Geschwistergedanken (4) nach 2,5 Jahren

Als ich mit T. schwanger war, habe ich mir wirklich viele Gedanken darüber gemacht, wie P. auf die Thronteilung reagieren würde. Ich hatte echt Schiss. P. war (ist) ziemlich aufmerksamkeitsbedürftig und schnell gekränkt. Am Anfang – P. war ca. 3 bei T.s Geburt – war alles dann tatsächlich viel stressfreier als ich dachte. P. war wider meiner Erwartungen sehr, sehr vorsichtig und liebevoll mit und zu T.

Inzwischen ist T. kein Baby mehr. Er wird bald 2 Jahre alt (himmelwiediezeitvergeht!) und liegt nicht mehr einfach nur rum oder klebt an mir dran. T. ist verdammt aktiv, viel mobiler als P. damals, redet dafür aber deutlich weniger. Ziemlich genau jetzt fängt das an, was ich mir damals so vorgestellt habe und was ich auch noch aus meiner Kinderzeit erinnere: „Das ist geeeemeeeeeeeeein, dass T. der Erste ist!“, „Das ist geeeeeeeemein, weil T. mehr hat!“, „Das ist aber mein Schüüüüürm!“. Die streiten sich eigentlich ständig. T. will grundsätzlich alles haben, was P. gerade hat. P. will grundsätzlich alles haben, was T. gerade hat. P. haut T. auf den Kopf, T. haut P. mit dem Schirm. Ich versuche, die beiden das klären zu lassen und mich so wenig wie möglich einzumischen. Andererseits ist T. P. ja eindeutig unterlegen… Muss ich ihm deswegen grundsätzlich helfen? Wenn ich das tun würde, würde P. sich sofort zurückgesetzt fühlen.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mich als Kind immer ungerecht behandelt gefühlt habe. Grundsätzlich immer. Die realen Verhältnissen waren dabei gar nicht ausschlaggebend. Ich hatte zum Beispiel lange ein riesiges Zimmer, mein Bruder nur eine Kammer. Tatsächlich ist sowas aber gar nicht der Punkt. Dieses sich ungerecht behandelt-Fühlen ist vermutlich eher Ausdruck von Angst. Jesper Juul hatte das, glaub ich, mal irgendwo so anschaulich beschrieben, indem er meinte, man solle sich vorstellen, der Partner würde einen anderen Menschen mit nach Hause bringen und sagen „Du, x wohnt ab jetzt mit bei uns, ich liebe jetzt nicht mehr nur dich, sondern x auch, aber hey!, keine Angst! Ich liebe dich genau so wie x.“ – schwierig. Und tatsächlich bringt es auch gar keine Erleichterung, wenn man in diesen Situationen auf die realen Verhältnisse hingewiesen wird („Ihr habt doch beide das selbe.“). Darum geht’s irgendwie nicht. Man hat diese Gefühle ja nicht unter Kontrolle, die sind nicht rational und deshalb können rationale „aber schau doch mal“-Argumente auch nichts dagegen ausrichten. Und trotzdem sage auch ich manchmal sowas zu P. und verstehe diese Sprüche, Rationalisierungsversuche und Genervtheit meiner Eltern um einiges besser.

Was könnte ich denn sagen oder tun, um P. in der akuten Angst-Situation… hmmmm… aufzufangen? In meiner eigenen Erinnerung zu kramen bringt nur bedingt etwas… Was hätte mir damals gut getan? Ich versuche, zu verhindern, dass wir sowas wie „Das ist doch Quatsch!“ sagen. Denn das ist echt verletzend und macht alles noch schlimmer. Dann fühlt man sich zusätzlich zu dem doofen Gefühl nämlich auch noch als falsch-Fühlerin, merkt aber, dass das Gefühl dadurch nicht verschwindet, dass man also gar nichts dagegen tun kann. Das bringt ein echtes Dilemma mit sich: Hier ist mein Gefühl und da sind meine Eltern, die sagen, dass mein Gefühl „Quatsch“ ist. Das Gefühl geht aber nicht einfach weg. Dass die Eltern falsch liegen, schreit und weint man dann als Kind gern raus… Was zu noch mehr Genervtheit ihrerseits führt. Tatsächlich ist es aber wahrscheinlich unmöglich, seine Eltern in dem Alter komplett abzulehnen oder das, was sie sagen. Vermutlich ist man noch viel zu sehr verbunden und abhängig von ihnen. Also verinnerlicht man, dass mit dem eigenen Fühlen irgendwas nicht in Ordnung ist. Und das will ich P. auf gar keinen Fall vermitteln. Ich versuche also manchmal, offensiv auf das einzugehen, was ich dahinter vermute. Ich sage ihr sowas wie „Hey, ich hab dich lieb“ oder frage „Hast du gerade Angst, dass wir T. lieber haben als dich?“, was sie meist bejaht, und sage ihr, dass es mir auch so ging, als ich klein war. Das scheint ein bisschen zu helfen. Tatsächlich ist das angesichts der krassen Gefühlsausbrüche von P. oft gar nicht so leicht, verständnisvoll zu reagieren… Denn das triggert mich zuweilen enorm. (Den Artikel über den Umgang mit diesen heftigen Gefühlsäußerungen von Kindern hab ich immer noch rumliegen, aber nach wie vor nicht fertig.)

Puh, es ist schon echt manchmal hart, damit „cool“ umzugehen… Vor kurzem hat K. T. ins Bett gebracht und ihn gerade in den Schlaf geschuckelt. (Für P. war das gerade eine sehr K.-lastige Woche.) P. wollte ins Kinderzimmer stürmen, um K. rauszuholen, ich hielt sie davon ab, sagte, dass ich mit ihr ins Bad gehen kann. P. warft sich mit verschränkten Armen auf den Boden und sagte „Aber ich hab Papa lieber!“. Danach brach sie in Tränen aus und warf sich in meine Arme… Mir kam es vor, als fänd sie das selber irgendwie Mist, dass es so ist. Und Alter, ja, sowas tut echt weh! Wie soll man denn da bitte drauf reagieren? Ich meinte sowas wie „Das ist okay, aber es macht mich trotzdem irgendwie traurig.“ – der Inbegriff dieses schwierigen Spagats: Verständnisvoll und authentisch sein wollen. Wie kann ich verständnisvoll sein, wenn ich einfach total wütend oder meine Nerven echt am Ende sind? Wie kann ich authentisch sein, wenn ich in einer Situation eigentlich schreien will „Lass mich jetzt in Ruhe mit deinem Scheiß!“? Später erklärte sie mir: „Das ist einfach so, ich weiß auch nicht warum.“ und dass sie so traurig war, weil K. bei T. war… Sie dachte, er hat T. lieber als sie. An einem anderen Tag stritten, heulten, brüllten die beiden fast eine halbe Stunde darum, wer auf meinem Schoß sitzen darf.

Gestern hat P. T. gerettet. T. war so seltsam auf die Heizung geklettert, dass der Kopf schon ziemlich weit aus dem Fenster guckte. P. hielt ihn fest und rief uns. Wir erklärten ihr, dass das sehr gut war. Das machte sie stolz, sehr sogar. Und für den gesamten Tag gab es keine weitere Eifersuchts-Streierei. Im Gegenteil, sie waren ein Herz und eine Seele, spielten gemeinsam, jagten sich durch die Wohnung und kuschelten sich abends zusammen in ihr gemeinsames Bett. Bei P. gibt’s da gerade nur entweder-oder, wuterfüllter Hass oder überschäumende Liebe.

Aktivitäten zu vereinbaren ist auch nicht immer leicht: Für viele Dinge, die mit T. cool wären, ist P. schon zu groß. Viele Dinge, die mit P. jetzt gehen, ist T. zu klein und er funkt immer dazwischen (Spiele spielen zum Beispiel). Challenge: Finde immer etwas, was für beide cool ist. Gerade sind das z.B. Spielplätze – ich hasse Spielplätze! Aber so what… Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass jeder von uns Zeit allein mit P. hat. Und im Moment ist K. bei P. mehr am Zug als ich. Vielleicht sollte ich darauf vermehrt achten.

Ich merke auch in mir etwas, was sicher auch meinen Eltern so ging: T. ist einfach (im Moment noch) sehr viel entspannter als P. Er hat meist gute Laune, ist fröhlich und insgesamt nicht so wahnsinnig sensibel wie sie. P. hat gerade eine Phase, in der sie schnell weint und wütend über Dinge ist, die für uns wirklich schwer nachvollziehbar sind. Sie redet ständig in diesem echt anstrengenden Befehlston mit uns, verdreht die Augen, brüllt und kreischt uns an usw. Ich arbeite an mir, ihr Verhalte nicht (negativ) zu (be)werten, aber oft bringt mich das echt an meine Grenzen. Ich kann (und will) mich einfach nicht ständig anbrüllen oder rumscheuchen lassen… Und irgendwie will ich ihr das auch zeigen. Aber dann fühlt sie sich doch wieder abgewertet… Ich war auch ein forderndes Kind. Und mein Bruder im Vergleich dazu gerade phlegmatisch. Dieser Umstand sollte aber nichts am Verhalten den Kindern gegenüber ändern. Und das empfinde ich als echte Herausforderung. Ich versuche jeden Tag unvoreingenommen anzufangen und P. nicht von vornherein als „das anstrengende Kind“ zu sehen. Aber ich merke, dass es mir an manchen besonders ausbruchsgeladenen Tagen echt nicht leicht fällt.

Hach ja, da ist sie wieder, diese schwierige Gratwanderung zwischen den eigenen Grenzen und Baustellen auf der einen und dem Anspruch, seinen Kindern Rückhalt und sicherer Hafen sein zu wollen auf der anderen Seite. Mich erdrückt das manchmal so sehr, dass ich mich eigentlich nur noch dazu im Stande fühle, mich auf die Couch zu legen und an die Decke zu starren. Nicht denken, nicht reflektieren, nicht schuldig fühlen, nicht angesprochen werden, nicht gefordert sein, nicht reagieren, nichts müssen.

6 Kommentare zu “Geschwistergedanken (4) nach 2,5 Jahren

  1. Oh ich kann das gut nachvollziehen und es tut sooo gut zu lesen, dass man damit nicht allein ist. Meine Große wird diese Woche 4, die Kleine ist 14 Monate alt. Ähnlich wie bei dir ist die Kleine eigentlich immer fröhlich, unkompliziert und gut drauf. Die Große hingegen bringt uns momentan echt an unsere Grenzen. Dieser Befehlston, man muss alles SOFORT für sie erledigen denn sonst haut sie, wirft Sachen umher, schreit, kreischt…….mir macht es sehr zu schaffen dass sie mich haut :( Gemeinsame Aktivitäten sind auch schwierig. Die Kleine will nur noch laufen seitdem sie es kann, aber die Große saust mit dem Fahrrad vorneweg……Brettspiele spielen, malen, puzzlen geht alles nur wenn die Kleine schläft. Ist schon nicht so einfach

  2. Das klingt wie ein Bericht aus unserem Alltag. Sogar das Alter, der Altersabstand und die Verteilung des Temperaments passt in etwa. Und ich habe überhaupt keine Lösung oder Vorschläge für dich, aber ich finde deine Haltung toll und die Ziele, die du im Blick hast. Gerade beim Schlagen (und Schubsen, Beißen, Kneifen…) greife ich ein und bewerte dadurch eigentlich immer und kann nicht sagen, dass es bisher auch nur ein bisschen geholfen hätte. Vielleicht wäre es besser mich nicht einzumischen und später die Wunden zu verarzten… Aber abgesehen davon versuche ich auch das eigentliche Bedürfnis zu sehen (Wunsch nach Nähe und Anerkennung) und Gefühle zuzulassen. Am Ende von so einem harten Tag, wie du ihn beschreibst (also zur Zeit eigentlich jeder), schaffe ich es manchmal doch ein bisschen dankbar zu sein, dass ich mich selbst so sehr weiterentwickeln kann mit meinen Kindern. Es kostet einfach so viel Kraft, Liebe, Toleranz und eine riesen Portion Achtsamkeit und Selbstreflexion um die Muster zu durchbrechen, die ich selbst erlebt habe und immer wieder erlebe. Vielleicht bleibt das und wird mein neues Verhaltensmuster bei Streit und Konflikten – egal wo sie mir begegnen.

  3. ist schon schwierig genug, bei einem Einzelkind nicht in die Denke zuverfallen „Boah-bist-Du-anstrengend-im-Vergleich-zu-anderen“, aber wenn ein entspanntes, unkompliziertes und gut gelauntes Geschwisterkind als direkter Vergleich da ist, ist da noch mal ne andere Nummer. Ich wünsche Dir viel Kraft für: den Aus-Knopf für das Gedankenkarussel zu finden und zu drücken, dem schlechten Gewissen (zumindest zeitweise) so dermaßen in die fiese Visage zu lachen, dass es sich so schnell nicht mehr traut aufzutauchen, die Kraft, nach einem harten Tag auch den Weg zur obigen Couch zu finden und dort (ohne schlechtes Gewissen, da weggelacht) zu verbleiben, bis sich alles ein wenig besser anfühlt. Und falls es hilft: ich habe meine Tochter (4J) auch wirklich schon mal authentisch (sprich: so wie ich mich gerade gefühlt habe: vulkanmäßig wütend) angeschrieen nach dem Motto „Lass-mich-in-Ruhe-mit-deinem-Scheiß!“ War nicht schön, explodierte aber aus mir heraus und hat in dem Moment genau das wiedergegeben, was ich gefühlt habe. Und danach? Klar, schlechtes Gewissen…
    Authentisch heißt für mich auch irgendwie mich (sprich meine Gefühle) vor dem Kind nicht verleugnen zu müssen, nur damit ich nicht Gefahr laufe, sein Seelenheil (eventuell) kaputt zu machen. Natürlich bemühe auch ich mich, Ruhe zu bewahren, mir kindgerechte (und integritätswahrende) Worte/Reaktionen zu überlegen und entsprechend zu handeln, aber es klappt halt nicht immer. Da gibt es viele Dinge, die mich dermaßen triggern können… Rein gedanklich will man (frau) ja diejenige sein, die immer den richtigen Ton trifft, die Bedürfnisse des Kindes erkennt, immer richtig abwägt und entscheidet, und trotzdem auch noch liebevoll ihre eigenen Grenzen vermittelt. Tja, darf ich vorstellen: Supermom, der neue Mama-Roboter. Macht immer alles richtig, ist aber nicht echt…
    Ich finde, jeder, der sich alleine schon Gedanken darum macht, wie er/sie mit seinem Kind umgehen möchte, was er ihm vermitteln möchte und der sich um eine ehrliche Beziehung mit dem Kind bemüht, der sich Gedanken um die Wirkung von Worten und persönlicher Sprache macht, macht schon vieles (in meinen Augen) richtiger, als es evtl. eine oder zwei Generationen vor uns getan haben. Ich hoffe, das hilft Dir vielleicht etwas.
    Grüße von einer Mutter mit ebenfalls forderndem Kind („Ich will, dass Du…“)

  4. Danke für diesen Beitrag! Es tut so gut zu wissen, dass man nicht alleine ist mit solchen „Probleme“. Hier sehr ähnlich, nur dass der Altersabstand 25 Monate beträgt und das Erstgeborene ein Junge ist. Der macht es uns mit seinen fast 4 Jahren auch nicht gerade leicht, und seine kleine Schwester muss ganz schön leiden. Seit sie auf der Welt ist habe ich Angst, dass er sie irgendwann umbringt. Das ist Stress pur! Und auch mit den unterschiedlichen Bedürfnissen der beiden, wie oft denke ich, was ich mit dem einen Kind jetzt alleine schönes machen könnte, aber mit beiden zusammen einfach nicht hinkriege usw. Wird es irgendwann besser?

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