Was an der Vereinbarkeits- und Demographie-Debatte nervt

So ziemlich alle großen und kleinen Medien haben jüngst vom Mal wieder großen, aber eigentlich gar nicht so neuen Schock berichtet: Die seit einigen Jahren so unerträglich beliebten – und viel zu selten kritisch hinterfragten –  OECD-Ländervergleichsstudien haben das Demographie-Fass aufgemacht. Deutschland. Ist. Das. Land. Mit der. Niedrigsten. Geburtenquote. Achduscheisseunnu? Unter anderem Stefanie Lohaus hat das in ihrem Artikel „Land ohne Kinder“ für die FAZ aufgegriffen und kommentiert. 

Dass in diesem Land familienunfreundliche Politik betrieben wird, sehe ich nicht anders als die meisten Autor_inn_en. Meiner Meinung nach spielen davon abgesehen aber auch andere, in der Debatte unterbelichtete Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, dass die Menschen ausgehend vom 18. Jahrhundert noch kompromissloser im Individualismus angekommen sind, der im übrigen ganz hervorragend zum gegenwärtigen absurden Turbo-Kalitalismus passt. Wenn dem politisch nicht Paroli geboten wird, wie etwa in den skandinavischen Ländern, und tatsächlich umfangreiche Anreiz-Systeme fürs  Familiegründen geschaffen werden, dann sieht’s halt schnell so finster aus. Aaaaaaber –  und dann bin ich auch schon bei meinem Knackpunkt:

Richtig nervig finde ich an der Debatte um die Probleme der (Un-)Vereinbarkeiten (stets in Bezug auf Familie und Karriere) und des damit zusammenhängende Demographiewandels, dass das Problem – wie so häufig – so gnadenlos unkritisch innerhalb der klar abgesteckten Mauern der OECD-Religion verhandelt wird. Denn was wird da immer und immer wieder als das vorrangiges Problem aufgerufen? Rüschtüüüüsch! Es „droht ein Rückgang der Wirtschaftsleistung“ (aus oben zitiertem Artikel). Jahaaa! Schland kann nicht mehr mithalten im internationalen Wettrennen um die meisten Kinder, heißt zukünftig weniger Arbeiterbienen = keine Garanten für beständiges Wirtschaftswachstum. Okay, die Renten, das ist auch noch n Ding… Aber die Wachstumsproblematik führt die Top 10 der schlimmsten Katastrophen in Folge des demografischen Wandels unumstößlich an.

Ich halte hier mal fest: Ich gehöre wahrscheinlich zur Post-Wachstums-Bewegung und aus der Perspektive geht es mir echt gehörigst auf die Eier, wie einhellig selbst von (angeblich) kritischen und/oder feministischen Mitsprecher_inne_n (!) bei Themen aus dem Bereich der Familien- und Bildungspolitik, die so vetrauten und deshalb wohl für sie selbst nicht mehr auffälligen, dabei aber nicht weniger stumpfen „Wir müssen doch das wirtschaftliche Wachstum unseres Landes sichern“-Predigten mitgegröhlt und wiedergekäut werden. Dabei bemerken sie nicht, dass sie ihren eigenen kritischen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil eine ganz entscheidende Prämisse nicht mehr hinterfragt wird: Wirtschaftlicher Wachstum = Hoffnung = Ziel = Gesetz = Glaube = Ideologie.

Immerhin: Im letzten Absatz lenkt Lohaus etwas ein: „Im Endeffekt ist mir die Geburtenrate ja egal. Von wegen Aussterben der Deutschen und so. Stattdessen können wir auch das Renteneintrittsalter auf 75 erhöhen und mehr Arbeitsmigration zulassen, auch das sind Lösungen.“; das geht mir aber defintiv nicht weit genug. (Andererseits: Kann man in/von der FAZ etwas anderes erwarten?)

Es gäbe so vieles zu kritisieren, so viel zu hinterfragen, zu vermuten und zu fordern an/von der beschissenen deutschen Familien- und Bildungspolitik, gerade auch von uns Betroffenen! Aber das geht m.E. auch ohne die heute scheinbar unverzichtbar gewordenen Verweise auf zukünftiges Wachstum des nationalen BIP, Durchsetzen und Mithalten müssen in irgendwelchen kruden internationalen Vergleichstabellen und fucking Karrierechancen.  Wettbewerb! Wettbewerb! Wettbewerb! Als gäb’s nichts wichtigeres, als gäb’s nichts anderes, als gäb’s keine Alternativen dazu. Ich gegen die andere Mutter, ich gegen die Kollegin, Frauen gegen Männer, Homos gegen Heteros, Sachsen gegen Bayern (und Bayern gegen den Rest der Welt ;)), Deutschland gegen Schweden, EU gegen USA – alle gegen alle. Mittlerweile ist es egal, worum es geht, Hauptsache „wir“ kacken nicht ab. Schande über Deutschland! Letzter Platz beim ESC und jetzt auch noch bei der Geburtenrate? So kann’s nicht weitergehen, da muss dor was passiorn! Mior sind doch keine Forliorornazion!

Jede_r die/der sowas unhinterfragt mitschleift, betreibt Lobby-Arbeit für die Wachstums-Ideologie und den Konkurrenz-Fanatismus der (erweiterten) westlichen Welt, indem sie/er die eben nicht neutralen Vergleiche und Verbreitungen der OECD* inkl. der darin mitgedachten und von ihr beförderten globalen Ungerechtigkeiten und Missstände verbreitet und weiter normalisiert und darüber hinaus – ja das wird jetzt drastisch – einen kleinen ekligen Nationalismus-Warzenpickel.

* OECD = die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in der nur 34 Länder vertreten sind – darunter nicht etwa Indien oder Bangladesh, sehr entscheidend für den globalen Wirtschaftskreislauf, aber nur in ihrer Funktion als quasi-Sklaven für die westliche Welt. Die Haupt-Ziele Dr OECD sind zu einer optimalen Wirtschaftsentwicklung (in den Mitgliedsstaaten!) beizutragen, Wirtschaftswachstum (in den Mitgliedsstaaaten!!) zu fördern und zu einer Ausweitung des Welthandels beizutragen. 

„Mode“diktatoren

Ich bin kein Shopping-Mensch. Zumindest versuche ich keiner zu sein. Ich kaufe trotzdem noch zu viel, finde ich. Ich versuche beim Kauf von Klamotten, Schuhen usw. immerhin auf sowas wie Langlebigkeit zu achten. Klappt aber bei weitem nicht so wie ich das gern hätte. Ich versuche, den Großteil gebraucht zu kaufen. Ja, einkaufen macht auch mir durchaus Spaß. Genau wie Süßigkeitenessen. Beides ist aus Vernunftgründen aber keine gute Sache. Weil moderne Sklavenwirtschaft, ungesund (in vielerlei Hinsicht) usw. Soviel zum Moralapostel-Teil.

Kurz vor meiner Straßenecke habe ich mir gerade meine scheiß „Ballerinas“ ausziehen müssen, weil die an meinen Zehen reiben. Und es kotzt mich an! Früher habe ich immer über meine Oma geschmunzelt, die zuerst ihre Hose ausgezogen und „in was bequemes geschlüpft“ ist, kaum dass die Haustür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Heute mache ich das selber so. Heute hab ich’s nicht mal bis nach Hause geschafft. Seit so etwa zwei Monaten – hm, gut, ehrlicher: seitdem ich wieder zugenommen habe, vor allem am Bauch – sehe ich es eigentlich einfach nicht mehr ein, unbequemes Zeug anzuziehen. Was ist das eigentlich für eine Scheiße?

Frauenschuhe sind für viele Frauen vorne viel zu schmal geschnitten. Die Schuhe reiben an Zehen, an Fersen… Ich habe offenbar ziemlich weit auseinanderstehende Zehen. Jedenfalls wurde die durch’s Schuhetragen der letzten Jahre extrem zusammenquetscht. Richtig deformiert sehen die aus. Und dabei achte ich schon auf bequeme Schuhe. Was ist das für ’ne Scheiße mit den Mode-Diktaten?

Hosen drücken den meisten Menschen am Bauch. Das ist ja auch logisch, weil Durchschnitts-Nicht-Waschbrett-Bäuche im Stehen nicht den gleichen Umfang haben wie im Sitzen. Ständig guckt irgendwo eine Arschritze aus. Auch das ist logisch, weil beim in die Hocke gehen, beugen, bücken, kurz: beim Bewegen nun einmal… nee, noch anders: Weil der Arsch sich im Regelfall nach außen wölbt. Schon mal aufgefallen, dass z.B. Röcke rundherum eine Länge haben? Der Hintern ist da einfach nicht mit eingeplant. Und in Hosen ist Bewegung nicht mit eingeplant. Völlig Gaga wird’s ja bei dieser Fett-Weg-Wäsche. Im Netz geistert Mal ein Bild rum, das zeigte, wie die Organe zusammengequetscht werden, wenn sowas getragen wird.

Das muss man sich mal vorstellen: Da erfindet eine High-Society-Trulla aus Ummärrica einen Ganzkörper-Wonderbra und wird damit zum Vorzeige-Model für die Vereinbarkeit von „Familie und Karriere“. Ihr ging’s ja auch so schlecht, weil sie so aus der Form gegangen war, nach der Geburt der Kinder… Da musste sie sich was einfallen lassen. Und weil es mehr oder weniger unmöglich – oder zumindest unwahrscheinlich – ist, den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen – vor allem als Mutter – wird „Funktionswäsche“ (!) erfunden, die das Unerwünschte einfach wegquetscht. Geht’s eigentlich noch sinnbildlicher? Und die High Society-Läääidiies bedanken sich in Scharen bei der! Weil sie ihnen „ihr Leben zurückgegeben haben“.

Photoshop, XS-Models, Konfektionsgrößen, „porentiefe Reinheit“, keine Falten im Alter, keine grauen Haare, keine Haare an und zwischen den Beinen oder unter’m Arm… Diese verdammten Schönheitsideale machen mir schon seit meiner Teenie-Zeit zu schaffen, weil ich immer meilenweit von ihnen entfernt war. Seit ich denken kann fühle ich mich hässlich. Zu dick, zu hellhäutig, zu klein, zu stämmig, … Nicht fit genug. Meine Komplexe begleiten mich jeden Tag. Und sie sind nicht gerade leise. Ich habe eine völlig verquere Selbstwahrnehmung und leider sind mir die Blicke der Anderen nicht so egal, wie es mir lieb wäre. Mein bewusstes Denken und meine mir angedachten Ideale brüllen dagegen an – ich will diesen Dogmen nicht folgen, ich will, dass es mir egal ist wie mich wer findet. Ich will meine Beine nicht rasieren, weil ich davon Neurodermitis-Rückfälle bekomme. Ich will meinen Bauch nicht 90% des Tages einziehen müssen. Ich will nicht, dass mir der Hosenbund schmerzhaft in’s Fett schneidet. Ich will mich nicht für meine Risse schämen, die meinen Bauch und meine Oberschenkel noch unansehnlicher machen. Ich will mich nicht mehr dabei erwischen, wie ich beschämt eine Jacke über meinen Bauch lege, sobald ich mich hinsetze. Ich will nur noch in luftigen Jogging-Hosen mit doofen Mustern rumrennen, die ich selber genäht habe. Ich will meinen Bauch raushängen lassen, wenn er halt einfach gerade mal wieder voluminöser ist. Ich will mich nicht nach allem, was ich gegessen habe, fragen, ob das jetzt ein Fehler war. Ich will mir nicht ständig einbilden, dass andere sich vor mir ekeln. Ich will diese „ich versteck mich“-Impulse nicht mehr. Ich will mir nicht jeden zweiten Tag (ernsthaft!) denken: „Ab morgen esse ich nichts mehr, dann geht das schon wieder weg“ und mir danach selbst links und rechts eine Watschen müssen für diese Gedanken. Ich will auf solche Oberflächlichkeiten scheißen.

Die Mode-Diktatoren helfen nicht dabei, das hinzubekommen. Im Gegenteil. Und wieder mal frage ich mich, was für eine menschenunfreundliche Welt wir uns da erschaffen haben. Klar sind das Luxus-first world-problems. Aber machen wir uns nichts vor: Diese ständigen Unzulänglichkeitsgefühle sind wahrscheinlich Realität in den Köpfen vieler Menschen. Warum machen wir das mit? Warum begehren wir nicht auf? Warum ziehen wir die scheiß-engen Schuhe und Hosen trotzdem an? Warum wehren wir uns nicht viel, viel mehr gegen sowas? Und wem nützt dieser Kackmist?