Von Kindern, die über Esstische laufen (Oder: Erziehung zur Rücksichtnahme?)

Als ich gestern Nacht einen Text für die Uni las*, bin ich auf folgende Anekdote gestoßen, die A.S.Neill offenbar in seinem Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ schildert:

Einmal brachte eine Frau ihr siebenjähriges Mädchen zu mir. „Mr. Neill“ sagte sie, „ich habe jede Zeile gelesen, die Sie geschrieben haben. Und noch bevor Daphne zur Welt kam, hatte ich schon beschlossen, sie genau nach Ihren Prinzipien zu erziehen.“ Ich warf einen Blick auf Daphne, die mit ihren schwarzen Schuhen auf meinem Konzertflügel stand. Sie machte einen Satz auf das Sofa und stieß beinahe die Sprungfedern durch. „Sehen Sie, wie natürlich sie ist“, sagte die Mutter. „Das Neill’sche Kind!“

Neill war das offenbar irgendwie unangenehm. Er kommentiert die Szene in seinem Buch, indem er (sinngemäß) den Unterschied zwischen Gleichwürdigkeit und Verwöhnen bzw. „Freiheit“ und „Zügellosigkeit“ betont:

In einem Heim, in dem Disziplin herrscht, haben die Kinder keine Rechte. In einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Eltern die gleichen Rechte. (…) Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf. Es muss also gehorchen, das stimmt. Doch auch sie müssen ihm gehorchen, wenn es nötig ist. Ich verziehe mich jedenfalls, wenn man mir im Zimmer der kleinen Kinder sagt, ich solle hinausgehen.

Karl Binneberg wiederum, dessen Text ich gerade las, sagt dazu dann (unter anderem):

Wären nämlich (…) allein die kindlichen Absichten und Interessen das Regulativ menschlichen Zusammenlebens, so wäre ein geregeltes Miteinander unmöglich. Ohne gewisse Regeln (…) wäre das Leben mit Kindern wahrscheinlich in der Tat, wie Hobbes es formuliert hat, ’nasty and brutish‘. Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen. Es geht nicht um die Irrlehre von Befehl und Gehorsam, sondern um ein sinnvolles Arrangement von Regeln und Ordnungen.

Und BÄMM – ich bin mittendrin: Da ist sie wieder, diese – meine – ewigste und drängendste aller Erziehungsfragen, dieser ewige Zwiespalt zwischen Regeln und Freiheit. DAS ist der ständige Krampf, der ständige, alltägliche Kampf mit mir, in mir, zwischen mir und meinen Kindern… Und ich weiß nach wie vor oft selber nicht, wie ich dazu stehe, stehen kann, stehen will. Ich bin keine gute Kinder-Diktatorin, jedenfalls will ich keine sein. Ich „arbeite“ gegenüber meinen Kindern nicht mit Auszeiten, nicht mit „Ich zähle bis 3“, ich drohe ihnen nicht und ich benutze nicht die dritte Person, wenn ich mit ihnen spreche („Die Mama hat gesagt“). Ich versuche sie einfach wie Menschen zu behandeln. Ich möchte ihnen nicht einfach irgendwas vorschreiben oder sie andauernd ermahnen. Ich mag mich selbst nicht, wenn ich einen „pädagogischen Tag“ hab, an dem ich feststelle, dass ich sie ständig ermahne und ansonsten eigentlich keine Kommunikation stattfindet. (Bei Grummelmama gibt’s dazu gerade einen passenden Artikel: „Los! Jetzt! Sofort!“.) Ich empfinde ehrliche, tiefe Verachtung und Ekel, wenn ich draußen Menschen bei der Kommunikation mit Kindern beobachte und immer wieder feststelle, wie oft Kinder wahlweise nur im Militärton angebellt oder aber wie Schwerstbehinderte angesäuselt werden. Ich bin inzwischen fast soweit, dazwischen zu gehen, wenn Erwachsene verbal scheiße zu Kindern sind. Noch kriege ich es nicht hin – die Gründe liegen aber eher in grundsätzlichen Hemmungen meinerseits, anderen gegenüber „unangenehm“ zu sein. Aber eigentlich ist es mir ein großes Bedürfnis, den betroffenen Kindern von kommunikativer Gewalt zu zeigen, dass das nicht in Ordnung ist, wie mit ihnen umgegangen wird… (Fraglich nur, was das mit einem Kind macht, wenn seine Mutter von einer fremden Person belatschert wird… und ob das so gut ist. Müsste man mal eine Kosten-Nutzen-Abschätzung machen.)

Ich bin inzwischen Mitglied in der unerzogen-Gruppe bei Facebook. Ich mag die Reflektiertheit der Leute dort, teile viele der Ansichten und mir gefällt die Idee der Gleichwürdigkeit. In der Gruppe routieren (und eskalieren) immer wieder bestimmte Themen, wie zum Beispiel Zähneputzen/Haarekämmen/Waschen, Süßigkeitenkonsum, Konsum grundsätzlich, Fernsehen, Computerspielen, Schlafenszeiten und… Rücksicht auf Andere. Bei den erstgenannten gibt’s verschiedene Sichtweisen. Einige setzen hier tatsächlich auf totale Freiheit, sprich: Selbstregulierung. Die Kinder können fernsehen oder Süßkram essen, wann und wie viel sie fernsehen wollen und sie gehen pennen, wann und wie sie das wollen. Viele versuchen sich an einem Zwischenweg, einige trauen sich nicht so richtig usw. Ich kann mich nicht so richtig entschließen.

Ich habe das mit der Selbstregulierung in Sachen Fernsehen und Süßigkeiten mit P. versucht. Aber es führte dazu, dass sie wirklich unheimlich viel und regelmäßig geglotzt hat und Unmengen Süßkram gegessen hat. In Sachen Fernsehen machte ich einen Rückzieher nachdem P. nach einem 4-5-Stunden Glotz-Marathon an einem Sonntag vor geraumer Zeit völlig durchdrehte, keine Kommunikation mehr möglich war, sie nur noch wütete und weinte und der gesamte Sonntag (inklusive unserer Familie) vollkommen… im Arsch war. Ich habe für mich (und uns) in diesem Moment beschlossen: Das geht so nicht. Das will ich nicht. Ich habe daraufhin mit P. besprochen und meinen Verdacht geteilt, dass die schlechte Stimmung mit dem vielen Fernsehen zusammenhing und wir haben gemeinsam beschlossen, unsere alte Kontingent-Abkreuz-Liste wieder einzuführen: Sie darf 5 Mal in der Woche gucken, jeweils zwei Folgen. Und wenn sie geguckt hat, macht sie Kreuzchen auf der Wochenliste. Wenn das Kontingent alle ist, ist es alle. Das klappt ganz gut und von der Regelung bin ich überzeugt. Manchmal ist sie genervt davon, aber im Großen und Ganzen läuft das. Ich bin überzeugt, weil ich an diesem Sonntag für mich entschieden habe, dass ich zu viel Fernsehen tatsächlich für schädlich halte, dass Fernsehen süchtig machen kann und ich meine Tochter hier regulieren möchte und muss, damit sie dem nicht ausgeliefert ist. Auch beim Schlafengehen haben wir mehr Selbstregulierung versucht. (Unsere Kinder gehen ohnehin recht spät ins Bett, im Sommer selten vor 21:30.) Hier fahren wir jetzt so ein Mittelding, glaube ich. Momentan regulieren wir wieder etwas mehr, was heißt: Wir sagen irgendwann schon „Lasst uns jetzt mal langsam ins Bad gehen.“ P. kann dann aber nachkommen, wenn sie soweit ist. Wir gehen dann mit T. schon vor. Meist klappt das. Bei den Süßigkeiten ist das schon schwieriger. P. ist echt ’ne Zuckerschnute. Sie kann in der Tat Unmengen an Süßigkeiten essen und tut das auch. In der Gruppe laufen die Diskussion meist auf den Kern zu, dass man sich fragen und für sich entscheiden muss, inwiefern man Zucker tatsächlich für gefährlich hält. Studien gibt’s sowohl in die eine als auch für die andere Richtung. Keine Wissenschaft der Welt wird das eindeutig beantworten können. (Davon abgesehen glaube ich nur bedingt an die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungstheorien, sondern weil Wissenschaft meiner Meinung nach keine 100%-Aussagen über die Wirklichkeit treffen kann. Wissenschaft ist nie mehr als Wahrscheinlichkeitsrechnung, allgemeine Aussagen, die mit dem Einzelfall niemals übereinstimmen, insbesondere wenn es um Menschen geht.) Aktuell ist ein Zwischenweg, dass wir ein Ding bezahlen – also zum Beispiel einen Nougattaler vom Bäcker Lotzmann, dem Handwerksbäcker, der um die Ecke von der Kita beinahe täglich angesteuert werden muss, und wenn sie mehr will, muss sie das von ihrem Taschengeld bezahlen. Sie hat 20 Euro im Monat für sowas zur Verfügung. Und wenn das alle ist, dann gibt’s halt keine Extras mehr. Wir haben damit gerade erst angefangen, bisher läuft es gut. Aber gestern Nachmittag haben sich trotzdem Unmengen an Süßkram in ihrem Bauch angesammelt. Und nein, das ist hier auch keine Ausnahme. Hm. Mich nervt es ja echt ein bisschen, dass man offenbar tatsächlich nicht um die klassischen Eltern-Kind-Streitthemen (Essen, Schlafen, Fernsehen) drumrum kommt. Auch dann nicht, wenn man sich für „coole Eltern“ hält. Ich höre mich auch oft genervt sagen „Ja, P., wenn du wenigstens mal ein bisschen Gemüse essen würdest…“ – haha. Punk is dead!

Eigentlich geht es mir hier aber um den Aspekt der Rücksicht. Deshalb auch die Geschichte und die Kommentare oben. Denn das beschäftigt mich wirklich. Stellen wir das Mikroskop mal scharf. Binneberg sagt:

Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen.

Sind Kinder rücksichtslos?

Mit Sicherheit nicht immer. Aber es kommt vor, würde ich sagen. Und es kommt in Ausführungen vor, die mir manchmal den Mund offen stehen bleiben lassen. Es kommt in Ausmaßen vor, die ich so nicht erwartet habe. Es kommt so heftig vor, dass ich eigentlich wirklich verletzt und wütend bin, weil mein Wohlergehen so dermaßen keine Rolle spielt… Die Rücksichtslosigkeit ist einer der Aspekte am Elternsein bzw. am Zusammenleben mit Kindern, mit dem ich und auch K. wohl am schwersten zurechtkommen.

Es ist wirklich eine verdammt harte Prüfung, verständnisvoll und geduldig, mit Mitgefühl, Liebe und Nachsicht auf Menschen zu reagieren, die wütend und brüllend von dir verlangen, sie gefälligst jetzt sofort zu tragen, während du mit vielen schweren Taschen bepackt, schwitzend, müde und krank versuchst, aus der überfüllten Straßenbahn auszusteigen. Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben gegenüber einem Menschen, dessen Zimmer du gerade in mühsamer, aber durchaus liebevoller Arbeit auf- und umgeräumt hast, nachdem sie es gemeinsam mit ihren Freundinnen verwüstet hat, und der dann nichts besseres einfällt als dir wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, weil du ihr nicht augenblicklich Apfelsaft aus der Küche holst. Wie soll man verständnisvoll bleiben angesichts des Essens, das man auf Wunsch zubereitet hat, dass dann aber nicht gegessen wird, weil das Gegenüber ein Ministück Kräuter darin entdeckt hat? Soll man ja irgendwie nicht. Muss man ja irgendwie nicht. Man soll will ja auch „authentisch“ sein, kein Elternroboter. Okay.

Kinder können Rücksicht noch nicht so gut. Ich versuch’s – je nach Vermögen mal mehr mal weniger „wertvoll“ – ihnen gegenüber zu vermitteln. Das macht es nicht einfach. Das Leben mit Kindern empfinde ich grundsätzlich nicht als einfach. Das schwierigste ist für mich, glaube ich, ständig reagieren zu müssen, ständig angesprochen zu werden, ständig gefragt zu sein – egal, ob es passt oder nicht. Egal, ob ich (noch) kann oder nicht. Egal, ob ich krank bin oder nicht. Genervt bin oder nicht. Bock habe oder nicht. Es passiert einfach ständig irgendetwas, was man nicht auf dem Schirm hatte und es ist kaum möglich, ein Ding zu Ende zu machen, wie man das vorhatte. Pläne und Kinder? Das widerspricht sich einfach. Ich bin leider eine ziemliche Kontrolletta. Ich finde das Kinderhaben ziemlich… herausfordernd. Das wissen alle, die den Blog hier schon häufiger gelesen haben. Und trotzdem finde ich’s auch oft sehr toll. Ziemlich oft ziemlich genau so:

hurrah for gin a typical day
(c) http://hurrahforgin.com

Abschweif: Ich habe in letzter Zeit wieder häufiger über die #regrettingsmotherhood-Debatte nachgedacht. Vor allem ein Artikel von berlinmittemom ist mir im Kopf geblieben: ambivalenz ist nicht bereuen. Sie schreibt:

Es geht nämlich meiner Meinung nach nicht nur um ambivalente Gefühle oder um die Sehnsucht nach dieser besonderen Freiheit vor den Kindern (…) es geht um Frauen, die explizit bereuen, dass sie Mutter geworden sind. (…) Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.

Ich glaube nicht, dass ich wirklich zu den bereuenden Müttern gehöre. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich mich, wenn ich vor der Wahl stünde und mit dem Wissen, dass ich jetzt über mein Elterndasein habe, anders entscheiden würde (und könnte… Als ich mit P. ungeplant schwanger war, konnte ich mich nicht entscheiden, das Kind nicht auszutragen, sprich: abzutreiben. Ich konnte – für mich wirklich überraschend – nicht einmal denken, welche Schritte dazu nötig wären.). Ich kann den Gedanken kaum zulassen und nur schwer ertragen, dass diese Entscheidung bedeuten würde, dass die beiden Menschen, die wir gezeugt haben, nicht wären. Diese beiden Menschen sind toll. Ich habe das Gefühl, ihre Existenz gegen meine (fehlenden) Freiheiten abwägen zu müssen. Und hier gewinnt ihr Existenzrecht, mein Wunsch, dass sie existieren und meine Liebe zu ihnen. Und ich möchte auch vieles von dem, was mit mir passiert ist, seitdem ich Mutter bin, nicht missen. Wer weiß, wo ich jetzt stünde, hätte ich nicht mit 21 mein erstes Kind bekommen. Was würde ich jetzt tun? Hätte ich Erziehungswissenschaften studiert? Mit Sicherheit nicht. Vermutlich würde ich irgendwie vor mich hin sinnkrisen. Vermutlich wäre ich ziemlich depressiv. Vielleicht hätte ich die Band noch. Wäre dann aber körperlich ziemlich fertig, glaub ich. Vielleicht würde ich mir raten, später Kinder zu bekommen und vorher in Ruhe und mit Zeit zu studieren, zu reisen, zu vögeln, … Vielleicht. Ich mag es, zu erzählen, dass ich zwei Kinder habe. Ich definiere mich inzwischen auch darüber. Sie sind ein Teil von mir. Anstrengend finde ich’s trotzdem wahnsinnig oft.  Kinderhaben ist wie das Leben ist: Höhen und Tiefen. Ich sperre mich gegen Roswatteplüsch und Schönmalerei. Kinderhaben ist ’ne riesige Herausforderung. Aber wenn man sich darauf einlässt, auch eine der größten Entwicklungschancen, die es im Leben gibt. Ich glaub, ich gehöre eher zur Fraktion „ambivalent“.

Im Kern ist die fehlende Rücksichtnahme der Kinder mir gegenüber der Grund dafür, dass ich das Zusammenleben mit Kindern oft als so kräftezehrend empfinde. Der springende Punkt ist aber, dass ich meinen Kindern deswegen nicht böse sein will und zum Glück auch sehr selten tatsächlich bin. Viele Erwachsene scheinen das aber oft zu sein, anders kann ich mir den völlig bescheuerten Dauer-Aggro-Umgang mit Kindern, die „nicht spuren“ kaum erklären. (Hm, doch, kann ich… Aber das wäre ein anderes Thema.) Ja, ich raste manchmal aus. Aber ich gebe mir große Mühe, dass auf eine Weise zu tun, die meinen Kindern zwar zeigt, dass hier meine Grenze erreicht ist, ohne dabei aber ihre total zu verletzen. Das gelingt mir sicher nicht immer. Wenn es nicht gelingt, sage ich ihnen, dass es mir leid tut und es nicht okay von mir war, ich es aber einfach nicht anders hinbekommen habe, weil ich so wütend war. Ich habe Verständnis für ihr „rücksichtsloses“ Verhalten, weil ich es – spontan – mit einer fehlenden Einsicht- bzw. Vernunftfähigkeit von kleinen Kindern erkläre. Sie können’s einfach noch nicht besser. Wie kann man ihnen da böse sein? (Memo an mich selbst: Darüber muss ich bei Gelegenheit genauer nachdenken… Warum sind kleine Kinder eigentlich so „rücksichtslos“? Liegt das an dieser kinderunfreundlichen Industrienationen-Welt? Ist das bei indigenen Völkern, die etwa im Amazonas-Regenwald leben anders? Und wenn ja: Wie kann man das erklären? Was braucht es an „Fähigkeiten“, damit sowas wie Rücksichtnahme möglich ist? Welche Annahmen stecken in dieser Annahme? > Entwicklung hin zur Rationalität… Also steckt darin das Ideal des rational-vernünftigen-impulskontrollierten Menschen… hm. Impulskontrolle kann man ja auch durchaus kritisch sehen… Ist Impulskontrolle einfach notwendig, wenn mehrere Menschen miteinander in ein Verhältnis treten? Wozu dann aber diese heftigen Impulse? Warum haben wir Menschen die? … Ich muss endlich mal an diesem Artikel über heftige Gefühlsausbrüche von Kindern – und dem Umgang Erwachsener damit – weiter arbeiten!)

Okay. Bis hierhin ging es um persönliche Belastungsgrenzen. Wenn ich einfach nicht mehr kann, dann kann ich nicht mehr. Die geschilderten Fälle sind – vom Gefühl her – noch relativ eindeutig. Hier wäre einfach Rücksicht und Zurücknahme der eigenen Wünsche vor dem Hintergrund der Anstrengungen des Gegenübers angebracht. Selbst ich, die ich ja an fast allen meiner Wahrnehmungen und Ansichten zweifle, empfinde das hier ausnahmsweise mal als ziemlich eindeutig: Sowas müssen Kinder irgendwie lernen. Soweit so gut. Es bleibt mir offenbar nicht viel mehr übrig, als meinen Kindern ehrlich zu zeigen, wenn meine Grenzen erreicht sind und ich ihre Wünsche bzw. Ansprüche gerade unverhältnismäßig und rücksichtslos finde, dabei aber gleichzeitig damit klarzukommen, dass Kinder ihre Impulse noch nicht derart kontrollieren können und ansonsten vor allem selbst Rücksichtnahme und Verständnis vorzuleben.

Aber dann ist da ja noch der Esstisch aus dem Beispiel:

Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf.

Und das sagt fucking A.S. NEILL! Der Godfather der antiautoritären Erziehung!

Hier ist auch noch einmal eine Abgrenzung nötig: Es gibt Situationen, da reguliere ich, weil (Lebens-)Gefahr droht. Wenn mein zweijähriges Kind dabei ist, auf die viel befahrene Straße zu rennen, dann werde ich das nicht ausdiskutieren, dann greife ich ein. Wenn mein Kind sich (wie heute morgen) die Schere in den Mund stecken will, dann greife ich ein. Wenn mein Kind (wie gestern) das offene Küchenregal hochklettern will, dann greife ich ein. Soweit, so klar.

Wenn mein Kind aber über den Esstisch spazieren, auf dem Sofa springen, die Füße beim Essen auf den Tisch legen, mit Essen im Mund reden oder sonstwas will… Was dann? Hier droht keine Gefahr. Das sind Sachen, die Menschen einfach nicht wollen, weil… aus unterschiedlichen Gründen. (Auch die wären ein Extra-Artikel Wert.) Und das ist jetzt der Kern der Auseinandersetzung: Ich finde, dass Neill es sich hier vielleicht etwas einfach macht, wenn er hier lediglich erklärt, dass Erwachsene und Kinder gleiche Rechte hätten. Neill geht offenbar davon aus, dass die Kinder es nicht tun, wenn man ihnen sagt, dass sie’s nicht dürfen.

Es muss also gehorchen (…).

Die entscheidende Frage ist aber, was passiert, wenn das Kind nicht einsieht, nicht über den Tisch (das Klavier, das Sofa, …) zu laufen. Das Kind hat den Tisch nicht dahin gestellt. Das Kind hat den Tisch auch nicht als „Esstisch“ bestimmt. Das Kind hat auch das „Heim“ (oder die Wohnung, das Haus, …) nicht so „erwachsen“ (funktional) eingerichtet. Für die Erwachsenen ist das Ding gelabelt als „Esstisch“ und verknüpft mit „da läuft man nicht drauf rum, schon gar nicht mit Schuhen“. Für Kinder ist das – je nach Alter – aber nicht so. Für ganz kleine Kinder ist es einfach ein interessantes Ding, dass zum Klettern geradezu einlädt. Und ältere folgen halt irgendwelchen Impulsen, wie auch immer… Was passiert also, wenn man dem Kind sagt, dass es das nicht darf – und das Kind tut es trotzdem? Alle Varianten, das Kind zur Einsicht zu bewegen, sind eigentlich scheiße und/oder stressig. Man könnte auf das Kind einreden, es argumentativ zu überzeugen versuchen. (Das würde ich bestimmt versuchen.) Das hätte vermutlich zur Folge, dass beim Kind nach etwa 3,5 Sekunden ankommt „Wuorpwuorpwuorpbluoerpblupp“. Aber immerhin hätte man nicht seine körperliche Überlegenheit missbraucht, nur seine intellektuelle einzusetzen versucht. Bringt aber oft nicht viel, insbesondere wenn Kinder im überTische-Lauf-Modus sind. Vielleicht hat man Glück und das Kind lässt sich vom Tisch wegquatschen. Oder man hebt oder zerrt das Kind vom Tisch runter. Das kann schon handgreiflich werden und gleichwürdig ist das eigentlich nicht mehr. (Bei ganz kleinen Kindern kann man wenigstens noch das Argument „Gefahr“ hier  als Trumpf spielen, um sich rauszureden.) Oder man schimpft und droht mit irgendwelchen beknackten Konsequenzen, womit man sich endgültig im schwarzen, stinkenden Sumpf der autoritären Erziehungsmethoden befindet. Sehen wir’s ein: Es gibt gar keinen „vernünftigen“ Grund, warum das Kind nicht über den Tisch laufen sollte, außer den, dass wir das nicht wollen. Also bleibt uns eigentlich „vernünftigerweise“ nur übrig, dem Kind genau das zu sagen: „Ich will nicht, dass du das machst. Lass es bitte.“ Vielleicht fängt daraufhin eine Diskussion an. Bei P. passiert das inzwischen immer häufiger. Eigentlich finde ich das gut, glaube ich. Das ist zwar auch stressig, weil man irgendwann nur noch am diskutieren ist… Aber ist gleichwürdiges Zusammenleben zwischen Menschen nicht genau das? Aushandlung, Kompromiss, Kommunikation? P. stellt mit ihren fünf Jahren schon erstaunlich viel in Frage. Sie blafft die Erzieherinnen in der Kita an, dass sie nicht einfach über die Kinder bestimmen können. Sie fragt mich entrüstet, als wir an einem Sonntag über unseren Plan sprechen, ein Puppentheater zu besuchen, ob wir überhaupt die Kinder gefragt haben, ob sie da hingehen möchten. Und sie knallt mir an den Kopf „Du kannst nicht über mich bestimmen“ oder „Es geht nicht nur nach deinem Kopf“, wenn ich sie bitte, sich noch die Zähne zu putzen. Und sie hat verdammt Recht damit. Aber das macht es alles nicht einfach. Und trotzdem bin ich schon jetzt verdammt stolz auf sie.

P.S.: Hm. Eigentlich wollte ich noch mehr über Rücksichtnahme und Erziehung oder Erziehung zur Rücksicht schreiben. Die Posts fließen in letzter Zeit noch stärker als sonst irgendwie wohin sie wollen… oder ich lasse das Fließen mehr zu. Wirklich kluge Gedanken habe ich dazu aber offensichtlich auch gar nicht. Falls jemand mal was Schlaues gelesen hat, kann das gern in den Kommentaren verlinken.

Vielleicht ist die Sache mit der Kommunikation und Aushandlung ja auch schon ein Wink in Richtung einer Antwort. Kann ich mehr tun als sagen, was ich will und was nicht und dann in Verhandlung gehen, um irgendwie eine Lösung zu finden, mit der alle leben können? Mit Erwachsenen will ich das doch genauso. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, zu partizipieren, sondern mich einfach an von anderen gesetzt Regeln zu halten habe. Sowas kotzt mich an. Diese Art der Partizipation und Kommunikation erfordert aber schon ziemlich viel Rationalität und Impulskontrolle. Und die können wir von kleinen Kindern nur bedingt erwarten. Meine Tante warf in dem Zusammenhang mal den Aspekt der Überforderung in den Raum. Sie meinte, dass kleine Kinder überfordert sind mit so viel Reflexion, Erklärung, Entscheidung und Auswahl und dass sie ihrer Meinung nach einfach(e) Strukturen, Regeln, Grenzen, Vorgaben von Erwachsenen bräuchten. Das gebe Sicherheit, das Gefühl von Verlässlichkeit und Orientierung und genau das sei es doch, was kleine Kinder bräuchten. Wenn alles verhandelbar ist, dann sie das zu viel. Dieses Reflektieren, hinterfragen, eigene Standpunkte beziehen usw. sei in dem Alter einfach nicht dran und deshalb sei das auch nicht gut… (Ich glaub, sie ist ziemlich beeinflusst von diesem Kontinuum-Gedanken von Jean Liedhoff. Darin steckt die Idee von natürlichen Entwicklungsstufen und bestimmten Fähigkeiten in bestimmten Zeiträumen. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halte… Ich denke aber, dass die Idee von festen Entwicklungssprüngen/-phasen in einem bestimmten Alter auch viele Probleme mit sich bringt und nicht zuletzt dazu beitragen, dass sich eine Vorstellung von „normaler“ und „unnormaler“ Entwicklung etabliert. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass eine Freundin mir letztens besorgt an meinem Küchentisch erzählte, dass ihr Fünfjähriger vom Arzt als auffällig eingestuft wird, weil er noch keine Strichmännchen malt. Sie soll jetzt mit ihm üben und erzählte: „Ich habe jetzt mit ihm gemalt. Er malte ein Männchen, aber halt mit einem Auge und die Nase ist rechts am Kopf. Als ich ihn gefragt habe, warum die Figur nur ein Auge hat, meinte er: ‚Der guckt zur Seite.'“ (O.o) Ein Kind, das offenbar sogar schon räumlich und perspektivisch denken und das auf eine Zeichnung übertragen kann, wird also als auffällig beurteilt… Und warum? „Naja, in der Schule wird das erwartet…“ – da haben wir’s.) Und trotzdem beschäftigt mich die Frage der Überforderung… Auch im Hinblick auf meine Zeit an der demokratischen Schule. Überfordert Kinder diese grundsätzliche Verhandelbarkeit, dieses viele Reflektieren und die ständige Kommunikation? Der Einwurf ist nicht unberechtigt… Aber kann man denn wirklich sagen, das ist „nicht gut“ – im Sinne von tendenziell schädlich, gesundheitsgefährdend – für sie? Brauchen Kinder Erwachsene, die klare Ansagen machen oder nicht? Wäre das wirklich besser? Das ist zwar irgendwie der Kern der Frage. Aber selbst wenn es so wäre, berechtigt es Erwachsene nicht, Kinder so scheiße zu behandeln wie sie es oft tun. Wenn es so wäre, dann kann ich es mir noch am ehesten vorstellen, wie in Jesper Juuls-Eis-Situation:

Die dreijährige Kim fragt ihren Papa: „Darf ich ein Eis haben?“ Der Vater antwortet: „Nein, darfst du nicht.“ Kim: „Ich will aber!“ Vater: „Das höre ich. Und es ist auch okay, dass du ein Eis willst. Du kriegst aber trotzdem keins.“ Kim: „Doofer Papa!“ Vater: „Dann bin ich eben ein doofer Papa. Aber es bleibt dabei.“

Die Gleichwürdigkeit dieses Dialogs liegt vor allem in dem, was nicht gesagt wird, zum Beispiel: „Du hast heute schon genug Eis gehabt.“ (Mit dieser Definition lässt der Vater Kim seine Macht spüren.) Oder aber: „Ich habe Nein gesagt, und jetzt hör auf zu quengeln!“ (Der Vater traut sich nicht, offen Nein zu sagen, also kritisiert er Kim dafür, dass sie ihren Wunsch ausspricht.) Oder auch: „Wenn du brav bist, gibt’s heute Abend vielleicht Eis zum Nachtisch.“ (Der Vater bezieht nicht klar Stellung, sondern greift zu einem Ablenkungsmanöver.)

Entscheidend wäre, wenn man das annimmt – also dass klare Grenzen und Strukturen wichtig sind -,  über „ja“ und „nein“ zwar eindeutig zu bestimmen, mit der Wut und Trauer der Kinder aber anders umzugehen, darauf mit Verständnis zu reagieren und für sie da zu sein. Impulskontrolle zu lernen, das ist hart. Aber in dieser Art von Gesellschaft kommen wir wahrscheinlich tatsächlich nicht drumherum. Wir mussten da alle durch und es war vermutlich für uns alle ziemlich schmerzhaft. Und vermutlich wurden viele von uns nicht wirklich einfühlsam dabei begleitet. Vielleicht reagieren Erwachsene genau aus diesem Grund oft so verständnislos und wütend auf die heftigen Gefühlsausbrüche unserer Kinder… (Verdammt! Ich muss diesen Artikel schreiben! Wenn ich nur endlich die Zeit fände…)

*Binneberg, Karl (1997): Plädoyer für eine pädagogische Kasuistik, In: Ders. (Hg.): Pädagogische Fallstudien. Frankfurt, Main u.a.: Lang.

4 Kommentare zu “Von Kindern, die über Esstische laufen (Oder: Erziehung zur Rücksichtnahme?)

  1. Ich habe diesen Artikel sehr interessiert gelesen. Spontan würde ich sagen, dass eine wirkliche Rücksichtnahme erst sehr viel später zu erwarten ist. Dazu benötigt man ja Fähigkeiten wie Empathie, Impulskontrolle und Selbstreflektion – und all das ist noch sehr lange in den „Kinderschuhen“.

    Und ich glaube auch, dass wir unseren Kindern unbewusst ihre Kooperationsbereitschaft aberziehen (dazu haben wir recht frisch eine recht ausführliche Artikelreihe geschrieben) und sie uns daher weniger entgegenkommen, als wir uns das wünschen. Als ich mal wirklich im Alltag drauf geachtet habe, musste ich wirklich erkennen, dass man sehr viel Kooperation nicht würdigt oder gar nicht erst sieht.

    Das Thema Grenzen treibt mich auch um – mir geht es da wie Dir, dass es mir sehr schwer fällt, Bedürfnisse, Wünsche und meine Belange abzugrenzen. Was ist Freiheit, was ist Einschränkung des anderen Freiheit? Das ist meines Erachtens eines der absolut zentralen Dreh- und Angelpunkte von Be- und Erziehung. Da hadere ich auch sehr, sehr oft.

    Und wenn ich so lese, wie selbstbewusst P. auftritt, dann kann ich nur sagen: Du empfindest zurecht Stolz. Und ja – ich bin auch der Meinung, dass sich das Diskutieren langfristig positiv auf die Beziehung auswirkt. Sie fangen nämlich irgendwann tatsächlich an, Dinge einfach zu tun, weil man es sagt.

    Liebe Grüße!
    Danielle

  2. Ach ja, ich mag den Jesper einfach (auch wenn die Dänen selbst ihn total old School finden, sagt mein dänischer Schwager zumindest). Wenn ich mal wieder merke, dass ich mit meinen Kindern nicht so umgehe, wie ich eigentlich gerne wöllte (mit steigendem Nervpegel werden die Drohungen dann immer absurder) nehme ich ein Jesper Juul Buch zur Hand, lese und besinne mich darauf, wie es besser geht. Erstaunlicherweise funktioniert das auch noch:-)

  3. Ich hatte da mal was Tolles gelesen – von Rüdiger Posth zum Thema Empathie, wann und wie Kinder das erlernen. Rücksichtnahme ist finde ich ein zu großes Wort für kleine Kinder, das kann man tatsächlich nur von älteren Kindern oder Erwachsenen verlangen. Rücksichtnahme musste ich als Kind oft selbst üben, bei meinem kranken Papa – das hat mir leider viel abtrainiert, was ich als Erwachsener gut hätte gebrauchen können (z. B. damals aus Rücksicht oft leise sein, heute bräuchte ich öfter mal eine laute Vortragsstimme) und mir erst mühsam wieder erarbeiten musste.

    Statt Rücksichtnahme kann man aber Empathie und Gewissen und Gerechtigkeitssinn seinen Kindern beibringen. Da ist es wie mit allem: Erst die Wiederholung bringts den Kleinen bei! Und die kann einen ganz schön selbst zermürben, wenn man gefühlt das 1.000 Mal erklärt, warum man mit Händen voller Tragetaschen das Kind nicht die Treppe rauftragen kann :-)

    Achja, hier wie im Artikel gewünscht noch eine Verlinkung zum Lesen: http://www.rund-ums-baby.de/entwicklung/emotionales_bewusstsein_4.htm
    Alle Teile des Essays sind sehr lesenswert!

    VG
    Daniela

  4. Voll gut.voll interessant.hab auch das Problem mit dem was ankucken.da über treibt das Kind meiner Meinung nach auch total.haben da auch noch keine gute Lösung.wenn sie spät was anschaut wird sie total zappelig.ich finds auch doof wenn der erste Satz morgens ist,dass sie was ankucken will.mit Süßigkeiten jetzt gar nicht glücklicherweise.manchmal mit schlafen,weil ich abends oft echt müde bin…toller blog oder tolles blog lese schon länger,immer gern,meistens ists echt voll gut.habe auch zwei Kinder und studiere.liebe grüße

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