„Meine Kinder sind so anstrengend!“ (?)

Ich arbeite an einem Text für die Uni. Die Zeit rennt. Ich muss los. 16:00 Uhr muss ich die Kinder von der Kita abholen. Ich spüre Stress. Ich spüre Widerstand. Und ich spüre Unlust.

Sie sind 3 und 6. Menschen, die mit Kindern in dieser Altersspanne und insbesondere in der Kombination zu tun haben, werden vermutlich wissen, was das bedeutet… Es kann irre anstrengend sein, sie in diesem Alter zu begleiten. Sie sind unfassbar laut, so gut wie immer und überall. Egal wie klein oder voll der Raum ist. Sie streiten sich, sie schlagen sich, sie haben unendlich viel Energie… Dazu kommt das, was ich „Übergangssensibilität“ nennen will. Nach der Kita brauchen sie zum Beispiel eine gewissen Zeit, um sich „umzugewöhnen“: Es kommt mir vor, als müssten viele, über den Tag angestaute, weil vielleicht runtergeschluckte Frustrationen nun, da die Hafenwärterin (*zeigt auf sich selbst*) am Start ist Stück für Stück – oder alle auf einmal – herausventiliert werden. Weinen, schreien, empfindsam sein. Sie gehen auf mich los, sie gehen aufeinander los und vor allem strömt ein tosender Fluss an Wollen auf mich ein. Ein Wollen, für das in der Kita mit 200 anderen Kindern kein oder nur wenig Platz zu sein scheint und für das jetzt ausschließlich ich verantwortlich oder zumindest Ansprechpartnerin bin. Auf das ich reagieren muss. Ich, die ich auch meist einen vollen Tag voller Denk- und Kommunikationsarbeit hinter mir habe und es oft nicht schaffe, mit Gedanken, Wünschen, Bedürfnissen bei ihnen zu sein. Nicht selten überfordert mich das maßlos. Denn irgendwie geht’s mir ja gar nicht so anders als ihnen. Ich bin auch überreizt. Nur sehne ich mich statt nach Action nach Pause, nach Auszeit, Freiraum und Selbstbestimmung.

In einem Gefühlszug damit rammt mich mein schlechtes Gewissen:

„Wie kannst du nur? Es sind DEINE KINDER! DU hast dich dafür entschieden, sie auszutragen! Man muss sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die Anstrengungen der Elternschaft zu tragen! Was meinst du, wie es deinen Kindern damit geht, dass du keinen Bock auf sie hast?“

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Kind ist und Kopf und Körper der Eltern zu fertig, zu überlastet sind. Am Nachmittag, Abend, Wochenende – eigentlich gefühlt fast immer – keine Kapazität für das haben, was Kinder an Belastung für ihre primären Bezugspersonen nun einmal bedeuten: Verfügbar sein, ansprechbar sein, Bedürfnisse sehen und begleiten, Wünsche erfüllen, diskutieren, sich einlassen, persönliche Grenzen klar machen, dabei die eigenen Altlasten reflektieren statt ausagieren – in jedem Fall: reagieren, reagieren, reagieren müssen. Manchmal ist das einfach zu viel verlangt.

Also versuche ich zu atmen, versuche zu begleiten, versuche mich nicht triggern zu lassen, heftige Emotionsäußerungen nicht zu beurteilen und da – präsent – zu sein. Je nach Tagesform gelingt mir das mal mehr… und oft eher weniger.

Da sind wir nun also. Allesamt fertig von unseren vollen Arbeitstagen. Denn klar: Auch ein Tag in der Kita ist Arbeit, ist anstrengend, ist voller Input und Regulation, voller Reagieren, sich zurücknehmen, Regeln einhalten, Rücksicht nehmen müssen – kurz: Voll Sozialität. Und die geht nun einmal nicht auf in dem, was der einzelne Mensch will. Und gerade nicht, wenn es sich dabei um junge Menschen handelt, deren Bedürfnisse und Wünsche häufig nicht nur anklopfen, sondern sich stürmend und ununterdrückbar ihren Weg nach außen zu erstürmen versuchen.

Da bin ich nun also. Mit meinem großen Rucksack an Altlasten, an Triggerpunkten, die durch meine Kinder so heftig gereizt werden, wie sonst nur in Beziehung zu meinem Partner.

Und ich weiß, dass es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre (und ist), scheiße, genervt, ungerecht, gereizt gegenüber Kindern zu sein, einfach weil sie sich „altersgemäß“ verhalten. Wir Erwachsenen erwarten – oder wünschen – ständig zu viel von ihnen: „Sei doch mal nicht so laut!“, „Hör doch mal auf, so rumzuzappeln die ganze Zeit!“, „Musst du bei jeder kleinen Sache gleich so rumschreien?“, „Hör doch mal auf, deinen Bruder zu provozieren!“, „Nein, du kannst jetzt nicht…“, „Nein, wir können jetzt jetzt nicht…“, „Musst du immer…?“, „Kannst du nicht einfach mal…?“

Dabei müssen Kinder – in einer rational eingerichteten Welt – eigentlich „nerven“. 1. Steht ihr kindliches Sein so ziemlich allem, was eine rational geprägte Erwachsenensicht ausmacht, entgegen. Und damit unseren Routinen, Gewohnheiten und Erwartungen. Und nicht zuletzt: Unserer Bequemlichkeit. 2. bleibt ihnen gar nichts anderes übrig als lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Sonst laufen sie ja – angesichts des Machtgefälles zwischen Kindern und Erwachsenen in einer adultistischen Welt – ständig Gefahr, dass ihre Bedürfnisse – dass sie – übersehen werden. Mir kommt es manchmal so vor als würde es im Leben eines Heranwachsenden eigentlich ständig darum gehen, die eigene Stellung zu behaupten. „Ich bin wichtig! Übersieh mich nicht!“ Und das ist vollkommen verständlich! Es ist nicht fair, sie dafür verantwortlich zu machen, sie dafür schuldig zu sprechen und unsere Erwachsenenüberforderung ungebremst und unreflektiert an ihnen auszuagieren. Soweit der Verstand. Aha, aha… Got it!

ABER: Es verlangt mir so irre viel ab! Die Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, die dazu nötig ist, muss man erst einmal leisten können. Besonders dann, wenn man eh schon überfordert ist…

Nun könnte man natürlich entgegnen – und nicht wenige tun das -, dass die Erwachsenen die Verantwortung zu tragen hätten. Dass man sich das – Hallo innere Stimme! – halt vorher überlegen müsse, bevor man „Kinder in die Welt setzt“. „Das weiß man doch!“ Ganz ehrlich? Ich wusste es nicht. Ich hab es so nicht kommen sehen. Ich wusste nicht, worauf ich mich da wirklich einlasse. Was es bedeutet als Eltern mit Kindern seine Tage zu bestreiten. Ich wusste nicht, wie das für mich sein würde, wie ich drauf sein würde, wie ich klarkommen würde. Und ich behaupte: Niemand kann das vorher wirklich wissen. Deshalb halte ich diese vorwurfsvolle Polemik für Schwachsinn! Selbst wenn man sich halbwegs informiert und vorbereitet fühlt und den Eindruck hat, man weiß so in etwa, wie man drauf ist und wie das so wird als Eltern…. Vergesst es einfach! Wisst ihr nicht! Könnt ihr gar nicht. Und nun? Das Zusammensein mit Kindern ist für Erwachsene oft anstrengend. „Kinder nerven“. Wie klären wir die Schuldfrage?

Ich halte nichts von dem Weg, die Schuld auf dem Rücken der Kinder abzuladen, den leider noch immer sehr viele Erwachsene zumindest handelnd verofolgen. Gar nichts! Sie sind eben heranwachsend, müssen das meiste erst im Lauf ihres Heranwachsens lernen – mussten wir alle. Das gilt insbesondere für sowas wie Impulskontrolle,  Frustrationstoleranz, soziale Rücksicht – kurz:  „Gesellschaftsfähigkeit“. Und genau das sage ich P. zum Beispiel auch. „Als ich noch ein Kind war, habe ich mich auch immer total geärgert, wenn ich beim Spielen verloren habe. Ich habe sogar Spiele durch den Raum geschmissen, so wütend und traurig war ich…“ Ich merke immer, wie sich P. fast augenblicklich entspannt angesichts solcher Erfahrungsberichte, die ihr (hoffentlich) etwas von dem giftigen Eindruck nehmen, dass sie in ihrer Emotionalität irgendwie nicht in Ordnung ist. „Das wird sich nicht immer so doll anfühlen, das wird besser. Die meisten Menschen müssen das üben und lernen es mit der Zeit. Ich hab’s auch gelernt, heute stört es mich gar nicht mehr.“ Manchmal sagt sie dann kleinlaut: „Ich habe Angst, ich werde das nie lernen, Mama.“ oder auch „Da ist einfach so ein Wirrwarr in meinem Kopf und das kommt dann einfach so raus.“

Einen aushaltbaren und akzeptierten Platz im großen Spannungsfeld von Individuum (Was will ich? Was sind meine Bedürfnisse? Wie bin ich drauf?) und Gesellschaft (Welches Verhalten ist auch für meine Mitmenschen auf Dauer zumindest halbwegs erträglich?) zu finden halte ich für eine der größten Herausforderungen menschlichen Seins in stark rationalisierten, technologisierten Gesellschaften. (Nur die kenne ich, über andere mag ich mir diesbezüglich kein Urteil erlauben.) Das können und dürfen wir nicht einfach von Kindern erwarten und voraussetzen. Das meine ich, wenn ich sage, dass es „normal“ und völlig logisch ist, dass Kinder oft „nerven“ und von uns als anstrengend empfunden werden.

Trotzdem halte ich auch nichts davon, alle Schuld und Verantwortung diesbezüglich den Eltern zuzuschieben. Es verlangt ihnen – uns – in dieser Gesellschaft schlichtweg verdammt viel ab als Familie mit kleinen Kindern zu leben und klarzukommen.

Mein Problem ist, dass ich – wenn ich ehrlich bin – fast immer mehr Lust auf andere Dinge hätte. Und das tut mir leid und es tut mir weh. Ich will das nicht. Aber es ist die – meine – traurige Wahrheit. Und nein, das habe ich verdammt nochmal so nicht kommen sehen. Es ist selten, dass ich mir kurz vor der Abholzeit denke „Ach, was freue ich mich auf meine Kinder.“ Meist denke ich eher „Was? Schon wieder sind die Betreuungsstunden aufgebraucht? Verdammt!“ Fast alles, was ich wirklich gern mache, ist leider ziemlich Kinder-inkompatibel: Schreiben, lesen, denken, Musikhören, mit dem Rad um den See fahren, mich bilden, abends ausgehen… All das mache ich einfach sehr viel lieber als zum Beispiel meine Kinder von der Kita abzuholen, heftige Emotionen und Streits zu begleiten, Eis essen zu gehen, auf dem Spielplatz rumzuhängen oder oder oder…  Ich versuche mittlerweile, mit ihnen Dinge zu machen und unser Leben so einzurichten, dass wir alle es genießen… Aber oft haben die Kinder einfach so ganz andere Böcke als wir Erwachsenen. Deshalb versuche ich vor allem, mich so oft wie möglich mit anderen Familien zusammenzutun.

Und (Überraschung!) darauf läuft die „Schuld“-Frage letztendlich für mich auch hinaus:

BLAME THE SYSTEM!

In Zeiten, in der Kleinfamilien die Norm darstellen und jede Familie abgetrennt in ihrer Einzel-Parzelle lebt und haushaltet, sind Eltern so ziemlich alles, was in Formen gemeinschaftlichen Lebens von verschiedenen Personen erfüllt würde: Mutter, Vater, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, Großeltern, Heilerin, Gesprächspartnerin, Spielpartnerin, Tröstende, Geschichtenerzählerin, Pädagogin, Ernährerin, und und und… Wir müssen einfach viel zu viele Rollen ausfüllen. Und das neben unserem „anderen“, also  neben dem „vielen vielen Anderen“, was wir noch so im Leben tun. Das kann gar nicht funktionieren!

Könnte man nun sagen:

„Trotzdem tragt ihr Eltern die Verantwortung! Ihr könntet ja einfach weniger  oder arbeiten, ihr könntet reduzieren, ihr könntet (und solltet) eure Altlasten aufarbeiten und einfach mal klarkommen, Prioritäten klar (auf eure Familie) setzen, andere Dinge rausschmeißen und mit anderen Menschen in ein Gemeinschaftsprojekt ziehen, wenn ihr das für die Lösung haltet.“

Da mag irgendwie was dran sein. ABER! Ein gemeinschaftliches Hausprojekt auf die Beine zu stellen – dafür braucht man – neben der passenden Gemeinschaft – Kohle, Raum, Energie und Zeit. Ich habe seit der Geburt meiner Kinder mit so vielen Familien gesprochen, die sich gern mit anderen Familien zusammentun möchten. Die meisten haben ja ähnliche Probleme! Aber es entspricht einfach nicht dem, was in Städten Wohnungsbau-mäßig in großem Stil angedacht und geplant ist. Das ist – abgesehen von Einzelprojekten – einfach nicht vorgesehen… Darauf ist unsere neokapitalistische Gesellschaft, in der es nun einmal vorrangig um individuelles Kapital geht, nicht ausgelegt. Ich habe (gerade) weder Geld, noch Zeit, noch Raum dafür. Leider. Menschen habe ich. Und Visionen. Zur Genüge. Aber ich fühle mich diesbezüglich wie gelähmt und weiß nicht, wie ich aus meinem eh schon sehr vollen Alltag noch Kraft und Zeit dafür herausschälen soll. Obwohl ich es mir so sehr wünsche und für das richtige halte. Das macht mich traurig. Ich finde, gemeinschaftliche Wohnprojekte sollten viel stärker unterstützt und supportet werden – von Kommunen, Ländern, dem Bund. Es wäre eine Win-Win-Win-Win-Situation. Dafür müssten Menschen sich stark machen. Und ich würde das gern tun… Aber ach, auch dafür bräuchte es wieder die gerade genannten Ressourcen. *seufz* Mich deprimiert das.

Und was ist mit Reduktion und Aufarbeitung? Achtsamkeit? Prioritäten? An den ersteren arbeite ich, mehr oder weniger. Dem Familien-„Caring“ aber absolute Priorität einzuräumen halte ich für problematisch. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Habe ich! Nach der Geburt von P. hatte ich 1,5 Jahre Elternzeit, und sonst (fast) nichts anderes. Das war für mich fast traumatisch. Die Einsamkeit. Die Eintönigkeit. Das Hamsterrad. Der fehlende Input. Ich bin fast daran kaputt gegangen. Auch deshalb habe ich es nach T.s Geburt anders gemacht, saß einige Wochen nach der Geburt wenigstens an einem Tag in der Woche wieder in der Uni. Und ich habe es genossen.

Ende der Geschichte?

Wir leben also in dieser – ich sage mal – spannungsreichen Situation. Und wir versuchen sie täglich zu handeln, auszuhalten, mit ihr umzugehen. Das bedeutet, immer wieder auszutarieren, zu balancieren, zu organisieren. Es verlangt der Beziehung von K. und mir viel ab: Kommunikation, Bedürfnisse äußern, Freiräume sichern. Hilfe und Entlastung holen. Andere in die Zeit mit den Kindern einbeziehen. Ab und zu ausbrechen. Selbstreflexion und – erkenntnis. Bewusster Umgang mit den Kindern und mit den inneren Stürmen. Auch mit ihnen reden. Ehrlich sein, ohne zu verletzen. Nach wie vor eine meiner größten Herausforderungen. Ich will ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie mich nerven. Und dennoch fühl ich mich oft überlastet und genervt. Aber daran sind nicht sie schuld und dafür sind sie nicht verantwortlich. Ich bin es vielleicht zu einem großen Teil. Und ich arbeitete beständig daran, mich dem zu stellen. Und der Rest ist (oder wäre): Politik.

Also ihr Eltern-Leute: Werdet aktiv für eure Interessen! Lasst euer Privates politisch werden! Engagiert euch! Kämpft! Nur – oder eigentlich gerade – weil ihr jetzt Kinder habt, solltet ihr nicht biedermeiern. Ich versuche jedenfalls, das (nicht) zu tun. Zum Beispiel hier und hier.

Ich mach die Augen zu. Nicht.

Ich sehe diese Memes, von dieser Witzfigur, die in einer der größten Nationen dieser Erde  – ich lass die Doppeldeutigkeit mal so stehen – auf dem wichtigen Stuhl sitzt. Von seiner Frau und all dem FunnyFunny-Stuff. Eine Zusammenschau von Bildern, die zeigen, dass die Berührungen des Toupet-Models an seiner Tochter irgendwie immer lüstern wirken. Einen Beitrag über populistisches Gesabbel. Ein Bild, das zeigt, dass in irgendeinem Kaufhaus ein Regal in der Spielzeugabteilung mit „Wie Mutti“betitelt ist… Ich mach die glotze aus, mach das Internet aus. Mache die Augen zu.

Dürfte ich nicht, sollte ich nicht. Wahrscheinlich, vielleicht, ich weiß nicht.

Schwanke zwischen Dramatisierung – ebenso wie die Populisten – („Das ist der Anfang vom Ende.“) und „War’s nicht schon immer irgendwie so?“

Idioten gibt’s nicht erst seit Trump und Putin und Höcke und Petry und…

Ich schaue meinen Kindern beim Spielen zu. Grundsatzgedanken. „Was dachte ich mir dabei, Kinder in diese Welt zu setzen? In diese Welt? In diese verkackte Welt?!?“

Draußen färbt der Himmel sich rosa… Das liegt an der Art und Weise, wie das Licht sich bricht. In der Atmosphäre oder so. Hab ich von einer Kinder-CD von P. gelernt, die bald (GANZ BALD!) in die Schule kommt.

Auch so ein Thema. Schule. Macht mir Bauchschmerzen… Habe eine Schulgründungsinitiative laufen – demokratische Schule, menschenrechtsbasierte Bildung. Scheitere gedanklich aber daran, dass ich keine elitäre Privatschule gründen will… Wie kann man das vereinbaren? Solidarität, bekämpfen wollen von Ungerechtigkeiten statt verstärken von Privilegien und freie Schule, finanziert über Schulgeld?? Sollte man nicht lieber versuchen, am Regelschulsystem etwas zu drehen? Aber kann ich diesen Kampf gegen Windmühlen wirklich kämpfen?

… Und: Worüber denke ich da überhaupt nach? Was für eine abgehobene Scheiße?

Im Erzgebirge im Ski bzw. Snowboard-Kurz-Urlaub gewesen. FunFunFun. Hedonismus pur! AprésSkiShit dröhnte aus den Boxen. Ich bin vom Schlepplift gefallen und die Piste nach oben gelatscht. Denke sehnsüchtig an unseren Urlaub im Sommer nach, Lüneburger Heide. Die totale Entschleunigung… Dahin will ich mich zurückziehen, wenn es denn ginge. Wenn ich es denn aushalten könnte, auf dem Land, in der Pampa. Einfach aussteigen. Mit anderen Leuten, Selbstversorgung. Die Arschlöcher draußen lassen… Die Augen zumachen. Nicht mehr hingucken. Macht doch euren Scheiß alleine!

Ich sehe die Höcke-Rede und all die mahnenden Kommentare: „Sagt ja nicht, ihr hättet von nichts gewusst!“ Ich sehe „Yolocaust“ und meine Generation Selfie widert mich an. Ich sehe Plakate, die fragen, wo Israel- oder Islam-Kritik noch okay sind und wo es anfängt, islamophob bzw. antisemitisch sein. „Gutmenschenscheiße“ höre ich meinen Erzeuger rotzen. „Was soll das?!“ mich fragen… Und mein Telefon klingelt. Jemand wurde verlassen, der ganze Körper tut weh. Jemand hat sich verletzt, der ganze Körper tut weh. Jemand fragt, was Freitagabend geht. Und wir gehen in den Pub und trinken und rauchen und reden Schwachsinn und liegen uns irgendwann in den Armen und machen uns Liebeserklärungen… So geht’s doch immer, egal, was draußen ist. Oder?

K. kommt nach Hause, während ich mich T. zu diesem tollen Lied tanze und seine Augen werden feucht, wie sie das so oft tun, weil er so leicht zu rühren ist, wenn’s um Familie geht. Und wir bauen Feuerwachen und streiten über Tabletgucken und Zubettgehzeiten und manchmal sind wir so gestresst, weil… ach! Die Nachbarn regt das Kindergetrampel spätabends auf und die Züge fahren im Winter unregelmäßig und immer die viele Arbeit… Und dass man nicht weiß, was man eigentlich will und wohin man soll und dass sich das auch nicht ändert, diese Suchbewegung. Dabei geht man doch nun mittlerweile auf die 30 zu und dachte, das müsste doch dann mal langsam… Irgendwie. Oder nicht?

Und immernoch sterben Menschen, da draußen. Unser Klamotten werden unter Scheißbedingungen produziert, in unserem Essen steckt nur Schrott und vor jedem YouTube-Video kommt jetzt Werbung. Und für’s Kino reicht die Kohle nicht.

Wo ist denn da die Relation??!?

Ja, ich fühle mich gelähmt. Laufe seit Jahren in Richtung bessere Welt, engagiere mich hier und da und dort, treffe tolle Leute, die das auch tun. Und dann die Wahlen. Und ja! Das passiert jetzt wirklich gerade. Und ich bin so oft und immer häufiger müde, müde, müde. So müde.

Ich mach die Augen zu. Bringe meiner Kinder ins Bett und singe ihnen ein Lied, von einer besseren Welt. Und der Himmel färbt sich dunkelrot. Und ich schluck das Geheule und die Wut runter und reiße mich zusammen. Und gehe raus. Mache die Augen auf und aufmerksam. Immer wieder, immer weiter. Weil’s anders nicht geht, weil es/ich anders nicht sein kann. Ich will später nicht behaupten, ich hätte von nichts gewusst…

„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

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 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

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Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)

 

Inside #le1212

Ihr habt es in den Nachrichten mitbekomme, vielleicht.

Das ist bei uns vor der Haustür und der größte Krawall lief in der Straße, in der die Kita der Kinder ist. Und weil das so ist, will ich etwas dazu schreiben. Was ging hier ab? Was soll, was kann ich dazu schreiben?

Erst einmal: Nachrichtenmagazine suchen sich krasse Bilder raus. So „Krieg“ wie das in den Nachrichten wirken mag, war es nicht. Dass es Krawall geben würde, war mit Ansage. Warum? Siehe (zum Beispiel) hier: https://twitter.com/mauritz_berg/status/667306993829306369/. Dass die Nazis ihre Demos ausgerechnet hier angemeldet haben, war Provokation.

Vorgeschichte: Connewitz ist die Hochburg der Linken in Leipzig, in Sachsen, vielleicht sogar in Ostdeutschland. Die Nazis haben drei Demos in Connewitz angekündigt. Letztendlich wurden die – aus diversen Gründen – von Connewitz etwas weiter Richtung Stadtmitte, in die Südvorstadt verlegt und aus dem Sternmarsch, den die Faschos vorhatten, wurde eher ein Märschchen von 600 Metern. Angekündigt (und angemeldet) hatten die Nasen 400 Menschen pro Demo. Außerdem wurden mehrere Gegendemos angemeldet, in der kompletten Südvorstadt.

Zur Vorgeschichte gehören auch: Die Demos der LEGIDA-Rassisten wöchentlich, seit nun beinahe einem Jahr, schwankende Anzahl Menschen dort und bei den Gegendemos. Auch ich gehe nicht mehr jeden Montag dahin. Ich weiß nicht, wie viele hundert „Versammlungen“ es in diesem Jahr schon in Leipzig gab. Auch die Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten zähle ich dazu. Die steigenden Werte der AfD. Die Sticker auf Ortsschildern in und um Leipzig vor einigen Wochen: „Refugees in… not welcome„. Die ganze „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“-Scheiße.

Eine erste Gegen-Demo gab es schon am 11.12. abends. In der Nacht vom 11. zum 12. wurde am Büro eines Linken-Abgeordneten Scheiben eingeschlagen. Kurz-Bilanz ansonsten (Zahlen hab ich auch nur aus den Medien): 2500 Gegendemonstrant_innen. 130-150 Nazis. Haufenweise (!) Polizei in dicken Schutzanzügen, bewaffnet mit Schlagstöcken, Reizgas, 4 Wasserwerfer, ein Räumungsfahrzeug – soweit ich das sehen konnte. Und dann ist da noch die „Krawall“-Bilanz: Fliegende Pflastersteine, zerbrochene Schaufensterscheiben, Werbetafeln, Haltestellenhäuschen, einiges an Sachbeschädigungen (auch Freisitz-Inventar von Kneipen – die Karli, die hier vorn ist, ist die Ausgeh-Meile im Leipziger Süden… Hier reiht sich Café an Café), brennende Mülltonnen + Inhalte, brennender (Sperr-)Müll und Autoreifen.

Die Kinder waren bei meinen Eltern. Der gesamte Morgen war begleitet von Hubschrauber-Geratter, Geknalle (Böller?) und Polizei-Sirenen. Eine ziemlich ungewöhnliche Geräuschkulisse. (Ich frage mich, wie das für die Asylsuchenden ist, die eine Straßenecke von unserem Haus entfernt in einer alten Schule untergebracht sind…) Ich hab den Stand der Lage anfangs über Facebook, twitter und die Live-Ticker der Medien versucht, zu verfolgen. Die ersten heftigeren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und einigen der Anti-Nazi-Demonstrant_innen liefen zu dem Zeitpunkt offenbar schon. K. und ich mussten/wollten im Laufe des Tages eigentlich noch in die Innenstadt, Weihnachtsgeschenke und so. Es ist ziemlich seltsam, sowas vollkommen… bescheuertes vorzuhaben, während vor der Haustür das läuft… Einerseits haben wir uns gefragt, zu welcher Demo wir nun gehen. Und andererseits, wie und ob wir überhaupt in die Stadt kommen. Es fuhren ja keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Auto kam man auch nicht durch. Das nächste ungewöhnliche Gefühl: Man kann sich nicht frei bewegen, fühlt sich eingekesselt. Und das waren wir ja auch, irgendwie.

Als wir losgegangen sind, war es ca. 14 Uhr. Start für die meisten der Gegendemos. Wir sind mit den Rädern einfach ein paar hundert Meter gefahren und standen schon zwischen vielen Gegendemonstrant_innen. Die Nazis kamen offenbar gerade vorbei, was wir aber nur erahnen konnten, weil die Polizei Sicht und Weg komplett mit Wagenburgen verrammelt hat. Wir haben Krach gemacht… Und schlecht Luft bekommen, das fiel uns nach einigen Minuten schon auf. Die Polizei hatte an der nächsten Straßenecke offenbar massiv Tränengas eingesetzt. Wir haben nur das, was der Wind rübergeweht hat, abbekommen, und mussten dann echt da weg, weil die Augen tränten und das Atmen zunehmend schwer fiel. (Für mich mit Asthma echt ziemlich uncool…) Einige Menschen waren mit Kindern dort. Es ist tatsächlich auch mehr als fraglich, wie unter diesen Bedingungen ein Protest gegen den Nazi-Aufzug möglich sein soll. Über den Dächern der Häuserreihen steig Rauch auf – brennende Barrikaden – sprich: Mülltonnen, Sperrmüll, Mülltonnen-Inhalt, Autoreifen – auf der Karli.

Wir haben dann versucht, eine andere Stelle zu finden, an der wir gegen die Nazis laut sein können. Aber es war schlicht nicht möglich. Zwischen den Faschos und den Gegendemonstrationen hat die Polizei meterweite Korridore gezogen. Alles Seitenstraßen waren mit Polizeikontrollen versperrt. Da war kein Rankommen. Und genau das ist ja das Problem, was einige der Gegendemonstant_innen haben, die regelmäßig mit der Polizei heftig aneinandergeraten. Im Prinzip ist der Punkt: „Das ist unser Kiez und wir sehen nicht ein, dass Rassist_innen hier aufmarschieren!“ – beschützt und eskortiert von der Staatsgewalt und wohlgemerkt nur einige zehn Meter entfernt von einer Unterkunft für Asylsuchende, die nicht wenige der Intoleranten liebend gern abbrennen sehen würden – am liebsten inklusive der dort lebenden Menschen. Dass die Rechten hier langziehen können, sich an einem Platz treffen und dort ihren ätzenden Mist über Lautsprecher erzählen können – das ist, wogegen alle der Protestierenden sind. Sitzblockaden werden von der Polizei aufgelöst, damit die Rechten zu „ihrem Recht“ kommen, sprich: Die von ihnen angemeldete Demonstration (Merke: für Intoleranz, Fremdenhass und Nationalismus!) ungestört ablaufen kann. Soweit so… naja.

Hier gibt/gäbe es viel zu bereden, zu bedenken, einzubeziehen: Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, Meinungsfreiheit… Alles wichtige Dinge. „Keine Toleranz gegenüber Intoleranz!“ aber genauso. Wenn nun aber am selben Tag andere, ebenso offiziell angemeldete Demonstrationen von der Polizei mit Reizgas-Granaten beschossen werden, dann gibt das nicht nur zu denken, sondern macht wütend und fassungslos:

Wir suchen also nach einem anderen Standort, um das inakzeptable Gerede der Nazis zu übertönen, stehen an einem Platz (mit Spielplatz!) als eine zunehmend größere Gruppe Anti-Rassist_innen über den Platz gelaufen kommt… Kurze Zeit später kommen 4-6 Sixpacks angerast (!), stoppen mit Vollbremsung wenige Meter vor uns, die Türen gehen auf, die Polzist_innen springen raus und gehen direkt auf Menschen los. Mindestens auf zwei Menschen schlagen sie ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken ein, viele werden festgenommen. Ein Polizist sagt zu einem anderen:

Was wir haben, rein da – verarbeitet wird später!

Ja mit „Was“ waren hier die Gegendemonstrant_innen gemeint… Erst jetzt (!) fingen vereinzelte an, Steine zu schmeißen – insgesamt vielleicht 5-9 Stück. Die Polizist_innen stellen sich in Reihe auf, schießen mit Nebelpistolen und – wieder, wie so oft an diesem Tag – Reizgas-Granaten. Die Menschen werden von den Polizist_innen eigentlich ausschließlich angebrüllt… Die wirkten definitiv völlig überreizt / überspannt, adrenalingeladen,  und reagieren meiner Meinung nach (!) in vielen Fällen extrem unverhältnismäßig und übertrieben. Auch wir werden angefahren, dass wir jetzt da weg sollen. Der Platz wurde dann (mehr oder weniger) geräumt…

Zu dem Zeitpunkt waren die Nazis durch mit Marsch und Kundgebung. Die Krawalle gingen dann wohl noch weiter, Hubschraubergeratter und Sirenen blieben uns jedenfalls noch eine Weile erhalten. Als wir uns auf den Weg in die Innenstadt machten, mussten wir an einer Kreuzung länger warten, weil die Wasserwerfer gerade abfuhren… Ein dermaßen seltsames Bild und Gefühl. Du stehst mit deinem Rad an der Kreuzung, die du immer befährst, K. hat den Kinderhänger hinten dran. Neben euch: Sixpacks en masse – links und rechts. Vor euch: Vier riesige Wasserwerfer. Hinter euch: Noch mehr Polizei… Warum bloß fühle ich mich angesichts soviel „Staatssicherheit“ alles andere als sicher? Könnte vielleicht an dem Bildern in meinem Kopf liegen… Immer wieder das selbe Bild: Der Mann mit dickem Sicherheitshelm, Schutzanzug, Springerstiefeln, bewaffnet, ausgerüstet prügelt auf den jungen Typen in Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen ein… Keine Waffen.

In der Stadt dann Weihnachtsmarkt-Verkehr: Glühweingeruch. Langosz. Gebrannte Mandeln. KaufenKaufen. Irgendwie surreal. Mein Hals kratzt noch immer vom Tränengas.

Ich finde es bescheuert, den eigenen Kiez zu zerlegen. Ich verstehe auch nicht, was es mit Protest gegen Rassismus zu tun hat, das Schaufenster der selbstständigen Frisörin oder des kleinen Cafés an der Ecke einzuschmeißen. Ich glaube auch nicht daran, dass die, die „randalieren“, ausschließlich Leute aus anderen Städten sind, denen der Kiez hier egal ist. Ich glaube, dass sich bei dieser „Räuber-und-Gendarme“-Nummer eine Eigendynamik zwischen überspannten Polizist_innen und angepissten Anti-Rassist_innen entwickelt, bei der beide Seiten regelmäßig ziemlich sinnlosen, kontraproduktiven Kack machen. Außerdem ist natürlich der Kampf zwischen „Staatsgewalt“ und einigen Anti-Faschist_innen ein Nebenschauplatz, der hier gestern mal wieder zum Hauptschauplatz wurde. Polizisten, die Nazis dabei unterstützen, zu demonstrieren und ihre Intoleranz öffentlich und laut zu verkündigen und gleichzeitig Gegendemonstrationen angreifen, werden hier den Faschisten zugerechnet.. Und ich kann es ihnen angesichts dessen, was ich gesehen habt, nicht verübeln. Und brennende Barrikaden? Vielleicht geht’s hier um eine gewisse – so absurd es klingen mag – „Demo-Ästhetik“…

Ich weiß nur nicht, was wir nun – alles in allem – davon haben: Die Nazis sind gelaufen und haben geredet. Sachschäden sind zu bezahlen. Auch zukünftige Demonstrationen werden nicht einfach untersagt. Und die Medien kennen vor allem Thema: Ausschreitungen auf Seiten der Gegendemonstrant_innen. Und die Nachwehen der Auseinandersetzungen finden sich (mal wieder) in den Kommentarspalten.

Wichtig bleibt: Wo immer Nazis auftreten, sollten zehn Mal so viele antreten und lautstark, aber gewaltfrei zeigen, dass die nicht viele und nicht die meisten sind. Die wichtigste Message des gestrigen Tages sollte sein: Leipzig denkt bunt. Und das ist, was ich gern vor allem groß in den Medien lesen würde: In Leipzig (Sachsen) demonstrierten 130-150 für Intoleranz und 2500 für Toleranz und Vielfalt.

Bitte hör auf mit dem Gebrüll. BITTE!

Heute ist es mal wieder passiert. Und gestern. Und irgendwann in den Tagen davor auch. Ich hab rumge… naja… „brüllt“ wäre übertrieben… „rumgeschnauzt“ trifft es vielleicht besser.

Ich versuche so so sehr gerade nicht mehr so stark die Anstrengung zu empfinden, sondern im Moment zu sein, gerade, wenn ich mit den Kindern zusammen bin. Nicht immer vergleichen, nicht immer an’s nächste Denken… Positiver sein, bei ihnen sein. Aber wie soll ich es hinkriegen, die Dinge positiv zu sehen, wenn stundenlang nur-nur-nur gebrüllt wird? Wie soll das gehen? Ich e-r-t-r-a-g-e das einfach manchmal nicht mehr. Also wortwörtlich… Eigentlich ist es mir dermaßen zu viel, dass es nicht mehr geht, ich halt’s eigentlich nicht aus. Aber ich kann ja nicht einfach weg, ich muss ja in der Situation bleiben, wenn ich mit den Kindern allein bin. Heute habe ich mich 19:30 mitten auf den Gehweg gesetzt und 10 Minuten gewartet. T. wollte (brüllend) auf den Arm, nicht im Buggy bleiben. Ich hatte Einkäufe zu tragen. P. wollte spontan auch nicht mehr weiterlaufen, hat den Buggy besetzt, was wiederum T. nicht passte, der spätestens dann vollkommen außer sich war und die Straße zusammenschrie. Ich hab versucht rauszufinden, was T. will, ihm erklärt, dass das nicht geht, er wütete weiter rum, ich setzt mich und nahm ihn auf den Schoß. Das war ganz schön kalt.

Man ist ja erwachsen, ne? Aber in diesen Momenten… An solchen Tagen, brodelt’s früher oder später in mir hoch… Das kindische „Wann nimmt eigentlich mal wieder jemand Rücksicht auf mich?„-Gefühl. Dann muss ich ganz oft (runter-)schlucken und mir vergegenwärtigen, wie alt meine Kinder sind, um nicht einen verdammten Hals zu kriegen, angesichts der kleinen „Ego-Nummern“, die sich da vor mir abspielen.

Irgendwann waren wir dann Zuhause. Aber das Brüllen hörte nicht auf.

Ich bemühe mich. Ich bemühe mich wirklich. Ich will geduldig sein und verständnisvoll, ich gehe auf die Kinder ein, ich rede mit ihnen, frage, mache, tue, … Ich versuche es wirklich. Aber irgendwann geht’s nicht mehr, dann hakt es aus, und ein Schalter legt sich um.

Erst habe ich mich in die Mitte des Wohnzimmers gestellt und einfach „AAAAAAAAH!“ geschrien. Als das Brüllen der Kinder auch dann nicht aufhörte, bin ich ins Schlafzimmer gegangen, habe die Tür zugeknallt und mir die Ohren zugehalten. Mehrere Male habe ich versucht, mich zu beruhigen, ruhig zurück zur Brüll-Szene zu kehren, in der meine beiden Kinder schon seit Nachmittag die Hauptdarsteller waren.

Szene jetzt: Küche. P. hatte sich jetzt (auch noch) am Kopf gestoßen. Wieder ein neuer Grund für Gebrüll. Aber ich war nicht mehr in der Lage, zu trösten, zu streicheln, zu beschwichtigen. Ich flehte sie an, mit dem Geschrei aufzuhören. „Du kannst weinen, sag mir was passiert ist, aber bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte hör auf mit dem Gebrüll. BITTE!“ Jede, die das schon mal probiert hat, weiß, dass das mit 99%iger Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass das Kind noch mehr, noch lauter, noch eindringlicher kreischt.

Und dann kam sie, die Standpauke.

Ständig versuchen wir, es euch recht zu machen, Tag und Nacht. Wir nehmen immer Rücksicht auf euch, richten uns dauernd nach dem, was ihr wollt. Seit Tagen haben wir nicht mehr richtig geschlafen haben, weil T. permanent alles vollkotzt. Die Nachmittage, die Morgen, die Wochenenden, der Urlaub, die Mahlzeiten… Ständig versuchen wir, euch ganz besonders zu berücksichtigen. Und trotzdem findet ihr immer, immer, immer, immer einen Grund, unzufrieden zu sein. Ihr findet immer einen Grund, euch zu beschweren, mich zu treten oder zu hauen, zu brüllen, uns „doof“ zu nennen oder rumzuschreien! Und manchmal, ja, manchmal, da kann ich einfach nicht mehr. Ich WILL jetzt kein Gebrüll mehr hören, weder von dir, noch von dir. Gar nicht mehr heute! Kein einziges bisschen!

P. guckt mich mit großen, geschwollenen Augen an. Sogar T. hat mit dem Geplärre aufgehört. *schnief* macht sie. Ich fühle mich wie einem französischen Familiendrama.

„Weißt du…“, sage ich kleinlaut zu P., „ich wünschte, ich könnte immer ganz ruhig bleiben und auf alles ganz entspannt reagieren. Ich wünscht, ich wäre immer fröhlich und hätte immer gute Laune. Aber ich schaffe das einfach nicht immer so wie ich will. Und dann raste ich manchmal aus und meckere oder brülle auch. Das heißt nicht, dass ich euch total doof finde, aber ich halte es manchmal einfach nicht mehr aus… Das tut mir ehrlich leid. Ich hab euch trotzdem lieb.“ *schnief-schnief* macht P. nochmal und sagt: „Mama, schon okay, Mama, das muss doch auch mal raus, die Wut, sonst kriegt man Bauchschmerzen. Man kann nicht immer fröhlich sein.“

Ach Mensch. Und dann schniefte ich.

Im Bett sagte sie, als ich sie fragte, was sie träumen möchte „dass du immer bei mir bist“.

Man kann nicht mehr wirklich zurückfühlen, wie Kinder ticken. Wenn ich von K. ne Standpauke kriege, dann reagiere ich da jedenfalls mit sehr viel weniger Verständnis als meine 5-jährige Tochter. Ich brauche mindestens bis zum nächsten Morgen, um mich abzuregen.

(P.S.: Ich hab dann abends mal endlich mitbekommen, dass T. zahnt. Supermutter, ich.)

„Mode“diktatoren

Ich bin kein Shopping-Mensch. Zumindest versuche ich keiner zu sein. Ich kaufe trotzdem noch zu viel, finde ich. Ich versuche beim Kauf von Klamotten, Schuhen usw. immerhin auf sowas wie Langlebigkeit zu achten. Klappt aber bei weitem nicht so wie ich das gern hätte. Ich versuche, den Großteil gebraucht zu kaufen. Ja, einkaufen macht auch mir durchaus Spaß. Genau wie Süßigkeitenessen. Beides ist aus Vernunftgründen aber keine gute Sache. Weil moderne Sklavenwirtschaft, ungesund (in vielerlei Hinsicht) usw. Soviel zum Moralapostel-Teil.

Kurz vor meiner Straßenecke habe ich mir gerade meine scheiß „Ballerinas“ ausziehen müssen, weil die an meinen Zehen reiben. Und es kotzt mich an! Früher habe ich immer über meine Oma geschmunzelt, die zuerst ihre Hose ausgezogen und „in was bequemes geschlüpft“ ist, kaum dass die Haustür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Heute mache ich das selber so. Heute hab ich’s nicht mal bis nach Hause geschafft. Seit so etwa zwei Monaten – hm, gut, ehrlicher: seitdem ich wieder zugenommen habe, vor allem am Bauch – sehe ich es eigentlich einfach nicht mehr ein, unbequemes Zeug anzuziehen. Was ist das eigentlich für eine Scheiße?

Frauenschuhe sind für viele Frauen vorne viel zu schmal geschnitten. Die Schuhe reiben an Zehen, an Fersen… Ich habe offenbar ziemlich weit auseinanderstehende Zehen. Jedenfalls wurde die durch’s Schuhetragen der letzten Jahre extrem zusammenquetscht. Richtig deformiert sehen die aus. Und dabei achte ich schon auf bequeme Schuhe. Was ist das für ’ne Scheiße mit den Mode-Diktaten?

Hosen drücken den meisten Menschen am Bauch. Das ist ja auch logisch, weil Durchschnitts-Nicht-Waschbrett-Bäuche im Stehen nicht den gleichen Umfang haben wie im Sitzen. Ständig guckt irgendwo eine Arschritze aus. Auch das ist logisch, weil beim in die Hocke gehen, beugen, bücken, kurz: beim Bewegen nun einmal… nee, noch anders: Weil der Arsch sich im Regelfall nach außen wölbt. Schon mal aufgefallen, dass z.B. Röcke rundherum eine Länge haben? Der Hintern ist da einfach nicht mit eingeplant. Und in Hosen ist Bewegung nicht mit eingeplant. Völlig Gaga wird’s ja bei dieser Fett-Weg-Wäsche. Im Netz geistert Mal ein Bild rum, das zeigte, wie die Organe zusammengequetscht werden, wenn sowas getragen wird.

Das muss man sich mal vorstellen: Da erfindet eine High-Society-Trulla aus Ummärrica einen Ganzkörper-Wonderbra und wird damit zum Vorzeige-Model für die Vereinbarkeit von „Familie und Karriere“. Ihr ging’s ja auch so schlecht, weil sie so aus der Form gegangen war, nach der Geburt der Kinder… Da musste sie sich was einfallen lassen. Und weil es mehr oder weniger unmöglich – oder zumindest unwahrscheinlich – ist, den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen – vor allem als Mutter – wird „Funktionswäsche“ (!) erfunden, die das Unerwünschte einfach wegquetscht. Geht’s eigentlich noch sinnbildlicher? Und die High Society-Läääidiies bedanken sich in Scharen bei der! Weil sie ihnen „ihr Leben zurückgegeben haben“.

Photoshop, XS-Models, Konfektionsgrößen, „porentiefe Reinheit“, keine Falten im Alter, keine grauen Haare, keine Haare an und zwischen den Beinen oder unter’m Arm… Diese verdammten Schönheitsideale machen mir schon seit meiner Teenie-Zeit zu schaffen, weil ich immer meilenweit von ihnen entfernt war. Seit ich denken kann fühle ich mich hässlich. Zu dick, zu hellhäutig, zu klein, zu stämmig, … Nicht fit genug. Meine Komplexe begleiten mich jeden Tag. Und sie sind nicht gerade leise. Ich habe eine völlig verquere Selbstwahrnehmung und leider sind mir die Blicke der Anderen nicht so egal, wie es mir lieb wäre. Mein bewusstes Denken und meine mir angedachten Ideale brüllen dagegen an – ich will diesen Dogmen nicht folgen, ich will, dass es mir egal ist wie mich wer findet. Ich will meine Beine nicht rasieren, weil ich davon Neurodermitis-Rückfälle bekomme. Ich will meinen Bauch nicht 90% des Tages einziehen müssen. Ich will nicht, dass mir der Hosenbund schmerzhaft in’s Fett schneidet. Ich will mich nicht für meine Risse schämen, die meinen Bauch und meine Oberschenkel noch unansehnlicher machen. Ich will mich nicht mehr dabei erwischen, wie ich beschämt eine Jacke über meinen Bauch lege, sobald ich mich hinsetze. Ich will nur noch in luftigen Jogging-Hosen mit doofen Mustern rumrennen, die ich selber genäht habe. Ich will meinen Bauch raushängen lassen, wenn er halt einfach gerade mal wieder voluminöser ist. Ich will mich nicht nach allem, was ich gegessen habe, fragen, ob das jetzt ein Fehler war. Ich will mir nicht ständig einbilden, dass andere sich vor mir ekeln. Ich will diese „ich versteck mich“-Impulse nicht mehr. Ich will mir nicht jeden zweiten Tag (ernsthaft!) denken: „Ab morgen esse ich nichts mehr, dann geht das schon wieder weg“ und mir danach selbst links und rechts eine Watschen müssen für diese Gedanken. Ich will auf solche Oberflächlichkeiten scheißen.

Die Mode-Diktatoren helfen nicht dabei, das hinzubekommen. Im Gegenteil. Und wieder mal frage ich mich, was für eine menschenunfreundliche Welt wir uns da erschaffen haben. Klar sind das Luxus-first world-problems. Aber machen wir uns nichts vor: Diese ständigen Unzulänglichkeitsgefühle sind wahrscheinlich Realität in den Köpfen vieler Menschen. Warum machen wir das mit? Warum begehren wir nicht auf? Warum ziehen wir die scheiß-engen Schuhe und Hosen trotzdem an? Warum wehren wir uns nicht viel, viel mehr gegen sowas? Und wem nützt dieser Kackmist?

Alltag

Ich wurde in letzter Zeit häufig gefragt, wir wir unseren Alltag organisieren zwischen Studium in einer anderen Stadt, Elternsein und freiberuflich-„festfreier“ Berufstätigkeit, insofern:

Wir stehen 07:30 auf, damit wir pünktlich um 09:00 in der Kita sind. Der Morgen ist eigentlich immer ganz entspannt, alles geht sehr flott und reibungslos über die Bühne, wir springen tänzelnd und singend pünktlich 08:45 zur Straßenbahn. P. sitzt jeden Morgen pünktlich 09:00 im Morgenkreis der Kita. (Das ist nicht unwichtig, weil das im teil-offenen Konzept der einzige Moment des Tages ist, an dem die Gruppen zusammenkommen und die Kinder sich für ein „pädagogisches Angebot“ entscheiden können. Wer später kommt, muss das nehmen, was noch da ist.)

Nachdem ich die Kinder abgegeben habe, setze ich mich ins Café, gern mit guten Freunden, und frühstücke entspannt, während ich Nachrichten lese, schreibe oder anregende Gespräche führe. Anschließend gehe ich nach Hause, wo unser Hausroboter schon den Haushalt inklusive Wäsche erledigt hat. Ich setze mich an den Rechner, beantworte einige Mails und beginne, mich mit spannender Lektüre zu einem mich aktuell interessierenden wissenschaftlichen Thema meines Fachs zu beschäftigen. Anschließend schreibe ich noch 1-2 Stunden. Gegen 13:30 bin ich mit guten Freunden zum Mittagessen verabredet. (Achso: Ja, ich habe einen Time-Warper, so dass die Zeit vom Abgeben in der Kita bis 13:30 verdreifacht wird.) Dann gegen 14:30 mache ich noch einen Spaziergang oder schaue beim Ökohof vorbei, helfe dort ein paar Möhren ernten oder ich schaue bei meinen Kumpels vom Stadtteilladen rein, möglicherweise kann ich da noch etwas helfen.

Pünktlich 15:30 treffe ich dann K. und wir schlendern zur Kita, um unsere gut gelaunten Kinder um 16:00 abzuholen. Wir gehen entspannten Schrittes nach Hause, machen vielleicht noch kurz Halt am Waldspielplatz, wo die Kinder vergnügt Räuber und Gendarme mit Materialien, die sie im Wald finden, spielen und wir unterhalten uns angeregt über Erwachsenenthemen. In der Dämmerung gehen wir nach Hause, wo ich eine leckere Karottensuppe aus den selbst geernteten Möhren zubereite, von der meine Kinder mindestens zwei Schüsseln essen. Schließlich gehen die Kinder – nachdem sie den Tisch abgeräumt haben und gefragt haben, ob sie sonst noch etwas helfen können – ins Bad, ziehen sich aus, waschen sich, putzen die Zähne und kuscheln sich in ihre Betten. (Es ist natürlich niemals später als 19:30!) Dann rufen sie uns, damit wir ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Als wir gerade beim Lesen der letzten Seite angekommen sind, sind beide Kinder eingeschlafen. Sie schlafen durch. Immer.

Der Abend gehört ab aller-aller-spätestens 20:00 dann nur uns Eltern. Wir lassen einen Babysitter kommen und gehen aus oder lesen uns Gedichte vor. Danach haben wir immer Sex, eigentlich jeden Abend. Manchmal kommen auch noch Freunde mit Wein vorbei und wir diskutieren über die Entwicklungen im nahen Osten.

Noch Fragen? ;-))

“Ich wollte aber Erster sein!” – Revisited

Im Mai habe ich davon berichtet, dass P. eine schwer zu ertragende Macke entwickelt hatte, die unseren Alltag echt erschwert hat: Sie wollte immer bei allem die Erste sein. (Das Ganze Dilemma hier)

Drei Monate Vier Monate Sechs Monate später will ich kurz berichten, wie sich das entwickelt hat, weil es mich nämlich echt nervt, dass im Netz ständig die Antworten, Fortsetzungen und Entwicklungen zu irgendwelchen verzweifelten Berichten und Fragen fehlen.

Ich weiß nicht mehr wie oder wann das genau passier ist, aber: Es hat sich erledigt. Irgendwann hat sie es einfach nicht mehr gemacht. Sogar schneller als erwartet, nur einige Wochen nach dem Post war’s vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendeinen bestimmten Trick angewandt hätten oder so… Es war dann einfach kein Thema mehr.

Heute spielt das nur noch manchmal eine Rolle, wenn ich gern hätte… ächem… dass irgendetwas schneller geht. Sie sich schnell ausziehen, ohne Umwege ins Bad kommen oder Zähne putzen soll oder so… „Mal sehen, wer als Erste im Bad ist.“ – und das will dann schon immernoch sie sein. Rückfälle gibt’s bisher nicht zu beklagen.

Dafür singt und/oder redet sie jetzt. Von. früh. bis. spät. Das heißt: ununterbrochen. Und sehr laut. Und zwar dieses Lied:

 

Nun ja…. Man kann nicht alles haben, ne? :-D

T. ist 1… Und P. 4 ! (oder: Kinder, wie die Zeit vergeht!)

T. wird schon nächste Woche ein Jahr alt! Dabei ist seine Geburt doch noch gar nicht so lange her… Herrje. Was hatte ich vor einem Jahr zu der Zeit die Schnauze voll vom Schwangersein (Beweise? Hier!). Zu meiner präpartalen Ungeduld wollte ich auch noch einmal was schreiben, rückblickend quasi. Ob es auch sowas wie Schwangerschafts-Burn-Out gibt? (Eine gute Freundin von mir ist übrigens gerade relativ frisch-schwanger und bloggt darüber auf http://huegelkueken.wordpress.com/. Schaut doch mal rein!)

Dieses ständige Rumwundern über das irre schnelle Großwerden der Kinder. Geht das eigentlich allen Eltern so? Mein „Ach, die Zeit rast ja so! Sie werden so schnell groß“-Gelaber ist der Teil meiner Erzählungen vom Elternleben, bei dem meine kinderlosen Freunde in der Mehrzahl heimlich so ein bisschen die Augen verdrehen, glaub ich… Das klingt ja auch befremdlich altbacken. Aber es ist doch so! Vorher – also bevor man Kinder hatte – sah man die Zeit einfach nicht so eindeutig vergehen, oder? Ständig muss man sich von Phasen verabschieden, oft kann man gar nicht so viel mitnehmen wie man möchte – darüber hatte ich ja auch schon mal geschrieben (Melancholy-Mom).

Obwohl. Eigentlich fühlt es sich ja eher an wie ein Zeit-Paradox. Einerseits kommt es mir vor als würde die Zeit rasen und ich kann gar nicht glauben, dass Schwangerschaft und Geburt schon wieder ein Jahr her sein sollen, dass T. ab Oktober in der Krippe betreut wird und ganz bald läuft und spricht. P. wird im Oktober 4 – V I E R! – Jahre alt. Schule ist gar nicht mehr so weit weg. Ich studiere im fünften Semester Erziehungswissenschaften. Ich gehe auf die 30 – D R E I S S I G! – zu. Andererseits ist auch viel passiert in diesem Jahr. Viele Phasen, Hochs und Tiefs liegen hinter uns. Die Schwangerschaft, die erste Zeit mit klein-T… Das kommt mir dann doch irgendwie vor als wäre es Lichtjahre entfernt vom Jetzt.

Und die Moral von der Geschicht? Nichts weiter. War nur mal so in den Raum gedacht… Höhö ;-)

10 Monate

Bei P. kam es mir vor, als wären die ZEHN MONATE ein ganz entscheidender Moment im Aufwachsen. Sogar bedeutender als 6M oder 12M oder 18… Und T. bestätigt das mit seiner Entwicklung. (Gefühlt) Von einem Tag auf dem anderen ist er *swuuuush* ganz weit weg vom Baby und deutlich mehr am Kleinkind dran.

Mit 10 Monaten kam hier ziemlich plötzlich das selbstständige Sitzen, die ersten Male (kurzes) freies Stehen, das Zeigen (mit dem Zeigefinger) auf Dinge, die er haben will, Hochstrecken beider Arme, wenn er auf den Arm genommen werden will, Highspeed-Krabbeling… Er kommuniziert richtig mit uns! Ist sauer, wenn wir ihn allein im Zimmer lassen oder wenn er etwas nicht machen soll oder er etwas nicht bekommt. Und lacht sich kaputt, wenn seine Schwester rumblödelt. Er LIEBT Wasser!

Seit zwei Monaten schläft er bei der Schwester mit im Zimmer (sie in ihrem Bett, er im Gitterbett) und nun hören wir morgens vergnügtes Gebrabbel (beider Kinder) aus dem Kinderzimmer. Sie spielen! P. sitzt vor seinem Bett und schneidet Grimassen, singt ihm Lieder vor oder wirft ihm Spielzeug ins Bett. Seitdem er drüben bei ihr schläft, schläft er übrigens auch durch! Jackpot! So in etwa haben wir uns das doch gedacht…

Ich war und bin der Meinung: Nach 10 Monaten ist man tatsächlich aus dem (ersten) Gröbsten raus. Das ist einerseits schön, weil die Freiheiten und Freizeiten der Eltern wieder zunehmen und andererseits *schnüff*, weil das Baby kaum noch Baby ist.

Morgens, wenn wir die Kinder zu uns ins Bett holen, ich T. stille – die letzte verbliebene Stillmahlzeit – und P. zwischen uns rumkuschelt, ist die Welt ziemlich in Ordnung… Kurz danach bricht dann das Chaos aus, der Haushalt über uns herein und die Zeit läuft konsequent gegen uns… Aber das morgendliche Aufstehen könnte besser kaum sein und fühlt sich nach „alles soweit richtig gemacht“ an.

 

tim