„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

********

 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

********

Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)