„Meine Kinder sind so anstrengend!“ (?)

Ich arbeite an einem Text für die Uni. Die Zeit rennt. Ich muss los. 16:00 Uhr muss ich die Kinder von der Kita abholen. Ich spüre Stress. Ich spüre Widerstand. Und ich spüre Unlust.

Sie sind 3 und 6. Menschen, die mit Kindern in dieser Altersspanne und insbesondere in der Kombination zu tun haben, werden vermutlich wissen, was das bedeutet… Es kann irre anstrengend sein, sie in diesem Alter zu begleiten. Sie sind unfassbar laut, so gut wie immer und überall. Egal wie klein oder voll der Raum ist. Sie streiten sich, sie schlagen sich, sie haben unendlich viel Energie… Dazu kommt das, was ich „Übergangssensibilität“ nennen will. Nach der Kita brauchen sie zum Beispiel eine gewissen Zeit, um sich „umzugewöhnen“: Es kommt mir vor, als müssten viele, über den Tag angestaute, weil vielleicht runtergeschluckte Frustrationen nun, da die Hafenwärterin (*zeigt auf sich selbst*) am Start ist Stück für Stück – oder alle auf einmal – herausventiliert werden. Weinen, schreien, empfindsam sein. Sie gehen auf mich los, sie gehen aufeinander los und vor allem strömt ein tosender Fluss an Wollen auf mich ein. Ein Wollen, für das in der Kita mit 200 anderen Kindern kein oder nur wenig Platz zu sein scheint und für das jetzt ausschließlich ich verantwortlich oder zumindest Ansprechpartnerin bin. Auf das ich reagieren muss. Ich, die ich auch meist einen vollen Tag voller Denk- und Kommunikationsarbeit hinter mir habe und es oft nicht schaffe, mit Gedanken, Wünschen, Bedürfnissen bei ihnen zu sein. Nicht selten überfordert mich das maßlos. Denn irgendwie geht’s mir ja gar nicht so anders als ihnen. Ich bin auch überreizt. Nur sehne ich mich statt nach Action nach Pause, nach Auszeit, Freiraum und Selbstbestimmung.

In einem Gefühlszug damit rammt mich mein schlechtes Gewissen:

„Wie kannst du nur? Es sind DEINE KINDER! DU hast dich dafür entschieden, sie auszutragen! Man muss sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die Anstrengungen der Elternschaft zu tragen! Was meinst du, wie es deinen Kindern damit geht, dass du keinen Bock auf sie hast?“

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Kind ist und Kopf und Körper der Eltern zu fertig, zu überlastet sind. Am Nachmittag, Abend, Wochenende – eigentlich gefühlt fast immer – keine Kapazität für das haben, was Kinder an Belastung für ihre primären Bezugspersonen nun einmal bedeuten: Verfügbar sein, ansprechbar sein, Bedürfnisse sehen und begleiten, Wünsche erfüllen, diskutieren, sich einlassen, persönliche Grenzen klar machen, dabei die eigenen Altlasten reflektieren statt ausagieren – in jedem Fall: reagieren, reagieren, reagieren müssen. Manchmal ist das einfach zu viel verlangt.

Also versuche ich zu atmen, versuche zu begleiten, versuche mich nicht triggern zu lassen, heftige Emotionsäußerungen nicht zu beurteilen und da – präsent – zu sein. Je nach Tagesform gelingt mir das mal mehr… und oft eher weniger.

Da sind wir nun also. Allesamt fertig von unseren vollen Arbeitstagen. Denn klar: Auch ein Tag in der Kita ist Arbeit, ist anstrengend, ist voller Input und Regulation, voller Reagieren, sich zurücknehmen, Regeln einhalten, Rücksicht nehmen müssen – kurz: Voll Sozialität. Und die geht nun einmal nicht auf in dem, was der einzelne Mensch will. Und gerade nicht, wenn es sich dabei um junge Menschen handelt, deren Bedürfnisse und Wünsche häufig nicht nur anklopfen, sondern sich stürmend und ununterdrückbar ihren Weg nach außen zu erstürmen versuchen.

Da bin ich nun also. Mit meinem großen Rucksack an Altlasten, an Triggerpunkten, die durch meine Kinder so heftig gereizt werden, wie sonst nur in Beziehung zu meinem Partner.

Und ich weiß, dass es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre (und ist), scheiße, genervt, ungerecht, gereizt gegenüber Kindern zu sein, einfach weil sie sich „altersgemäß“ verhalten. Wir Erwachsenen erwarten – oder wünschen – ständig zu viel von ihnen: „Sei doch mal nicht so laut!“, „Hör doch mal auf, so rumzuzappeln die ganze Zeit!“, „Musst du bei jeder kleinen Sache gleich so rumschreien?“, „Hör doch mal auf, deinen Bruder zu provozieren!“, „Nein, du kannst jetzt nicht…“, „Nein, wir können jetzt jetzt nicht…“, „Musst du immer…?“, „Kannst du nicht einfach mal…?“

Dabei müssen Kinder – in einer rational eingerichteten Welt – eigentlich „nerven“. 1. Steht ihr kindliches Sein so ziemlich allem, was eine rational geprägte Erwachsenensicht ausmacht, entgegen. Und damit unseren Routinen, Gewohnheiten und Erwartungen. Und nicht zuletzt: Unserer Bequemlichkeit. 2. bleibt ihnen gar nichts anderes übrig als lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Sonst laufen sie ja – angesichts des Machtgefälles zwischen Kindern und Erwachsenen in einer adultistischen Welt – ständig Gefahr, dass ihre Bedürfnisse – dass sie – übersehen werden. Mir kommt es manchmal so vor als würde es im Leben eines Heranwachsenden eigentlich ständig darum gehen, die eigene Stellung zu behaupten. „Ich bin wichtig! Übersieh mich nicht!“ Und das ist vollkommen verständlich! Es ist nicht fair, sie dafür verantwortlich zu machen, sie dafür schuldig zu sprechen und unsere Erwachsenenüberforderung ungebremst und unreflektiert an ihnen auszuagieren. Soweit der Verstand. Aha, aha… Got it!

ABER: Es verlangt mir so irre viel ab! Die Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, die dazu nötig ist, muss man erst einmal leisten können. Besonders dann, wenn man eh schon überfordert ist…

Nun könnte man natürlich entgegnen – und nicht wenige tun das -, dass die Erwachsenen die Verantwortung zu tragen hätten. Dass man sich das – Hallo innere Stimme! – halt vorher überlegen müsse, bevor man „Kinder in die Welt setzt“. „Das weiß man doch!“ Ganz ehrlich? Ich wusste es nicht. Ich hab es so nicht kommen sehen. Ich wusste nicht, worauf ich mich da wirklich einlasse. Was es bedeutet als Eltern mit Kindern seine Tage zu bestreiten. Ich wusste nicht, wie das für mich sein würde, wie ich drauf sein würde, wie ich klarkommen würde. Und ich behaupte: Niemand kann das vorher wirklich wissen. Deshalb halte ich diese vorwurfsvolle Polemik für Schwachsinn! Selbst wenn man sich halbwegs informiert und vorbereitet fühlt und den Eindruck hat, man weiß so in etwa, wie man drauf ist und wie das so wird als Eltern…. Vergesst es einfach! Wisst ihr nicht! Könnt ihr gar nicht.

Und nun? Das Zusammensein mit Kindern ist für Erwachsene oft anstrengend. „Kinder nerven“. Aber wie klären wir die Schuldfrage?

Ich halte nichts von dem Weg, die Schuld auf dem Rücken der Kinder abzuladen, den leider noch immer sehr viele Erwachsene zumindest handelnd verofolgen. Gar nichts! Sie sind eben heranwachsend, müssen das meiste erst im Lauf ihres Heranwachsens lernen – mussten wir alle. Das gilt insbesondere für sowas wie Impulskontrolle,  Frustrationstoleranz, soziale Rücksicht – kurz:  „Gesellschaftsfähigkeit“. Und genau das sage ich P. zum Beispiel auch. „Als ich noch ein Kind war, habe ich mich auch immer total geärgert, wenn ich beim Spielen verloren habe. Ich habe sogar Spiele durch den Raum geschmissen, so wütend und traurig war ich…“ Ich merke immer, wie sich P. fast augenblicklich entspannt angesichts solcher Erfahrungsberichte, die ihr (hoffentlich) etwas von dem giftigen Eindruck nehmen, dass sie in ihrer Emotionalität irgendwie nicht in Ordnung ist. „Das wird sich nicht immer so doll anfühlen, das wird besser. Die meisten Menschen müssen das üben und lernen es mit der Zeit. Ich hab’s auch gelernt, heute stört es mich gar nicht mehr.“ Manchmal sagt sie dann kleinlaut: „Ich habe Angst, ich werde das nie lernen, Mama.“ oder auch „Da ist einfach so ein Wirrwarr in meinem Kopf und das kommt dann einfach so raus.“

Einen aushaltbaren und akzeptierten Platz im großen Spannungsfeld von Individuum (Was will ich? Was sind meine Bedürfnisse? Wie bin ich drauf?) und Gesellschaft (Welches Verhalten ist auch für meine Mitmenschen auf Dauer zumindest halbwegs erträglich?) zu finden halte ich für eine der größten Herausforderungen menschlichen Seins in stark rationalisierten, technologisierten Gesellschaften. (Nur die kenne ich, über andere mag ich mir diesbezüglich kein Urteil erlauben.) Das können und dürfen wir nicht einfach von Kindern erwarten und voraussetzen. Das meine ich, wenn ich sage, dass es „normal“ und völlig logisch ist, dass Kinder oft „nerven“ und von uns als anstrengend empfunden werden. Verdient haben sie deshalb vor allem: Unser Verständnis. Und unser Mitgefühl.

Trotzdem halte ich auch nichts davon, alle Schuld und Verantwortung diesbezüglich den Eltern zuzuschieben. Es verlangt ihnen – uns – in dieser Gesellschaft schlichtweg verdammt viel ab als Familie mit kleinen Kindern zu leben und klarzukommen.

Mein Problem ist, dass ich – wenn ich ehrlich bin – fast immer mehr Lust auf andere Dinge hätte. Und das tut mir leid und es tut mir weh. Ich will das nicht. Aber es ist die – meine – traurige Wahrheit. Und nein, das habe ich verdammt nochmal so nicht kommen sehen. Es ist selten, dass ich mir kurz vor der Abholzeit denke „Ach, was freue ich mich auf meine Kinder.“ Meist denke ich eher „Was? Schon wieder sind die Betreuungsstunden aufgebraucht? Verdammt!“ Fast alles, was ich wirklich gern mache, ist leider ziemlich Kinder-inkompatibel: Schreiben, lesen, denken, Musikhören, mit dem Rad um den See fahren, mich bilden, abends ausgehen… All das mache ich einfach sehr viel lieber als zum Beispiel meine Kinder von der Kita abzuholen, heftige Emotionen und Streits zu begleiten, Eis essen zu gehen, auf dem Spielplatz rumzuhängen oder oder oder…  Ich versuche mittlerweile, mit ihnen Dinge zu machen und unser Leben so einzurichten, dass wir alle es genießen… Aber oft haben die Kinder einfach so ganz andere Böcke als wir Erwachsenen. Deshalb versuche ich vor allem, mich so oft wie möglich mit anderen Familien zusammenzutun. Verdient haben wir vor allem: Unser Verständnis. Und unser Mitgefühl. Für uns selbst und alle anderen, die mit uns im selben Boot moderner Elternschaft sitzen!

Und (Überraschung!) darauf läuft die „Schuld“-Frage letztendlich für mich auch hinaus:

BLAME THE SYSTEM!

In Zeiten, in der Kleinfamilien die Norm darstellen und jede Familie abgetrennt in ihrer Einzel-Parzelle lebt und haushaltet, sind Eltern so ziemlich alles, was in Formen gemeinschaftlichen Lebens von verschiedenen Personen erfüllt würde: Mutter, Vater, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, Großeltern, Heilerin, Gesprächspartnerin, Spielpartnerin, Tröstende, Geschichtenerzählerin, Pädagogin, Ernährerin, und und und… Wir müssen einfach viel zu viele Rollen ausfüllen. Und das neben unserem „anderen“, also  neben dem „vielen vielen Anderen“, was wir noch so im Leben tun. Das kann gar nicht funktionieren!

Dazu könnte man nun sagen:

„Trotzdem tragt ihr Eltern die Verantwortung! Ihr könntet ja einfach weniger arbeiten, ihr könntet reduzieren, ihr könntet (und solltet) eure Altlasten aufarbeiten und einfach mal klarkommen, Prioritäten klar (auf eure Familie) setzen, andere Dinge rausschmeißen und mit anderen Menschen in ein Gemeinschaftsprojekt ziehen, wenn ihr das für die Lösung haltet.“

Da mag irgendwie was dran sein. ABER! Ein gemeinschaftliches Hausprojekt auf die Beine zu stellen – dafür braucht man – neben der passenden Gemeinschaft – Kohle, Raum, Energie und Zeit. Ich habe seit der Geburt meiner Kinder mit so vielen Familien gesprochen, die sich gern mit anderen Familien zusammentun möchten. Die meisten haben ja ähnliche Probleme! Aber es entspricht einfach nicht dem, was in Städten Wohnungsbau-mäßig in großem Stil angedacht und geplant ist. Das ist – abgesehen von Einzelprojekten – einfach nicht vorgesehen… Darauf ist unsere neokapitalistische Gesellschaft, in der es nun einmal vorrangig um individuelles Kapital geht, nicht ausgelegt. Ich habe (gerade) weder Geld, noch Zeit, noch Raum dafür. Leider. Menschen habe ich. Und Visionen. Zur Genüge. Aber ich fühle mich diesbezüglich wie gelähmt und weiß nicht, wie ich aus meinem eh schon sehr vollen Alltag noch Kraft und Zeit dafür herausschälen soll. Obwohl ich es mir so sehr wünsche und für das richtige halte. Das macht mich traurig. Ich finde, gemeinschaftliche Wohnprojekte sollten viel stärker unterstützt und supportet werden – von Kommunen, Ländern, dem Bund. Es wäre eine Win-Win-Win-Win-Situation. Dafür müssten Menschen sich stark machen. Und ich würde das gern tun… Aber ach, auch dafür bräuchte es wieder die gerade genannten Ressourcen. Und an denen – merkt ihr was? – fehlt es ja gerade, weil es keinen Support für gemeinschaftliches Familien-Wohnen gibt, alle sich einzeln abstrampeln müssen… und nicht wenige psychisch und/oder physisch daran kaputt gehen. Energie für gesellschaftspolitisches Engagement? Woher sollen Eltern die nehmen? Meist reicht’s ja nicht einmal für den Elternrat. Überall diese Geschafftheit, diese Gereiztheit. Überlastung in den elterlichen Gesichtern und Körpern. *seufz* Mich deprimiert das.

Und was ist mit Reduktion und Aufarbeitung? Achtsamkeit? Prioritäten? An den ersteren arbeite ich, mehr oder weniger. Dem Familien-„Caring“ aber absolute Priorität einzuräumen halte ich für problematisch. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Habe ich! Nach der Geburt von P. hatte ich 1,5 Jahre Elternzeit, und sonst (fast) nichts anderes. Das war für mich fast traumatisch. Die Einsamkeit. Die Eintönigkeit. Das Hamsterrad. Der fehlende Input. Ich bin fast daran kaputt gegangen. Auch deshalb habe ich es nach T.s Geburt anders gemacht, saß einige Wochen nach der Geburt wenigstens an einem Tag in der Woche wieder in der Uni. Und ich habe es genossen.

Ende der Geschichte?

Wir leben also in dieser – ich sage mal – spannungsreichen Situation. Und wir versuchen sie täglich zu handeln, auszuhalten, mit ihr umzugehen. Das bedeutet, immer wieder auszutarieren, zu balancieren, zu organisieren. Es verlangt der Beziehung von K. und mir viel ab: Kommunikation, Bedürfnisse äußern, Freiräume sichern. Hilfe und Entlastung holen. Andere in die Zeit mit den Kindern einbeziehen. Ab und zu ausbrechen. Selbstreflexion und – erkenntnis. Bewusster Umgang mit den Kindern und mit den inneren Stürmen. Auch mit ihnen reden. Ehrlich sein, ohne zu verletzen. Nach wie vor eine meiner größten Herausforderungen. Ich will ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie mich nerven. Und dennoch fühl ich mich oft überlastet und genervt. Aber daran sind nicht sie schuld und dafür sind sie nicht verantwortlich. Ich bin es vielleicht zu einem großen Teil. Und ich arbeitete beständig daran, mich dem zu stellen. Und der Rest ist (oder wäre): Politik.

Also ihr Eltern-Leute: Werdet aktiv für eure Interessen! Lasst euer Privates politisch werden! Engagiert euch! Kämpft! Nur – oder eigentlich gerade – weil ihr jetzt Kinder habt, solltet ihr nicht biedermeiern. Ich versuche jedenfalls, das (nicht) zu tun. Zum Beispiel hier und hier.

Fehler im System (Oder: Kleinfamilien-Rant)

Ich wache davon auf, dass ein Kind schreit als würde es lebendig verbrannt. Ich springe aus dem Bett und falle dabei auf die Nase. Meine Beine waren eingeschlafen, ich hatte kein Gefühl mehr darin. Mit blutender Nase humpele ich ins Kinderzimmer. T.s Schlafanzug ist oberhalb der Windel gelb-braun. P. kreischt und schreit panisch. Eine Honigbiene sitzt auf ihrer Schlafanzughose. T. guckt verdattert. Ich versuche, sie zu beruhigen, wir befördern die Biene aus dem Fenster. T. ruft „Mama! Is will eine Miiis!“ und P. „Und ich will Cornflakes!“ und „Mama, kann ich fernsehen?“ und „Mama, was machen wir heute?“ und „Mama, können wir heute schwimmen gehen?“ und irgendwann: „Mama, du blutest ja!“ Morgens, halb zehn in Deutschland. Es ist Sonntag.

Sonntage sind so ziemlich die schrecklichsten aller Tage, finde ich. Nur Weihnachtsferien sind noch schlimmer. Die Kita hat zu, man fühlt sich nach Rumgammeln und Nixtun (alle kinderlose Welt tut auch ebendas, die Schweine!), die Kinder sind aufgekratzt und auf Action und alle Bekannten haben in 99% aller Fälle schon was innerfamiliäres geplant. Dem oder der, die oder der sich den Sonntag ausgedacht hat, wünsche ich eine Woche voller Sonntage. Mit kranken Kleinkindern. Und Regen. (Und die Kinder sind nicht etwa nur erkältet, sie haben MAGEN-DARM! Ha!)

Ich war – wie so oft – schon angespannt und genervt von dem Dauerfeuer, dem ständigen reagieren müssen bevor ich überhaupt so richtig wach war. Und ich war – wie so oft – wütend auf mich, weil ich genervt war und nicht schon ganz entspannt ein Familienfrühstück im Sonnenschein und für danach eine kleine Bastelei mit den Kindern, kurz vor dem Ausflug ins Grüne, vorbereitet habe. Altes Lied, altes Leid.

Ich habe mich schließlich mit einer Freundin und ihren Kindern verabredet. Als sie kamen war sofort alles besser. Die Kinder waren mit anderen Kindern beschäftigt – laut, aber beschäftigt -, ich konnte mich mit Erwachsenen unterhalten, nebenbei Haushaltskram erledigen, der Mann der Freundin hat später Mittagessen für alle gekocht, ich habe den Tisch gedeckt, sie hat nach dem Essen abgewaschen, K. ist später mit den Kids zum Indoor-Spielplatz. Alles im Flow. So mag ich das.

Kaum wieder allein, rasen die Gedanken in üblichen Bahnen. Mich lässt die Frage nicht los, was es uns Eltern heute so schwer macht, Eltern zu sein. Warum sind wir oft so genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Nachdem P. geboren war, fand ich mich am Wickeltisch einem kreischendem Mini-Menschen gegenüber, den ich zu diesem Zeitpunkt (mit 21) noch ein Jahr zuvor definitiv nicht in meinem Leben verortet hätte. Ich gewöhnte mir unbewusst an, die Zähne ganz fest aufeinanderzupressen, wenn sie schrie. Das Schreien machte mich aggressiv und ich fühlte mich oft hilflos, wenn es einfach nicht aufhören wollte, aber ich wollte und durfte das nicht an ihr auslassen. Das „Zähne zusammenbeißen“ war ein Kompensationsversuch, den ich zwar irgendwann später bemerkte, aber nicht mehr los wurde. Heute habe ich CMD und dadurch Dauer-Verspannungen im Kiefer-Kopf-Bereich. Die Herausforderung Elternschaft hatte also direkt konkrete physische Konsequenzen und ich wette, beinahe jedes Elternteil könnte ähnliches berichten.

Ich empfand (und empfinde) das Zusammensein mit meinen Kindern oft als anstrengend, das habe ich hier mehr als einmal beschrieben. Ich wollte aber von Anfang an nicht die Kinder dafür beschuldigen. „Ja, Elternsein ist anstrengend.“ Aber die Kinder dafür verantwortlich zu machen, fühlte sich trotzdem nicht richtig an. Also: Who’s to blame? Ich suchte in meiner Psyche, meiner Kindheit, meiner Persönlichkeit, meinem Temperament. Ich las Blogartikel, Bücher, schrieb in Foren, sprach mit Eltern, … Aber ich fand die Aspekte der Überforderung und der Anstrengung so selten in den Erzählungen und Beschreibungen anderer Eltern(blogs), erlebte das aber selbst alltäglich so. Das fütterte meine Schuldgefühle.

Es muss an mir liegen. Alle anderen kriegen das schließlich hin.

Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft. Und irgendwie emanzipiert. Die Kommentare unter Artikeln (z.B. hier) und einschlägige Feuilleton-Beiträge (wie hier oder hier), in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? (Bis man unter einer CMD leidet?) Was, wenn die Kinder von der Überforderung und der Genervtheit lesen, wird dann gerne gefragt. (Schlechtes Gewisseeeeen, hallooooohoo!) Warum auch noch darüber schreiben, es rausposaunen? Ich kann hier nicht mit guten Argumenten punkten, fürchte ich. Ich hatte (habe) das Bedürfnis, diese Wahrheit – meine Wahrheit – mitzuteilen, weil ich den Eindruck hatte/habe, dass es eine unterbelichtete ist. Und weil mich „Scheinwelten“ ankotzen. Das war schon immer so. Sowas durchbreche ich gerne. Mit Ehrlichkeit, mit Offenheit, mit Einblicken.

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.

Was ist denn richtig? Kann mir mal irgendjemand sagen, wie ich mich verhalten soll? 

Natürlich gibt es darauf heute keine allgemein gültige Antwort mehr.

Ich will meinen Kindern eine „gute Mutter“ sein, will ihnen nicht (psychisch) schaden… Aber wie kriege ich das hin? 

Ich wusste Bescheid über den Einfluss der Eltern auf die „psychische Gesundheit“ von Kindern, die Bedeutung der frühen Kindheit, Bindungstheorien usw. – studiere ja schließlich Erziehungswissenschaft! Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich hatte andauernd das Gefühl, diesen (meinen) Ansprüchen einfach nicht gerecht werden zu können. Haufenweise Artikel in diesem Blog zeugen davon. (Zum Beispiel hier oder hier.) Mir ging es nicht um eine glänzende Wohnung oder den hübschesten Kuchen beim Kita-Sommerfest, sondern darum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich empfinde und wie ich denke. Und ich dachte oft „Oar nee, keine Lust jetzt!“, „Hör. auf. zu. brüllen!“, „Kann K. nicht noch länger mit ihnen draußen bleiben?“, „Ich hätte gern einfach meine Ruhe.“ oder auch „Wie wäre es, jetzt einfach ins Flugzeug zu steigen. Irgendwohin. Ich könnte ein Strandcafé eröffnen, bräuchte aber eine neue Identität.“ Und klar, schon die Gedanken fühlen sich den Kindern gegenüber total illoyal an. Ich dachte letztendlich wirklich oft, dass man vielleicht besser keine Kinder bekommen sollte, wenn man „so ein Mensch“ ist. Dass es einfach eine scheiß Idee und total unüberlegt war. Ich war sehr oft sehr verzweifelt darüber und die Schuldgefühle in jede erdenkliche Richtung wurden zu einem Dauerrauschen. Egal was ich tat, ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig. Ich war – ich bin – einfach eine echt miese Mutter, ich bin dafür einfach nicht gemacht, dachte ich und fühlte mich wie eine Versagerin in nicht mehr und nicht weniger als der wichtigsten Sache der Welt. Schließlich geht es hier um zwei lebendige Menschen und nicht um den nächsten Pitch.

STOP!

Ist das wirklich so „einfach“? Es gibt Menschen, die „können“ das einfach „besser“ als Andere? Geht es hier wirklich um Egoismus und Altruismus? Gibt’s Menschen, die die „geborenen Eltern“ sind und andere, die es einfach lassen sollten?

Über Generationen sah man die Schuld vor allem beim Kind und zog daraus die relativ logische Konsequenz, „hart durchgreifen“ zu müssen mit dem hehren Ziel, „vernünftige Menschen“ aus ihnen zu machen. Heute scheint mir der Zeiger in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Nicht das Kind ist Schuld, wenn was nicht „richtig“ läuft, sondern die Eltern sind es. Das baut nicht nur enormen Druck auf, sondern kann Eltern auch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Ich weiß wovon ich spreche.

Man doktert an sich herum, analysiert die innersten Windungen, versucht krampfhaft darauf zu kommen, warum verdammt nochmal es mit der stets liebevollen Begleitung nicht klappen will. Man weiß doch alles, versteht schon längst, warum das Verhalten der Kinder einen manchmal so enorm triggert, man denkt und denkt und forscht und… es klappt einfach trotzdem nicht. Die Genervtheit und die Überforderung, der Wunsch nach Zeit ohne „Kinderdienst“, die Verzweiflung… alles bleibt – trotz der tollen Erkenntnisse – da und es bleibt nur, diese Gefühle zu unterdrücken. Oder? Gute Miene zum bösen Spiel. Es kann einen zerreißen, einerseits authentisch und echt sein zu wollen und andererseits „gute Eltern“. Was, wenn ich echt und authentisch mal ’ne echt beschissene Mutter bin? Ich bin launisch. Ich bin leicht reizbar. Ich will eigentlich nur mein Ding machen und kann kaum was anderes ertragen. Ich bin aufbrausend. Ich bin ungeduldig. Ich bin ungerecht. Undsoweiterundsofort. Im Casting für die beste Mutter der Welt würde ich nicht einmal in den Re-Call kommen. Wenn ein Vater zum Beispiel ständig wütend wird. Was macht man da? Was ist hier richtig? Die Wut ausleben, rauslassen wäre authentisch, unverstellt und echt. Die Kinder lernen ihren Vater kennen. Er ist halt Choleriker, aber immerhin ist er echt. Oder soll er seine Wut unterdrücken, muss er sich besser kontrollieren lernen? Das wäre dann nicht authentisch, aber zum Wohl der Kinder. Nur: Wie lange funktioniert das? Und was macht das mit den Kindern, wenn sie feststellen, dass der Vater die ganze Zeit mehr oder weniger Theater spielt? Gute Miene zum bösen Spiel. Ich kenne beides. Und beides ist auf je eigene Art scheiße. Ständige Wutanfälle sind scheiße. Aber zu merken, dass mit einem Elternteil was los ist, ohne dass man jemals erfährt, was, das ist nicht unbedingt besser. Also hätten beide die Verantwortung, ihren Kram aufzuarbeiten und klarzukommen? Therapie machen, rausfinden was mit einem los ist, woher die Wut kommt, Techniken erarbeiten, damit umzugehen. Fertig ist der Lack. So stellt man sich das heute gerne vor. Ist aber sehr viel leichter gesagt als getan. Ich arbeite seit Jahren hart daran, klarzukommen, um meinen Vergangenheits-Scheiß nicht an meiner Familie auszulassen. Aber es lässt sich (oder sollte ich sagen: Ich lasse mich) nur bedingt ändern. Die ständigen Schuldgefühle, das Gegrübel, die Aggressionen, die Traurigkeit, die Verletzungen, die Unsicherheit, die Bedürftigkeit, die Genervtheit… Das alles geht nicht einfach weg. Eine der Therapeutinnen bei der Mutter-Kinder-Kur, zu der ich im Februar/März mit T. war, fragte entgeistert, als ich meine krampfhaften Versuche der Auf- und Verarbeitung schilderte:

Ääääääääähm…. Vielleicht hören Sie damit mal auf?!?

Ich glaub, ich starrte ebenso entgeistert zurück. Sie erklärte mir, ihre Sicht auf die Dinge: Ich würde auch mit diesen Versuchen weiter das Muster der Selbstabwertung vertiefen, würde mich immer nur in Differenz wahrnehmen und beurteilen:

Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Bei meinen Sitzungen dort ging es folglich um Selbstakzeptanz, um Annahme und Achtsamkeit. Tatsächlich ein neues Terrain für mich. Ich wusste wohl, dass ich nicht gerade nett mit mir selbst umgehe und laute selbstkritische Stimmen in mir habe, aber ich habe nie gesehen, dass meine Versuche, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und meine Reaktionen, mein Fühlen, mein Handeln zu ändern, um meinen Kindern eine bessere Mutter sein zu können, auch in dieses Horn blasen. Das war durchaus ein Augenöffner. Ich bin tatsächlich ständig unzufrieden mit mir, sehe nur, was ich alles nicht kann, nicht gut mache, fokussiere auf die Dinge, die nicht klappen. Eine andere Therapeutin empfahl mir, mal „auf Schatzsuche“ zu gehen. Damit meinte sie einerseits, ich solle Menschen fragen, was sie an mir mögen und andererseits am Ende eines Tages aufschreiben, was gut war. Sie spiegelte mir, wie sie mich sah und ich empfand Scham und konnte ihr nicht in die Augen schauen, wenn sie was Nettes sagte. Abends schrieb ich auf, was am Tag schön/gut war und fokussierte dabei vor allem auf Momente mit T. Das war ziemlich neu und ziemlich heilsam. Ich stellte fest: So eine miese Mutter bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich viele gute Momente am Tag. (Wer also ähnlich Probleme mit der Selbstwahrnehmung hat, dem kann ich das nur ans Herz legen.)

Das könnte jetzt hier enden. Ich will es aber hier nicht enden lassen. Denn die Frage, warum das Elternsein für viele von uns so anstrengend ist, beantwortet die Feststellung nicht, dass weder Kinder noch Eltern wirklich zu beschuldigen sind. Aber woran liegt es dann?

Ziehen wir den Fokus etwas größer und schauen uns den Kontext an: Wie leben wir allgemein? Welchen Einfluss hat die Eingerichtetheit der Gesellschaft auf unser Leben als Eltern, als Erwachsene, die mit kleinen Kindern zusammenleben und für sie verantwortlich sind?

Ich habe inzwischen auch darüber viel nachgedacht und bin damit noch lange nicht am Ende. Trotzdem möchte ich einige Gedanken mitteilen.

Zunächst ein Gedankenexperiment:

Du bist Mutter von zwei Kindern. Das jüngere ist 1,5 Jahre, das ältere 7. Du trägst dein Kind in einem Tuch auf der Hüfte und bist gerade mit anderen Menschen auf dem Weg zurück vom Früchtesammeln zum Dorf. Ihr singt und unterhaltet euch. Andere Frauen haben auch ihre Kinder im Tuch dabei, einige ältere Kinder haben beim Sammeln geholfen und rennen zwischen euch hin und her. Als ihr zurück im Dorf seid, wird von anderen bereits das Abendessen vorbereitet. Im ganzen Dorf sind die Menschen beschäftigt: Essen wird vorbereitet, an anderer Stelle werden Stellen an den Häusern verbessert, es wird geschnitzt, Schmuck hergestellt, Kleidung geflickt… Eine Gruppe Kinder badet unten am Fluss, andere hocken etwas abseits der Dorfmitte und untersuchen gespannt etwas. Du setzt dich zusammen mit einigen Erwachsenen und Kindern und beginnst, die gesammelten Früchte für das Abendessen vorzubereiten. Deine ältere Tochter kommt vom Baden nach oben und schaut interessiert zu, was ihr gesammelt habt. Dein jüngeres Kind sitzt auf dem Schoß deiner Mutter, die ein Lied anstimmt. Andere umsitzende steigen in den Gesang ein.*

Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt haben (vom Hirn her können Menschen wohl intensivere Beziehungen zu 150 Menschen pflegen)mit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten (und genau wussten, wer für was „gut“ ist – die eine spendet gut Trost, der andere weiß viel, die nächste erzählt toll Geschichten, von dem kann ich lernen, wie man schnitzt), Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich.

Mal nur fokussiert auf die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern (, das ganze Paket mit Naturnähe, Handarbeit usw. lasse ich mal außen vor): Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.)

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen kame das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)

Noch einmal ein Bild: Statt einem vielspurigen Straßennetz wird eine einspurige Autobahn immer und immer wieder befahren. Und wenn diese eine Autobahn nicht ganz in Ordnung ist, dann kracht das kleine Auto jedes Mal beim drüberfahren in das eine fiese Schlagloch. Das wird natürlich durch die Dauerbeanspruchung immer größer. Die Autobahn bekommt Risse und ist irgendwann eigentlich unbefahrbar. Aber es gibt ja nur diese eine, also wird sie weiter befahren.

Ist das Bild verständlich? Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere.

Es reihen sich ein: Ordnungsdogma, Beschleunigung, Effizienz, Schnelllebigkeit, Reibungslosigkeitskult, Störungsfreiheit, Regeln, Bürokratie, … Unvollständige Aufzählung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Dazu kommen noch die kaum zu überschätzenden Erwartungen anderer Erwachsener. Eltern antiziperen, dass von ihnen allgemein erwartet wird, ihre Kinder „im Griff“ zu haben, „im Zaun zu halten“, sie sollen ihre Bälger bitteschön „unter Kontrolle“ haben und Störungen der Rationalität durch die quasi unerträgliche Irrationalität der Kinder auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduzieren. Wenn Eltern das mehr oder weniger gewaltvoll versuchen, erhalten sie sowohl anerkennend-zustimmende wie ablehnende Reaktionen. Wenn sie die Kinder ihr Ding machen lassen, genauso. Wenn sie es liebevoll-bedürfnisorientiert angehen ebenfalls. (Siehe glücklich scheitern: Du bist eine gute Mutter, wenn…)

Die Idee von bedürfnis- oder bindungsorientierter Elternschaft, „Attachement Parenting“ etc. ist ansich – im Sinne des Kindes – ziemlich lobenswert. Man will das Beste für’s Kind. Wenn ich Artikel und Bücher aus dem Dunstkreis lese, nicke ich durchaus mit dem Kopf. Aber als ich dieses Differenzdenken in mir festgestellt habe – Was ich heute mal wieder nicht hinbekommen hab -, habe ich gemerkt, dass es auch solche Ideen von „guter Elternschaft“ sind, die mich unter Druck setzen und mir beständig das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Wenn ich von dem gerade gedachten ausgehe, dann befinden sich solche Ansätze genau in dieser „Elternschuld“-Schiene. Inzwischen halte ich diese Art des Zusammenlebens mit Kindern für mich/für uns für utopisch und ich frage mich: Was bürdet man sich mit dem Versuch der straighten Kinderbedürfnis-Orientierung eigentlich auf? Es sind ziemlich heftige Ansprüche und teilweise wirklich „unmenschliche“ Erwartungen, die man da an sich selbst stellt: Quasi völlige Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung und Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Impulse. Extreme Reflektiertheit, in jeder Situation. Und eine unmenschliche Geduld. Ich glaube, man erträumt sich da einen Einklang von Kindern und Eltern, eine Harmonie den bzw. die ich – zumindest im Kontext unserer modernen Lebensweise – für illusorisch halte. Ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass das Menschen womöglich durchaus glücklich machen kann, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein ausgeprägtes „Helfer-Syndrom“ haben und tatsächlich ihre Erfüllung darin finden, von anderen gebraucht zu werden. (Das ist nicht abwertend gemeint, eher Ergebnis von Analyse.) Ich sehe da die Gefahr symbiotischer Beziehungen und heftiger Abhängigkeiten und frage mich: Was kommt „danach“, wenn die Kinder das Nest verlassen? Wenn die Eltern nicht mehr so sehr gebraucht werden? Was ist davon abgesehen, wenn man das einfach nicht hinkriegt, mit der Bedürfnisorientierung, dem Verständnis, der Geduld, dem pädagogisch wertvollem Verhalten? Manchmal frage ich mich außerdem, ob man auf die Kinder nicht ausgesprochen schizophren und damit auch verunsichernd wirkt, wenn man oft ganz nett und verständnisvoll reagiert, in regelmäßigen Abständen aber dann plötzlich total ausrastet, weil der Unterdrückungsmechanismus gerade mal wieder aussetzt. Ich hab das Gefühl, dann verstehen Kinder die Welt nicht mehr. Und auch das sieht man und kann es wunderbar als Anlass nehmen, noch unzufriedener mit sich selbst zu sein. Man ist ständig mit dem eigenen Scheitern konfrontiert und das kann zu wirklich ausgeprägtem Selbsthass führen. Wenn Auspeitschen noch angesagt wäre, man würde es wohl freiwillig tun. 

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben. Vielleicht kriegen wir damit auch endlich das Problem mit den Behinderten, Gestörten und generell Unproduktiven in den Griff. *ironieoff*

Also:

Liebe Eltern, 

ihr seid nicht scheiße, wenn es euch manchmal (oder auch oft) nicht leicht fällt, eure nach eurer ungeteilten Aufmerksamkeit dürstenden Kinder zu „ertragen“, geschweige denn das Ganze zu genießen. Ihr seid nicht falsch und ihr seid auch nicht persönlich schuld daran. Eure Kinder sind es aber noch viel weniger. Dass es so ist, ist bei genauerer Betrachtung der Umstände, in denen wir leben, eigentlich ziemlich logisch. Eure Verantwortung ist immens. Und dass das erdrückend wirkt, ist klar. 

Eltern! In Wirklichkeit seid ihr Superhelden! Denn ihr verlangt von euch, insofern ihr versucht, gute Eltern zu sein, quasi übermenschliches. Heute im Standardleben mit all den scheinbaren Annehmlichkeiten, all dem scheinbaren „Luxus“ und der Bequemlichkeit, all den Verführungen, all der Rationalität, all den Erwartungen und Idealen ist es tatsächlich verdammt anstrengend und beschwerlich, als Familie mit Kindern zu (über-)leben.

Was ich empfehle? Oder mir wünsche?

Empfehlen kann ich einerseits „Born to be wild“ von Herbert Renz-Polster, um Kinder in ihrem „ursprünglichen“ Verhalten zu sehen und es zu verstehen und andererseits ein bisschen richtiges Leben im falsch (ver-)suchen: Viel Zeit mit anderen Familien verbringen, immer Kinder zusammenschmeißen, andere Menschen (Großeltern!) in die Betreuung einbeziehen und zu alternativen Bezugspersonen entwickeln lassen, ein „sie können es nicht anders“-„sie macht es nicht, um mich zu stressen“-„sie ist noch klein“-Mantra gegenüber den Kindern, regelmäßiger Abstand, weniger schlechtes Gewissen wegen Glotze und Gadgets – Glotze ist die logische Konsequenz des separierten Kleinfamilienlebens – und viel Auslauf.

Wünschen tue ich mir eigentlich ein alternatives Lebensmodell. Ich habe die Stadt satt. Ich habe die Hektik satt. Gib mir 50 coole Leute mit Kindern, wir kaufen zusammen ein heruntergekommenes Haus (von welchem Geld auch immer), polieren das auf und leben zusammen, vielleicht auch teilweise als Selbstversorger. Ohne Waldorf-Hippie-Kram, ohne spirituellem Überbau und Firlefanz. Einfach nur, weil wir glauben, dass an dem afrikanischen Sprichwort 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

etwas dran ist. Und weil man zusammen einfach weniger allein ist.

Warum sind wir also oft genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Es gehört niemand so wirklich auf der Anklagebank. Die Kinder nicht, die Eltern nicht. „Schuld“ ist niemand. Und das passt nicht zu unserem Denken, deshalb ist es so schwer zu ertragen und so unbefriedigend. Wir suchen immer nach Ursachen, Gründen, Schuldigen. Und dann müssen wir das Ausmerzen. Basta. „Schuld“ ist in diesem Fall aber, wenn man so will, „der Kosmos“, sind Zufälle, „kosmische Kräfte“, die vor 12.000 Jahren das Ende der Eiszeit einläuteten, was zu anderen, schwankenden klimatischen Bedingungen führte und die allgemein als „neolithischen Revolution“ bezeichneten Änderungen der menschlichen Lebensweise wohl bedingten. Mit der neuen Lebensweise kamen Dinge wie Produktion, Sesshaftigkeit, Bevölkerungswachstum, größere Siedlungen, später Städte, zu verwaltende Überschüsse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, technische Innovationen, Ungleichheit, Monotheismus, du sollst/darfst // du sollst/darfst nicht… usw. usf. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht und heute sind wir, wo wir sind. Die Verhältnisse haben sich geschichtlich entwickelt. Und das ist wichtig: Das, was heute als „normal“ gilt, galt nicht schon immer. Nichts ist selbstverständlich einfach so. Alles ist geworden. Und die „kosmischen Kräfte“ lassen sich nicht ausmerzen.

Ich glaube nicht, dass es einen (gesamtgesellschaftlichen) Weg zurück gibt. Das lähmt manchmal meinen Aktionismus. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, alle „Fortschritte“ vergessen und alles auf Anfang setzen. Vielleicht leider. Vielleicht zum Glück. Auch entweder-oder, schwarz-weiß, optimal-suboptimal sind nur Kategorien menschlichen Denkens, die es so „natürlich“ gar nicht gibt. Das Leben in Jäger-Sammler-Clans ist nicht optimal. Das Leben heute ist nicht optimal. Gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Jäger-Sammler-Clans funktionieren z.B. über straighte Traditionen, mit Frauen wird oft wohl nicht gut umgegangen, und dass es wohl kaum Alternativen, keine freie Wahl der Leute und des Lebensmodells gibt, ist schwer vorstellbar und schwer gut zu finden. Aber ob „homo oeconomicus“ wirklich eine smarte Alternative ist?

Wir reden über fucking Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über regretting motherhood, über Einzelphänomene und verlieren dabei den Blick für größere Zusammenhänge. Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, kommen mir viele Debatten und Themen so unwesentlich vor. Frauenquote, Frauen früher in den Job zurück, Karriere, Vereinbarkeit, Brei oder nicht, U-Untersuchungen, Kinderwagenmarken, … Das ist hinsichtlich dessen, wo ich die wirklich tiefgreifenden Probleme verorte einfach nicht entscheidend. Die Gedanken mögen realitätsfern wirken, aber für mich sind sie es nicht. Sie sind ein Erklärungsansatz für mein alltägliches Leiden am Familienleben in einer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft, das ich nicht länger als individuelles Versagen beurteilen will. Mich erleichtert das irgendwie. Die Gedanken mindern zunehmend meine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie führen zu mehr Selbstakzeptanz und zu Verständnis gegenüber eigenen Gefühlen und Gedanken und gegenüber dem Verhalten meiner Kinder. Das ist gut. Und sie führen zu Vorstellungen von einer alternativen Lebensform, die ich vielleicht vielleicht irgendwann doch noch realisieren kann.

P.S.: Wer mit mir nach Rügen ziehen und einen auf Selbstversorgung machen will, kann sich gern melden ;-)

*
Ich glaube nicht, dass ein Leben in totaler Abhängigkeit von der Natur – also ohne Ackerbau/Viehzucht – irgendwie paradiesisch wäre. Mir ist bewusst, dass das oft ein ziemlich harter Überlebenskampf war/ist, mit Hunger, Kälte und Todesgefahr. Aber vielleicht ist – bei all der Gefahr – genau das eher „artgerecht“? Ich frage mich ernsthaft, ob Eltern indigener Jäger-Sammler-Gemeinschaften Situationen erleben, in denen ihre 2,5-jährigen Kinder auf den (Feld-)Wegen stehen und sich weigern, weiterzulaufen. (Okay, die Mutter hat vermutlich kein Laufrad, keine 3 Rücksäcke, kein Sandspielzeug, keine Verpflegung für den mindestens 15-minütigen Fußmarsch zum Kinder-/Familien-Ghetto dabei,… Aber vielleicht einen Sack mit Feuerholz.) Und „Alleinerziehende“, die auch tatsächlich allein sind, mit ihren Kindern, trifft man in solchen Sozialzusammenhängen wahrscheinlich auch eher weniger an. Vielleicht glorifiziere ich dennoch das „ursprüngliche Leben“ und vermutlich ist das latent rassistisch. Ich versuche, mich im Moment diesbezüglich weiterzubilden (Ethnologie!), erkenne aber zunehmend die absolut notwendigen Grenzen und die problematischen Aspekte. (Siehe survivalinternational.de, Gesellschaft für bedrohte Völker) Ich will hier nicht das Bild der „edlen Wilden“ reproduzieren. Ich will nur den größtmöglichen Kontrast zu unserer modernen Lebensweise zeichnen. 

Ich gegen mich.

1) Immer wieder spülen meine Timelines Artikel in mein Blickfeld wie jüngst „Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?“ von Franziska Schutzbach. Artikel also, die irgendwie mehr oder weniger mit dem „regretting  motherhood“-Ding zu tun haben.

2) Mein letzter Artikel ist vom 13. Dezember. In meinen jüngsten Artikeln ging es häufig nicht oder nur am Rande um Elternschaft, Mutterschaft, Leben mit Kindern.

3) Ich stecke mitten in einem Morbus Crohn-Schub und bin aktuell zusätzlich auf Cortison-Entzug. Ich fühle mich wie von jemandem ausgekackt, der einen dauerhaft entzündeten Darm hat. Sorry, für die Direktheit. Ich schlafe abends 21 Uhr mit den Kindern ein, wache kur nach 7 auf und fühle mich wie vom LKW überfahren. Meine Augen sind entzündet, ich hab Akne und ein Neurodermitis-Schub kündigt sich an. Wie schon so oft habe ich das Gefühl, dass mein verdammter Körper nicht für dieses verdammte Leben gemacht ist. Im Dschungel wäre ich vermutlich längst tot. Mit oder ohne Schamane.

4) Prüfungsphase. Ich müsste für die Statistik-Klausur lernen. Ich fühle mich zu alt für Klausuren. Ich habe Hass auf diese Form des Geprüft-werdens. Ich will das nicht mehr! Aber ich mag das Studieren (manchmal) noch immer ganz gern. Wenn nur der Zeitdruck nicht wäre.

5) Schlechtes Gewissen und Hass auf mich selbst. Ich will nicht jammern. Ich will nicht jammern. ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Ich denke ständig an diesen Blog. Ich denke daran, wie gerne ich schreibe. Aber ich fühle mich leer. Habe ich nichts mehr zu sagen? Habe ich mich eingefunden, in die Elternschaft? Nicht wirklich oder: Mal mehr, mal weniger. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Kraft verlässt mich nach kurzer Zeit. In mir und in der Couch sind Magnete befestigt, die sich beständig zueinander hingezogen fühlen. Ich will die Rollläden schließen, mich in eine Decke einigeln und mich tagelang mit Steinzeit-Dokus ablenken vom hier und meinem erschöpften Körper.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

„Durchziehen“ denkt ein Teil in mir. „Fresse halten und DURCHZIEHEN! Reiss dich mal zusammen!!!“ Wenn ich indigene Frauen sehe, die in brasilianischen oder venezuelanischen Regenwaldgebieten schweres Zeug auf dem Kopf kilometerlang von A nach B tragen… und daran denke, wie ich fertig, schwitzend, keuchend in der Bahn stehe und fast zusammenbreche, nachdem ich einige Meter rennen musste… METER! NICHT KILOMETER!!! „Verzärtelt“ nennt Nietzsche das. Die Arschlöchin in mir spuckt mir das Wort vor die Füße: VERZÄRTELT! Und ich fauche zurück: Und? Nietzsche war ein herrischer Antisemit! Warum sollt ich mir von DEM was vorwerfen lassen?!

Es gäbe so viel zu sagen. In meinem Kopf denkt sich so viel zusammen… Und so vieles davon halte ich durchaus für mitteilenswert. Aber der Flow fehlt. Die Zweifel hingegen sind erdrückend. Hört sich alles so bescheuert an. Ist nicht zu Ende gedacht, nicht rund. Ich bin damit noch nicht fertig. Und kurze Zeit später ist der Gedanke schon überholt und ich bin ganz froh, ihn für mich behalten zu haben. Außerdem leidet auch meine Koordination unter meinem körperlichen Zustand. Ich treffe kaum die Tasten, verschreibe mich ständig. Lange am Rechner arbeiten geht auch nicht, Augen sind entzündet.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Franziska Schutzbach schreibt: „Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte.“ – das kann ich nachvollziehen. So geht’s mir oft auch. Womit wir beim schlechten Gewissen wären. Gestern habe ich meinen Körper zur Kita geschleift, um die Kinder abzuholen. Menschen, die sich mit Depressionen herumschlagen, können vielleicht nachvollziehen, was für eine monströse Aufgabe das sein kann, wenn man eine üble Phase hat. Oft schleift man dann auch tatsächlich nur den Körper, führt Automatismen aus, spult Abläufe ab. Anwesend bin ich nicht wirklich. Ich mache Dienst nach Vorschrift, an solchen Tagen. „Ich hatte ‚Dienst am Kind'“ zu sagen, fühlt sich dann gar nicht mehr so lustig an, wie ich es sonst meine. Aber zurück zum Gestern.

Die Mutter einer Freundin von P. schlug vor, gemeinsam mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen. Der Sprachautomat am oberen Ende meines Körpers sagte „Ja, gerne.“ – der antwortete übrigens auch kurz zuvor „Alles gut.“ auf die Frage, wie es mir geht. Der verbannte Teil im Kopf plärrte: „NEIN! NEIN! NEIN! NACH HAUSE! WIR WOLLEN NACH HAUSE!!! BIST DU BESCHEUERT??!?“ Ich zog den Kindern ihre gefühlten 4000 Lagen Winterklamotten an, schwitzte dabei wie ein Schwein, Schwindel… P.s Freundin ging es dann nicht gut, Bibliothek fiel also aus, wir gingen also doch nach Hause. „Couch, Couch, Couch“ hallte es durch meinen Kopf. „Du kannst doch nicht immer. nur. rumhängen! Du bist noch nicht einmal 30 Jahre alt! Was bist du für ein Vorbild?“ wettert die Arschlöchin. Ich ducke mich weg, fühle mich schuldig. Ich will gerade nicht sein und schon gar kein Vorbild für irgendwen.

Wir gingen, weil ich das für eine gute Idee hielt. An den kalt-regnerischen Tagen gehen die in der Kita nicht viel raus. Frische Luft, gesundheitlich und pädagogisch wertvoll und so. Es pisste, es wurde dunkel und nach kurzer Zeit wollte T. getragen werden. Ich hab das einfach nicht länger als ein paar Minuten hinbekommen. Erklär das mal einem 2,5-jährigen. P. stellte derweil Fragen am laufenden Band. Zuhause sollte ich vorlesen. Eine Geschichte reicht nicht. Wenn ich einwerfe, dass ich lieber nur eine vorlese, weil ich es sinnlos finde, 10 hintereinander vorzulesen: „Du bist gemein!“-Geschrei. „Ich halte das heute nicht aus!“ in meinem Kopf. Immer wieder. „Reiß dich zusammen!“ Immer wieder. Gucke auf die Uhr: 17:00. Rechne nach, wie viele Stunden es noch dauert, bis Bettzeit. Schon die Frage macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich wähle den Notausgang und schalte die Glotze an. Sie läuft mehrere Stunden, bis zum Abendbrot. Ja, auch vor T.s 2,5-jähriger Nase. Wir gucken „Frozen Partyfieber“, „Maulwurf“ und fast alle Folgen „PeppaWutz“. Und nein, das ist kein ganz außergewöhnliches „ausnahmsweise mal“. Es ist zwar nicht alltäglich – wir versuchen irgendwie die 2 Folgen-Sache durchzuziehen… Aber: Der Geist ist willig… und der Geist ist schwach. Oder so. Als ich den Fernseher endlich ausschalte, weil ich den Tisch für’s Abendbrot gedeckt habe: Geschrei. Gebrüll. „Du bist gemein!“ Die Kinder sind eindeutig drüber, ich merke das und ärger mich über mich selbst. „Selbst schuld!“ raunz die Arschlöchin. „Das ist sehr hilfreich“ blaffe ich zurück. P. zetert lautstark vor mir rum. „Ich klatsch dir gleich eine!“ sage ich. Plötzlich. Ja, das habe ich wirklich gesagt. (Aber noch nie – ich schwöre! – gemacht!) P. war natürlich entrüstet und weinte „Sowas darf man nicht sagen!“ noch lauter, zurecht, natürlich. „So redet man nicht mit Kindern!“ Ja, sie hat Recht. Und ich schäme mich. Und ich bin so fassungslos über mich selbst: Immer wieder ist da diese unglaubliche Wut, die Hilflosigkeit und immer wieder der Drang, das laute Kind überzeugen zu können, abzustellen… Und nichts funktioniert. Keine Rücksicht, keine Einsicht, nur laut und kräh. Und die eigenen Ideale, an denen ich immer und immer wieder scheitere. Verständnisvoll sein, ruhig bleiben, … Später versuch ich ihr, mich zu erklären. „Schon gut“ sagt sie, wie immer in solchen Situationen.

Ich fühl mich ständig wie die Ärzte in dem Zeit-Artikel „Kranker Job“.

Szenenwechsel.

Mitte Januar bin ich fünf Tage auf einer Seminarfahrt gewesen. Davon abgesehen, dass mich das Thema interessiert hat, stelle ich rückblickend (fast mit Erschrecken) fest: Das Burn-Out-Gefühl war weg. Ich hab interessante Gespräche geführt, gute Leute kennengelernt, konnte spontan sein und trotz wenig Schlaf fühlte ich mich geradezu energiegeladen. Als K. mich am Abreisetag abholte, war ich euphorisch, ich fühlte mich wie als hätte jemand den Akku gewechselt… Und ich freute mich so richtig, meine Kinder wiederzusehen! Die hatte ich nämlich tatsächlich nach drei Tagen vermisst. Und als wir wieder zusammen waren, konnte ich sie wieder sehen! Und vor allem sehen, dass ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte, vor lauter Trott. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir dieses Gefühl und diesen Blick auf K. und die Kinder irgendwie zu erhalten. Das ist jetzt 2,5 Wochen her. Immer mal raus, immer mal Abstand, das wäre so wichtig. Aber ich habe das Gefühl (die Befürchtung), dass mein Bedürfnis danach zu groß ist. Es wundert mich nicht, dass getrennt lebende Eltern, die sich die Betreuung der Kinder teilen, oft sehr viel entspannter wirken. (Wie’s den Kindern damit geht, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.)

„Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes.“ zitiert Franziska Schutzbach eine Mutter in ihrem Artikel. Ja und ja und ja! Diese Ambivalenz ist für mich derart spürbar, dass ich sie manchmal kaum aushalten kann. Wenn ich abends mit den Kindern im Bett liege und darauf warte, dass sie schlafen, spüre ich sie. Weil ich es liebe, so nah bei ihnen zu sein, ihren Atem zu hören, für sie da zu sein. Und weil ich es gleichzeitig kaum ertragen kann, diese Nähe, das Gewusel, die laaaaange Zeit, die sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen, der Termindruck im Nacken, weil es noch etwas zu erledigen gibt oder einfach der nicht wegzudrückende Wunsch meinerseits, mal machen zu können, was ich will. Wenn ich in irgendwelchen Kinder-Ghettos bin, spüre ich es. Weil ich Kinder mag und Kinder gern beim Spielen zusehe, aber ich möchte eigentlich Beobachterin bleiben. Ich will und muss da nicht mitmachen. Ich halte das auch für Quatsch. Aber das interessiert meine Kinder ja nicht, die von mir fordern, mit ihnen auf dem doofen Klettergerüst rumzukraxeln. Wenn mein Körper am Ende ist – wenn ich am Ende bin – spüre ich es extrem deutlich. Wenn sich alles nach Auszeit, Rücksichtnahme, Ruhe, Regeneration sehnt, das aber einfach nicht drin ist. Und ich auch gar nicht einschätzen kann, ob wirklich mein Körper die Ruhe braucht oder meine depressiven Anteile mal wieder zuschlagen. Ist es richtig, sich immer wieder selbst anzutreiben, durchzuziehen, sich die Ruhe nicht zu gönnen, weil ich damit einer depressiven Phase die Stirn biete? Oder wäre es angebracht, zur Ruhe zu kommen, zu regenerieren, um den Schub nicht noch schlimmer werden zu lassen oder zumindest einzugestehen, dass so viele Entzündungsherde im Körper zu Energieverlusten und Schlappheit führen?? Oder ist meine Schlappheit am Ende doch der Versuch, die Verantwortung abzugeben, ein Weg, mich zurückzuziehen? So habe ich das als Kind schon (unbewusst) gemacht, um mir Auszeiten zu verschaffen.

Franziska Schutzbach schreibt weiter:

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‘Mutterrolle’ identifizieren, sei es aus anderen Gründen). Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das “Richtige” (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde.

Die Sache mir der Autonomie, dem Subjekt-sein, dem Individualismus, dem freien Willen und Wollen gehört zu so einem Komplex, über den ich so viel mitzuteilen hätte. Aber ich kriege die Gedanken nicht geordnet, finde überall schlaue Worte von Menschen, die schon alles dazu gesagt zu haben scheinen. Braucht es meinen Senf noch dazu? Das Gefühl, dass alles schon viel besser gewusst, gesagt, getan worden ist, hat mich schon als Kind eingeschüchtert und gelähmt.

Franziska Schutzbachs Gefühle kann ich nachvollziehen und ich teile sie zum Teil mit ihr. Wenn ich mittwochs mit meinen Kindern zu Kawi gehe, um dort die Musikkurse der Kinder mitzumachen – zumindest bei T., P. geht mittlerweile allein -, dann kommt mir diese Szenerie manchmal völlig bekloppt vor: Wie diese erwachsenen Menschen (meist Frauen) dort im Kreis sitzen, ihre Kinder auf dem Schoß, „Babababa“ wiederholen, Tücher wie Schneebälle werfen oder auf allen vieren durch den Raum robben, die Kinder auf dem Rücken sitzend… Und manchmal denke ich mir auch: Warum stellt man sich eigentlich so an? Was hat es auf sich, mit diesen Gefühlen der Peinlichkeit und Scham in solchen Situationen? Warum kommen die gerade dann, wenn wir mit unseren Kindern singen und tanzen? Warum fühlen sich überhaupt fast alle unwohl, beim laut singen und haben sogar fremdschäm-Gefühle angesichts von Leuten, die ohne Rücksicht auf Schönheit singen und tanzen. Fast neidvoll denke ich an die Bilder der Himba (und auch vieler anderer indiginen Stämme), die ausgelassen in Gruppen singen und tanzen… Was ist der Unterschied zwischen unserem Leben und deren? Warum können sie so ausgelassen sein und wir nicht?

Was soll ich also sagen? Ja, ich leide. Im Moment. Und immer wieder. Aber leide ich darunter, Eltern zu sein? Würde ich weniger leiden, wenn ich nicht verantwortlich wäre für zwei Heranwachsende?

Ich habe das Gefühl, das Falsche am „modernen Leben“, die Eingerichtetheit der Gesellschaft als Eltern sehr stark zu spüren. Das war vorher nicht so stark oder nicht so eindeutig. Die individualisierte, rationalisierte Lebensweise passt einfach nicht zusammen mit Familien und heranwachsenden (irrationalen) Menschen. Auf mich selbst gestellt käme ich damit vielleicht besser zurecht. Weil ich anpassungsfähiger wäre oder meinen Auf- und Widerstand konsequenter ausüben könnte. Weil Regeneration und Aktivität selbstbestimmter ablaufen würden. Weil mich meine sozialen Rollen vielleicht weniger Kraft kosten würden oder ich mich rausnehmen kann, wenn’s mir mal wieder zu viel wird, weil ich selbst mir in sozialen Kontexten zu viel bin. Weil ich gefallen will, weil ich nicht abgelehnt werden will, weil ich kräftezehrend aufdrehe bis mir das Gesicht glüht. Und weil ich darüber keine Kontrolle habe. Ünerhaupt wäre es vielleicht nicht so anstrengend, weil ich die Illusion, die Kontrolle zu haben über mein Leben, leichter aufrecht erhalten könnte. Vielleicht wäre die Vereinzelung auch nicht derart schmerzhaft spürbar… Weil ich mich weniger stark nach einem Clan sehnen oder einfach in irgendein Hausprojekt ziehen würde. Weil ich mich immer dann in Gesellschaft begeben würde, wenn mir danach ist. Andererseits würde ich daran und darunter leiden, dass es mir an Sinn fehlt. Die Sinnfrage würde mir das Hirn zermartern und ich würde mich vermutlich nicht viel weniger zerrissen fühlen als jetzt. Nach dem Sinn frage ich mich jetzt nicht mehr. Der Sinn krabbelt jeden morgen in zweifacher Ausführung in mein Bett.

Wenn man gelernt hat, alles zu hinterfragen, dann sind Elternschaft und die eigenen Kinder davon nicht ausgenommen. Wie Franziska Schutzbach auch schreibt, ist das Ideal unserer Zeit, in unseren Gefilden (!) Selbstbestimmtheit, kritisches Hinterfragen, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, autonom sein. Ich halte das grundsätzlich für eine Illusion. Autonomität ist nichts, was ich für realisierbar halte. Wir werden verantwortlich gemacht, für die Entscheidungen, die wir treffen. Dabei ist jeder Mensch beeinflusst von allen möglichen Dingen, auf die wir zum Teil noch nicht einmal Zugriff haben. Die Menschheit überschätzt sich selbst, das Denken und die eigene Rationalität gewaltig.

Wir sind es gewohnt, uns dagegen entscheiden zu können, abzubrechen, wenn uns etwas nicht passt. Mit Kindern hört genau das auf. (Obwohl der Schritt natürlich auch jenseits von Abtreibungen nach der Geburt prinzipiell möglich wäre. Man könnte sich sehr wohl dafür entscheiden, die Kinder wegzugeben, sich dagegen zu entscheiden… Aber wer geht diesen radikalen Schritt und begründet das mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung?)

Und dieses Hinterfragen, kritisch sehen, selbst bestimmen wollen steht womöglich in direktem Gegensatz zu den geradezu archaischen Programmen, die meiner Meinung sowohl in uns, wenn wir Eltern werden als (und besonders) auch in den Kindern ablaufen. An Kinder kommen wir mit unseren rationalen Techniken nicht ran. Und auch unsere absolut rational eingerichtete Welt passt nicht zu unseren irrationalen Kindern. Und genau das macht es so scheiße schwer. Es fühlt sich an, als müssten wir Eltern die verdammte rationale Suppe auslöffeln, die die Menschheitsgeschichte uns eingebrockt hat. Und das auch noch weitgehend jede_r für sich allein bzw. als Kleinfamilie.

Ich sehe gerade nur einen sinnvollen Ausweg: Zusammenrotten! Wir müssen weg von der Kleinfamilie und hin zum Clan! Gründet Hausgemeinschaften mit Gärten, schmeißt eure Kinder zusammen und lasst sie gemeinsam spielen, statt sie mit gezwungenem Lächeln zu bespielen. Ich kriege gerade ständig mit, dass immer mehr Familien sich danach sehen. Das Teuflische ist: Die meisten sind heute derart eingebunden in Verpflichtungen, dass ihnen Energie, Zeit und Geld dafür fehlen, etwas zu realisieren, was womöglich dazu führen könnte, mehr Energie, Zeit und Geld zu haben. Genau so geht es uns gerade. Und es kotzt mich an.