Da draußen ist Krieg…

Palästina/Israel. Syrien. Ukraine. Afghanistan. Irak. Kaukasus. Sudan. Mali. Zentralafrika. Somalia. Kongo. Nigeria. (…)

Da draußen ist Krieg, da sterben Menschen,… Menschen, die wahrscheinlich alle versuchen (oder versucht haben), irgendwie ihre kleinen Leben zu führen.

Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann… Aber ich will darüber schreiben. Es geht mir im Kopf rum. Andauernd. Ich fühle mich in den letzten Wochen wie in meiner Kindheit, als ich anfing, Kriege wahrzunehmen. Vergangene Kriege – Weltkriege – im Deutsch- und Geschichtsunterricht und aktuelle „Konflikte“ – das sagt man ja heute zum Krieg – im Fernsehen. Eine ständige Angst fraß sich in meinen Kopf. Ich hatte Angst vor einem neuen Weltkrieg, vor Atombomben, vor Selbstmordanschlägen… Dann kam 9/11 und ich hatte ja kein Gefühl für die Distanz zwischen hier und Amerika. Ich war 13. Ich hatte Angst vor Dieben und Mördern, ich sah im Dunkeln Männer auf meinem Balkon stehen und hatte zeitweise Angst vor jedem Geräusch in der Wohnung. Ich hatte Angst vor Neonazis, weil ich (sowas wie) Punkerin war. Und ich hatte Angst im Dunkeln. Die Welt, die vorher noch irgendwie klein und nicht unbedingt heil, aber zumindest übersichtlich war, wurde groß und unberechenbar. Vor meinem inneren Auge sah ich brennende Flugzeuge in den Leipziger Uni-Riesen rasen und Bomben in Leipziger Straßenbahnen hochgehen. Ich habe die Bilder und Meldungen in meine kleine Welt transferiert. Ich hielt das für möglich. Die Gründe und unterschiedlichen Anlässe dafür, dass Leute sich gegenseitig wegbomben, waren mir nicht klar. Ich hatte das Gefühl, es könnte jeden treffen.

Ich wurde älter und fing an, Zusammenhänge zu verstehen. Erster Weltkrieg und dann… die unmenschlichen Vergehen der deutschen Nazis im zweiten Weltkrieg. Meine Eltern besuchten mit uns Konzentrationslager, mein Vater heulte wie ein Schlosshund nach dem Besuch des KZ Theresienstadt. Später versucht ich, zu verstehen, was hinter „islamistischem Terror“ steckt (und versuche es noch immer). Ich las Michael Moore und für mich war das damals eine Offenbarung… Aber es machte alles komplizierter. Vorher waren gut und böse noch relativ klar: Islamisten böse, Amerikaner Freunde. Ich verstieg mich in krude Verschwörungstheorien über den 11. September und landete bei der Infragestellung des großen Ganzen: Kapitalismus, Amerika und die Welt, Europa, Nahrungsmittelindustrien, Banken, Regierungsklüngelei, mediale Berichterstattung … territoriale Machtansprüche, Kolonialismus, Menschenrechte, … Und begriff? Immer mehr und damit immer weniger… In mir wuchs der Gedanke, dass Niemand – wirklich Niemand – einen Überblick über diesen ganzen Wahnsinn haben kann und dass die Menschheit nur irgendwie gemäß ihren jeweils eigenen egoistischen Interessen am Verlauf der Dinge herumstümpern. Ich hatte die kindliche Naivität und damit das Vertrauen in die Menschheit verloren. So pathetisch, wie das vielleicht klingen mag.

„What is the most resilient parasite? Bacteria? A virus? An intestinal worm? An idea. Resilient… highly contagious. Once an idea has taken hold of the brain it’s almost impossible to eradicate. An idea that is fully formed – fully understood – that sticks; right in there somewhere.“ (aus: „Inception„)

Mir kam alles sinnlos vor. Ich hatte keine Idee, was ich hätte tun können, ohne falsch zu liegen, weil sich alles falsch anfühlte. Die Menschheit hatte mich tief enttäuscht. Gerade noch war die Welt voller Abenteuer und Großartigkeiten und auf einmal sah ich in jedem Menschen ein potenzielles Arschloch, bereit, im Fall der Fälle – solange es seinen Interessen dient – zu töten. Dich, mich, uns alle. Dann kam die Pubertät, in der das bedrohlich aufsteigende depressive Gedankengut von tobenden Emotionsstürmen und grenzenlosem Egoismus weggespült wurde, an irgendeinen Strand im hinteren Teil meiner Kopfwelt. All das draußen konnte mich nicht mehr so stark bewegen, weil das drinnen so übermächtig war. MEINE Band, MEINE Liebeleien, MEINE Ziele, MEINE Gesundheit, MEINE Autonomie, MEINE Freunde… Anerkennung, Liebe, Saufen, Rock’n’Roll und persönliche Dramen. Ich hatte alles, was ich brauch. Was ging mich die Welt an? Das schöne an der Pubertät ist doch, dass du lebst, als gäbe es kein Morgen, weil dir das Morgen scheißegal ist. „NO FUTURE“ stand dick und fett auf meinem Schülerkalender – btw: Was für ein wunderschönes Paradoxon, oder? – und ich fühlte das tatsächlich so.

Dann kam meine Sinnkrise. Ich machte Abitur, wir versuchten es mit der Band. Ich durchtrennte hier und da größere und kleinere Abhängigkeiten… und die Welt da draußen konnte ich nicht länger ignorieren. Der große Sturm hatte sich gelegt und ich schipperte ziemlich ziellos auf meiner Hirnsuppe herum… Dann der positive Test. Ich fühlte mich ruhig. Mein lautes Schreien nach Sinn und Bedeutung hatte in zwei blauen Strichen eine vorläufige Antwort gefunden.“No Future“ war nicht mehr, plötzlich ging es darum, eine Zukunft aufzubauen. Ich musste Entscheidungen treffen, die nicht nur für mich bedeutsam sein sollten. Und zwischen MEINEN Zukunftsängsten auf der einen und dem Gefühl, dass diese großen „normalsten Sache der Welt“ eine gute Entscheidung für uns sein könnte, erkannte ich auch meine alten Gedanken wieder… Das Chaos und die Undurchschaubarkeit der Welt strömte wieder auf mich ein.

Mir fiel auf, dass es kaum möglich ist, sein Kind „gesund“ zu ernähren und später fragte ich mich, wonach ich mich bezüglich des „gesund“ überhaupt richte und was „gesund“ überhaupt ist. Hinter allem standen Fragezeichen.

Wie soll ich meinem Kind eine Welt erklären, die ich selber nicht verstehe?

Wie kann ich es verantworten, ein Kind in eine Welt zu setzen, die ich als „kaputt“ empfinde?

Und damit sind wir im Heute. Ich habe eine mögliche (erfolgreiche) Laufbahn als Werbetexterin nicht weiter verfolgt. Ich konnte und wollte nicht länger doofe Produkte für doofe Leute von doofen Leuten anpreisen. Heute studiere ich „was mit Bildung“ und setze mich für gute Kinderbetreuung ein. Warum mache ich das? Weil ich dem Rat einer guten Freundin gefolgt bin, die mir irgendwann mal gesagt hat: „Weißt du, wenn du dich engagieren willst, dann musst du dich irgendwann einfach für eine Sache entscheiden. Du kannst nicht die ganze Welt retten.“ Und ich habe mich für Bildung entschieden, weil ich denke, dass Kinder gute Leute verdient haben und weil ich denke, dass Kinder gute Leute sind, die es verdient haben,dazu befähigt zu werden, in einer ziemlich hässlichen Welt, gute Leute zu bleiben. Weil sie begreifen und selbstständig durchdenken können sollen, was vor sich geht. Auch so ein Dilemma… Würde ich gefragt, ob ich mir wünsche, dass meine Kinder später glückliche Menschen sind, würde ich natürlich spontan und innbrünstig mit „JA“ antworten. Wenn ich aber darüber nachdenke, wohin das, was ich unter „Bildung“ verstehe, eigentlich führen soll, dann stehen am Ende nicht unbedingt glückliche Menschen. Denken macht nicht zwangsläufig glücklich. Darum geht es beim Denken nicht. Denken macht kritisch, auch selbstkritisch. Denken kann wehtun. Und Denken macht alles verdammt kompliziert. Und trotzdem stehe ich dahinter.

„Ambivalenz ist doch nichts Schlimmes“

schrieb mir vor Kurzem Doro von dorobot in einem anderen Zusammenhang per SMS. Kann sein… Aber im Bezug auf’s große Ganze kann sie ziemlich lähmend sein.

Ich mache das, was ich tue, sicher auch, weil ich zu den Guten gehören will. Wer sind „gute Leute“? Leute, die nachdenken. Leute, die nicht mitmachen bei… Leute, die keine Arschlöcher sind. Ich fürchte, man kann sein Leben nicht „perfekt“ – im Sinne von „durch und durch gut“ – machen. (Was ist schon „gut“ und „richtig“?) Ich und Andere strampeln sich immerhin ein bisschen ab dafür, es wenigstens zu versuchen. Wir essen fleischloses Biogelumpe (von dem man ja gar nicht alle satt bekäme, wenn alle sich so ernähren wollten), nutzen keine Flugzeuge und versuchen, unser Umfeld positiv zu gestalten, uns einzubringen, Politik zu machen, Entscheidungen mitzuverantworten. Und dann rennen wir auf dem Heimweg von der Beiratssitzung noch schnell zu H&M, um kurz noch ein Shirt und einen Winteranzug für das Kind zu kaufen und schließen unterwegs mit dem Smartphone die Bestellung für’s Tablet ab und ordern hintendrein noch das Buch über eine bessere Welt bei Amazon. Überall Fallen! Obwohl wir wissen (sollten), dass ein Shirt  für vier Euro nicht korrekt sein kann. Obwohl wir wissen (sollten), dass daran das Blut von versklavten Menschen klebt. Und wenn ich daran denke, wird mir klar, dass Krieg eigentlich nicht weit weg ist. Europa sitzt schon irgendwie auf einem Pulverfaß. Dass Krieg nicht weit weg ist, wie es den Anschein hat, wird umso deutlicher, wenn ein ziviles Passagierflugzeug aus den Niederlanden über der Ukraine abgeschossen wird, weil es vielleicht für etwas Anderes gehalten wurde.

 

Die Bilder und Nachricht aus Gaza schockieren. Der Bürgerkrieg in Syrien ist inzwischen medialer Alltag. Ich fühle mich hilf- und ahnungslos. Wie kann man gegenüber Gewaltbereiten pazifistisch-humanistisch auftreten? Bleibt Israel wirklich nichts anderes übrig, weil weite Teile der arabischen Welt das Land vernichtet sehen will? Rechtfertigt die Bedrohungslage Angriffe in diesem Ausmaß? Nutzt die Hamas wirklich Kinder als Schutzschilde, um antiisraelisches Propagandamaterial in der Hand zu haben? … Unterstützt Russland die pro-russischen Separatisten mit schwerem Geschütz? Und wenn ja, warum? Machtinteressen? … Gibt es in Syrien wirklich noch so viele Assad-Unterstützer? Ich glaub, wir können uns kaum vorstellen, was in diesen Ländern abgeht… Wie sieht ihr Alltag aus?

Und dann steht meine Tochter neben mir, mit ihrem zugeschwollen Auge, weil sie zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten Impetigo Contagiosa hat und ich sehe die Klebestreifen an ihrem Kinn, die von die Platzwunde nach einem Stolpersturz am letzten Sonntag herrühren. Und ich humple in die Küche, weil ich mir den Fuß verstaucht habe, und zu K., dass ich es ätzend finde, dass wir erst Ende September Urlaub machen können, wenn überhaupt, und den ganzen heißen Sommer hier verbringen müssen. Und die Waschmaschine verweigert aus irgendeinem Grund das Abpumpen. Und ich fühle mich wegen all dem gebeutelt und tippe „Das gibt’s doch alles gar nicht!“ in meinen Facebook-Status und kriege „Wenn schon scheiße, dann richtig“-Kommentare.

Denn das ist meine Welt, das ist unser Alltag. Ich bin über das glücklich oder traurig oder besorgt, was mir in meiner Welt und hier passiert… Ist es erlaubt, glücklich zu sein, während überall auf der Welt so viel Scheiße passiert? Geht uns das alles eigentlich nichts an? Wäre jede Einmischung in „fremde“ Konflikte eine, die uns eigentlich nicht zusteht? Ist das Selbstschutz, unseres Frieden zuliebe? Könnten wir überhaupt etwas bewirken? Warum machen wir nicht mehr? Warum sind wir nicht bessere Menschen? Am Ende schauen wir doch dabei zu, wie die Leute aufeinander losgehen und nehmen in Kauf, dass Menschen und Tiere ausgebeutet werden, damit wir es bequem haben. Ja! Es ist so! Und woher kriechen die ganzen Dummbrote, die die Kommentarspalten der Medien mit „Pfui, Gutmenschentum“ vollspammen? Wann ist es eigentlich verwerflich geworden, ein guter Mensch sein zu wollen? Habe ich irgendwas verpasst?

Manchmal muss ich aufpassen, nicht zurück in meine alte menschenverachtende Schockstarre zu verfallen. „Es ist doch völlig egal, ob ich darüber nachdenke oder es sein lasse… Ob ich für Frieden oder Kinderbetreuung oder clean Clothes demonstriere oder Zuhause einen Hackbraten in den Ofen schiebe. Die Menschheit ist schlecht und du wirst daran nichts ändern.“ Warum gehen wir denn auf die Straße? Warum engagieren wir uns im Kleinen? Ist die naive Hoffnung, dass jedes kleine Rädchen große Maschinen zum Umlenken bringen kann? Oder tun wir’s am Ende nur für unser gutes Gefühl? Tun wir es aus Angst? Aus Verzweiflung? Aus Wut? Bei mir ist es wohl vor allem die Überzeugung, dass sich nur etwas bewegen kann, wenn viele kleine Rädchen sich in eine andere Richtung bewegen. Und ja… vielleicht auch die Hoffnung… zumindest im Kleinen… dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen will (Gandhi).

6 Kommentare zu “Da draußen ist Krieg…

  1. uiui, so nebenbei beschreibst du ziemlich haargenau auch meine biographische Entwicklung inklusive im Kreisgedrehe, meine innere Zerissenheit, Gehadere mit Gutmenschseinwollen, Bösmenschverachten, Schwarzweißmalerei, Ohnmacht und Lebensfreude. Dankeschön :)

  2. Ein Artikel, der nachdenklich stimmt. Habe ich mich eigentlich schon für einen Weg entschieden? Ich habe oft das Gefühl, dass ich zu viel versuche zu bewegen. Zu viel nachdenke, zu viel querdenke. Leute schauen mich an und verstehen nicht, was ich von ihnen will. Dabei will ich doch nur helfen, helfen ein bisschen die Welt zu retten und ein bisschen die Menschen um mich herum. Und dabei zermartere ich mir das Hirn auf der Suche nach Lösungen für Probleme, die andere gar nicht sehen. Und verzweifle an Dingen, die für andere keines Gedankens Wert sind.

  3. Schließe mich an und kann mich in so vielen, was Du schreibst wiederfinden. Vielleicht ist das überhaupt eine der Geschichten unserer Generation. Friede-Freude-Eierkuchenkindheit, zwischen Antifa, 9/11 und Kriegsangst in der Pubertät, Selbstfindung und Selbstzweifel, zwischen Weltretten und Windelnwechseln…

  4. Hat dies auf Förderband Nachhaltigkeit rebloggt und kommentierte:
    Babykram & Kinderkacke fasst die Geschichte, die Ängste und Gedanken meiner Genration dieser Tage in Worte. Friede-Freude-Eierkuchenkindheit, zwischen Antifa, 9/11 und Kriegsangst-Pubertät, Selbstfindung und Selbstzweifel, zwischen Weltretten und Windelnwechseln…

    Ein sehr persönlicher Text, der doch vielen direkt aus der Seele spricht und den ich deshalb mit euch teilen möchte.

  5. Ich glaube, es ist Selbstschutz. Und vielleicht auch der Umstand, dass unsere Alltagsprobleme uns näher sind, als ein Krieg, der weit weg stattfindet. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, wie man sagt.

  6. Interessant, an die Phase, in der man all das Elend der Menschheit erkennt und die Menschen dafür hasst, kann ich mich noch gut erinnern. Damals hatte ich mir vorgenommen, keine Kinder zu bekommen, wegen der Überbevölkerung. Hat aber nicht geklappt. Ich will aber versuchen, ihnen vermitteln, gute Menschen zu werden… und wenn’s nur im Kleinen ist.

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