„Der wird ja ganz grooooooß!“ – Über kindliche Sexualität, „Doktorspiele“ und veraltete Tabus

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 TRIGGERWARNUNG: 1. Dieser Artikel ist emotional, besserwisserisch und stellenweise klingt er bestimmt ziemlich von oben herab formuliert. Das liegt daran, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und an die Nieren geht, wie damit „normalerweise“ umgegangen wird. Seht es mir nach, es ist eines meiner Steckenpferd-Themen, auch im Studium. 2. Es geht um kindliche Sexualität.

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Ich habe ewig schon einen Artikel zum oben genannten Thema in der Pipeline, ihn aber nie so richtig zu Ende und/oder aber auf den Punkt bringen können.

Das Thema ist mir wichtig. Ich beschäftige mich an der Uni in Seminaren damit, beobachte die regelmäßig auftauchende Hilflosigkeit in Elterngruppen digitaler sozialer Netzwerke angesichts der „Freizügigkeit“ und Unbefangenheit von Kindern in Bezug auf ihren Körper und ihre Sinneserfahrungen und bemerke auch, dass in pädagogisch-professionellen Räumen wie Kitas und Schulen das Thema nach wie vor ein heißes Eisen ist. Ratlos saß ich in meinem Uni-Seminar, mit all den schlauen Köpfen, und lauschte dem Gegiggel und Gegacker oder aber beobachtete das ungläubige Starren und Kopfschütteln, sobald es um Fallbeispiele aus dem Bereich dessen ging, was allgemein als „Doktorspiele“ bezeichnet wird. (Schon mal allein über diesen Begriff nachgedacht? Warum nennen wir das so?)

Zum Glück hat die Zeit heute einen wirklich richtig, richtig guten Artikel zu dem Thema rausgehauen, den ich – weil er eben schafft, was ich nicht gebacken bekommen habe: Auf den Punkt und vollkommen klar formulieren, was bzgl. des Themas kindliche Sexualität überholt und zu sagen ist – hier noch einmal prominentest teilen und euch zum Lesen unbedingt ans Herz legen will:

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/komplettansicht

Meine Meinung deckt sich mit den Aussagen der Sexualpädagogik-Professorin Ulrike Schmauch komplett. Ich finde sehr, sehr richtig und sehr, sehr wichtig, was sie sagt. Zum Beispiel etwa:

Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen. (..) Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn‬ stark auf den ‪‎Orgasmus‬ fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit‬, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von ‪#Liebe‬ und anderen Vorstellungen, die Erwachsene‬ oft damit verbinden.

 

Wichtig finde ich das vor allem auch (1.) wegen der ganzen Ecke der Übergriffigkeit – und zwar im späteren Alter der heutigen Kinder. Hier reden wir über Aufklärung, Sexualpädagogik oder auch „Sexualerziehung“. Überall, wo Sexualität, Genitalien, Berührung, Nacktheit tabuisiert sind, ist es schwer oder wird versäumt, Kindern einen emanzipierten, selbstbestimmten Umgang mit ihren Grenzen und denen anderer, mit „Nein sagen“ und nur machen, was man machen möchte zu vermitteln. Auch das bringt der Artikel schön auf den Punkt:

sexualpaedagogik, sexuelle aufklärung, sexualerziehung

Ich kann gar nicht oft genug und stark genug betonen, WIE WICHTIG das ist! Hier geht’s um Kinderschutz. Das sind Dinge, die so unbedingt den Heranwachsenden von kleinauf beigebracht werden müssen. Allein in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis habe ich von mehr als fünf Beispielen erfahren, in denen junge Kinder miteinander ihre Körper erkundet haben und dabei Grenzüberschreitungen passierten bzw. die großen Fragen im Raum standen, ob das Verhalten der Kinder „noch normal“ war oder ob da irgendwelche Rechte eines Kindes verletzt wurden. Viel zu oft wurde damit wirklich sehr unglücklich umgegangen. Unschuldige Kinder wurden zu Tätern gemacht, Dramatisierungen kamen ins Spiel… Es ist vielerorts – meist – ein emotionales, aufgeladenes Thema. Die Kinder aber wissen in der Regel gar nicht, wie ihnen geschieht.

Warum wundert uns Erwachsene eigentlich, dass sowas vorkommt, wie dass M. K. an der Scheide ableckt und kitzelt und K. das mit sich machen lässt, obwohl ihr das  gar nicht so wirklich gefällt, sie das vielleicht gar nicht machen will? Und dann auch schwierig ist, darüber zu reden, weil irgendwie redet ja niemand über sowas. Die Kinder spüren, dass da Peinlichkeit in der Luft liegt. Ein unangenehmes Gefühl! Kinder wollen keine unangenehmen Gefühle bei Erwachsenen verursachen.

Woher aber – frage ich euch – sollen die Kinder es denn wissen, wenn wir das Thema peinlich berührt unter den Tisch kehren, den Kindern „dududu!“ verbieten, sich selbst anzufassen und das Rumspielen an anderen Kindern am liebsten einfach nicht wahrhaben wollen oder aber bei jeder Aktion, die auch nur leicht in Richtung „anzüglich“ gehen könnte, wir schon weiche Knie kriegen und nervös werden?

So eine Erfahrung – ob nun als (vermeintlicher) Täter oder als (vermeintliches) Opfer – kann einem Menschen (2.) die Sexualität für ein ganzes Leben versauen! Und zu Schlimmeren führen. Ich male hier absichtlich den Teufel an die Wand! Denn das passiert! Was mag in dem 5-jährigen vorgehen, der einer 4-Jährigen im Gebüsch der Kita an einem Sommertag die Genitalien betrachtet, anfasst und vielleicht auch stimuliert und am Tag darauf eine heftige Standpauke von irgendeinem Erwachsenen bekommt? Was macht das mit dem Kind? Und was macht es mit dem Mädchen, dem vermittelt wird, dass das irgendwie womöglich etwas gelaufen ist, was nicht okay ist?

Wir versuchen hier Zuhause deshalb ganz klar, immer wieder zwischendurch, aber auch, wenn es situativ passend ist – zwei Kinder etwa im Bett knutschen oder sich gegenseitig erkunden und anfassen – und parallel zu anderen, „normalen“ Themen sowas zu vermitteln wie zum Beispiel:

sexualerziehung

Wir geben uns Mühe, das als ein stinknormales Thema neben anderen zu behandeln, gleichzeitig aber auch deutlich zu machen, dass die genannten Regeln und Hinweise dazu sehr, sehr wichtig und bedeutend sind, einzuhalten. Dazu gehört dann auch noch – ganz wichtig:

sexualpaedagogik

So wie ich das in meinem Bekanntenkreis mitbekomme, passiert genau – und gerade – das viel zu selten! Sowohl in Elternhäusern als auch in pädagogischen Einrichtungen. Das Thema Sex wird irgendwie umschifft. Wenn’s sein muss, wird mal auf ’ne Frage der Kinder reagiert (schnellschnell) und dann bloß weg mit dem Thema.

Ach, ihr merkt schon… Hier bin ich wirklich Mal ganz schlimm missionarisch unterwegs. Das ist mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich hab auch keine Lust, das jetzt noch tausendmal umzuformulieren und zu beschwichtigen. Es ist einfach so enorm Mist, wie damit derzeit weit verbreitet umgegangen, was da als normal erachtet und wieviel Hiflosigkeit und bescheuertes Verhalten diesbezüglich toleriert wird. Und es ist m.E. so wichtig, dass sich was daran ändert! Und dazu braucht es eigentlich gar nicht viel.

Reflektiert, warum ihr Giggeln müsst oder euch peinlich berührt fühlt! Denkt nach über die Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, das Unterdrücken, die Heimlichkeit, die Tabus, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sex gelten und fragt euch, was ihr eigentlich für eine Haltung dazu habt bzw. was für einen Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, der eigenen Lust ihr euch für eure Kinder wünscht. Heute! Und später! Redet mit euren Kindern über Sexualität und Gefühle und Selbstbefriedigung und Öffentlichkeit und Interaktion mit anderen. Macht es zum Thema und steckt euch das doofe, kindische, unreife Gegiggel, wenn eure Kinder sich gegenseitig erkunden oder feststellen, dass es sich schön anfühlt, sich zwischen den Beinen anzufassen. Steckt es euch einfach! Ehrlich!

Um doch ein bisschen zurückzurudern: Das klingt alles scheiße vorwurfsvoll. Soll es gar nicht. Den Schuh müsst ihr euch nicht anziehen. Und ich mach bestimmt auch noch viel Mist. Und ich spüre die peinliche Berührtheit natürlich auch. Ich fühl mich dafür aber nicht mehr schuldig. Ich kann da nix für. Das liegt an meiner Sozialisation, daran, welche Normen gesellschaftlich vorherrschend sind und wie kulturell in unserer Gesellschaft mit Sex umgegangen wird. Es ist ’ne Sache der Heimlichkeit. Deshalb: Blamet die Strukturen. Aber fühlt euch nicht schuldig! Ruht euch aber auch nicht aus darauf. Man kann daran ja was ändern. Sich bessern wollen. Und hier kommen dann doch Verantwortung und Schuld ins Spiel. Zum Beispiel, wenn du keinen Bock hast, dich mit dem Thema zu beschäftigen oder zu faul bist, dir mal 10 Minuten für diesen super Artikel zu geben und vielleicht nochmal 30, um ein bisschen Selbstreflexion zu betreiben… Dafür hab bzw. hätte ich dann kein Verständnis. Dafür ist mir das Thema zu wichtig.

Japp.

meme besserwisser

Kinder sind nicht asexuell. Aber all das könnt ihr in dem Artikel – wie gesagt – sehr ansprechend und kurzweilig nachlesen. Hier – auch auf die Gefahr hin, dass ich brutalst nerve heute – ist übrigens nochmal der Link ;-)

http://www.zeit.de/2016/30/sexualitaet-kinder-umgang-eltern-kindergarten/

Bitte leeeeeeeeest es einfach mal durch! Ehrlich! Es braucht überhaupt kein ganzes Buch und auch kein Studium der Sexualpädagogik oder Erziehungswissenschaft, um unseren schwachsinnigen Umgang damit zu hinterfragen und zu ändern – der Artikel reicht völlig aus. Im ernst.

Und vor allem: SPREAD! THE! WORDS! Teilt das! Täglich, von mir aus! Mehrfach! Überall! Per Mail, in Gruppen, in der Kita-WhatsApp-Gruppe… Nutzt diese verdammten SOZIALEN Medien mal – nur EIN.MAL! – für was Sinnvolles! :-p

Der Umgang der meisten (!) Erwachsenen im Alltag mit kindlicher Sexualität ist einfach wirklich sehr, sehr erschreckend, uninformiert und tabulastig. Also: TEILEN! Taggt Graffitis, denkt euch heiße Kindersex-HashTags aus, wattweeßick. Ihr seid doch alle so kreativ. Lasst euch – lasst uns – etwas einfallen, was bewegen… Wir Internet-peoples, wir! Ich möchte Teil einer Elternbewegung sein!

Macht ihr mit? So können vielleicht wenigstens in einigen Köpfen sinnlose, überholte Tabus und Normen gebrochen werden! LosLos! ActionAction jetze hier!!!

Ihr könntet mir zum Beispiel mal eure Geschichten, Erfahrungen, Einstellungen, Erlebnisse zu dem Thema zukommen lassen. In den Kommentaren, per Mail oder als eigenen Blogpost – quasi BlogParade-mäßig. Lasst’s uns aufs Tablett bringen und so aus der Versenkung des Schweigens holen!

Standpauke Ende. ;-)

 

Internationaler Kinderbuchtag

Zur Abwechslung mal ein sinnvoller Tagestag ;-) Lesen fetzt, ist wichtig, weil bildsam und überhaupt und sowieso. Hier wird sehr viel (vor)gelesen.

Was ist denn mein liebstes Kinderbuch aktuell? Mal überlegen… Ich glaub, ich finde gerade „Feuerwehr und Regenauto“ von JANOSCH und „Oma schreit der Frieder“ von Gudrun Mebs, was schon als Kind eines meiner Lieblingsbücher gewesen ist, am unterhaltsamsten.

P. steht auf Prinzessinen-Geschichten und vor allem die klassischen Märchen (Dornröschen, Rotkäppchen, Schneewittchen). Die Frieder-Geschichten mag sie zum Glück auch gerne. Und die Bücher von der kleinen Prinzessin. T. mag das „erste Buch zum Anbeißen„.

Ich freue mich schon darauf, wenn wir bei P. mit längeren, fortlaufenden Geschichten anfangen können! Das SAMS probieren wir schon ab und zu, aber so kontinuierlich zu folgen ist noch eher schwierig, denke ich. Außerdem hat sie vor dem Vieh noch Angst. Aber wenn es dann erst einmal in Richtung Unendliche Geschichte, Backsteinweg und Hogwarts geht… Hach! Vorfreude!

Ich habe übrigens eine eigene Seite hier auf dem Blog zum Thema liebste Kinderbücher. Guckt da manchmal wer von euch drauf? (Ich kann sowas ja immer nicht wirklich einschätzen.) Ich finde es jetzt schon interessant, mir die Liste anzuschauen mich daran zu erinnern, worauf P. mit einem oder zwei Jahren buchmäßig so stand, wie es sich verändert und wie es im Vergleich bei T. sein wird. Dokumentations-Wahni halt.

Wir lesen übrigens JEDEN Abend zwei Geschichten vor dem Schlafen vor und sollen tagsüber ungefähr 20.000 – nach P’scher Anweisung – erzählen („Von einem Mädchen, dass immer nur Süßigkeiten essen wollte / immer nur Dornröschen spielen wollte / sich nie die Zähne putzen wollte… Von einem Jungen, der ein Ohr werden wollte…“)

Wie läuft das bei euch ab, mit Vorlesen und Geschichtenerzählen? Gibt’s Regelmäßigkeiten / Rituale? Und was sind aktuell eure Bücher-Favoriten und die eurer Kinder? Und welche mochtet ihr als Kind?

„Männer-Fakten über’s Stillen“

Letzte Woche fand ich mich mal wieder auf der Wöchnerinnen-Station „meines“ – mittlerweile kann ich es ja echt so nennen – Krankenhauses wieder.* Zum Warten wurde ich im Stillzimmer platziert. Da liegen immer viele hübsche Info-Heftchen rum. Sowohl K. als auch ich haben die Macke, ALLES lesen zu müssen, was in einer ruhigen Minute in unseren Blickwinkel fällt… Shampooflaschen, Zutatenlisten, Etiketten und also auch Broschüren.

Ich finde es gut und richtig, dass sich viele Menschen auch bloggenderweise mit dem Gender-Thema auseinandersetzen. Das gehört im Normalfall aber nicht so zu meinen Themen… In diesem Fall kann ich einfach nicht anders. Denn gefunden haben wir dieses „Info“-Heft zum Thema Stillen und Muttermilch für junge Familien:

babys an den busen

männer stillen  männerfakten stillen

Und das passende Pendant dazu (in einem Heft):

fakten übers stillen

stillen gender

Herausgeber ist das Netzwerk Junge Familie (Link, Link). „Ziel ist, jungen Familien Wissen und Kompetenzen zu den Themen ausgewogene Ernährung und Allergieprävention zu vermitteln und sie zu einem gesunden Lebensstil zu motivieren.“

Wirklich gehaltvolle Informationen finden sich in dem Ding nicht. Klar, soll ja wahrscheinlich auch vorrangig „cool“, „fresh“ und „trendy“ wirken. Grundtenor ist das altbekannte „Muttermilch ist das Beste für’s Kind, Flasche geben ist böse.“

Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Diese Broschüre ist die Entsprechung von sixx und RTL Nitro im Broschüren-Format! Als hätten die „Redakteure“ (falls solche daran überhaupt beteiligt gewesen sein sollten) einen Wettbewerb veranstaltet: Wie viel Klischee passt auf 5 Doppelseiten? Ich kann einfach nicht glauben, dass es Menschen gibt, die im Jahr 2013 noch sowas konzipieren und vermutlich davon überzeugt sind, dass das tatsächlich ansprechend auf die Zielgruppe wirkt. Und noch viel weniger möchte ich glauben, dass sie damit vermutlich sogar Recht haben könnten. „Junge Familien“, ich nehme an, dass ich mich (mit 25) durchaus zur Zielgruppe rechnen darf.

Mal davon abgesehen, dass „junge Familien“ offensichtlich nur Mini-Sätze mit einfachstem Vokabular, Ausrufezeichen am Ende und ohne Komma verstehen, sind junge Männer also offensichtlich Affen mit einem dümmlichen „Gröööööööhl.. Ich bin ein MANN!“-Duktus („Wir stehen auf Brüste!“) und Frauen dauershoppende, debil grinsende Schminkweiber. Hallo?! DAS soll also die nachwachsende Generation ansprechen bzw. darstellen? Puuuh… Na vielen Dank auch!

Ich befürchte, dass die Macher von dem Teil nicht nur recht passabel dafür bezahlt worden sind – wurde nicht gerade das Schwarzbuch der Steuerzahler herausgegeben? -, sondern auch noch davon ausgehen, dass das irgendwie sowas wie modern ist. Ist es nicht. Ich finde es echt verwerflich, was da für ein Bild gezeichnet wird. Weil es den Eindruck vermittelt, es wäre „normal“ bzw. irgendwie erwünscht, dass Frauen und Männer genau so (und nicht anders) sind. Es wäre sehr, sehr traurig, wenn „die da oben“ solche Bilder von Menschen im Kopf haben, wenn sie Politik machen. Autsch.

Es gibt im Familien/Nachwuchs/Baby-Infobereich übrigens erstaunlich viele unterschiedliche Frauen-Männer-Versionen. Bei Baby-Apps, auf Webseiten, Schwangerschaftskalender… Überall finden sich die ausführlichen, gefühlsbetonten, in rosa gehaltenen „Infos für werdende Mamis“ mit Blümchen und Herzchen auf der einen und die in blau-schwarz-grau getünchten, wahlweise kumpelhaft-männlich oder straight-knapp formulierten „Informationen für werdende Väter“ auf der anderen Seite.

Hallo? Menschen da draußen: Wollt ihr das? Seid ihr so? Spricht euch das echt an?

Aber ich habe ja auch gehofft, dass die CDU/CSU nicht regierungsfähig sein wird nach dieser Bundestagswahl. Und ich will ja auch nicht glauben, dass eine „Zeitung“ wie die Bild tatsächlich die auflagenstärkste sein soll. Ich fürchte, ich traue den Menschen in diesem Land nach wie vor zu viel zu.

Hach. Da fragt man sich doch… Windmühlen und so… Kopf –> Tisch.

* Ich wollte per Ultraschall klären lassen, ob es sich bei der, trotz Antibiotikum nicht verschwinden wollenden Verhärtung in meiner linken Brust um einen Abszess handelt. Nach 3 Stunden Wartezeit wurden wir unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt, weil eine Not-Sectio dazwischen kam und meine Brust nicht lebensgefährlich aussah. Es war Freitag Abend. Montag bin ich zu meiner Gyn. Die war auch ein bisschen ratlos. Flüssigkeit sei schon drin, aber das müsse ja kein Eiter sein. Aufstechen würde sie das nicht wollen. „Wissen Sie, das wird dann ein elendiges Geschnitze und dann trifft man das vielleicht nichtmal…“ – Ich sollte ruhigstellen, kühlen, Baby versuchen nicht da direkt anzulegen. Heute ist es nicht mehr ganz so schmerzhaft, es sieht auch nicht mehr so rot aus. Die Stelle ist aber noch da und tut auch beim Stillen noch ziemlich weh. Subjektiv hilft Kühlen am besten… Gyn meinte, dass das auch eine Zyste oder sonstwas sein könnte. Beobachten und melden, wenn’s schlimmer wird.

Geburtstagsdilemmata

Der dritte Geburtstag meines großen Kindes – Ha! Es fühlt sich immernoch so neu an, das so zu sagen – wurde ja an diesem Montag begangen. (Und er wird am Sonntag mit einem fetten Kindergeburtstag bei Kawi Kids noch weiter zelebriert…)

kaqpjöj

Ich habe gelernt, dass der dritte Geburtstag ganz, ganz wichtig ist. Weil es nämlich der erste Geburtstag im Leben eines Kindes zu sein scheint, den sie bewusst mitbekommen. P. hat jedenfalls w-o-c-h-e-n-l-a-n-g auf ihren Geburtstag hingefiebert. Das wurde noch dadurch verstärkt, dass unglaublich viele ihrer kleinen Freunde in den vergangenen Wochen Geburtstag hatten. „Wann hab ich Geburtstag? Wann hat die T. Geburtstag? Und wer kommt da alles?“ war Dauer-Thema.

Und Geschenke. Die waren auch Dauerthema.

Wir haben das ja eigentlich ziemlich schlau angestellt, wie ich finde. Also das mit ihrem Geschenk. Sie wollte nämlich eigentlich einen dritten Arztkoffer haben. Warum auch immer. Wir haben ihr dann „nahegelegt“, dass so eine Kasse doch ’ne gaaaanz tolle Sache wäre. Darauf hat sie sich dann (zum Glück) eingeschossen und sich den Po weggefreut, als am Geburtstagsmorgen im großen Geschenk tatsächlich eine Kasse drin war: „Eine Kasseeee! Ja wirklich! Eine Kasseee! Ich hab die wirklich gekommen, Mami!“ – ich krieg schon feuchte Augen, wenn ich nur daran denke. So niedlich war das. Der Kaufmannsladen kam alles in allem super an, ist ein gutes Geschenk, weil es lange Spielspaß bringt, der auch noch so halbwegs sinnvoll ist und alle konnten kleines Zubehör dazuschenken. Super Ding also. Kann ich nur empfehlen zum dritten Geburtstag.

Wo da das Dilemma ist?

Beim Thema Geschenke ganz allgemein, finde ich. Wie handhabt man das? Als Eltern macht’s ja schon großen Spaß, dem Kind eine Freude zu machen und ihm einen sehnlichen Wunsch zu erfüllen. Leuchtende Kinderaugen sind ja was Schönes… Aber: Wie weit will, kann und sollte man da „mitgehen“?? Kann man es vertreten, dem Kind Scheiß zu schenken, wenn es sich das nun einmal wünscht? Und wie geht man mit Verwandten um, die von den Eltern sehr unerwünschten (vom Kind aber natürlich heiß geliebten) Trash anschleppen??

Es dürfte in den nächsten Jahren sicher noch sehr viel wichtiger werden, was man dazu für eine Meinung hat.

Ja, Elternbuddies. Ihr wisst genau wovon ich spreche… Ich sage nur eins:

FILLY PFERDCHEN !!!

Vor kurzem stand ich in unserem schönen Spielzeugladen, um Geschenke für eine der Freundinnen meines Kindes zu besorgen. Neben einem coolen kleinen Spielzeug (aufziehbare Eisenbahn + Eisenbahnschienen zum Zusammenpuzzeln) schleppte ich fast unbemerkt auch zwei verdammte Tüten Filly-Dreck zur Kasse. Der Verkäufer guckte mich fragend an. „Mit drei? Echt jetzt?“ – „Äh.. äh… Ich kann da nichts für, echt… Also äh… ich…“ – „Ja, ich weiß schon… Da fängt einer im Kindergarten mit an, stimmt’s? Und dann haste keine Chance.“ – „Äääääh, ja genau.“

Ja, naja, also nein. Also hätte man doch… Klar hätte man die! Man könnte sich weigern. Man könnte dem Kind natürlich sagen, dass man solchen Mist nicht kauft und gut. Also mehr oder weniger gut. Das würde dem Kind nämlich einmal mehr sein kleines Kinderherz ein bisschen brechen. Es gäbe Tränen und ein fieses Kleinkind-Gewitter und wenn man das Kind beim nächsten Mal  von der Omi abholt kann man ganz, ganz sicher sein, dass der Bann gebrochen wurde und das Kind sein beknacktes Filly-Pferdchen noch viel, viel mehr liebt als ohne die „Nein“-Ansage der fiesen Eltern. (O-Ton: „Ihr seid ganz gemein zu miiiiir!“)

Und außerdem: Wie war das denn bei uns? Da gab es zum Beispiel TAMAGOTSCHIS. Bei meinem Bruder war Pokémon in. Und ich kenne einige, deren Eltern den Barbie-Mist versucht haben, zu unterbinden und deren Kinder am Ende die schlimmsten Barbie-Fanatikerinnen waren. Ich selbst gehöre übrigens auch dazu.

Mein Kind hat zum dritten Geburtstag eine Mischung bekommen. Einen Kaufmannsladen und Bücher zum Beispiel. Dinge, die ich unterstütze. Und ein (!) Filly-Pferdchen. Und Kinderschminkstifte. Und einen schrecklichen Plaste-Girly-Mini-Schminktisch (!!!) von meiner Oma. Ohne Absprache natürlich… Und meine Tochter liebt das Teil. Klar. Tja…

Was soll man machen? Ich muss darüber mal noch ein bisschen sinnieren. Mir schwant, dass es unmöglich (und unsinnig) ist, immer zu versuchen, pädagogisch wertvoll zu handeln und zu entscheiden, damit das Kind auch ja ein kluges, cooles Stück Mensch wird. Ich denke nicht, dass das insbesondere davon abhängt, dass das Kind nur mit Stöcken und Kastanien spielt. Inwiefern man es als Eltern vertreten kann, Mist zu konsumieren und anzuhäufen ist da wohl die viel wichtigere Frage. Von wegen vorleben und so.

Jesper Juul (ich glaub, der war’s) hat jedenfalls Mal gesagt: Eltern sind nun einmal Eltern und keine Pädagogen. Und das ist auch gut so. *hinter die Ohren schreib*

Schwanger sein: So war die 14. Woche

Mit dem Doppler, den ich schon längere Zeit nicht mehr benutzt hatte, war der Herzschlag der Beele in dieser Woche richtig laut, bummernd und eindeutig zu hören. Ich hab mich richtig erschrocken, aber gefreut. Man kann jetzt auch gut die Bewegungen hören, wenn man ein bisschen zuhört. Ich finde das ja extrem faszinierend und es nimmt mir ein bisschen das seltsam befremdliche Gefühl, wenn man so gar nichts (bis auf den Bauch) von dem Leben in sich mitbekommt.

Ich bin süchtig nach Stor’ck Riese*n… Überhaupt: Alles, was Zartbitter-mäßig ist, ist momentan echt nicht sicher vor mir. Immerhin: Wir haben unsere Ökokiste wieder aktiviert und kochen daher mehr frisch. Wir haben die Regional-Kiste… Mann ey, ich bin so ideenlos irgendwie. Immer nur Kohl und Rote Beete und Rüben und Möhren… Irgendwann fällt mir da kaum noch was ein. Hausmuddi-Probleme, aaaaah!

P. war eine weitere Woche krank, ich also mit ihr Zuhause. Faszinierend… Während so einer länger andauernden (2 Wochen) Krankheitsphase vergesse ich irgendwann immer, dass es nur eine kurze Phase ist und sie danach wieder in die Kita geht, ich wieder zu etwas kommen werde… Ich bin wirklich dankbar dafür, dass es Kitas gibt. Obwohl: Gäbe es noch Großfamilien und wirklich Gemeinschaften, dann sähe das ja auch anders aus. Dieses Alleinsein mit einem kleinen Kind, das macht mich einfach kirre. Ich bewundere da alle, die das irgendwie sehr genießen… Mir wurde da etwas bange vorm erneuten Babyjahr. Obwohl ich es mir eigentlich ganz schön vorstelle.

Was hat sich denn bei euch verändert, mit dem 2. Kind? Also was ist euch noch besonders in Erinnerung? Habt ihr Tipps? Worauf könnten wir am Anfang achten?

Ich habe nicht mehr so starken Durst gehabt wie in den letzten Wochen, dafür aber wieder deutlich mehr Ziehen im Unterleib. teilweise richtig stark. Der Bauch kommt mir auch etwas größer vor, die Gebärmutter ragt nun schon deutlich über das Becken hinaus. Im Liegen seh ich das besonders gut… Ich hatte auch wieder Probleme mit den B*ustwa*zen… Die jucken, werden blutig und schuppig. Da bekomme ich Angst vorm Stillen. Ich habe Neurodermitis und die Verbindung ist echt zuweilen unschön. Ich träume schon seit Beginn der Schwangerschaft viel, verrückt und bildhaft. Das ging mir auch schon in der ersten so.

Ich hatte den ersten Termin bei meiner neuen Hebamme am Mittwoch, die in der gleichen Praxis arbeitet wie meine „Alte“. Sie fragte mich, ob ich die 4-wöchentlichen Vorsorge-Untersuchungen bei ihnen oder in der Praxis meiner Gyn machen will. Ich überlege… Denn bei der Gyn wird momentan noch jedes Mal ein US gemacht, auf den ich mich immer sehr freue… Aber wie lange noch? Ich muss da (trotz Termin) meistens 1-2 Stunden warten, das wird ganz schön happig, da ich ab April wieder Uni-Veranstaltungen habe und das Pendeln wieder losgeht.

Ich hatte immer mal wieder Zweifel ob meiner Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit. Ich bin bei einem nächtlichen Surf-Anfall auf Depressionsinfo-Seiten gelandet und habe festgestellt, dass in meinen trüben Phasen alle Punkte auf mich zutreffen… Eigentlich halte ich nicht viel davon, der Sache einen Namen zu geben, weil es das nicht unbedingt besser macht. Aber irgendwie ist es schon wahr… Ständig und immer antriebs- und freudlos zu sein, ist ja irgendwie „nicht normal“ – auf ungute Weise. Ich werde Ende des Monats mal eine Familienberatungsstelle aufsuchen, den Termin habe ich schon ausgemacht. Vielleicht haben die dort ein paar Hinweise, Tipps, … für mich. Diese Schuldgefühle machen mich einfach echt fertig zur Zeit. Ich behandle P. nicht anders als sonst, aber ich schäme mich oft dafür, dass ich in mir drin genau merke, dass ich eigentlich nicht wirklich Lust habe, mich ihr zu widmen. Das tut mir einfach wahnsinnig leid.

Zum Glück kamen aber auch andere Tage dazwischen, an denen ich schon viel motivierter war und P. toll fand, mich gern mit ihr beschäftigt habe. Da habe ich mich auch wieder besser gefühlt und kein schlechtes Gewissen gehabt, obwohl ich auch da keine Bespaßungsmaschine war. Aber das will ich ja auch nicht sein… Als sie eine Nacht bei meiner Mutter geschlafen hat, hat sie mir sogar gefehlt. Ich fühle mich ein bisschen schizophren irgendwie. Im Prinzip denke ich mir, dass ich irgendwie versuchen muss, meine Launen nicht ganz so ernst und dramatisch zu nehmen. Ich denke, ich muss mich einfach zwingen, raus zu gehen und Leute zu treffen anstatt mich (auch und gerade in dunklen Phasen) allein Zuhause einzuigeln, weil ich sonst einfach depressiv werde. Scheiß auf den Sinn dahinter… Scheiß auf das „Warum?“-Gefrage… Wenn es mir nur nicht so schwer fallen würde. Das nervt mich einfach. Ich muss versuchen, mit dem Hadern aufzuhören. Ich muss versuchen, das Grübeln einzudämmen. Ich hatte das alles schon besser im Griff.

Ich glaube nach wie vor daran und hoffe sehr, dass ich mit dem 2-Kind-Stress (nach dem Babyjahr) irgendwie besser zurechtkommen werde als mit diesen 1 zu 1-Situationen. Wenn einem das Kinderspielen nicht so liegt, kann das echt hart sein. Dann komme ich doch besser mit 2, sich kloppenden Kindern zurecht. Mit Chaos und Lautstärke hab ich jedenfalls weniger ein Problem als mit diesem „Scheiße, was fangen wir denn nur heute mit uns an?!?!“-Mist. Das macht mich noch wahnsinnig! Wie macht ihr das denn? Was macht ihr denn ständig mit euren Kindern?

Der Ultraschall am Donnerstag mit P. war schön. Nach den Terminen, an denen ich die Beele sehe, bin ich immer richtig euphorisch und gut gelaunt.

Ich habe übrigens zum 3. Mal von einem Jungen geträumt… Was sagt mir das? Momentan fühle ich mich auch eher nach einem Jungen, wobei in den letzten Wochen das Gefühl „Junge“ vorgeherscht hat. Ich habe geträumt, dass ich in einem Krankenhaus, in einem Krankenbett liege und Pressdruck verspüre. Ich rufe nach Hilfe, erwarte, dass Hebammen oder Schwestern eintreffen, aber es kommt niemand. Innerhalb von 3 schmerzhaften Wehen gebäre ich ganz allein einen sehr propperen, rosigen Jungen, den ich mir auf den Bauch lege. Ich bin glücklich und staune über mich selbst, dass es diesmal so einfach und schnell ging. Das hat sich fremd angefühlt. Irgendwie rechne ich mit so einem kleinen zierlichen Ding, wie P. es war. Einen plöppenden Jungsnamen haben wir aber nach wie vor nicht…

 

Eltern-Bedürfnisse vs. Politik

Aus gegebenem Anlass:

Das Netzwerk „Familie 2.0“ hat einen Offenen Brief an die Bundesregierung bezüglich Vereinbarkeit von Beruflichkeit und Familie sowie Kinderbetreuung/Bildung im Allgemeinen formuliert. Da ich die Inhalte weitestgehend unterstütze – insbesondere die Punkte: „Schule muss endlich Bundessache werden!“ und „Bessere Bezahlung von ErzieherInnen und PädagogInnEn!“ – teile euch den Brief gerne und fänd es toll, wenn viele viele mitmachen!

Teilt das in euren Social Media-Kanälen, druckt den Brief aus und schickt in ab, schreibt ihn via Mail. Diese Aktion verfolgt schlussendlich einen ähnlichen Zweck wie wir mit unserer Kita-Initiative: Eltern – BewohnerInnen eines Landes allgemein – müssen begreifen, dass wir die Münder aufmachen müssen, damit sich die Dinge in unserem Sinne entwickeln. Sich hinstellen und sagen „Es ändert sich eh nichts“ ist bescheuert und traurig. Also macht mit!

Der offene Brief zum Ausdrucken: Familie 2.0 Offener Brief

Familie 2.0  – Wir machen mobil! Eltern bewegen Familienpolitik!

Liebe Frau Merkel, liebe Frau von der Leyen, liebe Frau Schröder,

Sie bekleiden drei der einflussreichsten Ämter in diesem Land.  Die Gleichstellung der Frau, für die die  Vereinbarkeit von Familie und Beruf unerlässlich ist, rückt damit für uns alle in greifbare Nähe. Aber leider nur fast.

Denn viele der Aktionen, die uns – Mütter, Väter und Kinder – angeblich unterstützen sollen, stellen uns vor die Frage, ob unser Bedarf und die Situation, in der wir uns befinden, überhaupt verstanden wird?

Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, unsere Vorstellungen darüber, was wir wirklich benötigen, heute am Weltfrauentag zu veröffentlichen, um uns Gehör zu verschaffen und aktiv in den politischen Prozess von Familien- und Bildungspolitik einzusteigen. Wir zählen auf Ihre Unterstützung!

Deutschland benötigt in den kommenden Jahren dringend eine Familien- und Bildungspolitik,  die wirklich einen Unterschied für uns arbeitende Familien macht und nicht zuletzt kurz-, mittel- und langfristig dem Fachkräftemangel vorbeugt und Deutschland als Wirtschaftsstandort stärkt! Wir sind die Arbeitnehmer und Steuerzahler von heute. In unseren Kinderwagen liegen die Arbeitnehmer und Steuerzahler von Morgen! Jetzt machen wir in Sachen Familienpolitik mobil!

Denn nicht nur bei Punkten wie der Kürzung des Elterngeldes und der Einführung des Betreuungsgeldes können wir nur mit dem Kopf schütteln. Es geht um viel mehr

Wir brauchen:

1.      Ein einheitliches Bildungssystem in allen Bundesländern
2.      Qualitativ hochwertigere Betreuungsangebote (…)
3.      besser bezahlte Erzieher/ Pädagogen

4.      eine bessere Einbindung der Generation 60+
5.      flexible Arbeitszeitlösungen für Mütter und Väter
6.      kein Ehegattensplitting

Dies bedeutet im Detail: (…)

 Link zum Offenen Brief

Weiterlesen-Nützlichkeitsfrage

Mal wieder eine Frage aus gegebenem Anlass, weil ich eure Gewohnheiten nicht kenne:

Auf der Startseite von Babykram-und Kinderkacke habe ich in letzter Zeit die Artikel mit „Weiterlesen“-Option versehen, sodass ihr auf den ‚weiterlesen‘-Button klicken müsst, um den ganzen Artikel zu lesen. Findet ihr das doof oder sinnvoll?

 

Kleinkind-Terror

(oder: sich „richtig“ verhalten gegenüber dem Kind)

Ich verhalte mich meinem Kind gegenüber menschlich. Das ist mir wichtig. Ich halte nicht viel davon, irgendwelche Normen einfach zu übernehmen und mich „elternmäßig“ zu benehmen. Also Dinge irgendwie zu tun, weil ‚man‘ sie halt so macht oder machen muss. Ich versuche mich immer mehr wegzubewegen von dem ‚man‘-Denken. Ich möchte nicht, dass mein Kind zu einer möglichst perfekt angepassten, nichts hinterfragenden Hülle wird. Ich möchte gern, dass mein Kind ein selbstständig denkender, vernunftbegabter, interessierter Mensch wird.

Mein derzeitiges Problem: Es fällt mir schwer, mich in bestimmten Situationen überhaupt irgendwie zu verhalten. Gemeint sind Situationen, in denen sie sich recht wenig menschlich (genau genommen ist es wahrscheinlich sogar sehr menschlich… Also sagen wir lieber sowas wie:) „sozial“ verhält – ja, mir ist klar, dass sie mit 27 Monaten nicht annähernd eine Vorstellung davon hat, was dieses Konstrukt bedeutet und mir ist auch klar, dass sie das faktisch gar nicht können kann. Es geht um  das, was allgemein häufig als ‚Trotz‘ bezeichnet wird. Es geht um Abgrenzung, unterschiedliche Bedürfnisse, Grenzen, um all sowas geht’s. Theoretisch.

Ganz praktisch geht es aber um: „Jetzt komm verdammte scheiße nochmal bitte her!“ oder auch: „Du musst Ich will dir jetzt aaaaaaaaaaaah! ichdrehdurchichwerdwahnsinnig!  bitte deine Jacke anziehen, es ist himmelarschundzwirn kalt draußen!“ und ich bekomme gleich einen Wut- oder Heulanfall, wenn ich daran denke, dass wir bereits vor einer 3/4 Stunde in der Kita sein wollten und noch Schuhe, Handschuhe, Schal und Mütze vor uns liegen! Gerne auch: „Bitte! Lauf! Jetzt! endlich Weiter!“ oder ich raste gleich echt aus. genau JETZT werde ich nämlich gerade wahnsinnig. einszweidreivierfünfsechssiebenachtneunzehndreitausend. aaaatmenaaaaatmenaaaatmen-zähneknirsch-zähneknirsch-zähneknirsch oder: „Kannst du nicht wenigestens ein verpisstes kleines Stück von diesem Essen kosten?“ Ich koche nie wieder für dich! nie! wieder!

Ja, ich habe wahrscheinlich ziemlich hohe Ansprüche an mich. Das bekomme ich jedenfalls immer wieder zu hören. Aber: Es geht mir nicht darum, eine perfekte Maaaamiiii zu sein. Gar nicht! Es geht mir darum, meine eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen und trotzdem auch denen des Kindes gerecht zu werden. Es geht mir darum, nicht (oder so selten wie möglich) in irgendeiner Entwicklungsphase total den Müll zu bauen, unter dem dann sie als großer Mensch, wir als Familie oder, oder, oder zu leiden hat. Es geht mir auch darum, zu berücksichtigen, dass es kein falsch oder richtig gibt. Also keinen DEN Umgang mit einer bestimmten Phase oder Situation. Keine Knöpfe, die man drücken kann, um Kompetenzen/Fähigkeiten wie Denken, Empathie oder Toleranz freizuschalten. Ich will authentisch sein und nicht manipulativ oder sonstwas. Ich will fair sein, meine elterliche Machtposition nicht ausnutzen und meinem Kind keine Traumata einpflanzen.

Nur: Wo fangen die an und wo hören die auf? Ist es schon grenzwertig, wenn ich in einer Phase, in der sie abends nicht in s Bett will, abends das Licht in ihrem Zimmer ausmache, weil ich a) einfach Feierabend haben will und sie b) auch tatsächlich hundemüde ist? Finde ich es eigentlich okay, diese „Na  gut, dann muss ich halt alleine gehen“-Taktik anzuwenden, wenn sie sich standhaft weigert, weiterzulaufen. Ist das nicht schon Manipulation? Darf ich Lockmittel einsetzen, wenn ich keine Lust auf Kampf habe oder ist das verurteilenswerte Bestechung?

Aber ich muss mir gerade echt selbst eingestehen: Einem Kleinkind in der Trotzphase kannst du einfach nicht mit logischem Menschenverstand begegnen. Und ich frage mich ernsthaft: Mit was denn dann? Ich habe dafür wirklich keine Lösung. Als Mutter, meine ich. Ich kann mit Kindern sehr gut umgehen, die nicht meine eigenen sind. Auch mit deren Trotz kann ich gut umgehen, weil der sich – so ist meine Erfahrung – ‚Fremden‘ gegenüber niemals so extrem zeigt wie gegenüber den eigenen Eltern. Ist ja auch gut so! Juul sagt, es sei wichtig, eine „persönliche Sprache“ zu nutzen, wenn man mit seinem Kind zu spricht. Also keine leeren Formulierungen wie „Kannst du eigentlich nie aufräumen?“ oder auch: „Super!“. Er sagt auch: Es ist richtig und wichtig, dem Kind seine Grenzen zu zeigen. Das entspricht ziemlich dem, was ich eingangs erwähnte: Menschlich sein. Aber: Kleinkinder sind Egoisten, Egozentriker und Narzissten in einem! (Und das ist gut und wichtig so, ihre Entwicklung betreffend.) Insofern bringt mich das nur halbwegs weiter.

Während mein Kind freudig und impulsiv ihre Grenzen entdeckt und auslotet, bringt mich das eindeutig an meine. Weil ich schlicht keine Lösung dafür habe. Weil ich immer trotzdem versuche, sie so gut wie möglich nachzuvollziehen. Und das Problem ist: Ich kann es! Ich kann sie meistens sehr gut nachvollziehen! Klar, sie will nicht aus der Kita nach Hause gehen, weil sie dort gerade noch etwas Spannendes macht. Verstehe ich, ändert aber nichts daran, dass ihre Betreuungszeit 16 Uhr zu Ende ist und ich mit ihr nach Hause will, wenn ich sie abhole. Klar, will sie manchmal nicht essen, was ich gekocht habe, weil’s ihr nicht schmeckt oder sie keinen Hunger hat oder sie was anderes essen will. Ändert aber nichts daran, dass ich für sie gekocht habe und es mich ankotzt, wenn sie das dann nicht isst. Klar, sie will manchmal nicht weiterlaufen, weil sie was Spannendes entdeckt hat, müde ist, ihre Füße weh tun oder sie einfach nicht weiterlaufen will. Ich kann ihr Verhalten nachvollziehen und sehe trotzdem meine Grenzen. Ich hab nicht die Geduld! Ich halte es nicht aus, 45 Minuten für 700 Meter Weg von der Haltestelle bis zur Haustür zu brauchen, begleitet von 30 Schreiattacken. Und trotzdem sehe ich es nicht so, dass es ihr Fehler ist. Und das bringt mich erst Recht an meine Grenzen! Könnte ich all das gelassen hinnehmen, wenn ich selbst „einfach“ gelassener wäre?

Was macht das, was ich mit meinem Kind mache, mit meinem Kind??? Welche Auswirkungen hat welche Handlung? Welche Grenzen sind gut und welche sind zu viel? Wann braucht mein Kind Begrenzung, wann nicht? Wann macht es Sinn, meine Sicht oder meinen Willen durchzusetzen und wann nicht? Welche Normen muss ich ihr vermitteln, dammit sie klarkommt?

Das ist, was ich mit Kleinkind-Terror meine: Mehr als das Verhalten (m)eines Kleinkindes, was einfach in der Tat tierisch anstrengend für mich sein kann, ist es mal wieder mein Kopfwust, der mich terrorisieret. All diese Dinge, denen ich gerecht werden will und die ich „richtig – will heißen: begründet und durchdacht – machen will, weil das einfach mein Anspruch ist. Wenn mir da jemand kommt mit „Intuition“, dann kann ich nur sagen: Das ist meine Intention und meine Intuition. Genau so, wie ich durchdenke, was ich kaufe, was ich esse, mit wem ich mich umgebe, was ich gern tue, wie ich die Welt sehe und was ich scheiße finde oder auch, wie die Beziehung zu meinem Partner ist und ob ich da fair bin, wo Probleme sind, durchdenke ich auch das Zusammenleben mit und das Verhalten gegenüber meinem Kind. Das kann (und will) ich auch nicht ausschalten, obwohl es anstrengend ist und trotz der frustrierenden Gewissheit, dass es „die Lösung“ und „das richtige Verhalten“ nicht gibt.

Vielleicht ist es genau das, was Mensch von seinen Kindern lernen kann und sollte: Richtig gibt’s nicht. Du musst deinen Weg allein finden. Und es vor allen Dingen schaffen, zu ihm zu stehen. Amen.

*Jesper Juul (2009): Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie, rororo
Jesper Juul (2008): Nein aus Liebe. Klare Eltern – starke Kinder, Kösel-Verlag

Und was machen eure?

Was mich gerade interessiert:

Womit beschäftigen sich eure Kinder im Moment gern? Und womit ihr euch? Also die konkrete Frage ist: Was sind die Dinge, die euch zusammen Spaß machen?

Bei P. sind Rollenspiele aktuell sehr angesagt. Sie spielt mit dem „Doktording“ (Stethoskop), füttert ihr ausgiebig Krümmelmonster mit Knete oder quatscht mit dem kleinen Maulwurf. Gestern hat sie zwei Stunden lang mit Fingerfarben, Pinsel und Kleinkram rumgematscht.

Oh und: Sie malt ihre Wände total gerne an. Hat irgendjemand das Bedürfnis, darüber zu diskutieren? ;) Also ich habe für uns beschlossen, dass ich es eine okaye Lösung finde, wenn sie die Wand an ihrem Zeichentisch in ihrem Zimmer anmalen darf, mit Buntstiften. Sie scheint die Begrenztheit der Sache zu verstehen und hat offensichtlich auch nicht das Bedürfnis, sich woanders auszutoben. Und sie ist damit echt schwer beschäftigt… Außer „Ich will das nicht.“ fällt mir einfach kein guter Grund ein, warum ich ihr das verbieten sollte. Es ist ihr Zimmer, oder? Im Rest der Wohnung, die wir gemeinsam bewohnen, kann ich guten Gewissens sagen „Nein, das will ich nicht.“, aber in ihrem Reich? Warum sollte ich ihr das verbieten? Weil „man“ das nicht macht? Hmmm… Nö.

So, also um ehrlich zu sein: Ich finde es gar nicht immer leicht, gemeinsam zu spielen. Ich merke, dass sie Kinder braucht, also suchen wir uns eigentlich so oft wie möglich welche zum Spielen… Sie hilft mir beim Essen machen oder aufräumen, zusammen baden fetzt und natürlich Bücher angucken. Also: Falls ihr irgendwelche hammermäßigen Spieleideen für 2-3-Jährige + Eltern habt: Her damit!

Von Leuten, die (nicht) für’s Elternsein gemacht sind

Das P. entwickelt sich weiter in Richtung coole Socke, logisch.

Wenn ich sie frage: „Wie macht der Rio?“ antwortet sie: „Keine Macht für niemand!“ – HaHa! (Nur Dorobots entzückende L. kann da vülleiiicht mithalten!) Sie tanzt, sobald sie Musik hört. Sie singt laut „echte“ (Hänsel und Gretel, Schneeflöckchen, …) und fantastische („Alle meine Beine guggn guggn gööö…“) Lieder. Sie redet weiterhin sehr viel wunderschönen Quatsch. Sie rennt beim Anziehen vor uns weg und freut sich einen Ast darüber. Sie spielt Rollenspiele. Sie redet mit allem (Menschen, Kuscheltiere, Stühle, Besteck, Bäume, Straßenschilder, Straßenbahnen, …). Es macht jetzt Spaß, mit P. in den Zoo zu gehen.*

Sie will Zuhause zunehmend weniger ins Bett, bei Oma aber schon. Sie isst nichts, was grün ist oder auch nur annähernd gesund aussieht. Sie würde Süßigkeiten essen bis sie kotzt (was aber bisher noch nie passiert ist, nach Weihnachten 1 hatte sie aber „immerhin“ schon mal Bauchschmerzen von alle dem Mist!)

Ich liebe das P. mit allem drum und dran, das ist keine Frage! Und ich finde sie ganz schön cool.

Und trotzdem erwische ich mich schon wieder an einem Abend wie diesem hier beim Googeln von solchem Kack wie „Manchmal keine Lust aufs Kind“. Alles nur, weil mich nach wie vor mein beknacktes schlechtes Gewissen quält!

Und das trotz Freundschaftsbrille, die zunehmend besser funktioniert, aber halt nicht beständig. Trotz Uni, die mich wieder quasi „teilzeitkinderlos“ sein lässt und dafür sorgt, dass K. inzwischen prozentual fast mehr Zeit mit P. verbringt als ich. Trotz Kita-Platz von 9 bis 16 Uhr. Trotz meinen Eltern, bei denen P. häufig mal übernachtet. Ich komme mit der Fremdbestimmtheit, die das Kinderhaben mit sich bringt, einfach nicht dauernd gut klar. Und ich finde dann Artikel wie den hier von feministmum oder Foren-Einträge wie solche, die meine Grübelei füttern…

Ich fühle mich manchmal einfach „zerrissen“.

Beispiel:

Abend, etwa 19 Uhr. Ich stehe in der Küche und mache – ausnahmsweise, denn im Normalfall kocht K. – etwas zu Essen für K. und mich. Das P. – die heute schon eher gegessen hat – wird von K. bettfertig gemacht, obwohl der gerade erst vor einer Stunde nach Hause kam und selbst eine Auszeit bräuchte. Ich höre die beiden rumalbern. Ich bin elendig fertig, müde, sofareif und unendlich dankbar, dass er das Abendprogramm mit ihr übernimmt. Ich will griesgrämig vor mich hin glotzen können und ich will mir nicht die Backenzähne noch tiefer ins Zahnfleisch rammen. (Seitdem P. auf der Welt ist, beiße ich in Stress-Situationen, in denen ich zwar innerlich aufgebracht weil überstrapaziert bin, aber das nicht an ihr auslassen will, weil sie ja „nichts dafür kann“ die Zähne extrem fest aufeinander… Ein Versuch der Stress-Kompensation, der einfach so passiert ist.)

Ich merke, dass ich mich eigentlich mit sinnlosem Kram beschäftigen will und ich fühle mich schlecht deswegen. (Bin ich nicht einfach nur eine faule Sau, die lieber rumgammeln will anstatt sich mit ihrem Kind zu beschäftigen?) Ich weiß, dass ich eigentlich noch Texte für die Uni lesen will/muss. Ich will eigentlich endlich mal diesen Film sehen, den ich vor 4 Wochen aufgenommen habe. (Hm, sehr sehr wichtige Sache…) Ich denke, ich müsste mal wieder raus, um ein paar Freunde zu treffen. Sonst habe ich bald gar keine mehr. Aber ich bin (mal wieder) viel zu fertig. Ich merke, dass ich mich gern mal wieder wirklich ausgiebig und wach (!) mit einem Thema, was mich interessiert, beschäftigen würde.

Meine ständige Schlaffness kotzt mich an. Mein Drang, mich mit sinnlosem Scheiß zu beschäftigen kotzt mich an. Es nervt mich zwar, dass ich mich nach solchen Dingen „sehne“, aber es nervt mich auch, dass mich das nervt und dass ich nicht einfach akzeptieren kann, dass ich nun einmal so und nicht anders empfinde… Vor allen Dingen finde ich, dass alles das nicht wichtig sein sollte, denn das Wichtige ist mein Kind, meine Familie. Eine sinnvollere Art, seine Zeit zu verbringen als mit so einem kleinen Menschen, gibt es doch kaum.

Es ist nicht so, dass ich zu nichts komme. Ich finde schließlich Zeit zum Schreiben (nachts). Ich finde ab und zu Zeit zum Weggehen (nachts). Ich finde Zeit zum interneten (nachts). Ich finde ein wenig Zeit zum Lesen (nachts, selten). Ich konnte mich für ein Studium entscheiden, was mich wirklich interessiert (tagsüber). Dass ich also an diesen Luxusproblemen so rumkaue, das kotzt mich auch an!

Mich nervt, dass ich keine Balance finde: Ich kann nicht akzeptieren, dass ich manchmal mehr und manchmal weniger Lust auf Kinderbespaßung habe, so wie ich manchmal mehr und manchmal weniger Lust auf Uni habe, auf Job, auf Kochen, … Dass das menschlich ist, das weiß ich, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Ich fühle mich trotzdem ziemlich schlecht, weil ich mir selber viel zu oft innerlich einen echt harten Tritt verpassen muss, um so eine Aktion wie heute (ein ganzer Tag im Zoo) durchzuziehen. An anderen Tagen muss ich mich überreden, überhaupt (mit dem Kind) aus dem Haus zu gehen. Manchmal will ich allein sein mit mir und meinen Themen. Mit mir und meiner ab und zu ziemlich negativen Welt- und vor allem Menschensicht. Ich will nicht raus, will niemanden treffen, niemanden sehen, nichts bestimmtes tun oder müssen. Ich kann nicht einmal sagen, WAS ich genau an solchen Tagen / in solchen Momenten möchte, denn eigentlich möchte ich nicht sein. Müßiggang trifft es vielleicht noch am ehesten.

Zurück zum Problem:

Ich weiß nicht so richtig „aus mir selbst heraus“, was ein „gutes Maß“ ist bezüglich Ich-Zeit und Kind-Zeit / Mir selbst gerecht werden bzw. das Leben aushalten/klar kriegen einerseits und für das Kind da sein andererseits… Ich denke darüber nicht die ganze Zeit nach… Aber ich schleppe halt ein schlechtes Gewissen mit mir rum, z.B. weil K. und ich ab und zu Gespräche darüber führen, wer das Kind abends ins Bett bringen „muss“. Da bin ich wieder bei dem Punkt: Das hat sie einfach nicht verdient. Ich fühle mich grauenhaft deswegen. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn Leute so über die Zeit mit euch reden/denken/fühlen würden? Also: Wieviel Zeit für mich/das Kind ist „okay“? Wieviel Zeit 1) so richtig intensiv mit dem Kind (also spielen, zusammen sein, ganz da sein), 2) bei dem Kind (im gleichen Raum, mit etwas anderem beschäftigt), 3) „Lass mich mal für mich sein, weil ich was machen muss“ und 4) „Ich brauch meine Ruhe, einfach nur meine Ruhe“… Mich kotzen Tanten an, die mir sagen „das musst du doch selbst wissen“ / „das musst du doch spüren“ / „das macht man doch instinktiv“… Pffft! Also lese ich Juul und Hodgkinson und all die tollen Leute, die mir die Selbstvorwürfe nehmen und sagen: „Das ist okay!“ – Ja, ich weiß, dass es das theoretisch ist bzw. sein sollte. Aber es fühlt sich trotzdem so falsch an…

Wahrscheinlich fühle ich mich zerrissen, weil ich zu viel in zu wenig Zeit möchte:

Ich möchte Mutter. Ich möchte Freundin. Ich möchte denkend, belesen, vernunftbegabt. Ich möchte nicht dauernd müde und schlapp. Ich möchte Entspannung und Loslass-Zeit.

Ich möchte eine entspannte, ehrliche und sinnvoll agierende Mutter sein. Ich möchte Bescheid wissen über gestern, heute und morgen, um kluge Entscheidung aufgrund meines eigenen Denkens treffen zu können und nicht aufgrund irgendwelcher Konventionen. Ich möchte geliebt werden und mich liebenswert fühlen. Ich möchte mal mit etwas meinen Lebensunterhalt verdienen, was ich vertretbar finde. Ich möchte mich einmischen, anstatt nur zuzulassen und rumzumeckern. Ich möchte fair sein. Ich möchte Filme gucken und Bücher lesen und – ganz allgemein – verschiedene Welten und Köpfe entdecken (können). Ich möchte schreiben. Und für all das brauche ich Zeit.

Und ich weiß (verstandsmäßig) auch, dass es total unnötig ist, all diese Dinge auf einmal realisieren zu wollen. Ich bin 24 und wenn alles normal läuft, dann hab ich noch jede Menge Zeit und werde ziemlich viele Lebensphasen durchleben. Wenn man Kind alt genug ist um (theoretisch) auszuziehen, bin ich gerade einmal knapp über 40 (so alt wie K. jetzt!)… Also: Warum der Stress? Ich weiß es nicht. Er ist halt da.

Ich finde Herangehensweisen wie „Das ist eine Phase in deinem Leben und in dem deines Kindes, die ganz schnell vorbeigeht und die es sich zu genießen lohnt“ total richtig und gut. Und es klappt ja auch oft, mit dem Genießen. Und immerhin wünschen wir uns „trotzdem“ noch ein Kind. Vor allem deshalb, weil ich besser damit klarkomme, zwei spielende (und auch streitende) Kinder zu betreuen als ein Einzelkind zu bespaßen, glaube ich.

Mein Kind (und auch ich), wir verändern und entwickeln uns und jaha und alles das ist super! Aber ich frage mich trotzdem manchmal und immer wieder, woran es liegt, dass ich das Zusammensein mit meinem Kind häufiger als es mir selbst lieb ist irgendwie als „Arbeit“ empfinde (wie feministum das im oben verlinkten Artikel auch beschreibt) und ich das Gefühl, dass ich jetzt eigentlich lieber etwas anderes machen würde, meinem Kind gegenüber ertragen und auch irgendwie „vertreten“ muss. Genau das ist nämlich MEIN Problem: ICH komme für MICH damit zwar zurecht. Es ist mein Empfinden und es sind meine Bedürfnisse, ich bin nun einmal kein Roboter und das ist auch gut so. Punkt. Und eben, ich bin kein Roboter! Genau deshalb fühle ich mich auch meinem Kind gegenüber schlecht, wenn ich lieber für mich allein andere total „sinnlose“ und unwichtige Dinge machen will anstatt mit ihr zusammen sein zu wollen, Spaß dabei zu haben, es toll zu finden… Weil sie nichts „dafür kann“, weil sie nicht „daran schuld“ ist! Weil sie nicht ganz besonders anstrengend ist, sondern sehr entzückend und toll! Ich würde diese Gedanken „Uäääh! ICH WILL JETZT NICHT … “ (kümmern / spielen / rausgehen / andere treffen / auf den Spielplatz / zur Musikgruppe / Straßenbahn fahren / zum Kindergarten gehen, um sie abzuholen / aufstehen / die nächsten Stunden keine Sekunde für mich haben / essen kochen, was nicht gegessen wird) am liebsten weglöschen. Das mögen ja ganz natürliche Empfindungen sein und zu einer authentischen Mutter gehören, aber ich finde sie scheiße, ich fühle mich schlecht wenn ich sie habe und ich hätte sie gern nicht. Punkt.

Ich stelle mir in dunklen Momenten dann solche – hier ein klitzekleinwenig überspitzt formulierte (!) – Fragen wie:

  • Gibt es tatsächlich Leute, denen das Elternsein mehr liegt als anderen? Die so (wie oben beschrieben) nicht oder nur sehr selten empfinden? Menschen, die das Elternsein so voll und ganz ausfüllt?
  • Sind diese Leute weiser? Dümmer? Entspannter? Selbstloser? Haben sie weniger persönlichen Ehrgeiz? Oder haben sie ein Helfersyndrom? Was ist deren Geheimnis und wo kann ich es kaufen?
  • Muss man sich „schlecht“ fühlen, wenn man so nicht ist? Ist man deshalb weniger zum Elternsein „geeignet“ und hätte lieber ganz darauf verzichten sollen?
  • Was passiert mit meinem Kind, wenn ich Dinge sage wie: „P., wenn du dauernd so rumheulst, dann nervt mich das, okay? Ich will jetzt meine Ruhe haben.“ ? Fühlt sie sich dann nicht furchtbar abgelehnt und ungewollt? Sie merkt doch sicher, dass ich manchmal überreden muss und eigentlich gar nicht will… Was ist die Lösung dafür? Es sein lassen? (Meistens kommt die Lust ja mit dem Tun.)
  • Wird das meinem Kind schaden? Wird es weniger „sozio-emotionale Ressourcen“ abbekommen und eine mehr oder minder ausgeprägte Bindungsstörung davon tragen?
  • Liegt das am Alter? Empfinden Leute, die schon mehr Leben selbstbestimmt „verlebt“ haben mehr Automatik-Erfüllung bei der ganzen Sache? Haben sie weniger Sehnsucht nach selbstbestimmter Zeit? Würde es mir also nicht so gehen, wenn ich 10-20 Jahre älter wäre? Ist es – bei der Konstitution – doch besser später Kinder zu bekommen, wenn man diesem inneren Konflikt aus dem Weg gehen will?
  • Oder liegt es vorrangig am Charakter? Bin ich einfach eine, der ihre persönliche „Selbstverwirklichung“ und Horizonterweiterung / Weiterentwicklung / Expression zu wichtig ist und die deshalb auch in 10, 20, 30 Jahren die gleichen Probleme hätte? Weil sie diese Probleme immer dann hat, wenn sie nicht frei über ihre Zeit verfügen kann?
  • Kann Mensch das überhaupt überwinden? Wie kann Mensch sein Empfinden überarbeiten? Und sollte Mensch das überhaupt tun?

Diskussion erwünscht.

*((Ich sehe Zoos nicht unkritisch, kleine Anregung zur Zookritik hier, aber ich nutze sie aus Freizeitgestaltungsgründen mit Kleinkind. Das mag verwerflich sein, aber so sieht’s nun einmal derzeit aus. Vielleicht kann ich mich hier mal noch zu mehr Konsequenz durchringen. Angemerkt sei dennoch, dass der Leipziger Zoo seine Sache schon vergleichsweise gut, weil sowas wie „artgerecht“ macht. Käfige – wenn auch goldene – als Attraktion für Menschen sind und bleiben es trotzdem))

** Ich habe die Mützen noch nicht fertig, Sorry Sia und kraehenmutter