6 Monate 2+2 = 4 (Erziehungsfragen-Sermon)

16.03.2014. Verdammte Axt! Echt jetzt? Ein halbes Jahr?! Gibbet doch nich…

Es gäbe viel zu schreiben darüber, was oftmals zu lesen ist, wenn Leute monatliche Feedbacks zur Entwicklung der Kinder geben: Klar, er ist gewachsen, enorm sogar… Und er hat sich entwickelt wie sich Babys halt entwickeln. Am Anfang war er sehr empfindlich und hat ’ne ganze Weile gebraucht, um sowas wie anzukommen, in der Welt. Viel geschrien, hat er. Und gar nicht geschlafen tagsüber. P. hat das alles super weggesteckt, denke ich. Keine großen Eifersüchteleien – abgesehen von „Eyä, du sollst das nicht ablutschen!“.

In den letzten Wochen haben wir uns gefunden, es ist rhythmisch. T. schläft abends sehr schnell und zuverlässig (mit Pre HA) ein – Versuch mit Pre ohne HA ist KLÄGLICH gescheitert – und wacht nach 4-5 Stunden wieder auf. Danach wird er gestillt und schläft bei/an mir. Wie er nachts nach der ersten Phase wach wird, kann ich gar nicht sagen. Ab 6/7 ist er morgens endgültig wach und ich auch, mehr oder weniger. Morgens fühle ich mich ziemlich gerädert. Aber seit 2,5 Wochen schenkt er mir und sich – auch sehr zuverlässig – vormittags gute 2-3 Stunden Schlaf. Und das ist wirklich ein Geschenk! Dann komme ich dazu, was für die Uni zu machen. Oder Haushalt. Oder Klarkommen. Ich gewöhne mich leider immer zu schnell an sowas und erwische mich dabei, enttäuscht und unterschwellig genervt zu sein, wenn er schon nach 1,5 Stunden wieder wach ist und ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Genau genommen schaffe ich das nie.

Uni zu machen in diesem 2-3-Stunden-Fenster ist ein bisschen irre. „So. Wo war ich. Ah ja. Bourdieu…“ Ich brauche eine halbe Stunde, um mich wieder an die Stelle zu denken, an der ich am Vormittag des vorherigen Tages aufgehört habe. 10 Minuten, um mich wieder in die Texte reinzufuchsen. Und es fällt mich wahnsinnig schwer, sie zu durchsteigen, geschweige denn, sie in Zusammenhang mit meinem Thema zu bringen. TickTickTick… Deine Küche sieht aus wie Sau… TickTickTick… Quäääk…. TickTickTick… Sport müsste ich auch mal wieder machen… TickTickTick… TickTickTick – Die Heranwachsenden müssen „die Fähigkeit zur Unbestimmtheit und strukturellen Umformung und Wandlung“ erwerben, um „Entwicklungs- und Modernisierungsprozesse zu ermöglichen“ – Waaaaasmüssendie? TickTickTick… TICK TICK TICK… Dann wird er wach, mein Kopf dampft und ich muss wieder in einen anderen Gang schalten, dabei schreit alles nach Pause… Kleines Kind wach, versorgen. Zeit im Blick haben, großes Kind abholen, Nachmittagsaction, abends werden alle nölig, dann noch Abendessen und Bett und danach theoretisch das ganze Chaos des Tages beseitigen. Und abends dann noch was Uni machen? Ich schaffe es einfach nicht, mich dann noch durch meine wissenschaftlichen Texte zu kämpfen. Beide Kinder sind zur Zeit nicht vor 21:30 endgültig im Bett. Dann könnte ich erst anfangen und müsste es auch direkt tun, damit es sich lohnt… Das packe ich nicht. Ich erinnere mich an diese Gefühle… Ich hatte das so bei P. auch als ich wieder angefangen hatte, selbstständig von Zuhause aus zu arbeiten. Es ist zu wenig Tag für all das, was zu tun wäre. Vereinbarkeit Kinder und „Karriere“ MY ASS!!!

(Deshalb auch die Stille hier, die ich sehr bedauere.)

Jesper Juul treibt mich auch mal wieder um. Auslöser war seine Kolumne im Standard, die ich erst jetzt entdeckt habe. Ich find den ja immernoch ziemlich toll… Ich habe P., die nach wie vor häufig Heulattacken-Phasen hat, in letzter Zeit häufiger gesagt, dass sie in ihr Zimmer gehen kann, um sich auszutoben und dass sie ja dann wiederkommen kann, wenn sie fertig ist und mag. Ich hielt das für ’ne okaye Methode. Ist sie aber eigentlich gar nicht, denk ich jetzt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mies und heulig drauf seid und euer Partner würde zu euch sagen: „Geh ins Schlafzimmer und heul dich aus. Du darfst wiederkommen, wenn du nicht mehr weinst.“ Irgendwie ist das total das falsche Signal… Sie soll doch nicht denken, dass sie nur akzeptiert wird, wenn sie „genehm“ ist… Und auch nach wie vor extrem richtig und wichtig finde ich das, was er zur „persönlichen Autorität“ bzw. „persönlichen Sprache“ sagt… Dass es nämlich für Kinder vor allem wichtig ist, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Er beschreibt oft und gern von seiner Beobachtung, dass Eltern (und Großeltern oder Erwachsene allgemein) Kindern gegenüber Rollen spielen anstatt aufrichtig und echt zu sein. Anstatt z.B. zu sagen „Du, ich hab da jetzt echt keinen Nerv drauf.“ benehmen sie sich so, wie sie meinen, dass sich Eltern Kindern gegenüber benehmen müssten… Dabei sprechen sie von sich in der dritten Person („Nicht die Mama hauen!“ … „Gib der Mama mal die Schere wieder!“ *gruselig*) und 3 Oktaven höher als es ihrer natürlichen Stimmhöhe entspricht. Und obwohl ich das sehe und meine, muss ich mich selbst immer mal wieder daran erinnern, einfach echt zu sein und nicht „mich selbst“ abzukapseln und zum Eltern-Roboter zu werden. Ein passendes, plakatives Beispiel: Gestern hatte ich ein Freundin mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner zu Besuch. Wir haben versucht, uns zu unterhalten, während die Kinder uns lautstark im Wohnzimmer umkreisten und ohne Unterlass auf uns einquatschten. Wir haben abwechselnd – wahlweise mit netten Worten oder Lockmitteln („Zeig ihr doch mal…“) – versucht, die Kinder loszuwerden, damit wir uns einfach mal unterhalten können. Irgendwann sagte ihr Partner zu uns: „Warum sagt ihr ihnen nicht einfach, dass ihr mal eure Ruhe haben wollt? Dann gehen sie doch.“ – „Klappt bei P. nicht.“ habe ich gesagt, es kurz darauf aber ausprobiert (und seitdem mehrmals) und echt Bauklötze gestaunt, weil P. tatsächlich ohne ein Wort verständnisvoll nickt und sich verzieht, um sich allein zu beschäftigen. Manchmal macht man sich’s halt echt unnötig schwer. Weil? Ja, weil wir beliebt sein wollen (auch bei unseren Kindern) und Angst haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Vor nichts haben wir größere Angst, als sie zu traumatisieren… Vor nichts fürchten wir uns mehr, als schlechte Eltern für sie zu sein.

Juuls Frage, ob wir uns (bzw. wer sich denn) wirklich aufrichtig starke und selbstbewusste Kinder wünschen würde, finde ich so unglaublich richtig gestellt und spannend, dass es weh tut. Er meint, die meisten Menschen wollen in Wahrheit – ohne sich dessen bewusst zu sein – genau das nicht, sondern liebe, artige, tüchtige und folgsame Kinder. Vorzeige-Exemplare halt… Ja-Sager. Ich will das nicht! Wirklich aufrichtig! Manchmal, denke ich, sollte ich mir das wieder häufiger bewusst machen, wenn ich die „Trotzreaktionen“ meines Kindes mal wieder ätzend und anstrengend-nervig finde…

Einen Widerspruch kann ich aber auch mit Juul nicht lösen: Aufrichtig soll und will ich sein. Ich selbst, meinen Kindern gegenüber. Beim oben genannten Beispiel (10 Heulanfälle in 5 Minuten) bin ich ehrlich extrem genervt und angekotzt. So sehr, dass ich schreien will. Oder Türen schmeißen. Ich möchte kann das Gebrüll manchmal einfach nicht mehr hören ertragen. Es macht mich wahn-si-nnig! Irgendwie scheiße zu reagieren, das wäre die ehrliche Reaktion in den Momenten… Aber natürlich keine Gute. Ich finde nicht, dass sie das verdient hat. Den Fehler macht ja nicht sie. Denn sie ist klein und frustiert, weil irgendwas nicht geht. Und ich bin groß und kann reflektieren und mich zusammenreißen. Anzuerkennen, dass sie pissed ist und sie auch in diesem Moment zu akzeptieren, anzunehmen und ihr beizustehen ist dann doch richtiger. Aber ja eiiiigentlich nicht mehr authentisch. Also was denn nun? Und was ist mit der Süßigkeiten-Flatrate? Juul meint, Erziehung wäre eh ziemlich sinnlos, weil Kinder eh nur vom dauerhaften Vorleben lernen und jedes gewollte Erziehen (im Sinne von dranherumziehen) verschenkte Liebesmüh ist… Keine Belehrungen über gesundes Essen am Essenstisch. Kein Zwang oder Überedeversuche, Gemüse zu essen… Also einfach essen lassen, was und wann sie will? „Noch niemand ist an 3 Wochen nur Nudeln mit Soße essen gestorben.“ sagt er sinngemäß und auch: „Die Eltern sind verantwortlich. Dann dürfen sie halt nichts im Haus haben, was sie nicht gut finden.“ Hm. Vielleicht wahr, aber ziemlich unrealistisch, oder? (Und Herr Juul himself ist in der Hinsicht wohl auch kein nachahmenswertes Vorbild, by the way… Check) Und wie sieht das aus mit iPad-Spielen und Fernsehen? Irgendwie fühlt es sich schon so an, als müsste man den Kids in der Hinsicht ein Maß mit auf den Weg geben. Ich fühl mich dafür verantwortlich… verpflichtet… Ist das falsch? Kann… Muss… Sollte man denn immer richtig sein (wollen)?

Und dann noch die Sache mit dem „Mann sollte die Kinder einfach mitlaufen lassen“… Man würde seine Kinder heute viel zu sehr mit Aufmerksamkeit überhäufen, viel zu viel Kinder-Animation betreiben… Ja, sehe ich auch so. Sehr sogar. Und wenn man auf’m Bauernhof arbeitet oder auf dem Feld, dann mag das vielleicht auch toll funktionieren… Sich die Kinder einfach auf den Rücken schnallen und ab geht’s. A.B.E.R: Das berücksichtigt irgendwie nicht, wie die Realität Vieler heute aussieht. Was machen wir nämlich? Wir sitzen vorm Rechner. Und dabei kann man die Kinder nicht „einfach mitmachen / mitlaufen“ lassen. Man läuft ja nicht. Man sitzt. Und man muss sich konzentrieren. Für’s Kind ist dabei kein Platz. Es gibt nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gibt nur Stille, Geticker und Stören. Computerarbeit und Kinder sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht gleichzeitig.

Hach ja. Schön rumgekreist und vom Weg abgekommen…

Wie die Bilanz nach einem halben Jahr zu viert nun ausfällt?

Medaillenseite 1: Wir sind ziemlich durch. Wir sind spätestens 16 Uhr nachmittags sackmüde, können uns aber meistens nicht dazu entschließen, einfach mal direkt mit den Kindern ins Bett zu gehen. Also tun wir das regelmäßig viel zu spät, denn uns fehlt selbstbestimmte Zeit! Die ziehen wir vom Schlaf ab, wodurch wir natürlich noch müder werden. Wir müssen weitermachen. Immer, immer weitermachen… Auszeiten gibt’s nicht. Oder nicht wirklich. Im Moment wüssten wir nicht einmal wofür wir sie nutzen könnten. Das Quietschen und Quaken des kleinen Kindes bringt uns in den letzten Tagen beinahe um den Verstand. Er ist krank und wahrscheinlich im 26-Wochen-Schub (obwohl ich nicht an das Vorhandensein von Wochenschüben glaube). Die Große macht’s uns auch nicht einfacher durch ihre „Ich kann das aber alleine – ich will aber erster sein – Nein! Das geht so aber nicht – Ihr seid gemein!“-Heul-Tiraden. Abends wünschen wir uns nicht selten, wir könnten die Zeit vordrehen bis zu dem Punkt, an dem die Kinder endlich im Bett sind. *seufz* Mit uns als Menschen, als Denkende, als Aktionisten, als Künstler, als Freunde, als Paar ist im Moment nicht viel los…

Medaillenseite 2: Wir sind ziemlich zufrieden. Wir werden früh von einem glucksenden, ungeheuer niedlichen Baby geweckt. Das erste, was du siehst, ist das verliebteste und ehrlichste Strahlen der Welt. An jedem Morgen ist das erste, was ich tue, meinem kleinen Baby, das direkt neben mir liegt, über den Kopf zu streicheln, ihn aus seinem Schlafsack zu befreien und meine Wange ganz dicht neben seine zu legen. Er streckt sich dann ausgiebig, erzählt ein bisschen und dreht suchend den Kopf umher. Ich flüstere zu K., dass er mal gucken soll, weil sein Sohn ihn begrüßen möchte… Dann rufen wir P., die meist schon seit einer Stunde leise in ihrem Zimmer spielt. Ich höre die tappelnden Schritte, wir ziehen unsere Decken hoch und P. springt mit zu uns in die Kiste. Wir schieben ein Stück vom Rollo nach oben, Sonnenlicht fällt auf’s Bett… K. und ich beobachten, wie unsere Tochter unserem Sohn erzählt, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hat und er lacht sich darüber kaputt. Manchmal kriegt man ziemlich feuchte Augen vor Rührung. Und da ist man gerade einmal seit 10 Minuten wach…

Keine Eifersuchtsdramen. Größere gesundheitliche Downs gemeinsam gemeistert. Ziemlich gut auf einem Nenner gelandet. Und immer wieder überrascht, dass wir das doch irgendwie alles hinbekommen und es sich zwar ständig so anfühlt, als würde die Energie uns im Stich lassen, sie es aber halt nie endgültig tut.

„Wir schuften weiter, immer weiter.“

4 Kommentare zu “6 Monate 2+2 = 4 (Erziehungsfragen-Sermon)

  1. Danke für die Jesper-Juul-Schleife. Das mit dem Aufrichtigsein ist wirklich schwierig. Zumal sich bei mir prominent sein „Die Eltern sind für die Stimmung verantwortlich“ eingenistet hat. Und das ist ein schlechter Partner der Aufrichtigkeit zu Zeiten des beginnenden Trotzes. Ich geh mal nachlesen.

    Und Euch alles Gute weiterhin beim Zusammenfinden. Hier stehen wir noch am Anfang. Nur die Müdigkeit ist schon da.

  2. „geh mal kurz weg, ich brauche ruhe“ klappt hier überhaupt nicht…

    ist es denn eigentlich auch unsinnvoll oder gemein, sich ohropax reinzumachen, wenn das gebrüll mal nicht aufhört? das mache ich dann nämlich manchmal und fand es immer so schlau.

    ach und für das mitlaufen bei der rechnerarbeit fällt mir was ein: ich hab ihr ein kleines „büro“ aufgebaut mit papier und meinen bürosachen (die ich mir dann immer ausleihen muss) und da kann sie dann auch arbeiten, während ich mein zeug mache. manchmal klappt das ganz gut. natürlich nicht acht stunden lang, aber zweieinhalb kriegt man so schon mal gemütlich rum.

  3. wow… wir sind ja (unterdessen vllt bekannterweise ;)) nur ca 2 Wochen hinterher.
    Auch wir haben sowas wie einen Rhythmus, bin seit Ende Februar wieder 2 Tage im Büro.
    Aber auch mir tun echt die Ohren weh, von allen in der Familie! Der Tinnitus hat mich in den letzten 20 Jahren empfindlich gemacht :(
    Der Kinderdoc http://kinderdoc.wordpress.com/ hat mich auf ein tolles Buch aufmerksam gemacht, von dem ich zwar noch nicht alles anwende kann, weil zu klein, aber schon tolle inputs gegeben.
    und deinen Juul werd ich mir wohl auch mal anschauen.
    wenn ich mal putze oder aufräume, kommt es schon mal vor, dass Frollein sich extrem gut selber beschäftigt und ich sie Happy Birthday für jede ihrer Tanten singen höre, sie dann zu mir kommt und für sich selber singt und dann logischerweise gern ein Geschenk haben möchte, weil sie doch Geburtstag habe ;)
    auch ich ertappe mich dabei, wie ich mir wünschte, die Kinder würden noch etwas länger schlafen, es dann aber nicht wünsche, aus Angst vor dem Karma, dass sie dann „endgültig“ schlafen (blöder Gedanke, aber man weiss ja nie). Mein Glück ist, dass ich nicht für die Uni oder sonst ne Schule lernen muss, sondern einfach nicht zu meinen Hobbies komme…

  4. Medaillienseite 2 – ich dachte ich versinke nur in diese hormonelle Gefühlsdusselei wenn ich in diese strahlend süssen Babyaugen gucke…….
    Und Uni….hmm ein bisschen Utopie ist schon dabei zu glauben man kann etwas nebenbei machen….ich schaffe nämlich auch nixs, gar nixs und das ärgert mich….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s