„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

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 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

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Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)

 

Von Kindern, die über Esstische laufen (Oder: Erziehung zur Rücksichtnahme?)

Als ich gestern Nacht einen Text für die Uni las*, bin ich auf folgende Anekdote gestoßen, die A.S.Neill offenbar in seinem Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ schildert:

Einmal brachte eine Frau ihr siebenjähriges Mädchen zu mir. „Mr. Neill“ sagte sie, „ich habe jede Zeile gelesen, die Sie geschrieben haben. Und noch bevor Daphne zur Welt kam, hatte ich schon beschlossen, sie genau nach Ihren Prinzipien zu erziehen.“ Ich warf einen Blick auf Daphne, die mit ihren schwarzen Schuhen auf meinem Konzertflügel stand. Sie machte einen Satz auf das Sofa und stieß beinahe die Sprungfedern durch. „Sehen Sie, wie natürlich sie ist“, sagte die Mutter. „Das Neill’sche Kind!“

Neill war das offenbar irgendwie unangenehm. Er kommentiert die Szene in seinem Buch, indem er (sinngemäß) den Unterschied zwischen Gleichwürdigkeit und Verwöhnen bzw. „Freiheit“ und „Zügellosigkeit“ betont:

In einem Heim, in dem Disziplin herrscht, haben die Kinder keine Rechte. In einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Eltern die gleichen Rechte. (…) Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf. Es muss also gehorchen, das stimmt. Doch auch sie müssen ihm gehorchen, wenn es nötig ist. Ich verziehe mich jedenfalls, wenn man mir im Zimmer der kleinen Kinder sagt, ich solle hinausgehen.

Karl Binneberg wiederum, dessen Text ich gerade las, sagt dazu dann (unter anderem):

Wären nämlich (…) allein die kindlichen Absichten und Interessen das Regulativ menschlichen Zusammenlebens, so wäre ein geregeltes Miteinander unmöglich. Ohne gewisse Regeln (…) wäre das Leben mit Kindern wahrscheinlich in der Tat, wie Hobbes es formuliert hat, ’nasty and brutish‘. Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen. Es geht nicht um die Irrlehre von Befehl und Gehorsam, sondern um ein sinnvolles Arrangement von Regeln und Ordnungen.

Und BÄMM – ich bin mittendrin: Da ist sie wieder, diese – meine – ewigste und drängendste aller Erziehungsfragen, dieser ewige Zwiespalt zwischen Regeln und Freiheit. DAS ist der ständige Krampf, der ständige, alltägliche Kampf mit mir, in mir, zwischen mir und meinen Kindern… Und ich weiß nach wie vor oft selber nicht, wie ich dazu stehe, stehen kann, stehen will. Ich bin keine gute Kinder-Diktatorin, jedenfalls will ich keine sein. Ich „arbeite“ gegenüber meinen Kindern nicht mit Auszeiten, nicht mit „Ich zähle bis 3“, ich drohe ihnen nicht und ich benutze nicht die dritte Person, wenn ich mit ihnen spreche („Die Mama hat gesagt“). Ich versuche sie einfach wie Menschen zu behandeln. Ich möchte ihnen nicht einfach irgendwas vorschreiben oder sie andauernd ermahnen. Ich mag mich selbst nicht, wenn ich einen „pädagogischen Tag“ hab, an dem ich feststelle, dass ich sie ständig ermahne und ansonsten eigentlich keine Kommunikation stattfindet. (Bei Grummelmama gibt’s dazu gerade einen passenden Artikel: „Los! Jetzt! Sofort!“.) Ich empfinde ehrliche, tiefe Verachtung und Ekel, wenn ich draußen Menschen bei der Kommunikation mit Kindern beobachte und immer wieder feststelle, wie oft Kinder wahlweise nur im Militärton angebellt oder aber wie Schwerstbehinderte angesäuselt werden. Ich bin inzwischen fast soweit, dazwischen zu gehen, wenn Erwachsene verbal scheiße zu Kindern sind. Noch kriege ich es nicht hin – die Gründe liegen aber eher in grundsätzlichen Hemmungen meinerseits, anderen gegenüber „unangenehm“ zu sein. Aber eigentlich ist es mir ein großes Bedürfnis, den betroffenen Kindern von kommunikativer Gewalt zu zeigen, dass das nicht in Ordnung ist, wie mit ihnen umgegangen wird… (Fraglich nur, was das mit einem Kind macht, wenn seine Mutter von einer fremden Person belatschert wird… und ob das so gut ist. Müsste man mal eine Kosten-Nutzen-Abschätzung machen.)

Ich bin inzwischen Mitglied in der unerzogen-Gruppe bei Facebook. Ich mag die Reflektiertheit der Leute dort, teile viele der Ansichten und mir gefällt die Idee der Gleichwürdigkeit. In der Gruppe routieren (und eskalieren) immer wieder bestimmte Themen, wie zum Beispiel Zähneputzen/Haarekämmen/Waschen, Süßigkeitenkonsum, Konsum grundsätzlich, Fernsehen, Computerspielen, Schlafenszeiten und… Rücksicht auf Andere. Bei den erstgenannten gibt’s verschiedene Sichtweisen. Einige setzen hier tatsächlich auf totale Freiheit, sprich: Selbstregulierung. Die Kinder können fernsehen oder Süßkram essen, wann und wie viel sie fernsehen wollen und sie gehen pennen, wann und wie sie das wollen. Viele versuchen sich an einem Zwischenweg, einige trauen sich nicht so richtig usw. Ich kann mich nicht so richtig entschließen.

Ich habe das mit der Selbstregulierung in Sachen Fernsehen und Süßigkeiten mit P. versucht. Aber es führte dazu, dass sie wirklich unheimlich viel und regelmäßig geglotzt hat und Unmengen Süßkram gegessen hat. In Sachen Fernsehen machte ich einen Rückzieher nachdem P. nach einem 4-5-Stunden Glotz-Marathon an einem Sonntag vor geraumer Zeit völlig durchdrehte, keine Kommunikation mehr möglich war, sie nur noch wütete und weinte und der gesamte Sonntag (inklusive unserer Familie) vollkommen… im Arsch war. Ich habe für mich (und uns) in diesem Moment beschlossen: Das geht so nicht. Das will ich nicht. Ich habe daraufhin mit P. besprochen und meinen Verdacht geteilt, dass die schlechte Stimmung mit dem vielen Fernsehen zusammenhing und wir haben gemeinsam beschlossen, unsere alte Kontingent-Abkreuz-Liste wieder einzuführen: Sie darf 5 Mal in der Woche gucken, jeweils zwei Folgen. Und wenn sie geguckt hat, macht sie Kreuzchen auf der Wochenliste. Wenn das Kontingent alle ist, ist es alle. Das klappt ganz gut und von der Regelung bin ich überzeugt. Manchmal ist sie genervt davon, aber im Großen und Ganzen läuft das. Ich bin überzeugt, weil ich an diesem Sonntag für mich entschieden habe, dass ich zu viel Fernsehen tatsächlich für schädlich halte, dass Fernsehen süchtig machen kann und ich meine Tochter hier regulieren möchte und muss, damit sie dem nicht ausgeliefert ist. Auch beim Schlafengehen haben wir mehr Selbstregulierung versucht. (Unsere Kinder gehen ohnehin recht spät ins Bett, im Sommer selten vor 21:30.) Hier fahren wir jetzt so ein Mittelding, glaube ich. Momentan regulieren wir wieder etwas mehr, was heißt: Wir sagen irgendwann schon „Lasst uns jetzt mal langsam ins Bad gehen.“ P. kann dann aber nachkommen, wenn sie soweit ist. Wir gehen dann mit T. schon vor. Meist klappt das. Bei den Süßigkeiten ist das schon schwieriger. P. ist echt ’ne Zuckerschnute. Sie kann in der Tat Unmengen an Süßigkeiten essen und tut das auch. In der Gruppe laufen die Diskussion meist auf den Kern zu, dass man sich fragen und für sich entscheiden muss, inwiefern man Zucker tatsächlich für gefährlich hält. Studien gibt’s sowohl in die eine als auch für die andere Richtung. Keine Wissenschaft der Welt wird das eindeutig beantworten können. (Davon abgesehen glaube ich nur bedingt an die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungstheorien, sondern weil Wissenschaft meiner Meinung nach keine 100%-Aussagen über die Wirklichkeit treffen kann. Wissenschaft ist nie mehr als Wahrscheinlichkeitsrechnung, allgemeine Aussagen, die mit dem Einzelfall niemals übereinstimmen, insbesondere wenn es um Menschen geht.) Aktuell ist ein Zwischenweg, dass wir ein Ding bezahlen – also zum Beispiel einen Nougattaler vom Bäcker Lotzmann, dem Handwerksbäcker, der um die Ecke von der Kita beinahe täglich angesteuert werden muss, und wenn sie mehr will, muss sie das von ihrem Taschengeld bezahlen. Sie hat 20 Euro im Monat für sowas zur Verfügung. Und wenn das alle ist, dann gibt’s halt keine Extras mehr. Wir haben damit gerade erst angefangen, bisher läuft es gut. Aber gestern Nachmittag haben sich trotzdem Unmengen an Süßkram in ihrem Bauch angesammelt. Und nein, das ist hier auch keine Ausnahme. Hm. Mich nervt es ja echt ein bisschen, dass man offenbar tatsächlich nicht um die klassischen Eltern-Kind-Streitthemen (Essen, Schlafen, Fernsehen) drumrum kommt. Auch dann nicht, wenn man sich für „coole Eltern“ hält. Ich höre mich auch oft genervt sagen „Ja, P., wenn du wenigstens mal ein bisschen Gemüse essen würdest…“ – haha. Punk is dead!

Eigentlich geht es mir hier aber um den Aspekt der Rücksicht. Deshalb auch die Geschichte und die Kommentare oben. Denn das beschäftigt mich wirklich. Stellen wir das Mikroskop mal scharf. Binneberg sagt:

Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen.

Sind Kinder rücksichtslos?

Mit Sicherheit nicht immer. Aber es kommt vor, würde ich sagen. Und es kommt in Ausführungen vor, die mir manchmal den Mund offen stehen bleiben lassen. Es kommt in Ausmaßen vor, die ich so nicht erwartet habe. Es kommt so heftig vor, dass ich eigentlich wirklich verletzt und wütend bin, weil mein Wohlergehen so dermaßen keine Rolle spielt… Die Rücksichtslosigkeit ist einer der Aspekte am Elternsein bzw. am Zusammenleben mit Kindern, mit dem ich und auch K. wohl am schwersten zurechtkommen.

Es ist wirklich eine verdammt harte Prüfung, verständnisvoll und geduldig, mit Mitgefühl, Liebe und Nachsicht auf Menschen zu reagieren, die wütend und brüllend von dir verlangen, sie gefälligst jetzt sofort zu tragen, während du mit vielen schweren Taschen bepackt, schwitzend, müde und krank versuchst, aus der überfüllten Straßenbahn auszusteigen. Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben gegenüber einem Menschen, dessen Zimmer du gerade in mühsamer, aber durchaus liebevoller Arbeit auf- und umgeräumt hast, nachdem sie es gemeinsam mit ihren Freundinnen verwüstet hat, und der dann nichts besseres einfällt als dir wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, weil du ihr nicht augenblicklich Apfelsaft aus der Küche holst. Wie soll man verständnisvoll bleiben angesichts des Essens, das man auf Wunsch zubereitet hat, dass dann aber nicht gegessen wird, weil das Gegenüber ein Ministück Kräuter darin entdeckt hat? Soll man ja irgendwie nicht. Muss man ja irgendwie nicht. Man soll will ja auch „authentisch“ sein, kein Elternroboter. Okay.

Kinder können Rücksicht noch nicht so gut. Ich versuch’s – je nach Vermögen mal mehr mal weniger „wertvoll“ – ihnen gegenüber zu vermitteln. Das macht es nicht einfach. Das Leben mit Kindern empfinde ich grundsätzlich nicht als einfach. Das schwierigste ist für mich, glaube ich, ständig reagieren zu müssen, ständig angesprochen zu werden, ständig gefragt zu sein – egal, ob es passt oder nicht. Egal, ob ich (noch) kann oder nicht. Egal, ob ich krank bin oder nicht. Genervt bin oder nicht. Bock habe oder nicht. Es passiert einfach ständig irgendetwas, was man nicht auf dem Schirm hatte und es ist kaum möglich, ein Ding zu Ende zu machen, wie man das vorhatte. Pläne und Kinder? Das widerspricht sich einfach. Ich bin leider eine ziemliche Kontrolletta. Ich finde das Kinderhaben ziemlich… herausfordernd. Das wissen alle, die den Blog hier schon häufiger gelesen haben. Und trotzdem finde ich’s auch oft sehr toll. Ziemlich oft ziemlich genau so:

hurrah for gin a typical day
(c) http://hurrahforgin.com

Abschweif: Ich habe in letzter Zeit wieder häufiger über die #regrettingsmotherhood-Debatte nachgedacht. Vor allem ein Artikel von berlinmittemom ist mir im Kopf geblieben: ambivalenz ist nicht bereuen. Sie schreibt:

Es geht nämlich meiner Meinung nach nicht nur um ambivalente Gefühle oder um die Sehnsucht nach dieser besonderen Freiheit vor den Kindern (…) es geht um Frauen, die explizit bereuen, dass sie Mutter geworden sind. (…) Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.

Ich glaube nicht, dass ich wirklich zu den bereuenden Müttern gehöre. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich mich, wenn ich vor der Wahl stünde und mit dem Wissen, dass ich jetzt über mein Elterndasein habe, anders entscheiden würde (und könnte… Als ich mit P. ungeplant schwanger war, konnte ich mich nicht entscheiden, das Kind nicht auszutragen, sprich: abzutreiben. Ich konnte – für mich wirklich überraschend – nicht einmal denken, welche Schritte dazu nötig wären.). Ich kann den Gedanken kaum zulassen und nur schwer ertragen, dass diese Entscheidung bedeuten würde, dass die beiden Menschen, die wir gezeugt haben, nicht wären. Diese beiden Menschen sind toll. Ich habe das Gefühl, ihre Existenz gegen meine (fehlenden) Freiheiten abwägen zu müssen. Und hier gewinnt ihr Existenzrecht, mein Wunsch, dass sie existieren und meine Liebe zu ihnen. Und ich möchte auch vieles von dem, was mit mir passiert ist, seitdem ich Mutter bin, nicht missen. Wer weiß, wo ich jetzt stünde, hätte ich nicht mit 21 mein erstes Kind bekommen. Was würde ich jetzt tun? Hätte ich Erziehungswissenschaften studiert? Mit Sicherheit nicht. Vermutlich würde ich irgendwie vor mich hin sinnkrisen. Vermutlich wäre ich ziemlich depressiv. Vielleicht hätte ich die Band noch. Wäre dann aber körperlich ziemlich fertig, glaub ich. Vielleicht würde ich mir raten, später Kinder zu bekommen und vorher in Ruhe und mit Zeit zu studieren, zu reisen, zu vögeln, … Vielleicht. Ich mag es, zu erzählen, dass ich zwei Kinder habe. Ich definiere mich inzwischen auch darüber. Sie sind ein Teil von mir. Anstrengend finde ich’s trotzdem wahnsinnig oft.  Kinderhaben ist wie das Leben ist: Höhen und Tiefen. Ich sperre mich gegen Roswatteplüsch und Schönmalerei. Kinderhaben ist ’ne riesige Herausforderung. Aber wenn man sich darauf einlässt, auch eine der größten Entwicklungschancen, die es im Leben gibt. Ich glaub, ich gehöre eher zur Fraktion „ambivalent“.

Im Kern ist die fehlende Rücksichtnahme der Kinder mir gegenüber der Grund dafür, dass ich das Zusammenleben mit Kindern oft als so kräftezehrend empfinde. Der springende Punkt ist aber, dass ich meinen Kindern deswegen nicht böse sein will und zum Glück auch sehr selten tatsächlich bin. Viele Erwachsene scheinen das aber oft zu sein, anders kann ich mir den völlig bescheuerten Dauer-Aggro-Umgang mit Kindern, die „nicht spuren“ kaum erklären. (Hm, doch, kann ich… Aber das wäre ein anderes Thema.) Ja, ich raste manchmal aus. Aber ich gebe mir große Mühe, dass auf eine Weise zu tun, die meinen Kindern zwar zeigt, dass hier meine Grenze erreicht ist, ohne dabei aber ihre total zu verletzen. Das gelingt mir sicher nicht immer. Wenn es nicht gelingt, sage ich ihnen, dass es mir leid tut und es nicht okay von mir war, ich es aber einfach nicht anders hinbekommen habe, weil ich so wütend war. Ich habe Verständnis für ihr „rücksichtsloses“ Verhalten, weil ich es – spontan – mit einer fehlenden Einsicht- bzw. Vernunftfähigkeit von kleinen Kindern erkläre. Sie können’s einfach noch nicht besser. Wie kann man ihnen da böse sein? (Memo an mich selbst: Darüber muss ich bei Gelegenheit genauer nachdenken… Warum sind kleine Kinder eigentlich so „rücksichtslos“? Liegt das an dieser kinderunfreundlichen Industrienationen-Welt? Ist das bei indigenen Völkern, die etwa im Amazonas-Regenwald leben anders? Und wenn ja: Wie kann man das erklären? Was braucht es an „Fähigkeiten“, damit sowas wie Rücksichtnahme möglich ist? Welche Annahmen stecken in dieser Annahme? > Entwicklung hin zur Rationalität… Also steckt darin das Ideal des rational-vernünftigen-impulskontrollierten Menschen… hm. Impulskontrolle kann man ja auch durchaus kritisch sehen… Ist Impulskontrolle einfach notwendig, wenn mehrere Menschen miteinander in ein Verhältnis treten? Wozu dann aber diese heftigen Impulse? Warum haben wir Menschen die? … Ich muss endlich mal an diesem Artikel über heftige Gefühlsausbrüche von Kindern – und dem Umgang Erwachsener damit – weiter arbeiten!)

Okay. Bis hierhin ging es um persönliche Belastungsgrenzen. Wenn ich einfach nicht mehr kann, dann kann ich nicht mehr. Die geschilderten Fälle sind – vom Gefühl her – noch relativ eindeutig. Hier wäre einfach Rücksicht und Zurücknahme der eigenen Wünsche vor dem Hintergrund der Anstrengungen des Gegenübers angebracht. Selbst ich, die ich ja an fast allen meiner Wahrnehmungen und Ansichten zweifle, empfinde das hier ausnahmsweise mal als ziemlich eindeutig: Sowas müssen Kinder irgendwie lernen. Soweit so gut. Es bleibt mir offenbar nicht viel mehr übrig, als meinen Kindern ehrlich zu zeigen, wenn meine Grenzen erreicht sind und ich ihre Wünsche bzw. Ansprüche gerade unverhältnismäßig und rücksichtslos finde, dabei aber gleichzeitig damit klarzukommen, dass Kinder ihre Impulse noch nicht derart kontrollieren können und ansonsten vor allem selbst Rücksichtnahme und Verständnis vorzuleben.

Aber dann ist da ja noch der Esstisch aus dem Beispiel:

Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf.

Und das sagt fucking A.S. NEILL! Der Godfather der antiautoritären Erziehung!

Hier ist auch noch einmal eine Abgrenzung nötig: Es gibt Situationen, da reguliere ich, weil (Lebens-)Gefahr droht. Wenn mein zweijähriges Kind dabei ist, auf die viel befahrene Straße zu rennen, dann werde ich das nicht ausdiskutieren, dann greife ich ein. Wenn mein Kind sich (wie heute morgen) die Schere in den Mund stecken will, dann greife ich ein. Wenn mein Kind (wie gestern) das offene Küchenregal hochklettern will, dann greife ich ein. Soweit, so klar.

Wenn mein Kind aber über den Esstisch spazieren, auf dem Sofa springen, die Füße beim Essen auf den Tisch legen, mit Essen im Mund reden oder sonstwas will… Was dann? Hier droht keine Gefahr. Das sind Sachen, die Menschen einfach nicht wollen, weil… aus unterschiedlichen Gründen. (Auch die wären ein Extra-Artikel Wert.) Und das ist jetzt der Kern der Auseinandersetzung: Ich finde, dass Neill es sich hier vielleicht etwas einfach macht, wenn er hier lediglich erklärt, dass Erwachsene und Kinder gleiche Rechte hätten. Neill geht offenbar davon aus, dass die Kinder es nicht tun, wenn man ihnen sagt, dass sie’s nicht dürfen.

Es muss also gehorchen (…).

Die entscheidende Frage ist aber, was passiert, wenn das Kind nicht einsieht, nicht über den Tisch (das Klavier, das Sofa, …) zu laufen. Das Kind hat den Tisch nicht dahin gestellt. Das Kind hat den Tisch auch nicht als „Esstisch“ bestimmt. Das Kind hat auch das „Heim“ (oder die Wohnung, das Haus, …) nicht so „erwachsen“ (funktional) eingerichtet. Für die Erwachsenen ist das Ding gelabelt als „Esstisch“ und verknüpft mit „da läuft man nicht drauf rum, schon gar nicht mit Schuhen“. Für Kinder ist das – je nach Alter – aber nicht so. Für ganz kleine Kinder ist es einfach ein interessantes Ding, dass zum Klettern geradezu einlädt. Und ältere folgen halt irgendwelchen Impulsen, wie auch immer… Was passiert also, wenn man dem Kind sagt, dass es das nicht darf – und das Kind tut es trotzdem? Alle Varianten, das Kind zur Einsicht zu bewegen, sind eigentlich scheiße und/oder stressig. Man könnte auf das Kind einreden, es argumentativ zu überzeugen versuchen. (Das würde ich bestimmt versuchen.) Das hätte vermutlich zur Folge, dass beim Kind nach etwa 3,5 Sekunden ankommt „Wuorpwuorpwuorpbluoerpblupp“. Aber immerhin hätte man nicht seine körperliche Überlegenheit missbraucht, nur seine intellektuelle einzusetzen versucht. Bringt aber oft nicht viel, insbesondere wenn Kinder im überTische-Lauf-Modus sind. Vielleicht hat man Glück und das Kind lässt sich vom Tisch wegquatschen. Oder man hebt oder zerrt das Kind vom Tisch runter. Das kann schon handgreiflich werden und gleichwürdig ist das eigentlich nicht mehr. (Bei ganz kleinen Kindern kann man wenigstens noch das Argument „Gefahr“ hier  als Trumpf spielen, um sich rauszureden.) Oder man schimpft und droht mit irgendwelchen beknackten Konsequenzen, womit man sich endgültig im schwarzen, stinkenden Sumpf der autoritären Erziehungsmethoden befindet. Sehen wir’s ein: Es gibt gar keinen „vernünftigen“ Grund, warum das Kind nicht über den Tisch laufen sollte, außer den, dass wir das nicht wollen. Also bleibt uns eigentlich „vernünftigerweise“ nur übrig, dem Kind genau das zu sagen: „Ich will nicht, dass du das machst. Lass es bitte.“ Vielleicht fängt daraufhin eine Diskussion an. Bei P. passiert das inzwischen immer häufiger. Eigentlich finde ich das gut, glaube ich. Das ist zwar auch stressig, weil man irgendwann nur noch am diskutieren ist… Aber ist gleichwürdiges Zusammenleben zwischen Menschen nicht genau das? Aushandlung, Kompromiss, Kommunikation? P. stellt mit ihren fünf Jahren schon erstaunlich viel in Frage. Sie blafft die Erzieherinnen in der Kita an, dass sie nicht einfach über die Kinder bestimmen können. Sie fragt mich entrüstet, als wir an einem Sonntag über unseren Plan sprechen, ein Puppentheater zu besuchen, ob wir überhaupt die Kinder gefragt haben, ob sie da hingehen möchten. Und sie knallt mir an den Kopf „Du kannst nicht über mich bestimmen“ oder „Es geht nicht nur nach deinem Kopf“, wenn ich sie bitte, sich noch die Zähne zu putzen. Und sie hat verdammt Recht damit. Aber das macht es alles nicht einfach. Und trotzdem bin ich schon jetzt verdammt stolz auf sie.

P.S.: Hm. Eigentlich wollte ich noch mehr über Rücksichtnahme und Erziehung oder Erziehung zur Rücksicht schreiben. Die Posts fließen in letzter Zeit noch stärker als sonst irgendwie wohin sie wollen… oder ich lasse das Fließen mehr zu. Wirklich kluge Gedanken habe ich dazu aber offensichtlich auch gar nicht. Falls jemand mal was Schlaues gelesen hat, kann das gern in den Kommentaren verlinken.

Vielleicht ist die Sache mit der Kommunikation und Aushandlung ja auch schon ein Wink in Richtung einer Antwort. Kann ich mehr tun als sagen, was ich will und was nicht und dann in Verhandlung gehen, um irgendwie eine Lösung zu finden, mit der alle leben können? Mit Erwachsenen will ich das doch genauso. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, zu partizipieren, sondern mich einfach an von anderen gesetzt Regeln zu halten habe. Sowas kotzt mich an. Diese Art der Partizipation und Kommunikation erfordert aber schon ziemlich viel Rationalität und Impulskontrolle. Und die können wir von kleinen Kindern nur bedingt erwarten. Meine Tante warf in dem Zusammenhang mal den Aspekt der Überforderung in den Raum. Sie meinte, dass kleine Kinder überfordert sind mit so viel Reflexion, Erklärung, Entscheidung und Auswahl und dass sie ihrer Meinung nach einfach(e) Strukturen, Regeln, Grenzen, Vorgaben von Erwachsenen bräuchten. Das gebe Sicherheit, das Gefühl von Verlässlichkeit und Orientierung und genau das sei es doch, was kleine Kinder bräuchten. Wenn alles verhandelbar ist, dann sie das zu viel. Dieses Reflektieren, hinterfragen, eigene Standpunkte beziehen usw. sei in dem Alter einfach nicht dran und deshalb sei das auch nicht gut… (Ich glaub, sie ist ziemlich beeinflusst von diesem Kontinuum-Gedanken von Jean Liedhoff. Darin steckt die Idee von natürlichen Entwicklungsstufen und bestimmten Fähigkeiten in bestimmten Zeiträumen. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halte… Ich denke aber, dass die Idee von festen Entwicklungssprüngen/-phasen in einem bestimmten Alter auch viele Probleme mit sich bringt und nicht zuletzt dazu beitragen, dass sich eine Vorstellung von „normaler“ und „unnormaler“ Entwicklung etabliert. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass eine Freundin mir letztens besorgt an meinem Küchentisch erzählte, dass ihr Fünfjähriger vom Arzt als auffällig eingestuft wird, weil er noch keine Strichmännchen malt. Sie soll jetzt mit ihm üben und erzählte: „Ich habe jetzt mit ihm gemalt. Er malte ein Männchen, aber halt mit einem Auge und die Nase ist rechts am Kopf. Als ich ihn gefragt habe, warum die Figur nur ein Auge hat, meinte er: ‚Der guckt zur Seite.'“ (O.o) Ein Kind, das offenbar sogar schon räumlich und perspektivisch denken und das auf eine Zeichnung übertragen kann, wird also als auffällig beurteilt… Und warum? „Naja, in der Schule wird das erwartet…“ – da haben wir’s.) Und trotzdem beschäftigt mich die Frage der Überforderung… Auch im Hinblick auf meine Zeit an der demokratischen Schule. Überfordert Kinder diese grundsätzliche Verhandelbarkeit, dieses viele Reflektieren und die ständige Kommunikation? Der Einwurf ist nicht unberechtigt… Aber kann man denn wirklich sagen, das ist „nicht gut“ – im Sinne von tendenziell schädlich, gesundheitsgefährdend – für sie? Brauchen Kinder Erwachsene, die klare Ansagen machen oder nicht? Wäre das wirklich besser? Das ist zwar irgendwie der Kern der Frage. Aber selbst wenn es so wäre, berechtigt es Erwachsene nicht, Kinder so scheiße zu behandeln wie sie es oft tun. Wenn es so wäre, dann kann ich es mir noch am ehesten vorstellen, wie in Jesper Juuls-Eis-Situation:

Die dreijährige Kim fragt ihren Papa: „Darf ich ein Eis haben?“ Der Vater antwortet: „Nein, darfst du nicht.“ Kim: „Ich will aber!“ Vater: „Das höre ich. Und es ist auch okay, dass du ein Eis willst. Du kriegst aber trotzdem keins.“ Kim: „Doofer Papa!“ Vater: „Dann bin ich eben ein doofer Papa. Aber es bleibt dabei.“

Die Gleichwürdigkeit dieses Dialogs liegt vor allem in dem, was nicht gesagt wird, zum Beispiel: „Du hast heute schon genug Eis gehabt.“ (Mit dieser Definition lässt der Vater Kim seine Macht spüren.) Oder aber: „Ich habe Nein gesagt, und jetzt hör auf zu quengeln!“ (Der Vater traut sich nicht, offen Nein zu sagen, also kritisiert er Kim dafür, dass sie ihren Wunsch ausspricht.) Oder auch: „Wenn du brav bist, gibt’s heute Abend vielleicht Eis zum Nachtisch.“ (Der Vater bezieht nicht klar Stellung, sondern greift zu einem Ablenkungsmanöver.)

Entscheidend wäre, wenn man das annimmt – also dass klare Grenzen und Strukturen wichtig sind -,  über „ja“ und „nein“ zwar eindeutig zu bestimmen, mit der Wut und Trauer der Kinder aber anders umzugehen, darauf mit Verständnis zu reagieren und für sie da zu sein. Impulskontrolle zu lernen, das ist hart. Aber in dieser Art von Gesellschaft kommen wir wahrscheinlich tatsächlich nicht drumherum. Wir mussten da alle durch und es war vermutlich für uns alle ziemlich schmerzhaft. Und vermutlich wurden viele von uns nicht wirklich einfühlsam dabei begleitet. Vielleicht reagieren Erwachsene genau aus diesem Grund oft so verständnislos und wütend auf die heftigen Gefühlsausbrüche unserer Kinder… (Verdammt! Ich muss diesen Artikel schreiben! Wenn ich nur endlich die Zeit fände…)

*Binneberg, Karl (1997): Plädoyer für eine pädagogische Kasuistik, In: Ders. (Hg.): Pädagogische Fallstudien. Frankfurt, Main u.a.: Lang.

Vom „richtigen“ Umgang mit Kindern

Das ist doch, worum wir irgendwie alle ringen. Wie sollten wir mit Kindern umgehen? Als Eltern? In pädagogischen Institutionen? als Gesellschaft?

Willst du ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn du mit (deinen) Kindern umgehst? Hast du dich das mal gefragt? Du, Elter? Du, Erzieherin? Du, Lehrerin? Du, Sozialarbeiterin? Du, Kindertherapeutin? Was ist das Ziel, das du im Kopf hast? Was soll am Ende dabei rauskommen, wenn du dir jetzt was wünschen könntest? Welche Art von Menschen siehst du neben dir: Du als alte Omi / alter Opi darfst die Menschen um dich versammeln, auf die du stolz bist, bezüglich derer du guten Gewissens sagen könntest: „Ich hab einen guten „Job“ gemacht.“? Wie sehen sie aus? Wie sind sie? Was tun sie?

Was für Zielvorstellungen hast du im Kopf? Welche Vorstellungen leiten dein Handeln Kindern gegenüber? Was möchtest du – im Idealfall – erreichen? Soll aus den Kindern, die du in einer eine bestimmte Art und Weise behandelst, eine bestimmte Sorte erwachsener Menschen werden? Willst du Mündigkeit erreichen, einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung? Oder hast du Menschen mit einer kritischen Geisteshaltung im Sinn, widerständige, subversive, die nicht einfach mitmachen, die alles hinterfragen? Oder willst du erfolgreiche Menschen, die zum wirtschaftlichen Fortschritt des Landes beitragen? Fleißige, ehrgeizige, kluge, innovative oder wenigstens fleißige und produktive, jedenfalls auf keinen Fall nicht faule, doofe Menschen? Sowas? Willst du, dass die ganzen möglichen Potenziale, die so ein Exemplar der Gattung „Mensch“ womöglich in sich hat, sich entfalten – willst du einen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder, mit denen du jetzt umgehst, später mal Menschen werden, die alles oder wenigstens so viel wie möglich bestmöglich können? Ist dir vor allem wichtig, dass die Menschen später mal gut zurechtkommen, in Wohlstand leben, gesund sind und ein zufriedenes und komfortables Leben führen? Menschen also, die flexibel statt festgefahren, die schlüsselkompetent und anpassungsfähig sind? Oder ist dir eher wichtig, dass Kinder zu vollwertigen, wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden? Willst du, dass aus den Kindern, mit denen du umgehst, Menschen werden, denen es wichtig ist, so wenig Arschloch wie möglich zu sein, wenig Schaden anzurichten und Gutes zu tun? Willst du, dass die Kinder später mal vor allem widerstandsfähig sind, dass sie sich durchbeißen können? Sollten die Menschen, die durch dich beeinflusst werden, im Einklang mit sich und der Natur sein?

Oder willst du genau dieses Denken vermeiden? Willst du gar keine bestimmte Zielvorstellungen im Kopf haben? Ist es dir vor allem wichtig, dass sich das Innere der Kinder frei entfalten kann? Dass sie ihre Neigungen und Talente entdecken und zum Ausdruck bringen können? Dass sie irgendwie möglichst unverzogen und -manipuliert und wenig verstellt und von sich selbst entfremdet heranwachsen, eigene Erfahrungen machen, sich eigene Meinungen vor allem aus sich heraus bilden und sie selbst bleiben? Willst du also glückliche Menschen, die ganz bei sich sind und mit sich im Reinen?

Was ist dieses „erziehen“ überhaupt? Wann fängt „erziehen“ an und wo hört es auf? Wozu ist es gut? Hat Erziehung immer ein bestimmtes Ziel? Und wenn ja, was ist deins? Wie ist das mit der Selbstbestimmung / Individualität auf der einen und der Anpassung / Gesellschaft auf der anderen Seite? Was ist dir wichtiger: Anpassung oder Widerstand? Wie sieht für dich eine gelungene Balance dieser beiden Extreme aus? Und wie ist das mit heute und morgen? Ist das kindliche (er)leben im Hier und Jetzt wichtig? Oder kommt’s vor allem darauf an, was und wie die Erwachsenen sind?

Die Frage ist, wie wir Kindern gerecht werden. Einerseits. Wie kann man mit Kindern umgehen, sodass es ihnen gut geht, was entspricht ihnen? Was brauchen sie? Was ist gut für sie? Wie geht man „richtig“ mit Kindern um – was brauchen sie, was tut ihnen gut, hier und heute, in diesem Moment. Brauchen sie vor allem Selbstbestimmung, Freiheit, machen-lassen? Oder brauchen sie mehr Anleitung, Grenzen, vormachen, Orientierung, Struktur? Und wie soll man darauf kommen, was sie brauchen? Was zeigt uns „japp, das ist genau das, was dieses Kind jetzt gerade braucht.“? Und was ist dann mit sowas wie „Manchmal muss man sie zu ihrem Glück zwingen.“ oder „Das kann sie doch gar nicht einschätzen.“? Worum geht es beim Aufwachsen? Geht es vor allem darum, zu sich zu kommen, sich zu finden und auszuleben, sich selbst zu verwirklichen und dabei so wenig wie möglich gestört zu werden? Sollten wir also einfach nur ermöglichen, dass sich unsere Kinder vielfältig mit den Dingen, die sie umgeben, auseinandersetzen können und gut? Oder geht es vor allem darum, in der Gesellschaft an- und klarzukommen? Ist es also wichtig, dass man sie Maßregelt, ihnen zeigt, was nicht geht und was gut geht?

Was soll sowas wie „Selbstverwirklichung“ sein? Glaube ich an sowas wie ein „wahres Ich“, dass sich entfalten könnte? Und glaube ich daran, dass es möglich ist, das „in sich selbst“ zu finden? Bin ich Bestimmerin im eigenen (inneren) Haus? Kann ich denn alles über mich erfahren? Ist das möglich? Oder bleiben da nicht immer Anteile, über die ich nicht verfüge, die ich nicht erklären, nicht in Worte fassen kann? Vielleicht ist es gerade das, dieser Anteil, den ich nicht erklären, nicht entschlüsseln kann, vielleicht weist gerade das ja wirklich auf sowas hin wie das „wahre Ich“… Vielleicht gibt es das doch. Aber komme ich da ran? Kann ich dieses „wahre Ich“, was ich manchmal fühle, auf den Begriff bringen? Macht das Sinn? Ist unsere allgemeine Sprache dazu geeignet, sowas individuelles – wenn es das denn gibt – auszudrücken? Muss man „sich selbst“, selbst wenn man es wahrnehmen könnte und ausdrücken wollte, nicht zwangsläufig mit dieser allgemeinen Sprache verfehlen? Kann ich mich ausbuchstabieren, mich vollständig transparent machen? Hab ich mich im Griff? Ja, muss man! Das wird uns jedenfalls immer suggeriert: Man muss doch wissen, wer man ist. Man muss doch erklären, warum man das getan hat. Man ist doch jemand ganz Bestimmtes, eine (er)fassbare Einheit, eine Identität… Kann ich wirklich mit Gewissheit erklären, warum ich etwas gemacht, warum ich mich letztendlich für A. und nicht für B. entschieden habe? Sind wir Menschen denn so total rational? Wer spricht da, wenn ich spreche? Wenn ich genau hinschaue, dann merke ich, dass ich schon das Sprechen nicht im Griff hab… Die ersten Sätze kann man sich noch zurechtlegen, aber danach? Selbstläufer. Hat man sich also wirklich im Griff? Und ist dieses – sich Selbst (er)kennen, sich im Griff haben – denn überhaupt ein sinnvolles Menschenbild? Glaube ich an sowas wie absolute „Selbstbestimmung“? Ist es überhaupt möglich, sich von allen äußeren Einflüssen komplett frei zu machen und Urteile einzig und allein aus sich selbst heraus zu fällen? Sind wir nicht immer verstrickt in unsere Beeinflussungen? Sind unsere Beeinflussungen und unser eigenes „Ich“ überhaupt voneinander zu unterscheiden?

Wie gehst du mit (deinen) Kindern um? Woran orientierst du dein Handeln? Was ist dir wichtig? Worauf legst du wert? Wie erziehst du sie? Welche Handlungen machst du? Wie sprichst du mit ihnen? Wie reagierst du auf ihre Gefühlsäußerungen, auch auf die heftigen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was dir nicht passt? Was sind das für Dinge, die dir nicht passen? Und was denkst du, warum es genau die sind, die dir nicht passen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was du gut findest? Was findest du „lobenswert“? Hinterfragst du all das? Oder verlässt du dich auf dein Gefühl und machst einfach? Und wenn ja: Wie geht das? ;-)

Geschwistergedanken (4) nach 2,5 Jahren

Als ich mit T. schwanger war, habe ich mir wirklich viele Gedanken darüber gemacht, wie P. auf die Thronteilung reagieren würde. Ich hatte echt Schiss. P. war (ist) ziemlich aufmerksamkeitsbedürftig und schnell gekränkt. Am Anfang – P. war ca. 3 bei T.s Geburt – war alles dann tatsächlich viel stressfreier als ich dachte. P. war wider meiner Erwartungen sehr, sehr vorsichtig und liebevoll mit und zu T.

Inzwischen ist T. kein Baby mehr. Er wird bald 2 Jahre alt (himmelwiediezeitvergeht!) und liegt nicht mehr einfach nur rum oder klebt an mir dran. T. ist verdammt aktiv, viel mobiler als P. damals, redet dafür aber deutlich weniger. Ziemlich genau jetzt fängt das an, was ich mir damals so vorgestellt habe und was ich auch noch aus meiner Kinderzeit erinnere: „Das ist geeeemeeeeeeeeein, dass T. der Erste ist!“, „Das ist geeeeeeeemein, weil T. mehr hat!“, „Das ist aber mein Schüüüüürm!“. Die streiten sich eigentlich ständig. T. will grundsätzlich alles haben, was P. gerade hat. P. will grundsätzlich alles haben, was T. gerade hat. P. haut T. auf den Kopf, T. haut P. mit dem Schirm. Ich versuche, die beiden das klären zu lassen und mich so wenig wie möglich einzumischen. Andererseits ist T. P. ja eindeutig unterlegen… Muss ich ihm deswegen grundsätzlich helfen? Wenn ich das tun würde, würde P. sich sofort zurückgesetzt fühlen.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mich als Kind immer ungerecht behandelt gefühlt habe. Grundsätzlich immer. Die realen Verhältnissen waren dabei gar nicht ausschlaggebend. Ich hatte zum Beispiel lange ein riesiges Zimmer, mein Bruder nur eine Kammer. Tatsächlich ist sowas aber gar nicht der Punkt. Dieses sich ungerecht behandelt-Fühlen ist vermutlich eher Ausdruck von Angst. Jesper Juul hatte das, glaub ich, mal irgendwo so anschaulich beschrieben, indem er meinte, man solle sich vorstellen, der Partner würde einen anderen Menschen mit nach Hause bringen und sagen „Du, x wohnt ab jetzt mit bei uns, ich liebe jetzt nicht mehr nur dich, sondern x auch, aber hey!, keine Angst! Ich liebe dich genau so wie x.“ – schwierig. Und tatsächlich bringt es auch gar keine Erleichterung, wenn man in diesen Situationen auf die realen Verhältnisse hingewiesen wird („Ihr habt doch beide das selbe.“). Darum geht’s irgendwie nicht. Man hat diese Gefühle ja nicht unter Kontrolle, die sind nicht rational und deshalb können rationale „aber schau doch mal“-Argumente auch nichts dagegen ausrichten. Und trotzdem sage auch ich manchmal sowas zu P. und verstehe diese Sprüche, Rationalisierungsversuche und Genervtheit meiner Eltern um einiges besser.

Was könnte ich denn sagen oder tun, um P. in der akuten Angst-Situation… hmmmm… aufzufangen? In meiner eigenen Erinnerung zu kramen bringt nur bedingt etwas… Was hätte mir damals gut getan? Ich versuche, zu verhindern, dass wir sowas wie „Das ist doch Quatsch!“ sagen. Denn das ist echt verletzend und macht alles noch schlimmer. Dann fühlt man sich zusätzlich zu dem doofen Gefühl nämlich auch noch als falsch-Fühlerin, merkt aber, dass das Gefühl dadurch nicht verschwindet, dass man also gar nichts dagegen tun kann. Das bringt ein echtes Dilemma mit sich: Hier ist mein Gefühl und da sind meine Eltern, die sagen, dass mein Gefühl „Quatsch“ ist. Das Gefühl geht aber nicht einfach weg. Dass die Eltern falsch liegen, schreit und weint man dann als Kind gern raus… Was zu noch mehr Genervtheit ihrerseits führt. Tatsächlich ist es aber wahrscheinlich unmöglich, seine Eltern in dem Alter komplett abzulehnen oder das, was sie sagen. Vermutlich ist man noch viel zu sehr verbunden und abhängig von ihnen. Also verinnerlicht man, dass mit dem eigenen Fühlen irgendwas nicht in Ordnung ist. Und das will ich P. auf gar keinen Fall vermitteln. Ich versuche also manchmal, offensiv auf das einzugehen, was ich dahinter vermute. Ich sage ihr sowas wie „Hey, ich hab dich lieb“ oder frage „Hast du gerade Angst, dass wir T. lieber haben als dich?“, was sie meist bejaht, und sage ihr, dass es mir auch so ging, als ich klein war. Das scheint ein bisschen zu helfen. Tatsächlich ist das angesichts der krassen Gefühlsausbrüche von P. oft gar nicht so leicht, verständnisvoll zu reagieren… Denn das triggert mich zuweilen enorm. (Den Artikel über den Umgang mit diesen heftigen Gefühlsäußerungen von Kindern hab ich immer noch rumliegen, aber nach wie vor nicht fertig.)

Puh, es ist schon echt manchmal hart, damit „cool“ umzugehen… Vor kurzem hat K. T. ins Bett gebracht und ihn gerade in den Schlaf geschuckelt. (Für P. war das gerade eine sehr K.-lastige Woche.) P. wollte ins Kinderzimmer stürmen, um K. rauszuholen, ich hielt sie davon ab, sagte, dass ich mit ihr ins Bad gehen kann. P. warft sich mit verschränkten Armen auf den Boden und sagte „Aber ich hab Papa lieber!“. Danach brach sie in Tränen aus und warf sich in meine Arme… Mir kam es vor, als fänd sie das selber irgendwie Mist, dass es so ist. Und Alter, ja, sowas tut echt weh! Wie soll man denn da bitte drauf reagieren? Ich meinte sowas wie „Das ist okay, aber es macht mich trotzdem irgendwie traurig.“ – der Inbegriff dieses schwierigen Spagats: Verständnisvoll und authentisch sein wollen. Wie kann ich verständnisvoll sein, wenn ich einfach total wütend oder meine Nerven echt am Ende sind? Wie kann ich authentisch sein, wenn ich in einer Situation eigentlich schreien will „Lass mich jetzt in Ruhe mit deinem Scheiß!“? Später erklärte sie mir: „Das ist einfach so, ich weiß auch nicht warum.“ und dass sie so traurig war, weil K. bei T. war… Sie dachte, er hat T. lieber als sie. An einem anderen Tag stritten, heulten, brüllten die beiden fast eine halbe Stunde darum, wer auf meinem Schoß sitzen darf.

Gestern hat P. T. gerettet. T. war so seltsam auf die Heizung geklettert, dass der Kopf schon ziemlich weit aus dem Fenster guckte. P. hielt ihn fest und rief uns. Wir erklärten ihr, dass das sehr gut war. Das machte sie stolz, sehr sogar. Und für den gesamten Tag gab es keine weitere Eifersuchts-Streierei. Im Gegenteil, sie waren ein Herz und eine Seele, spielten gemeinsam, jagten sich durch die Wohnung und kuschelten sich abends zusammen in ihr gemeinsames Bett. Bei P. gibt’s da gerade nur entweder-oder, wuterfüllter Hass oder überschäumende Liebe.

Aktivitäten zu vereinbaren ist auch nicht immer leicht: Für viele Dinge, die mit T. cool wären, ist P. schon zu groß. Viele Dinge, die mit P. jetzt gehen, ist T. zu klein und er funkt immer dazwischen (Spiele spielen zum Beispiel). Challenge: Finde immer etwas, was für beide cool ist. Gerade sind das z.B. Spielplätze – ich hasse Spielplätze! Aber so what… Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass jeder von uns Zeit allein mit P. hat. Und im Moment ist K. bei P. mehr am Zug als ich. Vielleicht sollte ich darauf vermehrt achten.

Ich merke auch in mir etwas, was sicher auch meinen Eltern so ging: T. ist einfach (im Moment noch) sehr viel entspannter als P. Er hat meist gute Laune, ist fröhlich und insgesamt nicht so wahnsinnig sensibel wie sie. P. hat gerade eine Phase, in der sie schnell weint und wütend über Dinge ist, die für uns wirklich schwer nachvollziehbar sind. Sie redet ständig in diesem echt anstrengenden Befehlston mit uns, verdreht die Augen, brüllt und kreischt uns an usw. Ich arbeite an mir, ihr Verhalte nicht (negativ) zu (be)werten, aber oft bringt mich das echt an meine Grenzen. Ich kann (und will) mich einfach nicht ständig anbrüllen oder rumscheuchen lassen… Und irgendwie will ich ihr das auch zeigen. Aber dann fühlt sie sich doch wieder abgewertet… Ich war auch ein forderndes Kind. Und mein Bruder im Vergleich dazu gerade phlegmatisch. Dieser Umstand sollte aber nichts am Verhalten den Kindern gegenüber ändern. Und das empfinde ich als echte Herausforderung. Ich versuche jeden Tag unvoreingenommen anzufangen und P. nicht von vornherein als „das anstrengende Kind“ zu sehen. Aber ich merke, dass es mir an manchen besonders ausbruchsgeladenen Tagen echt nicht leicht fällt.

Hach ja, da ist sie wieder, diese schwierige Gratwanderung zwischen den eigenen Grenzen und Baustellen auf der einen und dem Anspruch, seinen Kindern Rückhalt und sicherer Hafen sein zu wollen auf der anderen Seite. Mich erdrückt das manchmal so sehr, dass ich mich eigentlich nur noch dazu im Stande fühle, mich auf die Couch zu legen und an die Decke zu starren. Nicht denken, nicht reflektieren, nicht schuldig fühlen, nicht angesprochen werden, nicht gefordert sein, nicht reagieren, nichts müssen.

Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als „normal“ angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr „mal schnell“ was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können („Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…“ -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt („Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.“) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der „normalen“ Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es „richtig“ bzw. „gut“ wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das „Leben im Falschen“ mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt „richtige“ oder zumindest „gute“ Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie „fit“ zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht „schlechter“ sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als „normal“ empfunden wird. Erziehe ich sie zu „guten“ Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die „heile Welt“ in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die „fiese Realität“ und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie „Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?“ und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte „Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein „Bauchgefühl“ einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das „Beste“. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder „Wohlstand“ und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest „verkommen“ ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der „Magie“ nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von „außen“ würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur „das außen“ vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es „gut“? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das „Nachgeben“ aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.

“Ich wollte aber Erster sein!” – Revisited

Im Mai habe ich davon berichtet, dass P. eine schwer zu ertragende Macke entwickelt hatte, die unseren Alltag echt erschwert hat: Sie wollte immer bei allem die Erste sein. (Das Ganze Dilemma hier)

Drei Monate Vier Monate Sechs Monate später will ich kurz berichten, wie sich das entwickelt hat, weil es mich nämlich echt nervt, dass im Netz ständig die Antworten, Fortsetzungen und Entwicklungen zu irgendwelchen verzweifelten Berichten und Fragen fehlen.

Ich weiß nicht mehr wie oder wann das genau passier ist, aber: Es hat sich erledigt. Irgendwann hat sie es einfach nicht mehr gemacht. Sogar schneller als erwartet, nur einige Wochen nach dem Post war’s vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendeinen bestimmten Trick angewandt hätten oder so… Es war dann einfach kein Thema mehr.

Heute spielt das nur noch manchmal eine Rolle, wenn ich gern hätte… ächem… dass irgendetwas schneller geht. Sie sich schnell ausziehen, ohne Umwege ins Bad kommen oder Zähne putzen soll oder so… „Mal sehen, wer als Erste im Bad ist.“ – und das will dann schon immernoch sie sein. Rückfälle gibt’s bisher nicht zu beklagen.

Dafür singt und/oder redet sie jetzt. Von. früh. bis. spät. Das heißt: ununterbrochen. Und sehr laut. Und zwar dieses Lied:

 

Nun ja…. Man kann nicht alles haben, ne? :-D

Hafen sein wollen, widersprüchliches und abendliche Aussprachen

Es fällt mir nicht immer leicht, das „Erziehen“. Ich habe Ansprüche an mich als „gute Mutter“ und natürlich schaffe ich es nicht, denen immer zu entsprechen. Ich habe diese Ansprüche an mich selbst, weil ich denke, dass die frühkindliche Phase für das Werden eines Menschen tatsächlich ziemlich bedeutsam ist. Bindungstheorie, Freud und so. Aber man weiß halt nicht so ganz genau wie die Zusammenhänge aussehen. Die Zusammenhänge sind nicht direkt, nicht eindeutig… Klar, sowas wie Schlagen, Anschreien oder permanent links liegen lassen, dauerhaft vor der Glotze parken wirkt sich höchstwahrscheinlich negativ aus. Soviel scheint sicher zu sein und versteht sich irgendwie von selbst. Aber ein paar Stufen unterhalb von (relativ) eindeutig identifizierbarem Arschloch-Elternverhalten sieht’s schon nicht mehr so eindeutig aus.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema ‚Ernährung‘: Die meisten Eltern wollen vermutlich, dass ihre Kinder „vernünftiges Zeug“ essen. Ich auch. Davon mal abgesehen, dass unter „vernünftige Ernährung“ vermutlich jeder etwas anderes versteht, denken bestimmt dennoch viele an sowas wie Gemüse (und davon möglichst viel) und Süßkram (und davon möglichst wenig). Soweit so einfach. Wir sind aber nicht in der Wissenschaft, in der wir „Phänomene“ schön einzeln voneinander getrennt betrachten können, wir sind im Leben und da greifen Dinge bekanntlich heftigst ineinander. Da haben wir also das „Mein Kind soll gute Sachen essen“ – mal abgesehen von der Frage, woher wir diese Norm nehmen – einerseits und andererseits Dinge wie „Ich will mein Kind so wenig wie möglich bevormunden“, „Ich will mit meinem Kind nicht ständig meckern / es nicht ständig ermahnen“, „Ich will mein Kind nicht nerven“, „Mein Kind soll sich (und z.B. seinen Geschmack) selbst kennenlernen, möglichst frei entfalten können“. Und schon fühle ich mich latent überfordert. Also versuche ich loszulassen und mein Kind sein Essen weitgehend selbst bestimmen zu lassen. Resultat? Mein Kind will z.B. jeden Tag Eis und unendlich viel Süßkram essen. Außerdem isst mein Kind (Klischee!) kein Gemüse. Also gar keins. Ich versuche mich selbst zu kontrollieren, erwische mich aber dabei, dass ich es ihr doch immer wieder versuche anzudrehen – „Jetzt koste doch wenigstens mal“ – und an schlechten Tagen grantig werde, weil sie selbst das Kosten verweigert.

Noch ein Beispiel: Heul-Tage. Es gibt ja diese Tage, die fangen schon morgens mit Heulerei an und das zieht sich dann durch den ganzen Tag. Heulen, weil der Ärmel im Kleid nach innen gekrempelt ist. Heulen, weil der Schuh nicht anzuziehen geht, ohne den Reißverschluss aufzumachen. (Heulen, weil man den Reißverschluss aber partout nicht aufmachen möchte!) Heulen, weil man sich den Fuß stößt. Heulen, weil man nicht Haare kämmen will. Heulen, weil man sich vollgekleckert hat. Heulen, weil man irgendwas will, es aber nicht bekommt… Und so weiter. Anspruch? „Ich will mein Kind annehmen, mit all seinen Emotionen.“ Ich verstehe sie ja! Kind sein ist einfach manchmal echt hart. Man stelle sich vor, jemand würde uns unerfahren in ein Mikrobiologie-Labor stellen und sagen „Mach mal“. Mit zwei geschienten Armen. Und Augenklappen. Oder so. Klappt halt oft alles nicht… Man kann den Frust der Kinder ja verstehen und manchmal geht es ihnen wahrscheinlich auch einfach scheiße. Geht uns ja auch so. Aber dann überfährt uns die Realität… Die tickende Uhr am Morgen, der Stress, den ich automatisch empfinde, weil die Zeit jeden verdammten Morgen so erbarmungslos gegen uns läuft. Und dann? „Mensch, warum heulst du denn heute wegen jeder Kleinigkeit?“ Badautz.

Was ist denn eigentlich das Problem? Wir sind super-reflektierte Eltern, engagiert und gewillt, gut mit unseren Kindern umzugehen. Wir wollen mitfühlend und super sein, Verständnis haben, gelassen bleiben… Wir verstehen das Verhalten der Kinder gut und… werden unseren Ansprüchen trotzdem oft nicht gerecht. Warum? Warum raste ich trotz all der guten Vorsätze so oft aus? Warum bin ich so ungeduldig, wenn es um den an/ausziehen-Zähne putzen-waschen-Haare kämen-Krampf geht? Warum hat die Dauer-Heulerei, das Geschrei, das Wegrennen, dass immer alles ewig dauert so ein enormes Potenzial, mich um den Verstand zu bringen? Manchmal denke ich mir: „Okay, mal angenommen, alles hat irgendwie einen Sinn… 45 Minuten (Minimum!), um die ganze Familie ausgehfertig zu machen… Jeden verdammten Morgen! Schuhe an, Schuhe wieder aus, Schuhe an, Schuhe wieder aus, „Ich will andere Schuhe anziehen“, Schuhe wieder aus, „die sind zu ängääää!“ – LIEBER HIMMEL! WOFÜR SOLL DAS BITTE GUT SEIN??? Wenn das ein Test ist, was soll er mir beibringen?“ Meine These: Kinder werden alle kurz nach der Geburt von einer Psychotherapeuten-Pharmaindustrie-Mafia hypnotisiert, um uns während des Aufwachsens zu tyrannisieren und ihnen eine stetige Patientenschaft zu garantieren! Jawohl!

 

Zurück zum Ernst: Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt ist vielleicht Kontrolle bzw. Kontrollverlust. Plan vs. Ausführung. Wir wachsen auf, lernen uns und die Welt kennen und lernen, unsere Tage, unser Leben, unser Wollen zu strukturieren. Wir verinnerlichen Abläufe. Dann kommen Kinder und unser „Modus Vivendi“ – unser Art, das Leben zu handeln – wird gestört, wir haben’s nicht mehr unter Kontrolle, gleichzeitig sind wir aber verantwortlich. Vielleicht macht uns das Angst, wütend, hilflos… Vielleicht fällt es uns deshalb manchmal so schwer, ruhig zu bleiben.

 

Wir Eltern haben Verantwortung für diese kleinen Menschen. Wie wir uns im Alltag ihnen gegenüber verhalten wirkt sich wahrscheinlich sehr stark darauf aus, wie sie später klarkommen mit sich und der Welt, ob sie sich selbst annehmen oder ständig mit Selbstzweifel zu kämpfen haben zum Beispiel. Deshalb will ich, dass wir „gute Eltern“ sind. Und das heißt für mich nicht, dass die Wohnung glänzen soll, alles ordentlich ist und ich die geilste Torte fürs Kita-Sommerfest backe. „Gute Mutter“, das heißt für mich eher: verständnisvoll sein und für meine Kinder da sein. Ich will, dass sie sich sicher und angenommen, geborgen und wohl fühlen. Ich will, dass sie lernen, dass sie mit ihren Problemen immer zu uns kommen können. Ich will, dass sie sich nicht alleine fühlen. Meine größte Sorge ist die Psyche meiner Kinder – ihre seelische Konstitution, quasi. Meine größte Sorge sind die Prägungen durch mein, durch unser Verhalten. Ich will ihnen ein sicherer Hafen sein. Ich will nichts (wichtiges) falsch machen. Ich will mir später nichts (schlimmes) vorwerfen müssen. Ich möchte, dass meine Kinder gut zurechtkommen mit sich selbst.

Ich habe nicht erwartet, dass mir dieser Anspruch so viele – die größten – Zweifel und Befürchtungen bringen würde. Ich war schon vorher Grüblerin mit einer Tendenz zur Selbstzerfleischung. Mein So-Sein, mein Handeln, mein Denken… Ich pflücke – fast zwanghaft – alles auseinander, analysiere, zerdenke mit dem Ziel, zu optimieren… Kombiniert mit gefräßigem Selbstzweifel = Aua. Und echt anstrengend. Ich will mich und die Welt verstehen und besser – oder vielmehr: richtig – machen, bei vollem Bewusstsein, dass es „richtig“  gar nicht gibt. Die Verantwortung für das Wachsen und Werden meiner Kinder hat diese anstrengende Selbstbefragung noch einmal auf eine neue Ebene gehoben. Denn jetzt hat das, was ich tue, wie ich mich verhalte, tatsächlich weitreichende Konsequenzen. Es ist ziemlich herausfordernd, „eine gute Mutter“ zu sein, wenn man allgemein dazu neigt, sich falsch zu fühlen.

Es ja nicht so, dass Eltern mit der Geburt ihrer Kinder automatisch einen Zentner „Know how“ mehr drauf haben. Und auch eine Extra-Portion Nerven oder Geduld bekommen wir nicht mit der Baby-Box geliefert. Wahrscheinlich ist den meisten Eltern anfangs gar nicht klar, wie sehr Kinder einen an seine Grenzen bringen können… Wie sehr uns das Elternsein zeigt, wie wir wirklich sind. Nichts da mit smart und cool und lustig-locker… Ja, Alte! Sieh’s halt ein! Du bist ungeduldig, egozentrisch, viel spießiger als du angenommen hast und ehrlich gesagt ziemlich faul! Du bist nichts weiter als ein nerviger, einfacher Mensch. Den eigenen Kindern kann man m.E. nicht die ganze Zeit irgendwas vorspielen. Man kann sich nicht die ganze Zeit „von seiner besten Seite“ zeigen. Und wenn man es versucht, wird es immer Momente geben, in denen die Maske blättert und die Kinder aus allen Wolken fallen.

Dass Kinder Erwachsene mit ihrem unangepassten, oft vermeintlich nicht gesellschaftsfähigem, auf die Uhr und dem ganzen postmodernen Lebensstil scheißenden Verhalten so sehr an ihre Grenzen bringen können, ist vermutlich auch der Grund, warum viele Erwachsene sich (wohl meist unbewusst) so deutlich und fast lachhaft offensichtlich versuchen sich von ihnen abzugrenzen. Die Mutter, der Vater, die Großmutter, die/der von sich selbst als „die Mutti“, „der Vati“, „die Omi“ spricht… „Die Omi muss mal kurz auf Toilette und ist gleich wieder da.“ Die Erzieherin mit dem komisch gekünstelten Tonfall: „Neeeeeein Leon, leg das mal wieder hin, leeeeg das mal wieder hin, Leon. Die Biene hat NEIN gesagt!“ Leute, die mit Kindern so reden sind nicht real, nicht authentisch, nicht aufrichtig den Kindern gegenüber. Sie spielen – mal mehr, mal weniger – eine Rolle, die „Erwachsener zu Kind“-Rolle. Kinder können uns unwahrscheinlich triggern und sie rühren rütteln reißen damit am Selbstverständnis und Selbstbild, an den Ansprüchen, Idealen, am „Über-Ich“ der Erwachsenen. Ich denke, viele Menschen können und wollen das einfach nicht zulassen. Das ist wohl der Grund für die unbewussten Abgrenzungsversuche. Sie lassen die Kinder einfach nicht wirklich an sich ran. Sie wechseln in die dritte Person statt von sich als „ich“ zu sprechen. Sie machen sich zu. Ein höchst interessantes Phänomen. (Der gute Jesper Juul spricht das auch gern an und betont die Wichtigkeit einer persönlichen Sprache, wenn man eine von Aufrichtigkeit geprägte Eltern-Kind-Beziehung anvisiert.)

Zu meinem Anspruch an mich als „gute Mutter“ gehört jedenfalls auch, authentisch und ehrlich zu sein. Und da sind wir vielleicht auch bei den Kern-Widersprüchen. Meine Kinder sollen mich kennen bzw. als ganze Person kennenlernen. Ich will Mutter sein mit meinem ganzen Ich, ich will keine Rolle spielen. Aber ich bin ein verkopfter jemand mit Selbstzweifeln und Optimierungszwang. Und als Mutter ist man schließlich nicht zuletzt auch Vorbild. Daraus ergeben sich Widersprüche und schwierige Fragen: Bin ich in dem Moment, in dem ich mein Handeln und Verhalten – auch und vor allem meinen Kindern gegenüber – hinterfrage und „optimiere“ überhaupt noch authentisch? Widersprechen sich Selbst-Reflexion, -überarbeitung und Authentizität? Kann und sollte man seinen Kindern wirklich alles von sich zeigen? So richtig authentisch und ehrlich wäre es in meinem Fall zum Beispiel ehrlicherweise, vor meinen Kindern auch meine zum Teil starken Selbstzweifel nicht zu verbergen. Aber wäre das richtig? Ich möchte nicht, dass sie mich so stark zweifelnd erleben. Wie könnte ich ihnen dann Sicherheit und Stabilität vermitteln? Ich habe Freundinnen erlebt, deren Eltern ihre seelischen Qualen, ihre zum Teil echt schlimme Vergangenheit sehr stark mit ihren Kindern geteilt haben… So gesehen waren sie sehr offen und haben wenig vor ihnen verborgen. Aber diese Kinder haben gelitten. Und ich meine echt gelitten. Sie hatten einen ordentlichen Knacks weg. Der Psyche hat diese Offenheit ganz offensichtlich überhaupt nicht gut getan.

Was soll man aber nun tun, wenn man „nicht ganz richtig tickt“? Wir sind keine Eltern-Roboter, auch wenn viele versuchen, welche zu sein. Wir sind nicht perfekt, wir laufen nicht tadellos, wir sind fehlerhaft. Eigentlich sollten wir noch nicht einmal versuchen, Pädagogen zu sein, sondern „einfach“ wir selbst. Was aber tun, wenn zum Selbst gehört, an sich zu zweifeln, das eigene Handeln zu hinterfragen und ganz allgemein mit sich im Unreinen zu sein? Einfach an das Bauchgefühl oder die Intuition zu appellieren funktioniert nicht, wenn man eben diesen Buddies tief misstraut. Und trotzdem muss man ja handeln.

Wie gehe ich  Wie gehen wir damit um?

1. K. und ich besprechen, was uns bzgl. unserem Verhalten gegenüber den Kindern wichtig ist und auch über herausfordernde Situationen, die wir nicht so einfach zufriedenstellend lösen können. Wir besprechen Alternativen und Prioritäten. Wir reden zum Beispiel auch darüber, was unsere Kinder auf uns in der und der Situation für einen Eindruck gemacht haben und gleichen das ab, schätzen es ein. Wir reden darüber, dass wir mit dem und dem in Zukunft anders umgehen wollen. Das ist gut und hilfreich. Das fühlt sich nach Partnerschaft an und geht meist ganz ohne Vorwürfe. Es ist ehrlich und aufrichtig und konstruktiv. Meistens jedenfalls.

2. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Meiner Meinung nach ist das eine enorm (ENORM!) wichtige Sache. Viel zu wenige Erwachsene sind Kindern gegenüber dazu in der Lage. Und das lässt tief blicken, finde ich. Wenn eine Situation nicht gut bzw. aus dem Ruder lief und wir uns danach irgendwie doof oder verantwortlich dafür fühlen, entschuldigen wir uns. Wir entschuldigen uns zum Beispiel, wenn wir uns vor den Kindern laut und unschön gestritten haben und erklären P., dass sie nicht dafür verantwortlich ist. Wir entschuldigen uns, wenn wir sie angeschrien haben oder wenn wir ungerecht waren. Wir entschuldigen uns, wenn wir zu spät zur Kita kommen oder wenn wir etwas Wichtiges vergessen haben. (‚Entschuldigen‘ ist btw ein blöder Begriff… Wir sagen „es tut mir leid, das war nicht okay von mir.“)

3. Wir achten darauf, dass wir unsere Kinder bzw. die Gefühle unserer Kinder grundsätzlich ernstnehmen. Ich achte zum Beispiel darauf, Sätze zu vermeiden wie „ist doch nicht so schlimm“ oder „ist doch nichts passiert“. Das sind beschwichtigende „wieder gut“-Sätze, die einem als Erwachsener schnell rausrutschen, wenn das Kind „Drama macht“ und die wohl irgendwie tröstend sein sollen, die meiner Meinung nach aber eigentlich die „Integrität“ des Kindes verletzen, denn das eigentliche Ziel ist doch „die Störung“ (des Plans, des Ablaufs, …) zu beseitigen. Hier bin ich wieder ganz bei Jesper Juul. Stellt euch vor, ihr sitzt Zuhause, weint wegen irgendwas und euer Partner kommt rein und sagt „Ist doch nicht so schlimm!“. Na danke auch. Jesper Juul hat irgendwo mal geschrieben, dass man sich bezüglich des Verhaltens gegenüber seinem Kind nur fragen müsse, ob man sich seinem besten Freund gegenüber auch so verhalten würde, dann erklärte sich das meiste problematische Erziehungsverhalten von selbst. Das haut nicht immer hin, ist aber trotzdem eine hilfreiche Richtschnur.

Und nein, ich halte das nicht immer durch, wie oben schon geschrieben. Mir ist aber wichtig, mein „Fehlverhalten“ nicht einfach zu übergehen und meistens denke ich wirklich daran, das auch P. gegenüber zu äußern – siehe 2. und 4. – und so ihre Integrität wieder ein stückweit herzustellen. Ich bilde mir ein, meinen Kindern damit einerseits zu zeigen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache – also kein Elternroboter, sondern authentisch bin, gleichzeitig aber Fehler einsehe und dafür die Verantwortung übernehme, was ich für ein ganz gutes Vorbild halte. Andererseits kann ich so gleichzeitig meinem Anspruch an mich selbst (reflektierte, verständnisvolle Mutter usw.) dennoch ein stückweit gerecht werden. Man muss nur darauf achten, dass das für einen selbst nicht zur Absolution von Arschlocheltern-Verhalten wird. (Wenn ich mein Kind in Wut-Momenten ständig schlage und mich danach entschuldige, macht es das wohl auch nicht viel besser.)

4. Aussprachen. Abends vor oder nach dem Vorlesen sprechen wir mit P. Über den Tag, was wir gemacht haben, was sie gemacht hat, was wir doof fanden, was wir gut fanden, ob wir mal traurig oder froh waren, uns mit jemandem gestritten haben, sauer waren usw. Das „Was hast du gemacht?“ geht schon länger ganz gut, bestimmt seit sie 3 oder 3,5 ist. Das stärker reflektieren geht erst seit kurzem, etwa seit ihrem 4. Geburtstag. Seitdem kann ich sie auch fragen, ob es etwas gibt, was ich oder Papa gemacht haben, was sie doof fand. Ob es etwas gibt, was sie sich anders wünscht. Das klappt erstaunlich gut. Es ist schön zu hören, dass sie meist sagt „Nein, es soll alles genau so sein wie es ist, es soll nichts anders sein.“ und mir als von Selbstzweifeln geplagte gibt das wirklich eine gewisse Ruhe. Und es ist erleuchtend und bedrückend zugleich, wenn sie sagt „Ich wünschte, du und Papa würden weniger streiten.“

Aber auch ich nutze diese Aussprache-Momente, um ihr Sachen zu sagen, die mich stören, nerven oder ärgern. Zum Beispiel, wenn sie beim Essen immer so viel rumrennt anstatt ein bisschen mit bei uns zu sitzen. Das ist echt super, in mehrfacher Hinsicht. Es entsteht dadurch eine Gegenseitigkeit, beide erzählen was, beide kritisieren was. Sie sagt mir etwas und sieht, wie ich „die Kritik“ annehme und dadurch ist es ihr möglich, das nachzuahmen und auch die Kritik anzunehmen, die ich an sie herantrage. Außerdem führt es dazu, dass ich im Laufe des Tages, in dem es ja viele kleine Situationen zum Meckern gibt, häufig mal innehalte und mir denke „Mach ich heute Abend“ – bis dahin sind viele Kleinigkeiten verflogen und nur Dinge, die sich bis dahin halten, werden dann tatsächlich ausgesprochen. Effekt? Man entkommt diesem Mecker-Kreislauf. Mir fällt oft auf, dass Eltern eigentlich nur am Ermahnen und meckern sind. Das will ich nicht und kann ich so ein bisschen eindämmen.

5. Rollenspiele. Wenn ich mir gar nicht sicher bin, was eine Situation mit P. macht oder ob sie mit was zu tun hat, und ich auch über Reflektionsversuche (siehe 4.) nicht an sie herankomme, spiele ich mit ihr. Seit kurzem geht Playmobil gut und das ist dafür sehr hilfreich. Ich habe zum Beispiel mal mit ihr Vater-Mutter-Kind gespielt und im Spiel eine Streit-Szene der Eltern inszeniert. Ich habe die Elternrollen übernommen, sie war das Kind. Ich fragte sie: „Und was denkt das Kind, wenn die sich so streiten?“ und war so überrascht von der Klarheit ihrer Antwort: „Sie denkt, dass die beiden sich nicht mehr lieb haben.“ – Rollenspiele können einem wirklich einen tiefen Blick ins innere der Kinder ermöglichen.

 

Vielleicht klingen diese Sachen für die ein oder anderen verkopft, verkrampft und unlocker. Ist aber im Alltag gar nicht so. Gerade die Aussprachen genießt P. inzwischen sehr und besteht auch darauf. Ich finde es super, so viel über mein Kind zu erfahren. In den Gesprächen ist Raum für so vieles, worüber ich sonst gar nichts wissen würde. Außerdem ist es wahrscheinlich das, was so gern „quality time“ genannt wird. Wir kuscheln, reden, haben keinen Stress und sind uns nah.

 

Das ändert nichts daran, dass ich immernoch zweifle und Baustellen habe, bei denen ich noch keine Lösung gefunden habe, zum Beispiel wenn es um die Frage geht, wie viel Zeit soll/will ich wirklich aktiv mit meinen Kindern verbringen (spielen, Bücher vorlesen, Geschichten erzählen, usw.), wie viel mache ich meinen Kram bzw. Haushalt und sie laufen mit bzw. müssen sich selbst beschäftigen. Hier ist Abgrenzung nötig, aber ich schaffe die nicht ohne schlechtes Gewissen und mulmige Gefühle. Dann sitze ich am Rechner und bearbeite meinen Text, während sie sich im Zimmer beschäftigt und der Frage-Zirkel geht von vorne los: Ist es okay, dass ich das jetzt mache? Wie lange / oft kann ich darauf bestehen? Welches Signal ist das für die Kinder? Was macht das mit ihnen? Wird ihnen das „schaden“? Warum habe ich dieses schlechte Gewissen? Woher kommt das? Aus mir? Durch die Normen „der Gesellschaft“? Wenn es sich „falsch“ anfühlt, heißt das nicht, dass es falsch ist und ich es lieber lassen sollte? Warum kann ich das nicht einfach machen ohne mich das zu fragen? und so weiter und so weiter…

Schon Erasmus von Rotterdam (1466/69 – 1536) hat gesagt, dass zu viel Denken nicht glücklich macht – „Steht mir also ein wenig zur Seite, ihr Töchter des Zeus, indes ich meinen Beweis führe, daß keiner zu jener (…) Burg der Glückseligkeit gelangt ohne das Geleit der Torheit“ -, aber wie stellt man es ab, wenn es einen zu sehr quält?

(P. ist 4, T. ist 1 Jahr alt.)

Du darfst kein ROSA mögen!

Anlass des heutigen Geschröbs: Mein Tochter wird bald 4 Jahre alt. Sie liebt rosa und Glitzer und Einhörner und (wirklich!) die ganze verdammte rosarote Mädchenträume-Klischee-Palette. Sie trägt schon seit geraumer Zeit ausschließlich (und das meine ich wortwörtlich!) Kleider. Immer. Nur. Kleider. Weil (Zitat!) „sonst sehe ich nicht schick aus“ — ZONK! —

Genderneutralität oder zumindest -Bewusstsein sieht anders aus.

„Ohhhh… Muss das sein?“ denke (und sage) ich, wenn sie beim Einkaufen eine FillyPferde- oder Lillifee-Zeitung – was ist eigentlich ekelhafter? – in den Einkaufswagen schmuggelt. Und klar: Die Zeitungen wurden vorher von ihr natürlich ausgiebig hinsichtlich des größtmöglichen Schrott-Gadgets untersucht. Ein rosarotes GlitzersteinchenHännnndiiiie zum Beispiel. Oder pinker N-A-G-E-L-L-A-C-K. Oder Haarzeug. Oder Schminke. Oder irgendwas anderes Beklopptes.

Problem: Meiner Tochter kann man mit sowas tatsächlich eine Freude machen. Ist es denn eins? Also ein Problem? Hm…

Ich erwische mich schon dabei, wie ich mir unterbewusst denke, dass es irgendwie schön wäre, wenn sie etwas weniger dem Überklischee Mädchen entsprechen würde. In den ersten zwei Jahren ging das noch super, sowohl von den Klamotten her, als auch vom Spielzeug und Verhalten. Spätestens seit dem Kindergarten hat sich das geändert. Spätestens als die beste Freundin FillyPferde mitgebracht hat und die ersten Prinzessinnen-Märchen interessant wurden.

Exkurs: Warum ich das erstrebenswert finde?

(Mit „das“ meine ich sowas wie Gender-Bewusstsein… Also ein Bewusstsein darüber, dass Geschlechterrollen nicht in Stein gemeißelt, sondern Konstrukte – mit einer bestimmten historisch gewachsenen und allgemein gesellschaftlichen Bedingtheit – sind und dass davon abgesehen Individualität und Vielfalt gut und m.E. erstrebenswert sind.)

Weil wir in einer Konsum-Welt leben und naja… Unternehmen wollen Kohle machen, oder? Nicht immer sind die Leute, die die Kohle verdienen, gute Leute. Diese Leute beschäftigen Marktforscher, Marketer usw., die herausfinden sollen, was die „Kunden“ wollen. Damit sich der Schrott gut verkauft. Also gibts für Mädchen pink-glitzer-holysweetness-pferde-Plunder und für Jungs grau-blauen-Auto-toughsport-Kram. Weil die es (angeblich) so wollen und weil es so zu sein hat. Und dann wird die entsprechende Werbung geschaltet. Die Mädchen mit dem Mädchenkram, die Jungen mit dem Jungskram. Und damit produzieren H&M und C&A und Ernstings und Lego und wie sie alle heißen geschlechterbedingt unterschiedliche Begehrlichkeiten und festigen die Rollenklischees. Und Klischees nerven, weil sie eben Klischees sind und Vielfalt im Weg stehen. Das ist in etwa so super wie ne Reihenhaus-Siedlung. Kurz gesagt: Hat nichts mit Individualität und so zu tun. Ich will eigentlich nicht, dass meinen Kindern ein bestimmtes „So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein“ infiltriert wird – und schon gar nicht von der Werbung. Denn was damit (Klamotten, Werbung, Spielzeug, Erwartungen) transportiert wird ist schon weitreichend: Jungs sind stark, sportlich, kämpferisch. Mädchen sind süß, nett und adrett. Jungs = Betonung der körperlichen Stärke, Mädchen = Betonung des „Hübschseins“. Insbesondere letzteres halte ich für hochproblematisch. Ich hab selbst echt Komplexe, die mich tierisch nerven, und ich möchte, dass es meinen Kindern diesbezüglich mal anders geht. Soviel dazu, nichts Neues, das. Aber der Vollständigkeit halber sei es erklärt.

Genau am „Ich möchte nicht, dass meinen Kindern ein ’so musst du als Junge/Mädchen sein‘ infiltriert wird“ hängt sich das hier auf. Mir ist es also irgendwie ein Dorn im (ehemaligen Punker-)Auge, dass mein Kind schon mit knapp 4 Jahren ein bisschen so aussieht und sich verhält wie eine… jaaaaaa… wie „eine Tussi“. Manchmal sehe ich dann eine rumtakelnde, überschminkte 15-jährige vor meinem inneren Auge genervt die Augen verdrehen, weil ich ihr das falsche verdammte Smartphone zum Geburtstag geschenkt hab. (Ich habe wirklich ein Problem mit nervig-oberflächlichen Leuten, die ihre hirnlose, vorrangig aus Schminke, Shopping und Unterhaltung genährte Haltung zur Welt mit allzu viel Stolz vor sich her tragen.) Und dennoch glaube ich: Dieses Denken meinerseits zeigt etwas, was viel entscheidender ist als die Frage, ob meine Tochter sich in Kleid oder Hose wohler fühlt. Es entblößt MICH.

Denn: 1. ist „Du sollst doch nicht so (ein typisches Werbe-gesteuertes Püppchen) sein“ im Endeffekt nur eine andere Variante von „So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein“ und hat auch nicht viel mit individueller Entfaltung und „ich liebe dich, weil du bist, nicht wie du bist“ zu tun. Denn auch rosa Kleidchen und Glitzerkram zu mögen, gehört zur Vielfalt. (Im übrigen schlug ich als Kind wohl in die gleiche Kerbe) und 2. zeigt das, dass es nach wie vor eine viel zu große Rolle für mich zu spielen scheint, was die Anderen von mir, von uns denken. Zwar auch wieder im Sinne eines Gegenentwurfs (nicht angepasst, nicht nett und freundlich und ganz bestimmt nicht rosa-doof), aber ist das denn wirklich so anders als die, die mühsam an einem kleinen Minimodel feilen? Genau DAS steckt nämlich dahinter: Die Anderen sollen nicht denken, dass meine Tochter „eine Tussi“ ist. Wenn man noch etwas mehr elterliche Fürsorge hineininterpretiert, könnte man noch „…damit sie sie nicht deswegen doof finden“ als Zusatz gelten lassen.

Das ist nicht gut!

Zu meiner Verteidigung sei erwähnt: Ich torpediere das nicht. Also ich bin mir schon darüber bewusst, dass das ihr Ding ist. Ich mach ihr die Haar und… ich bringe ihr ab und zu Zeug mit, von dem ich weiß, dass sie sich den Hintern darüber wegfreut. Wenn ich will, dass meine Kinder sich so frei wie möglich entwickeln können, dann gehört dazu wohl vor allem auch die Akzeptanz von Dingen, die ich lieber anders hätte. Da kommt ganz garantiert noch „Schlimmeres“.

Manchmal frage ich mich, wie man damit zB bezüglich der Geburtstagsgeschenke und Klamottenbeschaffung umgeht. Kompromisse? Selbst bestimmen? Ganz nach ihr richten? Wie fänd ich es, wenn mir mein Freund zum Geburtstag eine seltene Münze schenken würde (seinerseits Numismatiker)? Beschissen. Ich würde denken, dass er mich nicht kennt, mich und meinen Stil oder Geschmack doof findet oder ignoriert und dass seine Empathie ziemlich kümmerlich ist. Homer Simpson hat Marge mal eine Bowlingkugel zum Geburtstag geschenkt, auf der sein Name eingraviert war und die Löcher nach der Abmessung seiner eigenen Finger hatte…

Also. Dilemma? Wenn ich meinem Kind eine Freude machen möchte und mich zu diesem Zweck in sie hineinversetze um herauszufinden, worüber sie sich freuen würde und wenn das Resultat dieser Forschung (unter Gender-Aspekten) vorrangig klischeebehaftete Dinge wären… Wäre es dann gut, das bewusst nicht zu erfüllen, um die Rollenklischee-Sachen zu boykottieren? Oder schenkt man gemäß der ehrlichen Vorlieben des Kindes, seien sie nun (Gender-politisch, aber und vor allem auch für mich) korrekt oder nicht? Und wie sehr ist Ps Like und Dislike durch Werbung beeinflusst? Ich entscheide mich bisher für letzteres, fühle mich aber nicht wohl dabei, weil ich das Gefühl habe, 1. damit den Teufel zu supporten und 2. zu Ps glitzeriger „Versauung“ beizutragen. Ich meine, verdammt! Das dämliche Schwein von Prinzessin Lillifee heißt PUPSI (!) und die Trulla propagiert, dass es nichts wichtigeres und schöneres gibt, als weiße Milch mit einem Tipp des Zauberstabs rosa zu machen, weil die Welt doch viel schöner ist, wenn sie rosa ist und überhaupt ist das einzige, was eine Rolle spielt, dass alles hübsch ist. Hirnloser geht’s wohl kaum noch.

Heute morgen nach dem „Frisieren“ tänzelt P in ihrem rosa Kleid zu ihrem Vater und flötete ihm die Worte: „Papa, stimmt’s? Ich bin die Schönste von allen!“ ins Ohr. Tja, schon wieder — ZONK! — da reagier mal souverän drauf. Im Kindergarten ist das nämlich gerade DAS Thema überhaupt. Ist ja auch irgendwie logisch, denn ihre Heldinnen (Aschenputtel, Cinderella, …) zeigen ihnen genau das. Und die sind wohl mehr Orientierungsfolie für die Kleinen als uns lieb ist. Aber was soll man machen? Ich hab’s zB mit der nett gemeinten pc-Alternative „Küss den Frosch“ versucht. Keine Chance. Glitzern muss es! Schön muss es sein! Lillifee hat schon ganze Arbeit geleistet.

„Ich wollte aber Erster sein!“

P. hat seit einiger Zeit eine Macke, die uns den Alltag zum Teil echt erheblich erschwert. Sie ist aktuell 3,5 („fast vier“) Jahre alt und möchte IMMER die Erste sein. Und wenn ich immer sage, dann meine ich auch immer.

Das klingt vielleicht erstmal ganz niedlich und nicht weiter dramatisch. Das war es anfangs auch nicht. Jetzt ist es das nicht mehr und ich weiß nicht mehr, wie ich damit umgehen soll und will.

Wo liegt das Problem?

Bei P. beschränkt sich das Erste sein wollen nicht auf eine oder vielleicht zwei Situationen am Tag, auf Spiele oder Wettrennen, sondern auf schlichtweg ALLES: Beim Aussteigen aus dem Auto, beim Laufen (mit schweren Einkaufstüten) zur Haustür, beim Treppesteigen, beim in den Fahrstuhl gehen, beim auf den Knopf drücken, beim Schuhe ausziehen, beim Treppe in der Wohnung hochlaufen, beim Essen, … Ständig haben wir ein pfeifend-schreiend-brüllendes Meckern im Ohr, weil P. lospoltert: „Mama, ICH wollte aber Erster sein – uäääääääh!“ – Drama, baby. Und spätestens, wenn sich zahlreiche P.’sche Heulattacken aneinander reihen und ich kaum noch verstehe, was sie eigentlich will, fällt es mir schwer, gelassen zu bleiben. Trifft das dann noch auf übliche „Alltags-Bewältigungssituationen“ – schleppen, quetschen, widerspenstige Kinder an-/auswursten, Zeitdruck, T. brüllt weil hunger/müde – spüre ich unweigerlich meinen Stresspegel steigen.

Wie reagiere ich?

a) „Aber P., wir haben doch schon darüber geredet, man kann nicht immer überall Erster sein. Muss man auch nicht. Wir machen jetzt keinen Wettbewerb. Nicht beim Treppesteigen, nicht beim Essen, nicht beim…“

b) „P., ich möchte jetzt keinen Wettbewerb machen, ich habe auch keine Lust mich ständig mit dir darüber zu streiten.“

c) „Du warst doch Erste.“

d) „Naja, äääääh, du warst doch Erste. Von den Kindern.“ (hähä, sehr clever, ne?)

e) „P., Erster wird man nicht, indem die Anderen auf dich warten. Wenn du Erste sein möchtest, musst du halt schneller sein als die Anderen, das heißt, dass du dich beeilen musst. Zum Beispiel hintereinanderweg essen, anstatt…“

f) „P., Erwachsene und Kinder machen nicht dauernd Wettbewerbe. Das kannst du mit deinen Freunden im Kindergarten spielen, ja?“

Das Resultat ist meist, dass sie entweder rumdiskutiert („Ich will aber immer Erster sein, Mama, Mann… gagagaga“) oder (meist in direkter Abhängigkeit vom Müdigkeitsgrad) ein ausufernder Wutanfall folgt.

ÄtzÄtzÄtz!

Diese Macke geht mir dermaßen auf die Ketten!

Selbst wenn ich versuchen wollen würde – was ich nicht will – immer auf sie einzugehen: Das ist. nicht. möglich! Man kann das gar nicht die endlosen Situationen bedenken, in denen das für sie Thema ist! Man müsste zum Beispiel immer darauf achten, auf keinen Fall vor ihr zu laufen. Das ist doch irre! Und besonders sinnvoll erscheint mir das auch nicht… Ständig gewinnen lassen kann hier doch nicht das Mittel der Wahl sein, oder?

Tiefer gehen: 

Diese Eigenheit hat sie vor etwa einem halben Jahr aus der Kita mitgebracht. Dort ist das Thema, seitdem sie aus der Krippe in den Kindergarten gewechselt ist. Dort fing das an, glaube ich, als die Kinder anfingen, sich selbst an- und auszuziehen. In dem Zusammenhang wurde dann immer ein „Wer Erster / Letzter ist“-Wettkampf gestartet, und das weitete sich nach und nach auf’s Essen usw. aus.

Mir ist bewusst, dass ziemlich viele Kinder in dem Alter haben und das auch durchaus zur normalen Entwicklung gehört. Google spuckt 4.220.000 Ergebnisse bei der Suchanfrage „Kind will immer Erster sein“ aus. Man stößt auf viele Foreneinträge von Eltern, die sich über das Thema auslassen, aber erstaunlich wenig Expertenmeinungen. Die einzigen beiden Ratgeber-Seiten, die auf Anhieb finden konnte, waren in dem Fall t-online.de („Warum Kleinkinder immer Erster sein wollen„) und eine österreichische Seite für Erziehungstipps („Erziehung ist (k)ein Kinderspiel – „Ich will Erster sein!„). Ich finde, dass beide Texte eher wage sind und nicht unbedingt hilfreich. Schnell landet man dann auch bei Seiten mit Themen wie „Früherkennung der autistischen Störung“ oder „Wie Sie aus der Psychofalle Perfektionismus herausfinden„. Na schönen Dank auch… Und da wundere sich nochmal einer, dass Eltern zum Teil ein bisschen hysterisch bezüglich der Entwicklung ihrer Kinder werden. Aber Googlen ist ja auch ohnehin so ’ne Sache für sich… Aber da wird gerade dabei sind:

Hellhörig wurde ich beim t-online-Link nämlich doch:

In der Psychologie sprechen wir bei diesem kindlichen Ehrgeiz von der Entwicklung der Leistungsmotivation,“ erklärt Diplom-Psychologin und Diplom-Pädagogin Annette Böttcher aus Wiesbaden.  

LEISTUNG?! Da schrillen bei mir die Alarmglocken! Leistungsdruck, Leistungsorientierung, Leistungsgesellschaft, … Als Kind hatte ich selbst ziemliche Minderwertigkeitsgefühle, wollte unbedingt in allem die Beste sein und hab mich ständig ungerecht behandelt gefühlt. Und das schleppe ich nervigerweise bis heute mit mir rum. Mein Überehrgeiz führt zwar tatsächlich zu guten Leistungen, aber der Preis dafür ist mir eigentlich zu hoch. Jede Art von Leistungsdruck überfordert mich, ich fühle mich allgemein ständig unter Druck und habe ganz schlimmes Lampenfieber. Ich hab’s mit meinem nervigen Perfektionismus und dem permanenten Streben nach Anerkennung nicht leicht mit mir und würde bei meinen Kindern gern irgendwie versuchen, ein bisschen dagegen zu wirken. Ich möchte, dass meine Kinder ein etwas gesünderes Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl entwickeln als ich und nicht mit einem doofen (Selbst-)Optimierungszwang zu kämpfen haben.

 

Ich bin bei der Sache echt ein bisschen ratlos. Wie kann ich den Drive rausnehmen? Ich habe in diesem Fall ein bisschen Angst, etwas falsch zu machen… Was macht Sinn? Soll man das ignorieren? Einlenken? Abwatschen? Zulassen? Mitmachen? Belehren? Ich weiß es echt nicht…

Der t-online-Link sagt lediglich:

Wenn ein Kind zu ehrgeizig ist, überfordert es sich auch selber, weil es nicht zurückstecken kann. Das geht zu Lasten der psychischen Gesundheit und Stabilität. Kinder müssen lernen, mit Niederlagen souverän umzugehen. Das heißt, eine Niederlage sollte Kinder stets anspornen, es erneut zu probieren

Naja, sehr aussagekräftig ist das nicht. Wie lernt denn mein Kind, mit „Niederlagen souverän umzugehen“?

Die Erziehungstipps-Tante aus dem anderen Link gibt folgendes zum Besten:

Offensichtlich hat das Kind ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis. Das hat auch sein Gutes. Bevor wir anfangen, ein Kind zu kritisieren oder „Sei nicht so“-Botschaften zu senden, müssen wir zuerst das Gute am Schlechten erkennen und dem Kind gegenüber würdigen: „Nina, ich finde es toll, dass du so flink bist.“ Dann gilt es, ihre Gefühle ernst zu nehmen und dies auch zu sagen, um Nina zu helfen, damit klar zu kommen: „Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.“ Erst wenn die Mutter Verständnis zeigt, ist Nina in der Lage, Ermahnungen und kluge Worte anzunehmen. Ansonsten wirken sie wie Blockaden und stärken den emotionalen Widerstand, weil sich das Kind unverstanden und abgelehnt fühlt. (…) Worte wie diese können Nina helfen: „Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und auch einmal Andreas zuerst ins Auto einsteigen zu lassen. Aber weißt du, (Verständnis für das andere Kind er wecken) er will auch einmal Erster sein und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.“ Die Mutter könnte Nina fragen, was für sie so schlimm daran ist zu warten und manchmal auch anderen den Vortritt zu lassen. Helfen kann auch etwas liebevoller Humor, aber bitte ohne Ironie und Zynismus. So lernt Ihr Kind, sich selber nicht zu ernst zu nehmen und Dinge zu relativieren.

Wenn Sie gemeinsam auch noch Regeln finden, die für ähnliche Situationen gelten, brauchen Sie nicht jedes Mal Grundsatzdebatten zu klären, wenn es gilt, rasch zu handeln. Wichtig sind auch Nachbesprechungen, bei denen Sie mehr auf Ninas Fortschritt als auf ihre Schwächen schauen und diesen auch würdigen. Wenn das Kind positives Feedback vor allem auch bei spontanen Anlässen bekommt, ist sein wichtigstes Bedürfnis, Hunger nach Anerkennung, auf gute Weise gestillt und es kann auf übertriebene „Ich-bin-Erste!“-Inszenierungen verzichten. Erwachsene sollten zu er wartende Schwierigkeiten im Vorfeld abfangen. Wenn es z. B. wieder an der Tür läutet, könnte sich die Mutter kurz an Nina wenden und wer t- schätzend sagen: „Es läutet und ich möchte selber aufmachen. Ist das o. k. für dich?“ Finden Sie gemeinsam Lösungen, die dem Geltungsbedürfnis der jungen Dame, aber auch der Notwendigkeit des Abgrenzens Rechnung tragen. Dann wird Nina lernen, manchmal auch anderen den Vor tritt zu lassen – und gut sich dabei zu fühlen.

 

Ansich gar keine schlechten Ansätze, aber halt auch furchtbar pädagogisch. Ich finde ja tatsächlich, dass Eltern keine Pädagogen sein sollten und es auch nicht müssen. Die Dinge, die sie da sagt, sind zwar durchaus nachvollziehbar, aber um das im stressbeladenen Alltag (unter Handlungszwang!) umzusetzen, müsste ich das ja… hmmn… auswendig lernen?, weil es irgendwie total unnatürlich ist.

Man stelle sich das am Beispiel bei der Auto-Situation mal vor: Ich „schwinge“ T. in Babyschale auf den Arm, wuchte die Einkaufstüten hoch und begebe mich schnaufend zur Haustür. Im worst case muss ich auch noch dringend Pinkeln.

„Maaaaamaaaa, ich wollte aber Erster sein! Uääääääääh!“

(Schritt 1: Das Gute würdigen:)

„Oh, P., ich finde es toll, dass du so flink bist.“ (äh? ist sie ja eigentlich in dem Moment nicht… Also müsste ich sagen: „Ich finde es toll, dass du so flink – dieses Wort schon! Arrrgh! – sein willst… Und äh, nee… Genau das finde ich ja gerade ganz und gar nicht toll…)

(Schritt 2: Gefühle ernst nehmen und das dem Kind sagen:)

„Ich glaube, dir ist es ganz wichtig, gut zu sein. Ich weiß, Erste zu sein ist ein wunderbares Gefühl.“

(Schritt 3: Moralkeule:)

„Ich weiß, es fällt dir schwer, zu warten und mich (mit den kackn schweren Einkäufen und dem Eltern-Armbeugen-Folterinstrument Maxi Cosi inkl. 10 Kilo-T. beladen.. Arrrgh!) zuerst zur Haustür gehen zu lassen. Aber weißt du…

(Schritt 3.1 für Pro’s: Während der Moralkeule Verständnis für die Situation des Anderen erwecken)

… die Tüten und dein Bruder hier sind ganz schön schwer und ich muss mal auf’s Klo und außerdem: Das Leben ist kein Wettrennen.“

 

Ja, bääämm, oder? Und direkt im Anschluss kann man den gleichen Ablauf beim Treppenaufgang, am Fahrstuhl, beim Schuhe ausziehen usw. wiederholen. Aus dem pädagogischen Quatschen kommt man dann so schnell erstmal nicht wieder raus und es dürfte unter diesen Umständen nicht allzu lange dauernd, bis man den inneren Drang verspürt, sich nach dem ins Bett bringen der Kinder, aus dem Fenster zu stürzen.

Kann sich Jemand erinnern, mal irgendwo etwas Aussagekräftigeres dazu gelesen zu haben? Ich glaube, P. ist von Natur aus schon eher ehrgeizig und sie zeigt schon jetzt Ansätze einer „Bühnenpersönlichkeit“… Ich möchte nur einfach nicht, dass sie so ein Überehrgeiz-Problem bekommt… (wie ich).

Mama, ich will…!

Neulich im Zoo:

„Mamaaaa, Ich will ein Eis!

Mamaaaa, ich will einen Lutscher!

Mamaaaa, ich will Pommes!

Mamaaaa, ich will ein Brötchen mit Wurst!

Mamaaaa, ….“

Manchmal entsprechen meine unsere Kinder so sehr dem Klischee nerviger, verwöhnter westliche Welt-Göhren, dass es ein bisschen weh tut. Und manchmal entsprechen wir vermutlich sehr dem überforderte Eltern-Klischee, wenn wir es mit unserer dauerfordernden Tochter zu tun bekommen. Ich selbst könnte einen herrlich reißerischen Artikel über unser teilweise echt bekloppt-lächerliches Eltern-Verhalten schreiben… Wir versuchen dann nämlich gerne Mal, „vernünftig“ zu argumentieren:

„Aber P., wir sind nicht hier, um zu essen. Wir wollen uns Tiere angucken, hm? Wir können jetzt nicht die ganze Zeit eine Sache nach der anderen kaufen.“ 

-„Warum?“

„Weil das alles Geld kostet und wir nicht so viel Geld dafür ausgeben wollen. Und können.“

– „Ich will aber!“

„Ja, ich weiß, dass du das willst. Ich will dir jetzt aber keinen Lutscher kaufen. Du hattest gerade Pommes und ein Eis und…“

– „UääääääääähichwiillaaaaaaaaabeeeereinenLuuuuuuuuuu…“ (TretenStampfenAurasten)

Einatmenausatmeneinatmenausatmen…Puuuuuuh.

„Wie mich dieser andauernde kindliche Konsumtrieb nervt…“ sage ich zu K. Er guckt mich an und verdreht die Augen, seufzt. Da stehen wir also. Sonntag um 11. Im überfüllten Zoo. Die Massen schubsen uns rum, T. rumort in der Trage, irgendwie hat niemand Spaß.  „Toller Ausflug,“ murmelt K. und steckt sich eine Kippe an. Manchmal passieren mir dann Gedanken wie: „Was mache ich hier eigentlich? Ich bin 25 und stehe am Sonntagmittag im ekelhaft übervollen Kack-Zoo mit einer unersättlichen, aktuell nach Lollie-brüllenden Dreijährigen an der Hand, einem schweren lebendigen Rucksack am Bauch und einem genervten Mann neben mir. Dabei mag ich gar keine Sonntagsausflüge. Oder Zoos. Oder Pommesbuden. Oder Menschen. Und ich hab Rücken. Ich mag Sonntage im Bett, mit Glotze und/oder Lektüre. Waruuuuuuum tue ich mir das hier an???“

Warum mache ich das also? Meinen Kindern zuliebe. Dem Familienidyll zuliebe. Weil man mit ’ner Dreijährigen nicht ständig Zuhause rumhocken kann und sollte. Weil ZuhauseRumhock-Sonntage sich mit kleinen Kindern endlos anfühlen und sich spätestens 14:30 alle gegenseitig auf den Sack gehen… Und ja, weil wir es uns das eigentlich ganz nett ausgemalt haben. Schönes Wetter, wir gucken Tiere an, ein heißer Kakao in der Kiwara-Lounge… „Und dann macht sie mit ihrem blöden Dauerhabenwollen alles kaputt“ höre ich mich kopffrotzeln. Und na klar: Es sind irgendwie (mal wieder) unsere Erwartungen das Problem, weil sie mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. „Ideal- und Realtypus sind in diesem Falle nicht vereinbar.“ sagt die Wissenschaft zu sowas. Ich sage: Wären die Erwartungen nicht da, wäre  man nicht unzufrieden, weil nicht enttäuscht. Wäre irgendwie besser. Aber zu sagen „Erwarte doch einfach nichts“ hat für mich in etwa so einen Effekt wie „Denk nicht an einen rosa Elefanten“.

Kleine Kinder leben im Jetzt. Und nur da. Im Gegensatz zu Erwachsenen legen Kinder keine Konten an. Sie rechnen nicht auf und ziehen nicht ab. Keine Rechnung à la: „Mama und Papa sind ja jetzt mit mir in den Zoo gegangen und das ist ja erstmal eine ziemlich coole Sache – ein Zugeständnis -, da benehm‘ ich mich jetzt mal besonders gut und bin nicht so kackn anstrengend, sondern tu mal so als wäre ich zufrieden. Sie haben sich’s ja verdient, weil: Sie bemühen sich ja, mir/uns eine tolle Zeit zu machen und das muss man schließlich auch mal honorieren…“ Nö. Das geneigte, städtisch-verwöhnte Kleinkind denkt wohl eher so: „Au ja! Zoo! Will ich!“ – swooooosh – „Au ja! Eis! Will ich!“ – swooooooosh – „Au ja! Pommes! Will ich!“ – swoooooosh – „Oh! Das Kind hat einen Lutscher! Ich will auch einen Lutscher!“ – swooooosh – „Oh! Die Bratwurst sieht aber gut aus! Ich will!“ … „Oh Gummischlangen!“ … „Oh Luftballons!“ … „Oh! Wo ist das Kinderschminken?“

Kinder sind hemmungslos (und) lustgesteuert!

Deshalb sind sie auch so beliebte Zielgruppen Opfer für der Werbeindustrie. Spielzeuge, Freizeit, Snacks. Werbeleute wissen genau, wie leicht Kinderbedürfnisse zu wecken sind. In den großen Werbeagenturen beschäftigen sich ganze Abteilungen ausschließlich damit, zu „erforschen“, wie das kindliche Habenwollen noch zuverlässiger getriggert werden kann. 

Und Eltern…? Wir stehen da irgendwie vor einem Dilemma, oder? Wir wollen unsere Kinder nicht mehr autoritär erziehen. Wir wollen, dass sie sich frei entfalten können, sich selbst kennen (und lieben) lernen und zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen. Wir wissen um die Bedeutung der frühen Kindheit für Bindung, Selbstsicherheit und Persönlichkeitsentfaltung. Wir wissen allgemein viel zu viel. Wir wollen vielleicht keine perfekten Übermütter (im Sinne von Braten im Ofen und glänzendem Haus) sein, aber eine unserer größten Ängste ist, unseren Kindern durch unsere eigenen Charakterschwächen zu schaden. Wir sind es gewohnt, in Freiheit und durchaus lustbetont zu leben. Wir sind freiheitsliebende Hippie-Punks und Jemanden zu begrenzen missfällt uns. Unser Regulativ ist unser Verstand. Aber genau darauf können wir beim Kind nicht setzen. Also stehen wir da, haben alle elterlichen „Waffen“ abgelegt und sind bereit, zu verhandeln. Sie sollen ja können, wie sie wollen… Aber wie sollen wir entscheiden, wann das Wollen begrenzt werden muss, weil das Wollen zum Müssen wird und das macht ja auch wieder unglücklich… Und sind wir nicht unserer Kinder Glücksschmiede?

Deshalb sieht man Erwachsene zuweilen mit Kindern über die Schädlichkeit von Lutschern und Nahrhaftigkeit von Gemüse diskutieren… > Gesunde Ernäherung ist wichtig. Übergwicht und Krankheiten und so. Deshalb sieht man uns auf dem Spielplatz zwischen zwei Dreieinhalbjährigen über das Teilen eines Sandeimers verhandeln > Unsozial sein ist kacke. Teilhabe, Depressionen und so. Wir schmieren abends Brote mit Frischkäse (OHNE RINDE!), obwohl wir frisches und gesund gekocht haben, weil der Brokkoli in der Brokkoli-Käse-Soße eben doch nicht gut genug versteckt war. > Mein Kind muss nicht essen, worauf es keine Lust hat! Und jajaja! Natürlich kommen wir uns dabei albern vor. Es fühlt sich falsch an, streng  den Ton anzugeben. Und es fühlt sich falsch an, ständig nachzugeben. Wir wollen keine Service-Eltern sein. Und keine Helikopter-Eltern. Aber Arschloch-Eltern wollen wir auch nicht sein. Wir wissen, dass es vermutlich ziemlich albern ist, zu hoffen, die besten Freunde und Vertrauten vom Kind sein zu können. Und wir versuchen es trotzdem.

Unsere Kinder sind ein bisschen wie Diktatoren. Despoten! Egoisten!  Ohne Vernunft! Triebgesteuert! Raffgierig! Geizig! Und maßlos ohne Ende! (Ja, sie sind auch herrlich neugierig, phantasie- und liebevoll, … aber darum geht es hier ja gerade nicht…) Und ich glaube, wir sind damit einfach überfordert. Niemand sagt uns, was eindeutig gut oder eindeutig böse ist. Wir können uns in wenigen Minuten zu jedem Thema haufenweise Fakten und Meinungen reinziehen. Wir müssen selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden und inwieweit wir, unsere Kinder bestimmen und uns von ihnen bestimmen lassen. Richtig gibt’s nicht.

Ich höre an dieser Stelle oft Argumentationen wie „Mit Dreijährigen darfst du nicht diskutieren. Du bist die Mutter, du entscheidest. Basta!“ oder auch gerne „Da musst du deinem Bauchgefühl – deiner INTUITIOOOOON – vertrauen.“ Mir persönlich hilft das aber nicht weiter. Ich hab ein sehr diskutierfreudiges Kind, das Gründe haben will, wenn ich „Nein!“ sage und ich will ihr die auch irgendwie liefern. Meiner  „Intuition“ nach zu urteilen ist das richtiger als zu sagen „Weil ich das so (nicht) will.“ Für diese Variante müsste ich mich ziemlich verbiegen und härter tun, als ich fühle und bin. Oft wird mir aber suggeriert, dass das die bessere – die richtige – Variante wäre. Und die Diskutiererei macht mich ja auch alle…

Irgendwie ist es auch das Zusammenspiel von Programmierung und Umwelt, was hier Probleme macht: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie glücklich machen. Und wir sind – furchtbar biologistisch gesprochen – darauf gepolt, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen. Wir leben aber in einer Überflussgesellschaft. Eine ziemlich unnatürliche (Um)Welt für Menschen(kinder). Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie süß und bunt und fettig. Sie können zwar tatsächlich nicht immer und nicht alles haben, aber theoretisch heute und hier sehr, sehr viel. Mehr, als sie brauchen und mehr als – so mutmaßen wir – gut für sie ist. Erwachsene haben – mal mehr mal weniger erfolgreich – gelernt, ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und zu unterscheiden, um in der Welt des too much klarzukommen. Und manchmal werden wir fett und unbeweglich und krank, weil wir uns in dieser unnatürlichen Welt eben doch nicht im Griff haben.

Es gehört Einiges dazu, diesen fiesen Teufelskreislauf zu durchbrechen: Verstand, Durchhaltevermögen, Resilienz, Konsequenz, ein Masterplan, … Und – um zurück zum Thema zu kommen – man unterschätze nicht die Verführung, auf durch Nachgeben zu einem „zufriedenem“ Kind und stressfreien Moment zu kommen. Das ist es ja, was uns die Werbung verspricht, oder? Zufriedene Kinder. Entspannte Eltern. Glückliche Familien. Aber sehen wir es, wie es ist: Immer nachgeben, das ist de facto: Ruhigstellen. Damit geht man den Weg des geringsten Widerstands und macht es sich so einfach wie es nur irgendwie geht. Hauptsache keinen Stress… Und was ist falsch daran? Klingt doch nach einem ziemlich guten Lebensmotto. Auf Dauer tut man sich damit selbstverständlich keinen Gefallen. Die Kinderbedürfnisse könnten sich unkontrolliert vermehren. Kinder, bei denen es kein „genug“ gibt und im Resultat: Konsumorientierte, doofe Menschen, die lernen, dass man Befriedigung vor allem kaufen kann (und muss). Wollen wir das? Wollen wir nicht. Davon gibt es auf der Welt wahrlich schon genug.

Was ist also mit dem kindlichen Dauer-Habenwollen? Wie sollen wir damit umgehen?

Kleine Kinder kennen noch kein Maß. Sie können nicht verstehen, warum sie nicht dürfen, wenn Dinge in greifbarer Nähe und theoretisch zu haben sind. Ihnen fehlen die „Kompetenzen“, derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sich selbst zu begrenzen und aus reinen Verstandsgründen zu verzichten. Sie sind dieser – Achtung, Polemik! – fiesen, unnatürlichen, ihre Unschuld und Unwissenheit ausnutzenden, kapitalistischen Waren- und Konsumwelt schutzlos ausgeliefert, und man kann hier zu dem Schluss kommen, dass wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigen, wenn wir unsere Kinder nicht davor beschützen. Oder? Gerade unser Verstand sollte uns doch eigentlich hier sehr deutlich zeigen, dass es wichtig und richtig ist, (Konsum-)Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen und sie in dieser Hinsicht zu begrenzen. Um sie vor sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zu schützen, quasi. Ist das so? Ihnen „Grenzen setzen“ ist also tatsächlich der richtige Umgang damit?

Ich denke nicht, dass dieses Dilemma Kinderwollen vs. Elternmeinen ein für allemal auflösbar ist. Man muss die Situationen immer wieder neu bewerten. Man wird sich immer wieder fragen müssen, wie man das gerade findet und ob man es gerade zulassen will. Ab und zu sollte man sich vielleicht wirklich fragen, was man zu einem guten Freund in der Situation sagen würde. Andererseits können Kinder in vielen Situationen nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wann können sie? Wann müssen wir?

Wieder denke ich an Juul, der sich auch dazu äußert. Man müsse zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden. Das Bedürfnis des Kindes ist zum Beispiel Ernährung. Nur Nugggets bei McDoof oder einen Lutscher zu wollen, das ist ein Wunsch. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie den Wunsch erfüllen wollen. „Man kann eine lange, glückliche Kindheit haben ohne Pizza oder McDonalds“ sagt Juul dann. Hier geht es um die eigenen Werte, Einstellungen und Sichtweisen der Eltern. Was findet man gut? Was nicht? Welchen Wunsch will man erfüllen, welchen nicht? Juul meint auch, dass Kinder ihre Eltern kennenlernen wollen. Mit etwa 4 bis 5 Jahren hätten sie den Großteil von dem, was ihre Eltern prinzipiell zulassen und was nicht – die elterlichen Grenzen – ausgelotet. Und Kinder wollen selbstständig sein und selbst entscheiden. „Ich will meine Jacke nicht anziehen! Ich will meine Zähne nicht putzen!“ – „Hör mal, Zähne putzen muss man irgendwie, sonst passiert alles Mögliche. Zwei Dinge kann ich dir sagen: Es ist unangenehm, weil irgendwelche Erwachsenen vielleicht etwas Hartes in deinen Mund stecken und anfangen zu bohren…“ – Und was ist, wenn das Kind auf seinem „Nein“ beharrt? – „Wenn man dieses Grundvertrauen hat , dann sagt man: ‚Okay, schade, weil wie du weißt, finde ich es wichtig, aber wenn es für dich nicht wichtig ist, dann machen wir es heute nicht.“ Man müsse einfach das Vertrauen haben, dass Kinder prinzipiell kooperieren wollen. Das ist Juuls ganz grundsätzliche These. Verantwortung müsse man vor allem übernehmen, wenn es um Leib und Leben geht – das Anhalten an roten Ampeln ist nicht verhandelbar. Nachlesen kann man das zum Beispiel in diesem Interview mit Jesper Juul, und in dem und dem.

Vertrauen wir unseren Kindern nicht? Würde es mit ein wenig mehr Vertrauen alles einfach gehen? Wir denken „Zähne putzen muss sein!“, weil wir das so beigebracht bekommen haben und „weil man das so macht“ und wir denken so Sachen wie „Wenn ich das jetzt einmal schleifen lasse, dann wird das nie was und dann kriegt sie Karies und faulige Zähne… und im Kindergarten wird man über sie reden, weil sie einen schlechten Atem hat… und die Erzieherinnnen zerreißen sich das Maul über uns unfähige Eltern.“ – Genau! Das „Was sollen denn da die Leute denken?“ steckt nämlich viel zu oft dahinter, egal für wie unabhängig man sich hält. Man will nicht als Eltern dastehen, die es nicht hinkriegen. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich das Kind nie wieder die Zähne putzen wird, weil man einmal sagt: „Gut, wenn du es partout nicht willst, dann machst du es halt nicht.“ Andererseits sage ich, dass es schon ziemlich wahrscheinlich ist, dass mein Kind sich ausschließlich von ungesundem Kack ernähren würde, könnte es das selbst entscheiden. Und was es zu essen gibt, das geht doch irgendwie alle was an, oder?? Vielleicht teilt man die Woche mal testweise in „Du bestimmst, was es zu essen gibt“-Tage und „Wir bestimmen, was es zu essen gibt“-Tage auf.

Wir haben uns dann jedenfalls dann doch noch sehr ausgiebig die Affen angeguckt, über eine Stunde beim Karpfenbecken abgehangen und eine halbe Stunde auf die Fütterung der Pinguine gewartet. Hat sich gelohnt, das Konsumieren zu durchbrechen, drei Mal „Nein, gibt’s nicht! Ich will jetzt Affen angucken“ zu sagen und die jeweiligen Wutausbrüche zu ertragen.

„Manchmal muss man sie doch echt zu ihrem Glück zwingen.“ sage ich während der Rückfahrt zu K., kurz nachdem beide Kinder zeitgleich weggepennt sind und wir um 17 Uhr das erste „störungsfreie“ Gespräch des Tages miteinander führen.

Muss… Darf man das? Die Kinder zu „ihrem Glück“ zwingen? Ist ihr Glück nicht in allererster Linie das, was wir als „Glück“ – als schön / gut / erstrebenswert – bewerten? Passt das zu unserer Vorstellung der frei denkenden, selbstbestimmten Menschen, als die wir unsere Kinder gern später sehen würden? Ist Lesen wirklich „besser“ als iPad-Daddeln? Ist es echt sinnvoll, immernoch dieses Idealbild vom auf der großen Wiese frei herumtollenden Kind im Kopf zu haben und darum ständig mit schlechtem Gewissen durch die betonierte Großstadt zu laufen, weil man es einfach nicht realisiert bekommt??

Hm. Man sollte vielleicht auch nicht vergessen, dass unsere Kinder später eh selbst entscheiden werden, was sie unter Glück verstehen. Und dass diese Definition nur zu einem Teil davon abhängt, wie sie ihre Kindheit mit uns verbracht haben. Unsere Kinder haben ein Recht auf’s Heute. Das ständige ans Morgen denken macht mich auch wirklich alle… Die Gedanken krieg ich nur ganz schwer ausgeschaltet. „Wenn sie heute zu viel fernsieht, wird sie niemals Bücher lesen oder sich für Kultur oder Geschichte oder … interessieren“, „Wenn ich jetzt nicht versuche, sie zum Gemüse essen zu bewegen, wird sie das niemals tun und krank und fett werden“, „Wenn sie jetzt nicht lernt, dass…, dann wird sie nie…“ – Was für ein Bullshit das doch ist! Und wie einen das tagtäglich unter Druck setzt! Das nimmt die ganze Leichtigkeit aus dem Alltag und aus dem Umgang mit dem Kind. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen, „den Förderauftrag“ der Bildungseinrichtungen Zuhause fortzuführen. Und auch davon spricht Juul gerne mal. Man wird bekloppt, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einen irgendwie anders… irgendwie besser haben wollen als man ist. Die einen umerziehen wollen. Unsere Kinder sollten bei uns einfach mal nichts müssen müssen, einfach mal sein dürfen, so (unperfekt und launisch und unausgeglichen) wie sie sind. Unsere Kinder sind keine Projekte, die wir möglichst erfolgreich abschließen. Unsere Kinder sind Menschen. Ihre Persönlichkeit sollten wir in erster Linie annehmen und respektieren. Wir können ihnen eigentlich nur sagen: „Hör mal, so fühlst du dich jetzt und das ist okay. Du bist du. Und ich bin ich. Und das da draußen ist die Welt. Und wenn du das jetzt (nicht) machst, könnte das passieren. Deshalb mag ich nicht, dass du es machst. Jetzt kannst du entscheiden, ob du es trotzdem tun willst.“

An Denkstoff mangelt es mir jedenfalls ganz und gar nicht, seitdem ich Kinder habe. Gesellschaftliche Zwänge. Freiheit. Die eigene und die der eigenen Kinder. Werte. Moral… Können, wollen, sollen, müssen. Kinder konfrontieren einen wirklich sehr schonungslos mit sich selbst, den eigenen Maßstäben und Nicht zu Ende-Gedachtem. Man muss permanent kurzfristig nötige („Ich will aber JETZT, Mama!“), aber langfristig wirkende („Warum habe ich nur so große Selbstzweifel? Meine Eltern sind schuld!“) Entscheidungen treffen und das unter akutem Handlungszwang und erschwerten Bedingungen („UÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHICHWILLABER!“).

Memo an mich selbst: Unbedingt mal darüber nachdenken, wie ich diese exzellent trainierten „Troubleshooting“- und „Multitasking“-Kompetenzen in meiner Vita einbauen kann.