Sie flüchten. Wir flüchten. Keine Sicherheit. Nirgends.

Vielleicht denken einige von euch „Jetzt kommt die schon wieder mit dem Thema, ich kann’s nicht mehr hören.“ Ich kann es auch nicht hören und vor allem nicht mehr sehen, aber ich kann auch nicht lassen, darüber nachzudenken und ich kann mir nicht mehr zugestehen, nicht hinzusehen.

Ich kann es einfach nicht ab, in einem Land zu leben, das mitmacht in einem Zusammenschluss von Staaten, der so mit Menschen umgeht, wie es gerade, nein, eigentlich schon ewig, passiert. Es wird nur gerade so offensichtlich, so unübersehbar, weil die Massen von Geflüchteten vor unseren Haustüren und in unseren Urlaubsregionen ankommen, unter anderem weil der Winter ansteht und die Menschen versuchen, vorher noch nach Europa zu kommen und weil die Lage in den Krisenländern aussichtsloser wird (> lesenswerter Artikel dazu von adopt a revolution, eine Organisation, die friedliche syrische Aktivisten unterstützt: Warum kommen gerade so viele Geflüchtete nach Europa?) Wir können nicht mehr wegsehen. Wir können nicht mehr weitermachen wie bisher, uns unsere Wänste in unserem Wohlstandsland fettfressen und so tun als ob uns das alles nichts angeht.

Derzeit befinden sich weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl, die jemals von UNHCR verzeichnet wurde. Und sie wächst weiter. 2014 wurden 13,9 Millionen Menschen zur Flucht getrieben – viermal so viele wie noch 2010. Jeden Tag machten sich durchschnittlich 42.500 Menschen auf den Weg auf der Suche nach Frieden, Sicherheit und einem neuen Leben. (Quelle UNO)

Und hey, das ist ja ein Blog über Familienthemen, also:

Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

Dreißig. Millionen. Kinder.

Kinder, wie dieses hier:

osman sagirli

Ich habe mich in den letzten Tagen in die Syrien- bzw. Flucht-Thematik verstiegen, versucht zu verstehen und die ganzen kleinen und großen Details, auf die ich stoße, bereiten mir Magenschmerzen.

Da ist dieser wahnsinnig authentische Film vom 24-jährigen Durchschnitts-Generation Y’ler Hubertus Koch, der für 2-3 Wochen nach Syrien fuhr, um als Dokumentarfilmer ein Hilfsprojekt mit der Kamera zu begleiten und der so eindrücklich und unglaublich nah vermittelt, dass und wie seine Welt erschüttert wurde durch das, was er in Syrien erlebt hat. Die Welt braucht mehr Menschen, die solche ehrlichen Dinge schreiben, drehen, erzählen… Viel mehr!

 

Da ist Aylan Kurdi, dessen Bild mich mehrmals zum Heulen brachte und mir auf einen Schlag so deutlich klar machte, dass das Grenzregime der EU ein verdammt großer Teil des Problems ist.

Da ist die EU-Richtlinie 2001/51/EG, durch die Fluggesellschaften Unterkunft, Rückflug, Versorgung von Menschen bezahlen müssen, die sie – ohne Visum – in ein EU-Land transportieren und (!) die dann abgewiesen werden, denen Asyl nicht gewährt wird. Der letzte Punkt ist wichtig, denn Menschen aus Syrien wird in der Regel Asyl gewährt, d.h. die Fluggesellschaften müssten hier nichts befürchten und könnten diese Menschen einfach mitnehmen. Wenige hundert Euro kostet ein Flug von der Türkei nach Deutschland. Aber die Fluggesellschaften nehmen niemanden ohne gültiges Visum mit, denn dann müssten sie genauer/anders kontrollieren, wer da in die Flieger steigen will… Politische Entscheidungen würden dann quasi am Boarding-Schalter stattfinden, von Menschen, die damit eigentlich nichts am Hut haben. Also verweigern die Fluggesellschaften allen die Möglichkeit der sicheren Flucht und überlassen sie dadurch den Schleppern, den Gummibooten, dem Mittelmeer, den verriegelten LKWs, den verschlossenen Kisten, den Frachtern, den Kofferräumen. Warum gibt es keine Proteste, die die Fluggesellschaften aufruft, Zufluchtsuchende mitzunehmen??? Warum boykottiert niemand das Fliegen, wenn daran nichts geändert wird? Es macht mich krank, dass die einen auf dem Weg von der Türkei nach Deutschland vor allem die Frage beschäftigt, ob sie Menü 1 oder 2 wählen, während die anderen sich in Lebensgefahr begeben. Während Familien mit Kindern im Alter meiner Kinder mit unsicheren Booten versuchen nachts über’s Mittelmeer zu kommen und danach, falls sie es geschafft haben, tage- und wochenlang und über weite Strecken zu Fuß versuchen, sichere Länder zu erreichen, über Berge, in der prallen Hitze, teilweise ohne Schuhe, ohne Kleidung, ohne Essen, ohne Wasser… Auf der selben Route über’s Mittelmeer, die das Boot von Alyan und seiner Familie genommen hat, fahren täglich Fähren. Kinder unter 6 Jahren fahren kostenlos mit. Es ist so unglaublich, so – entschuldigt das Pathos! – beschämend für die Menschheit, dass sowas geht! Das sind doch alles Menschen! Es ist so unbegreiflich, dass alles das passiert und ich bin hier und habe das Gefühl, überhaupt nichts daran ändern zu können. Ich kann, ich will aber keine „Mein Arsch an meine Wand“-Haltung einnehmen! Mir geht das nicht am Arsch vorbei, sondern verdammt nah.

Da ist das Dublin-Verfahren, das regelt, dass Asylsuchende sich in dem europäischen Land registrieren lassen und um Asyl bitten müssen, das sie zuerst betreten, was schon für einen Laien ganz offensichtlich nicht hinhauen kann, gerade auch vor dem Hintergrund der gerade erwähnten EU-Richtlinie. Die einzige Möglichkeit, europäisches Festland zuerst in Deutschland (oder Schweden oder Dänemark…) zu betreten, ist nun einmal das Flugzeug. Da das nicht geht, flüchten die Menschen in den besagten Booten. Eine Freundin, die arabisch spricht und in dem Bereich sehr aktiv ist erzählte mir gestern, dass es eine Facebook-Gruppe gibt, in der Notrufe geteilt werden, wenn Boote kentern, damit die Küstenwache informiert werden kann. Sie meinte, dass jede Nacht mindestens 6-8 Notrufe eingehen. (In diesem Video sieht man, wie diese Flucht per Boot (und das Kentern) passiert… Die Motoren fallen ständig aus, ständig!) Und dann ist das erste europäische Land, das die Menschen erreichen nun einmal Griechenland. (Die haben’s ja eh gerade so dicke…) Also lassen Griechenland, Mazedonien und Serbien die Geflüchteten ziehen, stellen Kurz-Visa aus und umgehen so das Dublin-Verfahren mehr oder weniger. Dann kommen die Fliehenden nach Ungarn. Was da abgeht, ist unter aller Würde…

 

Die Ungarn haben die Grenze nun dicht gemacht und die Polizei geht mit Tränengas und Gummi-Geschossen auf die Menschen los. Ich frage mich ernsthaft, wo die Menschen hin sollen. Griechenland schiebt sie weiter, Mazedonien schiebt sie weiter, Serbien schiebt sie weiter. Ungarn macht zu. Deutschland jetzt auch. Könnt ihr euch vorstellen, wie sich sowas anfühlen muss? Wenn in der eigenen Stadt, im eigenen Land Krieg ausbricht und es plötzlich jeden Tag um Leben und Tod geht? Wenn du dich nicht mehr fragst, ob deine Kinder in den Turnschuhen vielleicht nasse Füße bei dem regnerischen Wetter bekommen oder ob das Jäckchen zu kühl ist, sondern ob ihr – ob sie – den Tag überleben werden? Wenn die Frage nicht heißt „Gehen wir nachher noch auf den Spielplatz oder in den Wald?“, sondern „Wann wird wo die nächste Bombe hochgehen?“? Vielleicht hilft das hier dabei:

 

Und dann fliehst du mit deiner Familie, lässt alles zurück… Fotos, Erbstücke, Wohnung, Möbel, Spielzeug der Kinder, Klamotten…; ihr verkauft, was ihr besitzt, um die Flucht zu bezahlen; ihr gebt alles, was ihr an Geld habt, irgendwelchen dubiosen Typen; setzt euer und das Leben eurer Kinder noch einmal auf’s Spiel, um nach Europa zu kommen und merkt dann, wenn ihr es bis nach Europa geschafft habt, dass ihr nirgends – nirgends willkommen seid. Ihr werdet hin- und her geschoben, rumgeschubst, in Lagern zusammengepfercht, es stinkt, die hygienischen Zustände sind katastrophal, die Menschen behandeln euch abschätzig, wie Tiere… Deine Kinder spielen im Müll…

 

Oder ihr verliert euch

Österreich und vor allem Deutschland hatten eine humanitäre Woche, haben Dublin ausgesetzt und signalisiert, dass die Geflüchteten kommen können. Jetzt kommt die „Rolle rückwärts“. „Nee, könnt doch nicht kommen. Deutschland sei „an seiner Belastungsgrenze“. Wie absurd das ist! Die Menschen sind angesichts dieser Kehrtwende am Boden zerstört! Durch die Signale der Bundesregierung haben sich sehr, sehr viele Menschen auf den Weg gemacht, Ziel Deutschland. Endlich Sicherheit! Endlich Schutz! Endlich Ankommen! Endlich heißt uns ein sicheres Land Willkommen! ENDLICH!!! Merkel hat den Menschen Hoffnung gemacht, sie haben sie gefeiert.

 

Wie kann die Regierung dieses Landes dieses Hin und Her verantworten, um „mal eine Verschnaufpause“ zu haben?!?!? EINE VERSCHNAUFPAUSE!!!! Was ist mit den Menschen, die seit Jahren – in anderen Ländern seit JAHRZEHNTEN – keine verdammte Verschnaufpause hatten, weil sie jeden Tag damit rechnen müssen, dass ihr Haus oder Kind weggebombt wird, unter anderem durch Waffen und Panzer, die Deutschland denen am Abzug verkauft hat?! Was bitte ist mit deren „Verschnaufpause“???

Reisen in oder aus Europa darf man also nur mit Visum. Und wie bekommt man ein Visum? Man muss vor allem nachweisen, dass man Geld hat. Dazu kommt, dass es fast unmöglich ist, in den Botschaften im Ausland Visa zu beantragen. In Damaskus gibt es schon lange keine Botschaften mehr und in der Türkei bekommt man offenbar keine Termine vor Sommer 2016. Die Flucht kostet wahnsinnig viel Geld, das wissen wir nun alle aus den Medien. Aber woher haben die Menschen das? Sie verkaufen alles, was sie haben. Die Familie sammelt vielleicht, wenn überhaupt noch Geld da ist. So war es im Fall von Alyan Kurdis Familie. Da haben viele Menschen gebürgt, damit sie ein Visum für Kanada bekommen. Es wurde ihnen versagt. Begründung? Keine. Willkür. Oder die Menschen arbeiten in Transitländern wie der Türkei und sparen, wo sie nur können. Sie teilen sich manchmal zu 10. ein kleines Zimmer und essen nur, wenn es wirklich sein muss. Und warum kann man nicht von einem anderen Land aus Antrag auf Asyl in einem EU-Land stellen? Man muss es persönlich tun, sich auf dem Boden des Landes befinden, in dem Asyl beantragt wird, seine Fingerabdrücke abgeben. (Ich war gestern auf dem Bürgeramt, um mir einen neuen Personalausweis zu besorgen. Die Dame fragte mich: „Wollen – WOLLEN! – Sie ihre Fingerabdrücke abgeben?“ Ich so: „Hmmmmnööö…“.) Fazit: Es gibt viele Regelungen, die es Menschen erschweren bzw. fast unmöglich machen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig sorgen wir Wohlstandsnationen mit Waffenexporten in Milliardenhöhe mit dafür, dass es in diesen Ländern nicht sicher ist, nicht sicher sein kann und in naher Zukunft auch nicht sicher werden wird. Deutschland wird 2015 etwa 10 Milliarden Euro in die Flüchtlingshilfe stecken… In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden Rüstungsexporte in Höhe von insgesamt 6,35 Milliarden Euro genehmigt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage van Akens hervorgeht. Der Wert ist damit bereits fast so hoch wie im gesamten Jahr 2014. (Quelle) Und dann behauptet die Regierung dieses Landes, dass sie sich die Flüchtlingshilfe nicht leisten können??? Soll das ein Witz sein??? Das ist ja fast ein System der Selbsterhaltung: Unruhen in einem Krisenland > Waffen aus dem Ausland (z.B. Deutschland) > Einnahmen aus Waffenhandel (für Deutschland) in Höhe von 6-12 Milliarden Euro > bewaffneter Krieg im Krisengebiet > Kriegs-Opfer bzw. Lebensbedrohung > zunehmende Flucht aus dem Krisengebiet in reiche, sichere Länder (z.B. durch Waffenexporte) > Ausgaben Flüchtlingshilfe > dafür brauchen wir Geld (zum Beispiel aus Waffenverkauf). Liefert keine Waffen und es gibt weniger Flüchtlinge. Punkt.

Offiziell liefert Deutschland zwar keine Waffen nach Syrien, aber in andere Gebiete im nahen Osten, die früher oder später auch in Syrien landen können. Aber Deutschland beliefert zum Beispiel den Irak. 86 Millionen haben wir (WIR!) allein 2014 an Waffenverkäufen an den Irak verdient. Nicht wenige der Asylbewerber kommen von dort und bitten in Deutschland um Asyl: 10.500 Menschen aus dem Irak haben allein 2015 Asylanträge in Deutschland gestellt. Und dann wird allen ernstes darüber diskutiert, ob aus dem Irak geflüchtete als schutzbedürftig eingestuft werden? In was für einer Welt leben wir eigentlich? Und ja, es werden wohl Waffen in den Irak geliefert, um den Kampf gegen den IS zu unterstützen. Nach Syrien werden aber keine geliefert, obwohl genau das dort auch ein Thema ist. Wie wird das denn begründet? Warum dann diese Ungleichbehandlung? Ach jaaa… In Syrien gibt es ja noch das Assad-Problem.

Genau. DAS Assad-Problem. Denn das ist, was ich früher oder später immer von Menschen aus Syrien höre:

 

Denn was das Assad-Regime dort anrichtet, ist zum Beispiel sowas:

ACHTUNG!!! TRIGGER-WARNUNG!!! DAS VIDEO ZEIGT UNZENSIERTES MATERIAL AUS SYRIEN NACH EINEM GIFTGAS-ANSCHLAG!!!

 

Ja, diese Bilder sind unerträglich. Aber ich kann – genau wie im Fall von Aylan Kurdi – nur denken: Die Menschen MÜSSEN das sehen. Wir MÜSSEN ENDLICH hinsehen, nachdem wir viel zu lange weggesehen haben. Müsst ihr nicht auch an Nazi-Deutschland denken? Habt ihr nicht auch diese Frage im Kopf, warum sich damals nicht mehr Menschen gegen Hitler, gegen sein Regime und vor allem gegen die Judenverfolgung, gegen die Konzentrationslager, gegen die Euthanasie gewehrt haben? Warum haben alle mitgemacht? Warum haben alle weggesehen als Millionen von Menschen erst ausgegrenzt wurden und dann nach und nach verschwanden, die Leichen sich zunehmend in Gruben stapelten und merkwürdiger Rauch aus Arbeitslagern aufstieg? Warum haben sie – verdammt nochmal – nicht hingesehen, was dort passiert??? Wir leben im Jahr 2015, im digitalen Zeitalter globaler Vernetzung. Für uns ist es noch schwerer, nicht hinzusehen. Für uns wird es noch schwerer sein zu rechtfertigen, warum wir weggesehen haben, obwohl wir alle Möglichkeiten hatten, hinzusehen. Ich wiederhole, was ich schon auf meiner Facebook-Seite in Bezug auf den Umgang mit dem Bild des toten dreijährigen Aylan Kurdi geschrieben habe:

Doch, man muss hinsehen. Ich kann es nicht, ohne zu weinen. Und beim Anblick des Kindes ist mir die ganze Wucht, das ganze Ausmaß und das drängende Problem bewusst geworden. Mir wird schlecht, mein Herz krampft und ich will unbedingt, dass sich das ändert! Wir leben in diesem Europa; wir lassen das – SOWAS – zu?! Ich will das nicht! Der Vater selbst sagt, die ganze Welt soll das sehen. Ich kann nicht verstehen, wie hier von Sensationsgeilheit oder von „Geschmacklosigkeit“ die Rede sein kann, warum das zum Thema wird, obwohl es doch um etwas ganz anderes gehen sollte! Warum reden wir darüber, ob man dieses Bild zeigen darf oder nicht, während jeden Tag tausende von Kindern sterben??? Von „Geschmack“ in dem Zusammenhang überhaupt zu reden, das ist geschmacklos! Niemand darf hiervor die Augen verschließen! Ein Kind ist ein Kind ist ein Mensch. (…) SCHAUT! NICHT! WEG! Denn DAS ist die Realität, gegen die wir nicht laut genug etwas unternehmen. Wir hier in Europa hängen da ALLE mit drin!

Und auch dieses so schmerzhaft passende Zitat von Rosa Luxemburg muss ich an dieser Stelle wiederholen:

Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln.

Aber wie kann man diesen Krieg in Syrien beenden? Wie soll das gehen? Die Welt hat bisher eine „Geht uns nichts an“ / „Was sollen wir denn machen?“-Haltung gehabt. Ich hatte die auch. Hubertus Koch ebenfalls… Aber das sind diese Hilferufe aus Syrien. Was sollen, was können wir tun?

Und wir? Wir kümmern uns um die, die es überhaupt nach alle den Strapazen bis hierher schaffen… Um die, die hier eigentlich gar nicht sein wollen. Um Menschen, die nie in die Situation kommen wollten, ihre Heimat verlassen zu müssen.

Ja, große Hilfsbereitschaft in Deutschland. Das ist gut. Die Fremdenfeinde sind nicht die Einzigen hier. Wir wollen helfen. Ich bin Teil von Blogger für Flüchtlinge. 115.000 Euro in 3 Wochen haben wir gesammelt, viele Projekte unterstützt. Die 2500 Euro-Geldsammlung für eine Großbestellung Unterwäsche, die ich organisiert habe, dauerte kaum 48 Stunden, eine weitere offene Sammlung für noch mehr Unterwäsche wird folgen. Als ich meine Sammlung geplant habe, gab es eine Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig für 450 Menschen. Inzwischen sind 2200 Plätze dazugekommen, deshalb sammle ich wieder bzw. weiter, um mehr Unterwäsche bestellen zu können. (Wer sich an der Unterwäsche-Großbestellung beteiligen möchte, kann das hier tun.) Ich sammle Geld für Unterwäsche… UNTERWÄSCHE! Einfach weil das der konkrete Bedarf hier vor Ort ist, der mir kommuniziert wurde und ich wenigstens irgendetwas tun wollte, was akut hilft. Ein Gefühl, dass wahrscheinlich viele haben, die versuchen den Geflüchteten in diesen Tagen irgendwie zu helfen. „Du kannst nicht die ganze Welt retten“ hat meine Mutter nach meinen letzten Blogartikeln gesagt. Ich weiß. Scheiße. Während ich diesen Text hier schreibe, sollte ich eigentlich an einer wissenschaftlichen Arbeit für die Uni arbeiten. Aber ich kann nicht. Ich kann mich einfach nicht darauf konzentrieren. In wenigen Tagen fahren wir in den Urlaub. Nach Kroatien. Über die österreichische Grenze. Ich bin so gar nicht in Urlaubsstimmung. 

#bloggerfuerflüchtlinge hat jetzt jedenfalls das Profil etwas geschärft: Die gespendeten Gelder sollen zukünftig vor allem an Projekte weitergeleitet werden, deren Hilfe im Bereich Kinder und Kommunikation angesiedelt ist. (Ha! Das war die Information, um die es eigentlich in diesem Beitrag gehen sollte…)

Das Helfen hier vor Ort ist gut und wichtig. Aber was ist mit den Ursachen? Es gibt verschiedene Teilgebiete auf dieser riesigen Großbaustelle: Da sind 1. die komplexen Situationen in den Krisenländern. Da sind 2. die Bedingungen, die die Flucht in sichere Länder erschweren und das Flüchten der eh schon mit der Welt fertigen Menschen zum lebensgefährlichen Wagnis machen, das nicht wenige mit ihrem Leben bezahlen.  Und da ist (erst) 3. die Art und Weise wie mit Schutzsuchenden umgehen, die es – trotz aller Hindernisse – tatsächlich bis hierher geschafft haben. Und dann gibt es Unmenschen – nicht wenige! -, die deren Unterkünfte abbrennen. Ich kann das überhaupt nicht fassen… Was muss das für die Menschen bedeuten, die glauben, hier nun endlich wenigstens in Sicherheit zu sein, vorm Feuer?

Denn wenn sie es nach Deutschland geschafft haben, was gut einen Monat oder länger dauern kann, geht die Odysee auch offiziell weiter. Zufluchtsuchende sind den deutschen Behörden ausgeliefert, ihre Würde und ihre Selbstbestimmungsrechte geben sie fast vollständig ab. Sie müssen sich registrieren und werden dann in eine Erstaufnahmeeinrichtung in irgendeinem Bundesland verteilt. Darauf haben sie keinen Einfluss. Dann dürften sie sich von dort für die Dauer der Bearbeitung ihres Antrags nicht wegbewegen (Residenzpflicht). Sie sollen jederzeit erreichbar sein. (Warum zur Hölle gibt es diese Residenzpflicht in Zeiten von Internet und Smartphones, die gerade Geflüchtete in aller Regel besitzen??) … Sie werden ausgestattet, sie werden versorgt. Es ist unklar, wann sie vorsprechen müssen, um ihre private Geschichte zu erzählen, über die dann geurteilt wird. Reicht die Scheiße, die ein Mensch erlebt hat aus, um ihn nicht in die Scheiße zurückzuschicken? In den Einrichtungen haben sie keine Privatsphäre, sie schlafen auf Liegen dicht an dicht oder in Zelten. Sie haben keine Beschäftigung. Das ist wohl eins der größten Probleme… Sie kriegen 140 Euro „Taschengeld“, soweit ich weiß. (Arrrgh, wie mich schon allein diese Begrifflichkeiten rund um das Thema aufregen Flüchtlinge, Taschengeld, … Meine Fresse! Das sind erwachsene Menschen, nicht selten haben sie studiert und in großen Städten wie Damaskus ein „ganz normales“ Leben geführt!) In anderen Ländern wie Ungarn oder Griechenland sind die Zustände in den Lagern noch um einiges schlimmer. Die Zustände dort sind menschenunwürdig.

 

Bei uns ist das vielleicht etwas weniger der Fall, aber es bleibt dennoch so. Bei vielen Asylsuchenden dauert die Bearbeitung der Anträge Jahre. In der Zeit sind die Menschen nicht mehr von Bomben bedroht, aber sie sind de facto auf Standby, was zu Bedrohungen ganz anderer Art führt. Depressionen. Wieder Konflikte. Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

Wir sind eins der reichsten Länder dieser Erde. Wir sind das Land, dass nach den USA und Russland am meisten Geld mit Rüsungsexporten verdient. Und wir sprechen gleichzeitig davon, dass wir den Menschen, deren Zustand wir zumindest mit-verursachen nicht besser helfen können.

Ich wollte eigentlich nur einen kurzes Update zur Blogger für Flüchtlinge-Initiative geben. Nun ist es doch wieder ein Sermon geworden, der kein Ende und keine Lösung hat, nur einen Haufen Schmerz, Wut und Fragen. Ich fühle mich gerade sehr hilflos und sehr ohnmächtig. Und ich habe wirklich eine verdammte Scheiß-Wut auf die Konservativen und Fremdenhasser in diesem Land und in diesem Europa.

Man soll sich ja trauen in Utopien zu denken: Vielleicht wäre eine Umsortierung der Welt entsprechend Gesinnungen eine Lösung. Alles noch einmal auf Start. Menschen, die in Vielfalt leben möchten, zusammen in ein grooooßes Land. Gruppierungen, die unter sich bleiben wollen, in jeweils eine anderes. Sollen sie doch die Grenzen zu machen und in ihrer je eigenen reinen Suppe kochen. Ich will hier nicht nur Weißbrote haben.

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Rousseau hatte Recht:

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.

… bzw. ist es genau dieses territoriale Besitzdenken meiner Meinung nach die Wurzel des Problems.