„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

********

 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

********

Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)

 

Fehler im System (Oder: Kleinfamilien-Rant)

Ich wache davon auf, dass ein Kind schreit als würde es lebendig verbrannt. Ich springe aus dem Bett und falle dabei auf die Nase. Meine Beine waren eingeschlafen, ich hatte kein Gefühl mehr darin. Mit blutender Nase humpele ich ins Kinderzimmer. T.s Schlafanzug ist oberhalb der Windel gelb-braun. P. kreischt und schreit panisch. Eine Honigbiene sitzt auf ihrer Schlafanzughose. T. guckt verdattert. Ich versuche, sie zu beruhigen, wir befördern die Biene aus dem Fenster. T. ruft „Mama! Is will eine Miiis!“ und P. „Und ich will Cornflakes!“ und „Mama, kann ich fernsehen?“ und „Mama, was machen wir heute?“ und „Mama, können wir heute schwimmen gehen?“ und irgendwann: „Mama, du blutest ja!“ Morgens, halb zehn in Deutschland. Es ist Sonntag.

Sonntage sind so ziemlich die schrecklichsten aller Tage, finde ich. Nur Weihnachtsferien sind noch schlimmer. Die Kita hat zu, man fühlt sich nach Rumgammeln und Nixtun (alle kinderlose Welt tut auch ebendas, die Schweine!), die Kinder sind aufgekratzt und auf Action und alle Bekannten haben in 99% aller Fälle schon was innerfamiliäres geplant. Dem oder der, die oder der sich den Sonntag ausgedacht hat, wünsche ich eine Woche voller Sonntage. Mit kranken Kleinkindern. Und Regen. (Und die Kinder sind nicht etwa nur erkältet, sie haben MAGEN-DARM! Ha!)

Ich war – wie so oft – schon angespannt und genervt von dem Dauerfeuer, dem ständigen reagieren müssen bevor ich überhaupt so richtig wach war. Und ich war – wie so oft – wütend auf mich, weil ich genervt war und nicht schon ganz entspannt ein Familienfrühstück im Sonnenschein und für danach eine kleine Bastelei mit den Kindern, kurz vor dem Ausflug ins Grüne, vorbereitet habe. Altes Lied, altes Leid.

Ich habe mich schließlich mit einer Freundin und ihren Kindern verabredet. Als sie kamen war sofort alles besser. Die Kinder waren mit anderen Kindern beschäftigt – laut, aber beschäftigt -, ich konnte mich mit Erwachsenen unterhalten, nebenbei Haushaltskram erledigen, der Mann der Freundin hat später Mittagessen für alle gekocht, ich habe den Tisch gedeckt, sie hat nach dem Essen abgewaschen, K. ist später mit den Kids zum Indoor-Spielplatz. Alles im Flow. So mag ich das.

Kaum wieder allein, rasen die Gedanken in üblichen Bahnen. Mich lässt die Frage nicht los, was es uns Eltern heute so schwer macht, Eltern zu sein. Warum sind wir oft so genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Nachdem P. geboren war, fand ich mich am Wickeltisch einem kreischendem Mini-Menschen gegenüber, den ich zu diesem Zeitpunkt (mit 21) noch ein Jahr zuvor definitiv nicht in meinem Leben verortet hätte. Ich gewöhnte mir unbewusst an, die Zähne ganz fest aufeinanderzupressen, wenn sie schrie. Das Schreien machte mich aggressiv und ich fühlte mich oft hilflos, wenn es einfach nicht aufhören wollte, aber ich wollte und durfte das nicht an ihr auslassen. Das „Zähne zusammenbeißen“ war ein Kompensationsversuch, den ich zwar irgendwann später bemerkte, aber nicht mehr los wurde. Heute habe ich CMD und dadurch Dauer-Verspannungen im Kiefer-Kopf-Bereich. Die Herausforderung Elternschaft hatte also direkt konkrete physische Konsequenzen und ich wette, beinahe jedes Elternteil könnte ähnliches berichten.

Ich empfand (und empfinde) das Zusammensein mit meinen Kindern oft als anstrengend, das habe ich hier mehr als einmal beschrieben. Ich wollte aber von Anfang an nicht die Kinder dafür beschuldigen. „Ja, Elternsein ist anstrengend.“ Aber die Kinder dafür verantwortlich zu machen, fühlte sich trotzdem nicht richtig an. Also: Who’s to blame? Ich suchte in meiner Psyche, meiner Kindheit, meiner Persönlichkeit, meinem Temperament. Ich las Blogartikel, Bücher, schrieb in Foren, sprach mit Eltern, … Aber ich fand die Aspekte der Überforderung und der Anstrengung so selten in den Erzählungen und Beschreibungen anderer Eltern(blogs), erlebte das aber selbst alltäglich so. Das fütterte meine Schuldgefühle.

Es muss an mir liegen. Alle anderen kriegen das schließlich hin.

Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft. Und irgendwie emanzipiert. Die Kommentare unter Artikeln (z.B. hier) und einschlägige Feuilleton-Beiträge (wie hier oder hier), in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? (Bis man unter einer CMD leidet?) Was, wenn die Kinder von der Überforderung und der Genervtheit lesen, wird dann gerne gefragt. (Schlechtes Gewisseeeeen, hallooooohoo!) Warum auch noch darüber schreiben, es rausposaunen? Ich kann hier nicht mit guten Argumenten punkten, fürchte ich. Ich hatte (habe) das Bedürfnis, diese Wahrheit – meine Wahrheit – mitzuteilen, weil ich den Eindruck hatte/habe, dass es eine unterbelichtete ist. Und weil mich „Scheinwelten“ ankotzen. Das war schon immer so. Sowas durchbreche ich gerne. Mit Ehrlichkeit, mit Offenheit, mit Einblicken.

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.

Was ist denn richtig? Kann mir mal irgendjemand sagen, wie ich mich verhalten soll? 

Natürlich gibt es darauf heute keine allgemein gültige Antwort mehr.

Ich will meinen Kindern eine „gute Mutter“ sein, will ihnen nicht (psychisch) schaden… Aber wie kriege ich das hin? 

Ich wusste Bescheid über den Einfluss der Eltern auf die „psychische Gesundheit“ von Kindern, die Bedeutung der frühen Kindheit, Bindungstheorien usw. – studiere ja schließlich Erziehungswissenschaft! Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich hatte andauernd das Gefühl, diesen (meinen) Ansprüchen einfach nicht gerecht werden zu können. Haufenweise Artikel in diesem Blog zeugen davon. (Zum Beispiel hier oder hier.) Mir ging es nicht um eine glänzende Wohnung oder den hübschesten Kuchen beim Kita-Sommerfest, sondern darum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich empfinde und wie ich denke. Und ich dachte oft „Oar nee, keine Lust jetzt!“, „Hör. auf. zu. brüllen!“, „Kann K. nicht noch länger mit ihnen draußen bleiben?“, „Ich hätte gern einfach meine Ruhe.“ oder auch „Wie wäre es, jetzt einfach ins Flugzeug zu steigen. Irgendwohin. Ich könnte ein Strandcafé eröffnen, bräuchte aber eine neue Identität.“ Und klar, schon die Gedanken fühlen sich den Kindern gegenüber total illoyal an. Ich dachte letztendlich wirklich oft, dass man vielleicht besser keine Kinder bekommen sollte, wenn man „so ein Mensch“ ist. Dass es einfach eine scheiß Idee und total unüberlegt war. Ich war sehr oft sehr verzweifelt darüber und die Schuldgefühle in jede erdenkliche Richtung wurden zu einem Dauerrauschen. Egal was ich tat, ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig. Ich war – ich bin – einfach eine echt miese Mutter, ich bin dafür einfach nicht gemacht, dachte ich und fühlte mich wie eine Versagerin in nicht mehr und nicht weniger als der wichtigsten Sache der Welt. Schließlich geht es hier um zwei lebendige Menschen und nicht um den nächsten Pitch.

STOP!

Ist das wirklich so „einfach“? Es gibt Menschen, die „können“ das einfach „besser“ als Andere? Geht es hier wirklich um Egoismus und Altruismus? Gibt’s Menschen, die die „geborenen Eltern“ sind und andere, die es einfach lassen sollten?

Über Generationen sah man die Schuld vor allem beim Kind und zog daraus die relativ logische Konsequenz, „hart durchgreifen“ zu müssen mit dem hehren Ziel, „vernünftige Menschen“ aus ihnen zu machen. Heute scheint mir der Zeiger in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Nicht das Kind ist Schuld, wenn was nicht „richtig“ läuft, sondern die Eltern sind es. Das baut nicht nur enormen Druck auf, sondern kann Eltern auch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Ich weiß wovon ich spreche.

Man doktert an sich herum, analysiert die innersten Windungen, versucht krampfhaft darauf zu kommen, warum verdammt nochmal es mit der stets liebevollen Begleitung nicht klappen will. Man weiß doch alles, versteht schon längst, warum das Verhalten der Kinder einen manchmal so enorm triggert, man denkt und denkt und forscht und… es klappt einfach trotzdem nicht. Die Genervtheit und die Überforderung, der Wunsch nach Zeit ohne „Kinderdienst“, die Verzweiflung… alles bleibt – trotz der tollen Erkenntnisse – da und es bleibt nur, diese Gefühle zu unterdrücken. Oder? Gute Miene zum bösen Spiel. Es kann einen zerreißen, einerseits authentisch und echt sein zu wollen und andererseits „gute Eltern“. Was, wenn ich echt und authentisch mal ’ne echt beschissene Mutter bin? Ich bin launisch. Ich bin leicht reizbar. Ich will eigentlich nur mein Ding machen und kann kaum was anderes ertragen. Ich bin aufbrausend. Ich bin ungeduldig. Ich bin ungerecht. Undsoweiterundsofort. Im Casting für die beste Mutter der Welt würde ich nicht einmal in den Re-Call kommen. Wenn ein Vater zum Beispiel ständig wütend wird. Was macht man da? Was ist hier richtig? Die Wut ausleben, rauslassen wäre authentisch, unverstellt und echt. Die Kinder lernen ihren Vater kennen. Er ist halt Choleriker, aber immerhin ist er echt. Oder soll er seine Wut unterdrücken, muss er sich besser kontrollieren lernen? Das wäre dann nicht authentisch, aber zum Wohl der Kinder. Nur: Wie lange funktioniert das? Und was macht das mit den Kindern, wenn sie feststellen, dass der Vater die ganze Zeit mehr oder weniger Theater spielt? Gute Miene zum bösen Spiel. Ich kenne beides. Und beides ist auf je eigene Art scheiße. Ständige Wutanfälle sind scheiße. Aber zu merken, dass mit einem Elternteil was los ist, ohne dass man jemals erfährt, was, das ist nicht unbedingt besser. Also hätten beide die Verantwortung, ihren Kram aufzuarbeiten und klarzukommen? Therapie machen, rausfinden was mit einem los ist, woher die Wut kommt, Techniken erarbeiten, damit umzugehen. Fertig ist der Lack. So stellt man sich das heute gerne vor. Ist aber sehr viel leichter gesagt als getan. Ich arbeite seit Jahren hart daran, klarzukommen, um meinen Vergangenheits-Scheiß nicht an meiner Familie auszulassen. Aber es lässt sich (oder sollte ich sagen: Ich lasse mich) nur bedingt ändern. Die ständigen Schuldgefühle, das Gegrübel, die Aggressionen, die Traurigkeit, die Verletzungen, die Unsicherheit, die Bedürftigkeit, die Genervtheit… Das alles geht nicht einfach weg. Eine der Therapeutinnen bei der Mutter-Kinder-Kur, zu der ich im Februar/März mit T. war, fragte entgeistert, als ich meine krampfhaften Versuche der Auf- und Verarbeitung schilderte:

Ääääääääähm…. Vielleicht hören Sie damit mal auf?!?

Ich glaub, ich starrte ebenso entgeistert zurück. Sie erklärte mir, ihre Sicht auf die Dinge: Ich würde auch mit diesen Versuchen weiter das Muster der Selbstabwertung vertiefen, würde mich immer nur in Differenz wahrnehmen und beurteilen:

Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Bei meinen Sitzungen dort ging es folglich um Selbstakzeptanz, um Annahme und Achtsamkeit. Tatsächlich ein neues Terrain für mich. Ich wusste wohl, dass ich nicht gerade nett mit mir selbst umgehe und laute selbstkritische Stimmen in mir habe, aber ich habe nie gesehen, dass meine Versuche, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und meine Reaktionen, mein Fühlen, mein Handeln zu ändern, um meinen Kindern eine bessere Mutter sein zu können, auch in dieses Horn blasen. Das war durchaus ein Augenöffner. Ich bin tatsächlich ständig unzufrieden mit mir, sehe nur, was ich alles nicht kann, nicht gut mache, fokussiere auf die Dinge, die nicht klappen. Eine andere Therapeutin empfahl mir, mal „auf Schatzsuche“ zu gehen. Damit meinte sie einerseits, ich solle Menschen fragen, was sie an mir mögen und andererseits am Ende eines Tages aufschreiben, was gut war. Sie spiegelte mir, wie sie mich sah und ich empfand Scham und konnte ihr nicht in die Augen schauen, wenn sie was Nettes sagte. Abends schrieb ich auf, was am Tag schön/gut war und fokussierte dabei vor allem auf Momente mit T. Das war ziemlich neu und ziemlich heilsam. Ich stellte fest: So eine miese Mutter bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich viele gute Momente am Tag. (Wer also ähnlich Probleme mit der Selbstwahrnehmung hat, dem kann ich das nur ans Herz legen.)

Das könnte jetzt hier enden. Ich will es aber hier nicht enden lassen. Denn die Frage, warum das Elternsein für viele von uns so anstrengend ist, beantwortet die Feststellung nicht, dass weder Kinder noch Eltern wirklich zu beschuldigen sind. Aber woran liegt es dann?

Ziehen wir den Fokus etwas größer und schauen uns den Kontext an: Wie leben wir allgemein? Welchen Einfluss hat die Eingerichtetheit der Gesellschaft auf unser Leben als Eltern, als Erwachsene, die mit kleinen Kindern zusammenleben und für sie verantwortlich sind?

Ich habe inzwischen auch darüber viel nachgedacht und bin damit noch lange nicht am Ende. Trotzdem möchte ich einige Gedanken mitteilen.

Zunächst ein Gedankenexperiment:

Du bist Mutter von zwei Kindern. Das jüngere ist 1,5 Jahre, das ältere 7. Du trägst dein Kind in einem Tuch auf der Hüfte und bist gerade mit anderen Menschen auf dem Weg zurück vom Früchtesammeln zum Dorf. Ihr singt und unterhaltet euch. Andere Frauen haben auch ihre Kinder im Tuch dabei, einige ältere Kinder haben beim Sammeln geholfen und rennen zwischen euch hin und her. Als ihr zurück im Dorf seid, wird von anderen bereits das Abendessen vorbereitet. Im ganzen Dorf sind die Menschen beschäftigt: Essen wird vorbereitet, an anderer Stelle werden Stellen an den Häusern verbessert, es wird geschnitzt, Schmuck hergestellt, Kleidung geflickt… Eine Gruppe Kinder badet unten am Fluss, andere hocken etwas abseits der Dorfmitte und untersuchen gespannt etwas. Du setzt dich zusammen mit einigen Erwachsenen und Kindern und beginnst, die gesammelten Früchte für das Abendessen vorzubereiten. Deine ältere Tochter kommt vom Baden nach oben und schaut interessiert zu, was ihr gesammelt habt. Dein jüngeres Kind sitzt auf dem Schoß deiner Mutter, die ein Lied anstimmt. Andere umsitzende steigen in den Gesang ein.*

Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt haben (vom Hirn her können Menschen wohl intensivere Beziehungen zu 150 Menschen pflegen)mit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten (und genau wussten, wer für was „gut“ ist – die eine spendet gut Trost, der andere weiß viel, die nächste erzählt toll Geschichten, von dem kann ich lernen, wie man schnitzt), Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich.

Mal nur fokussiert auf die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern (, das ganze Paket mit Naturnähe, Handarbeit usw. lasse ich mal außen vor): Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.)

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen kame das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)

Noch einmal ein Bild: Statt einem vielspurigen Straßennetz wird eine einspurige Autobahn immer und immer wieder befahren. Und wenn diese eine Autobahn nicht ganz in Ordnung ist, dann kracht das kleine Auto jedes Mal beim drüberfahren in das eine fiese Schlagloch. Das wird natürlich durch die Dauerbeanspruchung immer größer. Die Autobahn bekommt Risse und ist irgendwann eigentlich unbefahrbar. Aber es gibt ja nur diese eine, also wird sie weiter befahren.

Ist das Bild verständlich? Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere.

Es reihen sich ein: Ordnungsdogma, Beschleunigung, Effizienz, Schnelllebigkeit, Reibungslosigkeitskult, Störungsfreiheit, Regeln, Bürokratie, … Unvollständige Aufzählung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Dazu kommen noch die kaum zu überschätzenden Erwartungen anderer Erwachsener. Eltern antiziperen, dass von ihnen allgemein erwartet wird, ihre Kinder „im Griff“ zu haben, „im Zaun zu halten“, sie sollen ihre Bälger bitteschön „unter Kontrolle“ haben und Störungen der Rationalität durch die quasi unerträgliche Irrationalität der Kinder auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduzieren. Wenn Eltern das mehr oder weniger gewaltvoll versuchen, erhalten sie sowohl anerkennend-zustimmende wie ablehnende Reaktionen. Wenn sie die Kinder ihr Ding machen lassen, genauso. Wenn sie es liebevoll-bedürfnisorientiert angehen ebenfalls. (Siehe glücklich scheitern: Du bist eine gute Mutter, wenn…)

Die Idee von bedürfnis- oder bindungsorientierter Elternschaft, „Attachement Parenting“ etc. ist ansich – im Sinne des Kindes – ziemlich lobenswert. Man will das Beste für’s Kind. Wenn ich Artikel und Bücher aus dem Dunstkreis lese, nicke ich durchaus mit dem Kopf. Aber als ich dieses Differenzdenken in mir festgestellt habe – Was ich heute mal wieder nicht hinbekommen hab -, habe ich gemerkt, dass es auch solche Ideen von „guter Elternschaft“ sind, die mich unter Druck setzen und mir beständig das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Wenn ich von dem gerade gedachten ausgehe, dann befinden sich solche Ansätze genau in dieser „Elternschuld“-Schiene. Inzwischen halte ich diese Art des Zusammenlebens mit Kindern für mich/für uns für utopisch und ich frage mich: Was bürdet man sich mit dem Versuch der straighten Kinderbedürfnis-Orientierung eigentlich auf? Es sind ziemlich heftige Ansprüche und teilweise wirklich „unmenschliche“ Erwartungen, die man da an sich selbst stellt: Quasi völlige Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung und Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Impulse. Extreme Reflektiertheit, in jeder Situation. Und eine unmenschliche Geduld. Ich glaube, man erträumt sich da einen Einklang von Kindern und Eltern, eine Harmonie den bzw. die ich – zumindest im Kontext unserer modernen Lebensweise – für illusorisch halte. Ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass das Menschen womöglich durchaus glücklich machen kann, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein ausgeprägtes „Helfer-Syndrom“ haben und tatsächlich ihre Erfüllung darin finden, von anderen gebraucht zu werden. (Das ist nicht abwertend gemeint, eher Ergebnis von Analyse.) Ich sehe da die Gefahr symbiotischer Beziehungen und heftiger Abhängigkeiten und frage mich: Was kommt „danach“, wenn die Kinder das Nest verlassen? Wenn die Eltern nicht mehr so sehr gebraucht werden? Was ist davon abgesehen, wenn man das einfach nicht hinkriegt, mit der Bedürfnisorientierung, dem Verständnis, der Geduld, dem pädagogisch wertvollem Verhalten? Manchmal frage ich mich außerdem, ob man auf die Kinder nicht ausgesprochen schizophren und damit auch verunsichernd wirkt, wenn man oft ganz nett und verständnisvoll reagiert, in regelmäßigen Abständen aber dann plötzlich total ausrastet, weil der Unterdrückungsmechanismus gerade mal wieder aussetzt. Ich hab das Gefühl, dann verstehen Kinder die Welt nicht mehr. Und auch das sieht man und kann es wunderbar als Anlass nehmen, noch unzufriedener mit sich selbst zu sein. Man ist ständig mit dem eigenen Scheitern konfrontiert und das kann zu wirklich ausgeprägtem Selbsthass führen. Wenn Auspeitschen noch angesagt wäre, man würde es wohl freiwillig tun. 

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben. Vielleicht kriegen wir damit auch endlich das Problem mit den Behinderten, Gestörten und generell Unproduktiven in den Griff. *ironieoff*

Also:

Liebe Eltern, 

ihr seid nicht scheiße, wenn es euch manchmal (oder auch oft) nicht leicht fällt, eure nach eurer ungeteilten Aufmerksamkeit dürstenden Kinder zu „ertragen“, geschweige denn das Ganze zu genießen. Ihr seid nicht falsch und ihr seid auch nicht persönlich schuld daran. Eure Kinder sind es aber noch viel weniger. Dass es so ist, ist bei genauerer Betrachtung der Umstände, in denen wir leben, eigentlich ziemlich logisch. Eure Verantwortung ist immens. Und dass das erdrückend wirkt, ist klar. 

Eltern! In Wirklichkeit seid ihr Superhelden! Denn ihr verlangt von euch, insofern ihr versucht, gute Eltern zu sein, quasi übermenschliches. Heute im Standardleben mit all den scheinbaren Annehmlichkeiten, all dem scheinbaren „Luxus“ und der Bequemlichkeit, all den Verführungen, all der Rationalität, all den Erwartungen und Idealen ist es tatsächlich verdammt anstrengend und beschwerlich, als Familie mit Kindern zu (über-)leben.

Was ich empfehle? Oder mir wünsche?

Empfehlen kann ich einerseits „Born to be wild“ von Herbert Renz-Polster, um Kinder in ihrem „ursprünglichen“ Verhalten zu sehen und es zu verstehen und andererseits ein bisschen richtiges Leben im falsch (ver-)suchen: Viel Zeit mit anderen Familien verbringen, immer Kinder zusammenschmeißen, andere Menschen (Großeltern!) in die Betreuung einbeziehen und zu alternativen Bezugspersonen entwickeln lassen, ein „sie können es nicht anders“-„sie macht es nicht, um mich zu stressen“-„sie ist noch klein“-Mantra gegenüber den Kindern, regelmäßiger Abstand, weniger schlechtes Gewissen wegen Glotze und Gadgets – Glotze ist die logische Konsequenz des separierten Kleinfamilienlebens – und viel Auslauf.

Wünschen tue ich mir eigentlich ein alternatives Lebensmodell. Ich habe die Stadt satt. Ich habe die Hektik satt. Gib mir 50 coole Leute mit Kindern, wir kaufen zusammen ein heruntergekommenes Haus (von welchem Geld auch immer), polieren das auf und leben zusammen, vielleicht auch teilweise als Selbstversorger. Ohne Waldorf-Hippie-Kram, ohne spirituellem Überbau und Firlefanz. Einfach nur, weil wir glauben, dass an dem afrikanischen Sprichwort 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

etwas dran ist. Und weil man zusammen einfach weniger allein ist.

Warum sind wir also oft genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Es gehört niemand so wirklich auf der Anklagebank. Die Kinder nicht, die Eltern nicht. „Schuld“ ist niemand. Und das passt nicht zu unserem Denken, deshalb ist es so schwer zu ertragen und so unbefriedigend. Wir suchen immer nach Ursachen, Gründen, Schuldigen. Und dann müssen wir das Ausmerzen. Basta. „Schuld“ ist in diesem Fall aber, wenn man so will, „der Kosmos“, sind Zufälle, „kosmische Kräfte“, die vor 12.000 Jahren das Ende der Eiszeit einläuteten, was zu anderen, schwankenden klimatischen Bedingungen führte und die allgemein als „neolithischen Revolution“ bezeichneten Änderungen der menschlichen Lebensweise wohl bedingten. Mit der neuen Lebensweise kamen Dinge wie Produktion, Sesshaftigkeit, Bevölkerungswachstum, größere Siedlungen, später Städte, zu verwaltende Überschüsse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, technische Innovationen, Ungleichheit, Monotheismus, du sollst/darfst // du sollst/darfst nicht… usw. usf. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht und heute sind wir, wo wir sind. Die Verhältnisse haben sich geschichtlich entwickelt. Und das ist wichtig: Das, was heute als „normal“ gilt, galt nicht schon immer. Nichts ist selbstverständlich einfach so. Alles ist geworden. Und die „kosmischen Kräfte“ lassen sich nicht ausmerzen.

Ich glaube nicht, dass es einen (gesamtgesellschaftlichen) Weg zurück gibt. Das lähmt manchmal meinen Aktionismus. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, alle „Fortschritte“ vergessen und alles auf Anfang setzen. Vielleicht leider. Vielleicht zum Glück. Auch entweder-oder, schwarz-weiß, optimal-suboptimal sind nur Kategorien menschlichen Denkens, die es so „natürlich“ gar nicht gibt. Das Leben in Jäger-Sammler-Clans ist nicht optimal. Das Leben heute ist nicht optimal. Gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Jäger-Sammler-Clans funktionieren z.B. über straighte Traditionen, mit Frauen wird oft wohl nicht gut umgegangen, und dass es wohl kaum Alternativen, keine freie Wahl der Leute und des Lebensmodells gibt, ist schwer vorstellbar und schwer gut zu finden. Aber ob „homo oeconomicus“ wirklich eine smarte Alternative ist?

Wir reden über fucking Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über regretting motherhood, über Einzelphänomene und verlieren dabei den Blick für größere Zusammenhänge. Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, kommen mir viele Debatten und Themen so unwesentlich vor. Frauenquote, Frauen früher in den Job zurück, Karriere, Vereinbarkeit, Brei oder nicht, U-Untersuchungen, Kinderwagenmarken, … Das ist hinsichtlich dessen, wo ich die wirklich tiefgreifenden Probleme verorte einfach nicht entscheidend. Die Gedanken mögen realitätsfern wirken, aber für mich sind sie es nicht. Sie sind ein Erklärungsansatz für mein alltägliches Leiden am Familienleben in einer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft, das ich nicht länger als individuelles Versagen beurteilen will. Mich erleichtert das irgendwie. Die Gedanken mindern zunehmend meine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie führen zu mehr Selbstakzeptanz und zu Verständnis gegenüber eigenen Gefühlen und Gedanken und gegenüber dem Verhalten meiner Kinder. Das ist gut. Und sie führen zu Vorstellungen von einer alternativen Lebensform, die ich vielleicht vielleicht irgendwann doch noch realisieren kann.

P.S.: Wer mit mir nach Rügen ziehen und einen auf Selbstversorgung machen will, kann sich gern melden ;-)

*
Ich glaube nicht, dass ein Leben in totaler Abhängigkeit von der Natur – also ohne Ackerbau/Viehzucht – irgendwie paradiesisch wäre. Mir ist bewusst, dass das oft ein ziemlich harter Überlebenskampf war/ist, mit Hunger, Kälte und Todesgefahr. Aber vielleicht ist – bei all der Gefahr – genau das eher „artgerecht“? Ich frage mich ernsthaft, ob Eltern indigener Jäger-Sammler-Gemeinschaften Situationen erleben, in denen ihre 2,5-jährigen Kinder auf den (Feld-)Wegen stehen und sich weigern, weiterzulaufen. (Okay, die Mutter hat vermutlich kein Laufrad, keine 3 Rücksäcke, kein Sandspielzeug, keine Verpflegung für den mindestens 15-minütigen Fußmarsch zum Kinder-/Familien-Ghetto dabei,… Aber vielleicht einen Sack mit Feuerholz.) Und „Alleinerziehende“, die auch tatsächlich allein sind, mit ihren Kindern, trifft man in solchen Sozialzusammenhängen wahrscheinlich auch eher weniger an. Vielleicht glorifiziere ich dennoch das „ursprüngliche Leben“ und vermutlich ist das latent rassistisch. Ich versuche, mich im Moment diesbezüglich weiterzubilden (Ethnologie!), erkenne aber zunehmend die absolut notwendigen Grenzen und die problematischen Aspekte. (Siehe survivalinternational.de, Gesellschaft für bedrohte Völker) Ich will hier nicht das Bild der „edlen Wilden“ reproduzieren. Ich will nur den größtmöglichen Kontrast zu unserer modernen Lebensweise zeichnen. 

Ich gegen mich.

1) Immer wieder spülen meine Timelines Artikel in mein Blickfeld wie jüngst „Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?“ von Franziska Schutzbach. Artikel also, die irgendwie mehr oder weniger mit dem „regretting  motherhood“-Ding zu tun haben.

2) Mein letzter Artikel ist vom 13. Dezember. In meinen jüngsten Artikeln ging es häufig nicht oder nur am Rande um Elternschaft, Mutterschaft, Leben mit Kindern.

3) Ich stecke mitten in einem Morbus Crohn-Schub und bin aktuell zusätzlich auf Cortison-Entzug. Ich fühle mich wie von jemandem ausgekackt, der einen dauerhaft entzündeten Darm hat. Sorry, für die Direktheit. Ich schlafe abends 21 Uhr mit den Kindern ein, wache kur nach 7 auf und fühle mich wie vom LKW überfahren. Meine Augen sind entzündet, ich hab Akne und ein Neurodermitis-Schub kündigt sich an. Wie schon so oft habe ich das Gefühl, dass mein verdammter Körper nicht für dieses verdammte Leben gemacht ist. Im Dschungel wäre ich vermutlich längst tot. Mit oder ohne Schamane.

4) Prüfungsphase. Ich müsste für die Statistik-Klausur lernen. Ich fühle mich zu alt für Klausuren. Ich habe Hass auf diese Form des Geprüft-werdens. Ich will das nicht mehr! Aber ich mag das Studieren (manchmal) noch immer ganz gern. Wenn nur der Zeitdruck nicht wäre.

5) Schlechtes Gewissen und Hass auf mich selbst. Ich will nicht jammern. Ich will nicht jammern. ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Ich denke ständig an diesen Blog. Ich denke daran, wie gerne ich schreibe. Aber ich fühle mich leer. Habe ich nichts mehr zu sagen? Habe ich mich eingefunden, in die Elternschaft? Nicht wirklich oder: Mal mehr, mal weniger. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Kraft verlässt mich nach kurzer Zeit. In mir und in der Couch sind Magnete befestigt, die sich beständig zueinander hingezogen fühlen. Ich will die Rollläden schließen, mich in eine Decke einigeln und mich tagelang mit Steinzeit-Dokus ablenken vom hier und meinem erschöpften Körper.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

„Durchziehen“ denkt ein Teil in mir. „Fresse halten und DURCHZIEHEN! Reiss dich mal zusammen!!!“ Wenn ich indigene Frauen sehe, die in brasilianischen oder venezuelanischen Regenwaldgebieten schweres Zeug auf dem Kopf kilometerlang von A nach B tragen… und daran denke, wie ich fertig, schwitzend, keuchend in der Bahn stehe und fast zusammenbreche, nachdem ich einige Meter rennen musste… METER! NICHT KILOMETER!!! „Verzärtelt“ nennt Nietzsche das. Die Arschlöchin in mir spuckt mir das Wort vor die Füße: VERZÄRTELT! Und ich fauche zurück: Und? Nietzsche war ein herrischer Antisemit! Warum sollt ich mir von DEM was vorwerfen lassen?!

Es gäbe so viel zu sagen. In meinem Kopf denkt sich so viel zusammen… Und so vieles davon halte ich durchaus für mitteilenswert. Aber der Flow fehlt. Die Zweifel hingegen sind erdrückend. Hört sich alles so bescheuert an. Ist nicht zu Ende gedacht, nicht rund. Ich bin damit noch nicht fertig. Und kurze Zeit später ist der Gedanke schon überholt und ich bin ganz froh, ihn für mich behalten zu haben. Außerdem leidet auch meine Koordination unter meinem körperlichen Zustand. Ich treffe kaum die Tasten, verschreibe mich ständig. Lange am Rechner arbeiten geht auch nicht, Augen sind entzündet.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Franziska Schutzbach schreibt: „Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte.“ – das kann ich nachvollziehen. So geht’s mir oft auch. Womit wir beim schlechten Gewissen wären. Gestern habe ich meinen Körper zur Kita geschleift, um die Kinder abzuholen. Menschen, die sich mit Depressionen herumschlagen, können vielleicht nachvollziehen, was für eine monströse Aufgabe das sein kann, wenn man eine üble Phase hat. Oft schleift man dann auch tatsächlich nur den Körper, führt Automatismen aus, spult Abläufe ab. Anwesend bin ich nicht wirklich. Ich mache Dienst nach Vorschrift, an solchen Tagen. „Ich hatte ‚Dienst am Kind'“ zu sagen, fühlt sich dann gar nicht mehr so lustig an, wie ich es sonst meine. Aber zurück zum Gestern.

Die Mutter einer Freundin von P. schlug vor, gemeinsam mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen. Der Sprachautomat am oberen Ende meines Körpers sagte „Ja, gerne.“ – der antwortete übrigens auch kurz zuvor „Alles gut.“ auf die Frage, wie es mir geht. Der verbannte Teil im Kopf plärrte: „NEIN! NEIN! NEIN! NACH HAUSE! WIR WOLLEN NACH HAUSE!!! BIST DU BESCHEUERT??!?“ Ich zog den Kindern ihre gefühlten 4000 Lagen Winterklamotten an, schwitzte dabei wie ein Schwein, Schwindel… P.s Freundin ging es dann nicht gut, Bibliothek fiel also aus, wir gingen also doch nach Hause. „Couch, Couch, Couch“ hallte es durch meinen Kopf. „Du kannst doch nicht immer. nur. rumhängen! Du bist noch nicht einmal 30 Jahre alt! Was bist du für ein Vorbild?“ wettert die Arschlöchin. Ich ducke mich weg, fühle mich schuldig. Ich will gerade nicht sein und schon gar kein Vorbild für irgendwen.

Wir gingen, weil ich das für eine gute Idee hielt. An den kalt-regnerischen Tagen gehen die in der Kita nicht viel raus. Frische Luft, gesundheitlich und pädagogisch wertvoll und so. Es pisste, es wurde dunkel und nach kurzer Zeit wollte T. getragen werden. Ich hab das einfach nicht länger als ein paar Minuten hinbekommen. Erklär das mal einem 2,5-jährigen. P. stellte derweil Fragen am laufenden Band. Zuhause sollte ich vorlesen. Eine Geschichte reicht nicht. Wenn ich einwerfe, dass ich lieber nur eine vorlese, weil ich es sinnlos finde, 10 hintereinander vorzulesen: „Du bist gemein!“-Geschrei. „Ich halte das heute nicht aus!“ in meinem Kopf. Immer wieder. „Reiß dich zusammen!“ Immer wieder. Gucke auf die Uhr: 17:00. Rechne nach, wie viele Stunden es noch dauert, bis Bettzeit. Schon die Frage macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich wähle den Notausgang und schalte die Glotze an. Sie läuft mehrere Stunden, bis zum Abendbrot. Ja, auch vor T.s 2,5-jähriger Nase. Wir gucken „Frozen Partyfieber“, „Maulwurf“ und fast alle Folgen „PeppaWutz“. Und nein, das ist kein ganz außergewöhnliches „ausnahmsweise mal“. Es ist zwar nicht alltäglich – wir versuchen irgendwie die 2 Folgen-Sache durchzuziehen… Aber: Der Geist ist willig… und der Geist ist schwach. Oder so. Als ich den Fernseher endlich ausschalte, weil ich den Tisch für’s Abendbrot gedeckt habe: Geschrei. Gebrüll. „Du bist gemein!“ Die Kinder sind eindeutig drüber, ich merke das und ärger mich über mich selbst. „Selbst schuld!“ raunz die Arschlöchin. „Das ist sehr hilfreich“ blaffe ich zurück. P. zetert lautstark vor mir rum. „Ich klatsch dir gleich eine!“ sage ich. Plötzlich. Ja, das habe ich wirklich gesagt. (Aber noch nie – ich schwöre! – gemacht!) P. war natürlich entrüstet und weinte „Sowas darf man nicht sagen!“ noch lauter, zurecht, natürlich. „So redet man nicht mit Kindern!“ Ja, sie hat Recht. Und ich schäme mich. Und ich bin so fassungslos über mich selbst: Immer wieder ist da diese unglaubliche Wut, die Hilflosigkeit und immer wieder der Drang, das laute Kind überzeugen zu können, abzustellen… Und nichts funktioniert. Keine Rücksicht, keine Einsicht, nur laut und kräh. Und die eigenen Ideale, an denen ich immer und immer wieder scheitere. Verständnisvoll sein, ruhig bleiben, … Später versuch ich ihr, mich zu erklären. „Schon gut“ sagt sie, wie immer in solchen Situationen.

Ich fühl mich ständig wie die Ärzte in dem Zeit-Artikel „Kranker Job“.

Szenenwechsel.

Mitte Januar bin ich fünf Tage auf einer Seminarfahrt gewesen. Davon abgesehen, dass mich das Thema interessiert hat, stelle ich rückblickend (fast mit Erschrecken) fest: Das Burn-Out-Gefühl war weg. Ich hab interessante Gespräche geführt, gute Leute kennengelernt, konnte spontan sein und trotz wenig Schlaf fühlte ich mich geradezu energiegeladen. Als K. mich am Abreisetag abholte, war ich euphorisch, ich fühlte mich wie als hätte jemand den Akku gewechselt… Und ich freute mich so richtig, meine Kinder wiederzusehen! Die hatte ich nämlich tatsächlich nach drei Tagen vermisst. Und als wir wieder zusammen waren, konnte ich sie wieder sehen! Und vor allem sehen, dass ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte, vor lauter Trott. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir dieses Gefühl und diesen Blick auf K. und die Kinder irgendwie zu erhalten. Das ist jetzt 2,5 Wochen her. Immer mal raus, immer mal Abstand, das wäre so wichtig. Aber ich habe das Gefühl (die Befürchtung), dass mein Bedürfnis danach zu groß ist. Es wundert mich nicht, dass getrennt lebende Eltern, die sich die Betreuung der Kinder teilen, oft sehr viel entspannter wirken. (Wie’s den Kindern damit geht, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.)

„Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes.“ zitiert Franziska Schutzbach eine Mutter in ihrem Artikel. Ja und ja und ja! Diese Ambivalenz ist für mich derart spürbar, dass ich sie manchmal kaum aushalten kann. Wenn ich abends mit den Kindern im Bett liege und darauf warte, dass sie schlafen, spüre ich sie. Weil ich es liebe, so nah bei ihnen zu sein, ihren Atem zu hören, für sie da zu sein. Und weil ich es gleichzeitig kaum ertragen kann, diese Nähe, das Gewusel, die laaaaange Zeit, die sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen, der Termindruck im Nacken, weil es noch etwas zu erledigen gibt oder einfach der nicht wegzudrückende Wunsch meinerseits, mal machen zu können, was ich will. Wenn ich in irgendwelchen Kinder-Ghettos bin, spüre ich es. Weil ich Kinder mag und Kinder gern beim Spielen zusehe, aber ich möchte eigentlich Beobachterin bleiben. Ich will und muss da nicht mitmachen. Ich halte das auch für Quatsch. Aber das interessiert meine Kinder ja nicht, die von mir fordern, mit ihnen auf dem doofen Klettergerüst rumzukraxeln. Wenn mein Körper am Ende ist – wenn ich am Ende bin – spüre ich es extrem deutlich. Wenn sich alles nach Auszeit, Rücksichtnahme, Ruhe, Regeneration sehnt, das aber einfach nicht drin ist. Und ich auch gar nicht einschätzen kann, ob wirklich mein Körper die Ruhe braucht oder meine depressiven Anteile mal wieder zuschlagen. Ist es richtig, sich immer wieder selbst anzutreiben, durchzuziehen, sich die Ruhe nicht zu gönnen, weil ich damit einer depressiven Phase die Stirn biete? Oder wäre es angebracht, zur Ruhe zu kommen, zu regenerieren, um den Schub nicht noch schlimmer werden zu lassen oder zumindest einzugestehen, dass so viele Entzündungsherde im Körper zu Energieverlusten und Schlappheit führen?? Oder ist meine Schlappheit am Ende doch der Versuch, die Verantwortung abzugeben, ein Weg, mich zurückzuziehen? So habe ich das als Kind schon (unbewusst) gemacht, um mir Auszeiten zu verschaffen.

Franziska Schutzbach schreibt weiter:

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‘Mutterrolle’ identifizieren, sei es aus anderen Gründen). Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das “Richtige” (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde.

Die Sache mir der Autonomie, dem Subjekt-sein, dem Individualismus, dem freien Willen und Wollen gehört zu so einem Komplex, über den ich so viel mitzuteilen hätte. Aber ich kriege die Gedanken nicht geordnet, finde überall schlaue Worte von Menschen, die schon alles dazu gesagt zu haben scheinen. Braucht es meinen Senf noch dazu? Das Gefühl, dass alles schon viel besser gewusst, gesagt, getan worden ist, hat mich schon als Kind eingeschüchtert und gelähmt.

Franziska Schutzbachs Gefühle kann ich nachvollziehen und ich teile sie zum Teil mit ihr. Wenn ich mittwochs mit meinen Kindern zu Kawi gehe, um dort die Musikkurse der Kinder mitzumachen – zumindest bei T., P. geht mittlerweile allein -, dann kommt mir diese Szenerie manchmal völlig bekloppt vor: Wie diese erwachsenen Menschen (meist Frauen) dort im Kreis sitzen, ihre Kinder auf dem Schoß, „Babababa“ wiederholen, Tücher wie Schneebälle werfen oder auf allen vieren durch den Raum robben, die Kinder auf dem Rücken sitzend… Und manchmal denke ich mir auch: Warum stellt man sich eigentlich so an? Was hat es auf sich, mit diesen Gefühlen der Peinlichkeit und Scham in solchen Situationen? Warum kommen die gerade dann, wenn wir mit unseren Kindern singen und tanzen? Warum fühlen sich überhaupt fast alle unwohl, beim laut singen und haben sogar fremdschäm-Gefühle angesichts von Leuten, die ohne Rücksicht auf Schönheit singen und tanzen. Fast neidvoll denke ich an die Bilder der Himba (und auch vieler anderer indiginen Stämme), die ausgelassen in Gruppen singen und tanzen… Was ist der Unterschied zwischen unserem Leben und deren? Warum können sie so ausgelassen sein und wir nicht?

Was soll ich also sagen? Ja, ich leide. Im Moment. Und immer wieder. Aber leide ich darunter, Eltern zu sein? Würde ich weniger leiden, wenn ich nicht verantwortlich wäre für zwei Heranwachsende?

Ich habe das Gefühl, das Falsche am „modernen Leben“, die Eingerichtetheit der Gesellschaft als Eltern sehr stark zu spüren. Das war vorher nicht so stark oder nicht so eindeutig. Die individualisierte, rationalisierte Lebensweise passt einfach nicht zusammen mit Familien und heranwachsenden (irrationalen) Menschen. Auf mich selbst gestellt käme ich damit vielleicht besser zurecht. Weil ich anpassungsfähiger wäre oder meinen Auf- und Widerstand konsequenter ausüben könnte. Weil Regeneration und Aktivität selbstbestimmter ablaufen würden. Weil mich meine sozialen Rollen vielleicht weniger Kraft kosten würden oder ich mich rausnehmen kann, wenn’s mir mal wieder zu viel wird, weil ich selbst mir in sozialen Kontexten zu viel bin. Weil ich gefallen will, weil ich nicht abgelehnt werden will, weil ich kräftezehrend aufdrehe bis mir das Gesicht glüht. Und weil ich darüber keine Kontrolle habe. Ünerhaupt wäre es vielleicht nicht so anstrengend, weil ich die Illusion, die Kontrolle zu haben über mein Leben, leichter aufrecht erhalten könnte. Vielleicht wäre die Vereinzelung auch nicht derart schmerzhaft spürbar… Weil ich mich weniger stark nach einem Clan sehnen oder einfach in irgendein Hausprojekt ziehen würde. Weil ich mich immer dann in Gesellschaft begeben würde, wenn mir danach ist. Andererseits würde ich daran und darunter leiden, dass es mir an Sinn fehlt. Die Sinnfrage würde mir das Hirn zermartern und ich würde mich vermutlich nicht viel weniger zerrissen fühlen als jetzt. Nach dem Sinn frage ich mich jetzt nicht mehr. Der Sinn krabbelt jeden morgen in zweifacher Ausführung in mein Bett.

Wenn man gelernt hat, alles zu hinterfragen, dann sind Elternschaft und die eigenen Kinder davon nicht ausgenommen. Wie Franziska Schutzbach auch schreibt, ist das Ideal unserer Zeit, in unseren Gefilden (!) Selbstbestimmtheit, kritisches Hinterfragen, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, autonom sein. Ich halte das grundsätzlich für eine Illusion. Autonomität ist nichts, was ich für realisierbar halte. Wir werden verantwortlich gemacht, für die Entscheidungen, die wir treffen. Dabei ist jeder Mensch beeinflusst von allen möglichen Dingen, auf die wir zum Teil noch nicht einmal Zugriff haben. Die Menschheit überschätzt sich selbst, das Denken und die eigene Rationalität gewaltig.

Wir sind es gewohnt, uns dagegen entscheiden zu können, abzubrechen, wenn uns etwas nicht passt. Mit Kindern hört genau das auf. (Obwohl der Schritt natürlich auch jenseits von Abtreibungen nach der Geburt prinzipiell möglich wäre. Man könnte sich sehr wohl dafür entscheiden, die Kinder wegzugeben, sich dagegen zu entscheiden… Aber wer geht diesen radikalen Schritt und begründet das mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung?)

Und dieses Hinterfragen, kritisch sehen, selbst bestimmen wollen steht womöglich in direktem Gegensatz zu den geradezu archaischen Programmen, die meiner Meinung sowohl in uns, wenn wir Eltern werden als (und besonders) auch in den Kindern ablaufen. An Kinder kommen wir mit unseren rationalen Techniken nicht ran. Und auch unsere absolut rational eingerichtete Welt passt nicht zu unseren irrationalen Kindern. Und genau das macht es so scheiße schwer. Es fühlt sich an, als müssten wir Eltern die verdammte rationale Suppe auslöffeln, die die Menschheitsgeschichte uns eingebrockt hat. Und das auch noch weitgehend jede_r für sich allein bzw. als Kleinfamilie.

Ich sehe gerade nur einen sinnvollen Ausweg: Zusammenrotten! Wir müssen weg von der Kleinfamilie und hin zum Clan! Gründet Hausgemeinschaften mit Gärten, schmeißt eure Kinder zusammen und lasst sie gemeinsam spielen, statt sie mit gezwungenem Lächeln zu bespielen. Ich kriege gerade ständig mit, dass immer mehr Familien sich danach sehen. Das Teuflische ist: Die meisten sind heute derart eingebunden in Verpflichtungen, dass ihnen Energie, Zeit und Geld dafür fehlen, etwas zu realisieren, was womöglich dazu führen könnte, mehr Energie, Zeit und Geld zu haben. Genau so geht es uns gerade. Und es kotzt mich an.

Schlechtes Gewissen revisited

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Eigentlich immer.

Ich sitze hier, und müsste mich eigentlich auf meine Modulabschlussarbeit konzentrieren. Aber ich kann es nicht, weil ich Nachrichten über die Ströme von Zufluchtsuchenden lese. Weil ich auf Facebook über die Zustände in der Ernst-Gruber-Halle lese, über die eine Freundin berichtet:

So etwas Beklemmendes habe ich noch nicht erlebt. Über 450 Zufluchtsuchende sind zur Zeit in der Ernst-Grube-Halle. Sie liegen auf ihren Liegen. Alles was sie besitzen in einer Tasche, die gleichzeitig als Kissen dient. Alles wirkt sehr provisorisch: Bauzäune trennen grob die Liegen, Essensausgaben dauert 2 Stunden, zum Essen stehen 13 Bierzelttische zur Verfügung. Es gibt 10 Toiletten, es gibt 10 Duschen – für 450 Menschen. Es gibt keine Kühlmöglichkeiten, keine Kochmöglichkeiten, keine Waschmöglichkeiten. Wäsche wird per Hand gewaschen und auf den Bauzäunen getrocknet. Jeder Zufluchtsuchende hat einen Laufzettel, egal ob Essensausgabe oder Kleidespende, alles wird abgehakt. Die Menschen stehen an für Kleiderspenden oder fürs Handy aufladen. Die gesamte Struktur und Organisation wird von Ehrenamtlichen geleistet – es gibt nur EINEN Hauptberuflichen in der Ernst-Grube-Halle. Es zeigt sich an so vielen Stellen wie katastrophal die Kommunikation der Landesdirektion ist.

Weil mir das Kotzen kommt, angesichts der Zustände in diesem Land, in dem Unterkünfte für Schutzsuchende abgebrannt werden. Weil ich immer dieses „Da muss man doch was tun“-Gefühl habe… Also suche ich Sachen zusammen, zum Spenden. Und fühle mich schuldig, weil ich nicht mehr tun kann. Oder will? Können wir nicht vielleicht doch eine Familie aufnehmen, hier bei uns? Haben wir nicht genug – viel zu viel – Platz?

Ich fühle mich schuldig, weil meine „Probleme“ im Vergleich zu denen dieser Menschen so erbärmlich erscheinen. Aber ich kann nicht raus, aus meiner Haut; kann nicht einfach raus, aus diesem, aus meinem Leben. Ich werde das Gefühl nicht los, in diesem Leben nur schuldig sein zu können, zumindest wenn man im privilegierten Teil dieser Erde lebt. An uns allen klebt Schuld, denn wir tragen dieses kaputte System mit und wir profitieren ständig davon. Wir supporten es durch unsere Art zu konsumieren, zu arbeiten, zu leben. Selbst wenn wir versuchen, dagegen zu sein oder uns rauszuhalten, machen wir mit. Ich fühle mich schuldig, denn ich fühle mich dafür (mit-)verantwortlich. Manchmal denke ich, das einzig halbwegs richtige oder zumindest weniger falsche, was man in diesem System tun kann, ist die Missstände zu thematisieren, aufzudecken, die Fahnen hochzuhalten und den Menschen immer wieder auf’s Brot zu schmieren:

NEIN! ES IST NICHT OKAY WIE ES IST!

Deshalb studiere ich „was mit Gesellschaft“.

(…)

Ich kann nicht raus, aus meiner Haut; kann nicht raus, aus diesem, aus meinem Leben.

In meinem Darm wütet jetzt wieder das Tier, das mir alle Energie abzieht, von der doch eh ätzenderweise nur so verdammt wenig da ist. Ich habe täglich starke Durchfälle mit Magenkrämpfen, Blut und allem drum und dran. Es ist kein schönes Thema, aber ich habe mich daran gewöhnt, darüber zu reden. Immer scheiß Durchfall haben, das bedeutet extreme Unsicherheit. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich kein Klo in der Nähe habe. Ich habe 2008 monatelang das Haus nicht verlassen, hatte Angst, einkaufen zu gehen, zu essen, unter Leuten zu sein. Jeder Schritt und schon das Aufstehen war eine riesige Hürde. „Schwere Agoraphobie“ – unspezifische Angststörung – wurde damals diagnostiziert und sowas wie therapiert. Ich bin mit meiner Therapeutin einkaufen gegangen. Ich musste das wieder lernen. Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, wenn man nicht zumindest einmal im Leben eine schwere Magen-Darm-Grippe hatte. Was macht man da? Zuhause bleiben. Und was macht man, wenn das einfach nicht mehr aufhört? … Eben! Ich bekomme Schweißausbrüche, wenn ich in der Bahn sitze, wenn ich im Wartezimmer beim Arzt bin, an der Kassenschlange, im Seminar, auf dem Spielplatz. (Warum gibt es so verdammt wenig Spielplätze mit Toiletten? Schon mal aufgefallen? )Ich hasse es, Referate zu halten, obwohl ich eigentlich gut reden kann und fragt nicht, wie es war, in diesem Zustand als Frontfrau auf der Bühne Konzerte zu absolvieren.

Ich hatte den Chrohn seit 2011/12 (ungefähr) ganz gut im Griff, mit den entsprechenden Medikamenten. Die Medikamente wirkten, indem sie das Immunsystem unterdrückten. Die Nebenwirkung war, dass ich ständig irgendwelche Infekte hatte. Der Darm hat sich beruhigt, ich habe die Tabletten abgesetzt und gehofft, die „Remission“ so halten zu können. Hat offenbar nicht geklappt. Ich will nicht zurück in den Zustand von 2008, schon wegen der Kinder.

Und so bin ich wieder beim Thema: Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich gerade (mal wieder) nicht so kann wie ich will. Ich habe den Kindern gegenüber Schuldgefühle, die mich auffressen, weil ich gerade kaum noch Unternehmungen mit ihnen mache. Ich schaffe es einfach nicht, die Energie fehlt. Ich bin immer müde. Ich habe Schuldgefühle, weil ich gereizt bin und zu schnell aus der Haut fahre, weil ich nicht bei der Sache bin. Ich habe gerade zu wenig Geduld. Ich habe K. gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil er mir so viel abnehmen muss. Meine depressiven „Ich will nicht mehr“-Gedanken überfallen mich wieder regelmäßiger und unnachgiebiger.

Ich kann mir nicht einfach abnehmen, dass es mir vielleicht wirklich nicht gut geht und ich eine Pause brauche. Ich bilde mir ein, ich müsse/könnte mich doch zusammenreißen. K. ist schließlich auch am Limit. Und überhaupt: Andere Menschen haben viel größere Belastungen zu schleppen… (siehe oben) und können sich nicht einfach rausnehmen, schlapp machen.

(…)

Sie laufen hunderte von Kilometern, mit ihren Kindern, teilweise selbst todkrank. Sie kommen wochenlang ohne Essen aus. Sie haben Angehörige und Freunde verloren. Sie gehen irgendwohin, in die Fremde, lassen ihr Zuhause, ihre Sachen zurück und wissen nicht, ob sie jemals wieder zurückkommen werden. Ihnen geht es verdammt, verdammt beschissen.

Und ich? Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil meine Kinder vielleicht zu viel fernsehen und weil sie zu viel Mist in sich reinstopfen. Mich beschäftigt, was ich ihnen zum Geburtstag schenke; ob das, was wir mit ihnen machen und so, wie unser Alltag ist, gut ist und welche Route wir im September nehmen, um in den Urlaub zu fahren. Und ja, das sind Dinge, die mich wirklich stark beschäftigen. Ich engagiere mich für eine Verbesserung der Kinderbetreuungssituation anstatt für Zufluchtsuchende. Dabei sind das verdammt nochmal First. World. Problems. Oder?

(…)

Vor kurzem las ich  den Artikel „Suche Urlaub, biete Kinder“ von Jonas Ratz und erkannte unsere Gedanken darin zum Teil wieder. Gleichzeitig dachte ich: First. World. Problems. Und dann las ich die Kommentare. Das ist zum Teil echt harter Stoff. Beispiele gefällig?

Wie haben es meine Eltern nur damals geschafft mit drei kleinen Kindern zwischen denen jeweils nur ein Jahr lag jedes Jahr in ein Appartment (ohne Nachbarn, ohne Kidsclub, ohne Hörnchenbuffet (und schmieren)) am Stand zu fahren.

Kann es sein, das Frederick ein sozial unverträgliches, verwöhntes kleines Balg ist?

jeder bekommt die kinder, die er verdient, bzw. die er sich heranzieht.

Oh man, wann kommt der Bus? Sind all diese überaus witzig gemeinten, kokett-mitleidhaschenden Kinder-machen-alles-anders-aber-wir-machen-alles-mit-Berichte eigentlich von ein und der selben Person geschrieben? Bla bla bla…

Wenn man seine ganze Freizeit in die Bespassung der Sprösslinge steckt und jeder Schrei und jedes Klagen im Elterngesprächskreis thematisiert…wird auch so ein Urlaub nicht gerade zur Erholung….selbst Schuld..behaupte ich da mal.

Und besonders… äh, ja… lest selbst:

Es ist schier unmöglich den Kreischgören zu entfliehen. In den Ferienmonaten sowieso nicht. In der Nebensaison wird man von der Altersgruppe 0-5 gequält, deren Eltern mit Ohren Blagen meinen sie Urlaubsorte zu bevölkern und zwar in den Urlaubsländern. Nord- und Ostsee dafür nicht gut genug.

Was ich da rauslese – ist neben hochgradigem Arschnasentum – das Verbot, sich zu beklagen. Das ist irgendwie sozial unerwünscht. (Ein ähnliches Phänomen kann man z.B. im Kommentarbereich eines Artikels zum Thema Bachelorarbeit lesen.) Leute, die darüber schreiben, was ihnen in ihrem Leben Probleme macht, werden als Heulsusen abgestempelt. Man soll sich mal nicht so anstellen. Früher war es ja viel härter und andere haben echte Probleme, also soll man doch bitteschön mal den Rand halten. Und irgendein Teil in mir blafft mir genau das ins Gesicht, wenn das „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“-Lamento losgeht. Ich habe eine ganze Troll-Kommentatoren-Elite in meinem Kopf! Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht stärker bin, nicht einfach durchziehe, nicht souveräner bin. Und ich fühle mich schuldig, weil ich mich schuldig fühle. Ich habe das Gefühl, kein Recht dazu zu haben, die Dinge anstrengend zu finden, weil sie im Vergleich so nichtig sind.

Ich weiß gar nicht, welchen Maßstab ich da anlege….. Ey! Inside! Wann wäre denn ein „sich schlecht fühlen“ genehmigt? Wehen und Geburt zum Beispiel? Das war schon – quasi objektiv – hart und schmerzhaft. Und da hast du auch nicht rumgenervt, mit deinen Vorwürfen und deinem Runtergemache. (Obwohl das Arschnasentum wahrscheinlich selbst in dem Bereich noch was anzumelden hätte – früher gab‘ schließlich auch keine PDA und überhaupt…) Also muss es offensichtlich schon zumindest existenziell sein, damit der Antrag auf Lamento von meinem inneren Verwaltungssystem durchgewunken wird. Arschloch-Ich, echt.

Ich komme mit mir selbst nicht überein. Wie stehe ich nun zum „Lamentieren“? Sollte ich mich mehr zusammenreißen, Zähne zusammenbeißen, die Dinge für mich behalten? Ist es anmaßend, sich schlecht zu fühlen, wenn es einem insgesamt aber immernoch so viel besser geht als so vielen Anderen? Ich will dieses Vergleichen nicht! Das ist doch sinnlos. Aber es passiert mir trotzdem immer wieder, ist ein Selbstläufer.

Ich erinnere mich, dass ich diesen Blog angefangen hatte zu schreiben, weil es mich echt deprimierte nur von Eltern zu lesen, die das ganze Elternsein scheinbar mit links wuppen. Ich hab mein Arschloch-Ich überwunden, das mir auch da flüsterte: „Alter, worüber beschwerst du dich eigentlich? Alle Menschen kriegen Kinder, das ist das normalste der Welt. Komm mal klar!“, weil ich zeigen wollte (und dafür eintreten wollte!), dass es auch Menschen gibt, denen das alles nicht so leicht fällt. Mir fällt das ganze scheiß Leben nicht leicht, ich finde es total anstrengend, Mensch zu sein. Und irgendwie finde ich es nicht richtig, immer preußisch die Zähne zusammenzubeißen, „das Unbehagen der Kultur“ (Freud) runterzuschlucken, hinzunehmen, weiterzumachen. Die Impulse – das Erschöpftsein, der Ärger, die Wut, die Traurigkeit, die Aggression – verschwinden ja wahrscheinlich nicht einfach, wenn man sie wegdrückt. Vielleicht lagern sie sich irgendwo in einem ab und bilden Geschwüre. Indem man solche Gefühle zulässt und äußert, betreibt man irgendwie auch aktiv Abbau, Seelenhygiene, quasi. Es wäre vielleicht schön, wenn ich positiver wär und ich arbeite dran, irgendwie. Aber ich kann die Gefühle und Gedanken nicht einfach löschen. Ein anderer Teil in mir findet es nach wie vor auch gut, ehrlich zu zeigen, dass es nicht nur honigkuchige Einhornmenschen gibt, die alles immer super-dufte finden oder knallharte Durchzieher, die mit allem super zurechtkommen. Und wenn’s nur dazu gut ist, dass sich die anderen Esel und Heulsusen da draußen nicht ganz so allein fühlen. Und für meine Seelenhygiene.

Vom „richtigen“ Umgang mit Kindern

Das ist doch, worum wir irgendwie alle ringen. Wie sollten wir mit Kindern umgehen? Als Eltern? In pädagogischen Institutionen? als Gesellschaft?

Willst du ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn du mit (deinen) Kindern umgehst? Hast du dich das mal gefragt? Du, Elter? Du, Erzieherin? Du, Lehrerin? Du, Sozialarbeiterin? Du, Kindertherapeutin? Was ist das Ziel, das du im Kopf hast? Was soll am Ende dabei rauskommen, wenn du dir jetzt was wünschen könntest? Welche Art von Menschen siehst du neben dir: Du als alte Omi / alter Opi darfst die Menschen um dich versammeln, auf die du stolz bist, bezüglich derer du guten Gewissens sagen könntest: „Ich hab einen guten „Job“ gemacht.“? Wie sehen sie aus? Wie sind sie? Was tun sie?

Was für Zielvorstellungen hast du im Kopf? Welche Vorstellungen leiten dein Handeln Kindern gegenüber? Was möchtest du – im Idealfall – erreichen? Soll aus den Kindern, die du in einer eine bestimmte Art und Weise behandelst, eine bestimmte Sorte erwachsener Menschen werden? Willst du Mündigkeit erreichen, einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung? Oder hast du Menschen mit einer kritischen Geisteshaltung im Sinn, widerständige, subversive, die nicht einfach mitmachen, die alles hinterfragen? Oder willst du erfolgreiche Menschen, die zum wirtschaftlichen Fortschritt des Landes beitragen? Fleißige, ehrgeizige, kluge, innovative oder wenigstens fleißige und produktive, jedenfalls auf keinen Fall nicht faule, doofe Menschen? Sowas? Willst du, dass die ganzen möglichen Potenziale, die so ein Exemplar der Gattung „Mensch“ womöglich in sich hat, sich entfalten – willst du einen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder, mit denen du jetzt umgehst, später mal Menschen werden, die alles oder wenigstens so viel wie möglich bestmöglich können? Ist dir vor allem wichtig, dass die Menschen später mal gut zurechtkommen, in Wohlstand leben, gesund sind und ein zufriedenes und komfortables Leben führen? Menschen also, die flexibel statt festgefahren, die schlüsselkompetent und anpassungsfähig sind? Oder ist dir eher wichtig, dass Kinder zu vollwertigen, wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden? Willst du, dass aus den Kindern, mit denen du umgehst, Menschen werden, denen es wichtig ist, so wenig Arschloch wie möglich zu sein, wenig Schaden anzurichten und Gutes zu tun? Willst du, dass die Kinder später mal vor allem widerstandsfähig sind, dass sie sich durchbeißen können? Sollten die Menschen, die durch dich beeinflusst werden, im Einklang mit sich und der Natur sein?

Oder willst du genau dieses Denken vermeiden? Willst du gar keine bestimmte Zielvorstellungen im Kopf haben? Ist es dir vor allem wichtig, dass sich das Innere der Kinder frei entfalten kann? Dass sie ihre Neigungen und Talente entdecken und zum Ausdruck bringen können? Dass sie irgendwie möglichst unverzogen und -manipuliert und wenig verstellt und von sich selbst entfremdet heranwachsen, eigene Erfahrungen machen, sich eigene Meinungen vor allem aus sich heraus bilden und sie selbst bleiben? Willst du also glückliche Menschen, die ganz bei sich sind und mit sich im Reinen?

Was ist dieses „erziehen“ überhaupt? Wann fängt „erziehen“ an und wo hört es auf? Wozu ist es gut? Hat Erziehung immer ein bestimmtes Ziel? Und wenn ja, was ist deins? Wie ist das mit der Selbstbestimmung / Individualität auf der einen und der Anpassung / Gesellschaft auf der anderen Seite? Was ist dir wichtiger: Anpassung oder Widerstand? Wie sieht für dich eine gelungene Balance dieser beiden Extreme aus? Und wie ist das mit heute und morgen? Ist das kindliche (er)leben im Hier und Jetzt wichtig? Oder kommt’s vor allem darauf an, was und wie die Erwachsenen sind?

Die Frage ist, wie wir Kindern gerecht werden. Einerseits. Wie kann man mit Kindern umgehen, sodass es ihnen gut geht, was entspricht ihnen? Was brauchen sie? Was ist gut für sie? Wie geht man „richtig“ mit Kindern um – was brauchen sie, was tut ihnen gut, hier und heute, in diesem Moment. Brauchen sie vor allem Selbstbestimmung, Freiheit, machen-lassen? Oder brauchen sie mehr Anleitung, Grenzen, vormachen, Orientierung, Struktur? Und wie soll man darauf kommen, was sie brauchen? Was zeigt uns „japp, das ist genau das, was dieses Kind jetzt gerade braucht.“? Und was ist dann mit sowas wie „Manchmal muss man sie zu ihrem Glück zwingen.“ oder „Das kann sie doch gar nicht einschätzen.“? Worum geht es beim Aufwachsen? Geht es vor allem darum, zu sich zu kommen, sich zu finden und auszuleben, sich selbst zu verwirklichen und dabei so wenig wie möglich gestört zu werden? Sollten wir also einfach nur ermöglichen, dass sich unsere Kinder vielfältig mit den Dingen, die sie umgeben, auseinandersetzen können und gut? Oder geht es vor allem darum, in der Gesellschaft an- und klarzukommen? Ist es also wichtig, dass man sie Maßregelt, ihnen zeigt, was nicht geht und was gut geht?

Was soll sowas wie „Selbstverwirklichung“ sein? Glaube ich an sowas wie ein „wahres Ich“, dass sich entfalten könnte? Und glaube ich daran, dass es möglich ist, das „in sich selbst“ zu finden? Bin ich Bestimmerin im eigenen (inneren) Haus? Kann ich denn alles über mich erfahren? Ist das möglich? Oder bleiben da nicht immer Anteile, über die ich nicht verfüge, die ich nicht erklären, nicht in Worte fassen kann? Vielleicht ist es gerade das, dieser Anteil, den ich nicht erklären, nicht entschlüsseln kann, vielleicht weist gerade das ja wirklich auf sowas hin wie das „wahre Ich“… Vielleicht gibt es das doch. Aber komme ich da ran? Kann ich dieses „wahre Ich“, was ich manchmal fühle, auf den Begriff bringen? Macht das Sinn? Ist unsere allgemeine Sprache dazu geeignet, sowas individuelles – wenn es das denn gibt – auszudrücken? Muss man „sich selbst“, selbst wenn man es wahrnehmen könnte und ausdrücken wollte, nicht zwangsläufig mit dieser allgemeinen Sprache verfehlen? Kann ich mich ausbuchstabieren, mich vollständig transparent machen? Hab ich mich im Griff? Ja, muss man! Das wird uns jedenfalls immer suggeriert: Man muss doch wissen, wer man ist. Man muss doch erklären, warum man das getan hat. Man ist doch jemand ganz Bestimmtes, eine (er)fassbare Einheit, eine Identität… Kann ich wirklich mit Gewissheit erklären, warum ich etwas gemacht, warum ich mich letztendlich für A. und nicht für B. entschieden habe? Sind wir Menschen denn so total rational? Wer spricht da, wenn ich spreche? Wenn ich genau hinschaue, dann merke ich, dass ich schon das Sprechen nicht im Griff hab… Die ersten Sätze kann man sich noch zurechtlegen, aber danach? Selbstläufer. Hat man sich also wirklich im Griff? Und ist dieses – sich Selbst (er)kennen, sich im Griff haben – denn überhaupt ein sinnvolles Menschenbild? Glaube ich an sowas wie absolute „Selbstbestimmung“? Ist es überhaupt möglich, sich von allen äußeren Einflüssen komplett frei zu machen und Urteile einzig und allein aus sich selbst heraus zu fällen? Sind wir nicht immer verstrickt in unsere Beeinflussungen? Sind unsere Beeinflussungen und unser eigenes „Ich“ überhaupt voneinander zu unterscheiden?

Wie gehst du mit (deinen) Kindern um? Woran orientierst du dein Handeln? Was ist dir wichtig? Worauf legst du wert? Wie erziehst du sie? Welche Handlungen machst du? Wie sprichst du mit ihnen? Wie reagierst du auf ihre Gefühlsäußerungen, auch auf die heftigen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was dir nicht passt? Was sind das für Dinge, die dir nicht passen? Und was denkst du, warum es genau die sind, die dir nicht passen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was du gut findest? Was findest du „lobenswert“? Hinterfragst du all das? Oder verlässt du dich auf dein Gefühl und machst einfach? Und wenn ja: Wie geht das? ;-)

Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als „normal“ angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr „mal schnell“ was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können („Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…“ -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt („Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.“) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der „normalen“ Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es „richtig“ bzw. „gut“ wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das „Leben im Falschen“ mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt „richtige“ oder zumindest „gute“ Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie „fit“ zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht „schlechter“ sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als „normal“ empfunden wird. Erziehe ich sie zu „guten“ Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die „heile Welt“ in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die „fiese Realität“ und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie „Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?“ und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte „Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein „Bauchgefühl“ einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das „Beste“. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder „Wohlstand“ und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest „verkommen“ ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der „Magie“ nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von „außen“ würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur „das außen“ vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es „gut“? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das „Nachgeben“ aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.

Hafen sein wollen, widersprüchliches und abendliche Aussprachen

Es fällt mir nicht immer leicht, das „Erziehen“. Ich habe Ansprüche an mich als „gute Mutter“ und natürlich schaffe ich es nicht, denen immer zu entsprechen. Ich habe diese Ansprüche an mich selbst, weil ich denke, dass die frühkindliche Phase für das Werden eines Menschen tatsächlich ziemlich bedeutsam ist. Bindungstheorie, Freud und so. Aber man weiß halt nicht so ganz genau wie die Zusammenhänge aussehen. Die Zusammenhänge sind nicht direkt, nicht eindeutig… Klar, sowas wie Schlagen, Anschreien oder permanent links liegen lassen, dauerhaft vor der Glotze parken wirkt sich höchstwahrscheinlich negativ aus. Soviel scheint sicher zu sein und versteht sich irgendwie von selbst. Aber ein paar Stufen unterhalb von (relativ) eindeutig identifizierbarem Arschloch-Elternverhalten sieht’s schon nicht mehr so eindeutig aus.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema ‚Ernährung‘: Die meisten Eltern wollen vermutlich, dass ihre Kinder „vernünftiges Zeug“ essen. Ich auch. Davon mal abgesehen, dass unter „vernünftige Ernährung“ vermutlich jeder etwas anderes versteht, denken bestimmt dennoch viele an sowas wie Gemüse (und davon möglichst viel) und Süßkram (und davon möglichst wenig). Soweit so einfach. Wir sind aber nicht in der Wissenschaft, in der wir „Phänomene“ schön einzeln voneinander getrennt betrachten können, wir sind im Leben und da greifen Dinge bekanntlich heftigst ineinander. Da haben wir also das „Mein Kind soll gute Sachen essen“ – mal abgesehen von der Frage, woher wir diese Norm nehmen – einerseits und andererseits Dinge wie „Ich will mein Kind so wenig wie möglich bevormunden“, „Ich will mit meinem Kind nicht ständig meckern / es nicht ständig ermahnen“, „Ich will mein Kind nicht nerven“, „Mein Kind soll sich (und z.B. seinen Geschmack) selbst kennenlernen, möglichst frei entfalten können“. Und schon fühle ich mich latent überfordert. Also versuche ich loszulassen und mein Kind sein Essen weitgehend selbst bestimmen zu lassen. Resultat? Mein Kind will z.B. jeden Tag Eis und unendlich viel Süßkram essen. Außerdem isst mein Kind (Klischee!) kein Gemüse. Also gar keins. Ich versuche mich selbst zu kontrollieren, erwische mich aber dabei, dass ich es ihr doch immer wieder versuche anzudrehen – „Jetzt koste doch wenigstens mal“ – und an schlechten Tagen grantig werde, weil sie selbst das Kosten verweigert.

Noch ein Beispiel: Heul-Tage. Es gibt ja diese Tage, die fangen schon morgens mit Heulerei an und das zieht sich dann durch den ganzen Tag. Heulen, weil der Ärmel im Kleid nach innen gekrempelt ist. Heulen, weil der Schuh nicht anzuziehen geht, ohne den Reißverschluss aufzumachen. (Heulen, weil man den Reißverschluss aber partout nicht aufmachen möchte!) Heulen, weil man sich den Fuß stößt. Heulen, weil man nicht Haare kämmen will. Heulen, weil man sich vollgekleckert hat. Heulen, weil man irgendwas will, es aber nicht bekommt… Und so weiter. Anspruch? „Ich will mein Kind annehmen, mit all seinen Emotionen.“ Ich verstehe sie ja! Kind sein ist einfach manchmal echt hart. Man stelle sich vor, jemand würde uns unerfahren in ein Mikrobiologie-Labor stellen und sagen „Mach mal“. Mit zwei geschienten Armen. Und Augenklappen. Oder so. Klappt halt oft alles nicht… Man kann den Frust der Kinder ja verstehen und manchmal geht es ihnen wahrscheinlich auch einfach scheiße. Geht uns ja auch so. Aber dann überfährt uns die Realität… Die tickende Uhr am Morgen, der Stress, den ich automatisch empfinde, weil die Zeit jeden verdammten Morgen so erbarmungslos gegen uns läuft. Und dann? „Mensch, warum heulst du denn heute wegen jeder Kleinigkeit?“ Badautz.

Was ist denn eigentlich das Problem? Wir sind super-reflektierte Eltern, engagiert und gewillt, gut mit unseren Kindern umzugehen. Wir wollen mitfühlend und super sein, Verständnis haben, gelassen bleiben… Wir verstehen das Verhalten der Kinder gut und… werden unseren Ansprüchen trotzdem oft nicht gerecht. Warum? Warum raste ich trotz all der guten Vorsätze so oft aus? Warum bin ich so ungeduldig, wenn es um den an/ausziehen-Zähne putzen-waschen-Haare kämen-Krampf geht? Warum hat die Dauer-Heulerei, das Geschrei, das Wegrennen, dass immer alles ewig dauert so ein enormes Potenzial, mich um den Verstand zu bringen? Manchmal denke ich mir: „Okay, mal angenommen, alles hat irgendwie einen Sinn… 45 Minuten (Minimum!), um die ganze Familie ausgehfertig zu machen… Jeden verdammten Morgen! Schuhe an, Schuhe wieder aus, Schuhe an, Schuhe wieder aus, „Ich will andere Schuhe anziehen“, Schuhe wieder aus, „die sind zu ängääää!“ – LIEBER HIMMEL! WOFÜR SOLL DAS BITTE GUT SEIN??? Wenn das ein Test ist, was soll er mir beibringen?“ Meine These: Kinder werden alle kurz nach der Geburt von einer Psychotherapeuten-Pharmaindustrie-Mafia hypnotisiert, um uns während des Aufwachsens zu tyrannisieren und ihnen eine stetige Patientenschaft zu garantieren! Jawohl!

 

Zurück zum Ernst: Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt ist vielleicht Kontrolle bzw. Kontrollverlust. Plan vs. Ausführung. Wir wachsen auf, lernen uns und die Welt kennen und lernen, unsere Tage, unser Leben, unser Wollen zu strukturieren. Wir verinnerlichen Abläufe. Dann kommen Kinder und unser „Modus Vivendi“ – unser Art, das Leben zu handeln – wird gestört, wir haben’s nicht mehr unter Kontrolle, gleichzeitig sind wir aber verantwortlich. Vielleicht macht uns das Angst, wütend, hilflos… Vielleicht fällt es uns deshalb manchmal so schwer, ruhig zu bleiben.

 

Wir Eltern haben Verantwortung für diese kleinen Menschen. Wie wir uns im Alltag ihnen gegenüber verhalten wirkt sich wahrscheinlich sehr stark darauf aus, wie sie später klarkommen mit sich und der Welt, ob sie sich selbst annehmen oder ständig mit Selbstzweifel zu kämpfen haben zum Beispiel. Deshalb will ich, dass wir „gute Eltern“ sind. Und das heißt für mich nicht, dass die Wohnung glänzen soll, alles ordentlich ist und ich die geilste Torte fürs Kita-Sommerfest backe. „Gute Mutter“, das heißt für mich eher: verständnisvoll sein und für meine Kinder da sein. Ich will, dass sie sich sicher und angenommen, geborgen und wohl fühlen. Ich will, dass sie lernen, dass sie mit ihren Problemen immer zu uns kommen können. Ich will, dass sie sich nicht alleine fühlen. Meine größte Sorge ist die Psyche meiner Kinder – ihre seelische Konstitution, quasi. Meine größte Sorge sind die Prägungen durch mein, durch unser Verhalten. Ich will ihnen ein sicherer Hafen sein. Ich will nichts (wichtiges) falsch machen. Ich will mir später nichts (schlimmes) vorwerfen müssen. Ich möchte, dass meine Kinder gut zurechtkommen mit sich selbst.

Ich habe nicht erwartet, dass mir dieser Anspruch so viele – die größten – Zweifel und Befürchtungen bringen würde. Ich war schon vorher Grüblerin mit einer Tendenz zur Selbstzerfleischung. Mein So-Sein, mein Handeln, mein Denken… Ich pflücke – fast zwanghaft – alles auseinander, analysiere, zerdenke mit dem Ziel, zu optimieren… Kombiniert mit gefräßigem Selbstzweifel = Aua. Und echt anstrengend. Ich will mich und die Welt verstehen und besser – oder vielmehr: richtig – machen, bei vollem Bewusstsein, dass es „richtig“  gar nicht gibt. Die Verantwortung für das Wachsen und Werden meiner Kinder hat diese anstrengende Selbstbefragung noch einmal auf eine neue Ebene gehoben. Denn jetzt hat das, was ich tue, wie ich mich verhalte, tatsächlich weitreichende Konsequenzen. Es ist ziemlich herausfordernd, „eine gute Mutter“ zu sein, wenn man allgemein dazu neigt, sich falsch zu fühlen.

Es ja nicht so, dass Eltern mit der Geburt ihrer Kinder automatisch einen Zentner „Know how“ mehr drauf haben. Und auch eine Extra-Portion Nerven oder Geduld bekommen wir nicht mit der Baby-Box geliefert. Wahrscheinlich ist den meisten Eltern anfangs gar nicht klar, wie sehr Kinder einen an seine Grenzen bringen können… Wie sehr uns das Elternsein zeigt, wie wir wirklich sind. Nichts da mit smart und cool und lustig-locker… Ja, Alte! Sieh’s halt ein! Du bist ungeduldig, egozentrisch, viel spießiger als du angenommen hast und ehrlich gesagt ziemlich faul! Du bist nichts weiter als ein nerviger, einfacher Mensch. Den eigenen Kindern kann man m.E. nicht die ganze Zeit irgendwas vorspielen. Man kann sich nicht die ganze Zeit „von seiner besten Seite“ zeigen. Und wenn man es versucht, wird es immer Momente geben, in denen die Maske blättert und die Kinder aus allen Wolken fallen.

Dass Kinder Erwachsene mit ihrem unangepassten, oft vermeintlich nicht gesellschaftsfähigem, auf die Uhr und dem ganzen postmodernen Lebensstil scheißenden Verhalten so sehr an ihre Grenzen bringen können, ist vermutlich auch der Grund, warum viele Erwachsene sich (wohl meist unbewusst) so deutlich und fast lachhaft offensichtlich versuchen sich von ihnen abzugrenzen. Die Mutter, der Vater, die Großmutter, die/der von sich selbst als „die Mutti“, „der Vati“, „die Omi“ spricht… „Die Omi muss mal kurz auf Toilette und ist gleich wieder da.“ Die Erzieherin mit dem komisch gekünstelten Tonfall: „Neeeeeein Leon, leg das mal wieder hin, leeeeg das mal wieder hin, Leon. Die Biene hat NEIN gesagt!“ Leute, die mit Kindern so reden sind nicht real, nicht authentisch, nicht aufrichtig den Kindern gegenüber. Sie spielen – mal mehr, mal weniger – eine Rolle, die „Erwachsener zu Kind“-Rolle. Kinder können uns unwahrscheinlich triggern und sie rühren rütteln reißen damit am Selbstverständnis und Selbstbild, an den Ansprüchen, Idealen, am „Über-Ich“ der Erwachsenen. Ich denke, viele Menschen können und wollen das einfach nicht zulassen. Das ist wohl der Grund für die unbewussten Abgrenzungsversuche. Sie lassen die Kinder einfach nicht wirklich an sich ran. Sie wechseln in die dritte Person statt von sich als „ich“ zu sprechen. Sie machen sich zu. Ein höchst interessantes Phänomen. (Der gute Jesper Juul spricht das auch gern an und betont die Wichtigkeit einer persönlichen Sprache, wenn man eine von Aufrichtigkeit geprägte Eltern-Kind-Beziehung anvisiert.)

Zu meinem Anspruch an mich als „gute Mutter“ gehört jedenfalls auch, authentisch und ehrlich zu sein. Und da sind wir vielleicht auch bei den Kern-Widersprüchen. Meine Kinder sollen mich kennen bzw. als ganze Person kennenlernen. Ich will Mutter sein mit meinem ganzen Ich, ich will keine Rolle spielen. Aber ich bin ein verkopfter jemand mit Selbstzweifeln und Optimierungszwang. Und als Mutter ist man schließlich nicht zuletzt auch Vorbild. Daraus ergeben sich Widersprüche und schwierige Fragen: Bin ich in dem Moment, in dem ich mein Handeln und Verhalten – auch und vor allem meinen Kindern gegenüber – hinterfrage und „optimiere“ überhaupt noch authentisch? Widersprechen sich Selbst-Reflexion, -überarbeitung und Authentizität? Kann und sollte man seinen Kindern wirklich alles von sich zeigen? So richtig authentisch und ehrlich wäre es in meinem Fall zum Beispiel ehrlicherweise, vor meinen Kindern auch meine zum Teil starken Selbstzweifel nicht zu verbergen. Aber wäre das richtig? Ich möchte nicht, dass sie mich so stark zweifelnd erleben. Wie könnte ich ihnen dann Sicherheit und Stabilität vermitteln? Ich habe Freundinnen erlebt, deren Eltern ihre seelischen Qualen, ihre zum Teil echt schlimme Vergangenheit sehr stark mit ihren Kindern geteilt haben… So gesehen waren sie sehr offen und haben wenig vor ihnen verborgen. Aber diese Kinder haben gelitten. Und ich meine echt gelitten. Sie hatten einen ordentlichen Knacks weg. Der Psyche hat diese Offenheit ganz offensichtlich überhaupt nicht gut getan.

Was soll man aber nun tun, wenn man „nicht ganz richtig tickt“? Wir sind keine Eltern-Roboter, auch wenn viele versuchen, welche zu sein. Wir sind nicht perfekt, wir laufen nicht tadellos, wir sind fehlerhaft. Eigentlich sollten wir noch nicht einmal versuchen, Pädagogen zu sein, sondern „einfach“ wir selbst. Was aber tun, wenn zum Selbst gehört, an sich zu zweifeln, das eigene Handeln zu hinterfragen und ganz allgemein mit sich im Unreinen zu sein? Einfach an das Bauchgefühl oder die Intuition zu appellieren funktioniert nicht, wenn man eben diesen Buddies tief misstraut. Und trotzdem muss man ja handeln.

Wie gehe ich  Wie gehen wir damit um?

1. K. und ich besprechen, was uns bzgl. unserem Verhalten gegenüber den Kindern wichtig ist und auch über herausfordernde Situationen, die wir nicht so einfach zufriedenstellend lösen können. Wir besprechen Alternativen und Prioritäten. Wir reden zum Beispiel auch darüber, was unsere Kinder auf uns in der und der Situation für einen Eindruck gemacht haben und gleichen das ab, schätzen es ein. Wir reden darüber, dass wir mit dem und dem in Zukunft anders umgehen wollen. Das ist gut und hilfreich. Das fühlt sich nach Partnerschaft an und geht meist ganz ohne Vorwürfe. Es ist ehrlich und aufrichtig und konstruktiv. Meistens jedenfalls.

2. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Meiner Meinung nach ist das eine enorm (ENORM!) wichtige Sache. Viel zu wenige Erwachsene sind Kindern gegenüber dazu in der Lage. Und das lässt tief blicken, finde ich. Wenn eine Situation nicht gut bzw. aus dem Ruder lief und wir uns danach irgendwie doof oder verantwortlich dafür fühlen, entschuldigen wir uns. Wir entschuldigen uns zum Beispiel, wenn wir uns vor den Kindern laut und unschön gestritten haben und erklären P., dass sie nicht dafür verantwortlich ist. Wir entschuldigen uns, wenn wir sie angeschrien haben oder wenn wir ungerecht waren. Wir entschuldigen uns, wenn wir zu spät zur Kita kommen oder wenn wir etwas Wichtiges vergessen haben. (‚Entschuldigen‘ ist btw ein blöder Begriff… Wir sagen „es tut mir leid, das war nicht okay von mir.“)

3. Wir achten darauf, dass wir unsere Kinder bzw. die Gefühle unserer Kinder grundsätzlich ernstnehmen. Ich achte zum Beispiel darauf, Sätze zu vermeiden wie „ist doch nicht so schlimm“ oder „ist doch nichts passiert“. Das sind beschwichtigende „wieder gut“-Sätze, die einem als Erwachsener schnell rausrutschen, wenn das Kind „Drama macht“ und die wohl irgendwie tröstend sein sollen, die meiner Meinung nach aber eigentlich die „Integrität“ des Kindes verletzen, denn das eigentliche Ziel ist doch „die Störung“ (des Plans, des Ablaufs, …) zu beseitigen. Hier bin ich wieder ganz bei Jesper Juul. Stellt euch vor, ihr sitzt Zuhause, weint wegen irgendwas und euer Partner kommt rein und sagt „Ist doch nicht so schlimm!“. Na danke auch. Jesper Juul hat irgendwo mal geschrieben, dass man sich bezüglich des Verhaltens gegenüber seinem Kind nur fragen müsse, ob man sich seinem besten Freund gegenüber auch so verhalten würde, dann erklärte sich das meiste problematische Erziehungsverhalten von selbst. Das haut nicht immer hin, ist aber trotzdem eine hilfreiche Richtschnur.

Und nein, ich halte das nicht immer durch, wie oben schon geschrieben. Mir ist aber wichtig, mein „Fehlverhalten“ nicht einfach zu übergehen und meistens denke ich wirklich daran, das auch P. gegenüber zu äußern – siehe 2. und 4. – und so ihre Integrität wieder ein stückweit herzustellen. Ich bilde mir ein, meinen Kindern damit einerseits zu zeigen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache – also kein Elternroboter, sondern authentisch bin, gleichzeitig aber Fehler einsehe und dafür die Verantwortung übernehme, was ich für ein ganz gutes Vorbild halte. Andererseits kann ich so gleichzeitig meinem Anspruch an mich selbst (reflektierte, verständnisvolle Mutter usw.) dennoch ein stückweit gerecht werden. Man muss nur darauf achten, dass das für einen selbst nicht zur Absolution von Arschlocheltern-Verhalten wird. (Wenn ich mein Kind in Wut-Momenten ständig schlage und mich danach entschuldige, macht es das wohl auch nicht viel besser.)

4. Aussprachen. Abends vor oder nach dem Vorlesen sprechen wir mit P. Über den Tag, was wir gemacht haben, was sie gemacht hat, was wir doof fanden, was wir gut fanden, ob wir mal traurig oder froh waren, uns mit jemandem gestritten haben, sauer waren usw. Das „Was hast du gemacht?“ geht schon länger ganz gut, bestimmt seit sie 3 oder 3,5 ist. Das stärker reflektieren geht erst seit kurzem, etwa seit ihrem 4. Geburtstag. Seitdem kann ich sie auch fragen, ob es etwas gibt, was ich oder Papa gemacht haben, was sie doof fand. Ob es etwas gibt, was sie sich anders wünscht. Das klappt erstaunlich gut. Es ist schön zu hören, dass sie meist sagt „Nein, es soll alles genau so sein wie es ist, es soll nichts anders sein.“ und mir als von Selbstzweifeln geplagte gibt das wirklich eine gewisse Ruhe. Und es ist erleuchtend und bedrückend zugleich, wenn sie sagt „Ich wünschte, du und Papa würden weniger streiten.“

Aber auch ich nutze diese Aussprache-Momente, um ihr Sachen zu sagen, die mich stören, nerven oder ärgern. Zum Beispiel, wenn sie beim Essen immer so viel rumrennt anstatt ein bisschen mit bei uns zu sitzen. Das ist echt super, in mehrfacher Hinsicht. Es entsteht dadurch eine Gegenseitigkeit, beide erzählen was, beide kritisieren was. Sie sagt mir etwas und sieht, wie ich „die Kritik“ annehme und dadurch ist es ihr möglich, das nachzuahmen und auch die Kritik anzunehmen, die ich an sie herantrage. Außerdem führt es dazu, dass ich im Laufe des Tages, in dem es ja viele kleine Situationen zum Meckern gibt, häufig mal innehalte und mir denke „Mach ich heute Abend“ – bis dahin sind viele Kleinigkeiten verflogen und nur Dinge, die sich bis dahin halten, werden dann tatsächlich ausgesprochen. Effekt? Man entkommt diesem Mecker-Kreislauf. Mir fällt oft auf, dass Eltern eigentlich nur am Ermahnen und meckern sind. Das will ich nicht und kann ich so ein bisschen eindämmen.

5. Rollenspiele. Wenn ich mir gar nicht sicher bin, was eine Situation mit P. macht oder ob sie mit was zu tun hat, und ich auch über Reflektionsversuche (siehe 4.) nicht an sie herankomme, spiele ich mit ihr. Seit kurzem geht Playmobil gut und das ist dafür sehr hilfreich. Ich habe zum Beispiel mal mit ihr Vater-Mutter-Kind gespielt und im Spiel eine Streit-Szene der Eltern inszeniert. Ich habe die Elternrollen übernommen, sie war das Kind. Ich fragte sie: „Und was denkt das Kind, wenn die sich so streiten?“ und war so überrascht von der Klarheit ihrer Antwort: „Sie denkt, dass die beiden sich nicht mehr lieb haben.“ – Rollenspiele können einem wirklich einen tiefen Blick ins innere der Kinder ermöglichen.

 

Vielleicht klingen diese Sachen für die ein oder anderen verkopft, verkrampft und unlocker. Ist aber im Alltag gar nicht so. Gerade die Aussprachen genießt P. inzwischen sehr und besteht auch darauf. Ich finde es super, so viel über mein Kind zu erfahren. In den Gesprächen ist Raum für so vieles, worüber ich sonst gar nichts wissen würde. Außerdem ist es wahrscheinlich das, was so gern „quality time“ genannt wird. Wir kuscheln, reden, haben keinen Stress und sind uns nah.

 

Das ändert nichts daran, dass ich immernoch zweifle und Baustellen habe, bei denen ich noch keine Lösung gefunden habe, zum Beispiel wenn es um die Frage geht, wie viel Zeit soll/will ich wirklich aktiv mit meinen Kindern verbringen (spielen, Bücher vorlesen, Geschichten erzählen, usw.), wie viel mache ich meinen Kram bzw. Haushalt und sie laufen mit bzw. müssen sich selbst beschäftigen. Hier ist Abgrenzung nötig, aber ich schaffe die nicht ohne schlechtes Gewissen und mulmige Gefühle. Dann sitze ich am Rechner und bearbeite meinen Text, während sie sich im Zimmer beschäftigt und der Frage-Zirkel geht von vorne los: Ist es okay, dass ich das jetzt mache? Wie lange / oft kann ich darauf bestehen? Welches Signal ist das für die Kinder? Was macht das mit ihnen? Wird ihnen das „schaden“? Warum habe ich dieses schlechte Gewissen? Woher kommt das? Aus mir? Durch die Normen „der Gesellschaft“? Wenn es sich „falsch“ anfühlt, heißt das nicht, dass es falsch ist und ich es lieber lassen sollte? Warum kann ich das nicht einfach machen ohne mich das zu fragen? und so weiter und so weiter…

Schon Erasmus von Rotterdam (1466/69 – 1536) hat gesagt, dass zu viel Denken nicht glücklich macht – „Steht mir also ein wenig zur Seite, ihr Töchter des Zeus, indes ich meinen Beweis führe, daß keiner zu jener (…) Burg der Glückseligkeit gelangt ohne das Geleit der Torheit“ -, aber wie stellt man es ab, wenn es einen zu sehr quält?

(P. ist 4, T. ist 1 Jahr alt.)

Da draußen ist Krieg…

Palästina/Israel. Syrien. Ukraine. Afghanistan. Irak. Kaukasus. Sudan. Mali. Zentralafrika. Somalia. Kongo. Nigeria. (…)

Da draußen ist Krieg, da sterben Menschen,… Menschen, die wahrscheinlich alle versuchen (oder versucht haben), irgendwie ihre kleinen Leben zu führen.

Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann… Aber ich will darüber schreiben. Es geht mir im Kopf rum. Andauernd. Ich fühle mich in den letzten Wochen wie in meiner Kindheit, als ich anfing, Kriege wahrzunehmen. Vergangene Kriege – Weltkriege – im Deutsch- und Geschichtsunterricht und aktuelle „Konflikte“ – das sagt man ja heute zum Krieg – im Fernsehen. Eine ständige Angst fraß sich in meinen Kopf. Ich hatte Angst vor einem neuen Weltkrieg, vor Atombomben, vor Selbstmordanschlägen… Dann kam 9/11 und ich hatte ja kein Gefühl für die Distanz zwischen hier und Amerika. Ich war 13. Ich hatte Angst vor Dieben und Mördern, ich sah im Dunkeln Männer auf meinem Balkon stehen und hatte zeitweise Angst vor jedem Geräusch in der Wohnung. Ich hatte Angst vor Neonazis, weil ich (sowas wie) Punkerin war. Und ich hatte Angst im Dunkeln. Die Welt, die vorher noch irgendwie klein und nicht unbedingt heil, aber zumindest übersichtlich war, wurde groß und unberechenbar. Vor meinem inneren Auge sah ich brennende Flugzeuge in den Leipziger Uni-Riesen rasen und Bomben in Leipziger Straßenbahnen hochgehen. Ich habe die Bilder und Meldungen in meine kleine Welt transferiert. Ich hielt das für möglich. Die Gründe und unterschiedlichen Anlässe dafür, dass Leute sich gegenseitig wegbomben, waren mir nicht klar. Ich hatte das Gefühl, es könnte jeden treffen.

Ich wurde älter und fing an, Zusammenhänge zu verstehen. Erster Weltkrieg und dann… die unmenschlichen Vergehen der deutschen Nazis im zweiten Weltkrieg. Meine Eltern besuchten mit uns Konzentrationslager, mein Vater heulte wie ein Schlosshund nach dem Besuch des KZ Theresienstadt. Später versucht ich, zu verstehen, was hinter „islamistischem Terror“ steckt (und versuche es noch immer). Ich las Michael Moore und für mich war das damals eine Offenbarung… Aber es machte alles komplizierter. Vorher waren gut und böse noch relativ klar: Islamisten böse, Amerikaner Freunde. Ich verstieg mich in krude Verschwörungstheorien über den 11. September und landete bei der Infragestellung des großen Ganzen: Kapitalismus, Amerika und die Welt, Europa, Nahrungsmittelindustrien, Banken, Regierungsklüngelei, mediale Berichterstattung … territoriale Machtansprüche, Kolonialismus, Menschenrechte, … Und begriff? Immer mehr und damit immer weniger… In mir wuchs der Gedanke, dass Niemand – wirklich Niemand – einen Überblick über diesen ganzen Wahnsinn haben kann und dass die Menschheit nur irgendwie gemäß ihren jeweils eigenen egoistischen Interessen am Verlauf der Dinge herumstümpern. Ich hatte die kindliche Naivität und damit das Vertrauen in die Menschheit verloren. So pathetisch, wie das vielleicht klingen mag.

„What is the most resilient parasite? Bacteria? A virus? An intestinal worm? An idea. Resilient… highly contagious. Once an idea has taken hold of the brain it’s almost impossible to eradicate. An idea that is fully formed – fully understood – that sticks; right in there somewhere.“ (aus: „Inception„)

Mir kam alles sinnlos vor. Ich hatte keine Idee, was ich hätte tun können, ohne falsch zu liegen, weil sich alles falsch anfühlte. Die Menschheit hatte mich tief enttäuscht. Gerade noch war die Welt voller Abenteuer und Großartigkeiten und auf einmal sah ich in jedem Menschen ein potenzielles Arschloch, bereit, im Fall der Fälle – solange es seinen Interessen dient – zu töten. Dich, mich, uns alle. Dann kam die Pubertät, in der das bedrohlich aufsteigende depressive Gedankengut von tobenden Emotionsstürmen und grenzenlosem Egoismus weggespült wurde, an irgendeinen Strand im hinteren Teil meiner Kopfwelt. All das draußen konnte mich nicht mehr so stark bewegen, weil das drinnen so übermächtig war. MEINE Band, MEINE Liebeleien, MEINE Ziele, MEINE Gesundheit, MEINE Autonomie, MEINE Freunde… Anerkennung, Liebe, Saufen, Rock’n’Roll und persönliche Dramen. Ich hatte alles, was ich brauch. Was ging mich die Welt an? Das schöne an der Pubertät ist doch, dass du lebst, als gäbe es kein Morgen, weil dir das Morgen scheißegal ist. „NO FUTURE“ stand dick und fett auf meinem Schülerkalender – btw: Was für ein wunderschönes Paradoxon, oder? – und ich fühlte das tatsächlich so.

Dann kam meine Sinnkrise. Ich machte Abitur, wir versuchten es mit der Band. Ich durchtrennte hier und da größere und kleinere Abhängigkeiten… und die Welt da draußen konnte ich nicht länger ignorieren. Der große Sturm hatte sich gelegt und ich schipperte ziemlich ziellos auf meiner Hirnsuppe herum… Dann der positive Test. Ich fühlte mich ruhig. Mein lautes Schreien nach Sinn und Bedeutung hatte in zwei blauen Strichen eine vorläufige Antwort gefunden.“No Future“ war nicht mehr, plötzlich ging es darum, eine Zukunft aufzubauen. Ich musste Entscheidungen treffen, die nicht nur für mich bedeutsam sein sollten. Und zwischen MEINEN Zukunftsängsten auf der einen und dem Gefühl, dass diese großen „normalsten Sache der Welt“ eine gute Entscheidung für uns sein könnte, erkannte ich auch meine alten Gedanken wieder… Das Chaos und die Undurchschaubarkeit der Welt strömte wieder auf mich ein.

Mir fiel auf, dass es kaum möglich ist, sein Kind „gesund“ zu ernähren und später fragte ich mich, wonach ich mich bezüglich des „gesund“ überhaupt richte und was „gesund“ überhaupt ist. Hinter allem standen Fragezeichen.

Wie soll ich meinem Kind eine Welt erklären, die ich selber nicht verstehe?

Wie kann ich es verantworten, ein Kind in eine Welt zu setzen, die ich als „kaputt“ empfinde?

Und damit sind wir im Heute. Ich habe eine mögliche (erfolgreiche) Laufbahn als Werbetexterin nicht weiter verfolgt. Ich konnte und wollte nicht länger doofe Produkte für doofe Leute von doofen Leuten anpreisen. Heute studiere ich „was mit Bildung“ und setze mich für gute Kinderbetreuung ein. Warum mache ich das? Weil ich dem Rat einer guten Freundin gefolgt bin, die mir irgendwann mal gesagt hat: „Weißt du, wenn du dich engagieren willst, dann musst du dich irgendwann einfach für eine Sache entscheiden. Du kannst nicht die ganze Welt retten.“ Und ich habe mich für Bildung entschieden, weil ich denke, dass Kinder gute Leute verdient haben und weil ich denke, dass Kinder gute Leute sind, die es verdient haben,dazu befähigt zu werden, in einer ziemlich hässlichen Welt, gute Leute zu bleiben. Weil sie begreifen und selbstständig durchdenken können sollen, was vor sich geht. Auch so ein Dilemma… Würde ich gefragt, ob ich mir wünsche, dass meine Kinder später glückliche Menschen sind, würde ich natürlich spontan und innbrünstig mit „JA“ antworten. Wenn ich aber darüber nachdenke, wohin das, was ich unter „Bildung“ verstehe, eigentlich führen soll, dann stehen am Ende nicht unbedingt glückliche Menschen. Denken macht nicht zwangsläufig glücklich. Darum geht es beim Denken nicht. Denken macht kritisch, auch selbstkritisch. Denken kann wehtun. Und Denken macht alles verdammt kompliziert. Und trotzdem stehe ich dahinter.

„Ambivalenz ist doch nichts Schlimmes“

schrieb mir vor Kurzem Doro von dorobot in einem anderen Zusammenhang per SMS. Kann sein… Aber im Bezug auf’s große Ganze kann sie ziemlich lähmend sein.

Ich mache das, was ich tue, sicher auch, weil ich zu den Guten gehören will. Wer sind „gute Leute“? Leute, die nachdenken. Leute, die nicht mitmachen bei… Leute, die keine Arschlöcher sind. Ich fürchte, man kann sein Leben nicht „perfekt“ – im Sinne von „durch und durch gut“ – machen. (Was ist schon „gut“ und „richtig“?) Ich und Andere strampeln sich immerhin ein bisschen ab dafür, es wenigstens zu versuchen. Wir essen fleischloses Biogelumpe (von dem man ja gar nicht alle satt bekäme, wenn alle sich so ernähren wollten), nutzen keine Flugzeuge und versuchen, unser Umfeld positiv zu gestalten, uns einzubringen, Politik zu machen, Entscheidungen mitzuverantworten. Und dann rennen wir auf dem Heimweg von der Beiratssitzung noch schnell zu H&M, um kurz noch ein Shirt und einen Winteranzug für das Kind zu kaufen und schließen unterwegs mit dem Smartphone die Bestellung für’s Tablet ab und ordern hintendrein noch das Buch über eine bessere Welt bei Amazon. Überall Fallen! Obwohl wir wissen (sollten), dass ein Shirt  für vier Euro nicht korrekt sein kann. Obwohl wir wissen (sollten), dass daran das Blut von versklavten Menschen klebt. Und wenn ich daran denke, wird mir klar, dass Krieg eigentlich nicht weit weg ist. Europa sitzt schon irgendwie auf einem Pulverfaß. Dass Krieg nicht weit weg ist, wie es den Anschein hat, wird umso deutlicher, wenn ein ziviles Passagierflugzeug aus den Niederlanden über der Ukraine abgeschossen wird, weil es vielleicht für etwas Anderes gehalten wurde.

 

Die Bilder und Nachricht aus Gaza schockieren. Der Bürgerkrieg in Syrien ist inzwischen medialer Alltag. Ich fühle mich hilf- und ahnungslos. Wie kann man gegenüber Gewaltbereiten pazifistisch-humanistisch auftreten? Bleibt Israel wirklich nichts anderes übrig, weil weite Teile der arabischen Welt das Land vernichtet sehen will? Rechtfertigt die Bedrohungslage Angriffe in diesem Ausmaß? Nutzt die Hamas wirklich Kinder als Schutzschilde, um antiisraelisches Propagandamaterial in der Hand zu haben? … Unterstützt Russland die pro-russischen Separatisten mit schwerem Geschütz? Und wenn ja, warum? Machtinteressen? … Gibt es in Syrien wirklich noch so viele Assad-Unterstützer? Ich glaub, wir können uns kaum vorstellen, was in diesen Ländern abgeht… Wie sieht ihr Alltag aus?

Und dann steht meine Tochter neben mir, mit ihrem zugeschwollen Auge, weil sie zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten Impetigo Contagiosa hat und ich sehe die Klebestreifen an ihrem Kinn, die von die Platzwunde nach einem Stolpersturz am letzten Sonntag herrühren. Und ich humple in die Küche, weil ich mir den Fuß verstaucht habe, und zu K., dass ich es ätzend finde, dass wir erst Ende September Urlaub machen können, wenn überhaupt, und den ganzen heißen Sommer hier verbringen müssen. Und die Waschmaschine verweigert aus irgendeinem Grund das Abpumpen. Und ich fühle mich wegen all dem gebeutelt und tippe „Das gibt’s doch alles gar nicht!“ in meinen Facebook-Status und kriege „Wenn schon scheiße, dann richtig“-Kommentare.

Denn das ist meine Welt, das ist unser Alltag. Ich bin über das glücklich oder traurig oder besorgt, was mir in meiner Welt und hier passiert… Ist es erlaubt, glücklich zu sein, während überall auf der Welt so viel Scheiße passiert? Geht uns das alles eigentlich nichts an? Wäre jede Einmischung in „fremde“ Konflikte eine, die uns eigentlich nicht zusteht? Ist das Selbstschutz, unseres Frieden zuliebe? Könnten wir überhaupt etwas bewirken? Warum machen wir nicht mehr? Warum sind wir nicht bessere Menschen? Am Ende schauen wir doch dabei zu, wie die Leute aufeinander losgehen und nehmen in Kauf, dass Menschen und Tiere ausgebeutet werden, damit wir es bequem haben. Ja! Es ist so! Und woher kriechen die ganzen Dummbrote, die die Kommentarspalten der Medien mit „Pfui, Gutmenschentum“ vollspammen? Wann ist es eigentlich verwerflich geworden, ein guter Mensch sein zu wollen? Habe ich irgendwas verpasst?

Manchmal muss ich aufpassen, nicht zurück in meine alte menschenverachtende Schockstarre zu verfallen. „Es ist doch völlig egal, ob ich darüber nachdenke oder es sein lasse… Ob ich für Frieden oder Kinderbetreuung oder clean Clothes demonstriere oder Zuhause einen Hackbraten in den Ofen schiebe. Die Menschheit ist schlecht und du wirst daran nichts ändern.“ Warum gehen wir denn auf die Straße? Warum engagieren wir uns im Kleinen? Ist die naive Hoffnung, dass jedes kleine Rädchen große Maschinen zum Umlenken bringen kann? Oder tun wir’s am Ende nur für unser gutes Gefühl? Tun wir es aus Angst? Aus Verzweiflung? Aus Wut? Bei mir ist es wohl vor allem die Überzeugung, dass sich nur etwas bewegen kann, wenn viele kleine Rädchen sich in eine andere Richtung bewegen. Und ja… vielleicht auch die Hoffnung… zumindest im Kleinen… dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen will (Gandhi).

Mama, ich will…!

Neulich im Zoo:

„Mamaaaa, Ich will ein Eis!

Mamaaaa, ich will einen Lutscher!

Mamaaaa, ich will Pommes!

Mamaaaa, ich will ein Brötchen mit Wurst!

Mamaaaa, ….“

Manchmal entsprechen meine unsere Kinder so sehr dem Klischee nerviger, verwöhnter westliche Welt-Göhren, dass es ein bisschen weh tut. Und manchmal entsprechen wir vermutlich sehr dem überforderte Eltern-Klischee, wenn wir es mit unserer dauerfordernden Tochter zu tun bekommen. Ich selbst könnte einen herrlich reißerischen Artikel über unser teilweise echt bekloppt-lächerliches Eltern-Verhalten schreiben… Wir versuchen dann nämlich gerne Mal, „vernünftig“ zu argumentieren:

„Aber P., wir sind nicht hier, um zu essen. Wir wollen uns Tiere angucken, hm? Wir können jetzt nicht die ganze Zeit eine Sache nach der anderen kaufen.“ 

-„Warum?“

„Weil das alles Geld kostet und wir nicht so viel Geld dafür ausgeben wollen. Und können.“

– „Ich will aber!“

„Ja, ich weiß, dass du das willst. Ich will dir jetzt aber keinen Lutscher kaufen. Du hattest gerade Pommes und ein Eis und…“

– „UääääääääähichwiillaaaaaaaaabeeeereinenLuuuuuuuuuu…“ (TretenStampfenAurasten)

Einatmenausatmeneinatmenausatmen…Puuuuuuh.

„Wie mich dieser andauernde kindliche Konsumtrieb nervt…“ sage ich zu K. Er guckt mich an und verdreht die Augen, seufzt. Da stehen wir also. Sonntag um 11. Im überfüllten Zoo. Die Massen schubsen uns rum, T. rumort in der Trage, irgendwie hat niemand Spaß.  „Toller Ausflug,“ murmelt K. und steckt sich eine Kippe an. Manchmal passieren mir dann Gedanken wie: „Was mache ich hier eigentlich? Ich bin 25 und stehe am Sonntagmittag im ekelhaft übervollen Kack-Zoo mit einer unersättlichen, aktuell nach Lollie-brüllenden Dreijährigen an der Hand, einem schweren lebendigen Rucksack am Bauch und einem genervten Mann neben mir. Dabei mag ich gar keine Sonntagsausflüge. Oder Zoos. Oder Pommesbuden. Oder Menschen. Und ich hab Rücken. Ich mag Sonntage im Bett, mit Glotze und/oder Lektüre. Waruuuuuuum tue ich mir das hier an???“

Warum mache ich das also? Meinen Kindern zuliebe. Dem Familienidyll zuliebe. Weil man mit ’ner Dreijährigen nicht ständig Zuhause rumhocken kann und sollte. Weil ZuhauseRumhock-Sonntage sich mit kleinen Kindern endlos anfühlen und sich spätestens 14:30 alle gegenseitig auf den Sack gehen… Und ja, weil wir es uns das eigentlich ganz nett ausgemalt haben. Schönes Wetter, wir gucken Tiere an, ein heißer Kakao in der Kiwara-Lounge… „Und dann macht sie mit ihrem blöden Dauerhabenwollen alles kaputt“ höre ich mich kopffrotzeln. Und na klar: Es sind irgendwie (mal wieder) unsere Erwartungen das Problem, weil sie mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. „Ideal- und Realtypus sind in diesem Falle nicht vereinbar.“ sagt die Wissenschaft zu sowas. Ich sage: Wären die Erwartungen nicht da, wäre  man nicht unzufrieden, weil nicht enttäuscht. Wäre irgendwie besser. Aber zu sagen „Erwarte doch einfach nichts“ hat für mich in etwa so einen Effekt wie „Denk nicht an einen rosa Elefanten“.

Kleine Kinder leben im Jetzt. Und nur da. Im Gegensatz zu Erwachsenen legen Kinder keine Konten an. Sie rechnen nicht auf und ziehen nicht ab. Keine Rechnung à la: „Mama und Papa sind ja jetzt mit mir in den Zoo gegangen und das ist ja erstmal eine ziemlich coole Sache – ein Zugeständnis -, da benehm‘ ich mich jetzt mal besonders gut und bin nicht so kackn anstrengend, sondern tu mal so als wäre ich zufrieden. Sie haben sich’s ja verdient, weil: Sie bemühen sich ja, mir/uns eine tolle Zeit zu machen und das muss man schließlich auch mal honorieren…“ Nö. Das geneigte, städtisch-verwöhnte Kleinkind denkt wohl eher so: „Au ja! Zoo! Will ich!“ – swooooosh – „Au ja! Eis! Will ich!“ – swooooooosh – „Au ja! Pommes! Will ich!“ – swoooooosh – „Oh! Das Kind hat einen Lutscher! Ich will auch einen Lutscher!“ – swooooosh – „Oh! Die Bratwurst sieht aber gut aus! Ich will!“ … „Oh Gummischlangen!“ … „Oh Luftballons!“ … „Oh! Wo ist das Kinderschminken?“

Kinder sind hemmungslos (und) lustgesteuert!

Deshalb sind sie auch so beliebte Zielgruppen Opfer für der Werbeindustrie. Spielzeuge, Freizeit, Snacks. Werbeleute wissen genau, wie leicht Kinderbedürfnisse zu wecken sind. In den großen Werbeagenturen beschäftigen sich ganze Abteilungen ausschließlich damit, zu „erforschen“, wie das kindliche Habenwollen noch zuverlässiger getriggert werden kann. 

Und Eltern…? Wir stehen da irgendwie vor einem Dilemma, oder? Wir wollen unsere Kinder nicht mehr autoritär erziehen. Wir wollen, dass sie sich frei entfalten können, sich selbst kennen (und lieben) lernen und zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen. Wir wissen um die Bedeutung der frühen Kindheit für Bindung, Selbstsicherheit und Persönlichkeitsentfaltung. Wir wissen allgemein viel zu viel. Wir wollen vielleicht keine perfekten Übermütter (im Sinne von Braten im Ofen und glänzendem Haus) sein, aber eine unserer größten Ängste ist, unseren Kindern durch unsere eigenen Charakterschwächen zu schaden. Wir sind es gewohnt, in Freiheit und durchaus lustbetont zu leben. Wir sind freiheitsliebende Hippie-Punks und Jemanden zu begrenzen missfällt uns. Unser Regulativ ist unser Verstand. Aber genau darauf können wir beim Kind nicht setzen. Also stehen wir da, haben alle elterlichen „Waffen“ abgelegt und sind bereit, zu verhandeln. Sie sollen ja können, wie sie wollen… Aber wie sollen wir entscheiden, wann das Wollen begrenzt werden muss, weil das Wollen zum Müssen wird und das macht ja auch wieder unglücklich… Und sind wir nicht unserer Kinder Glücksschmiede?

Deshalb sieht man Erwachsene zuweilen mit Kindern über die Schädlichkeit von Lutschern und Nahrhaftigkeit von Gemüse diskutieren… > Gesunde Ernäherung ist wichtig. Übergwicht und Krankheiten und so. Deshalb sieht man uns auf dem Spielplatz zwischen zwei Dreieinhalbjährigen über das Teilen eines Sandeimers verhandeln > Unsozial sein ist kacke. Teilhabe, Depressionen und so. Wir schmieren abends Brote mit Frischkäse (OHNE RINDE!), obwohl wir frisches und gesund gekocht haben, weil der Brokkoli in der Brokkoli-Käse-Soße eben doch nicht gut genug versteckt war. > Mein Kind muss nicht essen, worauf es keine Lust hat! Und jajaja! Natürlich kommen wir uns dabei albern vor. Es fühlt sich falsch an, streng  den Ton anzugeben. Und es fühlt sich falsch an, ständig nachzugeben. Wir wollen keine Service-Eltern sein. Und keine Helikopter-Eltern. Aber Arschloch-Eltern wollen wir auch nicht sein. Wir wissen, dass es vermutlich ziemlich albern ist, zu hoffen, die besten Freunde und Vertrauten vom Kind sein zu können. Und wir versuchen es trotzdem.

Unsere Kinder sind ein bisschen wie Diktatoren. Despoten! Egoisten!  Ohne Vernunft! Triebgesteuert! Raffgierig! Geizig! Und maßlos ohne Ende! (Ja, sie sind auch herrlich neugierig, phantasie- und liebevoll, … aber darum geht es hier ja gerade nicht…) Und ich glaube, wir sind damit einfach überfordert. Niemand sagt uns, was eindeutig gut oder eindeutig böse ist. Wir können uns in wenigen Minuten zu jedem Thema haufenweise Fakten und Meinungen reinziehen. Wir müssen selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden und inwieweit wir, unsere Kinder bestimmen und uns von ihnen bestimmen lassen. Richtig gibt’s nicht.

Ich höre an dieser Stelle oft Argumentationen wie „Mit Dreijährigen darfst du nicht diskutieren. Du bist die Mutter, du entscheidest. Basta!“ oder auch gerne „Da musst du deinem Bauchgefühl – deiner INTUITIOOOOON – vertrauen.“ Mir persönlich hilft das aber nicht weiter. Ich hab ein sehr diskutierfreudiges Kind, das Gründe haben will, wenn ich „Nein!“ sage und ich will ihr die auch irgendwie liefern. Meiner  „Intuition“ nach zu urteilen ist das richtiger als zu sagen „Weil ich das so (nicht) will.“ Für diese Variante müsste ich mich ziemlich verbiegen und härter tun, als ich fühle und bin. Oft wird mir aber suggeriert, dass das die bessere – die richtige – Variante wäre. Und die Diskutiererei macht mich ja auch alle…

Irgendwie ist es auch das Zusammenspiel von Programmierung und Umwelt, was hier Probleme macht: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie glücklich machen. Und wir sind – furchtbar biologistisch gesprochen – darauf gepolt, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen. Wir leben aber in einer Überflussgesellschaft. Eine ziemlich unnatürliche (Um)Welt für Menschen(kinder). Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie süß und bunt und fettig. Sie können zwar tatsächlich nicht immer und nicht alles haben, aber theoretisch heute und hier sehr, sehr viel. Mehr, als sie brauchen und mehr als – so mutmaßen wir – gut für sie ist. Erwachsene haben – mal mehr mal weniger erfolgreich – gelernt, ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und zu unterscheiden, um in der Welt des too much klarzukommen. Und manchmal werden wir fett und unbeweglich und krank, weil wir uns in dieser unnatürlichen Welt eben doch nicht im Griff haben.

Es gehört Einiges dazu, diesen fiesen Teufelskreislauf zu durchbrechen: Verstand, Durchhaltevermögen, Resilienz, Konsequenz, ein Masterplan, … Und – um zurück zum Thema zu kommen – man unterschätze nicht die Verführung, auf durch Nachgeben zu einem „zufriedenem“ Kind und stressfreien Moment zu kommen. Das ist es ja, was uns die Werbung verspricht, oder? Zufriedene Kinder. Entspannte Eltern. Glückliche Familien. Aber sehen wir es, wie es ist: Immer nachgeben, das ist de facto: Ruhigstellen. Damit geht man den Weg des geringsten Widerstands und macht es sich so einfach wie es nur irgendwie geht. Hauptsache keinen Stress… Und was ist falsch daran? Klingt doch nach einem ziemlich guten Lebensmotto. Auf Dauer tut man sich damit selbstverständlich keinen Gefallen. Die Kinderbedürfnisse könnten sich unkontrolliert vermehren. Kinder, bei denen es kein „genug“ gibt und im Resultat: Konsumorientierte, doofe Menschen, die lernen, dass man Befriedigung vor allem kaufen kann (und muss). Wollen wir das? Wollen wir nicht. Davon gibt es auf der Welt wahrlich schon genug.

Was ist also mit dem kindlichen Dauer-Habenwollen? Wie sollen wir damit umgehen?

Kleine Kinder kennen noch kein Maß. Sie können nicht verstehen, warum sie nicht dürfen, wenn Dinge in greifbarer Nähe und theoretisch zu haben sind. Ihnen fehlen die „Kompetenzen“, derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sich selbst zu begrenzen und aus reinen Verstandsgründen zu verzichten. Sie sind dieser – Achtung, Polemik! – fiesen, unnatürlichen, ihre Unschuld und Unwissenheit ausnutzenden, kapitalistischen Waren- und Konsumwelt schutzlos ausgeliefert, und man kann hier zu dem Schluss kommen, dass wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigen, wenn wir unsere Kinder nicht davor beschützen. Oder? Gerade unser Verstand sollte uns doch eigentlich hier sehr deutlich zeigen, dass es wichtig und richtig ist, (Konsum-)Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen und sie in dieser Hinsicht zu begrenzen. Um sie vor sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zu schützen, quasi. Ist das so? Ihnen „Grenzen setzen“ ist also tatsächlich der richtige Umgang damit?

Ich denke nicht, dass dieses Dilemma Kinderwollen vs. Elternmeinen ein für allemal auflösbar ist. Man muss die Situationen immer wieder neu bewerten. Man wird sich immer wieder fragen müssen, wie man das gerade findet und ob man es gerade zulassen will. Ab und zu sollte man sich vielleicht wirklich fragen, was man zu einem guten Freund in der Situation sagen würde. Andererseits können Kinder in vielen Situationen nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wann können sie? Wann müssen wir?

Wieder denke ich an Juul, der sich auch dazu äußert. Man müsse zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden. Das Bedürfnis des Kindes ist zum Beispiel Ernährung. Nur Nugggets bei McDoof oder einen Lutscher zu wollen, das ist ein Wunsch. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie den Wunsch erfüllen wollen. „Man kann eine lange, glückliche Kindheit haben ohne Pizza oder McDonalds“ sagt Juul dann. Hier geht es um die eigenen Werte, Einstellungen und Sichtweisen der Eltern. Was findet man gut? Was nicht? Welchen Wunsch will man erfüllen, welchen nicht? Juul meint auch, dass Kinder ihre Eltern kennenlernen wollen. Mit etwa 4 bis 5 Jahren hätten sie den Großteil von dem, was ihre Eltern prinzipiell zulassen und was nicht – die elterlichen Grenzen – ausgelotet. Und Kinder wollen selbstständig sein und selbst entscheiden. „Ich will meine Jacke nicht anziehen! Ich will meine Zähne nicht putzen!“ – „Hör mal, Zähne putzen muss man irgendwie, sonst passiert alles Mögliche. Zwei Dinge kann ich dir sagen: Es ist unangenehm, weil irgendwelche Erwachsenen vielleicht etwas Hartes in deinen Mund stecken und anfangen zu bohren…“ – Und was ist, wenn das Kind auf seinem „Nein“ beharrt? – „Wenn man dieses Grundvertrauen hat , dann sagt man: ‚Okay, schade, weil wie du weißt, finde ich es wichtig, aber wenn es für dich nicht wichtig ist, dann machen wir es heute nicht.“ Man müsse einfach das Vertrauen haben, dass Kinder prinzipiell kooperieren wollen. Das ist Juuls ganz grundsätzliche These. Verantwortung müsse man vor allem übernehmen, wenn es um Leib und Leben geht – das Anhalten an roten Ampeln ist nicht verhandelbar. Nachlesen kann man das zum Beispiel in diesem Interview mit Jesper Juul, und in dem und dem.

Vertrauen wir unseren Kindern nicht? Würde es mit ein wenig mehr Vertrauen alles einfach gehen? Wir denken „Zähne putzen muss sein!“, weil wir das so beigebracht bekommen haben und „weil man das so macht“ und wir denken so Sachen wie „Wenn ich das jetzt einmal schleifen lasse, dann wird das nie was und dann kriegt sie Karies und faulige Zähne… und im Kindergarten wird man über sie reden, weil sie einen schlechten Atem hat… und die Erzieherinnnen zerreißen sich das Maul über uns unfähige Eltern.“ – Genau! Das „Was sollen denn da die Leute denken?“ steckt nämlich viel zu oft dahinter, egal für wie unabhängig man sich hält. Man will nicht als Eltern dastehen, die es nicht hinkriegen. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich das Kind nie wieder die Zähne putzen wird, weil man einmal sagt: „Gut, wenn du es partout nicht willst, dann machst du es halt nicht.“ Andererseits sage ich, dass es schon ziemlich wahrscheinlich ist, dass mein Kind sich ausschließlich von ungesundem Kack ernähren würde, könnte es das selbst entscheiden. Und was es zu essen gibt, das geht doch irgendwie alle was an, oder?? Vielleicht teilt man die Woche mal testweise in „Du bestimmst, was es zu essen gibt“-Tage und „Wir bestimmen, was es zu essen gibt“-Tage auf.

Wir haben uns dann jedenfalls dann doch noch sehr ausgiebig die Affen angeguckt, über eine Stunde beim Karpfenbecken abgehangen und eine halbe Stunde auf die Fütterung der Pinguine gewartet. Hat sich gelohnt, das Konsumieren zu durchbrechen, drei Mal „Nein, gibt’s nicht! Ich will jetzt Affen angucken“ zu sagen und die jeweiligen Wutausbrüche zu ertragen.

„Manchmal muss man sie doch echt zu ihrem Glück zwingen.“ sage ich während der Rückfahrt zu K., kurz nachdem beide Kinder zeitgleich weggepennt sind und wir um 17 Uhr das erste „störungsfreie“ Gespräch des Tages miteinander führen.

Muss… Darf man das? Die Kinder zu „ihrem Glück“ zwingen? Ist ihr Glück nicht in allererster Linie das, was wir als „Glück“ – als schön / gut / erstrebenswert – bewerten? Passt das zu unserer Vorstellung der frei denkenden, selbstbestimmten Menschen, als die wir unsere Kinder gern später sehen würden? Ist Lesen wirklich „besser“ als iPad-Daddeln? Ist es echt sinnvoll, immernoch dieses Idealbild vom auf der großen Wiese frei herumtollenden Kind im Kopf zu haben und darum ständig mit schlechtem Gewissen durch die betonierte Großstadt zu laufen, weil man es einfach nicht realisiert bekommt??

Hm. Man sollte vielleicht auch nicht vergessen, dass unsere Kinder später eh selbst entscheiden werden, was sie unter Glück verstehen. Und dass diese Definition nur zu einem Teil davon abhängt, wie sie ihre Kindheit mit uns verbracht haben. Unsere Kinder haben ein Recht auf’s Heute. Das ständige ans Morgen denken macht mich auch wirklich alle… Die Gedanken krieg ich nur ganz schwer ausgeschaltet. „Wenn sie heute zu viel fernsieht, wird sie niemals Bücher lesen oder sich für Kultur oder Geschichte oder … interessieren“, „Wenn ich jetzt nicht versuche, sie zum Gemüse essen zu bewegen, wird sie das niemals tun und krank und fett werden“, „Wenn sie jetzt nicht lernt, dass…, dann wird sie nie…“ – Was für ein Bullshit das doch ist! Und wie einen das tagtäglich unter Druck setzt! Das nimmt die ganze Leichtigkeit aus dem Alltag und aus dem Umgang mit dem Kind. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen, „den Förderauftrag“ der Bildungseinrichtungen Zuhause fortzuführen. Und auch davon spricht Juul gerne mal. Man wird bekloppt, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einen irgendwie anders… irgendwie besser haben wollen als man ist. Die einen umerziehen wollen. Unsere Kinder sollten bei uns einfach mal nichts müssen müssen, einfach mal sein dürfen, so (unperfekt und launisch und unausgeglichen) wie sie sind. Unsere Kinder sind keine Projekte, die wir möglichst erfolgreich abschließen. Unsere Kinder sind Menschen. Ihre Persönlichkeit sollten wir in erster Linie annehmen und respektieren. Wir können ihnen eigentlich nur sagen: „Hör mal, so fühlst du dich jetzt und das ist okay. Du bist du. Und ich bin ich. Und das da draußen ist die Welt. Und wenn du das jetzt (nicht) machst, könnte das passieren. Deshalb mag ich nicht, dass du es machst. Jetzt kannst du entscheiden, ob du es trotzdem tun willst.“

An Denkstoff mangelt es mir jedenfalls ganz und gar nicht, seitdem ich Kinder habe. Gesellschaftliche Zwänge. Freiheit. Die eigene und die der eigenen Kinder. Werte. Moral… Können, wollen, sollen, müssen. Kinder konfrontieren einen wirklich sehr schonungslos mit sich selbst, den eigenen Maßstäben und Nicht zu Ende-Gedachtem. Man muss permanent kurzfristig nötige („Ich will aber JETZT, Mama!“), aber langfristig wirkende („Warum habe ich nur so große Selbstzweifel? Meine Eltern sind schuld!“) Entscheidungen treffen und das unter akutem Handlungszwang und erschwerten Bedingungen („UÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHICHWILLABER!“).

Memo an mich selbst: Unbedingt mal darüber nachdenken, wie ich diese exzellent trainierten „Troubleshooting“- und „Multitasking“-Kompetenzen in meiner Vita einbauen kann.

6 Monate 2+2 = 4 (Erziehungsfragen-Sermon)

16.03.2014. Verdammte Axt! Echt jetzt? Ein halbes Jahr?! Gibbet doch nich…

Es gäbe viel zu schreiben darüber, was oftmals zu lesen ist, wenn Leute monatliche Feedbacks zur Entwicklung der Kinder geben: Klar, er ist gewachsen, enorm sogar… Und er hat sich entwickelt wie sich Babys halt entwickeln. Am Anfang war er sehr empfindlich und hat ’ne ganze Weile gebraucht, um sowas wie anzukommen, in der Welt. Viel geschrien, hat er. Und gar nicht geschlafen tagsüber. P. hat das alles super weggesteckt, denke ich. Keine großen Eifersüchteleien – abgesehen von „Eyä, du sollst das nicht ablutschen!“.

In den letzten Wochen haben wir uns gefunden, es ist rhythmisch. T. schläft abends sehr schnell und zuverlässig (mit Pre HA) ein – Versuch mit Pre ohne HA ist KLÄGLICH gescheitert – und wacht nach 4-5 Stunden wieder auf. Danach wird er gestillt und schläft bei/an mir. Wie er nachts nach der ersten Phase wach wird, kann ich gar nicht sagen. Ab 6/7 ist er morgens endgültig wach und ich auch, mehr oder weniger. Morgens fühle ich mich ziemlich gerädert. Aber seit 2,5 Wochen schenkt er mir und sich – auch sehr zuverlässig – vormittags gute 2-3 Stunden Schlaf. Und das ist wirklich ein Geschenk! Dann komme ich dazu, was für die Uni zu machen. Oder Haushalt. Oder Klarkommen. Ich gewöhne mich leider immer zu schnell an sowas und erwische mich dabei, enttäuscht und unterschwellig genervt zu sein, wenn er schon nach 1,5 Stunden wieder wach ist und ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Genau genommen schaffe ich das nie.

Uni zu machen in diesem 2-3-Stunden-Fenster ist ein bisschen irre. „So. Wo war ich. Ah ja. Bourdieu…“ Ich brauche eine halbe Stunde, um mich wieder an die Stelle zu denken, an der ich am Vormittag des vorherigen Tages aufgehört habe. 10 Minuten, um mich wieder in die Texte reinzufuchsen. Und es fällt mich wahnsinnig schwer, sie zu durchsteigen, geschweige denn, sie in Zusammenhang mit meinem Thema zu bringen. TickTickTick… Deine Küche sieht aus wie Sau… TickTickTick… Quäääk…. TickTickTick… Sport müsste ich auch mal wieder machen… TickTickTick… TickTickTick – Die Heranwachsenden müssen „die Fähigkeit zur Unbestimmtheit und strukturellen Umformung und Wandlung“ erwerben, um „Entwicklungs- und Modernisierungsprozesse zu ermöglichen“ – Waaaaasmüssendie? TickTickTick… TICK TICK TICK… Dann wird er wach, mein Kopf dampft und ich muss wieder in einen anderen Gang schalten, dabei schreit alles nach Pause… Kleines Kind wach, versorgen. Zeit im Blick haben, großes Kind abholen, Nachmittagsaction, abends werden alle nölig, dann noch Abendessen und Bett und danach theoretisch das ganze Chaos des Tages beseitigen. Und abends dann noch was Uni machen? Ich schaffe es einfach nicht, mich dann noch durch meine wissenschaftlichen Texte zu kämpfen. Beide Kinder sind zur Zeit nicht vor 21:30 endgültig im Bett. Dann könnte ich erst anfangen und müsste es auch direkt tun, damit es sich lohnt… Das packe ich nicht. Ich erinnere mich an diese Gefühle… Ich hatte das so bei P. auch als ich wieder angefangen hatte, selbstständig von Zuhause aus zu arbeiten. Es ist zu wenig Tag für all das, was zu tun wäre. Vereinbarkeit Kinder und „Karriere“ MY ASS!!!

(Deshalb auch die Stille hier, die ich sehr bedauere.)

Jesper Juul treibt mich auch mal wieder um. Auslöser war seine Kolumne im Standard, die ich erst jetzt entdeckt habe. Ich find den ja immernoch ziemlich toll… Ich habe P., die nach wie vor häufig Heulattacken-Phasen hat, in letzter Zeit häufiger gesagt, dass sie in ihr Zimmer gehen kann, um sich auszutoben und dass sie ja dann wiederkommen kann, wenn sie fertig ist und mag. Ich hielt das für ’ne okaye Methode. Ist sie aber eigentlich gar nicht, denk ich jetzt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mies und heulig drauf seid und euer Partner würde zu euch sagen: „Geh ins Schlafzimmer und heul dich aus. Du darfst wiederkommen, wenn du nicht mehr weinst.“ Irgendwie ist das total das falsche Signal… Sie soll doch nicht denken, dass sie nur akzeptiert wird, wenn sie „genehm“ ist… Und auch nach wie vor extrem richtig und wichtig finde ich das, was er zur „persönlichen Autorität“ bzw. „persönlichen Sprache“ sagt… Dass es nämlich für Kinder vor allem wichtig ist, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Er beschreibt oft und gern von seiner Beobachtung, dass Eltern (und Großeltern oder Erwachsene allgemein) Kindern gegenüber Rollen spielen anstatt aufrichtig und echt zu sein. Anstatt z.B. zu sagen „Du, ich hab da jetzt echt keinen Nerv drauf.“ benehmen sie sich so, wie sie meinen, dass sich Eltern Kindern gegenüber benehmen müssten… Dabei sprechen sie von sich in der dritten Person („Nicht die Mama hauen!“ … „Gib der Mama mal die Schere wieder!“ *gruselig*) und 3 Oktaven höher als es ihrer natürlichen Stimmhöhe entspricht. Und obwohl ich das sehe und meine, muss ich mich selbst immer mal wieder daran erinnern, einfach echt zu sein und nicht „mich selbst“ abzukapseln und zum Eltern-Roboter zu werden. Ein passendes, plakatives Beispiel: Gestern hatte ich ein Freundin mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner zu Besuch. Wir haben versucht, uns zu unterhalten, während die Kinder uns lautstark im Wohnzimmer umkreisten und ohne Unterlass auf uns einquatschten. Wir haben abwechselnd – wahlweise mit netten Worten oder Lockmitteln („Zeig ihr doch mal…“) – versucht, die Kinder loszuwerden, damit wir uns einfach mal unterhalten können. Irgendwann sagte ihr Partner zu uns: „Warum sagt ihr ihnen nicht einfach, dass ihr mal eure Ruhe haben wollt? Dann gehen sie doch.“ – „Klappt bei P. nicht.“ habe ich gesagt, es kurz darauf aber ausprobiert (und seitdem mehrmals) und echt Bauklötze gestaunt, weil P. tatsächlich ohne ein Wort verständnisvoll nickt und sich verzieht, um sich allein zu beschäftigen. Manchmal macht man sich’s halt echt unnötig schwer. Weil? Ja, weil wir beliebt sein wollen (auch bei unseren Kindern) und Angst haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Vor nichts haben wir größere Angst, als sie zu traumatisieren… Vor nichts fürchten wir uns mehr, als schlechte Eltern für sie zu sein.

Juuls Frage, ob wir uns (bzw. wer sich denn) wirklich aufrichtig starke und selbstbewusste Kinder wünschen würde, finde ich so unglaublich richtig gestellt und spannend, dass es weh tut. Er meint, die meisten Menschen wollen in Wahrheit – ohne sich dessen bewusst zu sein – genau das nicht, sondern liebe, artige, tüchtige und folgsame Kinder. Vorzeige-Exemplare halt… Ja-Sager. Ich will das nicht! Wirklich aufrichtig! Manchmal, denke ich, sollte ich mir das wieder häufiger bewusst machen, wenn ich die „Trotzreaktionen“ meines Kindes mal wieder ätzend und anstrengend-nervig finde…

Einen Widerspruch kann ich aber auch mit Juul nicht lösen: Aufrichtig soll und will ich sein. Ich selbst, meinen Kindern gegenüber. Beim oben genannten Beispiel (10 Heulanfälle in 5 Minuten) bin ich ehrlich extrem genervt und angekotzt. So sehr, dass ich schreien will. Oder Türen schmeißen. Ich möchte kann das Gebrüll manchmal einfach nicht mehr hören ertragen. Es macht mich wahn-si-nnig! Irgendwie scheiße zu reagieren, das wäre die ehrliche Reaktion in den Momenten… Aber natürlich keine Gute. Ich finde nicht, dass sie das verdient hat. Den Fehler macht ja nicht sie. Denn sie ist klein und frustiert, weil irgendwas nicht geht. Und ich bin groß und kann reflektieren und mich zusammenreißen. Anzuerkennen, dass sie pissed ist und sie auch in diesem Moment zu akzeptieren, anzunehmen und ihr beizustehen ist dann doch richtiger. Aber ja eiiiigentlich nicht mehr authentisch. Also was denn nun? Und was ist mit der Süßigkeiten-Flatrate? Juul meint, Erziehung wäre eh ziemlich sinnlos, weil Kinder eh nur vom dauerhaften Vorleben lernen und jedes gewollte Erziehen (im Sinne von dranherumziehen) verschenkte Liebesmüh ist… Keine Belehrungen über gesundes Essen am Essenstisch. Kein Zwang oder Überedeversuche, Gemüse zu essen… Also einfach essen lassen, was und wann sie will? „Noch niemand ist an 3 Wochen nur Nudeln mit Soße essen gestorben.“ sagt er sinngemäß und auch: „Die Eltern sind verantwortlich. Dann dürfen sie halt nichts im Haus haben, was sie nicht gut finden.“ Hm. Vielleicht wahr, aber ziemlich unrealistisch, oder? (Und Herr Juul himself ist in der Hinsicht wohl auch kein nachahmenswertes Vorbild, by the way… Check) Und wie sieht das aus mit iPad-Spielen und Fernsehen? Irgendwie fühlt es sich schon so an, als müsste man den Kids in der Hinsicht ein Maß mit auf den Weg geben. Ich fühl mich dafür verantwortlich… verpflichtet… Ist das falsch? Kann… Muss… Sollte man denn immer richtig sein (wollen)?

Und dann noch die Sache mit dem „Mann sollte die Kinder einfach mitlaufen lassen“… Man würde seine Kinder heute viel zu sehr mit Aufmerksamkeit überhäufen, viel zu viel Kinder-Animation betreiben… Ja, sehe ich auch so. Sehr sogar. Und wenn man auf’m Bauernhof arbeitet oder auf dem Feld, dann mag das vielleicht auch toll funktionieren… Sich die Kinder einfach auf den Rücken schnallen und ab geht’s. A.B.E.R: Das berücksichtigt irgendwie nicht, wie die Realität Vieler heute aussieht. Was machen wir nämlich? Wir sitzen vorm Rechner. Und dabei kann man die Kinder nicht „einfach mitmachen / mitlaufen“ lassen. Man läuft ja nicht. Man sitzt. Und man muss sich konzentrieren. Für’s Kind ist dabei kein Platz. Es gibt nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gibt nur Stille, Geticker und Stören. Computerarbeit und Kinder sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht gleichzeitig.

Hach ja. Schön rumgekreist und vom Weg abgekommen…

Wie die Bilanz nach einem halben Jahr zu viert nun ausfällt?

Medaillenseite 1: Wir sind ziemlich durch. Wir sind spätestens 16 Uhr nachmittags sackmüde, können uns aber meistens nicht dazu entschließen, einfach mal direkt mit den Kindern ins Bett zu gehen. Also tun wir das regelmäßig viel zu spät, denn uns fehlt selbstbestimmte Zeit! Die ziehen wir vom Schlaf ab, wodurch wir natürlich noch müder werden. Wir müssen weitermachen. Immer, immer weitermachen… Auszeiten gibt’s nicht. Oder nicht wirklich. Im Moment wüssten wir nicht einmal wofür wir sie nutzen könnten. Das Quietschen und Quaken des kleinen Kindes bringt uns in den letzten Tagen beinahe um den Verstand. Er ist krank und wahrscheinlich im 26-Wochen-Schub (obwohl ich nicht an das Vorhandensein von Wochenschüben glaube). Die Große macht’s uns auch nicht einfacher durch ihre „Ich kann das aber alleine – ich will aber erster sein – Nein! Das geht so aber nicht – Ihr seid gemein!“-Heul-Tiraden. Abends wünschen wir uns nicht selten, wir könnten die Zeit vordrehen bis zu dem Punkt, an dem die Kinder endlich im Bett sind. *seufz* Mit uns als Menschen, als Denkende, als Aktionisten, als Künstler, als Freunde, als Paar ist im Moment nicht viel los…

Medaillenseite 2: Wir sind ziemlich zufrieden. Wir werden früh von einem glucksenden, ungeheuer niedlichen Baby geweckt. Das erste, was du siehst, ist das verliebteste und ehrlichste Strahlen der Welt. An jedem Morgen ist das erste, was ich tue, meinem kleinen Baby, das direkt neben mir liegt, über den Kopf zu streicheln, ihn aus seinem Schlafsack zu befreien und meine Wange ganz dicht neben seine zu legen. Er streckt sich dann ausgiebig, erzählt ein bisschen und dreht suchend den Kopf umher. Ich flüstere zu K., dass er mal gucken soll, weil sein Sohn ihn begrüßen möchte… Dann rufen wir P., die meist schon seit einer Stunde leise in ihrem Zimmer spielt. Ich höre die tappelnden Schritte, wir ziehen unsere Decken hoch und P. springt mit zu uns in die Kiste. Wir schieben ein Stück vom Rollo nach oben, Sonnenlicht fällt auf’s Bett… K. und ich beobachten, wie unsere Tochter unserem Sohn erzählt, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hat und er lacht sich darüber kaputt. Manchmal kriegt man ziemlich feuchte Augen vor Rührung. Und da ist man gerade einmal seit 10 Minuten wach…

Keine Eifersuchtsdramen. Größere gesundheitliche Downs gemeinsam gemeistert. Ziemlich gut auf einem Nenner gelandet. Und immer wieder überrascht, dass wir das doch irgendwie alles hinbekommen und es sich zwar ständig so anfühlt, als würde die Energie uns im Stich lassen, sie es aber halt nie endgültig tut.

„Wir schuften weiter, immer weiter.“