Mama, ich will…!

Neulich im Zoo:

„Mamaaaa, Ich will ein Eis!

Mamaaaa, ich will einen Lutscher!

Mamaaaa, ich will Pommes!

Mamaaaa, ich will ein Brötchen mit Wurst!

Mamaaaa, ….“

Manchmal entsprechen meine unsere Kinder so sehr dem Klischee nerviger, verwöhnter westliche Welt-Göhren, dass es ein bisschen weh tut. Und manchmal entsprechen wir vermutlich sehr dem überforderte Eltern-Klischee, wenn wir es mit unserer dauerfordernden Tochter zu tun bekommen. Ich selbst könnte einen herrlich reißerischen Artikel über unser teilweise echt bekloppt-lächerliches Eltern-Verhalten schreiben… Wir versuchen dann nämlich gerne Mal, „vernünftig“ zu argumentieren:

„Aber P., wir sind nicht hier, um zu essen. Wir wollen uns Tiere angucken, hm? Wir können jetzt nicht die ganze Zeit eine Sache nach der anderen kaufen.“ 

-„Warum?“

„Weil das alles Geld kostet und wir nicht so viel Geld dafür ausgeben wollen. Und können.“

– „Ich will aber!“

„Ja, ich weiß, dass du das willst. Ich will dir jetzt aber keinen Lutscher kaufen. Du hattest gerade Pommes und ein Eis und…“

– „UääääääääähichwiillaaaaaaaaabeeeereinenLuuuuuuuuuu…“ (TretenStampfenAurasten)

Einatmenausatmeneinatmenausatmen…Puuuuuuh.

„Wie mich dieser andauernde kindliche Konsumtrieb nervt…“ sage ich zu K. Er guckt mich an und verdreht die Augen, seufzt. Da stehen wir also. Sonntag um 11. Im überfüllten Zoo. Die Massen schubsen uns rum, T. rumort in der Trage, irgendwie hat niemand Spaß.  „Toller Ausflug,“ murmelt K. und steckt sich eine Kippe an. Manchmal passieren mir dann Gedanken wie: „Was mache ich hier eigentlich? Ich bin 25 und stehe am Sonntagmittag im ekelhaft übervollen Kack-Zoo mit einer unersättlichen, aktuell nach Lollie-brüllenden Dreijährigen an der Hand, einem schweren lebendigen Rucksack am Bauch und einem genervten Mann neben mir. Dabei mag ich gar keine Sonntagsausflüge. Oder Zoos. Oder Pommesbuden. Oder Menschen. Und ich hab Rücken. Ich mag Sonntage im Bett, mit Glotze und/oder Lektüre. Waruuuuuuum tue ich mir das hier an???“

Warum mache ich das also? Meinen Kindern zuliebe. Dem Familienidyll zuliebe. Weil man mit ’ner Dreijährigen nicht ständig Zuhause rumhocken kann und sollte. Weil ZuhauseRumhock-Sonntage sich mit kleinen Kindern endlos anfühlen und sich spätestens 14:30 alle gegenseitig auf den Sack gehen… Und ja, weil wir es uns das eigentlich ganz nett ausgemalt haben. Schönes Wetter, wir gucken Tiere an, ein heißer Kakao in der Kiwara-Lounge… „Und dann macht sie mit ihrem blöden Dauerhabenwollen alles kaputt“ höre ich mich kopffrotzeln. Und na klar: Es sind irgendwie (mal wieder) unsere Erwartungen das Problem, weil sie mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. „Ideal- und Realtypus sind in diesem Falle nicht vereinbar.“ sagt die Wissenschaft zu sowas. Ich sage: Wären die Erwartungen nicht da, wäre  man nicht unzufrieden, weil nicht enttäuscht. Wäre irgendwie besser. Aber zu sagen „Erwarte doch einfach nichts“ hat für mich in etwa so einen Effekt wie „Denk nicht an einen rosa Elefanten“.

Kleine Kinder leben im Jetzt. Und nur da. Im Gegensatz zu Erwachsenen legen Kinder keine Konten an. Sie rechnen nicht auf und ziehen nicht ab. Keine Rechnung à la: „Mama und Papa sind ja jetzt mit mir in den Zoo gegangen und das ist ja erstmal eine ziemlich coole Sache – ein Zugeständnis -, da benehm‘ ich mich jetzt mal besonders gut und bin nicht so kackn anstrengend, sondern tu mal so als wäre ich zufrieden. Sie haben sich’s ja verdient, weil: Sie bemühen sich ja, mir/uns eine tolle Zeit zu machen und das muss man schließlich auch mal honorieren…“ Nö. Das geneigte, städtisch-verwöhnte Kleinkind denkt wohl eher so: „Au ja! Zoo! Will ich!“ – swooooosh – „Au ja! Eis! Will ich!“ – swooooooosh – „Au ja! Pommes! Will ich!“ – swoooooosh – „Oh! Das Kind hat einen Lutscher! Ich will auch einen Lutscher!“ – swooooosh – „Oh! Die Bratwurst sieht aber gut aus! Ich will!“ … „Oh Gummischlangen!“ … „Oh Luftballons!“ … „Oh! Wo ist das Kinderschminken?“

Kinder sind hemmungslos (und) lustgesteuert!

Deshalb sind sie auch so beliebte Zielgruppen Opfer für der Werbeindustrie. Spielzeuge, Freizeit, Snacks. Werbeleute wissen genau, wie leicht Kinderbedürfnisse zu wecken sind. In den großen Werbeagenturen beschäftigen sich ganze Abteilungen ausschließlich damit, zu „erforschen“, wie das kindliche Habenwollen noch zuverlässiger getriggert werden kann. 

Und Eltern…? Wir stehen da irgendwie vor einem Dilemma, oder? Wir wollen unsere Kinder nicht mehr autoritär erziehen. Wir wollen, dass sie sich frei entfalten können, sich selbst kennen (und lieben) lernen und zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen. Wir wissen um die Bedeutung der frühen Kindheit für Bindung, Selbstsicherheit und Persönlichkeitsentfaltung. Wir wissen allgemein viel zu viel. Wir wollen vielleicht keine perfekten Übermütter (im Sinne von Braten im Ofen und glänzendem Haus) sein, aber eine unserer größten Ängste ist, unseren Kindern durch unsere eigenen Charakterschwächen zu schaden. Wir sind es gewohnt, in Freiheit und durchaus lustbetont zu leben. Wir sind freiheitsliebende Hippie-Punks und Jemanden zu begrenzen missfällt uns. Unser Regulativ ist unser Verstand. Aber genau darauf können wir beim Kind nicht setzen. Also stehen wir da, haben alle elterlichen „Waffen“ abgelegt und sind bereit, zu verhandeln. Sie sollen ja können, wie sie wollen… Aber wie sollen wir entscheiden, wann das Wollen begrenzt werden muss, weil das Wollen zum Müssen wird und das macht ja auch wieder unglücklich… Und sind wir nicht unserer Kinder Glücksschmiede?

Deshalb sieht man Erwachsene zuweilen mit Kindern über die Schädlichkeit von Lutschern und Nahrhaftigkeit von Gemüse diskutieren… > Gesunde Ernäherung ist wichtig. Übergwicht und Krankheiten und so. Deshalb sieht man uns auf dem Spielplatz zwischen zwei Dreieinhalbjährigen über das Teilen eines Sandeimers verhandeln > Unsozial sein ist kacke. Teilhabe, Depressionen und so. Wir schmieren abends Brote mit Frischkäse (OHNE RINDE!), obwohl wir frisches und gesund gekocht haben, weil der Brokkoli in der Brokkoli-Käse-Soße eben doch nicht gut genug versteckt war. > Mein Kind muss nicht essen, worauf es keine Lust hat! Und jajaja! Natürlich kommen wir uns dabei albern vor. Es fühlt sich falsch an, streng  den Ton anzugeben. Und es fühlt sich falsch an, ständig nachzugeben. Wir wollen keine Service-Eltern sein. Und keine Helikopter-Eltern. Aber Arschloch-Eltern wollen wir auch nicht sein. Wir wissen, dass es vermutlich ziemlich albern ist, zu hoffen, die besten Freunde und Vertrauten vom Kind sein zu können. Und wir versuchen es trotzdem.

Unsere Kinder sind ein bisschen wie Diktatoren. Despoten! Egoisten!  Ohne Vernunft! Triebgesteuert! Raffgierig! Geizig! Und maßlos ohne Ende! (Ja, sie sind auch herrlich neugierig, phantasie- und liebevoll, … aber darum geht es hier ja gerade nicht…) Und ich glaube, wir sind damit einfach überfordert. Niemand sagt uns, was eindeutig gut oder eindeutig böse ist. Wir können uns in wenigen Minuten zu jedem Thema haufenweise Fakten und Meinungen reinziehen. Wir müssen selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden und inwieweit wir, unsere Kinder bestimmen und uns von ihnen bestimmen lassen. Richtig gibt’s nicht.

Ich höre an dieser Stelle oft Argumentationen wie „Mit Dreijährigen darfst du nicht diskutieren. Du bist die Mutter, du entscheidest. Basta!“ oder auch gerne „Da musst du deinem Bauchgefühl – deiner INTUITIOOOOON – vertrauen.“ Mir persönlich hilft das aber nicht weiter. Ich hab ein sehr diskutierfreudiges Kind, das Gründe haben will, wenn ich „Nein!“ sage und ich will ihr die auch irgendwie liefern. Meiner  „Intuition“ nach zu urteilen ist das richtiger als zu sagen „Weil ich das so (nicht) will.“ Für diese Variante müsste ich mich ziemlich verbiegen und härter tun, als ich fühle und bin. Oft wird mir aber suggeriert, dass das die bessere – die richtige – Variante wäre. Und die Diskutiererei macht mich ja auch alle…

Irgendwie ist es auch das Zusammenspiel von Programmierung und Umwelt, was hier Probleme macht: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie glücklich machen. Und wir sind – furchtbar biologistisch gesprochen – darauf gepolt, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen. Wir leben aber in einer Überflussgesellschaft. Eine ziemlich unnatürliche (Um)Welt für Menschen(kinder). Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie süß und bunt und fettig. Sie können zwar tatsächlich nicht immer und nicht alles haben, aber theoretisch heute und hier sehr, sehr viel. Mehr, als sie brauchen und mehr als – so mutmaßen wir – gut für sie ist. Erwachsene haben – mal mehr mal weniger erfolgreich – gelernt, ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und zu unterscheiden, um in der Welt des too much klarzukommen. Und manchmal werden wir fett und unbeweglich und krank, weil wir uns in dieser unnatürlichen Welt eben doch nicht im Griff haben.

Es gehört Einiges dazu, diesen fiesen Teufelskreislauf zu durchbrechen: Verstand, Durchhaltevermögen, Resilienz, Konsequenz, ein Masterplan, … Und – um zurück zum Thema zu kommen – man unterschätze nicht die Verführung, auf durch Nachgeben zu einem „zufriedenem“ Kind und stressfreien Moment zu kommen. Das ist es ja, was uns die Werbung verspricht, oder? Zufriedene Kinder. Entspannte Eltern. Glückliche Familien. Aber sehen wir es, wie es ist: Immer nachgeben, das ist de facto: Ruhigstellen. Damit geht man den Weg des geringsten Widerstands und macht es sich so einfach wie es nur irgendwie geht. Hauptsache keinen Stress… Und was ist falsch daran? Klingt doch nach einem ziemlich guten Lebensmotto. Auf Dauer tut man sich damit selbstverständlich keinen Gefallen. Die Kinderbedürfnisse könnten sich unkontrolliert vermehren. Kinder, bei denen es kein „genug“ gibt und im Resultat: Konsumorientierte, doofe Menschen, die lernen, dass man Befriedigung vor allem kaufen kann (und muss). Wollen wir das? Wollen wir nicht. Davon gibt es auf der Welt wahrlich schon genug.

Was ist also mit dem kindlichen Dauer-Habenwollen? Wie sollen wir damit umgehen?

Kleine Kinder kennen noch kein Maß. Sie können nicht verstehen, warum sie nicht dürfen, wenn Dinge in greifbarer Nähe und theoretisch zu haben sind. Ihnen fehlen die „Kompetenzen“, derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sich selbst zu begrenzen und aus reinen Verstandsgründen zu verzichten. Sie sind dieser – Achtung, Polemik! – fiesen, unnatürlichen, ihre Unschuld und Unwissenheit ausnutzenden, kapitalistischen Waren- und Konsumwelt schutzlos ausgeliefert, und man kann hier zu dem Schluss kommen, dass wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigen, wenn wir unsere Kinder nicht davor beschützen. Oder? Gerade unser Verstand sollte uns doch eigentlich hier sehr deutlich zeigen, dass es wichtig und richtig ist, (Konsum-)Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen und sie in dieser Hinsicht zu begrenzen. Um sie vor sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zu schützen, quasi. Ist das so? Ihnen „Grenzen setzen“ ist also tatsächlich der richtige Umgang damit?

Ich denke nicht, dass dieses Dilemma Kinderwollen vs. Elternmeinen ein für allemal auflösbar ist. Man muss die Situationen immer wieder neu bewerten. Man wird sich immer wieder fragen müssen, wie man das gerade findet und ob man es gerade zulassen will. Ab und zu sollte man sich vielleicht wirklich fragen, was man zu einem guten Freund in der Situation sagen würde. Andererseits können Kinder in vielen Situationen nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wann können sie? Wann müssen wir?

Wieder denke ich an Juul, der sich auch dazu äußert. Man müsse zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden. Das Bedürfnis des Kindes ist zum Beispiel Ernährung. Nur Nugggets bei McDoof oder einen Lutscher zu wollen, das ist ein Wunsch. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie den Wunsch erfüllen wollen. „Man kann eine lange, glückliche Kindheit haben ohne Pizza oder McDonalds“ sagt Juul dann. Hier geht es um die eigenen Werte, Einstellungen und Sichtweisen der Eltern. Was findet man gut? Was nicht? Welchen Wunsch will man erfüllen, welchen nicht? Juul meint auch, dass Kinder ihre Eltern kennenlernen wollen. Mit etwa 4 bis 5 Jahren hätten sie den Großteil von dem, was ihre Eltern prinzipiell zulassen und was nicht – die elterlichen Grenzen – ausgelotet. Und Kinder wollen selbstständig sein und selbst entscheiden. „Ich will meine Jacke nicht anziehen! Ich will meine Zähne nicht putzen!“ – „Hör mal, Zähne putzen muss man irgendwie, sonst passiert alles Mögliche. Zwei Dinge kann ich dir sagen: Es ist unangenehm, weil irgendwelche Erwachsenen vielleicht etwas Hartes in deinen Mund stecken und anfangen zu bohren…“ – Und was ist, wenn das Kind auf seinem „Nein“ beharrt? – „Wenn man dieses Grundvertrauen hat , dann sagt man: ‚Okay, schade, weil wie du weißt, finde ich es wichtig, aber wenn es für dich nicht wichtig ist, dann machen wir es heute nicht.“ Man müsse einfach das Vertrauen haben, dass Kinder prinzipiell kooperieren wollen. Das ist Juuls ganz grundsätzliche These. Verantwortung müsse man vor allem übernehmen, wenn es um Leib und Leben geht – das Anhalten an roten Ampeln ist nicht verhandelbar. Nachlesen kann man das zum Beispiel in diesem Interview mit Jesper Juul, und in dem und dem.

Vertrauen wir unseren Kindern nicht? Würde es mit ein wenig mehr Vertrauen alles einfach gehen? Wir denken „Zähne putzen muss sein!“, weil wir das so beigebracht bekommen haben und „weil man das so macht“ und wir denken so Sachen wie „Wenn ich das jetzt einmal schleifen lasse, dann wird das nie was und dann kriegt sie Karies und faulige Zähne… und im Kindergarten wird man über sie reden, weil sie einen schlechten Atem hat… und die Erzieherinnnen zerreißen sich das Maul über uns unfähige Eltern.“ – Genau! Das „Was sollen denn da die Leute denken?“ steckt nämlich viel zu oft dahinter, egal für wie unabhängig man sich hält. Man will nicht als Eltern dastehen, die es nicht hinkriegen. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich das Kind nie wieder die Zähne putzen wird, weil man einmal sagt: „Gut, wenn du es partout nicht willst, dann machst du es halt nicht.“ Andererseits sage ich, dass es schon ziemlich wahrscheinlich ist, dass mein Kind sich ausschließlich von ungesundem Kack ernähren würde, könnte es das selbst entscheiden. Und was es zu essen gibt, das geht doch irgendwie alle was an, oder?? Vielleicht teilt man die Woche mal testweise in „Du bestimmst, was es zu essen gibt“-Tage und „Wir bestimmen, was es zu essen gibt“-Tage auf.

Wir haben uns dann jedenfalls dann doch noch sehr ausgiebig die Affen angeguckt, über eine Stunde beim Karpfenbecken abgehangen und eine halbe Stunde auf die Fütterung der Pinguine gewartet. Hat sich gelohnt, das Konsumieren zu durchbrechen, drei Mal „Nein, gibt’s nicht! Ich will jetzt Affen angucken“ zu sagen und die jeweiligen Wutausbrüche zu ertragen.

„Manchmal muss man sie doch echt zu ihrem Glück zwingen.“ sage ich während der Rückfahrt zu K., kurz nachdem beide Kinder zeitgleich weggepennt sind und wir um 17 Uhr das erste „störungsfreie“ Gespräch des Tages miteinander führen.

Muss… Darf man das? Die Kinder zu „ihrem Glück“ zwingen? Ist ihr Glück nicht in allererster Linie das, was wir als „Glück“ – als schön / gut / erstrebenswert – bewerten? Passt das zu unserer Vorstellung der frei denkenden, selbstbestimmten Menschen, als die wir unsere Kinder gern später sehen würden? Ist Lesen wirklich „besser“ als iPad-Daddeln? Ist es echt sinnvoll, immernoch dieses Idealbild vom auf der großen Wiese frei herumtollenden Kind im Kopf zu haben und darum ständig mit schlechtem Gewissen durch die betonierte Großstadt zu laufen, weil man es einfach nicht realisiert bekommt??

Hm. Man sollte vielleicht auch nicht vergessen, dass unsere Kinder später eh selbst entscheiden werden, was sie unter Glück verstehen. Und dass diese Definition nur zu einem Teil davon abhängt, wie sie ihre Kindheit mit uns verbracht haben. Unsere Kinder haben ein Recht auf’s Heute. Das ständige ans Morgen denken macht mich auch wirklich alle… Die Gedanken krieg ich nur ganz schwer ausgeschaltet. „Wenn sie heute zu viel fernsieht, wird sie niemals Bücher lesen oder sich für Kultur oder Geschichte oder … interessieren“, „Wenn ich jetzt nicht versuche, sie zum Gemüse essen zu bewegen, wird sie das niemals tun und krank und fett werden“, „Wenn sie jetzt nicht lernt, dass…, dann wird sie nie…“ – Was für ein Bullshit das doch ist! Und wie einen das tagtäglich unter Druck setzt! Das nimmt die ganze Leichtigkeit aus dem Alltag und aus dem Umgang mit dem Kind. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen, „den Förderauftrag“ der Bildungseinrichtungen Zuhause fortzuführen. Und auch davon spricht Juul gerne mal. Man wird bekloppt, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einen irgendwie anders… irgendwie besser haben wollen als man ist. Die einen umerziehen wollen. Unsere Kinder sollten bei uns einfach mal nichts müssen müssen, einfach mal sein dürfen, so (unperfekt und launisch und unausgeglichen) wie sie sind. Unsere Kinder sind keine Projekte, die wir möglichst erfolgreich abschließen. Unsere Kinder sind Menschen. Ihre Persönlichkeit sollten wir in erster Linie annehmen und respektieren. Wir können ihnen eigentlich nur sagen: „Hör mal, so fühlst du dich jetzt und das ist okay. Du bist du. Und ich bin ich. Und das da draußen ist die Welt. Und wenn du das jetzt (nicht) machst, könnte das passieren. Deshalb mag ich nicht, dass du es machst. Jetzt kannst du entscheiden, ob du es trotzdem tun willst.“

An Denkstoff mangelt es mir jedenfalls ganz und gar nicht, seitdem ich Kinder habe. Gesellschaftliche Zwänge. Freiheit. Die eigene und die der eigenen Kinder. Werte. Moral… Können, wollen, sollen, müssen. Kinder konfrontieren einen wirklich sehr schonungslos mit sich selbst, den eigenen Maßstäben und Nicht zu Ende-Gedachtem. Man muss permanent kurzfristig nötige („Ich will aber JETZT, Mama!“), aber langfristig wirkende („Warum habe ich nur so große Selbstzweifel? Meine Eltern sind schuld!“) Entscheidungen treffen und das unter akutem Handlungszwang und erschwerten Bedingungen („UÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHICHWILLABER!“).

Memo an mich selbst: Unbedingt mal darüber nachdenken, wie ich diese exzellent trainierten „Troubleshooting“- und „Multitasking“-Kompetenzen in meiner Vita einbauen kann.

6 Monate 2+2 = 4 (Erziehungsfragen-Sermon)

16.03.2014. Verdammte Axt! Echt jetzt? Ein halbes Jahr?! Gibbet doch nich…

Es gäbe viel zu schreiben darüber, was oftmals zu lesen ist, wenn Leute monatliche Feedbacks zur Entwicklung der Kinder geben: Klar, er ist gewachsen, enorm sogar… Und er hat sich entwickelt wie sich Babys halt entwickeln. Am Anfang war er sehr empfindlich und hat ’ne ganze Weile gebraucht, um sowas wie anzukommen, in der Welt. Viel geschrien, hat er. Und gar nicht geschlafen tagsüber. P. hat das alles super weggesteckt, denke ich. Keine großen Eifersüchteleien – abgesehen von „Eyä, du sollst das nicht ablutschen!“.

In den letzten Wochen haben wir uns gefunden, es ist rhythmisch. T. schläft abends sehr schnell und zuverlässig (mit Pre HA) ein – Versuch mit Pre ohne HA ist KLÄGLICH gescheitert – und wacht nach 4-5 Stunden wieder auf. Danach wird er gestillt und schläft bei/an mir. Wie er nachts nach der ersten Phase wach wird, kann ich gar nicht sagen. Ab 6/7 ist er morgens endgültig wach und ich auch, mehr oder weniger. Morgens fühle ich mich ziemlich gerädert. Aber seit 2,5 Wochen schenkt er mir und sich – auch sehr zuverlässig – vormittags gute 2-3 Stunden Schlaf. Und das ist wirklich ein Geschenk! Dann komme ich dazu, was für die Uni zu machen. Oder Haushalt. Oder Klarkommen. Ich gewöhne mich leider immer zu schnell an sowas und erwische mich dabei, enttäuscht und unterschwellig genervt zu sein, wenn er schon nach 1,5 Stunden wieder wach ist und ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Genau genommen schaffe ich das nie.

Uni zu machen in diesem 2-3-Stunden-Fenster ist ein bisschen irre. „So. Wo war ich. Ah ja. Bourdieu…“ Ich brauche eine halbe Stunde, um mich wieder an die Stelle zu denken, an der ich am Vormittag des vorherigen Tages aufgehört habe. 10 Minuten, um mich wieder in die Texte reinzufuchsen. Und es fällt mich wahnsinnig schwer, sie zu durchsteigen, geschweige denn, sie in Zusammenhang mit meinem Thema zu bringen. TickTickTick… Deine Küche sieht aus wie Sau… TickTickTick… Quäääk…. TickTickTick… Sport müsste ich auch mal wieder machen… TickTickTick… TickTickTick – Die Heranwachsenden müssen „die Fähigkeit zur Unbestimmtheit und strukturellen Umformung und Wandlung“ erwerben, um „Entwicklungs- und Modernisierungsprozesse zu ermöglichen“ – Waaaaasmüssendie? TickTickTick… TICK TICK TICK… Dann wird er wach, mein Kopf dampft und ich muss wieder in einen anderen Gang schalten, dabei schreit alles nach Pause… Kleines Kind wach, versorgen. Zeit im Blick haben, großes Kind abholen, Nachmittagsaction, abends werden alle nölig, dann noch Abendessen und Bett und danach theoretisch das ganze Chaos des Tages beseitigen. Und abends dann noch was Uni machen? Ich schaffe es einfach nicht, mich dann noch durch meine wissenschaftlichen Texte zu kämpfen. Beide Kinder sind zur Zeit nicht vor 21:30 endgültig im Bett. Dann könnte ich erst anfangen und müsste es auch direkt tun, damit es sich lohnt… Das packe ich nicht. Ich erinnere mich an diese Gefühle… Ich hatte das so bei P. auch als ich wieder angefangen hatte, selbstständig von Zuhause aus zu arbeiten. Es ist zu wenig Tag für all das, was zu tun wäre. Vereinbarkeit Kinder und „Karriere“ MY ASS!!!

(Deshalb auch die Stille hier, die ich sehr bedauere.)

Jesper Juul treibt mich auch mal wieder um. Auslöser war seine Kolumne im Standard, die ich erst jetzt entdeckt habe. Ich find den ja immernoch ziemlich toll… Ich habe P., die nach wie vor häufig Heulattacken-Phasen hat, in letzter Zeit häufiger gesagt, dass sie in ihr Zimmer gehen kann, um sich auszutoben und dass sie ja dann wiederkommen kann, wenn sie fertig ist und mag. Ich hielt das für ’ne okaye Methode. Ist sie aber eigentlich gar nicht, denk ich jetzt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mies und heulig drauf seid und euer Partner würde zu euch sagen: „Geh ins Schlafzimmer und heul dich aus. Du darfst wiederkommen, wenn du nicht mehr weinst.“ Irgendwie ist das total das falsche Signal… Sie soll doch nicht denken, dass sie nur akzeptiert wird, wenn sie „genehm“ ist… Und auch nach wie vor extrem richtig und wichtig finde ich das, was er zur „persönlichen Autorität“ bzw. „persönlichen Sprache“ sagt… Dass es nämlich für Kinder vor allem wichtig ist, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Er beschreibt oft und gern von seiner Beobachtung, dass Eltern (und Großeltern oder Erwachsene allgemein) Kindern gegenüber Rollen spielen anstatt aufrichtig und echt zu sein. Anstatt z.B. zu sagen „Du, ich hab da jetzt echt keinen Nerv drauf.“ benehmen sie sich so, wie sie meinen, dass sich Eltern Kindern gegenüber benehmen müssten… Dabei sprechen sie von sich in der dritten Person („Nicht die Mama hauen!“ … „Gib der Mama mal die Schere wieder!“ *gruselig*) und 3 Oktaven höher als es ihrer natürlichen Stimmhöhe entspricht. Und obwohl ich das sehe und meine, muss ich mich selbst immer mal wieder daran erinnern, einfach echt zu sein und nicht „mich selbst“ abzukapseln und zum Eltern-Roboter zu werden. Ein passendes, plakatives Beispiel: Gestern hatte ich ein Freundin mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner zu Besuch. Wir haben versucht, uns zu unterhalten, während die Kinder uns lautstark im Wohnzimmer umkreisten und ohne Unterlass auf uns einquatschten. Wir haben abwechselnd – wahlweise mit netten Worten oder Lockmitteln („Zeig ihr doch mal…“) – versucht, die Kinder loszuwerden, damit wir uns einfach mal unterhalten können. Irgendwann sagte ihr Partner zu uns: „Warum sagt ihr ihnen nicht einfach, dass ihr mal eure Ruhe haben wollt? Dann gehen sie doch.“ – „Klappt bei P. nicht.“ habe ich gesagt, es kurz darauf aber ausprobiert (und seitdem mehrmals) und echt Bauklötze gestaunt, weil P. tatsächlich ohne ein Wort verständnisvoll nickt und sich verzieht, um sich allein zu beschäftigen. Manchmal macht man sich’s halt echt unnötig schwer. Weil? Ja, weil wir beliebt sein wollen (auch bei unseren Kindern) und Angst haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Vor nichts haben wir größere Angst, als sie zu traumatisieren… Vor nichts fürchten wir uns mehr, als schlechte Eltern für sie zu sein.

Juuls Frage, ob wir uns (bzw. wer sich denn) wirklich aufrichtig starke und selbstbewusste Kinder wünschen würde, finde ich so unglaublich richtig gestellt und spannend, dass es weh tut. Er meint, die meisten Menschen wollen in Wahrheit – ohne sich dessen bewusst zu sein – genau das nicht, sondern liebe, artige, tüchtige und folgsame Kinder. Vorzeige-Exemplare halt… Ja-Sager. Ich will das nicht! Wirklich aufrichtig! Manchmal, denke ich, sollte ich mir das wieder häufiger bewusst machen, wenn ich die „Trotzreaktionen“ meines Kindes mal wieder ätzend und anstrengend-nervig finde…

Einen Widerspruch kann ich aber auch mit Juul nicht lösen: Aufrichtig soll und will ich sein. Ich selbst, meinen Kindern gegenüber. Beim oben genannten Beispiel (10 Heulanfälle in 5 Minuten) bin ich ehrlich extrem genervt und angekotzt. So sehr, dass ich schreien will. Oder Türen schmeißen. Ich möchte kann das Gebrüll manchmal einfach nicht mehr hören ertragen. Es macht mich wahn-si-nnig! Irgendwie scheiße zu reagieren, das wäre die ehrliche Reaktion in den Momenten… Aber natürlich keine Gute. Ich finde nicht, dass sie das verdient hat. Den Fehler macht ja nicht sie. Denn sie ist klein und frustiert, weil irgendwas nicht geht. Und ich bin groß und kann reflektieren und mich zusammenreißen. Anzuerkennen, dass sie pissed ist und sie auch in diesem Moment zu akzeptieren, anzunehmen und ihr beizustehen ist dann doch richtiger. Aber ja eiiiigentlich nicht mehr authentisch. Also was denn nun? Und was ist mit der Süßigkeiten-Flatrate? Juul meint, Erziehung wäre eh ziemlich sinnlos, weil Kinder eh nur vom dauerhaften Vorleben lernen und jedes gewollte Erziehen (im Sinne von dranherumziehen) verschenkte Liebesmüh ist… Keine Belehrungen über gesundes Essen am Essenstisch. Kein Zwang oder Überedeversuche, Gemüse zu essen… Also einfach essen lassen, was und wann sie will? „Noch niemand ist an 3 Wochen nur Nudeln mit Soße essen gestorben.“ sagt er sinngemäß und auch: „Die Eltern sind verantwortlich. Dann dürfen sie halt nichts im Haus haben, was sie nicht gut finden.“ Hm. Vielleicht wahr, aber ziemlich unrealistisch, oder? (Und Herr Juul himself ist in der Hinsicht wohl auch kein nachahmenswertes Vorbild, by the way… Check) Und wie sieht das aus mit iPad-Spielen und Fernsehen? Irgendwie fühlt es sich schon so an, als müsste man den Kids in der Hinsicht ein Maß mit auf den Weg geben. Ich fühl mich dafür verantwortlich… verpflichtet… Ist das falsch? Kann… Muss… Sollte man denn immer richtig sein (wollen)?

Und dann noch die Sache mit dem „Mann sollte die Kinder einfach mitlaufen lassen“… Man würde seine Kinder heute viel zu sehr mit Aufmerksamkeit überhäufen, viel zu viel Kinder-Animation betreiben… Ja, sehe ich auch so. Sehr sogar. Und wenn man auf’m Bauernhof arbeitet oder auf dem Feld, dann mag das vielleicht auch toll funktionieren… Sich die Kinder einfach auf den Rücken schnallen und ab geht’s. A.B.E.R: Das berücksichtigt irgendwie nicht, wie die Realität Vieler heute aussieht. Was machen wir nämlich? Wir sitzen vorm Rechner. Und dabei kann man die Kinder nicht „einfach mitmachen / mitlaufen“ lassen. Man läuft ja nicht. Man sitzt. Und man muss sich konzentrieren. Für’s Kind ist dabei kein Platz. Es gibt nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gibt nur Stille, Geticker und Stören. Computerarbeit und Kinder sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht gleichzeitig.

Hach ja. Schön rumgekreist und vom Weg abgekommen…

Wie die Bilanz nach einem halben Jahr zu viert nun ausfällt?

Medaillenseite 1: Wir sind ziemlich durch. Wir sind spätestens 16 Uhr nachmittags sackmüde, können uns aber meistens nicht dazu entschließen, einfach mal direkt mit den Kindern ins Bett zu gehen. Also tun wir das regelmäßig viel zu spät, denn uns fehlt selbstbestimmte Zeit! Die ziehen wir vom Schlaf ab, wodurch wir natürlich noch müder werden. Wir müssen weitermachen. Immer, immer weitermachen… Auszeiten gibt’s nicht. Oder nicht wirklich. Im Moment wüssten wir nicht einmal wofür wir sie nutzen könnten. Das Quietschen und Quaken des kleinen Kindes bringt uns in den letzten Tagen beinahe um den Verstand. Er ist krank und wahrscheinlich im 26-Wochen-Schub (obwohl ich nicht an das Vorhandensein von Wochenschüben glaube). Die Große macht’s uns auch nicht einfacher durch ihre „Ich kann das aber alleine – ich will aber erster sein – Nein! Das geht so aber nicht – Ihr seid gemein!“-Heul-Tiraden. Abends wünschen wir uns nicht selten, wir könnten die Zeit vordrehen bis zu dem Punkt, an dem die Kinder endlich im Bett sind. *seufz* Mit uns als Menschen, als Denkende, als Aktionisten, als Künstler, als Freunde, als Paar ist im Moment nicht viel los…

Medaillenseite 2: Wir sind ziemlich zufrieden. Wir werden früh von einem glucksenden, ungeheuer niedlichen Baby geweckt. Das erste, was du siehst, ist das verliebteste und ehrlichste Strahlen der Welt. An jedem Morgen ist das erste, was ich tue, meinem kleinen Baby, das direkt neben mir liegt, über den Kopf zu streicheln, ihn aus seinem Schlafsack zu befreien und meine Wange ganz dicht neben seine zu legen. Er streckt sich dann ausgiebig, erzählt ein bisschen und dreht suchend den Kopf umher. Ich flüstere zu K., dass er mal gucken soll, weil sein Sohn ihn begrüßen möchte… Dann rufen wir P., die meist schon seit einer Stunde leise in ihrem Zimmer spielt. Ich höre die tappelnden Schritte, wir ziehen unsere Decken hoch und P. springt mit zu uns in die Kiste. Wir schieben ein Stück vom Rollo nach oben, Sonnenlicht fällt auf’s Bett… K. und ich beobachten, wie unsere Tochter unserem Sohn erzählt, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hat und er lacht sich darüber kaputt. Manchmal kriegt man ziemlich feuchte Augen vor Rührung. Und da ist man gerade einmal seit 10 Minuten wach…

Keine Eifersuchtsdramen. Größere gesundheitliche Downs gemeinsam gemeistert. Ziemlich gut auf einem Nenner gelandet. Und immer wieder überrascht, dass wir das doch irgendwie alles hinbekommen und es sich zwar ständig so anfühlt, als würde die Energie uns im Stich lassen, sie es aber halt nie endgültig tut.

„Wir schuften weiter, immer weiter.“