Hey P.,

weißt du, so langsam bist du ein „richtiger Mensch“… Also natürlich bist du von Anfang an ein „richtiger Mensch“ gewesen, aber… jetzt redest du, erinnerst dich, findest gut, findest doof… Du drückst dich aus, bist impulsiv, kannst wertschätzen und abwehren, wenn du was nicht willst und all das. Du wirst… Du bist du… Mit allem drum und dran.

Es ist – ehrlich gesagt – oft ziemlich anstrengend für mich, Mutter zu sein. Aber das liegt überhaupt nicht an dir oder dass du „falsch“ bist, denn du… du bist super, genau so wie du bist. Es liegt einfach am Leben. Daran dass wir – auch ich – in diesem Jahr ständig krank sind zum Beispiel. Und mit krankem Körper geht das alles einfach nicht so leicht. Und es liegt auch daran, dass neben euch ja auch noch andere Dinge „dran“ sind. Studieren, Arbeiten, Haushalt erledigen, Nachdenken, die Welt verändern wollen, …

Wenn du mal groß bist, erwachsen meine ich, dann rate ich dir: Binde dich nicht schon so früh an eine so große Verantwortung, sondern leb erstmal ein bisschen dein Leben. Erkunde dich und die Welt. Lern fremde Länder kennen, lies viele Bücher, mach ganz eigene, selbstbestimmte Erfahrungen! Wenn du Kinder hast, stehen sie an erster Stelle und das Leben ist ganz plötzlich… fremdbestimmt. So wahnsinnig viele Verpflichtungen kommen dann auf dich zu, das kann ganz schön erdrückend sein. Du kannst dann zum Beispiel kaum noch einfach in den Tag hineinleben.  Mal schauen, was heute so bringt… Das ist dann nicht mehr. Du kannst nicht spontan mal weg. Du kannst einfach nicht mehr tun, wie und was du tun willst. Du denkst und lebst nicht mehr nur für dich allein, sondern deine Familie – deine Kinder – und ihre Bedürfnisse bestimmen wahnsinnig viel von dem, was dran ist.

Hey, Schatz… Versteh mich nicht falsch – ich bereue das hier nicht. Ich bereue vor allen Dingen euch nicht. Kein bisschen! Aber ich kann nicht leugnen, dass ich manchmal denke, dass es besser gewesen wäre, noch etwas zu warten, mit dem Kinder bekommen. Du weißt ja inzwischen wahrscheinlich, dass du nicht geplant warst… Vielleicht würde mir das hier leichter fallen, wenn ich meinen Selbstfindungstrip erst einmal ein bisschen hätte ausleben können. Endlich mal selbstbestimmt sein, nur für eine Weile. Nach der Verpflichtung Schule hab ich mich für die Verpflichtung eigene Firma und von da direkt für die Verpflichtung Elternschaft entschieden. Genau! Ich habe mich dafür entschieden. Und deshalb ist das auch okay so. Und ihr gebt mir wahnsinnig – wahnsinnig – viel zurück. Einen Sinn zum Beispiel. Ich weiß, warum ich morgens aufstehe. Und das nicht zu wissen, das kann ganz schön lähmend sein. Das kenne ich nur zu gut. Und falls es dir vielleicht gerade so oder so ähnlich geht – vielleicht gibt es ja einen bestimmten Anlass, warum ich dir dieses – dein – Buch genau jetzt gegeben habe oder warum du es genau jetzt liest – dann gebe ich dir jetzt mal so etwas wie einen Rat:

Geh – wenn es irgendwie geht – raus in die Welt, unvoreingenommen, ohne Angst und ohne Vorurteile und… lerne sie kennen. Geh irgendwo hin und lass auf dich wirken, was du da findest. Sprich mit Menschen und versuche zu ergründen, warum sie wie die Welt sehen. Ich weiß, dass es oft nicht so aussieht, aber es gibt gute Leute da draußen, die es wert sind, dass du sie in dein Leben lässt. Sei nicht oberflächlich! Scheiß drauf, ob irgendwelche Leute, die dir nichts bedeuten, okay finden, wie du aussiehst oder was du machst. Scheiß auf Menschen, die solche Maßstäbe haben. Finde deine eigenen Maßstäbe! Sei ehrlich zu dir und zu anderen, spiel kein Theater. Sei du! Und zweifle nicht zu viel an dir selbst. Du bist okay so wie du bist. Okay?

Ich liebe dich, Mama.

P.S.: Ich hoffe trotzdem, dass du deine Prinzessinnen-Phase inzwischen überwunden hast ;-)