Ich mach die Augen zu. Nicht.

Ich sehe diese Memes, von dieser Witzfigur, die in einer der größten Nationen dieser Erde  – ich lass die Doppeldeutigkeit mal so stehen – auf dem wichtigen Stuhl sitzt. Von seiner Frau und all dem FunnyFunny-Stuff. Eine Zusammenschau von Bildern, die zeigen, dass die Berührungen des Toupet-Models an seiner Tochter irgendwie immer lüstern wirken. Einen Beitrag über populistisches Gesabbel. Ein Bild, das zeigt, dass in irgendeinem Kaufhaus ein Regal in der Spielzeugabteilung mit „Wie Mutti“betitelt ist… Ich mach die glotze aus, mach das Internet aus. Mache die Augen zu.

Dürfte ich nicht, sollte ich nicht. Wahrscheinlich, vielleicht, ich weiß nicht.

Schwanke zwischen Dramatisierung – ebenso wie die Populisten – („Das ist der Anfang vom Ende.“) und „War’s nicht schon immer irgendwie so?“

Idioten gibt’s nicht erst seit Trump und Putin und Höcke und Petry und…

Ich schaue meinen Kindern beim Spielen zu. Grundsatzgedanken. „Was dachte ich mir dabei, Kinder in diese Welt zu setzen? In diese Welt? In diese verkackte Welt?!?“

Draußen färbt der Himmel sich rosa… Das liegt an der Art und Weise, wie das Licht sich bricht. In der Atmosphäre oder so. Hab ich von einer Kinder-CD von P. gelernt, die bald (GANZ BALD!) in die Schule kommt.

Auch so ein Thema. Schule. Macht mir Bauchschmerzen… Habe eine Schulgründungsinitiative laufen – demokratische Schule, menschenrechtsbasierte Bildung. Scheitere gedanklich aber daran, dass ich keine elitäre Privatschule gründen will… Wie kann man das vereinbaren? Solidarität, bekämpfen wollen von Ungerechtigkeiten statt verstärken von Privilegien und freie Schule, finanziert über Schulgeld?? Sollte man nicht lieber versuchen, am Regelschulsystem etwas zu drehen? Aber kann ich diesen Kampf gegen Windmühlen wirklich kämpfen?

… Und: Worüber denke ich da überhaupt nach? Was für eine abgehobene Scheiße?

Im Erzgebirge im Ski bzw. Snowboard-Kurz-Urlaub gewesen. FunFunFun. Hedonismus pur! AprésSkiShit dröhnte aus den Boxen. Ich bin vom Schlepplift gefallen und die Piste nach oben gelatscht. Denke sehnsüchtig an unseren Urlaub im Sommer nach, Lüneburger Heide. Die totale Entschleunigung… Dahin will ich mich zurückziehen, wenn es denn ginge. Wenn ich es denn aushalten könnte, auf dem Land, in der Pampa. Einfach aussteigen. Mit anderen Leuten, Selbstversorgung. Die Arschlöcher draußen lassen… Die Augen zumachen. Nicht mehr hingucken. Macht doch euren Scheiß alleine!

Ich sehe die Höcke-Rede und all die mahnenden Kommentare: „Sagt ja nicht, ihr hättet von nichts gewusst!“ Ich sehe „Yolocaust“ und meine Generation Selfie widert mich an. Ich sehe Plakate, die fragen, wo Israel- oder Islam-Kritik noch okay sind und wo es anfängt, islamophob bzw. antisemitisch sein. „Gutmenschenscheiße“ höre ich meinen Erzeuger rotzen. „Was soll das?!“ mich fragen… Und mein Telefon klingelt. Jemand wurde verlassen, der ganze Körper tut weh. Jemand hat sich verletzt, der ganze Körper tut weh. Jemand fragt, was Freitagabend geht. Und wir gehen in den Pub und trinken und rauchen und reden Schwachsinn und liegen uns irgendwann in den Armen und machen uns Liebeserklärungen… So geht’s doch immer, egal, was draußen ist. Oder?

K. kommt nach Hause, während ich mich T. zu diesem tollen Lied tanze und seine Augen werden feucht, wie sie das so oft tun, weil er so leicht zu rühren ist, wenn’s um Familie geht. Und wir bauen Feuerwachen und streiten über Tabletgucken und Zubettgehzeiten und manchmal sind wir so gestresst, weil… ach! Die Nachbarn regt das Kindergetrampel spätabends auf und die Züge fahren im Winter unregelmäßig und immer die viele Arbeit… Und dass man nicht weiß, was man eigentlich will und wohin man soll und dass sich das auch nicht ändert, diese Suchbewegung. Dabei geht man doch nun mittlerweile auf die 30 zu und dachte, das müsste doch dann mal langsam… Irgendwie. Oder nicht?

Und immernoch sterben Menschen, da draußen. Unser Klamotten werden unter Scheißbedingungen produziert, in unserem Essen steckt nur Schrott und vor jedem YouTube-Video kommt jetzt Werbung. Und für’s Kino reicht die Kohle nicht.

Wo ist denn da die Relation??!?

Ja, ich fühle mich gelähmt. Laufe seit Jahren in Richtung bessere Welt, engagiere mich hier und da und dort, treffe tolle Leute, die das auch tun. Und dann die Wahlen. Und ja! Das passiert jetzt wirklich gerade. Und ich bin so oft und immer häufiger müde, müde, müde. So müde.

Ich mach die Augen zu. Bringe meiner Kinder ins Bett und singe ihnen ein Lied, von einer besseren Welt. Und der Himmel färbt sich dunkelrot. Und ich schluck das Geheule und die Wut runter und reiße mich zusammen. Und gehe raus. Mache die Augen auf und aufmerksam. Immer wieder, immer weiter. Weil’s anders nicht geht, weil es/ich anders nicht sein kann. Ich will später nicht behaupten, ich hätte von nichts gewusst…

12 Kommentare zu “Ich mach die Augen zu. Nicht.

    • Jaaaa… Das war ein totaler Auswurf. Ich hab irgendwann aufgehört, wegen dem Blog ein schlechtes Gewissen zu haben. Mir war klar: Irgendwann wird’s wieder überschwappen…

  1. Wow, durch die Worte ins Herz. So gut fornukeuren kann ich nicht, aber die Gedanken und vor allem das GEFÜHL, ist genau das gleiche.

  2. Wahnsinn! Meine Gedanken, nahezu 1 zu 1 wiedergegeben (gehe auf die 40 zu und meine Generation ist nur bedingt selfie-addicted). Darf ich deinen Text auf meinem Kinderwunschblog veröffentlichen? Natürlich mit Urheberin und rechtlich korrekt verlinkt?
    Es ist brillante Zeitgeist-Literatur. Danke dafür 🙏🏻

  3. Pingback: Aus aktuellem Anlass… « Menschen(s)kind, wo bleibst du nur?

  4. Nicht verzagen! Es liegt einiges im Argen auf der Welt, ja. Aber deswegen die Flinte ins Korn werfen? Öhm, die Metapher ist blöd. Natürlich sollen alle Menschen ihre Flinten ins Korn werfen. Oder einschmelzen und ein Mahnmal erschaffen. Mir egal, hauptsache weg. ;-)

    Wenn wir es schaffen, unseren Kindern diese „schöne, rosarote Welt“ zu erhalten und mit ihnen dennoch über Umweltverschmutzung, Rassismus usw. zu reden – dass es das gibt und wieso wir anders handeln als diese verblendeten „Systemlinge“, die jedem Trend hinterherjagen und sich von Politik und Wirtschaft einlullen lassen. haben die nachfolgenden Generationen die Chance auf eine friedliche, rosarote Zukunft. :-) Alles Gute Dir, moody!

    Liebe Grüße, Patrick

  5. Das hast du sehr bewegend geschrieben und mich mitten ins Herz getroffen mit deinen Gedanken. Und so blöd es klingt :Mir hilft es nur, zu glauben, dass es besser werden kann, mit jedem einzelnen kleinen Schritt von uns in die richtige Richtung.
    Und dennoch macht mir die Zukunft unserer Kinder Sorge.

  6. Nur kurz, weil´s mir im Moment ebenfalls auf der Seele brennt – revolutioniert das Regelschulsystem, freie und Privatschulen ändern nichts an der Gesellschaft / Kinder / Eltern etc….

    • Das Problem ist aber, dass man im Regelschulen (insbesondere in Sachsen) gegen Windmühlen kämpft und Mauern rennt. Ich weiß nicht, ob ich diese Kraft habe. Ich habe mal den Tipp bekommen „Engagier dich in deinem Umfeld, mach Projekte, die hier und heute etwas bewirken.“ Und dass Schulen, die andere Wege gehen, nichts ändern, sehe ich nicht so, Stichwort: Best Practise! Die Menschen, die Mauern bauen, brauchen Fakten: Zum Beispiel, dass auch Menschen, die freie Schulen besuchen, nicht zu Problem- und Sozialfällen werden, dass es funktionieren kann, auch mit wenig Geld! Es geht nicht um Eliteschulen. Es geht einfach um einen anderen Umgang mit Kindern, andere Lernräume, und zwar so anders, dass es sich innerhalb des Regelschulsystems m.E. nicht bewerkstelligen lässt. Strukturen im Regelschulsystem stehen dem entgegen…

      Ich sage: Das eine schließt das andere nicht aus. Alternativschulen als best Practise-Beispiele, bildungspolitisches Engagement, von den eigenen Erfahrungen berichten, angehende Lehrerinnen zum Hospitieren einladen. Das bringt m.E. sehr viel mehr, als hinter einem Schreibtisch zu sitzen und die laaaaaangsam politisch-bürokratischen Mühlen zu versuchen, in Gang zu bringen. Es ist zäh. Unsere Kinder sind aber heute klein…

    • Dem kann ich nicht zustimmen! Aber erstmal um mir ein besseres Bild zu machen: Wieso denkst du das es nichts an der Gesellschaft / Kinder / Eltern ändert? Wir sind an einer Demokratischen freien Schule, ich erlebe da ganz viel Gegenteiliges.

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