Ich gegen mich.

1) Immer wieder spülen meine Timelines Artikel in mein Blickfeld wie jüngst „Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?“ von Franziska Schutzbach. Artikel also, die irgendwie mehr oder weniger mit dem „regretting  motherhood“-Ding zu tun haben.

2) Mein letzter Artikel ist vom 13. Dezember. In meinen jüngsten Artikeln ging es häufig nicht oder nur am Rande um Elternschaft, Mutterschaft, Leben mit Kindern.

3) Ich stecke mitten in einem Morbus Crohn-Schub und bin aktuell zusätzlich auf Cortison-Entzug. Ich fühle mich wie von jemandem ausgekackt, der einen dauerhaft entzündeten Darm hat. Sorry, für die Direktheit. Ich schlafe abends 21 Uhr mit den Kindern ein, wache kur nach 7 auf und fühle mich wie vom LKW überfahren. Meine Augen sind entzündet, ich hab Akne und ein Neurodermitis-Schub kündigt sich an. Wie schon so oft habe ich das Gefühl, dass mein verdammter Körper nicht für dieses verdammte Leben gemacht ist. Im Dschungel wäre ich vermutlich längst tot. Mit oder ohne Schamane.

4) Prüfungsphase. Ich müsste für die Statistik-Klausur lernen. Ich fühle mich zu alt für Klausuren. Ich habe Hass auf diese Form des Geprüft-werdens. Ich will das nicht mehr! Aber ich mag das Studieren (manchmal) noch immer ganz gern. Wenn nur der Zeitdruck nicht wäre.

5) Schlechtes Gewissen und Hass auf mich selbst. Ich will nicht jammern. Ich will nicht jammern. ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Ich denke ständig an diesen Blog. Ich denke daran, wie gerne ich schreibe. Aber ich fühle mich leer. Habe ich nichts mehr zu sagen? Habe ich mich eingefunden, in die Elternschaft? Nicht wirklich oder: Mal mehr, mal weniger. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Kraft verlässt mich nach kurzer Zeit. In mir und in der Couch sind Magnete befestigt, die sich beständig zueinander hingezogen fühlen. Ich will die Rollläden schließen, mich in eine Decke einigeln und mich tagelang mit Steinzeit-Dokus ablenken vom hier und meinem erschöpften Körper.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

„Durchziehen“ denkt ein Teil in mir. „Fresse halten und DURCHZIEHEN! Reiss dich mal zusammen!!!“ Wenn ich indigene Frauen sehe, die in brasilianischen oder venezuelanischen Regenwaldgebieten schweres Zeug auf dem Kopf kilometerlang von A nach B tragen… und daran denke, wie ich fertig, schwitzend, keuchend in der Bahn stehe und fast zusammenbreche, nachdem ich einige Meter rennen musste… METER! NICHT KILOMETER!!! „Verzärtelt“ nennt Nietzsche das. Die Arschlöchin in mir spuckt mir das Wort vor die Füße: VERZÄRTELT! Und ich fauche zurück: Und? Nietzsche war ein herrischer Antisemit! Warum sollt ich mir von DEM was vorwerfen lassen?!

Es gäbe so viel zu sagen. In meinem Kopf denkt sich so viel zusammen… Und so vieles davon halte ich durchaus für mitteilenswert. Aber der Flow fehlt. Die Zweifel hingegen sind erdrückend. Hört sich alles so bescheuert an. Ist nicht zu Ende gedacht, nicht rund. Ich bin damit noch nicht fertig. Und kurze Zeit später ist der Gedanke schon überholt und ich bin ganz froh, ihn für mich behalten zu haben. Außerdem leidet auch meine Koordination unter meinem körperlichen Zustand. Ich treffe kaum die Tasten, verschreibe mich ständig. Lange am Rechner arbeiten geht auch nicht, Augen sind entzündet.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Franziska Schutzbach schreibt: „Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte.“ – das kann ich nachvollziehen. So geht’s mir oft auch. Womit wir beim schlechten Gewissen wären. Gestern habe ich meinen Körper zur Kita geschleift, um die Kinder abzuholen. Menschen, die sich mit Depressionen herumschlagen, können vielleicht nachvollziehen, was für eine monströse Aufgabe das sein kann, wenn man eine üble Phase hat. Oft schleift man dann auch tatsächlich nur den Körper, führt Automatismen aus, spult Abläufe ab. Anwesend bin ich nicht wirklich. Ich mache Dienst nach Vorschrift, an solchen Tagen. „Ich hatte ‚Dienst am Kind'“ zu sagen, fühlt sich dann gar nicht mehr so lustig an, wie ich es sonst meine. Aber zurück zum Gestern.

Die Mutter einer Freundin von P. schlug vor, gemeinsam mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen. Der Sprachautomat am oberen Ende meines Körpers sagte „Ja, gerne.“ – der antwortete übrigens auch kurz zuvor „Alles gut.“ auf die Frage, wie es mir geht. Der verbannte Teil im Kopf plärrte: „NEIN! NEIN! NEIN! NACH HAUSE! WIR WOLLEN NACH HAUSE!!! BIST DU BESCHEUERT??!?“ Ich zog den Kindern ihre gefühlten 4000 Lagen Winterklamotten an, schwitzte dabei wie ein Schwein, Schwindel… P.s Freundin ging es dann nicht gut, Bibliothek fiel also aus, wir gingen also doch nach Hause. „Couch, Couch, Couch“ hallte es durch meinen Kopf. „Du kannst doch nicht immer. nur. rumhängen! Du bist noch nicht einmal 30 Jahre alt! Was bist du für ein Vorbild?“ wettert die Arschlöchin. Ich ducke mich weg, fühle mich schuldig. Ich will gerade nicht sein und schon gar kein Vorbild für irgendwen.

Wir gingen, weil ich das für eine gute Idee hielt. An den kalt-regnerischen Tagen gehen die in der Kita nicht viel raus. Frische Luft, gesundheitlich und pädagogisch wertvoll und so. Es pisste, es wurde dunkel und nach kurzer Zeit wollte T. getragen werden. Ich hab das einfach nicht länger als ein paar Minuten hinbekommen. Erklär das mal einem 2,5-jährigen. P. stellte derweil Fragen am laufenden Band. Zuhause sollte ich vorlesen. Eine Geschichte reicht nicht. Wenn ich einwerfe, dass ich lieber nur eine vorlese, weil ich es sinnlos finde, 10 hintereinander vorzulesen: „Du bist gemein!“-Geschrei. „Ich halte das heute nicht aus!“ in meinem Kopf. Immer wieder. „Reiß dich zusammen!“ Immer wieder. Gucke auf die Uhr: 17:00. Rechne nach, wie viele Stunden es noch dauert, bis Bettzeit. Schon die Frage macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich wähle den Notausgang und schalte die Glotze an. Sie läuft mehrere Stunden, bis zum Abendbrot. Ja, auch vor T.s 2,5-jähriger Nase. Wir gucken „Frozen Partyfieber“, „Maulwurf“ und fast alle Folgen „PeppaWutz“. Und nein, das ist kein ganz außergewöhnliches „ausnahmsweise mal“. Es ist zwar nicht alltäglich – wir versuchen irgendwie die 2 Folgen-Sache durchzuziehen… Aber: Der Geist ist willig… und der Geist ist schwach. Oder so. Als ich den Fernseher endlich ausschalte, weil ich den Tisch für’s Abendbrot gedeckt habe: Geschrei. Gebrüll. „Du bist gemein!“ Die Kinder sind eindeutig drüber, ich merke das und ärger mich über mich selbst. „Selbst schuld!“ raunz die Arschlöchin. „Das ist sehr hilfreich“ blaffe ich zurück. P. zetert lautstark vor mir rum. „Ich klatsch dir gleich eine!“ sage ich. Plötzlich. Ja, das habe ich wirklich gesagt. (Aber noch nie – ich schwöre! – gemacht!) P. war natürlich entrüstet und weinte „Sowas darf man nicht sagen!“ noch lauter, zurecht, natürlich. „So redet man nicht mit Kindern!“ Ja, sie hat Recht. Und ich schäme mich. Und ich bin so fassungslos über mich selbst: Immer wieder ist da diese unglaubliche Wut, die Hilflosigkeit und immer wieder der Drang, das laute Kind überzeugen zu können, abzustellen… Und nichts funktioniert. Keine Rücksicht, keine Einsicht, nur laut und kräh. Und die eigenen Ideale, an denen ich immer und immer wieder scheitere. Verständnisvoll sein, ruhig bleiben, … Später versuch ich ihr, mich zu erklären. „Schon gut“ sagt sie, wie immer in solchen Situationen.

Ich fühl mich ständig wie die Ärzte in dem Zeit-Artikel „Kranker Job“.

Szenenwechsel.

Mitte Januar bin ich fünf Tage auf einer Seminarfahrt gewesen. Davon abgesehen, dass mich das Thema interessiert hat, stelle ich rückblickend (fast mit Erschrecken) fest: Das Burn-Out-Gefühl war weg. Ich hab interessante Gespräche geführt, gute Leute kennengelernt, konnte spontan sein und trotz wenig Schlaf fühlte ich mich geradezu energiegeladen. Als K. mich am Abreisetag abholte, war ich euphorisch, ich fühlte mich wie als hätte jemand den Akku gewechselt… Und ich freute mich so richtig, meine Kinder wiederzusehen! Die hatte ich nämlich tatsächlich nach drei Tagen vermisst. Und als wir wieder zusammen waren, konnte ich sie wieder sehen! Und vor allem sehen, dass ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte, vor lauter Trott. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir dieses Gefühl und diesen Blick auf K. und die Kinder irgendwie zu erhalten. Das ist jetzt 2,5 Wochen her. Immer mal raus, immer mal Abstand, das wäre so wichtig. Aber ich habe das Gefühl (die Befürchtung), dass mein Bedürfnis danach zu groß ist. Es wundert mich nicht, dass getrennt lebende Eltern, die sich die Betreuung der Kinder teilen, oft sehr viel entspannter wirken. (Wie’s den Kindern damit geht, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.)

„Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes.“ zitiert Franziska Schutzbach eine Mutter in ihrem Artikel. Ja und ja und ja! Diese Ambivalenz ist für mich derart spürbar, dass ich sie manchmal kaum aushalten kann. Wenn ich abends mit den Kindern im Bett liege und darauf warte, dass sie schlafen, spüre ich sie. Weil ich es liebe, so nah bei ihnen zu sein, ihren Atem zu hören, für sie da zu sein. Und weil ich es gleichzeitig kaum ertragen kann, diese Nähe, das Gewusel, die laaaaange Zeit, die sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen, der Termindruck im Nacken, weil es noch etwas zu erledigen gibt oder einfach der nicht wegzudrückende Wunsch meinerseits, mal machen zu können, was ich will. Wenn ich in irgendwelchen Kinder-Ghettos bin, spüre ich es. Weil ich Kinder mag und Kinder gern beim Spielen zusehe, aber ich möchte eigentlich Beobachterin bleiben. Ich will und muss da nicht mitmachen. Ich halte das auch für Quatsch. Aber das interessiert meine Kinder ja nicht, die von mir fordern, mit ihnen auf dem doofen Klettergerüst rumzukraxeln. Wenn mein Körper am Ende ist – wenn ich am Ende bin – spüre ich es extrem deutlich. Wenn sich alles nach Auszeit, Rücksichtnahme, Ruhe, Regeneration sehnt, das aber einfach nicht drin ist. Und ich auch gar nicht einschätzen kann, ob wirklich mein Körper die Ruhe braucht oder meine depressiven Anteile mal wieder zuschlagen. Ist es richtig, sich immer wieder selbst anzutreiben, durchzuziehen, sich die Ruhe nicht zu gönnen, weil ich damit einer depressiven Phase die Stirn biete? Oder wäre es angebracht, zur Ruhe zu kommen, zu regenerieren, um den Schub nicht noch schlimmer werden zu lassen oder zumindest einzugestehen, dass so viele Entzündungsherde im Körper zu Energieverlusten und Schlappheit führen?? Oder ist meine Schlappheit am Ende doch der Versuch, die Verantwortung abzugeben, ein Weg, mich zurückzuziehen? So habe ich das als Kind schon (unbewusst) gemacht, um mir Auszeiten zu verschaffen.

Franziska Schutzbach schreibt weiter:

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‘Mutterrolle’ identifizieren, sei es aus anderen Gründen). Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das “Richtige” (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde.

Die Sache mir der Autonomie, dem Subjekt-sein, dem Individualismus, dem freien Willen und Wollen gehört zu so einem Komplex, über den ich so viel mitzuteilen hätte. Aber ich kriege die Gedanken nicht geordnet, finde überall schlaue Worte von Menschen, die schon alles dazu gesagt zu haben scheinen. Braucht es meinen Senf noch dazu? Das Gefühl, dass alles schon viel besser gewusst, gesagt, getan worden ist, hat mich schon als Kind eingeschüchtert und gelähmt.

Franziska Schutzbachs Gefühle kann ich nachvollziehen und ich teile sie zum Teil mit ihr. Wenn ich mittwochs mit meinen Kindern zu Kawi gehe, um dort die Musikkurse der Kinder mitzumachen – zumindest bei T., P. geht mittlerweile allein -, dann kommt mir diese Szenerie manchmal völlig bekloppt vor: Wie diese erwachsenen Menschen (meist Frauen) dort im Kreis sitzen, ihre Kinder auf dem Schoß, „Babababa“ wiederholen, Tücher wie Schneebälle werfen oder auf allen vieren durch den Raum robben, die Kinder auf dem Rücken sitzend… Und manchmal denke ich mir auch: Warum stellt man sich eigentlich so an? Was hat es auf sich, mit diesen Gefühlen der Peinlichkeit und Scham in solchen Situationen? Warum kommen die gerade dann, wenn wir mit unseren Kindern singen und tanzen? Warum fühlen sich überhaupt fast alle unwohl, beim laut singen und haben sogar fremdschäm-Gefühle angesichts von Leuten, die ohne Rücksicht auf Schönheit singen und tanzen. Fast neidvoll denke ich an die Bilder der Himba (und auch vieler anderer indiginen Stämme), die ausgelassen in Gruppen singen und tanzen… Was ist der Unterschied zwischen unserem Leben und deren? Warum können sie so ausgelassen sein und wir nicht?

Was soll ich also sagen? Ja, ich leide. Im Moment. Und immer wieder. Aber leide ich darunter, Eltern zu sein? Würde ich weniger leiden, wenn ich nicht verantwortlich wäre für zwei Heranwachsende?

Ich habe das Gefühl, das Falsche am „modernen Leben“, die Eingerichtetheit der Gesellschaft als Eltern sehr stark zu spüren. Das war vorher nicht so stark oder nicht so eindeutig. Die individualisierte, rationalisierte Lebensweise passt einfach nicht zusammen mit Familien und heranwachsenden (irrationalen) Menschen. Auf mich selbst gestellt käme ich damit vielleicht besser zurecht. Weil ich anpassungsfähiger wäre oder meinen Auf- und Widerstand konsequenter ausüben könnte. Weil Regeneration und Aktivität selbstbestimmter ablaufen würden. Weil mich meine sozialen Rollen vielleicht weniger Kraft kosten würden oder ich mich rausnehmen kann, wenn’s mir mal wieder zu viel wird, weil ich selbst mir in sozialen Kontexten zu viel bin. Weil ich gefallen will, weil ich nicht abgelehnt werden will, weil ich kräftezehrend aufdrehe bis mir das Gesicht glüht. Und weil ich darüber keine Kontrolle habe. Ünerhaupt wäre es vielleicht nicht so anstrengend, weil ich die Illusion, die Kontrolle zu haben über mein Leben, leichter aufrecht erhalten könnte. Vielleicht wäre die Vereinzelung auch nicht derart schmerzhaft spürbar… Weil ich mich weniger stark nach einem Clan sehnen oder einfach in irgendein Hausprojekt ziehen würde. Weil ich mich immer dann in Gesellschaft begeben würde, wenn mir danach ist. Andererseits würde ich daran und darunter leiden, dass es mir an Sinn fehlt. Die Sinnfrage würde mir das Hirn zermartern und ich würde mich vermutlich nicht viel weniger zerrissen fühlen als jetzt. Nach dem Sinn frage ich mich jetzt nicht mehr. Der Sinn krabbelt jeden morgen in zweifacher Ausführung in mein Bett.

Wenn man gelernt hat, alles zu hinterfragen, dann sind Elternschaft und die eigenen Kinder davon nicht ausgenommen. Wie Franziska Schutzbach auch schreibt, ist das Ideal unserer Zeit, in unseren Gefilden (!) Selbstbestimmtheit, kritisches Hinterfragen, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, autonom sein. Ich halte das grundsätzlich für eine Illusion. Autonomität ist nichts, was ich für realisierbar halte. Wir werden verantwortlich gemacht, für die Entscheidungen, die wir treffen. Dabei ist jeder Mensch beeinflusst von allen möglichen Dingen, auf die wir zum Teil noch nicht einmal Zugriff haben. Die Menschheit überschätzt sich selbst, das Denken und die eigene Rationalität gewaltig.

Wir sind es gewohnt, uns dagegen entscheiden zu können, abzubrechen, wenn uns etwas nicht passt. Mit Kindern hört genau das auf. (Obwohl der Schritt natürlich auch jenseits von Abtreibungen nach der Geburt prinzipiell möglich wäre. Man könnte sich sehr wohl dafür entscheiden, die Kinder wegzugeben, sich dagegen zu entscheiden… Aber wer geht diesen radikalen Schritt und begründet das mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung?)

Und dieses Hinterfragen, kritisch sehen, selbst bestimmen wollen steht womöglich in direktem Gegensatz zu den geradezu archaischen Programmen, die meiner Meinung sowohl in uns, wenn wir Eltern werden als (und besonders) auch in den Kindern ablaufen. An Kinder kommen wir mit unseren rationalen Techniken nicht ran. Und auch unsere absolut rational eingerichtete Welt passt nicht zu unseren irrationalen Kindern. Und genau das macht es so scheiße schwer. Es fühlt sich an, als müssten wir Eltern die verdammte rationale Suppe auslöffeln, die die Menschheitsgeschichte uns eingebrockt hat. Und das auch noch weitgehend jede_r für sich allein bzw. als Kleinfamilie.

Ich sehe gerade nur einen sinnvollen Ausweg: Zusammenrotten! Wir müssen weg von der Kleinfamilie und hin zum Clan! Gründet Hausgemeinschaften mit Gärten, schmeißt eure Kinder zusammen und lasst sie gemeinsam spielen, statt sie mit gezwungenem Lächeln zu bespielen. Ich kriege gerade ständig mit, dass immer mehr Familien sich danach sehen. Das Teuflische ist: Die meisten sind heute derart eingebunden in Verpflichtungen, dass ihnen Energie, Zeit und Geld dafür fehlen, etwas zu realisieren, was womöglich dazu führen könnte, mehr Energie, Zeit und Geld zu haben. Genau so geht es uns gerade. Und es kotzt mich an.

Von Kindern, die über Esstische laufen (Oder: Erziehung zur Rücksichtnahme?)

Als ich gestern Nacht einen Text für die Uni las*, bin ich auf folgende Anekdote gestoßen, die A.S.Neill offenbar in seinem Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ schildert:

Einmal brachte eine Frau ihr siebenjähriges Mädchen zu mir. „Mr. Neill“ sagte sie, „ich habe jede Zeile gelesen, die Sie geschrieben haben. Und noch bevor Daphne zur Welt kam, hatte ich schon beschlossen, sie genau nach Ihren Prinzipien zu erziehen.“ Ich warf einen Blick auf Daphne, die mit ihren schwarzen Schuhen auf meinem Konzertflügel stand. Sie machte einen Satz auf das Sofa und stieß beinahe die Sprungfedern durch. „Sehen Sie, wie natürlich sie ist“, sagte die Mutter. „Das Neill’sche Kind!“

Neill war das offenbar irgendwie unangenehm. Er kommentiert die Szene in seinem Buch, indem er (sinngemäß) den Unterschied zwischen Gleichwürdigkeit und Verwöhnen bzw. „Freiheit“ und „Zügellosigkeit“ betont:

In einem Heim, in dem Disziplin herrscht, haben die Kinder keine Rechte. In einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Eltern die gleichen Rechte. (…) Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf. Es muss also gehorchen, das stimmt. Doch auch sie müssen ihm gehorchen, wenn es nötig ist. Ich verziehe mich jedenfalls, wenn man mir im Zimmer der kleinen Kinder sagt, ich solle hinausgehen.

Karl Binneberg wiederum, dessen Text ich gerade las, sagt dazu dann (unter anderem):

Wären nämlich (…) allein die kindlichen Absichten und Interessen das Regulativ menschlichen Zusammenlebens, so wäre ein geregeltes Miteinander unmöglich. Ohne gewisse Regeln (…) wäre das Leben mit Kindern wahrscheinlich in der Tat, wie Hobbes es formuliert hat, ’nasty and brutish‘. Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen. Es geht nicht um die Irrlehre von Befehl und Gehorsam, sondern um ein sinnvolles Arrangement von Regeln und Ordnungen.

Und BÄMM – ich bin mittendrin: Da ist sie wieder, diese – meine – ewigste und drängendste aller Erziehungsfragen, dieser ewige Zwiespalt zwischen Regeln und Freiheit. DAS ist der ständige Krampf, der ständige, alltägliche Kampf mit mir, in mir, zwischen mir und meinen Kindern… Und ich weiß nach wie vor oft selber nicht, wie ich dazu stehe, stehen kann, stehen will. Ich bin keine gute Kinder-Diktatorin, jedenfalls will ich keine sein. Ich „arbeite“ gegenüber meinen Kindern nicht mit Auszeiten, nicht mit „Ich zähle bis 3“, ich drohe ihnen nicht und ich benutze nicht die dritte Person, wenn ich mit ihnen spreche („Die Mama hat gesagt“). Ich versuche sie einfach wie Menschen zu behandeln. Ich möchte ihnen nicht einfach irgendwas vorschreiben oder sie andauernd ermahnen. Ich mag mich selbst nicht, wenn ich einen „pädagogischen Tag“ hab, an dem ich feststelle, dass ich sie ständig ermahne und ansonsten eigentlich keine Kommunikation stattfindet. (Bei Grummelmama gibt’s dazu gerade einen passenden Artikel: „Los! Jetzt! Sofort!“.) Ich empfinde ehrliche, tiefe Verachtung und Ekel, wenn ich draußen Menschen bei der Kommunikation mit Kindern beobachte und immer wieder feststelle, wie oft Kinder wahlweise nur im Militärton angebellt oder aber wie Schwerstbehinderte angesäuselt werden. Ich bin inzwischen fast soweit, dazwischen zu gehen, wenn Erwachsene verbal scheiße zu Kindern sind. Noch kriege ich es nicht hin – die Gründe liegen aber eher in grundsätzlichen Hemmungen meinerseits, anderen gegenüber „unangenehm“ zu sein. Aber eigentlich ist es mir ein großes Bedürfnis, den betroffenen Kindern von kommunikativer Gewalt zu zeigen, dass das nicht in Ordnung ist, wie mit ihnen umgegangen wird… (Fraglich nur, was das mit einem Kind macht, wenn seine Mutter von einer fremden Person belatschert wird… und ob das so gut ist. Müsste man mal eine Kosten-Nutzen-Abschätzung machen.)

Ich bin inzwischen Mitglied in der unerzogen-Gruppe bei Facebook. Ich mag die Reflektiertheit der Leute dort, teile viele der Ansichten und mir gefällt die Idee der Gleichwürdigkeit. In der Gruppe routieren (und eskalieren) immer wieder bestimmte Themen, wie zum Beispiel Zähneputzen/Haarekämmen/Waschen, Süßigkeitenkonsum, Konsum grundsätzlich, Fernsehen, Computerspielen, Schlafenszeiten und… Rücksicht auf Andere. Bei den erstgenannten gibt’s verschiedene Sichtweisen. Einige setzen hier tatsächlich auf totale Freiheit, sprich: Selbstregulierung. Die Kinder können fernsehen oder Süßkram essen, wann und wie viel sie fernsehen wollen und sie gehen pennen, wann und wie sie das wollen. Viele versuchen sich an einem Zwischenweg, einige trauen sich nicht so richtig usw. Ich kann mich nicht so richtig entschließen.

Ich habe das mit der Selbstregulierung in Sachen Fernsehen und Süßigkeiten mit P. versucht. Aber es führte dazu, dass sie wirklich unheimlich viel und regelmäßig geglotzt hat und Unmengen Süßkram gegessen hat. In Sachen Fernsehen machte ich einen Rückzieher nachdem P. nach einem 4-5-Stunden Glotz-Marathon an einem Sonntag vor geraumer Zeit völlig durchdrehte, keine Kommunikation mehr möglich war, sie nur noch wütete und weinte und der gesamte Sonntag (inklusive unserer Familie) vollkommen… im Arsch war. Ich habe für mich (und uns) in diesem Moment beschlossen: Das geht so nicht. Das will ich nicht. Ich habe daraufhin mit P. besprochen und meinen Verdacht geteilt, dass die schlechte Stimmung mit dem vielen Fernsehen zusammenhing und wir haben gemeinsam beschlossen, unsere alte Kontingent-Abkreuz-Liste wieder einzuführen: Sie darf 5 Mal in der Woche gucken, jeweils zwei Folgen. Und wenn sie geguckt hat, macht sie Kreuzchen auf der Wochenliste. Wenn das Kontingent alle ist, ist es alle. Das klappt ganz gut und von der Regelung bin ich überzeugt. Manchmal ist sie genervt davon, aber im Großen und Ganzen läuft das. Ich bin überzeugt, weil ich an diesem Sonntag für mich entschieden habe, dass ich zu viel Fernsehen tatsächlich für schädlich halte, dass Fernsehen süchtig machen kann und ich meine Tochter hier regulieren möchte und muss, damit sie dem nicht ausgeliefert ist. Auch beim Schlafengehen haben wir mehr Selbstregulierung versucht. (Unsere Kinder gehen ohnehin recht spät ins Bett, im Sommer selten vor 21:30.) Hier fahren wir jetzt so ein Mittelding, glaube ich. Momentan regulieren wir wieder etwas mehr, was heißt: Wir sagen irgendwann schon „Lasst uns jetzt mal langsam ins Bad gehen.“ P. kann dann aber nachkommen, wenn sie soweit ist. Wir gehen dann mit T. schon vor. Meist klappt das. Bei den Süßigkeiten ist das schon schwieriger. P. ist echt ’ne Zuckerschnute. Sie kann in der Tat Unmengen an Süßigkeiten essen und tut das auch. In der Gruppe laufen die Diskussion meist auf den Kern zu, dass man sich fragen und für sich entscheiden muss, inwiefern man Zucker tatsächlich für gefährlich hält. Studien gibt’s sowohl in die eine als auch für die andere Richtung. Keine Wissenschaft der Welt wird das eindeutig beantworten können. (Davon abgesehen glaube ich nur bedingt an die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungstheorien, sondern weil Wissenschaft meiner Meinung nach keine 100%-Aussagen über die Wirklichkeit treffen kann. Wissenschaft ist nie mehr als Wahrscheinlichkeitsrechnung, allgemeine Aussagen, die mit dem Einzelfall niemals übereinstimmen, insbesondere wenn es um Menschen geht.) Aktuell ist ein Zwischenweg, dass wir ein Ding bezahlen – also zum Beispiel einen Nougattaler vom Bäcker Lotzmann, dem Handwerksbäcker, der um die Ecke von der Kita beinahe täglich angesteuert werden muss, und wenn sie mehr will, muss sie das von ihrem Taschengeld bezahlen. Sie hat 20 Euro im Monat für sowas zur Verfügung. Und wenn das alle ist, dann gibt’s halt keine Extras mehr. Wir haben damit gerade erst angefangen, bisher läuft es gut. Aber gestern Nachmittag haben sich trotzdem Unmengen an Süßkram in ihrem Bauch angesammelt. Und nein, das ist hier auch keine Ausnahme. Hm. Mich nervt es ja echt ein bisschen, dass man offenbar tatsächlich nicht um die klassischen Eltern-Kind-Streitthemen (Essen, Schlafen, Fernsehen) drumrum kommt. Auch dann nicht, wenn man sich für „coole Eltern“ hält. Ich höre mich auch oft genervt sagen „Ja, P., wenn du wenigstens mal ein bisschen Gemüse essen würdest…“ – haha. Punk is dead!

Eigentlich geht es mir hier aber um den Aspekt der Rücksicht. Deshalb auch die Geschichte und die Kommentare oben. Denn das beschäftigt mich wirklich. Stellen wir das Mikroskop mal scharf. Binneberg sagt:

Deshalb ist es eine wichtige, vielleicht die schwierigste pädagogische Aufgabe, der Rücksichtslosigkeit entgegenzuwirken, mit der Kinder ihre eigenen Interessen oftmals auch auf Kosten anderer zu verwirklichen suchen.

Sind Kinder rücksichtslos?

Mit Sicherheit nicht immer. Aber es kommt vor, würde ich sagen. Und es kommt in Ausführungen vor, die mir manchmal den Mund offen stehen bleiben lassen. Es kommt in Ausmaßen vor, die ich so nicht erwartet habe. Es kommt so heftig vor, dass ich eigentlich wirklich verletzt und wütend bin, weil mein Wohlergehen so dermaßen keine Rolle spielt… Die Rücksichtslosigkeit ist einer der Aspekte am Elternsein bzw. am Zusammenleben mit Kindern, mit dem ich und auch K. wohl am schwersten zurechtkommen.

Es ist wirklich eine verdammt harte Prüfung, verständnisvoll und geduldig, mit Mitgefühl, Liebe und Nachsicht auf Menschen zu reagieren, die wütend und brüllend von dir verlangen, sie gefälligst jetzt sofort zu tragen, während du mit vielen schweren Taschen bepackt, schwitzend, müde und krank versuchst, aus der überfüllten Straßenbahn auszusteigen. Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben gegenüber einem Menschen, dessen Zimmer du gerade in mühsamer, aber durchaus liebevoller Arbeit auf- und umgeräumt hast, nachdem sie es gemeinsam mit ihren Freundinnen verwüstet hat, und der dann nichts besseres einfällt als dir wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, weil du ihr nicht augenblicklich Apfelsaft aus der Küche holst. Wie soll man verständnisvoll bleiben angesichts des Essens, das man auf Wunsch zubereitet hat, dass dann aber nicht gegessen wird, weil das Gegenüber ein Ministück Kräuter darin entdeckt hat? Soll man ja irgendwie nicht. Muss man ja irgendwie nicht. Man soll will ja auch „authentisch“ sein, kein Elternroboter. Okay.

Kinder können Rücksicht noch nicht so gut. Ich versuch’s – je nach Vermögen mal mehr mal weniger „wertvoll“ – ihnen gegenüber zu vermitteln. Das macht es nicht einfach. Das Leben mit Kindern empfinde ich grundsätzlich nicht als einfach. Das schwierigste ist für mich, glaube ich, ständig reagieren zu müssen, ständig angesprochen zu werden, ständig gefragt zu sein – egal, ob es passt oder nicht. Egal, ob ich (noch) kann oder nicht. Egal, ob ich krank bin oder nicht. Genervt bin oder nicht. Bock habe oder nicht. Es passiert einfach ständig irgendetwas, was man nicht auf dem Schirm hatte und es ist kaum möglich, ein Ding zu Ende zu machen, wie man das vorhatte. Pläne und Kinder? Das widerspricht sich einfach. Ich bin leider eine ziemliche Kontrolletta. Ich finde das Kinderhaben ziemlich… herausfordernd. Das wissen alle, die den Blog hier schon häufiger gelesen haben. Und trotzdem finde ich’s auch oft sehr toll. Ziemlich oft ziemlich genau so:

hurrah for gin a typical day
(c) http://hurrahforgin.com

Abschweif: Ich habe in letzter Zeit wieder häufiger über die #regrettingsmotherhood-Debatte nachgedacht. Vor allem ein Artikel von berlinmittemom ist mir im Kopf geblieben: ambivalenz ist nicht bereuen. Sie schreibt:

Es geht nämlich meiner Meinung nach nicht nur um ambivalente Gefühle oder um die Sehnsucht nach dieser besonderen Freiheit vor den Kindern (…) es geht um Frauen, die explizit bereuen, dass sie Mutter geworden sind. (…) Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.

Ich glaube nicht, dass ich wirklich zu den bereuenden Müttern gehöre. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich mich, wenn ich vor der Wahl stünde und mit dem Wissen, dass ich jetzt über mein Elterndasein habe, anders entscheiden würde (und könnte… Als ich mit P. ungeplant schwanger war, konnte ich mich nicht entscheiden, das Kind nicht auszutragen, sprich: abzutreiben. Ich konnte – für mich wirklich überraschend – nicht einmal denken, welche Schritte dazu nötig wären.). Ich kann den Gedanken kaum zulassen und nur schwer ertragen, dass diese Entscheidung bedeuten würde, dass die beiden Menschen, die wir gezeugt haben, nicht wären. Diese beiden Menschen sind toll. Ich habe das Gefühl, ihre Existenz gegen meine (fehlenden) Freiheiten abwägen zu müssen. Und hier gewinnt ihr Existenzrecht, mein Wunsch, dass sie existieren und meine Liebe zu ihnen. Und ich möchte auch vieles von dem, was mit mir passiert ist, seitdem ich Mutter bin, nicht missen. Wer weiß, wo ich jetzt stünde, hätte ich nicht mit 21 mein erstes Kind bekommen. Was würde ich jetzt tun? Hätte ich Erziehungswissenschaften studiert? Mit Sicherheit nicht. Vermutlich würde ich irgendwie vor mich hin sinnkrisen. Vermutlich wäre ich ziemlich depressiv. Vielleicht hätte ich die Band noch. Wäre dann aber körperlich ziemlich fertig, glaub ich. Vielleicht würde ich mir raten, später Kinder zu bekommen und vorher in Ruhe und mit Zeit zu studieren, zu reisen, zu vögeln, … Vielleicht. Ich mag es, zu erzählen, dass ich zwei Kinder habe. Ich definiere mich inzwischen auch darüber. Sie sind ein Teil von mir. Anstrengend finde ich’s trotzdem wahnsinnig oft.  Kinderhaben ist wie das Leben ist: Höhen und Tiefen. Ich sperre mich gegen Roswatteplüsch und Schönmalerei. Kinderhaben ist ’ne riesige Herausforderung. Aber wenn man sich darauf einlässt, auch eine der größten Entwicklungschancen, die es im Leben gibt. Ich glaub, ich gehöre eher zur Fraktion „ambivalent“.

Im Kern ist die fehlende Rücksichtnahme der Kinder mir gegenüber der Grund dafür, dass ich das Zusammenleben mit Kindern oft als so kräftezehrend empfinde. Der springende Punkt ist aber, dass ich meinen Kindern deswegen nicht böse sein will und zum Glück auch sehr selten tatsächlich bin. Viele Erwachsene scheinen das aber oft zu sein, anders kann ich mir den völlig bescheuerten Dauer-Aggro-Umgang mit Kindern, die „nicht spuren“ kaum erklären. (Hm, doch, kann ich… Aber das wäre ein anderes Thema.) Ja, ich raste manchmal aus. Aber ich gebe mir große Mühe, dass auf eine Weise zu tun, die meinen Kindern zwar zeigt, dass hier meine Grenze erreicht ist, ohne dabei aber ihre total zu verletzen. Das gelingt mir sicher nicht immer. Wenn es nicht gelingt, sage ich ihnen, dass es mir leid tut und es nicht okay von mir war, ich es aber einfach nicht anders hinbekommen habe, weil ich so wütend war. Ich habe Verständnis für ihr „rücksichtsloses“ Verhalten, weil ich es – spontan – mit einer fehlenden Einsicht- bzw. Vernunftfähigkeit von kleinen Kindern erkläre. Sie können’s einfach noch nicht besser. Wie kann man ihnen da böse sein? (Memo an mich selbst: Darüber muss ich bei Gelegenheit genauer nachdenken… Warum sind kleine Kinder eigentlich so „rücksichtslos“? Liegt das an dieser kinderunfreundlichen Industrienationen-Welt? Ist das bei indigenen Völkern, die etwa im Amazonas-Regenwald leben anders? Und wenn ja: Wie kann man das erklären? Was braucht es an „Fähigkeiten“, damit sowas wie Rücksichtnahme möglich ist? Welche Annahmen stecken in dieser Annahme? > Entwicklung hin zur Rationalität… Also steckt darin das Ideal des rational-vernünftigen-impulskontrollierten Menschen… hm. Impulskontrolle kann man ja auch durchaus kritisch sehen… Ist Impulskontrolle einfach notwendig, wenn mehrere Menschen miteinander in ein Verhältnis treten? Wozu dann aber diese heftigen Impulse? Warum haben wir Menschen die? … Ich muss endlich mal an diesem Artikel über heftige Gefühlsausbrüche von Kindern – und dem Umgang Erwachsener damit – weiter arbeiten!)

Okay. Bis hierhin ging es um persönliche Belastungsgrenzen. Wenn ich einfach nicht mehr kann, dann kann ich nicht mehr. Die geschilderten Fälle sind – vom Gefühl her – noch relativ eindeutig. Hier wäre einfach Rücksicht und Zurücknahme der eigenen Wünsche vor dem Hintergrund der Anstrengungen des Gegenübers angebracht. Selbst ich, die ich ja an fast allen meiner Wahrnehmungen und Ansichten zweifle, empfinde das hier ausnahmsweise mal als ziemlich eindeutig: Sowas müssen Kinder irgendwie lernen. Soweit so gut. Es bleibt mir offenbar nicht viel mehr übrig, als meinen Kindern ehrlich zu zeigen, wenn meine Grenzen erreicht sind und ich ihre Wünsche bzw. Ansprüche gerade unverhältnismäßig und rücksichtslos finde, dabei aber gleichzeitig damit klarzukommen, dass Kinder ihre Impulse noch nicht derart kontrollieren können und ansonsten vor allem selbst Rücksichtnahme und Verständnis vorzuleben.

Aber dann ist da ja noch der Esstisch aus dem Beispiel:

Wenn ein Kind über den Esstisch spazieren will, dann sagt man ihm einfach, dass es das nicht darf.

Und das sagt fucking A.S. NEILL! Der Godfather der antiautoritären Erziehung!

Hier ist auch noch einmal eine Abgrenzung nötig: Es gibt Situationen, da reguliere ich, weil (Lebens-)Gefahr droht. Wenn mein zweijähriges Kind dabei ist, auf die viel befahrene Straße zu rennen, dann werde ich das nicht ausdiskutieren, dann greife ich ein. Wenn mein Kind sich (wie heute morgen) die Schere in den Mund stecken will, dann greife ich ein. Wenn mein Kind (wie gestern) das offene Küchenregal hochklettern will, dann greife ich ein. Soweit, so klar.

Wenn mein Kind aber über den Esstisch spazieren, auf dem Sofa springen, die Füße beim Essen auf den Tisch legen, mit Essen im Mund reden oder sonstwas will… Was dann? Hier droht keine Gefahr. Das sind Sachen, die Menschen einfach nicht wollen, weil… aus unterschiedlichen Gründen. (Auch die wären ein Extra-Artikel Wert.) Und das ist jetzt der Kern der Auseinandersetzung: Ich finde, dass Neill es sich hier vielleicht etwas einfach macht, wenn er hier lediglich erklärt, dass Erwachsene und Kinder gleiche Rechte hätten. Neill geht offenbar davon aus, dass die Kinder es nicht tun, wenn man ihnen sagt, dass sie’s nicht dürfen.

Es muss also gehorchen (…).

Die entscheidende Frage ist aber, was passiert, wenn das Kind nicht einsieht, nicht über den Tisch (das Klavier, das Sofa, …) zu laufen. Das Kind hat den Tisch nicht dahin gestellt. Das Kind hat den Tisch auch nicht als „Esstisch“ bestimmt. Das Kind hat auch das „Heim“ (oder die Wohnung, das Haus, …) nicht so „erwachsen“ (funktional) eingerichtet. Für die Erwachsenen ist das Ding gelabelt als „Esstisch“ und verknüpft mit „da läuft man nicht drauf rum, schon gar nicht mit Schuhen“. Für Kinder ist das – je nach Alter – aber nicht so. Für ganz kleine Kinder ist es einfach ein interessantes Ding, dass zum Klettern geradezu einlädt. Und ältere folgen halt irgendwelchen Impulsen, wie auch immer… Was passiert also, wenn man dem Kind sagt, dass es das nicht darf – und das Kind tut es trotzdem? Alle Varianten, das Kind zur Einsicht zu bewegen, sind eigentlich scheiße und/oder stressig. Man könnte auf das Kind einreden, es argumentativ zu überzeugen versuchen. (Das würde ich bestimmt versuchen.) Das hätte vermutlich zur Folge, dass beim Kind nach etwa 3,5 Sekunden ankommt „Wuorpwuorpwuorpbluoerpblupp“. Aber immerhin hätte man nicht seine körperliche Überlegenheit missbraucht, nur seine intellektuelle einzusetzen versucht. Bringt aber oft nicht viel, insbesondere wenn Kinder im überTische-Lauf-Modus sind. Vielleicht hat man Glück und das Kind lässt sich vom Tisch wegquatschen. Oder man hebt oder zerrt das Kind vom Tisch runter. Das kann schon handgreiflich werden und gleichwürdig ist das eigentlich nicht mehr. (Bei ganz kleinen Kindern kann man wenigstens noch das Argument „Gefahr“ hier  als Trumpf spielen, um sich rauszureden.) Oder man schimpft und droht mit irgendwelchen beknackten Konsequenzen, womit man sich endgültig im schwarzen, stinkenden Sumpf der autoritären Erziehungsmethoden befindet. Sehen wir’s ein: Es gibt gar keinen „vernünftigen“ Grund, warum das Kind nicht über den Tisch laufen sollte, außer den, dass wir das nicht wollen. Also bleibt uns eigentlich „vernünftigerweise“ nur übrig, dem Kind genau das zu sagen: „Ich will nicht, dass du das machst. Lass es bitte.“ Vielleicht fängt daraufhin eine Diskussion an. Bei P. passiert das inzwischen immer häufiger. Eigentlich finde ich das gut, glaube ich. Das ist zwar auch stressig, weil man irgendwann nur noch am diskutieren ist… Aber ist gleichwürdiges Zusammenleben zwischen Menschen nicht genau das? Aushandlung, Kompromiss, Kommunikation? P. stellt mit ihren fünf Jahren schon erstaunlich viel in Frage. Sie blafft die Erzieherinnen in der Kita an, dass sie nicht einfach über die Kinder bestimmen können. Sie fragt mich entrüstet, als wir an einem Sonntag über unseren Plan sprechen, ein Puppentheater zu besuchen, ob wir überhaupt die Kinder gefragt haben, ob sie da hingehen möchten. Und sie knallt mir an den Kopf „Du kannst nicht über mich bestimmen“ oder „Es geht nicht nur nach deinem Kopf“, wenn ich sie bitte, sich noch die Zähne zu putzen. Und sie hat verdammt Recht damit. Aber das macht es alles nicht einfach. Und trotzdem bin ich schon jetzt verdammt stolz auf sie.

P.S.: Hm. Eigentlich wollte ich noch mehr über Rücksichtnahme und Erziehung oder Erziehung zur Rücksicht schreiben. Die Posts fließen in letzter Zeit noch stärker als sonst irgendwie wohin sie wollen… oder ich lasse das Fließen mehr zu. Wirklich kluge Gedanken habe ich dazu aber offensichtlich auch gar nicht. Falls jemand mal was Schlaues gelesen hat, kann das gern in den Kommentaren verlinken.

Vielleicht ist die Sache mit der Kommunikation und Aushandlung ja auch schon ein Wink in Richtung einer Antwort. Kann ich mehr tun als sagen, was ich will und was nicht und dann in Verhandlung gehen, um irgendwie eine Lösung zu finden, mit der alle leben können? Mit Erwachsenen will ich das doch genauso. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, zu partizipieren, sondern mich einfach an von anderen gesetzt Regeln zu halten habe. Sowas kotzt mich an. Diese Art der Partizipation und Kommunikation erfordert aber schon ziemlich viel Rationalität und Impulskontrolle. Und die können wir von kleinen Kindern nur bedingt erwarten. Meine Tante warf in dem Zusammenhang mal den Aspekt der Überforderung in den Raum. Sie meinte, dass kleine Kinder überfordert sind mit so viel Reflexion, Erklärung, Entscheidung und Auswahl und dass sie ihrer Meinung nach einfach(e) Strukturen, Regeln, Grenzen, Vorgaben von Erwachsenen bräuchten. Das gebe Sicherheit, das Gefühl von Verlässlichkeit und Orientierung und genau das sei es doch, was kleine Kinder bräuchten. Wenn alles verhandelbar ist, dann sie das zu viel. Dieses Reflektieren, hinterfragen, eigene Standpunkte beziehen usw. sei in dem Alter einfach nicht dran und deshalb sei das auch nicht gut… (Ich glaub, sie ist ziemlich beeinflusst von diesem Kontinuum-Gedanken von Jean Liedhoff. Darin steckt die Idee von natürlichen Entwicklungsstufen und bestimmten Fähigkeiten in bestimmten Zeiträumen. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halte… Ich denke aber, dass die Idee von festen Entwicklungssprüngen/-phasen in einem bestimmten Alter auch viele Probleme mit sich bringt und nicht zuletzt dazu beitragen, dass sich eine Vorstellung von „normaler“ und „unnormaler“ Entwicklung etabliert. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass eine Freundin mir letztens besorgt an meinem Küchentisch erzählte, dass ihr Fünfjähriger vom Arzt als auffällig eingestuft wird, weil er noch keine Strichmännchen malt. Sie soll jetzt mit ihm üben und erzählte: „Ich habe jetzt mit ihm gemalt. Er malte ein Männchen, aber halt mit einem Auge und die Nase ist rechts am Kopf. Als ich ihn gefragt habe, warum die Figur nur ein Auge hat, meinte er: ‚Der guckt zur Seite.'“ (O.o) Ein Kind, das offenbar sogar schon räumlich und perspektivisch denken und das auf eine Zeichnung übertragen kann, wird also als auffällig beurteilt… Und warum? „Naja, in der Schule wird das erwartet…“ – da haben wir’s.) Und trotzdem beschäftigt mich die Frage der Überforderung… Auch im Hinblick auf meine Zeit an der demokratischen Schule. Überfordert Kinder diese grundsätzliche Verhandelbarkeit, dieses viele Reflektieren und die ständige Kommunikation? Der Einwurf ist nicht unberechtigt… Aber kann man denn wirklich sagen, das ist „nicht gut“ – im Sinne von tendenziell schädlich, gesundheitsgefährdend – für sie? Brauchen Kinder Erwachsene, die klare Ansagen machen oder nicht? Wäre das wirklich besser? Das ist zwar irgendwie der Kern der Frage. Aber selbst wenn es so wäre, berechtigt es Erwachsene nicht, Kinder so scheiße zu behandeln wie sie es oft tun. Wenn es so wäre, dann kann ich es mir noch am ehesten vorstellen, wie in Jesper Juuls-Eis-Situation:

Die dreijährige Kim fragt ihren Papa: „Darf ich ein Eis haben?“ Der Vater antwortet: „Nein, darfst du nicht.“ Kim: „Ich will aber!“ Vater: „Das höre ich. Und es ist auch okay, dass du ein Eis willst. Du kriegst aber trotzdem keins.“ Kim: „Doofer Papa!“ Vater: „Dann bin ich eben ein doofer Papa. Aber es bleibt dabei.“

Die Gleichwürdigkeit dieses Dialogs liegt vor allem in dem, was nicht gesagt wird, zum Beispiel: „Du hast heute schon genug Eis gehabt.“ (Mit dieser Definition lässt der Vater Kim seine Macht spüren.) Oder aber: „Ich habe Nein gesagt, und jetzt hör auf zu quengeln!“ (Der Vater traut sich nicht, offen Nein zu sagen, also kritisiert er Kim dafür, dass sie ihren Wunsch ausspricht.) Oder auch: „Wenn du brav bist, gibt’s heute Abend vielleicht Eis zum Nachtisch.“ (Der Vater bezieht nicht klar Stellung, sondern greift zu einem Ablenkungsmanöver.)

Entscheidend wäre, wenn man das annimmt – also dass klare Grenzen und Strukturen wichtig sind -,  über „ja“ und „nein“ zwar eindeutig zu bestimmen, mit der Wut und Trauer der Kinder aber anders umzugehen, darauf mit Verständnis zu reagieren und für sie da zu sein. Impulskontrolle zu lernen, das ist hart. Aber in dieser Art von Gesellschaft kommen wir wahrscheinlich tatsächlich nicht drumherum. Wir mussten da alle durch und es war vermutlich für uns alle ziemlich schmerzhaft. Und vermutlich wurden viele von uns nicht wirklich einfühlsam dabei begleitet. Vielleicht reagieren Erwachsene genau aus diesem Grund oft so verständnislos und wütend auf die heftigen Gefühlsausbrüche unserer Kinder… (Verdammt! Ich muss diesen Artikel schreiben! Wenn ich nur endlich die Zeit fände…)

*Binneberg, Karl (1997): Plädoyer für eine pädagogische Kasuistik, In: Ders. (Hg.): Pädagogische Fallstudien. Frankfurt, Main u.a.: Lang.

Schlechtes Gewissen revisited

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Eigentlich immer.

Ich sitze hier, und müsste mich eigentlich auf meine Modulabschlussarbeit konzentrieren. Aber ich kann es nicht, weil ich Nachrichten über die Ströme von Zufluchtsuchenden lese. Weil ich auf Facebook über die Zustände in der Ernst-Gruber-Halle lese, über die eine Freundin berichtet:

So etwas Beklemmendes habe ich noch nicht erlebt. Über 450 Zufluchtsuchende sind zur Zeit in der Ernst-Grube-Halle. Sie liegen auf ihren Liegen. Alles was sie besitzen in einer Tasche, die gleichzeitig als Kissen dient. Alles wirkt sehr provisorisch: Bauzäune trennen grob die Liegen, Essensausgaben dauert 2 Stunden, zum Essen stehen 13 Bierzelttische zur Verfügung. Es gibt 10 Toiletten, es gibt 10 Duschen – für 450 Menschen. Es gibt keine Kühlmöglichkeiten, keine Kochmöglichkeiten, keine Waschmöglichkeiten. Wäsche wird per Hand gewaschen und auf den Bauzäunen getrocknet. Jeder Zufluchtsuchende hat einen Laufzettel, egal ob Essensausgabe oder Kleidespende, alles wird abgehakt. Die Menschen stehen an für Kleiderspenden oder fürs Handy aufladen. Die gesamte Struktur und Organisation wird von Ehrenamtlichen geleistet – es gibt nur EINEN Hauptberuflichen in der Ernst-Grube-Halle. Es zeigt sich an so vielen Stellen wie katastrophal die Kommunikation der Landesdirektion ist.

Weil mir das Kotzen kommt, angesichts der Zustände in diesem Land, in dem Unterkünfte für Schutzsuchende abgebrannt werden. Weil ich immer dieses „Da muss man doch was tun“-Gefühl habe… Also suche ich Sachen zusammen, zum Spenden. Und fühle mich schuldig, weil ich nicht mehr tun kann. Oder will? Können wir nicht vielleicht doch eine Familie aufnehmen, hier bei uns? Haben wir nicht genug – viel zu viel – Platz?

Ich fühle mich schuldig, weil meine „Probleme“ im Vergleich zu denen dieser Menschen so erbärmlich erscheinen. Aber ich kann nicht raus, aus meiner Haut; kann nicht einfach raus, aus diesem, aus meinem Leben. Ich werde das Gefühl nicht los, in diesem Leben nur schuldig sein zu können, zumindest wenn man im privilegierten Teil dieser Erde lebt. An uns allen klebt Schuld, denn wir tragen dieses kaputte System mit und wir profitieren ständig davon. Wir supporten es durch unsere Art zu konsumieren, zu arbeiten, zu leben. Selbst wenn wir versuchen, dagegen zu sein oder uns rauszuhalten, machen wir mit. Ich fühle mich schuldig, denn ich fühle mich dafür (mit-)verantwortlich. Manchmal denke ich, das einzig halbwegs richtige oder zumindest weniger falsche, was man in diesem System tun kann, ist die Missstände zu thematisieren, aufzudecken, die Fahnen hochzuhalten und den Menschen immer wieder auf’s Brot zu schmieren:

NEIN! ES IST NICHT OKAY WIE ES IST!

Deshalb studiere ich „was mit Gesellschaft“.

(…)

Ich kann nicht raus, aus meiner Haut; kann nicht raus, aus diesem, aus meinem Leben.

In meinem Darm wütet jetzt wieder das Tier, das mir alle Energie abzieht, von der doch eh ätzenderweise nur so verdammt wenig da ist. Ich habe täglich starke Durchfälle mit Magenkrämpfen, Blut und allem drum und dran. Es ist kein schönes Thema, aber ich habe mich daran gewöhnt, darüber zu reden. Immer scheiß Durchfall haben, das bedeutet extreme Unsicherheit. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich kein Klo in der Nähe habe. Ich habe 2008 monatelang das Haus nicht verlassen, hatte Angst, einkaufen zu gehen, zu essen, unter Leuten zu sein. Jeder Schritt und schon das Aufstehen war eine riesige Hürde. „Schwere Agoraphobie“ – unspezifische Angststörung – wurde damals diagnostiziert und sowas wie therapiert. Ich bin mit meiner Therapeutin einkaufen gegangen. Ich musste das wieder lernen. Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, wenn man nicht zumindest einmal im Leben eine schwere Magen-Darm-Grippe hatte. Was macht man da? Zuhause bleiben. Und was macht man, wenn das einfach nicht mehr aufhört? … Eben! Ich bekomme Schweißausbrüche, wenn ich in der Bahn sitze, wenn ich im Wartezimmer beim Arzt bin, an der Kassenschlange, im Seminar, auf dem Spielplatz. (Warum gibt es so verdammt wenig Spielplätze mit Toiletten? Schon mal aufgefallen? )Ich hasse es, Referate zu halten, obwohl ich eigentlich gut reden kann und fragt nicht, wie es war, in diesem Zustand als Frontfrau auf der Bühne Konzerte zu absolvieren.

Ich hatte den Chrohn seit 2011/12 (ungefähr) ganz gut im Griff, mit den entsprechenden Medikamenten. Die Medikamente wirkten, indem sie das Immunsystem unterdrückten. Die Nebenwirkung war, dass ich ständig irgendwelche Infekte hatte. Der Darm hat sich beruhigt, ich habe die Tabletten abgesetzt und gehofft, die „Remission“ so halten zu können. Hat offenbar nicht geklappt. Ich will nicht zurück in den Zustand von 2008, schon wegen der Kinder.

Und so bin ich wieder beim Thema: Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich gerade (mal wieder) nicht so kann wie ich will. Ich habe den Kindern gegenüber Schuldgefühle, die mich auffressen, weil ich gerade kaum noch Unternehmungen mit ihnen mache. Ich schaffe es einfach nicht, die Energie fehlt. Ich bin immer müde. Ich habe Schuldgefühle, weil ich gereizt bin und zu schnell aus der Haut fahre, weil ich nicht bei der Sache bin. Ich habe gerade zu wenig Geduld. Ich habe K. gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil er mir so viel abnehmen muss. Meine depressiven „Ich will nicht mehr“-Gedanken überfallen mich wieder regelmäßiger und unnachgiebiger.

Ich kann mir nicht einfach abnehmen, dass es mir vielleicht wirklich nicht gut geht und ich eine Pause brauche. Ich bilde mir ein, ich müsse/könnte mich doch zusammenreißen. K. ist schließlich auch am Limit. Und überhaupt: Andere Menschen haben viel größere Belastungen zu schleppen… (siehe oben) und können sich nicht einfach rausnehmen, schlapp machen.

(…)

Sie laufen hunderte von Kilometern, mit ihren Kindern, teilweise selbst todkrank. Sie kommen wochenlang ohne Essen aus. Sie haben Angehörige und Freunde verloren. Sie gehen irgendwohin, in die Fremde, lassen ihr Zuhause, ihre Sachen zurück und wissen nicht, ob sie jemals wieder zurückkommen werden. Ihnen geht es verdammt, verdammt beschissen.

Und ich? Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil meine Kinder vielleicht zu viel fernsehen und weil sie zu viel Mist in sich reinstopfen. Mich beschäftigt, was ich ihnen zum Geburtstag schenke; ob das, was wir mit ihnen machen und so, wie unser Alltag ist, gut ist und welche Route wir im September nehmen, um in den Urlaub zu fahren. Und ja, das sind Dinge, die mich wirklich stark beschäftigen. Ich engagiere mich für eine Verbesserung der Kinderbetreuungssituation anstatt für Zufluchtsuchende. Dabei sind das verdammt nochmal First. World. Problems. Oder?

(…)

Vor kurzem las ich  den Artikel „Suche Urlaub, biete Kinder“ von Jonas Ratz und erkannte unsere Gedanken darin zum Teil wieder. Gleichzeitig dachte ich: First. World. Problems. Und dann las ich die Kommentare. Das ist zum Teil echt harter Stoff. Beispiele gefällig?

Wie haben es meine Eltern nur damals geschafft mit drei kleinen Kindern zwischen denen jeweils nur ein Jahr lag jedes Jahr in ein Appartment (ohne Nachbarn, ohne Kidsclub, ohne Hörnchenbuffet (und schmieren)) am Stand zu fahren.

Kann es sein, das Frederick ein sozial unverträgliches, verwöhntes kleines Balg ist?

jeder bekommt die kinder, die er verdient, bzw. die er sich heranzieht.

Oh man, wann kommt der Bus? Sind all diese überaus witzig gemeinten, kokett-mitleidhaschenden Kinder-machen-alles-anders-aber-wir-machen-alles-mit-Berichte eigentlich von ein und der selben Person geschrieben? Bla bla bla…

Wenn man seine ganze Freizeit in die Bespassung der Sprösslinge steckt und jeder Schrei und jedes Klagen im Elterngesprächskreis thematisiert…wird auch so ein Urlaub nicht gerade zur Erholung….selbst Schuld..behaupte ich da mal.

Und besonders… äh, ja… lest selbst:

Es ist schier unmöglich den Kreischgören zu entfliehen. In den Ferienmonaten sowieso nicht. In der Nebensaison wird man von der Altersgruppe 0-5 gequält, deren Eltern mit Ohren Blagen meinen sie Urlaubsorte zu bevölkern und zwar in den Urlaubsländern. Nord- und Ostsee dafür nicht gut genug.

Was ich da rauslese – ist neben hochgradigem Arschnasentum – das Verbot, sich zu beklagen. Das ist irgendwie sozial unerwünscht. (Ein ähnliches Phänomen kann man z.B. im Kommentarbereich eines Artikels zum Thema Bachelorarbeit lesen.) Leute, die darüber schreiben, was ihnen in ihrem Leben Probleme macht, werden als Heulsusen abgestempelt. Man soll sich mal nicht so anstellen. Früher war es ja viel härter und andere haben echte Probleme, also soll man doch bitteschön mal den Rand halten. Und irgendein Teil in mir blafft mir genau das ins Gesicht, wenn das „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“-Lamento losgeht. Ich habe eine ganze Troll-Kommentatoren-Elite in meinem Kopf! Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht stärker bin, nicht einfach durchziehe, nicht souveräner bin. Und ich fühle mich schuldig, weil ich mich schuldig fühle. Ich habe das Gefühl, kein Recht dazu zu haben, die Dinge anstrengend zu finden, weil sie im Vergleich so nichtig sind.

Ich weiß gar nicht, welchen Maßstab ich da anlege….. Ey! Inside! Wann wäre denn ein „sich schlecht fühlen“ genehmigt? Wehen und Geburt zum Beispiel? Das war schon – quasi objektiv – hart und schmerzhaft. Und da hast du auch nicht rumgenervt, mit deinen Vorwürfen und deinem Runtergemache. (Obwohl das Arschnasentum wahrscheinlich selbst in dem Bereich noch was anzumelden hätte – früher gab‘ schließlich auch keine PDA und überhaupt…) Also muss es offensichtlich schon zumindest existenziell sein, damit der Antrag auf Lamento von meinem inneren Verwaltungssystem durchgewunken wird. Arschloch-Ich, echt.

Ich komme mit mir selbst nicht überein. Wie stehe ich nun zum „Lamentieren“? Sollte ich mich mehr zusammenreißen, Zähne zusammenbeißen, die Dinge für mich behalten? Ist es anmaßend, sich schlecht zu fühlen, wenn es einem insgesamt aber immernoch so viel besser geht als so vielen Anderen? Ich will dieses Vergleichen nicht! Das ist doch sinnlos. Aber es passiert mir trotzdem immer wieder, ist ein Selbstläufer.

Ich erinnere mich, dass ich diesen Blog angefangen hatte zu schreiben, weil es mich echt deprimierte nur von Eltern zu lesen, die das ganze Elternsein scheinbar mit links wuppen. Ich hab mein Arschloch-Ich überwunden, das mir auch da flüsterte: „Alter, worüber beschwerst du dich eigentlich? Alle Menschen kriegen Kinder, das ist das normalste der Welt. Komm mal klar!“, weil ich zeigen wollte (und dafür eintreten wollte!), dass es auch Menschen gibt, denen das alles nicht so leicht fällt. Mir fällt das ganze scheiß Leben nicht leicht, ich finde es total anstrengend, Mensch zu sein. Und irgendwie finde ich es nicht richtig, immer preußisch die Zähne zusammenzubeißen, „das Unbehagen der Kultur“ (Freud) runterzuschlucken, hinzunehmen, weiterzumachen. Die Impulse – das Erschöpftsein, der Ärger, die Wut, die Traurigkeit, die Aggression – verschwinden ja wahrscheinlich nicht einfach, wenn man sie wegdrückt. Vielleicht lagern sie sich irgendwo in einem ab und bilden Geschwüre. Indem man solche Gefühle zulässt und äußert, betreibt man irgendwie auch aktiv Abbau, Seelenhygiene, quasi. Es wäre vielleicht schön, wenn ich positiver wär und ich arbeite dran, irgendwie. Aber ich kann die Gefühle und Gedanken nicht einfach löschen. Ein anderer Teil in mir findet es nach wie vor auch gut, ehrlich zu zeigen, dass es nicht nur honigkuchige Einhornmenschen gibt, die alles immer super-dufte finden oder knallharte Durchzieher, die mit allem super zurechtkommen. Und wenn’s nur dazu gut ist, dass sich die anderen Esel und Heulsusen da draußen nicht ganz so allein fühlen. Und für meine Seelenhygiene.

Lebenszeichen. Oder: Tausendsassa.

Also. Eigentlich habe ich einen super-Artikel in der „Pipeline“, wie man so schön sagt, über den Umgang mit den z.T. heftigen Gefühlsausbrüchen von Kindern. Das Thema liegt mir aber sehr am Herzen, ich lese dazu gerade noch einige Dinge und möchte, dass der Artikel gut wird. Dafür muss der noch ein bisschen gären.

Und ich habe zwei… nun ja mehr oder weniger „Produktvorstellungen“ rumliegen, die noch ausstehen. Allerdings macht mir das ein bisschen Bauchschmerzen, obwohl es keine Werbung – im eigentlichen Sinne – ist, d.h. ich bekomme kein Geld dafür -, sondern es geht um zwei Projekte von Eltern, die ich einzigartig, kreativ, selbstständig, nützlich und schon deshalb unterstützenswert finde. (Nämlich die interaktive Märchen-Kinderbuch-App für’s iPad „Knard“ von dem total netten Christoph – der hier -, der mir seine Geschichte erzählt hat und die super-coolen Platzdeckchen von Happy Mat, die wir schon seit ’ner Weile in Gebrauch haben. Eine werde ich verlosen…) Mir macht das Bauchschmerzen gerade weil ich kaum noch zum Schreiben komme. Und dann zwei Sachen zu veröffentlichen, die für mich und das hier eher untypisch sind, … Naja.

Nun häufen sich aber die Nachfragen, ob der Blog einschläft, deshalb also mal dieser irgendwie unthematische Zwischenruf hier, in dem ich einfach mal erzähle, was ich eigentlich so mache, was vielleicht auch erklärt, warum ich diesen Blog gerade nicht mache.

„Hauptamtlich“ bin ich – im Moment bin ich 26 – Studentin. Ich studiere Erziehungswissenschaften (Bachelor), inzwischen im 5. Semester (von in der Regel 6, ich studiere aufgrund der Kinder und weil ich’s will aber min. zwei Semester – also ein Jahr – länger. Viele fragen mich, was man eigentlich macht oder wird, wenn man das studiert. Das Studium hat pädagogische, sozialpädagogische, psychologische, soziologische, viele gesellschaftskritische, Sozialforschungs- und erwachsenenbildnerische Inhalte. Ich mag die Kombination sehr, weil es echt ziemlich exakt meinen Interessen entspricht. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Bildungstheorie, Bildungsforschung, Schulsystem(Kritik), Lerntheorie, soziale Ungleichheit, kritisch-emanzipatorische Bildung, politische Bildung und derlei Dinge. Während der Vorlesungszeiten – also jeweils von April bis Mitte Juli und von Oktober bis Ende Januar – fahre ich in der Regel an zwei bis drei Tagen in der Woche in die Stadt, in der ich studiere – das dauert ca. 1,5 Stunden von meiner Wohnungstür bis zum Hörsaal. Dort habe ich dann Vorlesungen oder Seminare. Es ist viel Literatur vorbereitend zu lesen, auszuarbeiten, Referate und Sitzungen sind vorzubereiten, Klausuren zu schreiben, Prüfungen zu absolvieren usw. Vielen Dank, Bologna-Reform. Ich bin recht aktiv am Studieren und studiere auch echt gerne. ich versuche, viel zu lesen, meine eigenen Schwerpunkte zu finden und diskutiere viel und gerne in den Seminaren, leiere eigene Projekte an usw.

Ich bin tollerweise Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, wodurch unser Leben gerade überhaupt nur so machbar ist. Das Geld, was ich von der Stiftung bekomme, muss ich 1. – im Gegensatz zum Bafög – nach dem Studium nicht zurückzahlen und es ist 2. sehr viel mehr als das Bafög: Ich bekomme 597 Euro Gundförderung + 300 Euro „Büchergeld“ + 73 Euro Krankenversicherungszuschuss + 198 Kinderbetreuungspauschale + 155 Euro Familienzuschlag, d.h.1323 Euro im Monat. Das ist natürlich super! (Und damit hatte ich übrigens gar nicht gerechnet, als ich mich beworben habe.) Für ein Stipendium bei der Böckler-Stiftung braucht man übrigens nicht vorrangig super Noten. Die Stiftung ist eine gewerkschaftsnahe und fördert vor allem Studierende, die in Gewerkschaften sind bzw. Kinder aus sogenannten „Arbeiterfamilien“ – wenn die Eltern also keine AkademikerInnen sind – und erwarten ein gewisses Maß an gesellschaftspolitischem Engagement. In der Stiftung bin ich nun seit einem Jahr und ich bin wahnsinnig dankbar dafür. Ohne das Geld wären wir ziemlich aufgeschmissen, denn nur mit K.s Journalisten-Einkommen und Bafög wären wir nicht über die Runden gekommen und zusätzlich noch arbeiten zu gehen würde ich einfach nicht schaffen. Davon abgesehen bietet die Stiftung auch andere tolle Möglichkeiten, zum Beispiel Seminarfahrten und Sprachkurse, auch im Ausland. Von denen kann ich aber leider nicht wirklich viel nutzen, auch wegen der Kinder, obwohl die Stiftung sich echt bemüht, immer auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten usw. Aber trotzdem: Ich kann mir nicht vorstellen, mit meinen Kindern ein halbes Jahr nach Nepal zu gehen oder so.

Wenn keine Vorlesungszeit ist – ich also „Semesterferien“ habe, die diesen Namen aber eigentlich nicht mehr verdienen und offiziell deshalb auch „vorlesungsfreie Zeit“ heißen, dann verbringe ich viiiiiiiiiel Zeit in der Bibliothek, weil pro semesterfreie Zeit (jeweils Februar und März sowie August und September) meist 2-3 Hausarbeiten geschrieben werden müssen. Total bekloppt, wenn ihr mich fragt. Ich brauche jedenfalls mehr Zeit, um einen guten wissenschaftlichen Text zu schreiben und mich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Meine letzte Hausarbeit habe ich über AbsolventInnen freier Schulen geschrieben (der Bundesverband freier Alternativschulen (BFAS) wird sie wohl demnächst auf seiner Seite veröffentlichen), aktuell arbeite ich an einer kritischen Analyse einer so genannten „Expertise“ für ErzieherInnen, in der Tipps zum Umgang mit so genannten „verhaltensauffälligen Kindern“ in Kindertageseinrichtungen gegeben werden, ich konzentriere mich dabei auf den Teil zum „Umgang mit Aggressivität in der Kindertageseinrichtung“. Eigentlich sollte ich auch jetzt gerade daran arbeiten… Allerdings saß ich gestern von 10 bis 24 Uhr in der Bibliothek und habe immernoch sowas wie Muskelkater im Gehirn und leichte Motivationsprobleme.

Wenn ich nicht an Hausarbeiten oder in der Uni sitze, absolviere ich Praktika. Da wir am Ende dieses Studiums nicht nur einen BA-Abschluss Erziehungswissenschaften haben, sondern „automatisch“ auch staatlich anerkannte SozialpädagogInnen sind, ist eine lange Praxis-Phase im Studium integriert. Im Normalfall soll man 450 Stunden in Vollzeit am Stück absolvieren, was bei mir aber – Kinder! – nicht möglich ist. Insofern hab ich’s geteilt: Den ersten Teil habe ich an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut (DJI) absolviert und ab 01.05. arbeite ich für drei Monate – juhu! – an der Freien Schule Leipzig.

„Juhu“ ist das deshalb, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, eine freie Schule zu gründen. Der Gedanke reift immer mehr, bevor ich aber meine ganze Lebens- und Arbeitszeit in so ein Projekt stecke, möchte ich mir sowas mal in der Praxis anschauen. Ich bin sehr, sehr gespannt, denn ich halte vom Schulkonzept demokratischer Schulen (PDF!) theoretisch sehr viel und kann’s kaum erwarten zu sehen, wie das praktisch funktioniert. Ich kann mir auch vorstellen, diesen Bereich nach meiner Studienzeit eine Weile zu erforschen (es gibt eklatante Forschungslücken, wie ich während der Ausarbeitung meiner letzten Hausarbeit festgestellt habe). Prinzipiell möchte ich gern in Bereichen arbeiten, die „passiven“, konsumistischen Haltungen etwas entgegensetzen, die m.E. heute leider viele Menschen haben, was von Seiten der Politik z.T. auch gefördert wird, und im Gegenzug Emanzipation, tätig sein, gesellschaftspolitisches Engagement usw. fördern. Das kann auf ganz unterschiedliche Bereiche zutreffen und so lange einer diese Kriterien erfüllt, mache ich gern mit. Am liebsten möchte ich aber (früher oder später) ein eigenes Projekt realisieren. Und am allerliebsten soll das eine Schule sein, denn daran, dass sich das Bildungssystem tatsächlich in einem Sinne reformieren lässt, dass es nach meinen Vorstellungen diesen Namen überhaupt verdient, glaube ich (leider) nicht (mehr) wirklich.

Dann „mache“ ich noch die Leipziger Kita-Initiative. Die haben wir 2012 gegründet, weil die Platzvergabe und Platzanzahl von Kita-Plätzen in Leipzig eine Katastrophe war und ist. Wir sind quasi die Lobby der Eltern von Kleinkindern in Leipzig, die Schwierigkeiten haben, einen Betreuungsplatz zu finden, reden mit den Verantwortlichen, vermitteln, beraten, organisieren Treffen, Demos, usw. Für die Initiative „Weil Kinder Zeit brauchen“ betreue ich die Facebook-Seite und vor kurzem habe ich die tolle Initiative „Was bildet ihr uns ein?“ entdeckt und mich mit der netten Lisa getroffen. Dort möchte ich auch mitmischen. Fragt sich nur, wann?

Unser Tag sieht nämlich tatsächlich so aus, dass wir (in der Regel) 7:30 aufstehen. Meist verschlafen wir, oft hat K. Frühdienst. Ich ziehe die Kinder an und wir frühstücken. 1,5 Stunden brauchen wir, um aus dem Haus zu kommen. (Das macht mich wahnsinnig!) Um 9 wollen wir eigentlich in der Kita sein. Manchmal klappt das, meistens eher nicht. In der vorlesungsfreien Zeit gehe ich danach in die Bibliothek und arbeite, entweder bis 15:30, wenn K. nachmittags/abends arbeitet, und hole die Kinder wieder ab oder bis abends, wenn K. die Kids holen kann. Wenn ich Uni habe, fahre ich 9 Uhr in meine Uni-Stadt. Und bin abends 20 Uhr wieder Zuhause. Die Kinder gehen zwischen 20:30 und 21:30 in die Kiste, danach versuchen Zombie-K. und Zombie-ich uns zu unterhalten, was Liegengebliebenes vom zu erledigen oder gemeinsam Serie zu schauen, wenn wir nicht schon bei den Kindern eingepennt sind. Ab Mai arbeite ich an den drei Tagen, an denen ich nicht in der Uni bin, an der freien Schule. Haushalt? Ist echt ein Problem und muss irgendwie nebenbei laufen. Freunde? Sehe ich kaum, wenn, dann die, die auch Kinder haben (Hallo, Jule! :-*) Eigentlich habe ich auch noch andere Hobbys: Schreiben, freie Bildung – jenseits der Uni -, Lesen, Serien gucken mit K., nähen, mit Freunden ins Kino gehen oder in ’ner Bar quatschen, Konzerte, Klavier spielen, komponieren, Natur, und auch sowas wie Sport würde mir mal wieder gut tun. Is‘ aber nicht, gerade. Und für nette Zeiten zwischen K. und mir reicht’s gerade auch nicht.

Was Rieke Drust kürzlich in ihrem Artikel „Eine Polonäse ist nicht Tanzen.“ ge- bzw. beschrieben hat, kann ich insofern ganz gut nachvollziehen und auch das, was all die anderen Eltern in letzter Zeit über Vereinbarkeit von Familie und dem Rest des Lebens geschrieben haben. Und trotzdem denke ich mir dabei irgendwie immer auch – auch in Bezug auf mich selbst – „LUXUSPROBLEME“! Ich kann mich selbst nicht so ganz ernst nehmen, wenn es in mir heult, weil es „mal wieder“ Zeit für xyz braucht… weil ich niiiiiiiie zu etwas komme und weil ich niiiiiiiiiiie Zeit für mich oder meine Freunde habe. Ich muss mir dann denken, dass ich es mir so ausgesucht habe. Ich muss mir dann denken, dass ich so ehrgeizig und eine „Tausendsassa“ bin und schon immer war. Der Tag hat 24 verdammte Stunden, und ja, die Energie und auch der Kopf ist begrenzt. Und glaubt mir, ich finde mein Leben und das Leben mit Kindern generell extrem anstrengend. Ich glaube aber auch, dass „wir“ (emanzipierte, wollende) Frauen selbst dafür verantwortlich sind, dass es so ist. Wir wollen viel zu viel, alles gleichzeitig und wir sind mit nichts zufrieden. Wir wollen auf 1000 Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wir wollen tolle Eltern sein, tolle Jobs machen, anerkannt werden für etwas, was wir toll können, viel wissen, sportlich sein und ausgeglichen, gut aussehen, eine tolle Partnerin für unseren Lebensgefährten/unsere Lebensgefährtin sein, eine tolle Freundin für unsere Freunde, eine tolle Tochter für unsere Eltern, wir wollen unseren tollen Hobbys nachgehen (können), die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts mitnehmen (Stichwort: „Wellness“!), wir wollen politisch engagiert sein, wir wollen gesund kochen, wir wollen viel gereist sein und erfahren… Und ja, das ist zu viel, denn das ist nicht machbar. Dafür, dass dieses Ideal der Tausendsassa heute da ist, können wir vielleicht nichts, dafür, dass wir das Gefühl haben, dass das alles von uns erwartet wird, vielleicht auch nicht, aber dafür, dass wir das annehmen und dafür, dass wir glauben, das wir das alles tatsächlich tun müssen… dafür, dass wir glauben, dass wir darauf sogar ein Recht haben und dass die Umstände sich bitteschön unseren verqueren Vorstellungen davon, was alles gleichzeitig drin sein muss, anzupassen haben… dafür, dass wir denken, dass irgendwas nicht stimmt – wahlweise mit uns selbst oder unserem Leben -, wenn das alles so nicht klappt… dafür, dass wir eigentlich nie entspannt, stattdessen immer im Stress und tatsächlich permanent an der Grenze des Burn-Out sind, dafür können wir (oft) schon auch selber was. Denn es ist unser Leben und wir haben heute das Privileg – deshalb sagte ich: Luxusprobleme! – zu entscheiden, was wir tun und was wir lassen. Das ist auch Emanzipation! Wir müss(t)en „nur“ das ständige noch-mehr-Wollen mal wirklich sein lassen wollen… Wir müssten „nur“ aufhören, zu glauben, irgendwem irgendwie noch mehr beweisen zu müssen, denn meistens sind’s doch wir selbst, die suggerieren, dass wir nicht whatever-genug sind. Wir müssten „nur“ ein kleines bisschen zur Ruhe kommen, geduldiger sein, uns mehr Zeit für die Dinge – die Kinder! – nehmen (können). Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich schaff’s nämlich auch nicht.

* Und ich kann mir vorstellen, dass das in Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen müssen, durchaus nochmal ’ne andere Kiste ist.

Keine Panik! (Und ein bisschen Schulkritik)

Weil ich jetzt schon einige Anfragen bekommen habe, an dieser Stell Mal eine kurze Info: Der letzte Beitrag sollte nicht bedeuten, dass ich mit Bloggen aufhöre o.ä. und hatte auch keinen konkret schlimmen Knaller als Auslöser, abgesehen vom stinknormalen Leben und Fühlen…

Der Alltag mit unseren beiden Kindern, dem Studium, meinem dauernden Gekränkel, der Kita-Initiative, meinem Praktikum, (was ich gestern angefangen habe), dem zwei-Kleinkinder-Wahnsinns-Haushalt undsoweiterundsofort… Das alles schlaucht einfach ziemlich und liebgewonne Angewohnheiten – wie Nähen, Komponieren oder Bloggen – stehen gerade ein bisschen auf dem Abstellgleis. Es kommen aber ganz sicher auch wieder schreibwütigere Zeiten. Im Moment frisst mich das Andere einfach meine Zeit.

Hier läuft davon abgesehen alles… irgendwie. Wir schaffen es zwar oft nicht, einzukaufen, weil dafür in unseren Tetris-Wochen gerade nicht wirklich Platz ist. Die Wäsche türmt sich viel zu oft zu Bergen, als mir das lieb ist. Und wir hängen abends nach wie vor spätestens ab 21 Uhr total in den Seilen. Aber wir verstehen uns alle meistens ziemlich gut und zunehmend besser. Das ist ja nicht unwichtig…

T. ist unglaubliche 10 Monate alt und ich habe wirklich keine Ahnung, wo das (fast) eine Jahr hin ist. Ich habe das Gefühl, dass die Zeitgeschwindigkeit sich mit zwei Kindern noch einmal verdoppelt. Dieses Zeitparadoxon finde ich echt faszinierend… Einerseits ist natürlich eine Menge passiert: Kind bekommen usw. und meine Schwangerschaft scheint schon ewig weg zu sein. Andererseits kann ich es nicht fassen, wenn ich kleine Babys sehe und dann meinen T. anschauen, der nun schon 4 Zähne hat, „Dadadada-Mamama“t ohne Pause, sich überall hochzieht und die Welt im Alleingang erforscht. T. ist übrigens nach wie vor ein ziemlich entspannter Kollege. In zwei Monaten wird die Eingewöhnung in P.s Kindergarten anfangen. Und ICH FREUE MICH SO DARAUF! Es ist wahnsinnig nervenzerreibend, in den zwei Stunden Tagesschlaf irgendwie zu versuchen, alles zu erledigen, was man zu erledigen habt. Genau genommen ist es unmöglich. T. hat total Bock auf andere Kinder, insofern gehe ich davon aus, dass das ganz gut klappen wird. Hoffentlich…

P. geht derweilen straight auf die 4 zu und als ich vorhin meine weitere Studienplanung überdacht hab, fiel mir auf, dass wir uns vermutlich schon mit P.s EINSCHULUNG beschäftigen, wenn ich an meiner Bachelorarbeit sitze. Oh Mann! SCHULE! Und P. ist jetzt schon heiß drauf…

Mir stellt sich dann auch gleich wieder die Frage nach der Schulform, die ich bisher noch weitgehend wegschiebe. Ich würde P. am liebsten auf die freie Schule hier schicken. Das ist mit einem deutlich längerem Anfahrtsweg verbunden, aber ich glaube, dass es sich lohnt! Das Schulkonzept ist so toll! Aber dort einen Platz zu bekommen ist Glückssache, da die Platzzusagen unter den (zu vielen) Bewerbern ausgelost werden. Also muss ich mich fragen, ob ich sie – im wahrscheinlichen Fall einer Absage – auf die „normale“ Kiez-Grundschule um die Ecke schicke oder ob andere alternative Schulformen für mich in Frage kommen. Ich habe aber ein Problem mit Waldorf und auch Montessori. Ich kann dieses strikte und esoterisch-spirituelle daran nicht  leiden und mir fehlen die demokratischen Elemente, auf die an freien Schulen viel Wert gelegt wird. Andererseits sehe ich bei meinem Cousin, der eine Waldorfschule besucht, dass er gar nicht so „esoterisch“ drauf ist und seine Schule liebt. Er steht auf Fußball, Star Wars, Harry Potter und gruselige Filme. Also besser noch Waldorf als Standard-Schule? Hm… Ich muss das mal noch gären lassen. Es hängt ja auch so viel vom für P. zuständigen Pädagogen ab… Mit einem engagierten Lehrer, kann auch die Regelbeschulung gut sein.

Ich habe aber wirklich große Probleme mit dem deutschen Regelschulsystem. Durch die Beschäftigung damit im Rahmen meines Studiums sind die auch nicht kleiner geworden, eher konkreter. Ich finde es Mist, dass die gemeinsame Grundschulzeit auf nur vier Jahre begrenzt ist und danach schon auf weiterführende Schulen selektiert wird, die so eng an die späteren Berufsmöglichkeiten geknüpft sind. Das ist totaler Schwachsinn! Langes gemeinsames Lernen hat so eindeutige Vorteile, dass es mir vollkommen unbegreiflich ist, wie man an dieser Regelung, die übrigens aus dem Jahr 1919 (!) stammt, festhält. (Stichwort: Weimarer Schulkompromiss: Dass wir heute noch ein gegliedertes Schulsystem statt einer Einheitsschule für alle haben scheint das Ergebnis eines bemerkenswerten Kuhhandels zu sein. Die Einheitsschule war offenbar der Preis für nichts geringeres als den Versailler Friedensvertrag! Nur unter der Bedingung, die Konfessions-)Schulen im bisher geordneten Schulbetrieb beizubehalten anstatt die Einheitsschule einzuführen, trat die Zentrumspartei damals in das sozialdemokratisch geführten Kabinett um Gustav Bauer ein und ebenfalls zu der Bedingung, stimmte sie in der Nationalversammlung dem Versailler Friedensvertrag zu!, siehe auch: http://fakten-uber.de/weimarer_schulkompromissErst in Klasse 6 oder noch besser 8 aufzuteilen wäre so viel sinnvoller…

Davon abgesehen halte ich generell diese stark unterschiedlichen Schulformen für nicht sinvoll. Meiner Meinung nach bringt das nicht viel mehr als eine Zementierung der „Ständeunterschiede“. (Ja! Ständeunterschiede!) Die unterschiedlichen Schulformen sind überwiegend bestimmten „Klassen“ vorenthalten. Kinder aus „unteren Schichten“ müssen mehr Leistung bringen, um eine Übergangsempfehlung fürs Gymnasium zu kommen. Lehrer bewerten mehr oder weniger unbewusst die Schichtzugehörigkeit mit… Bestimmte Kids haben kaum oder gar keine Chancen, halbwegs gut aus der Schule rauszukommen. Abwärtsspirale: Die Eltern können den Kindern aus unterschiedlichsten Gründen weniger „Rüstzeug“ für die Schule mitgeben. Deshalb starten Kinder nicht mit gleichen Eingangsbedingungen in die Schulen… Dort treffen sie auf Lehrerinnen, die aus der bürgerlichen Mittelschicht kommen und automatisch das besser bewerten, was ihnen näher ist und Anderes abwerten. Sie kommen nicht aufs Gymnasium, wo sie von einem besseren Lernklima theoretisch profitieren könnten. Stattdessen kommen sie oft auf Schulen, wo das Lernklima Mist ist und in denen sie noch weniger Bock haben. Wie auch immer: Ich bin für die Einheitsschule, aus verschiedenen Gründen. Vor allem aber, weil ich nicht in einer Ständegesellschaft leben will.

Und – jetzt Mal wieder weg von der Ideologie und hin zu dem, was P. und uns ganz praktisch betreffen wird – ich halt nichts von der Art, a) wie Schule gemacht wird, b) wie Unterricht organisiert wird und c) was Lernstoff ist. Ich möchte nicht, dass mein Kind total platt nachts noch vor 6 aufstehen muss, um todmüde 7:30 in der Schule zu sitzen. Ich finde die – übrigens auch im großen und ganzen seit 300 Jahren kaum wirklich veränderten – Lehrpläne größtenteils viel zu vollgestopft. Ich finde die Lehrerausbildung nicht sinnvoll. Ich finde den Schulalltag nicht sinnvoll organisiert… Ich halte viel von Lernen in Zylken statt in Stunden, Lernen nach Interesse statt Vorgabe, Lernen durch experimentieren, forschen und erleben statt eingetrichtert bekommen. Ich bin gegen Noten und für schülerbezogenes, individuelles Feedback. Ich bin gegen PISA und für selbstbestimmtes Lernen. Ich bin dafür, dass jeder in irgendwas gut ist und ich finde es so wichtig, dass jedem Kind auch genau das vermittelt wird. Was soll dieser kollektive Leistungsdruck? Warum bekommt ein Kind vermittelt, dass es möglichst überall möglichst gut sein muss? Das führt dazu, dass Kinder am Ende oft keinen Bock auf gar nichts mehr haben und überall durchschnittlich sind. So kommen sie vielleicht am besten durch und vielleicht werden sie sogar das, was so allgemein als „erfolgreich“ bezeichnet wird. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie feststellen, was ihnen liegt, dass sie ihren Interessen an der Welt nachgehen können und dass sie in der Lage sind, sich selbst Meinungen zu Dingen zu bilden und dass sie ihren Weg finden.

 

Okay, das ist jetzt ein bisschen abgedriftet. Aber hey! So ist immerhin ganz von allein ein Blogpost entstanden ;-)

Viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel zu viel

Seit Beginn des Jahres bin entweder ich krank oder eines der Kinder ist es.

Die Bilanz im Mai?

  • 4 grippale Infekte bei P.
  • 1x Krankenhaus mit Impetigo Contagiosa (P.)
  • 1,5x Scharlach (P. / ich)
  • 4 grippale Infekte bei T. (natürlich stets zeitlich versetzt zu P., nicht etwas zeitgleich)
  • 3-5 grippale Infekte (ich)
  • 4x Brustentzündung (ich)
  • 1x Seitenstrangangina-Bindehautentzündung-Superinfektion (ich)

Hm. Es reicht dann jetzt auch mal damit, finde ich. Ich habe inzwischen eine gewisse Panik vor Bakterien und Viren entwickelt. Ich bekomme innerliche Heulkrämpfe, wenn eines der Kinder Krankheitssymptome zeigt.

Ja, ich jammere. Es zerrt echt an den Nerven, wenn nicht einmal der stinknormale Alltag – den ich leider ohnehin schon als ziemlich fordernd empfinde – einfach so läuft, sondern man andauernd damit beschäftigt ist, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Ausnahmezustand wird so langsam zur Routine. Nur noch irgendwie auf den Beinen halten, irgendwie den Tag überstehen, irgendwie durchhalten, irgendwie weitermachen… Das ist einfach ziemlich ätzend und macht einen mürbe. „Vorm Spiegel denkt man: „Das ist dein Gesicht?“ Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!“ (Kästner) Ich kriege zum Teil kaum noch einen klaren Gedanken zusammen. 

Eine eigentlich gar nicht so unkomplizierte mündliche Prüfung für den Abschluss des letzten Wintersemesters habe ich bereits drei Mal verschieben müssen. Zum Einführungsseminar meiner Stiftung konnte ich nicht fahren. Die drei Male, an denen ich mir ernsthaft vorgenommen hatte, nach Einbruch der Dunkelzeit mit Freunden auszugehen – Jaha, ich meine im DUNKELN! -, sind ins (Wund-)Wasser gefallen. Jetzt nehme ich mir sowas einfach nicht mehr vor. Es frustriert mich zu sehr. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, jemals wieder tatsächlich irgendetwas tun zu können. Planen zu können. Etwas vorhaben.

Um genau zu sein nehme ich mir im Moment gar nichts „Privates“ mehr vor. Eine Kommilitonin fragte mich heute, wann ich mein Ehrenamt noch machen würde, neben den zwei Kindern und Pendelei zum Studium. „Ich weiß es nicht.“ hab ich gesagt und daran gedacht, dass das letzte Treffen der Initiative inzwischen schon viel zu lange her ist. „Und wann machst du den Kram für die Uni? Texte lesen und so?“ – „Ich weiß es nicht, ich mach es wohl kaum.“ habe ich gesagt. „Und was ist mit deinen privaten Sachen? Hobbys und so?“ – „Welche privaten Sachen? Welche Hobbys?“ habe ich gefragt. „Und dann hast du ja auch noch die Fahrten.“ – „Das ist für mich Erholung. Niemand will etwas von mir, niemand fragt mich was. Ich kann 45 Minuten lang zwei Mal am Tag einfach nur hier sitzen und tun was ich will. Es ist herrlich!“ Mein Pendeln, mein Kleinod. Der Zug ist meine Insel. Und es kotzt mich an, wenn der voll mit quatschenden Dumpfköppen ist. Ich will… Ich muss… dann meine Ruhe haben. Manchmal wünschte ich, ich könnte noch zwei Stunden weiterfahren. An den Uni-Tagen bin ich abends auch tatsächlich viel entspannter und kann gelassen Zeit mit den Kindern verbringen, trotz all der Müdigkeit.

Was soll man tun, wenn man merkt, dass alles zu viel ist? Dass man es eigentlich nicht schafft? Ich merke das gerade ziemlich deutlich. Unser Alltag ist so knapp auf Kante genäht, dass die Krankheiten einfach zu viel des Schlechten sind. Der Alltag wird dadurch gesprengt, nichts läuft mehr, alles fühlt sich nur noch schlimm an… Und wir versuchen, für die Kinder, das alles zu retten… Uns bei Laune zu halten. Es klappt noch so halbwegs für die Kinder, aber für uns klappt es nur mehr schlecht als recht. Innerlich sind wir dermaßen angespannt… Wir sind wie pfeifende Tee-Kessel, jederzeit kurz vorm Explodieren. Weil. Es. Zu. Viel. Ist. Wir führen die alten Sinnlosdiskussionen darüber, wessen Tag anstrengender war. Wer eine Pause dringender nötig hätte. Wer sich wann welche (Mini-Mini-)“Auszeiten“ genommen hat. Wer wann dringender Zeit ohne die Kinder braucht.

Ich habe vor einigen Tagen in irgendeinem Elternblog gelesen, dass das betreffende Elternpaar sich darüber streiten würde, wer mehr Zeit mit den Kindern verbringen darf. Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen. Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich ist unglaublich aufgebläht… Der Teufel schreit: „Dann hättet ihr euch keine Kinder zulegen dürfen!“

SCHEISSE JA, ICH FINDE ES VIEL ZU OFT VIEL ZU ANSTRENGEND, KINDER ZU HABEN!

Und ich hasse es mich wirklich dafür, so zu empfinden. Und ich bin täglich dran, mir beizubringen, es anders zu sehen, es anders wahrzunehmen, nicht so zu denken, zu genießen oder wenigstens weniger zu hadern, die Anstrengung als gegeben hinzunehmen und nicht zu verfluchen. Aber es klappt nicht. Ich empfinde es ständig als anstrengend und ich hasse es, so zu empfinden. Ich will keine zerknirschte Alte sein. Ich will nicht zu den typischen „Es ist alles so anstrengend“-Lamentierern gehören. Und ich mache K. die Hölle heiß, weil er sich ständig beklagt, wie anstrengend alles ist, weil ich in den Momenten meine eigenen Gedanken und Empfindungen gespiegelt sehe und es einfach nicht ertragen kann. Es muss doch wenigstens einer von uns das anders sehen… Es geht doch nicht, dass wir beide…

Ich finde die Ansichten und Gedanken von Jesper Juul ja toll, aber ich kriege es nicht hin, dieses Mantra. Wir sind zu oft zu fertig, zu müde, zu abgeschlafft… Das abendliche Bad-Ritual wird fast täglich zur Zerreißprobe. P. wehrt sich gegen alles, was sein muss. T. an-/auszuziehen gleich tatsächlich dem Versuch, einen lebenden Kraken so in ein Einkaufsnetz zu verfrachten, dass keine Arme heraushängen. Wir hängen im Bad und wollen einfach nur fertig sein, mit dem Tag, weil wir einfach fertig sind, mit der Welt.

Und K. hilft wirklich viel mit. Und meine Eltern nehmen ab, was sie können. Und ich lese und denke mir schlaue Sichtweisen an. Und ich habe Freunde mit Kindern, die ich regelmäßig treffe. Und nicht zuletzt liebe ich meine Kinder. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich kaputt spielen es mich einfach kaputt macht. Dass ich nicht dafür gemacht bin. Dass ich noch hätte warten sollen. Dass es vielleicht eigentlich nicht mein Ding ist, Mutter zu sein. Das ständige da sein. Die ständige Verantwortung. Diese andauernde Reagieren müssen. Das stark sein müssen, kaum mal schwach sein können.

Als ich letzte Woche hier fiebernd vor mich hin starb wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach nochmal selber klein zu sein und Eltern nebenan zu haben, die einem Tee und einen Marmeladentoast ans Bett bringen und ansonsten alle Anstrengungen von einem fernhalten. Stattdessen saß ich heulend mit 39,8 Fieber vor meinem kleinen Sohn, der auch heulte und ich dachte, dass genau jetzt der Moment gekommen ist, an dem ich es nicht mehr packe, an dem ich einfach aufgeben muss. Ich habe mich unglaublich hilflos gefühlt. Und schlecht auch… Weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Mutter einfach nicht das Recht habe, „mich so aufzuführen“. Dass ich mich zusammenreißen muss. Und ich war nicht einmal sicher, ob ich mich nicht tatsächlich auch zusammenreißen könnte… Ging es mir wirklich so schlecht? War da noch Luft nach oben/unten? Es gibt schließlich Mütter mit mehr Kindern und weniger Unterstützung von Partner / Familie, die müssen ja auch… Scheiß Vergleichereimistkack halt.

Nun ja. Ich habe mich zusammengerissen, soweit es ging. Musste ja. Und nun geht es mir besser. Und den Nachmittag und Abend – nach der Uni – heute mit den Kindern fand ich sogar ziemlich schön. Ich habe mir überlegt, mir das Mantra „Meine Kinder sind meine Entspannung“ einzubläuen. Die Idee: Umetikettierung! Statt „Scheiße, am Wochenende bin ich allein mit beiden Kindern“ versuchen anders zu denken. Dem Gefühl auf die Sprünge helfen… Ich will das Kinderhaben einfach nicht ständig vorrangig anstrengend finden. Will ich nicht, echt nicht. Das muss doch irgendwie machbar sein.

 

6 Monate 2+2 = 4 (Erziehungsfragen-Sermon)

16.03.2014. Verdammte Axt! Echt jetzt? Ein halbes Jahr?! Gibbet doch nich…

Es gäbe viel zu schreiben darüber, was oftmals zu lesen ist, wenn Leute monatliche Feedbacks zur Entwicklung der Kinder geben: Klar, er ist gewachsen, enorm sogar… Und er hat sich entwickelt wie sich Babys halt entwickeln. Am Anfang war er sehr empfindlich und hat ’ne ganze Weile gebraucht, um sowas wie anzukommen, in der Welt. Viel geschrien, hat er. Und gar nicht geschlafen tagsüber. P. hat das alles super weggesteckt, denke ich. Keine großen Eifersüchteleien – abgesehen von „Eyä, du sollst das nicht ablutschen!“.

In den letzten Wochen haben wir uns gefunden, es ist rhythmisch. T. schläft abends sehr schnell und zuverlässig (mit Pre HA) ein – Versuch mit Pre ohne HA ist KLÄGLICH gescheitert – und wacht nach 4-5 Stunden wieder auf. Danach wird er gestillt und schläft bei/an mir. Wie er nachts nach der ersten Phase wach wird, kann ich gar nicht sagen. Ab 6/7 ist er morgens endgültig wach und ich auch, mehr oder weniger. Morgens fühle ich mich ziemlich gerädert. Aber seit 2,5 Wochen schenkt er mir und sich – auch sehr zuverlässig – vormittags gute 2-3 Stunden Schlaf. Und das ist wirklich ein Geschenk! Dann komme ich dazu, was für die Uni zu machen. Oder Haushalt. Oder Klarkommen. Ich gewöhne mich leider immer zu schnell an sowas und erwische mich dabei, enttäuscht und unterschwellig genervt zu sein, wenn er schon nach 1,5 Stunden wieder wach ist und ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Genau genommen schaffe ich das nie.

Uni zu machen in diesem 2-3-Stunden-Fenster ist ein bisschen irre. „So. Wo war ich. Ah ja. Bourdieu…“ Ich brauche eine halbe Stunde, um mich wieder an die Stelle zu denken, an der ich am Vormittag des vorherigen Tages aufgehört habe. 10 Minuten, um mich wieder in die Texte reinzufuchsen. Und es fällt mich wahnsinnig schwer, sie zu durchsteigen, geschweige denn, sie in Zusammenhang mit meinem Thema zu bringen. TickTickTick… Deine Küche sieht aus wie Sau… TickTickTick… Quäääk…. TickTickTick… Sport müsste ich auch mal wieder machen… TickTickTick… TickTickTick – Die Heranwachsenden müssen „die Fähigkeit zur Unbestimmtheit und strukturellen Umformung und Wandlung“ erwerben, um „Entwicklungs- und Modernisierungsprozesse zu ermöglichen“ – Waaaaasmüssendie? TickTickTick… TICK TICK TICK… Dann wird er wach, mein Kopf dampft und ich muss wieder in einen anderen Gang schalten, dabei schreit alles nach Pause… Kleines Kind wach, versorgen. Zeit im Blick haben, großes Kind abholen, Nachmittagsaction, abends werden alle nölig, dann noch Abendessen und Bett und danach theoretisch das ganze Chaos des Tages beseitigen. Und abends dann noch was Uni machen? Ich schaffe es einfach nicht, mich dann noch durch meine wissenschaftlichen Texte zu kämpfen. Beide Kinder sind zur Zeit nicht vor 21:30 endgültig im Bett. Dann könnte ich erst anfangen und müsste es auch direkt tun, damit es sich lohnt… Das packe ich nicht. Ich erinnere mich an diese Gefühle… Ich hatte das so bei P. auch als ich wieder angefangen hatte, selbstständig von Zuhause aus zu arbeiten. Es ist zu wenig Tag für all das, was zu tun wäre. Vereinbarkeit Kinder und „Karriere“ MY ASS!!!

(Deshalb auch die Stille hier, die ich sehr bedauere.)

Jesper Juul treibt mich auch mal wieder um. Auslöser war seine Kolumne im Standard, die ich erst jetzt entdeckt habe. Ich find den ja immernoch ziemlich toll… Ich habe P., die nach wie vor häufig Heulattacken-Phasen hat, in letzter Zeit häufiger gesagt, dass sie in ihr Zimmer gehen kann, um sich auszutoben und dass sie ja dann wiederkommen kann, wenn sie fertig ist und mag. Ich hielt das für ’ne okaye Methode. Ist sie aber eigentlich gar nicht, denk ich jetzt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mies und heulig drauf seid und euer Partner würde zu euch sagen: „Geh ins Schlafzimmer und heul dich aus. Du darfst wiederkommen, wenn du nicht mehr weinst.“ Irgendwie ist das total das falsche Signal… Sie soll doch nicht denken, dass sie nur akzeptiert wird, wenn sie „genehm“ ist… Und auch nach wie vor extrem richtig und wichtig finde ich das, was er zur „persönlichen Autorität“ bzw. „persönlichen Sprache“ sagt… Dass es nämlich für Kinder vor allem wichtig ist, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen. Er beschreibt oft und gern von seiner Beobachtung, dass Eltern (und Großeltern oder Erwachsene allgemein) Kindern gegenüber Rollen spielen anstatt aufrichtig und echt zu sein. Anstatt z.B. zu sagen „Du, ich hab da jetzt echt keinen Nerv drauf.“ benehmen sie sich so, wie sie meinen, dass sich Eltern Kindern gegenüber benehmen müssten… Dabei sprechen sie von sich in der dritten Person („Nicht die Mama hauen!“ … „Gib der Mama mal die Schere wieder!“ *gruselig*) und 3 Oktaven höher als es ihrer natürlichen Stimmhöhe entspricht. Und obwohl ich das sehe und meine, muss ich mich selbst immer mal wieder daran erinnern, einfach echt zu sein und nicht „mich selbst“ abzukapseln und zum Eltern-Roboter zu werden. Ein passendes, plakatives Beispiel: Gestern hatte ich ein Freundin mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner zu Besuch. Wir haben versucht, uns zu unterhalten, während die Kinder uns lautstark im Wohnzimmer umkreisten und ohne Unterlass auf uns einquatschten. Wir haben abwechselnd – wahlweise mit netten Worten oder Lockmitteln („Zeig ihr doch mal…“) – versucht, die Kinder loszuwerden, damit wir uns einfach mal unterhalten können. Irgendwann sagte ihr Partner zu uns: „Warum sagt ihr ihnen nicht einfach, dass ihr mal eure Ruhe haben wollt? Dann gehen sie doch.“ – „Klappt bei P. nicht.“ habe ich gesagt, es kurz darauf aber ausprobiert (und seitdem mehrmals) und echt Bauklötze gestaunt, weil P. tatsächlich ohne ein Wort verständnisvoll nickt und sich verzieht, um sich allein zu beschäftigen. Manchmal macht man sich’s halt echt unnötig schwer. Weil? Ja, weil wir beliebt sein wollen (auch bei unseren Kindern) und Angst haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Vor nichts haben wir größere Angst, als sie zu traumatisieren… Vor nichts fürchten wir uns mehr, als schlechte Eltern für sie zu sein.

Juuls Frage, ob wir uns (bzw. wer sich denn) wirklich aufrichtig starke und selbstbewusste Kinder wünschen würde, finde ich so unglaublich richtig gestellt und spannend, dass es weh tut. Er meint, die meisten Menschen wollen in Wahrheit – ohne sich dessen bewusst zu sein – genau das nicht, sondern liebe, artige, tüchtige und folgsame Kinder. Vorzeige-Exemplare halt… Ja-Sager. Ich will das nicht! Wirklich aufrichtig! Manchmal, denke ich, sollte ich mir das wieder häufiger bewusst machen, wenn ich die „Trotzreaktionen“ meines Kindes mal wieder ätzend und anstrengend-nervig finde…

Einen Widerspruch kann ich aber auch mit Juul nicht lösen: Aufrichtig soll und will ich sein. Ich selbst, meinen Kindern gegenüber. Beim oben genannten Beispiel (10 Heulanfälle in 5 Minuten) bin ich ehrlich extrem genervt und angekotzt. So sehr, dass ich schreien will. Oder Türen schmeißen. Ich möchte kann das Gebrüll manchmal einfach nicht mehr hören ertragen. Es macht mich wahn-si-nnig! Irgendwie scheiße zu reagieren, das wäre die ehrliche Reaktion in den Momenten… Aber natürlich keine Gute. Ich finde nicht, dass sie das verdient hat. Den Fehler macht ja nicht sie. Denn sie ist klein und frustiert, weil irgendwas nicht geht. Und ich bin groß und kann reflektieren und mich zusammenreißen. Anzuerkennen, dass sie pissed ist und sie auch in diesem Moment zu akzeptieren, anzunehmen und ihr beizustehen ist dann doch richtiger. Aber ja eiiiigentlich nicht mehr authentisch. Also was denn nun? Und was ist mit der Süßigkeiten-Flatrate? Juul meint, Erziehung wäre eh ziemlich sinnlos, weil Kinder eh nur vom dauerhaften Vorleben lernen und jedes gewollte Erziehen (im Sinne von dranherumziehen) verschenkte Liebesmüh ist… Keine Belehrungen über gesundes Essen am Essenstisch. Kein Zwang oder Überedeversuche, Gemüse zu essen… Also einfach essen lassen, was und wann sie will? „Noch niemand ist an 3 Wochen nur Nudeln mit Soße essen gestorben.“ sagt er sinngemäß und auch: „Die Eltern sind verantwortlich. Dann dürfen sie halt nichts im Haus haben, was sie nicht gut finden.“ Hm. Vielleicht wahr, aber ziemlich unrealistisch, oder? (Und Herr Juul himself ist in der Hinsicht wohl auch kein nachahmenswertes Vorbild, by the way… Check) Und wie sieht das aus mit iPad-Spielen und Fernsehen? Irgendwie fühlt es sich schon so an, als müsste man den Kids in der Hinsicht ein Maß mit auf den Weg geben. Ich fühl mich dafür verantwortlich… verpflichtet… Ist das falsch? Kann… Muss… Sollte man denn immer richtig sein (wollen)?

Und dann noch die Sache mit dem „Mann sollte die Kinder einfach mitlaufen lassen“… Man würde seine Kinder heute viel zu sehr mit Aufmerksamkeit überhäufen, viel zu viel Kinder-Animation betreiben… Ja, sehe ich auch so. Sehr sogar. Und wenn man auf’m Bauernhof arbeitet oder auf dem Feld, dann mag das vielleicht auch toll funktionieren… Sich die Kinder einfach auf den Rücken schnallen und ab geht’s. A.B.E.R: Das berücksichtigt irgendwie nicht, wie die Realität Vieler heute aussieht. Was machen wir nämlich? Wir sitzen vorm Rechner. Und dabei kann man die Kinder nicht „einfach mitmachen / mitlaufen“ lassen. Man läuft ja nicht. Man sitzt. Und man muss sich konzentrieren. Für’s Kind ist dabei kein Platz. Es gibt nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gibt nur Stille, Geticker und Stören. Computerarbeit und Kinder sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht gleichzeitig.

Hach ja. Schön rumgekreist und vom Weg abgekommen…

Wie die Bilanz nach einem halben Jahr zu viert nun ausfällt?

Medaillenseite 1: Wir sind ziemlich durch. Wir sind spätestens 16 Uhr nachmittags sackmüde, können uns aber meistens nicht dazu entschließen, einfach mal direkt mit den Kindern ins Bett zu gehen. Also tun wir das regelmäßig viel zu spät, denn uns fehlt selbstbestimmte Zeit! Die ziehen wir vom Schlaf ab, wodurch wir natürlich noch müder werden. Wir müssen weitermachen. Immer, immer weitermachen… Auszeiten gibt’s nicht. Oder nicht wirklich. Im Moment wüssten wir nicht einmal wofür wir sie nutzen könnten. Das Quietschen und Quaken des kleinen Kindes bringt uns in den letzten Tagen beinahe um den Verstand. Er ist krank und wahrscheinlich im 26-Wochen-Schub (obwohl ich nicht an das Vorhandensein von Wochenschüben glaube). Die Große macht’s uns auch nicht einfacher durch ihre „Ich kann das aber alleine – ich will aber erster sein – Nein! Das geht so aber nicht – Ihr seid gemein!“-Heul-Tiraden. Abends wünschen wir uns nicht selten, wir könnten die Zeit vordrehen bis zu dem Punkt, an dem die Kinder endlich im Bett sind. *seufz* Mit uns als Menschen, als Denkende, als Aktionisten, als Künstler, als Freunde, als Paar ist im Moment nicht viel los…

Medaillenseite 2: Wir sind ziemlich zufrieden. Wir werden früh von einem glucksenden, ungeheuer niedlichen Baby geweckt. Das erste, was du siehst, ist das verliebteste und ehrlichste Strahlen der Welt. An jedem Morgen ist das erste, was ich tue, meinem kleinen Baby, das direkt neben mir liegt, über den Kopf zu streicheln, ihn aus seinem Schlafsack zu befreien und meine Wange ganz dicht neben seine zu legen. Er streckt sich dann ausgiebig, erzählt ein bisschen und dreht suchend den Kopf umher. Ich flüstere zu K., dass er mal gucken soll, weil sein Sohn ihn begrüßen möchte… Dann rufen wir P., die meist schon seit einer Stunde leise in ihrem Zimmer spielt. Ich höre die tappelnden Schritte, wir ziehen unsere Decken hoch und P. springt mit zu uns in die Kiste. Wir schieben ein Stück vom Rollo nach oben, Sonnenlicht fällt auf’s Bett… K. und ich beobachten, wie unsere Tochter unserem Sohn erzählt, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hat und er lacht sich darüber kaputt. Manchmal kriegt man ziemlich feuchte Augen vor Rührung. Und da ist man gerade einmal seit 10 Minuten wach…

Keine Eifersuchtsdramen. Größere gesundheitliche Downs gemeinsam gemeistert. Ziemlich gut auf einem Nenner gelandet. Und immer wieder überrascht, dass wir das doch irgendwie alles hinbekommen und es sich zwar ständig so anfühlt, als würde die Energie uns im Stich lassen, sie es aber halt nie endgültig tut.

„Wir schuften weiter, immer weiter.“

Müde.

Ich bin müde. MÜDE-MÜDE-MÜDE!

Bevor Mensch Kinder hat, ist es wohl diese Sache – neben der Fremdbestimmung -, die von vielen kolossal unterschätzt wird. Schlafmangel. Wochen, Monate, manchmal Jahre.

Ich habe in dieser der Schwangerschaft sehr darauf geachtet, nicht viel später als 23 Uhr ins Bett zu gehen. Ich wollte „vorschlafen“, obwohl mir klar war, dass das 1. nicht geht und der Effekt 2. nach einer anstrengenden Geburt eh dahin ist, davon mal  ganz abgesehen, dass die Nächte am Ende einer Schwangerschaft alles andere als erholsam sind… Trotzdem: Am Anfang konnte ich irgendwie doch ein bisschen davon zehren.

Und jetzt? T. ist inzwischen 4,5 Monate alt. Er geht gegen 20:30 ins Bett und schläft zum Glück recht zuverlässig ein. In Ausnahmefällen schläft er Mal bis 1-2-3 Uhr. Meistens wird er aber zwischen 23:30 und 00:30 wieder wach, will trinken. Und dann 2-3 stündlich. Morgens ist die Nacht zwischen 7 und 8 vorbei, das ist soweit okay.

Ich fühle mich aber trotzdem die meiste Zeit extrem gerädert.

Ich kann will mich abends auch nicht einfach 20 Uhr mit hinlegen. Ich lechze nach den 2-3 Stunden am Abend, in denen ich tun und lassen kann, was ich will (oder muss). Wenn beide Kinder im Bett liegen, fällt die Verantwortung von mir ab wie ein schwerer Rucksack. FREIHEIT! Selbst wenn ich vorher todmüde war… Dann werden Kraftreserven aktiviert, ich schaffe es noch irgendwelche Texte zu erledigen oder gesellschaftspolitisch aktiv zu sein. Bei P. ging das zum Beispiel nicht. Da war ich abends am Ende und nur noch Sofa möglich. Wenn überhaupt.

Ich brauche diese freien Stunden so dringend. Ich kann sie nicht gegen Schlaf eintauschen! Würde ich sie verschlafen, wäre ich ausschließlich Mutter, von früh bis spät. Ich wäre ausschließlich tagtäglich nur für Andere da. Von Aufstehen bis Schlafen kümmern, springen, schuckeln, Tränen trocknen, diskutieren, wickeln, stillen, den Tag füllen, Spielplätze, Essen kredenzen, Chaos begrenzen, spielen, Nein sagen, Ja sagen, „Das geht jetzt aber nicht“ sagen, noch mehr diskutieren, aufpassen, bis 10 zählen, den Kopf vorm Platzen bewahren, … Es scheint Menschen zu geben, die das können. Ich kann’s nur bedingt.

Aber ich merke, wie ich abbaue. Die Müdigkeit schwillt nicht mehr an und ab, sie ist immer da. Ich werde ständig krank, hatte inzwischen schon die 5. Mastitis. Als Elter ist Kurieren nicht (oder kaum) drin. Man muss weitermachen, immer immer weitermachen. Egal, wie sehr du eine Pause bräuchtest. Mit einem Kind können die Großeltern einen für 1-2 Tage (manchmal sogar länger) tatsächlich Mal komplett entlasten. Mit zwei Kindern geht das – zumindest anfangs – nicht so ohne Weiteres. Der Kleine bleibt ja da… Er ist einfach immer da. Und es bringt mir auch nichts, wenn ihn mir mal Jemand „1-2 Stunden abnimmt“. Ich kann tagsüber nicht schlafen, brauche zu lange zum einschlafen…

Habe neulich hier den Satz gelesen:

Wenn die Kinder bei der Tagesmutter waren und ich arbeitete, kam ich mir vor wie auf Müttergenesungskur.

Ich musste daran denken, als ich im Zug zur Uni saß. In die Uni zu gehen, ohne Kind an der Hand oder am (oder im) Bauch ist momentan für mich tatsächlich wie ein Kurzurlaub. Ich bin an keinen Tagen der Woche so entspannt, wenn ich wieder Zuhause bin. Einfach Mal stundenweise was Anderes sehen. In Ruhe 5 Sätze hintereinander denken und/oder sprechen. Sich einem Thema widmen. Letzte Woche habe ich eine Prüfung geschrieben und sowohl Vorbereitung als auch Durchführung liefen erstaunlich reibungslos und entspannt ab. Ich könnt fast sagen entspannend.

Wenn zwischendurch nicht ab und zu dieses Sinnlosigkeitsgegrübel hätte, könnte ich noch bestimmter sagen, dass die Entscheidung, das Studium dieses Mal nicht ganz zu unterbrechen für mich definitiv die richtige Entscheidung war, auch wenn es mir am Anfang echt davor gegraut hat und organisatorisch aufwendig ist. Diese regelmäßige Anzeit für’s Hirn tut mir gut und ich fühle mich allgemein nicht ganz so raus.

Was ich allerdings auch wieder an mir beobachte, obwohl ich dachte, es schon bei P. abgelegt zu haben: Aufgrund von Kindern, Studium, Ehrenamt etc. in Kombination mit meiner Müdigkeit bleibt kaum de facto keine Zeit und Energie für andere Sachen. Sowas wie Freunde treffen, abends Weggehen, Kino,… Es geht einfach nicht. Am Ende der Tage habe ich weder Kraft noch Zeit noch Lust noch Kopf dafür übrig. Und ich fühle mich deswegen schlecht. Nicht schlecht, weil ich es eigentlich will, sondern weil ich denke, dass es von mir erwartet wird oder dass ich es müsste, meinen Freunden sowas wie schuldig bin… Dieses schlechte Gewissen Anderen gegenüber begleitet mich schon ewig, mal mehr und mal weniger. Und ich habe da auch so meine Theorien, warum das so ist. Aber gerade bei diesem sozialen schlechten Gewissen hatte ich gedacht, ich hätte es inzwischen hinter mir gelassen. Es nagt an mir…

Sollte ich mich nicht doch mal zwingen? Könnte es am Ende nicht sogar ganz schön sein? Vergraule ich meine Freunde dadurch endgültig? Ich bin ein verdammter Loser!

Ich stelle mir vor, wie sich gute Freunde denken: „Die brauch ich nicht fragen, die kann ja eh nicht.“ und fühle mich irgendwie ungerecht behandelt, glaub ich. Dann denke ich, dass kinderlose Menschen einfach keine Ahnung haben, wie unglaublich Kräftezehrend es ist (oder sein kann), zwei kleine Kinder zu haben.

Wenn ich mir ein Treffen vorstelle, finde ich schon die Vorstellung anstrengend… Ich sehe mich, krampfhaft nach kinderfreien Themen suchend und das Dauergähnen unterdrückend, zum x-ten Mal erklärend, dass ich nichts trinken kann und dass es bei mir nichts großartig Neues gibt, außer vielleicht dass die Prüfung gut lief, wir uns gerade eine Presseschlacht mit einer dubiosen Firma liefern, T. sich jetzt vom Rücken auf den Bauch dreht und P. im Denken und Reden schon wieder viel Weiter ist als noch vor Kurzem. Dann erzählt vielleicht das Gegenüber. Und dann ist das Stille und das flaue Gefühl, dass man einfach zu wenig miteinander teilt, alsdass man noch so entspannt schöne Zeiten miteinander verbringen könnte wie „damals“… Die gemeinsamen Erlebnisse fehlen einfach. Und ohne die geht es nicht. Nicht gut jedenfalls. Ich hab das Gefühl, dass meine kinderlosen Altersgenossen von mir Dinge erwarten – Spaß, Action, Erlebnisse, wasweißich -, die ich einfach nicht (mehr) bieten kann. Und dann fühle ich mich alt. Und irgendwie spießig. Und Fehl am Platz. Ich kann mit „immer was erleben müssen“-Leuten nichts mehr anfangen.

Ich bevorzuge es, zu lesen, mich in mein Studium zu vergraben, entspannt Filme zu gucken oder zu Schreiben. Und eigentlich finde ich das auch alles in Ordnung so. Wäre da nicht das kleine fiese Ding, was mir unentwegt – leise aber unüberhörbar – in den Kopf flüstert, dass ich mich vorm Draußen drücke, dass ich flüchte und schon wieder auf dem besten Weg bin, mich einzuigeln, es in mir bequem zu machen und das Leben auszuschließen.

wherethemagichappens
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Oh toll… Mastitis.

(T. ist 3 Wochen + 1 Tag alt.)

Klar, nach der Schwangerschaft mit all ihrem Wasser, den Schmerzen am Iliosakralgelenk, den Plattfüßen, der Kieferhöhlenentzündung im Juni, den Nierenkoliken, dem Nierenstau, den Harnwegs- und den grippalen Infekten, der Hypernervosität meinerseits, der 10 Stunden-Geburt und der Nierenstein-Operation eine Woche später wäre es ja auch echt viel zu langweilig, wenn jetzt alles okay wäre.

Seit einer Woche habe ich Schmerzen in der Brust. Also eigentlich gingen sie direkt über von den „normalen“ anfänglichen Schmerzen beim Stillen in das jetzt. Seit einer Woche ist es links ziemlich unerträglich, weil total druckempfindlich und Aua… Ich könnte Heulen vorm Stillen, weil ich weiß, dass jetzt wieder dieser scheiß-fiese Schmerz kommt. Zuerst dachte ich an einen Milchstau. Es fühlt sich an, wie ein großer blauer Fleck. Ich kann keine Knötchen oder so tasten. Sie ist auch nicht sonderlich rot oder geschwollen, obwohl sie deutlich größer als die andere ist und auch deutlich schneller „überläuft“. Nach dem Trinken ist sie weich, keine Verhärtungen. Das war komisch. Ich hab alles probiert, was man so rät in dieser Situation: Gut sitzender BH, Wärmen vor dem Stillen, Kühlen nach dem Stillen, Arnica, Retterspitz-Umschläge, Quarkwickel, Massieren/Ausstreichen unter der Dusche. Nichts hilft. Gestern waren die Schmerzen durchgehend da und so fies, dass ich vorm Schlafen eine Ibupofen einwerfen musste.

Heute Vormittag also zur Gyn. Die guckte sich Brust nur kurz an, zeigt auf das kleine, feine Adersystem, das rund um die Brustwarze deutlich zu erkennen ist und diagnostiziert: Brustentzündung. „Das wird durch Bakterien aus dem Mund des Kindes ausgelöst, die durch feine Risse in der Brustwarze in die Brust gelangen und dort eine Entzündung auslösen.“ Und weil ich ja ein Immunsuppressivum nehme, ist das wohl kein Wunder und sollte auch schleunigst behandelt werden. Mit… Ratet mal? Aaaaaaantibiotikum! Welche Freude! Hatte ich ja schon seit ganzen 2 Wochen nicht mehr.  *ironie off*

Mal ehrlich: DAS IST DOCH SCHEISSE!  Nach wie vor ist mein Kopf eigentlich relativ entspannt und ich bin ziemlich ausgeglichen. Trotz der nervigen Schwangerschaft, der anstrengenden Geburt und dem ganzen Krankheitsätz.. Ich hab ’nen Stress-Darm, ich erkenne sofort, wenn ich gestresst bin… Und im Moment bin ich es eiiiigentlich nicht. Warum kann mein gottverdammter Körper eigentlich nicht einfach mal auch einen Moment lang… … … zufrieden sein und mich in Ruhe lassen?? WARUM MUSS ICH EIGENTLICH DAUERND SCHMERZEN HABEN??? Das ist doch echt nicht mehr feierlich… Und irgendwie ist es auch echt nicht fair, finde ich. Und es geht dermaßen an die Substanz… so auf Dauer.

Den Uni-Beginn nächste Woche hab ich jetzt für mich erstmal gecancellt und hoffe, dass die Profs Verständnis für meine missliche Lage haben und ich so 2-3 Wochen Schonfrist rausholen kann.

Langsam kann ich den Blog umtaufen, glaub ich. Mittlerweile geht’s ja hier mehr um meine Krankheiten als um meine Gedanken *seufz* Ach Menno :-(

Geschwistergedanken (2): Hurra (?), wir sind jetzt 4

Inzwischen haben wir schon einige Stress-Momente gehabt. T. ist jetzt seit 2 Wochen auf der Welt. Die Stress-Momente habe ich daran bemerkt, dass sich das Stress-Gefühl überhaupt durchsetzen konnte, obwohl ich nach wie vor ziemlich hormonbeladen war/bin. Im Krankenhaus vor meiner Nierenstein-OP hab ich zum Beispiel angefangen zu heulen, weil die Urologin nach dem Namen meines ersten Kindes fragte… weil ich mir so einen Kopf darum gemacht habe, wie sie damit zurechtkommt, dass ich schon wieder nicht da und vor allem schon wieder im Krankenhaus bin. Mit T. und ohne sie. Letztendlich hat sie davon gar nichts mitbekommen… (K. meinte dann im Gespräch zu mir: „Naja, aber die Geburt ist ja jetzt schon ’ne Woche vorbei, das sind doch dann eigentlich nicht mehr die Geburtshormone, oder?“ – „Ähm. Im Normalfall breche ich aber nicht beim Arzt in Tränen aus, weil er mich fragt, wie mein Kind heißt…“ Soviel also dazu… Schwangerschaftshormone, Geburtshormone, Still-Hormone, Babyblues, … Watweeßick, „normal“ fühle ich mich jedenfalls noch nicht wieder.)

Der Stress-Peak ist hier definitiv abends. T. hat nämlich zwischen 18 und 22 Uhr seine „Clusterfeeding„-Zeit und es ist so ziemlich unmöglich, gemeinsam zu essen. Er ist irgendwie wach, ab und zu dann doch schon schläfrig, findet aber nicht endgültig in den Schlaf, will an die Brust, dockt aber immer wieder ab, quietscht, sucht dann aber gleich wieder, wird wütend (scheint die Brust nicht zu finden?)… Puh, ein bisschen anstrengend, diese Zeit. Ich versuche manchmal, ihn am Tisch weiter zu stillen. Dabei kann ich zwar nicht wirklich was essen, aber immerhin sind wir so alle zusammen und unser Ritual geht nicht ganz flöten… Gemeinsames Abendessen finde ich sehr wichtig. An einigen Tagen konnte ich T. auch schon mit ins Bad nehmen und wickeln/waschen, wenn K. das P. bettfertig macht. Anstrengend – neben einem zunehmend müder und entsprechend zickiger werdenden großen Kind und einem Tag-verarbeitenden Säugling – ist für mich aber auch vor allem, dass K. genau dann auch die Puste ausgeht und er (verständlicherweise) eigentlich nur noch fertig werden will… Er hat dann nur noch wenig Geduld für die Dauer-Sperenzchen einer 3-Jährigen übrig, die jede Aktion gefühlt ins Unendliche ausufern lassen… und die Nerven echt ziemlich überstrapazieren. Insbesondere dann, wenn nebenher immer ein Baby brüllt. Dann muss ich ganz viel ein- und ausatmen, um nicht selbst in Stress und Ätz zu verfallen und mich T. ohne Hektik zu widmen und K. so quasi seinem Schicksal zu überlassen… Mir bleibt aber nichts anderes übrig. Und ich kann mich in diesen Momenten nicht noch um ein 3. Kind kümmern. Da muss er wohl durch… Am ehestens knallt’s dann trotzdem zwischen K. und mir, weil ich (wohl vor allem aufgrund meiner Müdigkeit) seine kaum vorhandene Stressresistenz in diesen Momenten nur gaaaanz, ganz schwer ertragen kann. Mehr Teamwork und an einem Strang ziehen, bitteschön!

Das P. geht dann ins Bett, ich lese ihr vor (mit Kind 2 an der Brust) und haue mich dann auf’s Sofa (mit Kind 2 an der Brust). Ohne iPhone wäre ich – zugegeben – wohl schon ziemlich frustriert, aber dank der Entertainment-Wundermaschine lese ich viel und kommuniziere (mit Kind 2 an der Brust), höre Nachrichten und Hörspiele (mit Kind 2 an der Brust) und google bescheuerte Fragen und Themen (mit Kind 2 an der Brust). Das geht ja zum Glück alles einhändig heutzutage. Gegen 22/23 Uhr pennt T. dann und kommt meist erst gegen 2 Uhr das nächste Mal. Ich versuche, halbwegs zeitig ins Bett zu gehen. Manchmal schläft K. den ersten Teil der Nacht mit T. auf dem Sofa und ich hau mich allein ins Bett und schlafe ein paar Stunden ohne offenes T-Shirt und Verrenkung um’s Baby… K. bringt ihn mir dann zur ersten Nachtmahlzeit frisch gewickelt gegen 2 Uhr ins Bett. Das ist eigentlich ’ne ganz gute Taktik, find ich…

P. findet es inzwischen auf jeden Fall super, beim Babwickeln mitzumachen. Sie guckt dann immer, ob der Streifen vorn auf der Windel gelb oder blau ist. Sie weiß, dass blau heißt, dass die Windel vollgepullert ist und er ’ne neue braucht. (Ich bete gerade, dass die 2er-Windeln auch so ’nen dämlichen Indikatorstreifen haben…) Außerdem sucht sie morgens ab und zu die Sachen für T. raus. Sie hält seine Händchen beim Wickeln fest, so wie K. ihr das gezeigt hat. Sie weiß, dass ihn das beruhigt. Sie fragt „Warum quäkert er?“, wenn er schreit. Sie sagt zwar noch immer ab und zu „Das ist anstrengend. Das ist mir zu laut!“, aber immerhin nicht mehr bei jedem Schreien… Sie kann da inzwischen wohl auch schon ganz gut weghören. Sie gibt ihren Baby-Puppen abends vorm Schlafengehen die Brust. Sie hat verstanden, dass Babys noch keine Salzstangen und Zuckerperlen essen dürfen, weil: „Der hat noch gar keine Zähne!“. Sie bringt mir Wasser und drückt auf den Lichtschalter, wenn ich wegen der Stillerei an’s Sofa genagelt bin. Sie scheint es toll zu finden, wenn sie eine Aufgabe bekommt und mir helfen kann. Wir werden abends auch nicht mehr aus dem Zimmer geschmissen. Ich bekomme es mittlerweile – T. ist 2 Wochen alt – hin, ihr vorzulesen und ihn gleichzeitig zu stillen. K. war auch schon mit T. und P. in der Wanne. T. schaut immer ganz aufmerksam, wenn seine große Schwester neben ihm ist und erzählt oder auf ihn einredet. Manchmal kommt P. auch von selbst an, streichelt ihn, will ihn anfassen oder ihm einen Kuss geben. Noch ist das zwar eher zurückhaltend, aber trotzdem sehr herzerwärmend…

Ich bin sehr viel zuversichtlicher, dass sich das alles irgendwie einspielen wird zwischen P. und T und uns so insgesamt… Ich frage mich aber trotzdem immernoch, was es mit P. macht, dass ich sie weder zur Kita bringen noch sie abholen oder auf Spielplätzen mit ihr rumtoben kann. Was macht das mit ihr, dass fast jede Action außerhalb der Wohnung von K. oder ihrer Omi übernommen werden? Dass das plötzlich ein kleines Etwas ist, was Zeit und Liebe in Anspruch nimmt. Ist es ein halbwegs hinreichender Ausgleich, dass ich versuche, sie wenigstens früh zu wecken, mit ihr zu frühstücken, sie anzuziehen und abends ihre Geschichten vorzulesen und sie in die Decke zu mummeln? Nimmt sie das überhaupt besonders wahr? Oder nehmen Kinder in dem Alter die Dinge einfach so, wie sie sind? Vermissen sie schon jemanden, der eher wenig Zeit mit ihnen verbringt? Spürt sie schon sowas wie Eifersucht T. gegenüber? Äußern tut sie das jedenfalls bisher nicht so direkt… Und zu T. ist sie auch recht liebevoll… Heute haben wir sie alle zusammen von der Kita abgeholt und danach den Nachmittag zu viert „draußen“ verbracht. T. ist in der Trage ja quasi unsichtbar und für P. alles ein bisschen so wie früher.

Ein bisschen Angst und Bange wird’s mir, wenn ich daran denke, dass die Uni in zwei Wochen wieder losgeht… Und dass K. ja irgendwann auch wieder arbeiten gehen muss. Wie der (echte) Alltag ohne Urlaub/Elternzeit/frei haben dann aussehen wird und wie ich es hinkriege, ein Baby und eine dreijährige morgens rausgeh- und abends bettfertig zu machen… Wie ich mich auf irgendwelche philosophisch-gesellschaftstheoretischen Uni-Themen einlassen können soll… Wie ich für Prüfungen lernen und Hausarbeiten schreiben können soll… Wie ich überhaupt irgendwas machen soll, außer mein Baby, mich und meine Tochter über den Tag zu bekommen… Das ist mir noch sehr, sehr schleierhaft. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig als uns einfach reinzustürzen und zu sehen, was passieren wird. Vielleicht klappt’s ja auch einfach. Irgendwie. Ächem… Ja… Ich bin gespannt.

Und naja… Ich kann nicht wirklich viel gegen meine ab und zu aufkommenden „Buhuuuhuhuuuu“-Gedanken machen. Ich fühle mich für P. einfach ziemlich unzulänglich im Moment. Als wäre ich gar nicht so richtig für sie da und dadurch irgendwie auch nicht so wirklich von… nun ja… von „Belang“. Ängste kriechen in mir hoch, dass sie mich vorübergehend sowas wie „abschreiben“ könnte… Mama ist jetzt halt nicht mehr so wirklich da, egal, dann nehm‘ ich halt Papa oder Oma. Mit Mama ist ja eh nicht zu rechnen, die hat ja eh nie Zeit. Mir ist natürlich eigentlich (vom Kopf her) schon klar, dass das Quark ist. Ich bin wahrscheinlich das Backup. Weil wir in den letzten Jahren ein gutes Verhältnis und eine gute Bindung aufgebaut haben, steckt sie die ganze neue Sache hier vermutlich so gut weg und kann auch ohne Probleme viel Zeit mit Papa und Omi verbringen ohne durchzudrehen. Und eben auch ohne dass unser Verhältnis komplett krachen geht. Oder?

Und was kann ich schon groß tun? Ich kann nur versuchen, sie in die T.-Pflege mit einzubeziehen, sie wenigstens 1-2 Mal in der Woche mit abzuholen, wenigstens einmal am Tag mit ihr Zeit zu verbringen (und wenn’s nur kurz ist), ihr in der Zeit viel Nähe und Kuscheln zu geben und einige unserer festen Rituale und Abläufe beizubehalten. Dabei laufe ich aber Gefahr, die Zeit mit ihr „zu schwer“ zu machen, glaub ich. Also die Situationen von meiner Seite her emotional zu sehr aufzuladen… (Es ist dabei zwar nicht das, was vielleicht vielen passiert… Die „Ich bin jetzt mal nicht so streng“-Schiene – siehe hier, irgendwo in der Mitte des Artikels… Es ist irgendwie anders…) Ich habe so ein starkes Bedürfnis, ihr in den kurzen gemeinsamen Zeiten ganz viel Liebe zu geben. Also ihr zu zeigen, dass ich sie wirklich lieb habe und ihr unbedingt zu beweisen, dass sich nichts daran geändert hat, nur weil nun das Baby da ist. Es gelingt mir nur schwer, mich einfach halbwegs normal ihr gegenüber zu verhalten. Das passiert wohl auch wieder aus Angst. Es ist das Resultat meiner Befürchtungen, sie könnte… hm… vergessen, dass ich für sie da bin und sie lieb habe… oder aus Angst, sie könnte aufgrund meiner akuten Kaum-Verfügbarkeit einen Mama-Liebesmangel haben und darunter leiden. Eigentlich würde ich mit ihr gern dauernd darüber reden, wie die Situation ist und wie das für sie gerade ist. Dann muss ich mich aber daran erinnern, dass meine Tochter erst drei Jahre alt ist und nicht wirklich reflektieren, durchdenken, angeben kann, wie die Situation für sie so ist… Dass sie eher irritiert darauf reagiert, wenn man ihr „wie findest du das denn?“-Fragen stellt. Sie kann ja noch nicht über’s Denken und Empfinden nachdenken… Was soll sie schon groß sagen? Ich denke, dass sie sowas noch echt überfordert… Und übertriebene Liebesbekundungen und Nähe-Aufrdängelei würde es wahrscheinlich auch… Also schlucke ich meinen Kloß im Hals weitgehend runter, drücke sie nur kurz und versuche, so normal wie möglich zu und mit ihr zu sein. Und Mann… Das fällt mir echt ganz schön schwer! Genau wie das nicht überinterpretieren… Es ist einfach total schwer einzuschätzen, ob sie an Nachmittag xyz nun gerade so zickig und anstrengend nah am Wasser ist, weil sie übermüdet, überreizt, einfach nur doof drauf, ganz normal dreijährig drauf oder emotional verletzt und überfordert durch die neue Situation mit plötzlich kleinem Bruder ist… Ist es eine gute Idee, das zu thematisieren? Mit einer dreijährigen? Und wenn ja, wie? Und dann fühl ich mich manchmal so unfähig, weil ich zu doof bin, die Signale meiner eigenen Tochter zu deuten… Obwohl ich ja weiß und auch einsehe, dass auch die eignen Kinder nun einmal dahingehend kein offenes Buch sind. Aber ich ärgere mich so ein bisschen darüber. Ich würde sie gern besser und eindeutiger lesen und verstehen können und frage mich, wie der richtige Weg ist, um das zu erreichen. Irgendwann will ich gern mal etwas besser einschätzen können, ob meine Tochter nun gerade komisch reagiert, weil sie ein ernsthaftes Problem hat oder ihr nur ein undramatischer Pups (im Kopf) quer sitzt.

Es fällt mir übrigens ganz allgemein sehr schwer, Menschen einfach mal in Ruhe zu lassen und nicht krampfhaft zu versuchen, in ihre Köpfe und/oder Herzen zu steigen. Ich neige da durchaus auch zum (ungewollten) Bedrängen. Ich will unbedingt wissen, was in ihnen vorgeht, wie es ihnen geht und dann am liebsten auch noch ganz viel klug-hilfreichen Senf dazu abgeben. Dabei vergesse ich oft, dass viele (wenn nicht sogar die meisten?) Menschen gar nicht ständig reflektieren wollen. Viele Menschen grübeln nicht ständig darüber nach, wie es ihnen geht, wie ihr Leben gerade so abläuft und wie/wodurch es ihnen vielleicht besser gehen könnte. Vielleicht können das manche auch einfach nicht… Davon mal abgesehen, dass die meisten Menschen (irgendwie ja auch zu Recht) eher allergisch auf gut gemeinte Ratschläge reagieren. Ich bin damit jedenfalls schon sehr oft gegen Wände gelaufen und hab auch schon einige eingerissen.

Ich befürchte, dass es für mich eine echt harte Probe werden dürfte, mein armes Kind nicht ständig krampfhaft zum Reden über seine Gedanken, Gefühle und Probleme bringen zu wollen. Das würde nämlich vermutlich ganz gewaltig nach hinten losgehen und dürfte wohl am ehesten dazu führen, dass sie mir gar nichts erzählen werden…

Woher kommt nur diese „Gier“ nach anderer Leute Probleme und Seelenstrips? Letztendlich betreibe ich auf dem Blog hier ja nichts anderes als Selbstentblößung. Gefühle, Gedanken, Reflektion… Es gibt kaum was, was mich mehr interessiert… Auch bei Filmen oder Büchern interessieren mich die tiefen, ehrlichen Gedanken- und Gefühlswelten immer am meisten. Komisches Faible… Ist das reine Neugier? Eine Variante des Voyeurismus? Ich weiß es nicht… Aber es war… ich war dahingehend nie anders. Ich hab schon als Teenie am liebsten mit Menschen stundenlang über ihre Baustellen geredet und versucht, Lösungen dafür zu finden.

Zurück zum Thema: T. ist jetzt seit zwei Wochen auf der Welt. Schon jetzt kann ich ganz gut nachvollziehen, was es bedeutet, sich zerrissen zu fühlen. Von dem Gefühl berichten Mehrfacheltern ja oft. Man fühlt sich zerrissen, weil man plötzlich mehr als einem Kind (mit jeweils ganz unterschiedlichen Bedürfnissen) gerecht werden muss und auch möchte. Ich will für T. da sein und weiß, dass ich mich schonen muss, damit die Krankenhaus-/Krankheitskacke endlich Mal ein Ende hat. Dadurch muss ich aber dabei zusehen, wie meine Tochter den größten Teil der Tage mit anderen Menschen verbringt. Mit der Kindergärtnerin, mit ihrem Vater, mit ihrer Omi… Seufz… Das macht mich betroffen, weil ich nicht weiß, ob das für sie schlimm ist, ob und was es für Auswirkungen auf sie bzw. für uns haben wird.

Ich hoffe sehr , dass ich irgendwann mehr mit „meinen Kindern“ anstatt mit dem einen und dem anderen kommunizieren und umgehen werde und es schaffe, dabei trotzdem die persönliche Individualität der beiden zu respektieren und zu bewahren.

Tja. Das ist wohl ein weiterer dieser schwierigen Balanceakte, die man auf die Reihe kriegen muss, wenn man ein Stück Eltern ist…