“Ich wollte aber Erster sein!” – Revisited

Im Mai habe ich davon berichtet, dass P. eine schwer zu ertragende Macke entwickelt hatte, die unseren Alltag echt erschwert hat: Sie wollte immer bei allem die Erste sein. (Das Ganze Dilemma hier)

Drei Monate Vier Monate Sechs Monate später will ich kurz berichten, wie sich das entwickelt hat, weil es mich nämlich echt nervt, dass im Netz ständig die Antworten, Fortsetzungen und Entwicklungen zu irgendwelchen verzweifelten Berichten und Fragen fehlen.

Ich weiß nicht mehr wie oder wann das genau passier ist, aber: Es hat sich erledigt. Irgendwann hat sie es einfach nicht mehr gemacht. Sogar schneller als erwartet, nur einige Wochen nach dem Post war’s vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendeinen bestimmten Trick angewandt hätten oder so… Es war dann einfach kein Thema mehr.

Heute spielt das nur noch manchmal eine Rolle, wenn ich gern hätte… ächem… dass irgendetwas schneller geht. Sie sich schnell ausziehen, ohne Umwege ins Bad kommen oder Zähne putzen soll oder so… „Mal sehen, wer als Erste im Bad ist.“ – und das will dann schon immernoch sie sein. Rückfälle gibt’s bisher nicht zu beklagen.

Dafür singt und/oder redet sie jetzt. Von. früh. bis. spät. Das heißt: ununterbrochen. Und sehr laut. Und zwar dieses Lied:

 

Nun ja…. Man kann nicht alles haben, ne? :-D

Hafen sein wollen, widersprüchliches und abendliche Aussprachen

Es fällt mir nicht immer leicht, das „Erziehen“. Ich habe Ansprüche an mich als „gute Mutter“ und natürlich schaffe ich es nicht, denen immer zu entsprechen. Ich habe diese Ansprüche an mich selbst, weil ich denke, dass die frühkindliche Phase für das Werden eines Menschen tatsächlich ziemlich bedeutsam ist. Bindungstheorie, Freud und so. Aber man weiß halt nicht so ganz genau wie die Zusammenhänge aussehen. Die Zusammenhänge sind nicht direkt, nicht eindeutig… Klar, sowas wie Schlagen, Anschreien oder permanent links liegen lassen, dauerhaft vor der Glotze parken wirkt sich höchstwahrscheinlich negativ aus. Soviel scheint sicher zu sein und versteht sich irgendwie von selbst. Aber ein paar Stufen unterhalb von (relativ) eindeutig identifizierbarem Arschloch-Elternverhalten sieht’s schon nicht mehr so eindeutig aus.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema ‚Ernährung‘: Die meisten Eltern wollen vermutlich, dass ihre Kinder „vernünftiges Zeug“ essen. Ich auch. Davon mal abgesehen, dass unter „vernünftige Ernährung“ vermutlich jeder etwas anderes versteht, denken bestimmt dennoch viele an sowas wie Gemüse (und davon möglichst viel) und Süßkram (und davon möglichst wenig). Soweit so einfach. Wir sind aber nicht in der Wissenschaft, in der wir „Phänomene“ schön einzeln voneinander getrennt betrachten können, wir sind im Leben und da greifen Dinge bekanntlich heftigst ineinander. Da haben wir also das „Mein Kind soll gute Sachen essen“ – mal abgesehen von der Frage, woher wir diese Norm nehmen – einerseits und andererseits Dinge wie „Ich will mein Kind so wenig wie möglich bevormunden“, „Ich will mit meinem Kind nicht ständig meckern / es nicht ständig ermahnen“, „Ich will mein Kind nicht nerven“, „Mein Kind soll sich (und z.B. seinen Geschmack) selbst kennenlernen, möglichst frei entfalten können“. Und schon fühle ich mich latent überfordert. Also versuche ich loszulassen und mein Kind sein Essen weitgehend selbst bestimmen zu lassen. Resultat? Mein Kind will z.B. jeden Tag Eis und unendlich viel Süßkram essen. Außerdem isst mein Kind (Klischee!) kein Gemüse. Also gar keins. Ich versuche mich selbst zu kontrollieren, erwische mich aber dabei, dass ich es ihr doch immer wieder versuche anzudrehen – „Jetzt koste doch wenigstens mal“ – und an schlechten Tagen grantig werde, weil sie selbst das Kosten verweigert.

Noch ein Beispiel: Heul-Tage. Es gibt ja diese Tage, die fangen schon morgens mit Heulerei an und das zieht sich dann durch den ganzen Tag. Heulen, weil der Ärmel im Kleid nach innen gekrempelt ist. Heulen, weil der Schuh nicht anzuziehen geht, ohne den Reißverschluss aufzumachen. (Heulen, weil man den Reißverschluss aber partout nicht aufmachen möchte!) Heulen, weil man sich den Fuß stößt. Heulen, weil man nicht Haare kämmen will. Heulen, weil man sich vollgekleckert hat. Heulen, weil man irgendwas will, es aber nicht bekommt… Und so weiter. Anspruch? „Ich will mein Kind annehmen, mit all seinen Emotionen.“ Ich verstehe sie ja! Kind sein ist einfach manchmal echt hart. Man stelle sich vor, jemand würde uns unerfahren in ein Mikrobiologie-Labor stellen und sagen „Mach mal“. Mit zwei geschienten Armen. Und Augenklappen. Oder so. Klappt halt oft alles nicht… Man kann den Frust der Kinder ja verstehen und manchmal geht es ihnen wahrscheinlich auch einfach scheiße. Geht uns ja auch so. Aber dann überfährt uns die Realität… Die tickende Uhr am Morgen, der Stress, den ich automatisch empfinde, weil die Zeit jeden verdammten Morgen so erbarmungslos gegen uns läuft. Und dann? „Mensch, warum heulst du denn heute wegen jeder Kleinigkeit?“ Badautz.

Was ist denn eigentlich das Problem? Wir sind super-reflektierte Eltern, engagiert und gewillt, gut mit unseren Kindern umzugehen. Wir wollen mitfühlend und super sein, Verständnis haben, gelassen bleiben… Wir verstehen das Verhalten der Kinder gut und… werden unseren Ansprüchen trotzdem oft nicht gerecht. Warum? Warum raste ich trotz all der guten Vorsätze so oft aus? Warum bin ich so ungeduldig, wenn es um den an/ausziehen-Zähne putzen-waschen-Haare kämen-Krampf geht? Warum hat die Dauer-Heulerei, das Geschrei, das Wegrennen, dass immer alles ewig dauert so ein enormes Potenzial, mich um den Verstand zu bringen? Manchmal denke ich mir: „Okay, mal angenommen, alles hat irgendwie einen Sinn… 45 Minuten (Minimum!), um die ganze Familie ausgehfertig zu machen… Jeden verdammten Morgen! Schuhe an, Schuhe wieder aus, Schuhe an, Schuhe wieder aus, „Ich will andere Schuhe anziehen“, Schuhe wieder aus, „die sind zu ängääää!“ – LIEBER HIMMEL! WOFÜR SOLL DAS BITTE GUT SEIN??? Wenn das ein Test ist, was soll er mir beibringen?“ Meine These: Kinder werden alle kurz nach der Geburt von einer Psychotherapeuten-Pharmaindustrie-Mafia hypnotisiert, um uns während des Aufwachsens zu tyrannisieren und ihnen eine stetige Patientenschaft zu garantieren! Jawohl!

 

Zurück zum Ernst: Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt ist vielleicht Kontrolle bzw. Kontrollverlust. Plan vs. Ausführung. Wir wachsen auf, lernen uns und die Welt kennen und lernen, unsere Tage, unser Leben, unser Wollen zu strukturieren. Wir verinnerlichen Abläufe. Dann kommen Kinder und unser „Modus Vivendi“ – unser Art, das Leben zu handeln – wird gestört, wir haben’s nicht mehr unter Kontrolle, gleichzeitig sind wir aber verantwortlich. Vielleicht macht uns das Angst, wütend, hilflos… Vielleicht fällt es uns deshalb manchmal so schwer, ruhig zu bleiben.

 

Wir Eltern haben Verantwortung für diese kleinen Menschen. Wie wir uns im Alltag ihnen gegenüber verhalten wirkt sich wahrscheinlich sehr stark darauf aus, wie sie später klarkommen mit sich und der Welt, ob sie sich selbst annehmen oder ständig mit Selbstzweifel zu kämpfen haben zum Beispiel. Deshalb will ich, dass wir „gute Eltern“ sind. Und das heißt für mich nicht, dass die Wohnung glänzen soll, alles ordentlich ist und ich die geilste Torte fürs Kita-Sommerfest backe. „Gute Mutter“, das heißt für mich eher: verständnisvoll sein und für meine Kinder da sein. Ich will, dass sie sich sicher und angenommen, geborgen und wohl fühlen. Ich will, dass sie lernen, dass sie mit ihren Problemen immer zu uns kommen können. Ich will, dass sie sich nicht alleine fühlen. Meine größte Sorge ist die Psyche meiner Kinder – ihre seelische Konstitution, quasi. Meine größte Sorge sind die Prägungen durch mein, durch unser Verhalten. Ich will ihnen ein sicherer Hafen sein. Ich will nichts (wichtiges) falsch machen. Ich will mir später nichts (schlimmes) vorwerfen müssen. Ich möchte, dass meine Kinder gut zurechtkommen mit sich selbst.

Ich habe nicht erwartet, dass mir dieser Anspruch so viele – die größten – Zweifel und Befürchtungen bringen würde. Ich war schon vorher Grüblerin mit einer Tendenz zur Selbstzerfleischung. Mein So-Sein, mein Handeln, mein Denken… Ich pflücke – fast zwanghaft – alles auseinander, analysiere, zerdenke mit dem Ziel, zu optimieren… Kombiniert mit gefräßigem Selbstzweifel = Aua. Und echt anstrengend. Ich will mich und die Welt verstehen und besser – oder vielmehr: richtig – machen, bei vollem Bewusstsein, dass es „richtig“  gar nicht gibt. Die Verantwortung für das Wachsen und Werden meiner Kinder hat diese anstrengende Selbstbefragung noch einmal auf eine neue Ebene gehoben. Denn jetzt hat das, was ich tue, wie ich mich verhalte, tatsächlich weitreichende Konsequenzen. Es ist ziemlich herausfordernd, „eine gute Mutter“ zu sein, wenn man allgemein dazu neigt, sich falsch zu fühlen.

Es ja nicht so, dass Eltern mit der Geburt ihrer Kinder automatisch einen Zentner „Know how“ mehr drauf haben. Und auch eine Extra-Portion Nerven oder Geduld bekommen wir nicht mit der Baby-Box geliefert. Wahrscheinlich ist den meisten Eltern anfangs gar nicht klar, wie sehr Kinder einen an seine Grenzen bringen können… Wie sehr uns das Elternsein zeigt, wie wir wirklich sind. Nichts da mit smart und cool und lustig-locker… Ja, Alte! Sieh’s halt ein! Du bist ungeduldig, egozentrisch, viel spießiger als du angenommen hast und ehrlich gesagt ziemlich faul! Du bist nichts weiter als ein nerviger, einfacher Mensch. Den eigenen Kindern kann man m.E. nicht die ganze Zeit irgendwas vorspielen. Man kann sich nicht die ganze Zeit „von seiner besten Seite“ zeigen. Und wenn man es versucht, wird es immer Momente geben, in denen die Maske blättert und die Kinder aus allen Wolken fallen.

Dass Kinder Erwachsene mit ihrem unangepassten, oft vermeintlich nicht gesellschaftsfähigem, auf die Uhr und dem ganzen postmodernen Lebensstil scheißenden Verhalten so sehr an ihre Grenzen bringen können, ist vermutlich auch der Grund, warum viele Erwachsene sich (wohl meist unbewusst) so deutlich und fast lachhaft offensichtlich versuchen sich von ihnen abzugrenzen. Die Mutter, der Vater, die Großmutter, die/der von sich selbst als „die Mutti“, „der Vati“, „die Omi“ spricht… „Die Omi muss mal kurz auf Toilette und ist gleich wieder da.“ Die Erzieherin mit dem komisch gekünstelten Tonfall: „Neeeeeein Leon, leg das mal wieder hin, leeeeg das mal wieder hin, Leon. Die Biene hat NEIN gesagt!“ Leute, die mit Kindern so reden sind nicht real, nicht authentisch, nicht aufrichtig den Kindern gegenüber. Sie spielen – mal mehr, mal weniger – eine Rolle, die „Erwachsener zu Kind“-Rolle. Kinder können uns unwahrscheinlich triggern und sie rühren rütteln reißen damit am Selbstverständnis und Selbstbild, an den Ansprüchen, Idealen, am „Über-Ich“ der Erwachsenen. Ich denke, viele Menschen können und wollen das einfach nicht zulassen. Das ist wohl der Grund für die unbewussten Abgrenzungsversuche. Sie lassen die Kinder einfach nicht wirklich an sich ran. Sie wechseln in die dritte Person statt von sich als „ich“ zu sprechen. Sie machen sich zu. Ein höchst interessantes Phänomen. (Der gute Jesper Juul spricht das auch gern an und betont die Wichtigkeit einer persönlichen Sprache, wenn man eine von Aufrichtigkeit geprägte Eltern-Kind-Beziehung anvisiert.)

Zu meinem Anspruch an mich als „gute Mutter“ gehört jedenfalls auch, authentisch und ehrlich zu sein. Und da sind wir vielleicht auch bei den Kern-Widersprüchen. Meine Kinder sollen mich kennen bzw. als ganze Person kennenlernen. Ich will Mutter sein mit meinem ganzen Ich, ich will keine Rolle spielen. Aber ich bin ein verkopfter jemand mit Selbstzweifeln und Optimierungszwang. Und als Mutter ist man schließlich nicht zuletzt auch Vorbild. Daraus ergeben sich Widersprüche und schwierige Fragen: Bin ich in dem Moment, in dem ich mein Handeln und Verhalten – auch und vor allem meinen Kindern gegenüber – hinterfrage und „optimiere“ überhaupt noch authentisch? Widersprechen sich Selbst-Reflexion, -überarbeitung und Authentizität? Kann und sollte man seinen Kindern wirklich alles von sich zeigen? So richtig authentisch und ehrlich wäre es in meinem Fall zum Beispiel ehrlicherweise, vor meinen Kindern auch meine zum Teil starken Selbstzweifel nicht zu verbergen. Aber wäre das richtig? Ich möchte nicht, dass sie mich so stark zweifelnd erleben. Wie könnte ich ihnen dann Sicherheit und Stabilität vermitteln? Ich habe Freundinnen erlebt, deren Eltern ihre seelischen Qualen, ihre zum Teil echt schlimme Vergangenheit sehr stark mit ihren Kindern geteilt haben… So gesehen waren sie sehr offen und haben wenig vor ihnen verborgen. Aber diese Kinder haben gelitten. Und ich meine echt gelitten. Sie hatten einen ordentlichen Knacks weg. Der Psyche hat diese Offenheit ganz offensichtlich überhaupt nicht gut getan.

Was soll man aber nun tun, wenn man „nicht ganz richtig tickt“? Wir sind keine Eltern-Roboter, auch wenn viele versuchen, welche zu sein. Wir sind nicht perfekt, wir laufen nicht tadellos, wir sind fehlerhaft. Eigentlich sollten wir noch nicht einmal versuchen, Pädagogen zu sein, sondern „einfach“ wir selbst. Was aber tun, wenn zum Selbst gehört, an sich zu zweifeln, das eigene Handeln zu hinterfragen und ganz allgemein mit sich im Unreinen zu sein? Einfach an das Bauchgefühl oder die Intuition zu appellieren funktioniert nicht, wenn man eben diesen Buddies tief misstraut. Und trotzdem muss man ja handeln.

Wie gehe ich  Wie gehen wir damit um?

1. K. und ich besprechen, was uns bzgl. unserem Verhalten gegenüber den Kindern wichtig ist und auch über herausfordernde Situationen, die wir nicht so einfach zufriedenstellend lösen können. Wir besprechen Alternativen und Prioritäten. Wir reden zum Beispiel auch darüber, was unsere Kinder auf uns in der und der Situation für einen Eindruck gemacht haben und gleichen das ab, schätzen es ein. Wir reden darüber, dass wir mit dem und dem in Zukunft anders umgehen wollen. Das ist gut und hilfreich. Das fühlt sich nach Partnerschaft an und geht meist ganz ohne Vorwürfe. Es ist ehrlich und aufrichtig und konstruktiv. Meistens jedenfalls.

2. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Meiner Meinung nach ist das eine enorm (ENORM!) wichtige Sache. Viel zu wenige Erwachsene sind Kindern gegenüber dazu in der Lage. Und das lässt tief blicken, finde ich. Wenn eine Situation nicht gut bzw. aus dem Ruder lief und wir uns danach irgendwie doof oder verantwortlich dafür fühlen, entschuldigen wir uns. Wir entschuldigen uns zum Beispiel, wenn wir uns vor den Kindern laut und unschön gestritten haben und erklären P., dass sie nicht dafür verantwortlich ist. Wir entschuldigen uns, wenn wir sie angeschrien haben oder wenn wir ungerecht waren. Wir entschuldigen uns, wenn wir zu spät zur Kita kommen oder wenn wir etwas Wichtiges vergessen haben. (‚Entschuldigen‘ ist btw ein blöder Begriff… Wir sagen „es tut mir leid, das war nicht okay von mir.“)

3. Wir achten darauf, dass wir unsere Kinder bzw. die Gefühle unserer Kinder grundsätzlich ernstnehmen. Ich achte zum Beispiel darauf, Sätze zu vermeiden wie „ist doch nicht so schlimm“ oder „ist doch nichts passiert“. Das sind beschwichtigende „wieder gut“-Sätze, die einem als Erwachsener schnell rausrutschen, wenn das Kind „Drama macht“ und die wohl irgendwie tröstend sein sollen, die meiner Meinung nach aber eigentlich die „Integrität“ des Kindes verletzen, denn das eigentliche Ziel ist doch „die Störung“ (des Plans, des Ablaufs, …) zu beseitigen. Hier bin ich wieder ganz bei Jesper Juul. Stellt euch vor, ihr sitzt Zuhause, weint wegen irgendwas und euer Partner kommt rein und sagt „Ist doch nicht so schlimm!“. Na danke auch. Jesper Juul hat irgendwo mal geschrieben, dass man sich bezüglich des Verhaltens gegenüber seinem Kind nur fragen müsse, ob man sich seinem besten Freund gegenüber auch so verhalten würde, dann erklärte sich das meiste problematische Erziehungsverhalten von selbst. Das haut nicht immer hin, ist aber trotzdem eine hilfreiche Richtschnur.

Und nein, ich halte das nicht immer durch, wie oben schon geschrieben. Mir ist aber wichtig, mein „Fehlverhalten“ nicht einfach zu übergehen und meistens denke ich wirklich daran, das auch P. gegenüber zu äußern – siehe 2. und 4. – und so ihre Integrität wieder ein stückweit herzustellen. Ich bilde mir ein, meinen Kindern damit einerseits zu zeigen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache – also kein Elternroboter, sondern authentisch bin, gleichzeitig aber Fehler einsehe und dafür die Verantwortung übernehme, was ich für ein ganz gutes Vorbild halte. Andererseits kann ich so gleichzeitig meinem Anspruch an mich selbst (reflektierte, verständnisvolle Mutter usw.) dennoch ein stückweit gerecht werden. Man muss nur darauf achten, dass das für einen selbst nicht zur Absolution von Arschlocheltern-Verhalten wird. (Wenn ich mein Kind in Wut-Momenten ständig schlage und mich danach entschuldige, macht es das wohl auch nicht viel besser.)

4. Aussprachen. Abends vor oder nach dem Vorlesen sprechen wir mit P. Über den Tag, was wir gemacht haben, was sie gemacht hat, was wir doof fanden, was wir gut fanden, ob wir mal traurig oder froh waren, uns mit jemandem gestritten haben, sauer waren usw. Das „Was hast du gemacht?“ geht schon länger ganz gut, bestimmt seit sie 3 oder 3,5 ist. Das stärker reflektieren geht erst seit kurzem, etwa seit ihrem 4. Geburtstag. Seitdem kann ich sie auch fragen, ob es etwas gibt, was ich oder Papa gemacht haben, was sie doof fand. Ob es etwas gibt, was sie sich anders wünscht. Das klappt erstaunlich gut. Es ist schön zu hören, dass sie meist sagt „Nein, es soll alles genau so sein wie es ist, es soll nichts anders sein.“ und mir als von Selbstzweifeln geplagte gibt das wirklich eine gewisse Ruhe. Und es ist erleuchtend und bedrückend zugleich, wenn sie sagt „Ich wünschte, du und Papa würden weniger streiten.“

Aber auch ich nutze diese Aussprache-Momente, um ihr Sachen zu sagen, die mich stören, nerven oder ärgern. Zum Beispiel, wenn sie beim Essen immer so viel rumrennt anstatt ein bisschen mit bei uns zu sitzen. Das ist echt super, in mehrfacher Hinsicht. Es entsteht dadurch eine Gegenseitigkeit, beide erzählen was, beide kritisieren was. Sie sagt mir etwas und sieht, wie ich „die Kritik“ annehme und dadurch ist es ihr möglich, das nachzuahmen und auch die Kritik anzunehmen, die ich an sie herantrage. Außerdem führt es dazu, dass ich im Laufe des Tages, in dem es ja viele kleine Situationen zum Meckern gibt, häufig mal innehalte und mir denke „Mach ich heute Abend“ – bis dahin sind viele Kleinigkeiten verflogen und nur Dinge, die sich bis dahin halten, werden dann tatsächlich ausgesprochen. Effekt? Man entkommt diesem Mecker-Kreislauf. Mir fällt oft auf, dass Eltern eigentlich nur am Ermahnen und meckern sind. Das will ich nicht und kann ich so ein bisschen eindämmen.

5. Rollenspiele. Wenn ich mir gar nicht sicher bin, was eine Situation mit P. macht oder ob sie mit was zu tun hat, und ich auch über Reflektionsversuche (siehe 4.) nicht an sie herankomme, spiele ich mit ihr. Seit kurzem geht Playmobil gut und das ist dafür sehr hilfreich. Ich habe zum Beispiel mal mit ihr Vater-Mutter-Kind gespielt und im Spiel eine Streit-Szene der Eltern inszeniert. Ich habe die Elternrollen übernommen, sie war das Kind. Ich fragte sie: „Und was denkt das Kind, wenn die sich so streiten?“ und war so überrascht von der Klarheit ihrer Antwort: „Sie denkt, dass die beiden sich nicht mehr lieb haben.“ – Rollenspiele können einem wirklich einen tiefen Blick ins innere der Kinder ermöglichen.

 

Vielleicht klingen diese Sachen für die ein oder anderen verkopft, verkrampft und unlocker. Ist aber im Alltag gar nicht so. Gerade die Aussprachen genießt P. inzwischen sehr und besteht auch darauf. Ich finde es super, so viel über mein Kind zu erfahren. In den Gesprächen ist Raum für so vieles, worüber ich sonst gar nichts wissen würde. Außerdem ist es wahrscheinlich das, was so gern „quality time“ genannt wird. Wir kuscheln, reden, haben keinen Stress und sind uns nah.

 

Das ändert nichts daran, dass ich immernoch zweifle und Baustellen habe, bei denen ich noch keine Lösung gefunden habe, zum Beispiel wenn es um die Frage geht, wie viel Zeit soll/will ich wirklich aktiv mit meinen Kindern verbringen (spielen, Bücher vorlesen, Geschichten erzählen, usw.), wie viel mache ich meinen Kram bzw. Haushalt und sie laufen mit bzw. müssen sich selbst beschäftigen. Hier ist Abgrenzung nötig, aber ich schaffe die nicht ohne schlechtes Gewissen und mulmige Gefühle. Dann sitze ich am Rechner und bearbeite meinen Text, während sie sich im Zimmer beschäftigt und der Frage-Zirkel geht von vorne los: Ist es okay, dass ich das jetzt mache? Wie lange / oft kann ich darauf bestehen? Welches Signal ist das für die Kinder? Was macht das mit ihnen? Wird ihnen das „schaden“? Warum habe ich dieses schlechte Gewissen? Woher kommt das? Aus mir? Durch die Normen „der Gesellschaft“? Wenn es sich „falsch“ anfühlt, heißt das nicht, dass es falsch ist und ich es lieber lassen sollte? Warum kann ich das nicht einfach machen ohne mich das zu fragen? und so weiter und so weiter…

Schon Erasmus von Rotterdam (1466/69 – 1536) hat gesagt, dass zu viel Denken nicht glücklich macht – „Steht mir also ein wenig zur Seite, ihr Töchter des Zeus, indes ich meinen Beweis führe, daß keiner zu jener (…) Burg der Glückseligkeit gelangt ohne das Geleit der Torheit“ -, aber wie stellt man es ab, wenn es einen zu sehr quält?

(P. ist 4, T. ist 1 Jahr alt.)