„Ich wollte aber Erster sein!“

P. hat seit einiger Zeit eine Macke, die uns den Alltag zum Teil echt erheblich erschwert. Sie ist aktuell 3,5 („fast vier“) Jahre alt und möchte IMMER die Erste sein. Und wenn ich immer sage, dann meine ich auch immer.

Das klingt vielleicht erstmal ganz niedlich und nicht weiter dramatisch. Das war es anfangs auch nicht. Jetzt ist es das nicht mehr und ich weiß nicht mehr, wie ich damit umgehen soll und will.

Wo liegt das Problem?

Bei P. beschränkt sich das Erste sein wollen nicht auf eine oder vielleicht zwei Situationen am Tag, auf Spiele oder Wettrennen, sondern auf schlichtweg ALLES: Beim Aussteigen aus dem Auto, beim Laufen (mit schweren Einkaufstüten) zur Haustür, beim Treppesteigen, beim in den Fahrstuhl gehen, beim auf den Knopf drücken, beim Schuhe ausziehen, beim Treppe in der Wohnung hochlaufen, beim Essen, … Ständig haben wir ein pfeifend-schreiend-brüllendes Meckern im Ohr, weil P. lospoltert: „Mama, ICH wollte aber Erster sein – uäääääääh!“ – Drama, baby. Und spätestens, wenn sich zahlreiche P.’sche Heulattacken aneinander reihen und ich kaum noch verstehe, was sie eigentlich will, fällt es mir schwer, gelassen zu bleiben. Trifft das dann noch auf übliche „Alltags-Bewältigungssituationen“ – schleppen, quetschen, widerspenstige Kinder an-/auswursten, Zeitdruck, T. brüllt weil hunger/müde – spüre ich unweigerlich meinen Stresspegel steigen.

Wie reagiere ich?

a) „Aber P., wir haben doch schon darüber geredet, man kann nicht immer überall Erster sein. Muss man auch nicht. Wir machen jetzt keinen Wettbewerb. Nicht beim Treppesteigen, nicht beim Essen, nicht beim…“

b) „P., ich möchte jetzt keinen Wettbewerb machen, ich habe auch keine Lust mich ständig mit dir darüber zu streiten.“

c) „Du warst doch Erste.“

d) „Naja, äääääh, du warst doch Erste. Von den Kindern.“ (hähä, sehr clever, ne?)

e) „P., Erster wird man nicht, indem die Anderen auf dich warten. Wenn du Erste sein möchtest, musst du halt schneller sein als die Anderen, das heißt, dass du dich beeilen musst. Zum Beispiel hintereinanderweg essen, anstatt…“

f) „P., Erwachsene und Kinder machen nicht dauernd Wettbewerbe. Das kannst du mit deinen Freunden im Kindergarten spielen, ja?“

Das Resultat ist meist, dass sie entweder rumdiskutiert („Ich will aber immer Erster sein, Mama, Mann… gagagaga“) oder (meist in direkter Abhängigkeit vom Müdigkeitsgrad) ein ausufernder Wutanfall folgt.

ÄtzÄtzÄtz!

Diese Macke geht mir dermaßen auf die Ketten!

Selbst wenn ich versuchen wollen würde – was ich nicht will – immer auf sie einzugehen: Das ist. nicht. möglich! Man kann das gar nicht die endlosen Situationen bedenken, in denen das für sie Thema ist! Man müsste zum Beispiel immer darauf achten, auf keinen Fall vor ihr zu laufen. Das ist doch irre! Und besonders sinnvoll erscheint mir das auch nicht… Ständig gewinnen lassen kann hier doch nicht das Mittel der Wahl sein, oder?

Tiefer gehen: 

Diese Eigenheit hat sie vor etwa einem halben Jahr aus der Kita mitgebracht. Dort ist das Thema, seitdem sie aus der Krippe in den Kindergarten gewechselt ist. Dort fing das an, glaube ich, als die Kinder anfingen, sich selbst an- und auszuziehen. In dem Zusammenhang wurde dann immer ein „Wer Erster / Letzter ist“-Wettkampf gestartet, und das weitete sich nach und nach auf’s Essen usw. aus.

Mir ist bewusst, dass ziemlich viele Kinder in dem Alter haben und das auch durchaus zur normalen Entwicklung gehört. Google spuckt 4.220.000 Ergebnisse bei der Suchanfrage „Kind will immer Erster sein“ aus. Man stößt auf viele Foreneinträge von Eltern, die sich über das Thema auslassen, aber erstaunlich wenig Expertenmeinungen. Die einzigen beiden Ratgeber-Seiten, die auf Anhieb finden konnte, waren in dem Fall t-online.de („Warum Kleinkinder immer Erster sein wollen„) und eine österreichische Seite für Erziehungstipps („Erziehung ist (k)ein Kinderspiel – „Ich will Erster sein!„). Ich finde, dass beide Texte eher wage sind und nicht unbedingt hilfreich. Schnell landet man dann auch bei Seiten mit Themen wie „Früherkennung der autistischen Störung“ oder „Wie Sie aus der Psychofalle Perfektionismus herausfinden„. Na schönen Dank auch… Und da wundere sich nochmal einer, dass Eltern zum Teil ein bisschen hysterisch bezüglich der Entwicklung ihrer Kinder werden. Aber Googlen ist ja auch ohnehin so ’ne Sache für sich… Aber da wird gerade dabei sind:

Hellhörig wurde ich beim t-online-Link nämlich doch:

In der Psychologie sprechen wir bei diesem kindlichen Ehrgeiz von der Entwicklung der Leistungsmotivation,“ erklärt Diplom-Psychologin und Diplom-Pädagogin Annette Böttcher aus Wiesbaden.  

LEISTUNG?! Da schrillen bei mir die Alarmglocken! Leistungsdruck, Leistungsorientierung, Leistungsgesellschaft, … Als Kind hatte ich selbst ziemliche Minderwertigkeitsgefühle, wollte unbedingt in allem die Beste sein und hab mich ständig ungerecht behandelt gefühlt. Und das schleppe ich nervigerweise bis heute mit mir rum. Mein Überehrgeiz führt zwar tatsächlich zu guten Leistungen, aber der Preis dafür ist mir eigentlich zu hoch. Jede Art von Leistungsdruck überfordert mich, ich fühle mich allgemein ständig unter Druck und habe ganz schlimmes Lampenfieber. Ich hab’s mit meinem nervigen Perfektionismus und dem permanenten Streben nach Anerkennung nicht leicht mit mir und würde bei meinen Kindern gern irgendwie versuchen, ein bisschen dagegen zu wirken. Ich möchte, dass meine Kinder ein etwas gesünderes Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl entwickeln als ich und nicht mit einem doofen (Selbst-)Optimierungszwang zu kämpfen haben.

 

Ich bin bei der Sache echt ein bisschen ratlos. Wie kann ich den Drive rausnehmen? Ich habe in diesem Fall ein bisschen Angst, etwas falsch zu machen… Was macht Sinn? Soll man das ignorieren? Einlenken? Abwatschen? Zulassen? Mitmachen? Belehren? Ich weiß es echt nicht…

Der t-online-Link sagt lediglich:

Wenn ein Kind zu ehrgeizig ist, überfordert es sich auch selber, weil es nicht zurückstecken kann. Das geht zu Lasten der psychischen Gesundheit und Stabilität. Kinder müssen lernen, mit Niederlagen souverän umzugehen. Das heißt, eine Niederlage sollte Kinder stets anspornen, es erneut zu probieren

Naja, sehr aussagekräftig ist das nicht. Wie lernt denn mein Kind, mit „Niederlagen souverän umzugehen“?

Die Erziehungstipps-Tante aus dem anderen Link gibt folgendes zum Besten:

Offensichtlich hat das Kind ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis. Das hat auch sein Gutes. Bevor wir anfangen, ein Kind zu kritisieren oder „Sei nicht so“-Botschaften zu senden, müssen wir zuerst das Gute am Schlechten erkennen und dem Kind gegenüber würdigen: „Nina, ich finde es toll, dass du so flink bist.“ Dann gilt es, ihre Gefühle ernst zu nehmen und dies auch zu sagen, um Nina zu helfen, damit klar zu kommen: „Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.“ Erst wenn die Mutter Verständnis zeigt, ist Nina in der Lage, Ermahnungen und kluge Worte anzunehmen. Ansonsten wirken sie wie Blockaden und stärken den emotionalen Widerstand, weil sich das Kind unverstanden und abgelehnt fühlt. (…) Worte wie diese können Nina helfen: „Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und auch einmal Andreas zuerst ins Auto einsteigen zu lassen. Aber weißt du, (Verständnis für das andere Kind er wecken) er will auch einmal Erster sein und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.“ Die Mutter könnte Nina fragen, was für sie so schlimm daran ist zu warten und manchmal auch anderen den Vortritt zu lassen. Helfen kann auch etwas liebevoller Humor, aber bitte ohne Ironie und Zynismus. So lernt Ihr Kind, sich selber nicht zu ernst zu nehmen und Dinge zu relativieren.

Wenn Sie gemeinsam auch noch Regeln finden, die für ähnliche Situationen gelten, brauchen Sie nicht jedes Mal Grundsatzdebatten zu klären, wenn es gilt, rasch zu handeln. Wichtig sind auch Nachbesprechungen, bei denen Sie mehr auf Ninas Fortschritt als auf ihre Schwächen schauen und diesen auch würdigen. Wenn das Kind positives Feedback vor allem auch bei spontanen Anlässen bekommt, ist sein wichtigstes Bedürfnis, Hunger nach Anerkennung, auf gute Weise gestillt und es kann auf übertriebene „Ich-bin-Erste!“-Inszenierungen verzichten. Erwachsene sollten zu er wartende Schwierigkeiten im Vorfeld abfangen. Wenn es z. B. wieder an der Tür läutet, könnte sich die Mutter kurz an Nina wenden und wer t- schätzend sagen: „Es läutet und ich möchte selber aufmachen. Ist das o. k. für dich?“ Finden Sie gemeinsam Lösungen, die dem Geltungsbedürfnis der jungen Dame, aber auch der Notwendigkeit des Abgrenzens Rechnung tragen. Dann wird Nina lernen, manchmal auch anderen den Vor tritt zu lassen – und gut sich dabei zu fühlen.

 

Ansich gar keine schlechten Ansätze, aber halt auch furchtbar pädagogisch. Ich finde ja tatsächlich, dass Eltern keine Pädagogen sein sollten und es auch nicht müssen. Die Dinge, die sie da sagt, sind zwar durchaus nachvollziehbar, aber um das im stressbeladenen Alltag (unter Handlungszwang!) umzusetzen, müsste ich das ja… hmmn… auswendig lernen?, weil es irgendwie total unnatürlich ist.

Man stelle sich das am Beispiel bei der Auto-Situation mal vor: Ich „schwinge“ T. in Babyschale auf den Arm, wuchte die Einkaufstüten hoch und begebe mich schnaufend zur Haustür. Im worst case muss ich auch noch dringend Pinkeln.

„Maaaaamaaaa, ich wollte aber Erster sein! Uääääääääh!“

(Schritt 1: Das Gute würdigen:)

„Oh, P., ich finde es toll, dass du so flink bist.“ (äh? ist sie ja eigentlich in dem Moment nicht… Also müsste ich sagen: „Ich finde es toll, dass du so flink – dieses Wort schon! Arrrgh! – sein willst… Und äh, nee… Genau das finde ich ja gerade ganz und gar nicht toll…)

(Schritt 2: Gefühle ernst nehmen und das dem Kind sagen:)

„Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.“

(Schritt 3: Moralkeule:)

„Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und mich (mit den kackn schweren Einkäufen und dem Eltern-Armbeugen-Folterinstrument Maxi Cosi inkl. 10 Kilo-T. beladen.. Arrrgh!) zuerst zur Haustür gehen zu lassen. Aber weißt du…

(Schritt 3.1 für Pro’s: Während der Moralkeule Verständnis für die Situation des Anderen erwecken)

… die Tüten und dein Bruder hier sind ganz schön schwer und ich muss mal auf’s Klo und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.“

 

Ja, bääämm, oder? Und direkt im Anschluss kann man den gleichen Ablauf beim Treppenaufgang, am Fahrstuhl, beim Schuhe ausziehen usw. wiederholen. Aus dem pädagogischen Quatschen kommt man dann so schnell erstmal nicht wieder raus und es dürfte unter diesen Umständen nicht allzu lange dauernd, bis man den inneren Drang verspürt, sich nach dem ins Bett bringen der Kinder, aus dem Fenster zu stürzen.

Kann sich Jemand erinnern, mal irgendwo etwas Aussagekräftigeres dazu gelesen zu haben? Ich glaube, P. ist von Natur aus schon eher ehrgeizig und sie zeigt schon jetzt Ansätze einer „Bühnenpersönlichkeit“… Ich möchte nur einfach nicht, dass sie so ein Überehrgeiz-Problem bekommt… (wie ich).

It’s getting better now

Die Kinder sind gesünder und es läuft seit einigen Tagen so ziemlich wie geschmiert.

In einem Seminar heute Abend war kurz Thema, was der letzte Moment ist, an den wir uns erinnern, in dem wir uns richtig wohl gefühlt haben. Mir kam tatsächlich sofort in den Kopf: „Gestern Abend bei meiner Tochter im Bett als ich ihr die Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen habe.“

Es wird.

Viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel

Seit Beginn des Jahres bin entweder ich krank oder eines der Kinder ist es.

Die Bilanz im Mai?

  • 4 grippale Infekte bei P.
  • 1x Krankenhaus mit Impetigo Contagiosa (P.)
  • 1,5x Scharlach (P. / ich)
  • 4 grippale Infekte bei T. (natürlich stets zeitlich versetzt zu P., nicht etwas zeitgleich)
  • 3-5 grippale Infekte (ich)
  • 4x Brustentzündung (ich)
  • 1x Seitenstrangangina-Bindehautentzündung-Superinfektion (ich)

Hm. Es reicht dann jetzt auch mal damit, finde ich. Ich habe inzwischen eine gewisse Panik vor Bakterien und Viren entwickelt. Ich bekomme innerliche Heulkrämpfe, wenn eines der Kinder Krankheitssymptome zeigt.

Ja, ich jammere. Es zerrt echt an den Nerven, wenn nicht einmal der stinknormale Alltag – den ich leider ohnehin schon als ziemlich fordernd empfinde – einfach so läuft, sondern man andauernd damit beschäftigt ist, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Ausnahmezustand wird so langsam zur Routine. Nur noch irgendwie auf den Beinen halten, irgendwie den Tag überstehen, irgendwie durchhalten, irgendwie weitermachen… Das ist einfach ziemlich ätzend und macht einen mürbe. „Vorm Spiegel denkt man: „Das ist dein Gesicht?“ Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!“ (Kästner) Ich kriege zum Teil kaum noch einen klaren Gedanken zusammen. 

Eine eigentlich gar nicht so unkomplizierte mündliche Prüfung für den Abschluss des letzten Wintersemesters habe ich bereits drei Mal verschieben müssen. Zum Einführungsseminar meiner Stiftung konnte ich nicht fahren. Die drei Male, an denen ich mir ernsthaft vorgenommen hatte, nach Einbruch der Dunkelzeit mit Freunden auszugehen – Jaha, ich meine im DUNKELN! -, sind ins (Wund-)Wasser gefallen. Jetzt nehme ich mir sowas einfach nicht mehr vor. Es frustriert mich zu sehr. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, jemals wieder tatsächlich irgendetwas tun zu können. Planen zu können. Etwas vorhaben.

Um genau zu sein nehme ich mir im Moment gar nichts „Privates“ mehr vor. Eine Kommilitonin fragte mich heute, wann ich mein Ehrenamt noch machen würde, neben den zwei Kindern und Pendelei zum Studium. „Ich weiß es nicht.“ hab ich gesagt und daran gedacht, dass das letzte Treffen der Initiative inzwischen schon viel zu lange her ist. „Und wann machst du den Kram für die Uni? Texte lesen und so?“ – „Ich weiß es nicht, ich mach es wohl kaum.“ habe ich gesagt. „Und was ist mit deinen privaten Sachen? Hobbys und so?“ – „Welche privaten Sachen? Welche Hobbys?“ habe ich gefragt. „Und dann hast du ja auch noch die Fahrten.“ – „Das ist für mich Erholung. Niemand will etwas von mir, niemand fragt mich was. Ich kann 45 Minuten lang zwei Mal am Tag einfach nur hier sitzen und tun was ich will. Es ist herrlich!“ Mein Pendeln, mein Kleinod. Der Zug ist meine Insel. Und es kotzt mich an, wenn der voll mit quatschenden Dumpfköppen ist. Ich will… Ich muss… dann meine Ruhe haben. Manchmal wünschte ich, ich könnte noch zwei Stunden weiterfahren. An den Uni-Tagen bin ich abends auch tatsächlich viel entspannter und kann gelassen Zeit mit den Kindern verbringen, trotz all der Müdigkeit.

Was soll man tun, wenn man merkt, dass alles zu viel ist? Dass man es eigentlich nicht schafft? Ich merke das gerade ziemlich deutlich. Unser Alltag ist so knapp auf Kante genäht, dass die Krankheiten einfach zu viel des Schlechten sind. Der Alltag wird dadurch gesprengt, nichts läuft mehr, alles fühlt sich nur noch schlimm an… Und wir versuchen, für die Kinder, das alles zu retten… Uns bei Laune zu halten. Es klappt noch so halbwegs für die Kinder, aber für uns klappt es nur mehr schlecht als recht. Innerlich sind wir dermaßen angespannt… Wir sind wie pfeifende Tee-Kessel, jederzeit kurz vorm Explodieren. Weil. Es. Zu. Viel. Ist. Wir führen die alten Sinnlosdiskussionen darüber, wessen Tag anstrengender war. Wer eine Pause dringender nötig hätte. Wer sich wann welche (Mini-Mini-)“Auszeiten“ genommen hat. Wer wann dringender Zeit ohne die Kinder braucht.

Ich habe vor einigen Tagen in irgendeinem Elternblog gelesen, dass das betreffende Elternpaar sich darüber streiten würde, wer mehr Zeit mit den Kindern verbringen darf. Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen. Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich ist unglaublich aufgebläht… Der Teufel schreit: „Dann hättet ihr euch keine Kinder zulegen dürfen!“

SCHEISSE JA, ICH FINDE ES VIEL ZU OFT VIEL ZU ANSTRENGEND, KINDER ZU HABEN!

Und ich hasse es mich wirklich dafür, so zu empfinden. Und ich bin täglich dran, mir beizubringen, es anders zu sehen, es anders wahrzunehmen, nicht so zu denken, zu genießen oder wenigstens weniger zu hadern, die Anstrengung als gegeben hinzunehmen und nicht zu verfluchen. Aber es klappt nicht. Ich empfinde es ständig als anstrengend und ich hasse es, so zu empfinden. Ich will keine zerknirschte Alte sein. Ich will nicht zu den typischen „Es ist alles so anstrengend“-Lamentierern gehören. Und ich mache K. die Hölle heiß, weil er sich ständig beklagt, wie anstrengend alles ist, weil ich in den Momenten meine eigenen Gedanken und Empfindungen gespiegelt sehe und es einfach nicht ertragen kann. Es muss doch wenigstens einer von uns das anders sehen… Es geht doch nicht, dass wir beide…

Ich finde die Ansichten und Gedanken von Jesper Juul ja toll, aber ich kriege es nicht hin, dieses Mantra. Wir sind zu oft zu fertig, zu müde, zu abgeschlafft… Das abendliche Bad-Ritual wird fast täglich zur Zerreißprobe. P. wehrt sich gegen alles, was sein muss. T. an-/auszuziehen gleich tatsächlich dem Versuch, einen lebenden Kraken so in ein Einkaufsnetz zu verfrachten, dass keine Arme heraushängen. Wir hängen im Bad und wollen einfach nur fertig sein, mit dem Tag, weil wir einfach fertig sind, mit der Welt.

Und K. hilft wirklich viel mit. Und meine Eltern nehmen ab, was sie können. Und ich lese und denke mir schlaue Sichtweisen an. Und ich habe Freunde mit Kindern, die ich regelmäßig treffe. Und nicht zuletzt liebe ich meine Kinder. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich kaputt spielen es mich einfach kaputt macht. Dass ich nicht dafür gemacht bin. Dass ich noch hätte warten sollen. Dass es vielleicht eigentlich nicht mein Ding ist, Mutter zu sein. Das ständige da sein. Die ständige Verantwortung. Diese andauernde Reagieren müssen. Das stark sein müssen, kaum mal schwach sein können.

Als ich letzte Woche hier fiebernd vor mich hin starb wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach nochmal selber klein zu sein und Eltern nebenan zu haben, die einem Tee und einen Marmeladentoast ans Bett bringen und ansonsten alle Anstrengungen von einem fernhalten. Stattdessen saß ich heulend mit 39,8 Fieber vor meinem kleinen Sohn, der auch heulte und ich dachte, dass genau jetzt der Moment gekommen ist, an dem ich es nicht mehr packe, an dem ich einfach aufgeben muss. Ich habe mich unglaublich hilflos gefühlt. Und schlecht auch… Weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Mutter einfach nicht das Recht habe, „mich so aufzuführen“. Dass ich mich zusammenreißen muss. Und ich war nicht einmal sicher, ob ich mich nicht tatsächlich auch zusammenreißen könnte… Ging es mir wirklich so schlecht? War da noch Luft nach oben/unten? Es gibt schließlich Mütter mit mehr Kindern und weniger Unterstützung von Partner / Familie, die müssen ja auch… Scheiß Vergleichereimistkack halt.

Nun ja. Ich habe mich zusammengerissen, soweit es ging. Musste ja. Und nun geht es mir besser. Und den Nachmittag und Abend – nach der Uni – heute mit den Kindern fand ich sogar ziemlich schön. Ich habe mir überlegt, mir das Mantra „Meine Kinder sind meine Entspannung“ einzubläuen. Die Idee: Umetikettierung! Statt „Scheiße, am Wochenende bin ich allein mit beiden Kindern“ versuchen anders zu denken. Dem Gefühl auf die Sprünge helfen… Ich will das Kinderhaben einfach nicht ständig vorrangig anstrengend finden. Will ich nicht, echt nicht. Das muss doch irgendwie machbar sein.