre ich mich sagen und fletze mich betont fertig in den großen Chefsessel am Ende des Tisches, um meine Schlaffness noch einmal deutlich zu machen. „Ach, du bist wohl vom Produzenten zum Konsumenten verkommen oder was?“

Das sollte wohl sowas wie ein Witz sein.

Das fasst allerdings ziemlich gut zusammen, was mir in den letzten Tagen-Wochen-Jahren – seitdem ich Mutter bin – immer mal wieder im Kopf rumgeistert. Bringt es auf dem Punkt. Ich will es nicht wirklich wahr haben. Aber es stimmt… irgendwie.

Vor meiner Mutterschaft hatte ich eine Band, habe getextet, Konzerte gegeben, organisiert, gemachtgetan… Ich war ständig unterwegs, hab immer irgendwas gemacht. Das hat mich am Ende ausgelaugt und ich hatte schon mit 20 ein unglaubliches Verlangen danach, einfach mal nichts (tun) zu müssen. Seele baumeln, zu mir kommen. Aber ich fühlte mich immerzu getrieben-gehetzt, hatte ständig das unbestimmte Gefühl, irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen. Das hat mich letztendlich so sehr aufgerieben, dass ich nur noch raus wollte. Weg von der Bühne, weg vom bewertenden Publikum, weg von der Verantwortung meinen Bandmitgliedern gegenüber. Ich bin schwanger geworden und es war, als hätte mir mein Körper sagen wollen: „So. Jetzt REICHT’S! Wenn du es selber nicht hinbekommst, einen Schlusstrich zu ziehen und endlich auf dich Acht zu geben, dann haue ich dir jetzt ein Ding rein, was dein Leben so oder so komplett umkrempeln wird.“ Am Abend des positiven Schwangerschaftstests – ich war 1 Woche überfällig – fühlt ich zum ersten Mal so etwas wie eine innere Ruhe. Das war am 22. Februar 2010.

Vier Jahre, zwei Kinder und eine neue Studier- und Lebensrichtung später.

Meine Kinder geben mir das Gefühl, gebraucht zu werden. Durch meine Kinder komme ich endlich einer gewissen Selbstakzeptanz näher. Meine Kinder sind ein verdammt guter Grund, morgens aufzustehen. Ich bin stolz auf sie und irgendwie auch auf mich und uns, weil wir das alles doch ganz gut hinbekommen.

 

Jetzt bin ich wieder in Elternzeit. Mir fällt es manchmal ziemlich schwer, das hinzunehmen und zu genießen. T. schläft tagsüber so gut wie gar nicht, er klebt an mir. ImmerIn manchen Momenten macht mich das wahnsinnig, ich lechze nach ein bisschen selbstbestimmter Zeit. Nach Freiräumen… Und dann tun sich wieder altbekannte Löcher auf: Freizeit… Freiräume… Selbstbestimmte Zeit… Um was damit zu tun???  Alles kommt mir sinnlos vor, nichts springt mich an. Es gibt nichts, was ich tun müsste… obwohl… das eigentlich noch am ehesten. Viel schlimmer ist: es gibt nichts, was ich wirklich gern tun will.

Ich beobachte, was die Menschen auf Facebook miteinander teilen. Ich finde, dass Facebook ein nützliches Medium ist, um Dinge zu teilen, die man geschaffen hat. Ich schaue mir meine letztens Posts an. Kinder, Familie, Geteiltes, ein bisschen Uni…

Stimmt. Ich bin einfach kein Produzent mehr. Ich habe meine Kinder „erschaffen“ und seitdem „erschaffe“ ich nichts mehr… Und ich habe das Gefühl, dass mich das deprimiert. Dass ein Teil von mir sich weiterhin danach sehnt, etwas aus dem Nichts hervorzubringen… Das war für mich immer das Faszinierende am Musikmachen. Da ist nichts. Dann kommt eine Idee. Und am Ende steht ein Lied und man geht mit dem Gefühl nach Hause, etwas ganz Großartiges getan zu haben.

Gleichzeitig denke ich, dass es doch auch sinnlos ist, unbedingt irgendetwas „Großartiges“ schaffen zu wollen. Jedenfalls ist das ein oder andere nicht unbedingt besser oder schlechter. Und was gibt es eigentlich sinnvolleres, als für seine Kinder da zu sein, sie großzuziehen, ihnen die Welt zu zeigen?

Es reicht mir nicht.

Warum reicht es mir nicht? Ich weiß noch nicht einmal, was ich gern noch dazu hätte…

Ich denke an Camus. Das Leben ansich hat keinen Sinn, man muss es mit Sinn füllen… Ich denke an Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Ich denke an Brad Warner. Das einzige, was ist, ist das, was wir tun.

Ich sehe Tonnen von Büchern vor mir… Milliarden von Songs… „Kunst“ was ist das schon? Die Welt rette ich damit nicht… Ist doch auch nur für’s Ego, oder? Ein pausenloses sich um sich selbst drehen. Die Menschen – mich eingeschlossen – nehmen sich selbst zu wichtig.

Ich sehe hungernde Kinder, Näherinnen in Bangladesh, Flüchtlinge aus Syrien… Ich denke an das Essen, was ich weggeworfen habe, obwohl es noch essbar gewesen wäre, einfach nur, weil ich keine Lust hatte, heute noch einmal dasselbe zu essen wie gestern. Ich fühle schuld. Und Machtlosigkeit. Was ändert das schon, wenn ich es nicht getan hätte? Was ändert es, ob ich jetzt darüber nachdenke oder nicht. Was für eine Rolle spielt es, ob ich meine Zeit damit verbringe, einen mittelmäßigen Song zu schreiben, zu dichten, zu lesen, fernzusehen oder in der Nase zu popeln? Nichts ändert es. Gar nichts. Und dann wieder: Weil der Großteil der Menschen so denkt, ist die Welt so (ungerecht) wie sie ist.

Ich fühle mich schuldig dafür, dass mein größtes Problem ist, dass ich manchmal nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll. Dabei gäbe es so viel zu tun, oder?

Was sind wir nur für Menschen? Könnten wir Bessere sein?

Ich wäre gern ein Schwein. Dann könnte ich die Menschen wenigstens in Ruhe für fiese, dumme Schweine halten und hätte alles Recht der Welt dazu! Als ich ein Kind war und über Reinkarnation nachgedacht habe, hatte ich immer und immer wieder den Gedanken, ich könnte als Schulhefter wiedergeboren werden…

 

Ich liege auf dem Sofa, mit meinem Sohn an der Brust und frage mich, was er mal für einer wird. Ich denke an die Teenies, die das Profilbild ihres besten Freundes inzwischen wahrscheinlich besser kennen als die Freunde ansich… Ich selbst bin kaum besser. Muss mein Smartphone manchmal 3 Mal am Tag aufladen. Das ist doch irre! Wohin wird uns dieser Internet-Smartphone-Wahnsinn noch führen?

Ich liege auf dem Sofa und fühle mich unfähig, aufzustehen. Ich möchte liegen bleiben mit ihm, in unserer geschützten Blase, die Zeit anhalten, konserviert werden… In unserer abartig großen Wohnung, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können (sollten).

Ich bleibe liegen auf dem Sofa, mache mir Vorwürfe, weil ich scheiße faul bin und versuche mich mit „Naja, als stillende Mutter eines 3-Monate alten Babys ist man halt fertig…“ rauszureden. Aber ich weiß genau, dass ich einfach mal wieder eine dieser Loch-Phasen habe, in der ich mir insgeheim denke, dass ich morgen gern einfach nicht mehr aufwachen würde, damit ich mich nicht mehr mit all diesen Fragezeichen auseinandersetzen muss. Eine scheiß Loch-Phase voller Antriebslosigkeit, Missmut und Selbsthass.

Bäääääh… Wie überzogen, dumm und ungerechtfertigt das ist… meinen Kindern gegenüber… K. gegenüber… mir gegenüber, meinen Eltern gegenüber und dem Leben gegenüber, für das ich mich entschieden habe.

Es ist schon ein bisschen sehr absurd: Man kann ein großes Problem damit haben, sich selbst, die Menschen und das Leben prinzipiell zu akzeptieren und trotzdem seine Kinder über alles lieben und sich einen Loch in den Bauch freuen, wenn der Kleine sich plötzlich vom Rücken auf den Bauch dreht oder man feststellt, dass die Große sich auf einmal alleine anziehen kann.

Komisches Leben, das.