Melancholy-Mom

Ich stehe im Flur. Vor mir an der Wand kleben Babybilder von P. Drei sind es, schwarz-weiß, roter Rahmen. Wir in Italien, September 2011. Eine P. mit Windeln, raspelkurzen Babyhaaren und mit einem weißen Bettlaken spielend… Wir blödelnd im Bett… Auf manchen Bildern erinnert mich T. sehr an sie in ihrer Babyzeit. Mich überkommt ein seltsames Gefühl und ich muss einen kleinen Klos runterschlucken. K. füttert T. derweil in der Küche, P. ist bei ihren Großeltern…

Dieses Gefühl der Wehmut überkommt mich nicht selten in den letzten Tagen und Wochen. T. ist kein Neugeborenes mehr. Er ist ein halbes Jahr alt. Das erste halbe Jahr… Das war für mich gedanklich immer eine Art Grenze… Ich weiß noch genau, dass danach bei P. die „Alles ist neu“-Zeit vorbei war. Danach kam alles… Das Krabbeln, die Zähne, das Hochziehen, das Laufen… Dann geht alles so verdammt schnell. Ich sehe jetzt Menschen mit ganz ganz klitzekleinen Babys und mir wird bewusst, dass diese Phase eine ist, die schon wieder hinter uns liegt. T. ist nun nicht mehr klein, nicht mehr neu in der Welt. Er ist nicht mehr zusammengekullert und die Neugeborenen-Müdigkeit ist aus seinen Augen verschwunden. T. brabbelt, zahnt, robbt, zieht sich hoch, isst stückiges Zeugs und interessiert sich wahnsinnig wach für alles… Er ist irgendwie ein Anderer geworden.

P. quatscht uns von früh bis spät zu, singt, tanzt, springt. Wenn wir Menschen treffen, die wir nur selten sehen, fallen denen fast die Augen aus dem Kopf, weil P. nun einfach so mit uns redet, sich verständigt, eine Stimme hat. Sie ist kein Würmchen mehr, sie ist… sie wirkt… schon so groß, manchmal. Sie kann ihre Gefühle ausdrücken, über Vergangenes und Zukünftiges nachdenken und sagt so Dinge wie: „Meine Hose ist nass, deshalb habe ich beschossen, sie auf die Heizung zu legen, Mama.“ Ich schaue mir ihr Babybild an, erinnere mich daran, dass sie über 40 Grad Fieber in diesem Urlaub hatte und gerade anfing, zu stehen. Und dann habe ich plötzlich ihr Babygebrabbel im Ohr. Und ihr Babygebrüll… Es ist unvorstellbar, dass eine Zeit gab, in der sie noch nicht reden konnte. Ich kann das Baby auf dem Bild und meine Tochter gar nicht mehr zusammenbringen. Es ist, als wären das verschiedene Personen. Sie ist irgendwie eine Andere geworden.

Ich setze mich zu K. in die Küche. „Was ist los?“ Ich kann es nicht genau sagen. Ich kann nur fühlen. Ich bin betrübt… Ich bin wehmütig. K. füttert T. weiter, ich beobachte sie dabei. Wie sie lachen und blödeln… Wie diese absolute Liebe aus T.s Babyaugen strahlt… Er ist noch so unbedarft. Alles, was er sieht, hört, schmeckt, fühlt ist ein einziges großes Wunder. Ich liebe ihn wahnsinnig. K. hat in den letzten Wochen häufiger gesagt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich P. in dem Alter so niedlich fand…“ Und das ist auch so… Wir waren bei P. viel zu sehr damit beschäftigt, alles richtig machen zu wollen oder eher damit, nichts falsch machen zu wollen und an uns zu zweifeln. T. können wir mehr genießen, weil wir das Vertrauen in uns als Eltern schon haben. Weil wir wissen, dass unser Weg und unsere Art und Weise des Familie-seins so falsch nicht ist. P. haben wir ja auch groß bekommen.

Was wir aber auch schon wissen: Kinder werden unheimlich schnell groß. Und das ist schön. Sie werden selbstständiger. Und ihre Persönlichkeit wird von Woche zu Woche sichtbarer… und sie sind weniger auf uns angewiesen. Aber in diesen Momenten, in denen ich mich an P. als Baby erinnere und mich gleichzeitig so wohlig fühle durch das, was mir mein Baby gerade gibt… Das Gefühl, ihn auf dem Arm zu haben. Das Gefühl, die eigene Wange an seine zu drücken. Seine weiche Babyhaut. Morgens aufzuwachen und sein schlafendes Baby neben sich liegen zu haben. Seine strahlenden Augen. Über den Kopf mit Babyflaum zu fahren… Das alles ist so schön, so kostbar, so vergänglich… Ich kann das Baby auf dem Bild nicht mit P. zusammenbringen. Ich werde T. irgendwann, in gar nicht langer Zeit nicht mehr mit dem zusammenbringen können, wie und was er jetzt gerade für mich ist. Das ist merkwürdig.

Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich da fühle: Ich vermisse dieses Baby. Und ich werde auch T. vermissen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Liebeskummer. Da ist etwas, was sich sehr schön und kostbar und sehr innig angefühlt hat, was nun nicht mehr da ist und ich weiß, es kommt nicht mehr zurück. Ich kann die Erinnerung an diesen Babymenschen behalten. Sie hatte zum Beispiel diese ganz spezielle Art, sich robbend fortzubewegen. Daran erinnere ich mich. Aber das, was sich so schön anfühlt, am Babyhaben, das kann man nicht konservieren. Wie sich P. an meine Schulter gekuschelt hat, wenn der Wind ihr ins Gesicht blies. Ich liebe diese vielen kleinen Dinge, die T. gerade macht so sehr und beim Betrachten von P.s Fotos wird mir schmerzlich bewusst, dass auch seine kleinen Baby-Eigenarten nur temporär sind, Episoden, Phasen… Dass die meisten davon verschwinden werden, weil er ihnen einfach entwachsen wird. Und meine Erinnerung daran wird mit dem Verschwinden verblassen.

Und natürlich: Es werden neue Eigenarten, neue schöne Sachen zwischen uns dazukommen. Kinder verändern sich… Sie verschwinden ja nicht, sie wachsen. Und das ist schön. Aber die Babys und das Gefühl, was einem Babys geben können… Die verschwinden. Und das hat doch irgendwie – bei aller Schönheit – auch etwas trauriges… Zumindest etwas, das mich ab und zu melancholisch stimmt.

15 Kommentare zu “Melancholy-Mom

  1. Oh mein Gott… ich musste gerade mit den Tränen kämpfen, damit ich nicht losweine. Das hast du so wunderschön geschrieben und es damit genau auf den Kopf getroffen. Mir geht es auch immer wieder so, wenn ich Babyfotos sehe von meiner, mittlerweile fast 6jährigen Tochter. Als ihr Teddy, der noch immer überall mit hin kommt, noch so groß war wie sie. Ich habe damals immer an ihrem Kopf geschnuppert und den Babyduft geliebt. Wenn ich heute die Fotos sehe, bekomme ich diesen Duft kurz in die Nase… und Gänsehaut. Ich wünschte mir auch, ich könnte jederzeit zurückkehren und jede Lebensstufe von ihr nochmal besuchen, nochmal an ihrem Babykopf schnuppern und ihre kleinen Hände auf meiner Brust spüren… jetzt werde ich auch ganz wehmütig. Nächsten Monat wollen wir wieder versuchen schwanger zu werden, und das Gefühl jetzt ist ein bisschen mit dem Gefühl wie kurz vor einem tollen Urlaub zu vergleichen: Man weiß einfach, dass man jetzt noch all das schöne vor sich hat und die Zeit viel zu schnell vergehen wird… und kaum ist man Zuhause bekommt man Fernweh…
    Danke für diesen tollen Beitrag
    Jane

  2. Ach, mir geht es gerade genauso! L. ist etwa einen Monat jünger als T. und heute genau 24 Wochen alt. Es ist wahnsinnig spannend, die Entwicklung dieses kleinen Wesens zu erleben und gleichzeitig macht es mich so traurig, dass das erste Halbjahr schon wieder Vergangenheit ist. Dieser kleine hilflose halbe Meter Mensch ist schon so viel größer, brabbelt, zappelt, will krabbeln und am liebsten alles in den Mund stopfen. Deine Worte treffen es wirklich auf den Punkt, vielen Dank dafür!

  3. Dankeschön.
    Manchmal vergesse ich fast, wie wertvoll diese Baby-Zeit ist, weil der Zwack so fordernd ist.
    Dein Text trifft mich genau zum richtigen Zeitpunkt und jetzt geh ich sofort noch ein bisschen Strizzi-Baby genießen.

  4. Wirklich toll geschrieben! Ganz genau so ist es! Die werden so schnell groß, man dreht ihnen nur einmal kurz den Rücken zu und schon sind sie schon wieder ein Stückchen anders (und dabei wollte man doch noch das „alte“ Kind auf Fotos, Videos oder im Kopf festhalten), ein Stück größer und selbstständiger und auf eine neue, andere Art toll. Zwei von der Sorte haben wir schon und ein letztes wollen wir noch. Noch einmal so viele erste, aber auch letzte Momente, die da auf uns zukommen… Ach, ich hab gerade erst deinen Blog entdeckt und bin schon ganz begeistert. :)

  5. Kann nur zustimmen. Mein Kleiner ist 7 Monate und auch ich betrachte ihn gerade oft sehr wehmütig und überglücklich zugleich. Meine Ältere kommt mir gerade schon so groß vor, dass ich es gar nicht glauben kann, dass sie mal so klein war wie ihr Bruder!
    LG
    Petra

  6. Wie so oft in Deinem Blog und auch dieses Mal wieder schreibst Du, was auch mich gerade oder immer wieder bewegt: mein Baby-Mädchen ist nun 7 Monate alt und ich bin auch wehmütig. Und denke oft an meinen Baby-Jungen zurück, der im Sommer schon 3 wird. Und wie schnell die Zeit vergeht und da nie wieder so ein Mini-Baby sein wird. Ja, das tritt einige Gefühle los! Alles Gute für Euch!

  7. Pingback: Schon gesehen? | BABYKRAM & KINDERKACKE

  8. mir geht es genauso. Mein Kleiner ist zwar gerade erst 6 Monate. Doch schon jetzt bin ich so wehmütig. Bald wird er kein Baby mehr sein. Bald werden andere Dinge interessanter als die Mama. Ach ja… hoffentlich macht es die Natur so, dass man sich freut, wieder etwas mehr Zeit für sich zu haben.
    Aber ich glaube, ja es wird wie Liebeskummer sein.

  9. bäm! danke fürs reposten. las ihn damals u konnte damit nichts anfangen. verbuchte ihn zwischen irre u sentimental. inzwischen ist sie vier u er neun monate u nun bin ich es: irre sentimental! <3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s