„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

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 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

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Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)

 

Fehler im System (Oder: Kleinfamilien-Rant)

Ich wache davon auf, dass ein Kind schreit als würde es lebendig verbrannt. Ich springe aus dem Bett und falle dabei auf die Nase. Meine Beine waren eingeschlafen, ich hatte kein Gefühl mehr darin. Mit blutender Nase humpele ich ins Kinderzimmer. T.s Schlafanzug ist oberhalb der Windel gelb-braun. P. kreischt und schreit panisch. Eine Honigbiene sitzt auf ihrer Schlafanzughose. T. guckt verdattert. Ich versuche, sie zu beruhigen, wir befördern die Biene aus dem Fenster. T. ruft „Mama! Is will eine Miiis!“ und P. „Und ich will Cornflakes!“ und „Mama, kann ich fernsehen?“ und „Mama, was machen wir heute?“ und „Mama, können wir heute schwimmen gehen?“ und irgendwann: „Mama, du blutest ja!“ Morgens, halb zehn in Deutschland. Es ist Sonntag.

Sonntage sind so ziemlich die schrecklichsten aller Tage, finde ich. Nur Weihnachtsferien sind noch schlimmer. Die Kita hat zu, man fühlt sich nach Rumgammeln und Nixtun (alle kinderlose Welt tut auch ebendas, die Schweine!), die Kinder sind aufgekratzt und auf Action und alle Bekannten haben in 99% aller Fälle schon was innerfamiliäres geplant. Dem oder der, die oder der sich den Sonntag ausgedacht hat, wünsche ich eine Woche voller Sonntage. Mit kranken Kleinkindern. Und Regen. (Und die Kinder sind nicht etwa nur erkältet, sie haben MAGEN-DARM! Ha!)

Ich war – wie so oft – schon angespannt und genervt von dem Dauerfeuer, dem ständigen reagieren müssen bevor ich überhaupt so richtig wach war. Und ich war – wie so oft – wütend auf mich, weil ich genervt war und nicht schon ganz entspannt ein Familienfrühstück im Sonnenschein und für danach eine kleine Bastelei mit den Kindern, kurz vor dem Ausflug ins Grüne, vorbereitet habe. Altes Lied, altes Leid.

Ich habe mich schließlich mit einer Freundin und ihren Kindern verabredet. Als sie kamen war sofort alles besser. Die Kinder waren mit anderen Kindern beschäftigt – laut, aber beschäftigt -, ich konnte mich mit Erwachsenen unterhalten, nebenbei Haushaltskram erledigen, der Mann der Freundin hat später Mittagessen für alle gekocht, ich habe den Tisch gedeckt, sie hat nach dem Essen abgewaschen, K. ist später mit den Kids zum Indoor-Spielplatz. Alles im Flow. So mag ich das.

Kaum wieder allein, rasen die Gedanken in üblichen Bahnen. Mich lässt die Frage nicht los, was es uns Eltern heute so schwer macht, Eltern zu sein. Warum sind wir oft so genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Nachdem P. geboren war, fand ich mich am Wickeltisch einem kreischendem Mini-Menschen gegenüber, den ich zu diesem Zeitpunkt (mit 21) noch ein Jahr zuvor definitiv nicht in meinem Leben verortet hätte. Ich gewöhnte mir unbewusst an, die Zähne ganz fest aufeinanderzupressen, wenn sie schrie. Das Schreien machte mich aggressiv und ich fühlte mich oft hilflos, wenn es einfach nicht aufhören wollte, aber ich wollte und durfte das nicht an ihr auslassen. Das „Zähne zusammenbeißen“ war ein Kompensationsversuch, den ich zwar irgendwann später bemerkte, aber nicht mehr los wurde. Heute habe ich CMD und dadurch Dauer-Verspannungen im Kiefer-Kopf-Bereich. Die Herausforderung Elternschaft hatte also direkt konkrete physische Konsequenzen und ich wette, beinahe jedes Elternteil könnte ähnliches berichten.

Ich empfand (und empfinde) das Zusammensein mit meinen Kindern oft als anstrengend, das habe ich hier mehr als einmal beschrieben. Ich wollte aber von Anfang an nicht die Kinder dafür beschuldigen. „Ja, Elternsein ist anstrengend.“ Aber die Kinder dafür verantwortlich zu machen, fühlte sich trotzdem nicht richtig an. Also: Who’s to blame? Ich suchte in meiner Psyche, meiner Kindheit, meiner Persönlichkeit, meinem Temperament. Ich las Blogartikel, Bücher, schrieb in Foren, sprach mit Eltern, … Aber ich fand die Aspekte der Überforderung und der Anstrengung so selten in den Erzählungen und Beschreibungen anderer Eltern(blogs), erlebte das aber selbst alltäglich so. Das fütterte meine Schuldgefühle.

Es muss an mir liegen. Alle anderen kriegen das schließlich hin.

Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft. Und irgendwie emanzipiert. Die Kommentare unter Artikeln (z.B. hier) und einschlägige Feuilleton-Beiträge (wie hier oder hier), in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? (Bis man unter einer CMD leidet?) Was, wenn die Kinder von der Überforderung und der Genervtheit lesen, wird dann gerne gefragt. (Schlechtes Gewisseeeeen, hallooooohoo!) Warum auch noch darüber schreiben, es rausposaunen? Ich kann hier nicht mit guten Argumenten punkten, fürchte ich. Ich hatte (habe) das Bedürfnis, diese Wahrheit – meine Wahrheit – mitzuteilen, weil ich den Eindruck hatte/habe, dass es eine unterbelichtete ist. Und weil mich „Scheinwelten“ ankotzen. Das war schon immer so. Sowas durchbreche ich gerne. Mit Ehrlichkeit, mit Offenheit, mit Einblicken.

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.

Was ist denn richtig? Kann mir mal irgendjemand sagen, wie ich mich verhalten soll? 

Natürlich gibt es darauf heute keine allgemein gültige Antwort mehr.

Ich will meinen Kindern eine „gute Mutter“ sein, will ihnen nicht (psychisch) schaden… Aber wie kriege ich das hin? 

Ich wusste Bescheid über den Einfluss der Eltern auf die „psychische Gesundheit“ von Kindern, die Bedeutung der frühen Kindheit, Bindungstheorien usw. – studiere ja schließlich Erziehungswissenschaft! Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich hatte andauernd das Gefühl, diesen (meinen) Ansprüchen einfach nicht gerecht werden zu können. Haufenweise Artikel in diesem Blog zeugen davon. (Zum Beispiel hier oder hier.) Mir ging es nicht um eine glänzende Wohnung oder den hübschesten Kuchen beim Kita-Sommerfest, sondern darum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich empfinde und wie ich denke. Und ich dachte oft „Oar nee, keine Lust jetzt!“, „Hör. auf. zu. brüllen!“, „Kann K. nicht noch länger mit ihnen draußen bleiben?“, „Ich hätte gern einfach meine Ruhe.“ oder auch „Wie wäre es, jetzt einfach ins Flugzeug zu steigen. Irgendwohin. Ich könnte ein Strandcafé eröffnen, bräuchte aber eine neue Identität.“ Und klar, schon die Gedanken fühlen sich den Kindern gegenüber total illoyal an. Ich dachte letztendlich wirklich oft, dass man vielleicht besser keine Kinder bekommen sollte, wenn man „so ein Mensch“ ist. Dass es einfach eine scheiß Idee und total unüberlegt war. Ich war sehr oft sehr verzweifelt darüber und die Schuldgefühle in jede erdenkliche Richtung wurden zu einem Dauerrauschen. Egal was ich tat, ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig. Ich war – ich bin – einfach eine echt miese Mutter, ich bin dafür einfach nicht gemacht, dachte ich und fühlte mich wie eine Versagerin in nicht mehr und nicht weniger als der wichtigsten Sache der Welt. Schließlich geht es hier um zwei lebendige Menschen und nicht um den nächsten Pitch.

STOP!

Ist das wirklich so „einfach“? Es gibt Menschen, die „können“ das einfach „besser“ als Andere? Geht es hier wirklich um Egoismus und Altruismus? Gibt’s Menschen, die die „geborenen Eltern“ sind und andere, die es einfach lassen sollten?

Über Generationen sah man die Schuld vor allem beim Kind und zog daraus die relativ logische Konsequenz, „hart durchgreifen“ zu müssen mit dem hehren Ziel, „vernünftige Menschen“ aus ihnen zu machen. Heute scheint mir der Zeiger in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Nicht das Kind ist Schuld, wenn was nicht „richtig“ läuft, sondern die Eltern sind es. Das baut nicht nur enormen Druck auf, sondern kann Eltern auch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Ich weiß wovon ich spreche.

Man doktert an sich herum, analysiert die innersten Windungen, versucht krampfhaft darauf zu kommen, warum verdammt nochmal es mit der stets liebevollen Begleitung nicht klappen will. Man weiß doch alles, versteht schon längst, warum das Verhalten der Kinder einen manchmal so enorm triggert, man denkt und denkt und forscht und… es klappt einfach trotzdem nicht. Die Genervtheit und die Überforderung, der Wunsch nach Zeit ohne „Kinderdienst“, die Verzweiflung… alles bleibt – trotz der tollen Erkenntnisse – da und es bleibt nur, diese Gefühle zu unterdrücken. Oder? Gute Miene zum bösen Spiel. Es kann einen zerreißen, einerseits authentisch und echt sein zu wollen und andererseits „gute Eltern“. Was, wenn ich echt und authentisch mal ’ne echt beschissene Mutter bin? Ich bin launisch. Ich bin leicht reizbar. Ich will eigentlich nur mein Ding machen und kann kaum was anderes ertragen. Ich bin aufbrausend. Ich bin ungeduldig. Ich bin ungerecht. Undsoweiterundsofort. Im Casting für die beste Mutter der Welt würde ich nicht einmal in den Re-Call kommen. Wenn ein Vater zum Beispiel ständig wütend wird. Was macht man da? Was ist hier richtig? Die Wut ausleben, rauslassen wäre authentisch, unverstellt und echt. Die Kinder lernen ihren Vater kennen. Er ist halt Choleriker, aber immerhin ist er echt. Oder soll er seine Wut unterdrücken, muss er sich besser kontrollieren lernen? Das wäre dann nicht authentisch, aber zum Wohl der Kinder. Nur: Wie lange funktioniert das? Und was macht das mit den Kindern, wenn sie feststellen, dass der Vater die ganze Zeit mehr oder weniger Theater spielt? Gute Miene zum bösen Spiel. Ich kenne beides. Und beides ist auf je eigene Art scheiße. Ständige Wutanfälle sind scheiße. Aber zu merken, dass mit einem Elternteil was los ist, ohne dass man jemals erfährt, was, das ist nicht unbedingt besser. Also hätten beide die Verantwortung, ihren Kram aufzuarbeiten und klarzukommen? Therapie machen, rausfinden was mit einem los ist, woher die Wut kommt, Techniken erarbeiten, damit umzugehen. Fertig ist der Lack. So stellt man sich das heute gerne vor. Ist aber sehr viel leichter gesagt als getan. Ich arbeite seit Jahren hart daran, klarzukommen, um meinen Vergangenheits-Scheiß nicht an meiner Familie auszulassen. Aber es lässt sich (oder sollte ich sagen: Ich lasse mich) nur bedingt ändern. Die ständigen Schuldgefühle, das Gegrübel, die Aggressionen, die Traurigkeit, die Verletzungen, die Unsicherheit, die Bedürftigkeit, die Genervtheit… Das alles geht nicht einfach weg. Eine der Therapeutinnen bei der Mutter-Kinder-Kur, zu der ich im Februar/März mit T. war, fragte entgeistert, als ich meine krampfhaften Versuche der Auf- und Verarbeitung schilderte:

Ääääääääähm…. Vielleicht hören Sie damit mal auf?!?

Ich glaub, ich starrte ebenso entgeistert zurück. Sie erklärte mir, ihre Sicht auf die Dinge: Ich würde auch mit diesen Versuchen weiter das Muster der Selbstabwertung vertiefen, würde mich immer nur in Differenz wahrnehmen und beurteilen:

Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Bei meinen Sitzungen dort ging es folglich um Selbstakzeptanz, um Annahme und Achtsamkeit. Tatsächlich ein neues Terrain für mich. Ich wusste wohl, dass ich nicht gerade nett mit mir selbst umgehe und laute selbstkritische Stimmen in mir habe, aber ich habe nie gesehen, dass meine Versuche, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und meine Reaktionen, mein Fühlen, mein Handeln zu ändern, um meinen Kindern eine bessere Mutter sein zu können, auch in dieses Horn blasen. Das war durchaus ein Augenöffner. Ich bin tatsächlich ständig unzufrieden mit mir, sehe nur, was ich alles nicht kann, nicht gut mache, fokussiere auf die Dinge, die nicht klappen. Eine andere Therapeutin empfahl mir, mal „auf Schatzsuche“ zu gehen. Damit meinte sie einerseits, ich solle Menschen fragen, was sie an mir mögen und andererseits am Ende eines Tages aufschreiben, was gut war. Sie spiegelte mir, wie sie mich sah und ich empfand Scham und konnte ihr nicht in die Augen schauen, wenn sie was Nettes sagte. Abends schrieb ich auf, was am Tag schön/gut war und fokussierte dabei vor allem auf Momente mit T. Das war ziemlich neu und ziemlich heilsam. Ich stellte fest: So eine miese Mutter bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich viele gute Momente am Tag. (Wer also ähnlich Probleme mit der Selbstwahrnehmung hat, dem kann ich das nur ans Herz legen.)

Das könnte jetzt hier enden. Ich will es aber hier nicht enden lassen. Denn die Frage, warum das Elternsein für viele von uns so anstrengend ist, beantwortet die Feststellung nicht, dass weder Kinder noch Eltern wirklich zu beschuldigen sind. Aber woran liegt es dann?

Ziehen wir den Fokus etwas größer und schauen uns den Kontext an: Wie leben wir allgemein? Welchen Einfluss hat die Eingerichtetheit der Gesellschaft auf unser Leben als Eltern, als Erwachsene, die mit kleinen Kindern zusammenleben und für sie verantwortlich sind?

Ich habe inzwischen auch darüber viel nachgedacht und bin damit noch lange nicht am Ende. Trotzdem möchte ich einige Gedanken mitteilen.

Zunächst ein Gedankenexperiment:

Du bist Mutter von zwei Kindern. Das jüngere ist 1,5 Jahre, das ältere 7. Du trägst dein Kind in einem Tuch auf der Hüfte und bist gerade mit anderen Menschen auf dem Weg zurück vom Früchtesammeln zum Dorf. Ihr singt und unterhaltet euch. Andere Frauen haben auch ihre Kinder im Tuch dabei, einige ältere Kinder haben beim Sammeln geholfen und rennen zwischen euch hin und her. Als ihr zurück im Dorf seid, wird von anderen bereits das Abendessen vorbereitet. Im ganzen Dorf sind die Menschen beschäftigt: Essen wird vorbereitet, an anderer Stelle werden Stellen an den Häusern verbessert, es wird geschnitzt, Schmuck hergestellt, Kleidung geflickt… Eine Gruppe Kinder badet unten am Fluss, andere hocken etwas abseits der Dorfmitte und untersuchen gespannt etwas. Du setzt dich zusammen mit einigen Erwachsenen und Kindern und beginnst, die gesammelten Früchte für das Abendessen vorzubereiten. Deine ältere Tochter kommt vom Baden nach oben und schaut interessiert zu, was ihr gesammelt habt. Dein jüngeres Kind sitzt auf dem Schoß deiner Mutter, die ein Lied anstimmt. Andere umsitzende steigen in den Gesang ein.*

Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt haben (vom Hirn her können Menschen wohl intensivere Beziehungen zu 150 Menschen pflegen)mit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten (und genau wussten, wer für was „gut“ ist – die eine spendet gut Trost, der andere weiß viel, die nächste erzählt toll Geschichten, von dem kann ich lernen, wie man schnitzt), Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich.

Mal nur fokussiert auf die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern (, das ganze Paket mit Naturnähe, Handarbeit usw. lasse ich mal außen vor): Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.)

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen kame das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)

Noch einmal ein Bild: Statt einem vielspurigen Straßennetz wird eine einspurige Autobahn immer und immer wieder befahren. Und wenn diese eine Autobahn nicht ganz in Ordnung ist, dann kracht das kleine Auto jedes Mal beim drüberfahren in das eine fiese Schlagloch. Das wird natürlich durch die Dauerbeanspruchung immer größer. Die Autobahn bekommt Risse und ist irgendwann eigentlich unbefahrbar. Aber es gibt ja nur diese eine, also wird sie weiter befahren.

Ist das Bild verständlich? Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere.

Es reihen sich ein: Ordnungsdogma, Beschleunigung, Effizienz, Schnelllebigkeit, Reibungslosigkeitskult, Störungsfreiheit, Regeln, Bürokratie, … Unvollständige Aufzählung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Dazu kommen noch die kaum zu überschätzenden Erwartungen anderer Erwachsener. Eltern antiziperen, dass von ihnen allgemein erwartet wird, ihre Kinder „im Griff“ zu haben, „im Zaun zu halten“, sie sollen ihre Bälger bitteschön „unter Kontrolle“ haben und Störungen der Rationalität durch die quasi unerträgliche Irrationalität der Kinder auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduzieren. Wenn Eltern das mehr oder weniger gewaltvoll versuchen, erhalten sie sowohl anerkennend-zustimmende wie ablehnende Reaktionen. Wenn sie die Kinder ihr Ding machen lassen, genauso. Wenn sie es liebevoll-bedürfnisorientiert angehen ebenfalls. (Siehe glücklich scheitern: Du bist eine gute Mutter, wenn…)

Die Idee von bedürfnis- oder bindungsorientierter Elternschaft, „Attachement Parenting“ etc. ist ansich – im Sinne des Kindes – ziemlich lobenswert. Man will das Beste für’s Kind. Wenn ich Artikel und Bücher aus dem Dunstkreis lese, nicke ich durchaus mit dem Kopf. Aber als ich dieses Differenzdenken in mir festgestellt habe – Was ich heute mal wieder nicht hinbekommen hab -, habe ich gemerkt, dass es auch solche Ideen von „guter Elternschaft“ sind, die mich unter Druck setzen und mir beständig das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Wenn ich von dem gerade gedachten ausgehe, dann befinden sich solche Ansätze genau in dieser „Elternschuld“-Schiene. Inzwischen halte ich diese Art des Zusammenlebens mit Kindern für mich/für uns für utopisch und ich frage mich: Was bürdet man sich mit dem Versuch der straighten Kinderbedürfnis-Orientierung eigentlich auf? Es sind ziemlich heftige Ansprüche und teilweise wirklich „unmenschliche“ Erwartungen, die man da an sich selbst stellt: Quasi völlige Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung und Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Impulse. Extreme Reflektiertheit, in jeder Situation. Und eine unmenschliche Geduld. Ich glaube, man erträumt sich da einen Einklang von Kindern und Eltern, eine Harmonie den bzw. die ich – zumindest im Kontext unserer modernen Lebensweise – für illusorisch halte. Ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass das Menschen womöglich durchaus glücklich machen kann, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein ausgeprägtes „Helfer-Syndrom“ haben und tatsächlich ihre Erfüllung darin finden, von anderen gebraucht zu werden. (Das ist nicht abwertend gemeint, eher Ergebnis von Analyse.) Ich sehe da die Gefahr symbiotischer Beziehungen und heftiger Abhängigkeiten und frage mich: Was kommt „danach“, wenn die Kinder das Nest verlassen? Wenn die Eltern nicht mehr so sehr gebraucht werden? Was ist davon abgesehen, wenn man das einfach nicht hinkriegt, mit der Bedürfnisorientierung, dem Verständnis, der Geduld, dem pädagogisch wertvollem Verhalten? Manchmal frage ich mich außerdem, ob man auf die Kinder nicht ausgesprochen schizophren und damit auch verunsichernd wirkt, wenn man oft ganz nett und verständnisvoll reagiert, in regelmäßigen Abständen aber dann plötzlich total ausrastet, weil der Unterdrückungsmechanismus gerade mal wieder aussetzt. Ich hab das Gefühl, dann verstehen Kinder die Welt nicht mehr. Und auch das sieht man und kann es wunderbar als Anlass nehmen, noch unzufriedener mit sich selbst zu sein. Man ist ständig mit dem eigenen Scheitern konfrontiert und das kann zu wirklich ausgeprägtem Selbsthass führen. Wenn Auspeitschen noch angesagt wäre, man würde es wohl freiwillig tun. 

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben. Vielleicht kriegen wir damit auch endlich das Problem mit den Behinderten, Gestörten und generell Unproduktiven in den Griff. *ironieoff*

Also:

Liebe Eltern, 

ihr seid nicht scheiße, wenn es euch manchmal (oder auch oft) nicht leicht fällt, eure nach eurer ungeteilten Aufmerksamkeit dürstenden Kinder zu „ertragen“, geschweige denn das Ganze zu genießen. Ihr seid nicht falsch und ihr seid auch nicht persönlich schuld daran. Eure Kinder sind es aber noch viel weniger. Dass es so ist, ist bei genauerer Betrachtung der Umstände, in denen wir leben, eigentlich ziemlich logisch. Eure Verantwortung ist immens. Und dass das erdrückend wirkt, ist klar. 

Eltern! In Wirklichkeit seid ihr Superhelden! Denn ihr verlangt von euch, insofern ihr versucht, gute Eltern zu sein, quasi übermenschliches. Heute im Standardleben mit all den scheinbaren Annehmlichkeiten, all dem scheinbaren „Luxus“ und der Bequemlichkeit, all den Verführungen, all der Rationalität, all den Erwartungen und Idealen ist es tatsächlich verdammt anstrengend und beschwerlich, als Familie mit Kindern zu (über-)leben.

Was ich empfehle? Oder mir wünsche?

Empfehlen kann ich einerseits „Born to be wild“ von Herbert Renz-Polster, um Kinder in ihrem „ursprünglichen“ Verhalten zu sehen und es zu verstehen und andererseits ein bisschen richtiges Leben im falsch (ver-)suchen: Viel Zeit mit anderen Familien verbringen, immer Kinder zusammenschmeißen, andere Menschen (Großeltern!) in die Betreuung einbeziehen und zu alternativen Bezugspersonen entwickeln lassen, ein „sie können es nicht anders“-„sie macht es nicht, um mich zu stressen“-„sie ist noch klein“-Mantra gegenüber den Kindern, regelmäßiger Abstand, weniger schlechtes Gewissen wegen Glotze und Gadgets – Glotze ist die logische Konsequenz des separierten Kleinfamilienlebens – und viel Auslauf.

Wünschen tue ich mir eigentlich ein alternatives Lebensmodell. Ich habe die Stadt satt. Ich habe die Hektik satt. Gib mir 50 coole Leute mit Kindern, wir kaufen zusammen ein heruntergekommenes Haus (von welchem Geld auch immer), polieren das auf und leben zusammen, vielleicht auch teilweise als Selbstversorger. Ohne Waldorf-Hippie-Kram, ohne spirituellem Überbau und Firlefanz. Einfach nur, weil wir glauben, dass an dem afrikanischen Sprichwort 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

etwas dran ist. Und weil man zusammen einfach weniger allein ist.

Warum sind wir also oft genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Es gehört niemand so wirklich auf der Anklagebank. Die Kinder nicht, die Eltern nicht. „Schuld“ ist niemand. Und das passt nicht zu unserem Denken, deshalb ist es so schwer zu ertragen und so unbefriedigend. Wir suchen immer nach Ursachen, Gründen, Schuldigen. Und dann müssen wir das Ausmerzen. Basta. „Schuld“ ist in diesem Fall aber, wenn man so will, „der Kosmos“, sind Zufälle, „kosmische Kräfte“, die vor 12.000 Jahren das Ende der Eiszeit einläuteten, was zu anderen, schwankenden klimatischen Bedingungen führte und die allgemein als „neolithischen Revolution“ bezeichneten Änderungen der menschlichen Lebensweise wohl bedingten. Mit der neuen Lebensweise kamen Dinge wie Produktion, Sesshaftigkeit, Bevölkerungswachstum, größere Siedlungen, später Städte, zu verwaltende Überschüsse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, technische Innovationen, Ungleichheit, Monotheismus, du sollst/darfst // du sollst/darfst nicht… usw. usf. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht und heute sind wir, wo wir sind. Die Verhältnisse haben sich geschichtlich entwickelt. Und das ist wichtig: Das, was heute als „normal“ gilt, galt nicht schon immer. Nichts ist selbstverständlich einfach so. Alles ist geworden. Und die „kosmischen Kräfte“ lassen sich nicht ausmerzen.

Ich glaube nicht, dass es einen (gesamtgesellschaftlichen) Weg zurück gibt. Das lähmt manchmal meinen Aktionismus. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, alle „Fortschritte“ vergessen und alles auf Anfang setzen. Vielleicht leider. Vielleicht zum Glück. Auch entweder-oder, schwarz-weiß, optimal-suboptimal sind nur Kategorien menschlichen Denkens, die es so „natürlich“ gar nicht gibt. Das Leben in Jäger-Sammler-Clans ist nicht optimal. Das Leben heute ist nicht optimal. Gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Jäger-Sammler-Clans funktionieren z.B. über straighte Traditionen, mit Frauen wird oft wohl nicht gut umgegangen, und dass es wohl kaum Alternativen, keine freie Wahl der Leute und des Lebensmodells gibt, ist schwer vorstellbar und schwer gut zu finden. Aber ob „homo oeconomicus“ wirklich eine smarte Alternative ist?

Wir reden über fucking Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über regretting motherhood, über Einzelphänomene und verlieren dabei den Blick für größere Zusammenhänge. Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, kommen mir viele Debatten und Themen so unwesentlich vor. Frauenquote, Frauen früher in den Job zurück, Karriere, Vereinbarkeit, Brei oder nicht, U-Untersuchungen, Kinderwagenmarken, … Das ist hinsichtlich dessen, wo ich die wirklich tiefgreifenden Probleme verorte einfach nicht entscheidend. Die Gedanken mögen realitätsfern wirken, aber für mich sind sie es nicht. Sie sind ein Erklärungsansatz für mein alltägliches Leiden am Familienleben in einer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft, das ich nicht länger als individuelles Versagen beurteilen will. Mich erleichtert das irgendwie. Die Gedanken mindern zunehmend meine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie führen zu mehr Selbstakzeptanz und zu Verständnis gegenüber eigenen Gefühlen und Gedanken und gegenüber dem Verhalten meiner Kinder. Das ist gut. Und sie führen zu Vorstellungen von einer alternativen Lebensform, die ich vielleicht vielleicht irgendwann doch noch realisieren kann.

P.S.: Wer mit mir nach Rügen ziehen und einen auf Selbstversorgung machen will, kann sich gern melden ;-)

*
Ich glaube nicht, dass ein Leben in totaler Abhängigkeit von der Natur – also ohne Ackerbau/Viehzucht – irgendwie paradiesisch wäre. Mir ist bewusst, dass das oft ein ziemlich harter Überlebenskampf war/ist, mit Hunger, Kälte und Todesgefahr. Aber vielleicht ist – bei all der Gefahr – genau das eher „artgerecht“? Ich frage mich ernsthaft, ob Eltern indigener Jäger-Sammler-Gemeinschaften Situationen erleben, in denen ihre 2,5-jährigen Kinder auf den (Feld-)Wegen stehen und sich weigern, weiterzulaufen. (Okay, die Mutter hat vermutlich kein Laufrad, keine 3 Rücksäcke, kein Sandspielzeug, keine Verpflegung für den mindestens 15-minütigen Fußmarsch zum Kinder-/Familien-Ghetto dabei,… Aber vielleicht einen Sack mit Feuerholz.) Und „Alleinerziehende“, die auch tatsächlich allein sind, mit ihren Kindern, trifft man in solchen Sozialzusammenhängen wahrscheinlich auch eher weniger an. Vielleicht glorifiziere ich dennoch das „ursprüngliche Leben“ und vermutlich ist das latent rassistisch. Ich versuche, mich im Moment diesbezüglich weiterzubilden (Ethnologie!), erkenne aber zunehmend die absolut notwendigen Grenzen und die problematischen Aspekte. (Siehe survivalinternational.de, Gesellschaft für bedrohte Völker) Ich will hier nicht das Bild der „edlen Wilden“ reproduzieren. Ich will nur den größtmöglichen Kontrast zu unserer modernen Lebensweise zeichnen. 

Vom „richtigen“ Umgang mit Kindern

Das ist doch, worum wir irgendwie alle ringen. Wie sollten wir mit Kindern umgehen? Als Eltern? In pädagogischen Institutionen? als Gesellschaft?

Willst du ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn du mit (deinen) Kindern umgehst? Hast du dich das mal gefragt? Du, Elter? Du, Erzieherin? Du, Lehrerin? Du, Sozialarbeiterin? Du, Kindertherapeutin? Was ist das Ziel, das du im Kopf hast? Was soll am Ende dabei rauskommen, wenn du dir jetzt was wünschen könntest? Welche Art von Menschen siehst du neben dir: Du als alte Omi / alter Opi darfst die Menschen um dich versammeln, auf die du stolz bist, bezüglich derer du guten Gewissens sagen könntest: „Ich hab einen guten „Job“ gemacht.“? Wie sehen sie aus? Wie sind sie? Was tun sie?

Was für Zielvorstellungen hast du im Kopf? Welche Vorstellungen leiten dein Handeln Kindern gegenüber? Was möchtest du – im Idealfall – erreichen? Soll aus den Kindern, die du in einer eine bestimmte Art und Weise behandelst, eine bestimmte Sorte erwachsener Menschen werden? Willst du Mündigkeit erreichen, einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung? Oder hast du Menschen mit einer kritischen Geisteshaltung im Sinn, widerständige, subversive, die nicht einfach mitmachen, die alles hinterfragen? Oder willst du erfolgreiche Menschen, die zum wirtschaftlichen Fortschritt des Landes beitragen? Fleißige, ehrgeizige, kluge, innovative oder wenigstens fleißige und produktive, jedenfalls auf keinen Fall nicht faule, doofe Menschen? Sowas? Willst du, dass die ganzen möglichen Potenziale, die so ein Exemplar der Gattung „Mensch“ womöglich in sich hat, sich entfalten – willst du einen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder, mit denen du jetzt umgehst, später mal Menschen werden, die alles oder wenigstens so viel wie möglich bestmöglich können? Ist dir vor allem wichtig, dass die Menschen später mal gut zurechtkommen, in Wohlstand leben, gesund sind und ein zufriedenes und komfortables Leben führen? Menschen also, die flexibel statt festgefahren, die schlüsselkompetent und anpassungsfähig sind? Oder ist dir eher wichtig, dass Kinder zu vollwertigen, wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden? Willst du, dass aus den Kindern, mit denen du umgehst, Menschen werden, denen es wichtig ist, so wenig Arschloch wie möglich zu sein, wenig Schaden anzurichten und Gutes zu tun? Willst du, dass die Kinder später mal vor allem widerstandsfähig sind, dass sie sich durchbeißen können? Sollten die Menschen, die durch dich beeinflusst werden, im Einklang mit sich und der Natur sein?

Oder willst du genau dieses Denken vermeiden? Willst du gar keine bestimmte Zielvorstellungen im Kopf haben? Ist es dir vor allem wichtig, dass sich das Innere der Kinder frei entfalten kann? Dass sie ihre Neigungen und Talente entdecken und zum Ausdruck bringen können? Dass sie irgendwie möglichst unverzogen und -manipuliert und wenig verstellt und von sich selbst entfremdet heranwachsen, eigene Erfahrungen machen, sich eigene Meinungen vor allem aus sich heraus bilden und sie selbst bleiben? Willst du also glückliche Menschen, die ganz bei sich sind und mit sich im Reinen?

Was ist dieses „erziehen“ überhaupt? Wann fängt „erziehen“ an und wo hört es auf? Wozu ist es gut? Hat Erziehung immer ein bestimmtes Ziel? Und wenn ja, was ist deins? Wie ist das mit der Selbstbestimmung / Individualität auf der einen und der Anpassung / Gesellschaft auf der anderen Seite? Was ist dir wichtiger: Anpassung oder Widerstand? Wie sieht für dich eine gelungene Balance dieser beiden Extreme aus? Und wie ist das mit heute und morgen? Ist das kindliche (er)leben im Hier und Jetzt wichtig? Oder kommt’s vor allem darauf an, was und wie die Erwachsenen sind?

Die Frage ist, wie wir Kindern gerecht werden. Einerseits. Wie kann man mit Kindern umgehen, sodass es ihnen gut geht, was entspricht ihnen? Was brauchen sie? Was ist gut für sie? Wie geht man „richtig“ mit Kindern um – was brauchen sie, was tut ihnen gut, hier und heute, in diesem Moment. Brauchen sie vor allem Selbstbestimmung, Freiheit, machen-lassen? Oder brauchen sie mehr Anleitung, Grenzen, vormachen, Orientierung, Struktur? Und wie soll man darauf kommen, was sie brauchen? Was zeigt uns „japp, das ist genau das, was dieses Kind jetzt gerade braucht.“? Und was ist dann mit sowas wie „Manchmal muss man sie zu ihrem Glück zwingen.“ oder „Das kann sie doch gar nicht einschätzen.“? Worum geht es beim Aufwachsen? Geht es vor allem darum, zu sich zu kommen, sich zu finden und auszuleben, sich selbst zu verwirklichen und dabei so wenig wie möglich gestört zu werden? Sollten wir also einfach nur ermöglichen, dass sich unsere Kinder vielfältig mit den Dingen, die sie umgeben, auseinandersetzen können und gut? Oder geht es vor allem darum, in der Gesellschaft an- und klarzukommen? Ist es also wichtig, dass man sie Maßregelt, ihnen zeigt, was nicht geht und was gut geht?

Was soll sowas wie „Selbstverwirklichung“ sein? Glaube ich an sowas wie ein „wahres Ich“, dass sich entfalten könnte? Und glaube ich daran, dass es möglich ist, das „in sich selbst“ zu finden? Bin ich Bestimmerin im eigenen (inneren) Haus? Kann ich denn alles über mich erfahren? Ist das möglich? Oder bleiben da nicht immer Anteile, über die ich nicht verfüge, die ich nicht erklären, nicht in Worte fassen kann? Vielleicht ist es gerade das, dieser Anteil, den ich nicht erklären, nicht entschlüsseln kann, vielleicht weist gerade das ja wirklich auf sowas hin wie das „wahre Ich“… Vielleicht gibt es das doch. Aber komme ich da ran? Kann ich dieses „wahre Ich“, was ich manchmal fühle, auf den Begriff bringen? Macht das Sinn? Ist unsere allgemeine Sprache dazu geeignet, sowas individuelles – wenn es das denn gibt – auszudrücken? Muss man „sich selbst“, selbst wenn man es wahrnehmen könnte und ausdrücken wollte, nicht zwangsläufig mit dieser allgemeinen Sprache verfehlen? Kann ich mich ausbuchstabieren, mich vollständig transparent machen? Hab ich mich im Griff? Ja, muss man! Das wird uns jedenfalls immer suggeriert: Man muss doch wissen, wer man ist. Man muss doch erklären, warum man das getan hat. Man ist doch jemand ganz Bestimmtes, eine (er)fassbare Einheit, eine Identität… Kann ich wirklich mit Gewissheit erklären, warum ich etwas gemacht, warum ich mich letztendlich für A. und nicht für B. entschieden habe? Sind wir Menschen denn so total rational? Wer spricht da, wenn ich spreche? Wenn ich genau hinschaue, dann merke ich, dass ich schon das Sprechen nicht im Griff hab… Die ersten Sätze kann man sich noch zurechtlegen, aber danach? Selbstläufer. Hat man sich also wirklich im Griff? Und ist dieses – sich Selbst (er)kennen, sich im Griff haben – denn überhaupt ein sinnvolles Menschenbild? Glaube ich an sowas wie absolute „Selbstbestimmung“? Ist es überhaupt möglich, sich von allen äußeren Einflüssen komplett frei zu machen und Urteile einzig und allein aus sich selbst heraus zu fällen? Sind wir nicht immer verstrickt in unsere Beeinflussungen? Sind unsere Beeinflussungen und unser eigenes „Ich“ überhaupt voneinander zu unterscheiden?

Wie gehst du mit (deinen) Kindern um? Woran orientierst du dein Handeln? Was ist dir wichtig? Worauf legst du wert? Wie erziehst du sie? Welche Handlungen machst du? Wie sprichst du mit ihnen? Wie reagierst du auf ihre Gefühlsäußerungen, auch auf die heftigen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was dir nicht passt? Was sind das für Dinge, die dir nicht passen? Und was denkst du, warum es genau die sind, die dir nicht passen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was du gut findest? Was findest du „lobenswert“? Hinterfragst du all das? Oder verlässt du dich auf dein Gefühl und machst einfach? Und wenn ja: Wie geht das? ;-)

Geschwistergedanken (4) nach 2,5 Jahren

Als ich mit T. schwanger war, habe ich mir wirklich viele Gedanken darüber gemacht, wie P. auf die Thronteilung reagieren würde. Ich hatte echt Schiss. P. war (ist) ziemlich aufmerksamkeitsbedürftig und schnell gekränkt. Am Anfang – P. war ca. 3 bei T.s Geburt – war alles dann tatsächlich viel stressfreier als ich dachte. P. war wider meiner Erwartungen sehr, sehr vorsichtig und liebevoll mit und zu T.

Inzwischen ist T. kein Baby mehr. Er wird bald 2 Jahre alt (himmelwiediezeitvergeht!) und liegt nicht mehr einfach nur rum oder klebt an mir dran. T. ist verdammt aktiv, viel mobiler als P. damals, redet dafür aber deutlich weniger. Ziemlich genau jetzt fängt das an, was ich mir damals so vorgestellt habe und was ich auch noch aus meiner Kinderzeit erinnere: „Das ist geeeemeeeeeeeeein, dass T. der Erste ist!“, „Das ist geeeeeeeemein, weil T. mehr hat!“, „Das ist aber mein Schüüüüürm!“. Die streiten sich eigentlich ständig. T. will grundsätzlich alles haben, was P. gerade hat. P. will grundsätzlich alles haben, was T. gerade hat. P. haut T. auf den Kopf, T. haut P. mit dem Schirm. Ich versuche, die beiden das klären zu lassen und mich so wenig wie möglich einzumischen. Andererseits ist T. P. ja eindeutig unterlegen… Muss ich ihm deswegen grundsätzlich helfen? Wenn ich das tun würde, würde P. sich sofort zurückgesetzt fühlen.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mich als Kind immer ungerecht behandelt gefühlt habe. Grundsätzlich immer. Die realen Verhältnissen waren dabei gar nicht ausschlaggebend. Ich hatte zum Beispiel lange ein riesiges Zimmer, mein Bruder nur eine Kammer. Tatsächlich ist sowas aber gar nicht der Punkt. Dieses sich ungerecht behandelt-Fühlen ist vermutlich eher Ausdruck von Angst. Jesper Juul hatte das, glaub ich, mal irgendwo so anschaulich beschrieben, indem er meinte, man solle sich vorstellen, der Partner würde einen anderen Menschen mit nach Hause bringen und sagen „Du, x wohnt ab jetzt mit bei uns, ich liebe jetzt nicht mehr nur dich, sondern x auch, aber hey!, keine Angst! Ich liebe dich genau so wie x.“ – schwierig. Und tatsächlich bringt es auch gar keine Erleichterung, wenn man in diesen Situationen auf die realen Verhältnisse hingewiesen wird („Ihr habt doch beide das selbe.“). Darum geht’s irgendwie nicht. Man hat diese Gefühle ja nicht unter Kontrolle, die sind nicht rational und deshalb können rationale „aber schau doch mal“-Argumente auch nichts dagegen ausrichten. Und trotzdem sage auch ich manchmal sowas zu P. und verstehe diese Sprüche, Rationalisierungsversuche und Genervtheit meiner Eltern um einiges besser.

Was könnte ich denn sagen oder tun, um P. in der akuten Angst-Situation… hmmmm… aufzufangen? In meiner eigenen Erinnerung zu kramen bringt nur bedingt etwas… Was hätte mir damals gut getan? Ich versuche, zu verhindern, dass wir sowas wie „Das ist doch Quatsch!“ sagen. Denn das ist echt verletzend und macht alles noch schlimmer. Dann fühlt man sich zusätzlich zu dem doofen Gefühl nämlich auch noch als falsch-Fühlerin, merkt aber, dass das Gefühl dadurch nicht verschwindet, dass man also gar nichts dagegen tun kann. Das bringt ein echtes Dilemma mit sich: Hier ist mein Gefühl und da sind meine Eltern, die sagen, dass mein Gefühl „Quatsch“ ist. Das Gefühl geht aber nicht einfach weg. Dass die Eltern falsch liegen, schreit und weint man dann als Kind gern raus… Was zu noch mehr Genervtheit ihrerseits führt. Tatsächlich ist es aber wahrscheinlich unmöglich, seine Eltern in dem Alter komplett abzulehnen oder das, was sie sagen. Vermutlich ist man noch viel zu sehr verbunden und abhängig von ihnen. Also verinnerlicht man, dass mit dem eigenen Fühlen irgendwas nicht in Ordnung ist. Und das will ich P. auf gar keinen Fall vermitteln. Ich versuche also manchmal, offensiv auf das einzugehen, was ich dahinter vermute. Ich sage ihr sowas wie „Hey, ich hab dich lieb“ oder frage „Hast du gerade Angst, dass wir T. lieber haben als dich?“, was sie meist bejaht, und sage ihr, dass es mir auch so ging, als ich klein war. Das scheint ein bisschen zu helfen. Tatsächlich ist das angesichts der krassen Gefühlsausbrüche von P. oft gar nicht so leicht, verständnisvoll zu reagieren… Denn das triggert mich zuweilen enorm. (Den Artikel über den Umgang mit diesen heftigen Gefühlsäußerungen von Kindern hab ich immer noch rumliegen, aber nach wie vor nicht fertig.)

Puh, es ist schon echt manchmal hart, damit „cool“ umzugehen… Vor kurzem hat K. T. ins Bett gebracht und ihn gerade in den Schlaf geschuckelt. (Für P. war das gerade eine sehr K.-lastige Woche.) P. wollte ins Kinderzimmer stürmen, um K. rauszuholen, ich hielt sie davon ab, sagte, dass ich mit ihr ins Bad gehen kann. P. warft sich mit verschränkten Armen auf den Boden und sagte „Aber ich hab Papa lieber!“. Danach brach sie in Tränen aus und warf sich in meine Arme… Mir kam es vor, als fänd sie das selber irgendwie Mist, dass es so ist. Und Alter, ja, sowas tut echt weh! Wie soll man denn da bitte drauf reagieren? Ich meinte sowas wie „Das ist okay, aber es macht mich trotzdem irgendwie traurig.“ – der Inbegriff dieses schwierigen Spagats: Verständnisvoll und authentisch sein wollen. Wie kann ich verständnisvoll sein, wenn ich einfach total wütend oder meine Nerven echt am Ende sind? Wie kann ich authentisch sein, wenn ich in einer Situation eigentlich schreien will „Lass mich jetzt in Ruhe mit deinem Scheiß!“? Später erklärte sie mir: „Das ist einfach so, ich weiß auch nicht warum.“ und dass sie so traurig war, weil K. bei T. war… Sie dachte, er hat T. lieber als sie. An einem anderen Tag stritten, heulten, brüllten die beiden fast eine halbe Stunde darum, wer auf meinem Schoß sitzen darf.

Gestern hat P. T. gerettet. T. war so seltsam auf die Heizung geklettert, dass der Kopf schon ziemlich weit aus dem Fenster guckte. P. hielt ihn fest und rief uns. Wir erklärten ihr, dass das sehr gut war. Das machte sie stolz, sehr sogar. Und für den gesamten Tag gab es keine weitere Eifersuchts-Streierei. Im Gegenteil, sie waren ein Herz und eine Seele, spielten gemeinsam, jagten sich durch die Wohnung und kuschelten sich abends zusammen in ihr gemeinsames Bett. Bei P. gibt’s da gerade nur entweder-oder, wuterfüllter Hass oder überschäumende Liebe.

Aktivitäten zu vereinbaren ist auch nicht immer leicht: Für viele Dinge, die mit T. cool wären, ist P. schon zu groß. Viele Dinge, die mit P. jetzt gehen, ist T. zu klein und er funkt immer dazwischen (Spiele spielen zum Beispiel). Challenge: Finde immer etwas, was für beide cool ist. Gerade sind das z.B. Spielplätze – ich hasse Spielplätze! Aber so what… Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass jeder von uns Zeit allein mit P. hat. Und im Moment ist K. bei P. mehr am Zug als ich. Vielleicht sollte ich darauf vermehrt achten.

Ich merke auch in mir etwas, was sicher auch meinen Eltern so ging: T. ist einfach (im Moment noch) sehr viel entspannter als P. Er hat meist gute Laune, ist fröhlich und insgesamt nicht so wahnsinnig sensibel wie sie. P. hat gerade eine Phase, in der sie schnell weint und wütend über Dinge ist, die für uns wirklich schwer nachvollziehbar sind. Sie redet ständig in diesem echt anstrengenden Befehlston mit uns, verdreht die Augen, brüllt und kreischt uns an usw. Ich arbeite an mir, ihr Verhalte nicht (negativ) zu (be)werten, aber oft bringt mich das echt an meine Grenzen. Ich kann (und will) mich einfach nicht ständig anbrüllen oder rumscheuchen lassen… Und irgendwie will ich ihr das auch zeigen. Aber dann fühlt sie sich doch wieder abgewertet… Ich war auch ein forderndes Kind. Und mein Bruder im Vergleich dazu gerade phlegmatisch. Dieser Umstand sollte aber nichts am Verhalten den Kindern gegenüber ändern. Und das empfinde ich als echte Herausforderung. Ich versuche jeden Tag unvoreingenommen anzufangen und P. nicht von vornherein als „das anstrengende Kind“ zu sehen. Aber ich merke, dass es mir an manchen besonders ausbruchsgeladenen Tagen echt nicht leicht fällt.

Hach ja, da ist sie wieder, diese schwierige Gratwanderung zwischen den eigenen Grenzen und Baustellen auf der einen und dem Anspruch, seinen Kindern Rückhalt und sicherer Hafen sein zu wollen auf der anderen Seite. Mich erdrückt das manchmal so sehr, dass ich mich eigentlich nur noch dazu im Stande fühle, mich auf die Couch zu legen und an die Decke zu starren. Nicht denken, nicht reflektieren, nicht schuldig fühlen, nicht angesprochen werden, nicht gefordert sein, nicht reagieren, nichts müssen.

“Ich wollte aber Erster sein!” – Revisited

Im Mai habe ich davon berichtet, dass P. eine schwer zu ertragende Macke entwickelt hatte, die unseren Alltag echt erschwert hat: Sie wollte immer bei allem die Erste sein. (Das Ganze Dilemma hier)

Drei Monate Vier Monate Sechs Monate später will ich kurz berichten, wie sich das entwickelt hat, weil es mich nämlich echt nervt, dass im Netz ständig die Antworten, Fortsetzungen und Entwicklungen zu irgendwelchen verzweifelten Berichten und Fragen fehlen.

Ich weiß nicht mehr wie oder wann das genau passier ist, aber: Es hat sich erledigt. Irgendwann hat sie es einfach nicht mehr gemacht. Sogar schneller als erwartet, nur einige Wochen nach dem Post war’s vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendeinen bestimmten Trick angewandt hätten oder so… Es war dann einfach kein Thema mehr.

Heute spielt das nur noch manchmal eine Rolle, wenn ich gern hätte… ächem… dass irgendetwas schneller geht. Sie sich schnell ausziehen, ohne Umwege ins Bad kommen oder Zähne putzen soll oder so… „Mal sehen, wer als Erste im Bad ist.“ – und das will dann schon immernoch sie sein. Rückfälle gibt’s bisher nicht zu beklagen.

Dafür singt und/oder redet sie jetzt. Von. früh. bis. spät. Das heißt: ununterbrochen. Und sehr laut. Und zwar dieses Lied:

 

Nun ja…. Man kann nicht alles haben, ne? :-D

Hafen sein wollen, widersprüchliches und abendliche Aussprachen

Es fällt mir nicht immer leicht, das „Erziehen“. Ich habe Ansprüche an mich als „gute Mutter“ und natürlich schaffe ich es nicht, denen immer zu entsprechen. Ich habe diese Ansprüche an mich selbst, weil ich denke, dass die frühkindliche Phase für das Werden eines Menschen tatsächlich ziemlich bedeutsam ist. Bindungstheorie, Freud und so. Aber man weiß halt nicht so ganz genau wie die Zusammenhänge aussehen. Die Zusammenhänge sind nicht direkt, nicht eindeutig… Klar, sowas wie Schlagen, Anschreien oder permanent links liegen lassen, dauerhaft vor der Glotze parken wirkt sich höchstwahrscheinlich negativ aus. Soviel scheint sicher zu sein und versteht sich irgendwie von selbst. Aber ein paar Stufen unterhalb von (relativ) eindeutig identifizierbarem Arschloch-Elternverhalten sieht’s schon nicht mehr so eindeutig aus.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema ‚Ernährung‘: Die meisten Eltern wollen vermutlich, dass ihre Kinder „vernünftiges Zeug“ essen. Ich auch. Davon mal abgesehen, dass unter „vernünftige Ernährung“ vermutlich jeder etwas anderes versteht, denken bestimmt dennoch viele an sowas wie Gemüse (und davon möglichst viel) und Süßkram (und davon möglichst wenig). Soweit so einfach. Wir sind aber nicht in der Wissenschaft, in der wir „Phänomene“ schön einzeln voneinander getrennt betrachten können, wir sind im Leben und da greifen Dinge bekanntlich heftigst ineinander. Da haben wir also das „Mein Kind soll gute Sachen essen“ – mal abgesehen von der Frage, woher wir diese Norm nehmen – einerseits und andererseits Dinge wie „Ich will mein Kind so wenig wie möglich bevormunden“, „Ich will mit meinem Kind nicht ständig meckern / es nicht ständig ermahnen“, „Ich will mein Kind nicht nerven“, „Mein Kind soll sich (und z.B. seinen Geschmack) selbst kennenlernen, möglichst frei entfalten können“. Und schon fühle ich mich latent überfordert. Also versuche ich loszulassen und mein Kind sein Essen weitgehend selbst bestimmen zu lassen. Resultat? Mein Kind will z.B. jeden Tag Eis und unendlich viel Süßkram essen. Außerdem isst mein Kind (Klischee!) kein Gemüse. Also gar keins. Ich versuche mich selbst zu kontrollieren, erwische mich aber dabei, dass ich es ihr doch immer wieder versuche anzudrehen – „Jetzt koste doch wenigstens mal“ – und an schlechten Tagen grantig werde, weil sie selbst das Kosten verweigert.

Noch ein Beispiel: Heul-Tage. Es gibt ja diese Tage, die fangen schon morgens mit Heulerei an und das zieht sich dann durch den ganzen Tag. Heulen, weil der Ärmel im Kleid nach innen gekrempelt ist. Heulen, weil der Schuh nicht anzuziehen geht, ohne den Reißverschluss aufzumachen. (Heulen, weil man den Reißverschluss aber partout nicht aufmachen möchte!) Heulen, weil man sich den Fuß stößt. Heulen, weil man nicht Haare kämmen will. Heulen, weil man sich vollgekleckert hat. Heulen, weil man irgendwas will, es aber nicht bekommt… Und so weiter. Anspruch? „Ich will mein Kind annehmen, mit all seinen Emotionen.“ Ich verstehe sie ja! Kind sein ist einfach manchmal echt hart. Man stelle sich vor, jemand würde uns unerfahren in ein Mikrobiologie-Labor stellen und sagen „Mach mal“. Mit zwei geschienten Armen. Und Augenklappen. Oder so. Klappt halt oft alles nicht… Man kann den Frust der Kinder ja verstehen und manchmal geht es ihnen wahrscheinlich auch einfach scheiße. Geht uns ja auch so. Aber dann überfährt uns die Realität… Die tickende Uhr am Morgen, der Stress, den ich automatisch empfinde, weil die Zeit jeden verdammten Morgen so erbarmungslos gegen uns läuft. Und dann? „Mensch, warum heulst du denn heute wegen jeder Kleinigkeit?“ Badautz.

Was ist denn eigentlich das Problem? Wir sind super-reflektierte Eltern, engagiert und gewillt, gut mit unseren Kindern umzugehen. Wir wollen mitfühlend und super sein, Verständnis haben, gelassen bleiben… Wir verstehen das Verhalten der Kinder gut und… werden unseren Ansprüchen trotzdem oft nicht gerecht. Warum? Warum raste ich trotz all der guten Vorsätze so oft aus? Warum bin ich so ungeduldig, wenn es um den an/ausziehen-Zähne putzen-waschen-Haare kämen-Krampf geht? Warum hat die Dauer-Heulerei, das Geschrei, das Wegrennen, dass immer alles ewig dauert so ein enormes Potenzial, mich um den Verstand zu bringen? Manchmal denke ich mir: „Okay, mal angenommen, alles hat irgendwie einen Sinn… 45 Minuten (Minimum!), um die ganze Familie ausgehfertig zu machen… Jeden verdammten Morgen! Schuhe an, Schuhe wieder aus, Schuhe an, Schuhe wieder aus, „Ich will andere Schuhe anziehen“, Schuhe wieder aus, „die sind zu ängääää!“ – LIEBER HIMMEL! WOFÜR SOLL DAS BITTE GUT SEIN??? Wenn das ein Test ist, was soll er mir beibringen?“ Meine These: Kinder werden alle kurz nach der Geburt von einer Psychotherapeuten-Pharmaindustrie-Mafia hypnotisiert, um uns während des Aufwachsens zu tyrannisieren und ihnen eine stetige Patientenschaft zu garantieren! Jawohl!

 

Zurück zum Ernst: Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt ist vielleicht Kontrolle bzw. Kontrollverlust. Plan vs. Ausführung. Wir wachsen auf, lernen uns und die Welt kennen und lernen, unsere Tage, unser Leben, unser Wollen zu strukturieren. Wir verinnerlichen Abläufe. Dann kommen Kinder und unser „Modus Vivendi“ – unser Art, das Leben zu handeln – wird gestört, wir haben’s nicht mehr unter Kontrolle, gleichzeitig sind wir aber verantwortlich. Vielleicht macht uns das Angst, wütend, hilflos… Vielleicht fällt es uns deshalb manchmal so schwer, ruhig zu bleiben.

 

Wir Eltern haben Verantwortung für diese kleinen Menschen. Wie wir uns im Alltag ihnen gegenüber verhalten wirkt sich wahrscheinlich sehr stark darauf aus, wie sie später klarkommen mit sich und der Welt, ob sie sich selbst annehmen oder ständig mit Selbstzweifel zu kämpfen haben zum Beispiel. Deshalb will ich, dass wir „gute Eltern“ sind. Und das heißt für mich nicht, dass die Wohnung glänzen soll, alles ordentlich ist und ich die geilste Torte fürs Kita-Sommerfest backe. „Gute Mutter“, das heißt für mich eher: verständnisvoll sein und für meine Kinder da sein. Ich will, dass sie sich sicher und angenommen, geborgen und wohl fühlen. Ich will, dass sie lernen, dass sie mit ihren Problemen immer zu uns kommen können. Ich will, dass sie sich nicht alleine fühlen. Meine größte Sorge ist die Psyche meiner Kinder – ihre seelische Konstitution, quasi. Meine größte Sorge sind die Prägungen durch mein, durch unser Verhalten. Ich will ihnen ein sicherer Hafen sein. Ich will nichts (wichtiges) falsch machen. Ich will mir später nichts (schlimmes) vorwerfen müssen. Ich möchte, dass meine Kinder gut zurechtkommen mit sich selbst.

Ich habe nicht erwartet, dass mir dieser Anspruch so viele – die größten – Zweifel und Befürchtungen bringen würde. Ich war schon vorher Grüblerin mit einer Tendenz zur Selbstzerfleischung. Mein So-Sein, mein Handeln, mein Denken… Ich pflücke – fast zwanghaft – alles auseinander, analysiere, zerdenke mit dem Ziel, zu optimieren… Kombiniert mit gefräßigem Selbstzweifel = Aua. Und echt anstrengend. Ich will mich und die Welt verstehen und besser – oder vielmehr: richtig – machen, bei vollem Bewusstsein, dass es „richtig“  gar nicht gibt. Die Verantwortung für das Wachsen und Werden meiner Kinder hat diese anstrengende Selbstbefragung noch einmal auf eine neue Ebene gehoben. Denn jetzt hat das, was ich tue, wie ich mich verhalte, tatsächlich weitreichende Konsequenzen. Es ist ziemlich herausfordernd, „eine gute Mutter“ zu sein, wenn man allgemein dazu neigt, sich falsch zu fühlen.

Es ja nicht so, dass Eltern mit der Geburt ihrer Kinder automatisch einen Zentner „Know how“ mehr drauf haben. Und auch eine Extra-Portion Nerven oder Geduld bekommen wir nicht mit der Baby-Box geliefert. Wahrscheinlich ist den meisten Eltern anfangs gar nicht klar, wie sehr Kinder einen an seine Grenzen bringen können… Wie sehr uns das Elternsein zeigt, wie wir wirklich sind. Nichts da mit smart und cool und lustig-locker… Ja, Alte! Sieh’s halt ein! Du bist ungeduldig, egozentrisch, viel spießiger als du angenommen hast und ehrlich gesagt ziemlich faul! Du bist nichts weiter als ein nerviger, einfacher Mensch. Den eigenen Kindern kann man m.E. nicht die ganze Zeit irgendwas vorspielen. Man kann sich nicht die ganze Zeit „von seiner besten Seite“ zeigen. Und wenn man es versucht, wird es immer Momente geben, in denen die Maske blättert und die Kinder aus allen Wolken fallen.

Dass Kinder Erwachsene mit ihrem unangepassten, oft vermeintlich nicht gesellschaftsfähigem, auf die Uhr und dem ganzen postmodernen Lebensstil scheißenden Verhalten so sehr an ihre Grenzen bringen können, ist vermutlich auch der Grund, warum viele Erwachsene sich (wohl meist unbewusst) so deutlich und fast lachhaft offensichtlich versuchen sich von ihnen abzugrenzen. Die Mutter, der Vater, die Großmutter, die/der von sich selbst als „die Mutti“, „der Vati“, „die Omi“ spricht… „Die Omi muss mal kurz auf Toilette und ist gleich wieder da.“ Die Erzieherin mit dem komisch gekünstelten Tonfall: „Neeeeeein Leon, leg das mal wieder hin, leeeeg das mal wieder hin, Leon. Die Biene hat NEIN gesagt!“ Leute, die mit Kindern so reden sind nicht real, nicht authentisch, nicht aufrichtig den Kindern gegenüber. Sie spielen – mal mehr, mal weniger – eine Rolle, die „Erwachsener zu Kind“-Rolle. Kinder können uns unwahrscheinlich triggern und sie rühren rütteln reißen damit am Selbstverständnis und Selbstbild, an den Ansprüchen, Idealen, am „Über-Ich“ der Erwachsenen. Ich denke, viele Menschen können und wollen das einfach nicht zulassen. Das ist wohl der Grund für die unbewussten Abgrenzungsversuche. Sie lassen die Kinder einfach nicht wirklich an sich ran. Sie wechseln in die dritte Person statt von sich als „ich“ zu sprechen. Sie machen sich zu. Ein höchst interessantes Phänomen. (Der gute Jesper Juul spricht das auch gern an und betont die Wichtigkeit einer persönlichen Sprache, wenn man eine von Aufrichtigkeit geprägte Eltern-Kind-Beziehung anvisiert.)

Zu meinem Anspruch an mich als „gute Mutter“ gehört jedenfalls auch, authentisch und ehrlich zu sein. Und da sind wir vielleicht auch bei den Kern-Widersprüchen. Meine Kinder sollen mich kennen bzw. als ganze Person kennenlernen. Ich will Mutter sein mit meinem ganzen Ich, ich will keine Rolle spielen. Aber ich bin ein verkopfter jemand mit Selbstzweifeln und Optimierungszwang. Und als Mutter ist man schließlich nicht zuletzt auch Vorbild. Daraus ergeben sich Widersprüche und schwierige Fragen: Bin ich in dem Moment, in dem ich mein Handeln und Verhalten – auch und vor allem meinen Kindern gegenüber – hinterfrage und „optimiere“ überhaupt noch authentisch? Widersprechen sich Selbst-Reflexion, -überarbeitung und Authentizität? Kann und sollte man seinen Kindern wirklich alles von sich zeigen? So richtig authentisch und ehrlich wäre es in meinem Fall zum Beispiel ehrlicherweise, vor meinen Kindern auch meine zum Teil starken Selbstzweifel nicht zu verbergen. Aber wäre das richtig? Ich möchte nicht, dass sie mich so stark zweifelnd erleben. Wie könnte ich ihnen dann Sicherheit und Stabilität vermitteln? Ich habe Freundinnen erlebt, deren Eltern ihre seelischen Qualen, ihre zum Teil echt schlimme Vergangenheit sehr stark mit ihren Kindern geteilt haben… So gesehen waren sie sehr offen und haben wenig vor ihnen verborgen. Aber diese Kinder haben gelitten. Und ich meine echt gelitten. Sie hatten einen ordentlichen Knacks weg. Der Psyche hat diese Offenheit ganz offensichtlich überhaupt nicht gut getan.

Was soll man aber nun tun, wenn man „nicht ganz richtig tickt“? Wir sind keine Eltern-Roboter, auch wenn viele versuchen, welche zu sein. Wir sind nicht perfekt, wir laufen nicht tadellos, wir sind fehlerhaft. Eigentlich sollten wir noch nicht einmal versuchen, Pädagogen zu sein, sondern „einfach“ wir selbst. Was aber tun, wenn zum Selbst gehört, an sich zu zweifeln, das eigene Handeln zu hinterfragen und ganz allgemein mit sich im Unreinen zu sein? Einfach an das Bauchgefühl oder die Intuition zu appellieren funktioniert nicht, wenn man eben diesen Buddies tief misstraut. Und trotzdem muss man ja handeln.

Wie gehe ich  Wie gehen wir damit um?

1. K. und ich besprechen, was uns bzgl. unserem Verhalten gegenüber den Kindern wichtig ist und auch über herausfordernde Situationen, die wir nicht so einfach zufriedenstellend lösen können. Wir besprechen Alternativen und Prioritäten. Wir reden zum Beispiel auch darüber, was unsere Kinder auf uns in der und der Situation für einen Eindruck gemacht haben und gleichen das ab, schätzen es ein. Wir reden darüber, dass wir mit dem und dem in Zukunft anders umgehen wollen. Das ist gut und hilfreich. Das fühlt sich nach Partnerschaft an und geht meist ganz ohne Vorwürfe. Es ist ehrlich und aufrichtig und konstruktiv. Meistens jedenfalls.

2. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Meiner Meinung nach ist das eine enorm (ENORM!) wichtige Sache. Viel zu wenige Erwachsene sind Kindern gegenüber dazu in der Lage. Und das lässt tief blicken, finde ich. Wenn eine Situation nicht gut bzw. aus dem Ruder lief und wir uns danach irgendwie doof oder verantwortlich dafür fühlen, entschuldigen wir uns. Wir entschuldigen uns zum Beispiel, wenn wir uns vor den Kindern laut und unschön gestritten haben und erklären P., dass sie nicht dafür verantwortlich ist. Wir entschuldigen uns, wenn wir sie angeschrien haben oder wenn wir ungerecht waren. Wir entschuldigen uns, wenn wir zu spät zur Kita kommen oder wenn wir etwas Wichtiges vergessen haben. (‚Entschuldigen‘ ist btw ein blöder Begriff… Wir sagen „es tut mir leid, das war nicht okay von mir.“)

3. Wir achten darauf, dass wir unsere Kinder bzw. die Gefühle unserer Kinder grundsätzlich ernstnehmen. Ich achte zum Beispiel darauf, Sätze zu vermeiden wie „ist doch nicht so schlimm“ oder „ist doch nichts passiert“. Das sind beschwichtigende „wieder gut“-Sätze, die einem als Erwachsener schnell rausrutschen, wenn das Kind „Drama macht“ und die wohl irgendwie tröstend sein sollen, die meiner Meinung nach aber eigentlich die „Integrität“ des Kindes verletzen, denn das eigentliche Ziel ist doch „die Störung“ (des Plans, des Ablaufs, …) zu beseitigen. Hier bin ich wieder ganz bei Jesper Juul. Stellt euch vor, ihr sitzt Zuhause, weint wegen irgendwas und euer Partner kommt rein und sagt „Ist doch nicht so schlimm!“. Na danke auch. Jesper Juul hat irgendwo mal geschrieben, dass man sich bezüglich des Verhaltens gegenüber seinem Kind nur fragen müsse, ob man sich seinem besten Freund gegenüber auch so verhalten würde, dann erklärte sich das meiste problematische Erziehungsverhalten von selbst. Das haut nicht immer hin, ist aber trotzdem eine hilfreiche Richtschnur.

Und nein, ich halte das nicht immer durch, wie oben schon geschrieben. Mir ist aber wichtig, mein „Fehlverhalten“ nicht einfach zu übergehen und meistens denke ich wirklich daran, das auch P. gegenüber zu äußern – siehe 2. und 4. – und so ihre Integrität wieder ein stückweit herzustellen. Ich bilde mir ein, meinen Kindern damit einerseits zu zeigen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache – also kein Elternroboter, sondern authentisch bin, gleichzeitig aber Fehler einsehe und dafür die Verantwortung übernehme, was ich für ein ganz gutes Vorbild halte. Andererseits kann ich so gleichzeitig meinem Anspruch an mich selbst (reflektierte, verständnisvolle Mutter usw.) dennoch ein stückweit gerecht werden. Man muss nur darauf achten, dass das für einen selbst nicht zur Absolution von Arschlocheltern-Verhalten wird. (Wenn ich mein Kind in Wut-Momenten ständig schlage und mich danach entschuldige, macht es das wohl auch nicht viel besser.)

4. Aussprachen. Abends vor oder nach dem Vorlesen sprechen wir mit P. Über den Tag, was wir gemacht haben, was sie gemacht hat, was wir doof fanden, was wir gut fanden, ob wir mal traurig oder froh waren, uns mit jemandem gestritten haben, sauer waren usw. Das „Was hast du gemacht?“ geht schon länger ganz gut, bestimmt seit sie 3 oder 3,5 ist. Das stärker reflektieren geht erst seit kurzem, etwa seit ihrem 4. Geburtstag. Seitdem kann ich sie auch fragen, ob es etwas gibt, was ich oder Papa gemacht haben, was sie doof fand. Ob es etwas gibt, was sie sich anders wünscht. Das klappt erstaunlich gut. Es ist schön zu hören, dass sie meist sagt „Nein, es soll alles genau so sein wie es ist, es soll nichts anders sein.“ und mir als von Selbstzweifeln geplagte gibt das wirklich eine gewisse Ruhe. Und es ist erleuchtend und bedrückend zugleich, wenn sie sagt „Ich wünschte, du und Papa würden weniger streiten.“

Aber auch ich nutze diese Aussprache-Momente, um ihr Sachen zu sagen, die mich stören, nerven oder ärgern. Zum Beispiel, wenn sie beim Essen immer so viel rumrennt anstatt ein bisschen mit bei uns zu sitzen. Das ist echt super, in mehrfacher Hinsicht. Es entsteht dadurch eine Gegenseitigkeit, beide erzählen was, beide kritisieren was. Sie sagt mir etwas und sieht, wie ich „die Kritik“ annehme und dadurch ist es ihr möglich, das nachzuahmen und auch die Kritik anzunehmen, die ich an sie herantrage. Außerdem führt es dazu, dass ich im Laufe des Tages, in dem es ja viele kleine Situationen zum Meckern gibt, häufig mal innehalte und mir denke „Mach ich heute Abend“ – bis dahin sind viele Kleinigkeiten verflogen und nur Dinge, die sich bis dahin halten, werden dann tatsächlich ausgesprochen. Effekt? Man entkommt diesem Mecker-Kreislauf. Mir fällt oft auf, dass Eltern eigentlich nur am Ermahnen und meckern sind. Das will ich nicht und kann ich so ein bisschen eindämmen.

5. Rollenspiele. Wenn ich mir gar nicht sicher bin, was eine Situation mit P. macht oder ob sie mit was zu tun hat, und ich auch über Reflektionsversuche (siehe 4.) nicht an sie herankomme, spiele ich mit ihr. Seit kurzem geht Playmobil gut und das ist dafür sehr hilfreich. Ich habe zum Beispiel mal mit ihr Vater-Mutter-Kind gespielt und im Spiel eine Streit-Szene der Eltern inszeniert. Ich habe die Elternrollen übernommen, sie war das Kind. Ich fragte sie: „Und was denkt das Kind, wenn die sich so streiten?“ und war so überrascht von der Klarheit ihrer Antwort: „Sie denkt, dass die beiden sich nicht mehr lieb haben.“ – Rollenspiele können einem wirklich einen tiefen Blick ins innere der Kinder ermöglichen.

 

Vielleicht klingen diese Sachen für die ein oder anderen verkopft, verkrampft und unlocker. Ist aber im Alltag gar nicht so. Gerade die Aussprachen genießt P. inzwischen sehr und besteht auch darauf. Ich finde es super, so viel über mein Kind zu erfahren. In den Gesprächen ist Raum für so vieles, worüber ich sonst gar nichts wissen würde. Außerdem ist es wahrscheinlich das, was so gern „quality time“ genannt wird. Wir kuscheln, reden, haben keinen Stress und sind uns nah.

 

Das ändert nichts daran, dass ich immernoch zweifle und Baustellen habe, bei denen ich noch keine Lösung gefunden habe, zum Beispiel wenn es um die Frage geht, wie viel Zeit soll/will ich wirklich aktiv mit meinen Kindern verbringen (spielen, Bücher vorlesen, Geschichten erzählen, usw.), wie viel mache ich meinen Kram bzw. Haushalt und sie laufen mit bzw. müssen sich selbst beschäftigen. Hier ist Abgrenzung nötig, aber ich schaffe die nicht ohne schlechtes Gewissen und mulmige Gefühle. Dann sitze ich am Rechner und bearbeite meinen Text, während sie sich im Zimmer beschäftigt und der Frage-Zirkel geht von vorne los: Ist es okay, dass ich das jetzt mache? Wie lange / oft kann ich darauf bestehen? Welches Signal ist das für die Kinder? Was macht das mit ihnen? Wird ihnen das „schaden“? Warum habe ich dieses schlechte Gewissen? Woher kommt das? Aus mir? Durch die Normen „der Gesellschaft“? Wenn es sich „falsch“ anfühlt, heißt das nicht, dass es falsch ist und ich es lieber lassen sollte? Warum kann ich das nicht einfach machen ohne mich das zu fragen? und so weiter und so weiter…

Schon Erasmus von Rotterdam (1466/69 – 1536) hat gesagt, dass zu viel Denken nicht glücklich macht – „Steht mir also ein wenig zur Seite, ihr Töchter des Zeus, indes ich meinen Beweis führe, daß keiner zu jener (…) Burg der Glückseligkeit gelangt ohne das Geleit der Torheit“ -, aber wie stellt man es ab, wenn es einen zu sehr quält?

(P. ist 4, T. ist 1 Jahr alt.)

T. ist 1… Und P. 4 ! (oder: Kinder, wie die Zeit vergeht!)

T. wird schon nächste Woche ein Jahr alt! Dabei ist seine Geburt doch noch gar nicht so lange her… Herrje. Was hatte ich vor einem Jahr zu der Zeit die Schnauze voll vom Schwangersein (Beweise? Hier!). Zu meiner präpartalen Ungeduld wollte ich auch noch einmal was schreiben, rückblickend quasi. Ob es auch sowas wie Schwangerschafts-Burn-Out gibt? (Eine gute Freundin von mir ist übrigens gerade relativ frisch-schwanger und bloggt darüber auf http://huegelkueken.wordpress.com/. Schaut doch mal rein!)

Dieses ständige Rumwundern über das irre schnelle Großwerden der Kinder. Geht das eigentlich allen Eltern so? Mein „Ach, die Zeit rast ja so! Sie werden so schnell groß“-Gelaber ist der Teil meiner Erzählungen vom Elternleben, bei dem meine kinderlosen Freunde in der Mehrzahl heimlich so ein bisschen die Augen verdrehen, glaub ich… Das klingt ja auch befremdlich altbacken. Aber es ist doch so! Vorher – also bevor man Kinder hatte – sah man die Zeit einfach nicht so eindeutig vergehen, oder? Ständig muss man sich von Phasen verabschieden, oft kann man gar nicht so viel mitnehmen wie man möchte – darüber hatte ich ja auch schon mal geschrieben (Melancholy-Mom).

Obwohl. Eigentlich fühlt es sich ja eher an wie ein Zeit-Paradox. Einerseits kommt es mir vor als würde die Zeit rasen und ich kann gar nicht glauben, dass Schwangerschaft und Geburt schon wieder ein Jahr her sein sollen, dass T. ab Oktober in der Krippe betreut wird und ganz bald läuft und spricht. P. wird im Oktober 4 – V I E R! – Jahre alt. Schule ist gar nicht mehr so weit weg. Ich studiere im fünften Semester Erziehungswissenschaften. Ich gehe auf die 30 – D R E I S S I G! – zu. Andererseits ist auch viel passiert in diesem Jahr. Viele Phasen, Hochs und Tiefs liegen hinter uns. Die Schwangerschaft, die erste Zeit mit klein-T… Das kommt mir dann doch irgendwie vor als wäre es Lichtjahre entfernt vom Jetzt.

Und die Moral von der Geschicht? Nichts weiter. War nur mal so in den Raum gedacht… Höhö ;-)

Hey P.,

weißt du, so langsam bist du ein „richtiger Mensch“… Also natürlich bist du von Anfang an ein „richtiger Mensch“ gewesen, aber… jetzt redest du, erinnerst dich, findest gut, findest doof… Du drückst dich aus, bist impulsiv, kannst wertschätzen und abwehren, wenn du was nicht willst und all das. Du wirst… Du bist du… Mit allem drum und dran.

Es ist – ehrlich gesagt – oft ziemlich anstrengend für mich, Mutter zu sein. Aber das liegt überhaupt nicht an dir oder dass du „falsch“ bist, denn du… du bist super, genau so wie du bist. Es liegt einfach am Leben. Daran dass wir – auch ich – in diesem Jahr ständig krank sind zum Beispiel. Und mit krankem Körper geht das alles einfach nicht so leicht. Und es liegt auch daran, dass neben euch ja auch noch andere Dinge „dran“ sind. Studieren, Arbeiten, Haushalt erledigen, Nachdenken, die Welt verändern wollen, …

Wenn du mal groß bist, erwachsen meine ich, dann rate ich dir: Binde dich nicht schon so früh an eine so große Verantwortung, sondern leb erstmal ein bisschen dein Leben. Erkunde dich und die Welt. Lern fremde Länder kennen, lies viele Bücher, mach ganz eigene, selbstbestimmte Erfahrungen! Wenn du Kinder hast, stehen sie an erster Stelle und das Leben ist ganz plötzlich… fremdbestimmt. So wahnsinnig viele Verpflichtungen kommen dann auf dich zu, das kann ganz schön erdrückend sein. Du kannst dann zum Beispiel kaum noch einfach in den Tag hineinleben.  Mal schauen, was heute so bringt… Das ist dann nicht mehr. Du kannst nicht spontan mal weg. Du kannst einfach nicht mehr tun, wie und was du tun willst. Du denkst und lebst nicht mehr nur für dich allein, sondern deine Familie – deine Kinder – und ihre Bedürfnisse bestimmen wahnsinnig viel von dem, was dran ist.

Hey, Schatz… Versteh mich nicht falsch – ich bereue das hier nicht. Ich bereue vor allen Dingen euch nicht. Kein bisschen! Aber ich kann nicht leugnen, dass ich manchmal denke, dass es besser gewesen wäre, noch etwas zu warten, mit dem Kinder bekommen. Du weißt ja inzwischen wahrscheinlich, dass du nicht geplant warst… Vielleicht würde mir das hier leichter fallen, wenn ich meinen Selbstfindungstrip erst einmal ein bisschen hätte ausleben können. Endlich mal selbstbestimmt sein, nur für eine Weile. Nach der Verpflichtung Schule hab ich mich für die Verpflichtung eigene Firma und von da direkt für die Verpflichtung Elternschaft entschieden. Genau! Ich habe mich dafür entschieden. Und deshalb ist das auch okay so. Und ihr gebt mir wahnsinnig – wahnsinnig – viel zurück. Einen Sinn zum Beispiel. Ich weiß, warum ich morgens aufstehe. Und das nicht zu wissen, das kann ganz schön lähmend sein. Das kenne ich nur zu gut. Und falls es dir vielleicht gerade so oder so ähnlich geht – vielleicht gibt es ja einen bestimmten Anlass, warum ich dir dieses – dein – Buch genau jetzt gegeben habe oder warum du es genau jetzt liest – dann gebe ich dir jetzt mal so etwas wie einen Rat:

Geh – wenn es irgendwie geht – raus in die Welt, unvoreingenommen, ohne Angst und ohne Vorurteile und… lerne sie kennen. Geh irgendwo hin und lass auf dich wirken, was du da findest. Sprich mit Menschen und versuche zu ergründen, warum sie wie die Welt sehen. Ich weiß, dass es oft nicht so aussieht, aber es gibt gute Leute da draußen, die es wert sind, dass du sie in dein Leben lässt. Sei nicht oberflächlich! Scheiß drauf, ob irgendwelche Leute, die dir nichts bedeuten, okay finden, wie du aussiehst oder was du machst. Scheiß auf Menschen, die solche Maßstäbe haben. Finde deine eigenen Maßstäbe! Sei ehrlich zu dir und zu anderen, spiel kein Theater. Sei du! Und zweifle nicht zu viel an dir selbst. Du bist okay so wie du bist. Okay?

Ich liebe dich, Mama.

P.S.: Ich hoffe trotzdem, dass du deine Prinzessinnen-Phase inzwischen überwunden hast ;-)

10 Monate

Bei P. kam es mir vor, als wären die ZEHN MONATE ein ganz entscheidender Moment im Aufwachsen. Sogar bedeutender als 6M oder 12M oder 18… Und T. bestätigt das mit seiner Entwicklung. (Gefühlt) Von einem Tag auf dem anderen ist er *swuuuush* ganz weit weg vom Baby und deutlich mehr am Kleinkind dran.

Mit 10 Monaten kam hier ziemlich plötzlich das selbstständige Sitzen, die ersten Male (kurzes) freies Stehen, das Zeigen (mit dem Zeigefinger) auf Dinge, die er haben will, Hochstrecken beider Arme, wenn er auf den Arm genommen werden will, Highspeed-Krabbeling… Er kommuniziert richtig mit uns! Ist sauer, wenn wir ihn allein im Zimmer lassen oder wenn er etwas nicht machen soll oder er etwas nicht bekommt. Und lacht sich kaputt, wenn seine Schwester rumblödelt. Er LIEBT Wasser!

Seit zwei Monaten schläft er bei der Schwester mit im Zimmer (sie in ihrem Bett, er im Gitterbett) und nun hören wir morgens vergnügtes Gebrabbel (beider Kinder) aus dem Kinderzimmer. Sie spielen! P. sitzt vor seinem Bett und schneidet Grimassen, singt ihm Lieder vor oder wirft ihm Spielzeug ins Bett. Seitdem er drüben bei ihr schläft, schläft er übrigens auch durch! Jackpot! So in etwa haben wir uns das doch gedacht…

Ich war und bin der Meinung: Nach 10 Monaten ist man tatsächlich aus dem (ersten) Gröbsten raus. Das ist einerseits schön, weil die Freiheiten und Freizeiten der Eltern wieder zunehmen und andererseits *schnüff*, weil das Baby kaum noch Baby ist.

Morgens, wenn wir die Kinder zu uns ins Bett holen, ich T. stille – die letzte verbliebene Stillmahlzeit – und P. zwischen uns rumkuschelt, ist die Welt ziemlich in Ordnung… Kurz danach bricht dann das Chaos aus, der Haushalt über uns herein und die Zeit läuft konsequent gegen uns… Aber das morgendliche Aufstehen könnte besser kaum sein und fühlt sich nach „alles soweit richtig gemacht“ an.

 

tim

Viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel

Seit Beginn des Jahres bin entweder ich krank oder eines der Kinder ist es.

Die Bilanz im Mai?

  • 4 grippale Infekte bei P.
  • 1x Krankenhaus mit Impetigo Contagiosa (P.)
  • 1,5x Scharlach (P. / ich)
  • 4 grippale Infekte bei T. (natürlich stets zeitlich versetzt zu P., nicht etwas zeitgleich)
  • 3-5 grippale Infekte (ich)
  • 4x Brustentzündung (ich)
  • 1x Seitenstrangangina-Bindehautentzündung-Superinfektion (ich)

Hm. Es reicht dann jetzt auch mal damit, finde ich. Ich habe inzwischen eine gewisse Panik vor Bakterien und Viren entwickelt. Ich bekomme innerliche Heulkrämpfe, wenn eines der Kinder Krankheitssymptome zeigt.

Ja, ich jammere. Es zerrt echt an den Nerven, wenn nicht einmal der stinknormale Alltag – den ich leider ohnehin schon als ziemlich fordernd empfinde – einfach so läuft, sondern man andauernd damit beschäftigt ist, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Ausnahmezustand wird so langsam zur Routine. Nur noch irgendwie auf den Beinen halten, irgendwie den Tag überstehen, irgendwie durchhalten, irgendwie weitermachen… Das ist einfach ziemlich ätzend und macht einen mürbe. „Vorm Spiegel denkt man: „Das ist dein Gesicht?“ Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!“ (Kästner) Ich kriege zum Teil kaum noch einen klaren Gedanken zusammen. 

Eine eigentlich gar nicht so unkomplizierte mündliche Prüfung für den Abschluss des letzten Wintersemesters habe ich bereits drei Mal verschieben müssen. Zum Einführungsseminar meiner Stiftung konnte ich nicht fahren. Die drei Male, an denen ich mir ernsthaft vorgenommen hatte, nach Einbruch der Dunkelzeit mit Freunden auszugehen – Jaha, ich meine im DUNKELN! -, sind ins (Wund-)Wasser gefallen. Jetzt nehme ich mir sowas einfach nicht mehr vor. Es frustriert mich zu sehr. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, jemals wieder tatsächlich irgendetwas tun zu können. Planen zu können. Etwas vorhaben.

Um genau zu sein nehme ich mir im Moment gar nichts „Privates“ mehr vor. Eine Kommilitonin fragte mich heute, wann ich mein Ehrenamt noch machen würde, neben den zwei Kindern und Pendelei zum Studium. „Ich weiß es nicht.“ hab ich gesagt und daran gedacht, dass das letzte Treffen der Initiative inzwischen schon viel zu lange her ist. „Und wann machst du den Kram für die Uni? Texte lesen und so?“ – „Ich weiß es nicht, ich mach es wohl kaum.“ habe ich gesagt. „Und was ist mit deinen privaten Sachen? Hobbys und so?“ – „Welche privaten Sachen? Welche Hobbys?“ habe ich gefragt. „Und dann hast du ja auch noch die Fahrten.“ – „Das ist für mich Erholung. Niemand will etwas von mir, niemand fragt mich was. Ich kann 45 Minuten lang zwei Mal am Tag einfach nur hier sitzen und tun was ich will. Es ist herrlich!“ Mein Pendeln, mein Kleinod. Der Zug ist meine Insel. Und es kotzt mich an, wenn der voll mit quatschenden Dumpfköppen ist. Ich will… Ich muss… dann meine Ruhe haben. Manchmal wünschte ich, ich könnte noch zwei Stunden weiterfahren. An den Uni-Tagen bin ich abends auch tatsächlich viel entspannter und kann gelassen Zeit mit den Kindern verbringen, trotz all der Müdigkeit.

Was soll man tun, wenn man merkt, dass alles zu viel ist? Dass man es eigentlich nicht schafft? Ich merke das gerade ziemlich deutlich. Unser Alltag ist so knapp auf Kante genäht, dass die Krankheiten einfach zu viel des Schlechten sind. Der Alltag wird dadurch gesprengt, nichts läuft mehr, alles fühlt sich nur noch schlimm an… Und wir versuchen, für die Kinder, das alles zu retten… Uns bei Laune zu halten. Es klappt noch so halbwegs für die Kinder, aber für uns klappt es nur mehr schlecht als recht. Innerlich sind wir dermaßen angespannt… Wir sind wie pfeifende Tee-Kessel, jederzeit kurz vorm Explodieren. Weil. Es. Zu. Viel. Ist. Wir führen die alten Sinnlosdiskussionen darüber, wessen Tag anstrengender war. Wer eine Pause dringender nötig hätte. Wer sich wann welche (Mini-Mini-)“Auszeiten“ genommen hat. Wer wann dringender Zeit ohne die Kinder braucht.

Ich habe vor einigen Tagen in irgendeinem Elternblog gelesen, dass das betreffende Elternpaar sich darüber streiten würde, wer mehr Zeit mit den Kindern verbringen darf. Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen. Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich ist unglaublich aufgebläht… Der Teufel schreit: „Dann hättet ihr euch keine Kinder zulegen dürfen!“

SCHEISSE JA, ICH FINDE ES VIEL ZU OFT VIEL ZU ANSTRENGEND, KINDER ZU HABEN!

Und ich hasse es mich wirklich dafür, so zu empfinden. Und ich bin täglich dran, mir beizubringen, es anders zu sehen, es anders wahrzunehmen, nicht so zu denken, zu genießen oder wenigstens weniger zu hadern, die Anstrengung als gegeben hinzunehmen und nicht zu verfluchen. Aber es klappt nicht. Ich empfinde es ständig als anstrengend und ich hasse es, so zu empfinden. Ich will keine zerknirschte Alte sein. Ich will nicht zu den typischen „Es ist alles so anstrengend“-Lamentierern gehören. Und ich mache K. die Hölle heiß, weil er sich ständig beklagt, wie anstrengend alles ist, weil ich in den Momenten meine eigenen Gedanken und Empfindungen gespiegelt sehe und es einfach nicht ertragen kann. Es muss doch wenigstens einer von uns das anders sehen… Es geht doch nicht, dass wir beide…

Ich finde die Ansichten und Gedanken von Jesper Juul ja toll, aber ich kriege es nicht hin, dieses Mantra. Wir sind zu oft zu fertig, zu müde, zu abgeschlafft… Das abendliche Bad-Ritual wird fast täglich zur Zerreißprobe. P. wehrt sich gegen alles, was sein muss. T. an-/auszuziehen gleich tatsächlich dem Versuch, einen lebenden Kraken so in ein Einkaufsnetz zu verfrachten, dass keine Arme heraushängen. Wir hängen im Bad und wollen einfach nur fertig sein, mit dem Tag, weil wir einfach fertig sind, mit der Welt.

Und K. hilft wirklich viel mit. Und meine Eltern nehmen ab, was sie können. Und ich lese und denke mir schlaue Sichtweisen an. Und ich habe Freunde mit Kindern, die ich regelmäßig treffe. Und nicht zuletzt liebe ich meine Kinder. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich kaputt spielen es mich einfach kaputt macht. Dass ich nicht dafür gemacht bin. Dass ich noch hätte warten sollen. Dass es vielleicht eigentlich nicht mein Ding ist, Mutter zu sein. Das ständige da sein. Die ständige Verantwortung. Diese andauernde Reagieren müssen. Das stark sein müssen, kaum mal schwach sein können.

Als ich letzte Woche hier fiebernd vor mich hin starb wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach nochmal selber klein zu sein und Eltern nebenan zu haben, die einem Tee und einen Marmeladentoast ans Bett bringen und ansonsten alle Anstrengungen von einem fernhalten. Stattdessen saß ich heulend mit 39,8 Fieber vor meinem kleinen Sohn, der auch heulte und ich dachte, dass genau jetzt der Moment gekommen ist, an dem ich es nicht mehr packe, an dem ich einfach aufgeben muss. Ich habe mich unglaublich hilflos gefühlt. Und schlecht auch… Weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Mutter einfach nicht das Recht habe, „mich so aufzuführen“. Dass ich mich zusammenreißen muss. Und ich war nicht einmal sicher, ob ich mich nicht tatsächlich auch zusammenreißen könnte… Ging es mir wirklich so schlecht? War da noch Luft nach oben/unten? Es gibt schließlich Mütter mit mehr Kindern und weniger Unterstützung von Partner / Familie, die müssen ja auch… Scheiß Vergleichereimistkack halt.

Nun ja. Ich habe mich zusammengerissen, soweit es ging. Musste ja. Und nun geht es mir besser. Und den Nachmittag und Abend – nach der Uni – heute mit den Kindern fand ich sogar ziemlich schön. Ich habe mir überlegt, mir das Mantra „Meine Kinder sind meine Entspannung“ einzubläuen. Die Idee: Umetikettierung! Statt „Scheiße, am Wochenende bin ich allein mit beiden Kindern“ versuchen anders zu denken. Dem Gefühl auf die Sprünge helfen… Ich will das Kinderhaben einfach nicht ständig vorrangig anstrengend finden. Will ich nicht, echt nicht. Das muss doch irgendwie machbar sein.