Schlechtes Gewissen revisited

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Eigentlich immer.

Ich sitze hier, und müsste mich eigentlich auf meine Modulabschlussarbeit konzentrieren. Aber ich kann es nicht, weil ich Nachrichten über die Ströme von Zufluchtsuchenden lese. Weil ich auf Facebook über die Zustände in der Ernst-Gruber-Halle lese, über die eine Freundin berichtet:

So etwas Beklemmendes habe ich noch nicht erlebt. Über 450 Zufluchtsuchende sind zur Zeit in der Ernst-Grube-Halle. Sie liegen auf ihren Liegen. Alles was sie besitzen in einer Tasche, die gleichzeitig als Kissen dient. Alles wirkt sehr provisorisch: Bauzäune trennen grob die Liegen, Essensausgaben dauert 2 Stunden, zum Essen stehen 13 Bierzelttische zur Verfügung. Es gibt 10 Toiletten, es gibt 10 Duschen – für 450 Menschen. Es gibt keine Kühlmöglichkeiten, keine Kochmöglichkeiten, keine Waschmöglichkeiten. Wäsche wird per Hand gewaschen und auf den Bauzäunen getrocknet. Jeder Zufluchtsuchende hat einen Laufzettel, egal ob Essensausgabe oder Kleidespende, alles wird abgehakt. Die Menschen stehen an für Kleiderspenden oder fürs Handy aufladen. Die gesamte Struktur und Organisation wird von Ehrenamtlichen geleistet – es gibt nur EINEN Hauptberuflichen in der Ernst-Grube-Halle. Es zeigt sich an so vielen Stellen wie katastrophal die Kommunikation der Landesdirektion ist.

Weil mir das Kotzen kommt, angesichts der Zustände in diesem Land, in dem Unterkünfte für Schutzsuchende abgebrannt werden. Weil ich immer dieses „Da muss man doch was tun“-Gefühl habe… Also suche ich Sachen zusammen, zum Spenden. Und fühle mich schuldig, weil ich nicht mehr tun kann. Oder will? Können wir nicht vielleicht doch eine Familie aufnehmen, hier bei uns? Haben wir nicht genug – viel zu viel – Platz?

Ich fühle mich schuldig, weil meine „Probleme“ im Vergleich zu denen dieser Menschen so erbärmlich erscheinen. Aber ich kann nicht raus, aus meiner Haut; kann nicht einfach raus, aus diesem, aus meinem Leben. Ich werde das Gefühl nicht los, in diesem Leben nur schuldig sein zu können, zumindest wenn man im privilegierten Teil dieser Erde lebt. An uns allen klebt Schuld, denn wir tragen dieses kaputte System mit und wir profitieren ständig davon. Wir supporten es durch unsere Art zu konsumieren, zu arbeiten, zu leben. Selbst wenn wir versuchen, dagegen zu sein oder uns rauszuhalten, machen wir mit. Ich fühle mich schuldig, denn ich fühle mich dafür (mit-)verantwortlich. Manchmal denke ich, das einzig halbwegs richtige oder zumindest weniger falsche, was man in diesem System tun kann, ist die Missstände zu thematisieren, aufzudecken, die Fahnen hochzuhalten und den Menschen immer wieder auf’s Brot zu schmieren:

NEIN! ES IST NICHT OKAY WIE ES IST!

Deshalb studiere ich „was mit Gesellschaft“.

(…)

Ich kann nicht raus, aus meiner Haut; kann nicht raus, aus diesem, aus meinem Leben.

In meinem Darm wütet jetzt wieder das Tier, das mir alle Energie abzieht, von der doch eh ätzenderweise nur so verdammt wenig da ist. Ich habe täglich starke Durchfälle mit Magenkrämpfen, Blut und allem drum und dran. Es ist kein schönes Thema, aber ich habe mich daran gewöhnt, darüber zu reden. Immer scheiß Durchfall haben, das bedeutet extreme Unsicherheit. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich kein Klo in der Nähe habe. Ich habe 2008 monatelang das Haus nicht verlassen, hatte Angst, einkaufen zu gehen, zu essen, unter Leuten zu sein. Jeder Schritt und schon das Aufstehen war eine riesige Hürde. „Schwere Agoraphobie“ – unspezifische Angststörung – wurde damals diagnostiziert und sowas wie therapiert. Ich bin mit meiner Therapeutin einkaufen gegangen. Ich musste das wieder lernen. Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, wenn man nicht zumindest einmal im Leben eine schwere Magen-Darm-Grippe hatte. Was macht man da? Zuhause bleiben. Und was macht man, wenn das einfach nicht mehr aufhört? … Eben! Ich bekomme Schweißausbrüche, wenn ich in der Bahn sitze, wenn ich im Wartezimmer beim Arzt bin, an der Kassenschlange, im Seminar, auf dem Spielplatz. (Warum gibt es so verdammt wenig Spielplätze mit Toiletten? Schon mal aufgefallen? )Ich hasse es, Referate zu halten, obwohl ich eigentlich gut reden kann und fragt nicht, wie es war, in diesem Zustand als Frontfrau auf der Bühne Konzerte zu absolvieren.

Ich hatte den Chrohn seit 2011/12 (ungefähr) ganz gut im Griff, mit den entsprechenden Medikamenten. Die Medikamente wirkten, indem sie das Immunsystem unterdrückten. Die Nebenwirkung war, dass ich ständig irgendwelche Infekte hatte. Der Darm hat sich beruhigt, ich habe die Tabletten abgesetzt und gehofft, die „Remission“ so halten zu können. Hat offenbar nicht geklappt. Ich will nicht zurück in den Zustand von 2008, schon wegen der Kinder.

Und so bin ich wieder beim Thema: Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich gerade (mal wieder) nicht so kann wie ich will. Ich habe den Kindern gegenüber Schuldgefühle, die mich auffressen, weil ich gerade kaum noch Unternehmungen mit ihnen mache. Ich schaffe es einfach nicht, die Energie fehlt. Ich bin immer müde. Ich habe Schuldgefühle, weil ich gereizt bin und zu schnell aus der Haut fahre, weil ich nicht bei der Sache bin. Ich habe gerade zu wenig Geduld. Ich habe K. gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil er mir so viel abnehmen muss. Meine depressiven „Ich will nicht mehr“-Gedanken überfallen mich wieder regelmäßiger und unnachgiebiger.

Ich kann mir nicht einfach abnehmen, dass es mir vielleicht wirklich nicht gut geht und ich eine Pause brauche. Ich bilde mir ein, ich müsse/könnte mich doch zusammenreißen. K. ist schließlich auch am Limit. Und überhaupt: Andere Menschen haben viel größere Belastungen zu schleppen… (siehe oben) und können sich nicht einfach rausnehmen, schlapp machen.

(…)

Sie laufen hunderte von Kilometern, mit ihren Kindern, teilweise selbst todkrank. Sie kommen wochenlang ohne Essen aus. Sie haben Angehörige und Freunde verloren. Sie gehen irgendwohin, in die Fremde, lassen ihr Zuhause, ihre Sachen zurück und wissen nicht, ob sie jemals wieder zurückkommen werden. Ihnen geht es verdammt, verdammt beschissen.

Und ich? Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil meine Kinder vielleicht zu viel fernsehen und weil sie zu viel Mist in sich reinstopfen. Mich beschäftigt, was ich ihnen zum Geburtstag schenke; ob das, was wir mit ihnen machen und so, wie unser Alltag ist, gut ist und welche Route wir im September nehmen, um in den Urlaub zu fahren. Und ja, das sind Dinge, die mich wirklich stark beschäftigen. Ich engagiere mich für eine Verbesserung der Kinderbetreuungssituation anstatt für Zufluchtsuchende. Dabei sind das verdammt nochmal First. World. Problems. Oder?

(…)

Vor kurzem las ich  den Artikel „Suche Urlaub, biete Kinder“ von Jonas Ratz und erkannte unsere Gedanken darin zum Teil wieder. Gleichzeitig dachte ich: First. World. Problems. Und dann las ich die Kommentare. Das ist zum Teil echt harter Stoff. Beispiele gefällig?

Wie haben es meine Eltern nur damals geschafft mit drei kleinen Kindern zwischen denen jeweils nur ein Jahr lag jedes Jahr in ein Appartment (ohne Nachbarn, ohne Kidsclub, ohne Hörnchenbuffet (und schmieren)) am Stand zu fahren.

Kann es sein, das Frederick ein sozial unverträgliches, verwöhntes kleines Balg ist?

jeder bekommt die kinder, die er verdient, bzw. die er sich heranzieht.

Oh man, wann kommt der Bus? Sind all diese überaus witzig gemeinten, kokett-mitleidhaschenden Kinder-machen-alles-anders-aber-wir-machen-alles-mit-Berichte eigentlich von ein und der selben Person geschrieben? Bla bla bla…

Wenn man seine ganze Freizeit in die Bespassung der Sprösslinge steckt und jeder Schrei und jedes Klagen im Elterngesprächskreis thematisiert…wird auch so ein Urlaub nicht gerade zur Erholung….selbst Schuld..behaupte ich da mal.

Und besonders… äh, ja… lest selbst:

Es ist schier unmöglich den Kreischgören zu entfliehen. In den Ferienmonaten sowieso nicht. In der Nebensaison wird man von der Altersgruppe 0-5 gequält, deren Eltern mit Ohren Blagen meinen sie Urlaubsorte zu bevölkern und zwar in den Urlaubsländern. Nord- und Ostsee dafür nicht gut genug.

Was ich da rauslese – ist neben hochgradigem Arschnasentum – das Verbot, sich zu beklagen. Das ist irgendwie sozial unerwünscht. (Ein ähnliches Phänomen kann man z.B. im Kommentarbereich eines Artikels zum Thema Bachelorarbeit lesen.) Leute, die darüber schreiben, was ihnen in ihrem Leben Probleme macht, werden als Heulsusen abgestempelt. Man soll sich mal nicht so anstellen. Früher war es ja viel härter und andere haben echte Probleme, also soll man doch bitteschön mal den Rand halten. Und irgendein Teil in mir blafft mir genau das ins Gesicht, wenn das „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“-Lamento losgeht. Ich habe eine ganze Troll-Kommentatoren-Elite in meinem Kopf! Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht stärker bin, nicht einfach durchziehe, nicht souveräner bin. Und ich fühle mich schuldig, weil ich mich schuldig fühle. Ich habe das Gefühl, kein Recht dazu zu haben, die Dinge anstrengend zu finden, weil sie im Vergleich so nichtig sind.

Ich weiß gar nicht, welchen Maßstab ich da anlege….. Ey! Inside! Wann wäre denn ein „sich schlecht fühlen“ genehmigt? Wehen und Geburt zum Beispiel? Das war schon – quasi objektiv – hart und schmerzhaft. Und da hast du auch nicht rumgenervt, mit deinen Vorwürfen und deinem Runtergemache. (Obwohl das Arschnasentum wahrscheinlich selbst in dem Bereich noch was anzumelden hätte – früher gab‘ schließlich auch keine PDA und überhaupt…) Also muss es offensichtlich schon zumindest existenziell sein, damit der Antrag auf Lamento von meinem inneren Verwaltungssystem durchgewunken wird. Arschloch-Ich, echt.

Ich komme mit mir selbst nicht überein. Wie stehe ich nun zum „Lamentieren“? Sollte ich mich mehr zusammenreißen, Zähne zusammenbeißen, die Dinge für mich behalten? Ist es anmaßend, sich schlecht zu fühlen, wenn es einem insgesamt aber immernoch so viel besser geht als so vielen Anderen? Ich will dieses Vergleichen nicht! Das ist doch sinnlos. Aber es passiert mir trotzdem immer wieder, ist ein Selbstläufer.

Ich erinnere mich, dass ich diesen Blog angefangen hatte zu schreiben, weil es mich echt deprimierte nur von Eltern zu lesen, die das ganze Elternsein scheinbar mit links wuppen. Ich hab mein Arschloch-Ich überwunden, das mir auch da flüsterte: „Alter, worüber beschwerst du dich eigentlich? Alle Menschen kriegen Kinder, das ist das normalste der Welt. Komm mal klar!“, weil ich zeigen wollte (und dafür eintreten wollte!), dass es auch Menschen gibt, denen das alles nicht so leicht fällt. Mir fällt das ganze scheiß Leben nicht leicht, ich finde es total anstrengend, Mensch zu sein. Und irgendwie finde ich es nicht richtig, immer preußisch die Zähne zusammenzubeißen, „das Unbehagen der Kultur“ (Freud) runterzuschlucken, hinzunehmen, weiterzumachen. Die Impulse – das Erschöpftsein, der Ärger, die Wut, die Traurigkeit, die Aggression – verschwinden ja wahrscheinlich nicht einfach, wenn man sie wegdrückt. Vielleicht lagern sie sich irgendwo in einem ab und bilden Geschwüre. Indem man solche Gefühle zulässt und äußert, betreibt man irgendwie auch aktiv Abbau, Seelenhygiene, quasi. Es wäre vielleicht schön, wenn ich positiver wär und ich arbeite dran, irgendwie. Aber ich kann die Gefühle und Gedanken nicht einfach löschen. Ein anderer Teil in mir findet es nach wie vor auch gut, ehrlich zu zeigen, dass es nicht nur honigkuchige Einhornmenschen gibt, die alles immer super-dufte finden oder knallharte Durchzieher, die mit allem super zurechtkommen. Und wenn’s nur dazu gut ist, dass sich die anderen Esel und Heulsusen da draußen nicht ganz so allein fühlen. Und für meine Seelenhygiene.

9 Kommentare zu “Schlechtes Gewissen revisited

  1. Man, wir sollten uns irgendwann echt mal treffen. Schon wieder (!) ein Beitrag von Dir, der mir sowas von aus dem Herzen und aus der Seele spricht. Der von mir sein könnte, wenn ich nur so toll schreiben könnte wie Du oder den Mut dazu hätte. Es stimmt alles – nur meine Krankheiten bzw. körperlichen Symptome sind vielleicht andere. Danke, dass Du „öffentlich“ einen auf Heulsuse machst und uns teilhaben lässt, mich, die auch oft nicht weiter weiß und die Schnauze voll hat – und weiß, dass sie auf hohem Niveau jammert. Jammern ist unerwünscht, wir sollen uns jeden Tag freuen und alle anderen Gefühle unterdrucken. Das geht aber nun mal nicht. Ich freue mich jetzt schon auf Deinen nächsten Beitrag!

    • Ehrliche und bewusste Menschen können das gar nicht…alle anderen Blender, die uns ständig vormachen wie „untough“ wir doch sind, haben nicht den riesigen geistigen Horizont wie wir. Wir erschöpfen uns auch oft, indem wir unsere Energie verpulvern und selbst zu beschimpfen, anstatt unsere Schwächen zu akzeptieren. Blenderpersönlichkeiten -so nenne ich sie immer liebevoll ;) – denken gar nicht so viel wie wir. Aber denken ist unsere Stärke, Waffe und unser Werkzeug!

  2. Kinder erziehen ist hart und man darf sich beklagen! Jeder trägt das Leid, was er tragen kann, wenn Mutter einer Flüchtlingsfamilie wärst und du jetzt auf der Stelle losrennen müsstest, würdest Du es tun. Tagelang! Man aktiviert die Kräfte, die man seinen Lebensumständen entsprechend aktivieren muss. Ich mach das ja eigentlich ungern, aber vielleicht hilft es Dir jetzt ein wenig:

    https://fraeuleinbrainbird.wordpress.com/2015/08/20/das-ding-mit-der-energie-und-wie-wir-damit-umgehen/

    In der restlichen Zeit akzeptierst Du, dass Du auch Deine Grenzen hast, dabei ist es unerheblich was dazu geführt hast, dass Du sie erreicht hast. Wärst Du eine Syrische Mutter, hättest Du Deine Probleme vielleicht nicht, aber andere. Es geht sich alles im allen um die eigene Energie.

    Ich grüße Dich lieb

  3. Ins Schwarz getroffen! Danke für so viel Ehrlichkeit! Auch das braucht ein Leben. Und wer keinen Grund zum jammern hat, der findet einen. Man schaue die Welt an. Ich halte an meinen kleinen Luxusproblemchen gerne fest. Ich hatte schon ernsthaftere, größere. Die waren aber nicht leichter und auch nicht schwerer zu handhaben.Wie fraeuleinbrainbird sagte – je nachdem was gerade gebraucht wird, hat man Energie über. Oder nicht. Ich hoffe auf ewig, nur über Luxusprobleme jammern zu dürfen. Bezüglich meiner Kinder. Wenn sie nicht schlafen wollen, das hundertste Mal einen Schluck Wasser wollen, die Bastelschere die falsche Farbe hat, das TShirt in der Wäsche zum Weltuntergang aufruft usw. Ich verliere tausend mal die Nerven. Nicht gerne, aber so ist es nunmal. Um am Ende des Tages einfach nur dankbar zu sein, dieses Leben zu haben. Bastelscheren in verschiedenen Farben um Honigkucheneinhörner auszuschneiden. Wasser, dass aus der Leitung kommt, trinkbar, mit jedem Schluck.
    Und ich glaube ganz fest daran, das das den Unterschied macht. Du weißt, das du ein gutes Leben hast. Ich weiß, dass ich ein gutes Leben habe. Das heißt nicht, dass es immer mit Tütü und Seifenblasen und Konfetti zugeht. Das heißt auch, dass dieses in erster Linie sorgenfreie Leben ziemlich viel mit sich bringt, für das man genauso Kraft, Energie und Nerven braucht. Auch das schönste Leben darf und muss zwischendurch einfach mal kackehart sein. Zum Verzweifeln. Und nicht immer machbar sein. Es muss. Um weiter zu kommen. Neue Grenzen zu finden. Zu wachsen. Und um zu wissen, was „gut“ bedeutet.

    Mit dem Crohn sowieso. Da sind Kacktage vorprogrammiert. Ist klar oder? Und ob mit oder ohne – das Recht mit dieser Welt, diesem Leben, diesem Tag nicht klar zu kommen steht dir absolut zu. Immer!

    Hab ich schon Danke für diesen tollen Blogeintrag von dir gesagt? Nein? Danke :D

    Glitzergrüße

    Mine

  4. Pingback: #bloggerfuerfluechtlinge | BABYKRAM & KINDERKACKE

  5. Ich habe mal einen Beitrag gesehen (es ging eigentlich ums Coming Out), da meinte die Sprecherin, es gäbe kein „Schwieriger“ oder „Komplizierter“.
    Es gibt nur schwierig! Es gibt nur kompliziert! Es gibt nur Dich mit Deinem Leben und Deinen Problemen. Und wenn es Menschen gibt, die das mit links weg stecken, dann ist das verdammt nochmal egal für Dich. Denn Dein Problem wird dadurch nicht geringer. Im Gegenteil, wächst der Druck, verhärten sich auch Probleme.
    Auf Deinen/unser aller Fall bezogen heißt das, wir können nichts dafür, dass wir als Weiße in Deutschland geboren wurden. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir ein priviligiertes Leben führen. Natürlich können wir etwas für Andere tun, unsere Hilfe anbieten wo wir welche zu geben habe. Aber wenn wir dazu aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, obwohl andere das doch scheinbar mit links nebenher machen (Kindererziehung) oder wieder andere es offenbar noch schlechter haben, dann müssen wir lernen das zu akzeptieren. Es gibt nur uns und so viel wie WIR geben/leisten können.
    Natürlich klingt das jetzt erst einmal anmaßend. Wie können wir unsere Probleme mit denen von Flüchtlingen vergleichen. Aber wenn uns unsere Probleme und unser Leben von innen auffressen, wie sollen wir dann für andere da sein. Du bist gesundheitlich angeschlagen und hast zwei kleine Kinder. Du hast alles Recht zu sagen, dass Du eine Auszeit brauchst, dass Du Dich zurücknehmen musst und jetzt nicht noch ehrenamtlich irgendwo helfen kannst. Du bist schnell gereizt und stehst kurz davor, Dich erneut zu Hause einzuigeln schreibst Du. Bevor Du jetzt an andere denkst, frage Dich doch mal, ob nicht Deine Kinder auch ein Recht darauf haben wohlbehalten aufzuwachsen, genauso wie es die zahlreichen Flüchtlingskinder haben sollten. Haben nicht auch Deine Kinder ein Recht darauf geliebt und mit Respekt behandelt zu werden? Kannst Du vor allem letzteres noch garantieren, wenn Du zusätzlich zu Uni, Ehrenamt und Krankheit jetzt auch noch in der Flüchtlingshilfe tätig wirst? Wie willst Du denn Anderen helfen, wenn Du nicht mal das Gefühl hast, Dir selbst helfen zu können?

    Das soll jetzt um Himmels Willen kein Appell gegen Hilfeleistung sein! Ich teile Deine Gewissensbisse in jedem Punkt. Ich bin mit der Uni fertig, stehe gerade zwischen den Stühlen und habe nur zwei mal die Woche feste Verpflichtungen. Ich möchte mir an den anderen drei Werktagen ein zweites Standbein aufbauen. Angesichts der katastrophalen Lage wäre es aber sicher „sinnvoller“, meine Zeit lieber anders einzusetzen. Aber was ist dann mit meiner Zukunft? Leben am Existenzminimum macht keinen Spaß. Soll ich mich selbst da raus wuppen, oder doch lieber andere? Für beides reicht scheinbar die Kraft nicht (und die Zeit sowieso nicht). Aber eigentlich kann man doch ein Leben wie wir es führen nicht mit einem Leben am „richtigen“ Existenzminimum (bzw. sogar darunter) vergleichen, wie es die zahlreichen Flüchtlinge jetzt erleben.
    Wir leben zu viert auf 47qm. Das ist klein. Das ist verdammt klein. Vor allem in einer Großstadt, wo man die Kinder nicht einfach so vor die Tür schicken kann. Nun können wir evtl. in eine größere Wohnung. 3 Zimmer, 91qm. Für uns unvorstellbar viel Platz! Wir wissen noch nicht ob es klappt, dennoch hadere ich jetzt schon wieder mit mir. Sollen wir eine Flüchtlingsfamilie mit rein nehmen (so es der Vermieter denn überhaupt erlaubt…)? Aber haben wir es nicht auch mal verdient, uns nicht ständig auf die Füße zu treten? Wir hätten dann zwar immer noch mehr Platz, aber wieder nur zwei Zimmer. Die Wohnung gibt das jedenfalls her. Eines der Zimmer ist nach der Sanierung so angelegt, dass man eine Einliegerwohnung (ohne Klo allerdings) draus machen könnte. Aber darf man in Anbetracht der aktuellen Lage überhaupt so egoistisch sein und auch das dritte Zimmer für sich beanspruchen? Darf ich sagen, ich nutze es lieber als meine Werkstatt, statt es anderen zu geben? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht! Und es beschäftigt mich jeden verdammten Tag – nicht nur in Bezug auf die Wohnung.
    Manchmal denke ich, ja man darf! Man muss sogar! Wir schwimmen alle in einem Haifischbecken und müssen sehen, wie wir uns über Wasser halten. Schwimmen wir oben, sollten wir uns die Hände reichen. Aber zieht es uns mal runter, dann müssen wir auch das Recht haben, uns nur um uns selbst zu kümmern. Schwierig ist nur zu entscheiden, wo wir eigentlich schwimmen. Obwohl ich oft denke, dass es mich gerade wieder verdammt nach unten zieht, ist da immer noch die kleine Stimmer die mir sagt, schau Dich doch um in der Welt, Du schwimmst verdammt noch mal oben!
    Und auf was höre ich jetzt? Kopf oder Bauch?

    • Danke für den ganz langen Kommentar. Gerade der Punkt mit dem „muss/kann das jetzt auch noch sein?“ (Engagement Flüchtlingshilfe vs. eigene Kinder) trifft einen Punkt, der in meinem Hinterkopf rumgefressen hat, was ich aber auch erst wirklich jetzt gemerkt habe, als du es laut ausgesprochen hast. Tatsächlich merke ich aber: Es ist jetzt zeitlich zwar echt viel (Praktikum, Hausarbeit schreiben, Engagement + Familie), klar. Aber ich FÜHLE mich besser. Denn genau, dass ich zum Praktikum gehen und mich engagieren wollte, hat mich auch dazu gebracht, aus meinem Depri-Sumpf rauszukommen, zum Arzt zu gehen und meinen Schub direkt medikamentös zu behandeln, anstatt es auszusitzen. Und ich fühle mich besser. Vielleicht ist das neurotisch, aber wenn ich nur dasitze und denke „da müsste man doch was tun, aber…“ fühle ich mich kacke. Wenn ich aber tatsächlich tue, was ich relativ ohne Probleme leisten kann – und großen Aufwand bedeutet es tatsächlich nicht, halbe Stunde am Tag vorm Rechner vielleicht -dann fresse ich weniger an mir selbst rum, bin ausgeglichener, sowas wie okay mit mir und dadurch auch cooler mit den Kids. Und das ist ja gut.

  6. Pingback: Sie flüchten. Wir flüchten. Kein Sicherheit. Nirgends. | BABYKRAM & KINDERKACKE

  7. Du hast wirklich eine wunderbare Art deine Gedanken zu formulieren und damit genau die ganzen Glaubenssätze auszusprechen, die unsere ganze Gesellschaft durchwabern. Aber mal ganz ehrlich: Das letzte, was du haben musst, sind Schuldgefühle. Ja, es gibt Menschen auf der Welt denen es schlechter geht. Aber sollst du dir den Strick deshalb nehmen? Helfen irgendwem deine Schuldgefühle? Nein. Du machst einfach mit deinem Kram weiter. Das bedeutet, dass du, wenn du etwas der Gesellschaft geben kannst, es gibst. Punkt. Das wars. Mehr musst du nämlich nicht tun.
    Mir gehen diese Arschnasen auch total auf die Nerven. „Wir sind durch 10 Meter hohen Schnee zur Schule gelaufen, bla bla.“ Neulich habe ich gelesen, es sei eine Sache der Einstellung, ob man bei der Geburt Schmerzen hat. Ja klar. Also ist man am Ende noch selber Schuld wenn man Schmerzen hat, oder was?! Man muss sich ja echt nicht jeden Schuh anziehen, oder?

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