Lebenszeichen. Oder: Tausendsassa.

Also. Eigentlich habe ich einen super-Artikel in der „Pipeline“, wie man so schön sagt, über den Umgang mit den z.T. heftigen Gefühlsausbrüchen von Kindern. Das Thema liegt mir aber sehr am Herzen, ich lese dazu gerade noch einige Dinge und möchte, dass der Artikel gut wird. Dafür muss der noch ein bisschen gären.

Und ich habe zwei… nun ja mehr oder weniger „Produktvorstellungen“ rumliegen, die noch ausstehen. Allerdings macht mir das ein bisschen Bauchschmerzen, obwohl es keine Werbung – im eigentlichen Sinne – ist, d.h. ich bekomme kein Geld dafür -, sondern es geht um zwei Projekte von Eltern, die ich einzigartig, kreativ, selbstständig, nützlich und schon deshalb unterstützenswert finde. (Nämlich die interaktive Märchen-Kinderbuch-App für’s iPad „Knard“ von dem total netten Christoph – der hier -, der mir seine Geschichte erzählt hat und die super-coolen Platzdeckchen von Happy Mat, die wir schon seit ’ner Weile in Gebrauch haben. Eine werde ich verlosen…) Mir macht das Bauchschmerzen gerade weil ich kaum noch zum Schreiben komme. Und dann zwei Sachen zu veröffentlichen, die für mich und das hier eher untypisch sind, … Naja.

Nun häufen sich aber die Nachfragen, ob der Blog einschläft, deshalb also mal dieser irgendwie unthematische Zwischenruf hier, in dem ich einfach mal erzähle, was ich eigentlich so mache, was vielleicht auch erklärt, warum ich diesen Blog gerade nicht mache.

„Hauptamtlich“ bin ich – im Moment bin ich 26 – Studentin. Ich studiere Erziehungswissenschaften (Bachelor), inzwischen im 5. Semester (von in der Regel 6, ich studiere aufgrund der Kinder und weil ich’s will aber min. zwei Semester – also ein Jahr – länger. Viele fragen mich, was man eigentlich macht oder wird, wenn man das studiert. Das Studium hat pädagogische, sozialpädagogische, psychologische, soziologische, viele gesellschaftskritische, Sozialforschungs- und erwachsenenbildnerische Inhalte. Ich mag die Kombination sehr, weil es echt ziemlich exakt meinen Interessen entspricht. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Bildungstheorie, Bildungsforschung, Schulsystem(Kritik), Lerntheorie, soziale Ungleichheit, kritisch-emanzipatorische Bildung, politische Bildung und derlei Dinge. Während der Vorlesungszeiten – also jeweils von April bis Mitte Juli und von Oktober bis Ende Januar – fahre ich in der Regel an zwei bis drei Tagen in der Woche in die Stadt, in der ich studiere – das dauert ca. 1,5 Stunden von meiner Wohnungstür bis zum Hörsaal. Dort habe ich dann Vorlesungen oder Seminare. Es ist viel Literatur vorbereitend zu lesen, auszuarbeiten, Referate und Sitzungen sind vorzubereiten, Klausuren zu schreiben, Prüfungen zu absolvieren usw. Vielen Dank, Bologna-Reform. Ich bin recht aktiv am Studieren und studiere auch echt gerne. ich versuche, viel zu lesen, meine eigenen Schwerpunkte zu finden und diskutiere viel und gerne in den Seminaren, leiere eigene Projekte an usw.

Ich bin tollerweise Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, wodurch unser Leben gerade überhaupt nur so machbar ist. Das Geld, was ich von der Stiftung bekomme, muss ich 1. – im Gegensatz zum Bafög – nach dem Studium nicht zurückzahlen und es ist 2. sehr viel mehr als das Bafög: Ich bekomme 597 Euro Gundförderung + 300 Euro „Büchergeld“ + 73 Euro Krankenversicherungszuschuss + 198 Kinderbetreuungspauschale + 155 Euro Familienzuschlag, d.h.1323 Euro im Monat. Das ist natürlich super! (Und damit hatte ich übrigens gar nicht gerechnet, als ich mich beworben habe.) Für ein Stipendium bei der Böckler-Stiftung braucht man übrigens nicht vorrangig super Noten. Die Stiftung ist eine gewerkschaftsnahe und fördert vor allem Studierende, die in Gewerkschaften sind bzw. Kinder aus sogenannten „Arbeiterfamilien“ – wenn die Eltern also keine AkademikerInnen sind – und erwarten ein gewisses Maß an gesellschaftspolitischem Engagement. In der Stiftung bin ich nun seit einem Jahr und ich bin wahnsinnig dankbar dafür. Ohne das Geld wären wir ziemlich aufgeschmissen, denn nur mit K.s Journalisten-Einkommen und Bafög wären wir nicht über die Runden gekommen und zusätzlich noch arbeiten zu gehen würde ich einfach nicht schaffen. Davon abgesehen bietet die Stiftung auch andere tolle Möglichkeiten, zum Beispiel Seminarfahrten und Sprachkurse, auch im Ausland. Von denen kann ich aber leider nicht wirklich viel nutzen, auch wegen der Kinder, obwohl die Stiftung sich echt bemüht, immer auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten usw. Aber trotzdem: Ich kann mir nicht vorstellen, mit meinen Kindern ein halbes Jahr nach Nepal zu gehen oder so.

Wenn keine Vorlesungszeit ist – ich also „Semesterferien“ habe, die diesen Namen aber eigentlich nicht mehr verdienen und offiziell deshalb auch „vorlesungsfreie Zeit“ heißen, dann verbringe ich viiiiiiiiiel Zeit in der Bibliothek, weil pro semesterfreie Zeit (jeweils Februar und März sowie August und September) meist 2-3 Hausarbeiten geschrieben werden müssen. Total bekloppt, wenn ihr mich fragt. Ich brauche jedenfalls mehr Zeit, um einen guten wissenschaftlichen Text zu schreiben und mich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Meine letzte Hausarbeit habe ich über AbsolventInnen freier Schulen geschrieben (der Bundesverband freier Alternativschulen (BFAS) wird sie wohl demnächst auf seiner Seite veröffentlichen), aktuell arbeite ich an einer kritischen Analyse einer so genannten „Expertise“ für ErzieherInnen, in der Tipps zum Umgang mit so genannten „verhaltensauffälligen Kindern“ in Kindertageseinrichtungen gegeben werden, ich konzentriere mich dabei auf den Teil zum „Umgang mit Aggressivität in der Kindertageseinrichtung“. Eigentlich sollte ich auch jetzt gerade daran arbeiten… Allerdings saß ich gestern von 10 bis 24 Uhr in der Bibliothek und habe immernoch sowas wie Muskelkater im Gehirn und leichte Motivationsprobleme.

Wenn ich nicht an Hausarbeiten oder in der Uni sitze, absolviere ich Praktika. Da wir am Ende dieses Studiums nicht nur einen BA-Abschluss Erziehungswissenschaften haben, sondern „automatisch“ auch staatlich anerkannte SozialpädagogInnen sind, ist eine lange Praxis-Phase im Studium integriert. Im Normalfall soll man 450 Stunden in Vollzeit am Stück absolvieren, was bei mir aber – Kinder! – nicht möglich ist. Insofern hab ich’s geteilt: Den ersten Teil habe ich an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut (DJI) absolviert und ab 01.05. arbeite ich für drei Monate – juhu! – an der Freien Schule Leipzig.

„Juhu“ ist das deshalb, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, eine freie Schule zu gründen. Der Gedanke reift immer mehr, bevor ich aber meine ganze Lebens- und Arbeitszeit in so ein Projekt stecke, möchte ich mir sowas mal in der Praxis anschauen. Ich bin sehr, sehr gespannt, denn ich halte vom Schulkonzept demokratischer Schulen (PDF!) theoretisch sehr viel und kann’s kaum erwarten zu sehen, wie das praktisch funktioniert. Ich kann mir auch vorstellen, diesen Bereich nach meiner Studienzeit eine Weile zu erforschen (es gibt eklatante Forschungslücken, wie ich während der Ausarbeitung meiner letzten Hausarbeit festgestellt habe). Prinzipiell möchte ich gern in Bereichen arbeiten, die „passiven“, konsumistischen Haltungen etwas entgegensetzen, die m.E. heute leider viele Menschen haben, was von Seiten der Politik z.T. auch gefördert wird, und im Gegenzug Emanzipation, tätig sein, gesellschaftspolitisches Engagement usw. fördern. Das kann auf ganz unterschiedliche Bereiche zutreffen und so lange einer diese Kriterien erfüllt, mache ich gern mit. Am liebsten möchte ich aber (früher oder später) ein eigenes Projekt realisieren. Und am allerliebsten soll das eine Schule sein, denn daran, dass sich das Bildungssystem tatsächlich in einem Sinne reformieren lässt, dass es nach meinen Vorstellungen diesen Namen überhaupt verdient, glaube ich (leider) nicht (mehr) wirklich.

Dann „mache“ ich noch die Leipziger Kita-Initiative. Die haben wir 2012 gegründet, weil die Platzvergabe und Platzanzahl von Kita-Plätzen in Leipzig eine Katastrophe war und ist. Wir sind quasi die Lobby der Eltern von Kleinkindern in Leipzig, die Schwierigkeiten haben, einen Betreuungsplatz zu finden, reden mit den Verantwortlichen, vermitteln, beraten, organisieren Treffen, Demos, usw. Für die Initiative „Weil Kinder Zeit brauchen“ betreue ich die Facebook-Seite und vor kurzem habe ich die tolle Initiative „Was bildet ihr uns ein?“ entdeckt und mich mit der netten Lisa getroffen. Dort möchte ich auch mitmischen. Fragt sich nur, wann?

Unser Tag sieht nämlich tatsächlich so aus, dass wir (in der Regel) 7:30 aufstehen. Meist verschlafen wir, oft hat K. Frühdienst. Ich ziehe die Kinder an und wir frühstücken. 1,5 Stunden brauchen wir, um aus dem Haus zu kommen. (Das macht mich wahnsinnig!) Um 9 wollen wir eigentlich in der Kita sein. Manchmal klappt das, meistens eher nicht. In der vorlesungsfreien Zeit gehe ich danach in die Bibliothek und arbeite, entweder bis 15:30, wenn K. nachmittags/abends arbeitet, und hole die Kinder wieder ab oder bis abends, wenn K. die Kids holen kann. Wenn ich Uni habe, fahre ich 9 Uhr in meine Uni-Stadt. Und bin abends 20 Uhr wieder Zuhause. Die Kinder gehen zwischen 20:30 und 21:30 in die Kiste, danach versuchen Zombie-K. und Zombie-ich uns zu unterhalten, was Liegengebliebenes vom zu erledigen oder gemeinsam Serie zu schauen, wenn wir nicht schon bei den Kindern eingepennt sind. Ab Mai arbeite ich an den drei Tagen, an denen ich nicht in der Uni bin, an der freien Schule. Haushalt? Ist echt ein Problem und muss irgendwie nebenbei laufen. Freunde? Sehe ich kaum, wenn, dann die, die auch Kinder haben (Hallo, Jule! :-*) Eigentlich habe ich auch noch andere Hobbys: Schreiben, freie Bildung – jenseits der Uni -, Lesen, Serien gucken mit K., nähen, mit Freunden ins Kino gehen oder in ’ner Bar quatschen, Konzerte, Klavier spielen, komponieren, Natur, und auch sowas wie Sport würde mir mal wieder gut tun. Is‘ aber nicht, gerade. Und für nette Zeiten zwischen K. und mir reicht’s gerade auch nicht.

Was Rieke Drust kürzlich in ihrem Artikel „Eine Polonäse ist nicht Tanzen.“ ge- bzw. beschrieben hat, kann ich insofern ganz gut nachvollziehen und auch das, was all die anderen Eltern in letzter Zeit über Vereinbarkeit von Familie und dem Rest des Lebens geschrieben haben. Und trotzdem denke ich mir dabei irgendwie immer auch – auch in Bezug auf mich selbst – „LUXUSPROBLEME“! Ich kann mich selbst nicht so ganz ernst nehmen, wenn es in mir heult, weil es „mal wieder“ Zeit für xyz braucht… weil ich niiiiiiiie zu etwas komme und weil ich niiiiiiiiiiie Zeit für mich oder meine Freunde habe. Ich muss mir dann denken, dass ich es mir so ausgesucht habe. Ich muss mir dann denken, dass ich so ehrgeizig und eine „Tausendsassa“ bin und schon immer war. Der Tag hat 24 verdammte Stunden, und ja, die Energie und auch der Kopf ist begrenzt. Und glaubt mir, ich finde mein Leben und das Leben mit Kindern generell extrem anstrengend. Ich glaube aber auch, dass „wir“ (emanzipierte, wollende) Frauen selbst dafür verantwortlich sind, dass es so ist. Wir wollen viel zu viel, alles gleichzeitig und wir sind mit nichts zufrieden. Wir wollen auf 1000 Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wir wollen tolle Eltern sein, tolle Jobs machen, anerkannt werden für etwas, was wir toll können, viel wissen, sportlich sein und ausgeglichen, gut aussehen, eine tolle Partnerin für unseren Lebensgefährten/unsere Lebensgefährtin sein, eine tolle Freundin für unsere Freunde, eine tolle Tochter für unsere Eltern, wir wollen unseren tollen Hobbys nachgehen (können), die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts mitnehmen (Stichwort: „Wellness“!), wir wollen politisch engagiert sein, wir wollen gesund kochen, wir wollen viel gereist sein und erfahren… Und ja, das ist zu viel, denn das ist nicht machbar. Dafür, dass dieses Ideal der Tausendsassa heute da ist, können wir vielleicht nichts, dafür, dass wir das Gefühl haben, dass das alles von uns erwartet wird, vielleicht auch nicht, aber dafür, dass wir das annehmen und dafür, dass wir glauben, das wir das alles tatsächlich tun müssen… dafür, dass wir glauben, dass wir darauf sogar ein Recht haben und dass die Umstände sich bitteschön unseren verqueren Vorstellungen davon, was alles gleichzeitig drin sein muss, anzupassen haben… dafür, dass wir denken, dass irgendwas nicht stimmt – wahlweise mit uns selbst oder unserem Leben -, wenn das alles so nicht klappt… dafür, dass wir eigentlich nie entspannt, stattdessen immer im Stress und tatsächlich permanent an der Grenze des Burn-Out sind, dafür können wir (oft) schon auch selber was. Denn es ist unser Leben und wir haben heute das Privileg – deshalb sagte ich: Luxusprobleme! – zu entscheiden, was wir tun und was wir lassen. Das ist auch Emanzipation! Wir müss(t)en „nur“ das ständige noch-mehr-Wollen mal wirklich sein lassen wollen… Wir müssten „nur“ aufhören, zu glauben, irgendwem irgendwie noch mehr beweisen zu müssen, denn meistens sind’s doch wir selbst, die suggerieren, dass wir nicht whatever-genug sind. Wir müssten „nur“ ein kleines bisschen zur Ruhe kommen, geduldiger sein, uns mehr Zeit für die Dinge – die Kinder! – nehmen (können). Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich schaff’s nämlich auch nicht.

* Und ich kann mir vorstellen, dass das in Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen müssen, durchaus nochmal ’ne andere Kiste ist.

4 Kommentare zu “Lebenszeichen. Oder: Tausendsassa.

  1. Schön das du wieder da bist und meinen größten Respekt für all die dinge die Du noch so nebenbei schaffst.Ich studier selber und hab eine Tochter und meine Freundin macht gerade noch eine Ausbildung, ich würde mich auch gerne noch irgendwo angagieren(wir haben an der hochschule n ganz tollen junior campus ) aber ich muss sagen das ich das wiklich nicht mehr gewuppt bekommen würde ohne das das Studium und meine lütte massiv darunter leiden würden, also nochmal respekt mit 2 Kindern und studium doch noch soviel nebenher zu machen, aber Frauen sind glaub ich eh belastungsfähiger…

  2. Auweia. Ich weiß genau, wovon du da redest/schreibst.
    Mir geht es genauso, dabei habe ich nur ein Kind, und gehe noch nicht arbeiten!!! Ab September (dann wird Emil 2..) muss ich allerdings wieder ran an den Job, und mir graut jetzt schon vor dieser Vorstellung.
    Vor allem die Morgen werden mich fertig machen, ich muss als Lehrerin wahrscheinlich pünktlich um 7:00 (!!!) außer Haus. Wie soll ich das mit Kleinkind nur schaffen??

    Etwas Anderes noch: wie schaffst du es denn, dass deine Kinder bis nach 7:30 schlafen? :D

    Lg Linda

  3. Schön, mal wieder etwas von dir zu lesen. Unsere zweiten Kinder sind ja im gleichen Alter, nur dass ich schon wesentlich älter bin als du… . Aber trotzdem treibt uns oft das gleiche um, nämlich irgendwie alles zu wollen, gleichzeitig, keine Zeit für sich selber zu haben (Stichwort Sport und Klavier spielen und ähnliches) und das damit die eigene Frustrationstoleranz arg strapaziert wird. Daher gefällt mir sehr gut, was Du in Deinem letzten Abschnitt geschrieben hast. Sei lieb gegrüßt.

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