„Mode“diktatoren

Ich bin kein Shopping-Mensch. Zumindest versuche ich keiner zu sein. Ich kaufe trotzdem noch zu viel, finde ich. Ich versuche beim Kauf von Klamotten, Schuhen usw. immerhin auf sowas wie Langlebigkeit zu achten. Klappt aber bei weitem nicht so wie ich das gern hätte. Ich versuche, den Großteil gebraucht zu kaufen. Ja, einkaufen macht auch mir durchaus Spaß. Genau wie Süßigkeitenessen. Beides ist aus Vernunftgründen aber keine gute Sache. Weil moderne Sklavenwirtschaft, ungesund (in vielerlei Hinsicht) usw. Soviel zum Moralapostel-Teil.

Kurz vor meiner Straßenecke habe ich mir gerade meine scheiß „Ballerinas“ ausziehen müssen, weil die an meinen Zehen reiben. Und es kotzt mich an! Früher habe ich immer über meine Oma geschmunzelt, die zuerst ihre Hose ausgezogen und „in was bequemes geschlüpft“ ist, kaum dass die Haustür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Heute mache ich das selber so. Heute hab ich’s nicht mal bis nach Hause geschafft. Seit so etwa zwei Monaten – hm, gut, ehrlicher: seitdem ich wieder zugenommen habe, vor allem am Bauch – sehe ich es eigentlich einfach nicht mehr ein, unbequemes Zeug anzuziehen. Was ist das eigentlich für eine Scheiße?

Frauenschuhe sind für viele Frauen vorne viel zu schmal geschnitten. Die Schuhe reiben an Zehen, an Fersen… Ich habe offenbar ziemlich weit auseinanderstehende Zehen. Jedenfalls wurde die durch’s Schuhetragen der letzten Jahre extrem zusammenquetscht. Richtig deformiert sehen die aus. Und dabei achte ich schon auf bequeme Schuhe. Was ist das für ’ne Scheiße mit den Mode-Diktaten?

Hosen drücken den meisten Menschen am Bauch. Das ist ja auch logisch, weil Durchschnitts-Nicht-Waschbrett-Bäuche im Stehen nicht den gleichen Umfang haben wie im Sitzen. Ständig guckt irgendwo eine Arschritze aus. Auch das ist logisch, weil beim in die Hocke gehen, beugen, bücken, kurz: beim Bewegen nun einmal… nee, noch anders: Weil der Arsch sich im Regelfall nach außen wölbt. Schon mal aufgefallen, dass z.B. Röcke rundherum eine Länge haben? Der Hintern ist da einfach nicht mit eingeplant. Und in Hosen ist Bewegung nicht mit eingeplant. Völlig Gaga wird’s ja bei dieser Fett-Weg-Wäsche. Im Netz geistert Mal ein Bild rum, das zeigte, wie die Organe zusammengequetscht werden, wenn sowas getragen wird.

Das muss man sich mal vorstellen: Da erfindet eine High-Society-Trulla aus Ummärrica einen Ganzkörper-Wonderbra und wird damit zum Vorzeige-Model für die Vereinbarkeit von „Familie und Karriere“. Ihr ging’s ja auch so schlecht, weil sie so aus der Form gegangen war, nach der Geburt der Kinder… Da musste sie sich was einfallen lassen. Und weil es mehr oder weniger unmöglich – oder zumindest unwahrscheinlich – ist, den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen – vor allem als Mutter – wird „Funktionswäsche“ (!) erfunden, die das Unerwünschte einfach wegquetscht. Geht’s eigentlich noch sinnbildlicher? Und die High Society-Läääidiies bedanken sich in Scharen bei der! Weil sie ihnen „ihr Leben zurückgegeben haben“.

Photoshop, XS-Models, Konfektionsgrößen, „porentiefe Reinheit“, keine Falten im Alter, keine grauen Haare, keine Haare an und zwischen den Beinen oder unter’m Arm… Diese verdammten Schönheitsideale machen mir schon seit meiner Teenie-Zeit zu schaffen, weil ich immer meilenweit von ihnen entfernt war. Seit ich denken kann fühle ich mich hässlich. Zu dick, zu hellhäutig, zu klein, zu stämmig, … Nicht fit genug. Meine Komplexe begleiten mich jeden Tag. Und sie sind nicht gerade leise. Ich habe eine völlig verquere Selbstwahrnehmung und leider sind mir die Blicke der Anderen nicht so egal, wie es mir lieb wäre. Mein bewusstes Denken und meine mir angedachten Ideale brüllen dagegen an – ich will diesen Dogmen nicht folgen, ich will, dass es mir egal ist wie mich wer findet. Ich will meine Beine nicht rasieren, weil ich davon Neurodermitis-Rückfälle bekomme. Ich will meinen Bauch nicht 90% des Tages einziehen müssen. Ich will nicht, dass mir der Hosenbund schmerzhaft in’s Fett schneidet. Ich will mich nicht für meine Risse schämen, die meinen Bauch und meine Oberschenkel noch unansehnlicher machen. Ich will mich nicht mehr dabei erwischen, wie ich beschämt eine Jacke über meinen Bauch lege, sobald ich mich hinsetze. Ich will nur noch in luftigen Jogging-Hosen mit doofen Mustern rumrennen, die ich selber genäht habe. Ich will meinen Bauch raushängen lassen, wenn er halt einfach gerade mal wieder voluminöser ist. Ich will mich nicht nach allem, was ich gegessen habe, fragen, ob das jetzt ein Fehler war. Ich will mir nicht ständig einbilden, dass andere sich vor mir ekeln. Ich will diese „ich versteck mich“-Impulse nicht mehr. Ich will mir nicht jeden zweiten Tag (ernsthaft!) denken: „Ab morgen esse ich nichts mehr, dann geht das schon wieder weg“ und mir danach selbst links und rechts eine Watschen müssen für diese Gedanken. Ich will auf solche Oberflächlichkeiten scheißen.

Die Mode-Diktatoren helfen nicht dabei, das hinzubekommen. Im Gegenteil. Und wieder mal frage ich mich, was für eine menschenunfreundliche Welt wir uns da erschaffen haben. Klar sind das Luxus-first world-problems. Aber machen wir uns nichts vor: Diese ständigen Unzulänglichkeitsgefühle sind wahrscheinlich Realität in den Köpfen vieler Menschen. Warum machen wir das mit? Warum begehren wir nicht auf? Warum ziehen wir die scheiß-engen Schuhe und Hosen trotzdem an? Warum wehren wir uns nicht viel, viel mehr gegen sowas? Und wem nützt dieser Kackmist?

4 Kommentare zu “„Mode“diktatoren

  1. Meine unrepräsentative Erkenntnis nach 20 Jahren Unwohlfühlens: Ich ziehe nie wieder Kleider an, die mich kneifen. Oder sonstwie schmerzen. Oder mich beim Bücken und Bewegen doof entblößen. Mach ich nicht mehr. Und fühl mich viel besser.

    Manchmal habe ich wochenlange Phasen des Stoffhosentragens. So what. Es gibt fantastische Stoffhosen. Und ich habe mir zwei Paar Birkenstocks gekauft. Ja, lacht nur. Und bei Ballerinas habe ich 70 Euronen in handgemachte von Etsy investiert. Die scheuern niemals und sind außerdem wunderschön. So.

  2. Wie Recht du doch hast! Ich bin mittlerweile aus dem Alter raus, wo ich mir nur Sachen kaufe, die gerade Trend sind, auch wenn sie noch so unbequem waren. Heute kaufe ich mir Klamotten, in denen ich mich wohl fühle. Das heißt es muss ordentlich passen, aber schon auch gut aussehen. Aber hauptsächlich für mich und nicht für andere.

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