Ich mach die Augen zu. Nicht.

Ich sehe diese Memes, von dieser Witzfigur, die in einer der größten Nationen dieser Erde  – ich lass die Doppeldeutigkeit mal so stehen – auf dem wichtigen Stuhl sitzt. Von seiner Frau und all dem FunnyFunny-Stuff. Eine Zusammenschau von Bildern, die zeigen, dass die Berührungen des Toupet-Models an seiner Tochter irgendwie immer lüstern wirken. Einen Beitrag über populistisches Gesabbel. Ein Bild, das zeigt, dass in irgendeinem Kaufhaus ein Regal in der Spielzeugabteilung mit „Wie Mutti“betitelt ist… Ich mach die glotze aus, mach das Internet aus. Mache die Augen zu.

Dürfte ich nicht, sollte ich nicht. Wahrscheinlich, vielleicht, ich weiß nicht.

Schwanke zwischen Dramatisierung – ebenso wie die Populisten – („Das ist der Anfang vom Ende.“) und „War’s nicht schon immer irgendwie so?“

Idioten gibt’s nicht erst seit Trump und Putin und Höcke und Petry und…

Ich schaue meinen Kindern beim Spielen zu. Grundsatzgedanken. „Was dachte ich mir dabei, Kinder in diese Welt zu setzen? In diese Welt? In diese verkackte Welt?!?“

Draußen färbt der Himmel sich rosa… Das liegt an der Art und Weise, wie das Licht sich bricht. In der Atmosphäre oder so. Hab ich von einer Kinder-CD von P. gelernt, die bald (GANZ BALD!) in die Schule kommt.

Auch so ein Thema. Schule. Macht mir Bauchschmerzen… Habe eine Schulgründungsinitiative laufen – demokratische Schule, menschenrechtsbasierte Bildung. Scheitere gedanklich aber daran, dass ich keine elitäre Privatschule gründen will… Wie kann man das vereinbaren? Solidarität, bekämpfen wollen von Ungerechtigkeiten statt verstärken von Privilegien und freie Schule, finanziert über Schulgeld?? Sollte man nicht lieber versuchen, am Regelschulsystem etwas zu drehen? Aber kann ich diesen Kampf gegen Windmühlen wirklich kämpfen?

… Und: Worüber denke ich da überhaupt nach? Was für eine abgehobene Scheiße?

Im Erzgebirge im Ski bzw. Snowboard-Kurz-Urlaub gewesen. FunFunFun. Hedonismus pur! AprésSkiShit dröhnte aus den Boxen. Ich bin vom Schlepplift gefallen und die Piste nach oben gelatscht. Denke sehnsüchtig an unseren Urlaub im Sommer nach, Lüneburger Heide. Die totale Entschleunigung… Dahin will ich mich zurückziehen, wenn es denn ginge. Wenn ich es denn aushalten könnte, auf dem Land, in der Pampa. Einfach aussteigen. Mit anderen Leuten, Selbstversorgung. Die Arschlöcher draußen lassen… Die Augen zumachen. Nicht mehr hingucken. Macht doch euren Scheiß alleine!

Ich sehe die Höcke-Rede und all die mahnenden Kommentare: „Sagt ja nicht, ihr hättet von nichts gewusst!“ Ich sehe „Yolocaust“ und meine Generation Selfie widert mich an. Ich sehe Plakate, die fragen, wo Israel- oder Islam-Kritik noch okay sind und wo es anfängt, islamophob bzw. antisemitisch sein. „Gutmenschenscheiße“ höre ich meinen Erzeuger rotzen. „Was soll das?!“ mich fragen… Und mein Telefon klingelt. Jemand wurde verlassen, der ganze Körper tut weh. Jemand hat sich verletzt, der ganze Körper tut weh. Jemand fragt, was Freitagabend geht. Und wir gehen in den Pub und trinken und rauchen und reden Schwachsinn und liegen uns irgendwann in den Armen und machen uns Liebeserklärungen… So geht’s doch immer, egal, was draußen ist. Oder?

K. kommt nach Hause, während ich mich T. zu diesem tollen Lied tanze und seine Augen werden feucht, wie sie das so oft tun, weil er so leicht zu rühren ist, wenn’s um Familie geht. Und wir bauen Feuerwachen und streiten über Tabletgucken und Zubettgehzeiten und manchmal sind wir so gestresst, weil… ach! Die Nachbarn regt das Kindergetrampel spätabends auf und die Züge fahren im Winter unregelmäßig und immer die viele Arbeit… Und dass man nicht weiß, was man eigentlich will und wohin man soll und dass sich das auch nicht ändert, diese Suchbewegung. Dabei geht man doch nun mittlerweile auf die 30 zu und dachte, das müsste doch dann mal langsam… Irgendwie. Oder nicht?

Und immernoch sterben Menschen, da draußen. Unser Klamotten werden unter Scheißbedingungen produziert, in unserem Essen steckt nur Schrott und vor jedem YouTube-Video kommt jetzt Werbung. Und für’s Kino reicht die Kohle nicht.

Wo ist denn da die Relation??!?

Ja, ich fühle mich gelähmt. Laufe seit Jahren in Richtung bessere Welt, engagiere mich hier und da und dort, treffe tolle Leute, die das auch tun. Und dann die Wahlen. Und ja! Das passiert jetzt wirklich gerade. Und ich bin so oft und immer häufiger müde, müde, müde. So müde.

Ich mach die Augen zu. Bringe meiner Kinder ins Bett und singe ihnen ein Lied, von einer besseren Welt. Und der Himmel färbt sich dunkelrot. Und ich schluck das Geheule und die Wut runter und reiße mich zusammen. Und gehe raus. Mache die Augen auf und aufmerksam. Immer wieder, immer weiter. Weil’s anders nicht geht, weil es/ich anders nicht sein kann. Ich will später nicht behaupten, ich hätte von nichts gewusst…

Fehler im System (Oder: Kleinfamilien-Rant)

Ich wache davon auf, dass ein Kind schreit als würde es lebendig verbrannt. Ich springe aus dem Bett und falle dabei auf die Nase. Meine Beine waren eingeschlafen, ich hatte kein Gefühl mehr darin. Mit blutender Nase humpele ich ins Kinderzimmer. T.s Schlafanzug ist oberhalb der Windel gelb-braun. P. kreischt und schreit panisch. Eine Honigbiene sitzt auf ihrer Schlafanzughose. T. guckt verdattert. Ich versuche, sie zu beruhigen, wir befördern die Biene aus dem Fenster. T. ruft „Mama! Is will eine Miiis!“ und P. „Und ich will Cornflakes!“ und „Mama, kann ich fernsehen?“ und „Mama, was machen wir heute?“ und „Mama, können wir heute schwimmen gehen?“ und irgendwann: „Mama, du blutest ja!“ Morgens, halb zehn in Deutschland. Es ist Sonntag.

Sonntage sind so ziemlich die schrecklichsten aller Tage, finde ich. Nur Weihnachtsferien sind noch schlimmer. Die Kita hat zu, man fühlt sich nach Rumgammeln und Nixtun (alle kinderlose Welt tut auch ebendas, die Schweine!), die Kinder sind aufgekratzt und auf Action und alle Bekannten haben in 99% aller Fälle schon was innerfamiliäres geplant. Dem oder der, die oder der sich den Sonntag ausgedacht hat, wünsche ich eine Woche voller Sonntage. Mit kranken Kleinkindern. Und Regen. (Und die Kinder sind nicht etwa nur erkältet, sie haben MAGEN-DARM! Ha!)

Ich war – wie so oft – schon angespannt und genervt von dem Dauerfeuer, dem ständigen reagieren müssen bevor ich überhaupt so richtig wach war. Und ich war – wie so oft – wütend auf mich, weil ich genervt war und nicht schon ganz entspannt ein Familienfrühstück im Sonnenschein und für danach eine kleine Bastelei mit den Kindern, kurz vor dem Ausflug ins Grüne, vorbereitet habe. Altes Lied, altes Leid.

Ich habe mich schließlich mit einer Freundin und ihren Kindern verabredet. Als sie kamen war sofort alles besser. Die Kinder waren mit anderen Kindern beschäftigt – laut, aber beschäftigt -, ich konnte mich mit Erwachsenen unterhalten, nebenbei Haushaltskram erledigen, der Mann der Freundin hat später Mittagessen für alle gekocht, ich habe den Tisch gedeckt, sie hat nach dem Essen abgewaschen, K. ist später mit den Kids zum Indoor-Spielplatz. Alles im Flow. So mag ich das.

Kaum wieder allein, rasen die Gedanken in üblichen Bahnen. Mich lässt die Frage nicht los, was es uns Eltern heute so schwer macht, Eltern zu sein. Warum sind wir oft so genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Nachdem P. geboren war, fand ich mich am Wickeltisch einem kreischendem Mini-Menschen gegenüber, den ich zu diesem Zeitpunkt (mit 21) noch ein Jahr zuvor definitiv nicht in meinem Leben verortet hätte. Ich gewöhnte mir unbewusst an, die Zähne ganz fest aufeinanderzupressen, wenn sie schrie. Das Schreien machte mich aggressiv und ich fühlte mich oft hilflos, wenn es einfach nicht aufhören wollte, aber ich wollte und durfte das nicht an ihr auslassen. Das „Zähne zusammenbeißen“ war ein Kompensationsversuch, den ich zwar irgendwann später bemerkte, aber nicht mehr los wurde. Heute habe ich CMD und dadurch Dauer-Verspannungen im Kiefer-Kopf-Bereich. Die Herausforderung Elternschaft hatte also direkt konkrete physische Konsequenzen und ich wette, beinahe jedes Elternteil könnte ähnliches berichten.

Ich empfand (und empfinde) das Zusammensein mit meinen Kindern oft als anstrengend, das habe ich hier mehr als einmal beschrieben. Ich wollte aber von Anfang an nicht die Kinder dafür beschuldigen. „Ja, Elternsein ist anstrengend.“ Aber die Kinder dafür verantwortlich zu machen, fühlte sich trotzdem nicht richtig an. Also: Who’s to blame? Ich suchte in meiner Psyche, meiner Kindheit, meiner Persönlichkeit, meinem Temperament. Ich las Blogartikel, Bücher, schrieb in Foren, sprach mit Eltern, … Aber ich fand die Aspekte der Überforderung und der Anstrengung so selten in den Erzählungen und Beschreibungen anderer Eltern(blogs), erlebte das aber selbst alltäglich so. Das fütterte meine Schuldgefühle.

Es muss an mir liegen. Alle anderen kriegen das schließlich hin.

Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft. Und irgendwie emanzipiert. Die Kommentare unter Artikeln (z.B. hier) und einschlägige Feuilleton-Beiträge (wie hier oder hier), in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? (Bis man unter einer CMD leidet?) Was, wenn die Kinder von der Überforderung und der Genervtheit lesen, wird dann gerne gefragt. (Schlechtes Gewisseeeeen, hallooooohoo!) Warum auch noch darüber schreiben, es rausposaunen? Ich kann hier nicht mit guten Argumenten punkten, fürchte ich. Ich hatte (habe) das Bedürfnis, diese Wahrheit – meine Wahrheit – mitzuteilen, weil ich den Eindruck hatte/habe, dass es eine unterbelichtete ist. Und weil mich „Scheinwelten“ ankotzen. Das war schon immer so. Sowas durchbreche ich gerne. Mit Ehrlichkeit, mit Offenheit, mit Einblicken.

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.

Was ist denn richtig? Kann mir mal irgendjemand sagen, wie ich mich verhalten soll? 

Natürlich gibt es darauf heute keine allgemein gültige Antwort mehr.

Ich will meinen Kindern eine „gute Mutter“ sein, will ihnen nicht (psychisch) schaden… Aber wie kriege ich das hin? 

Ich wusste Bescheid über den Einfluss der Eltern auf die „psychische Gesundheit“ von Kindern, die Bedeutung der frühen Kindheit, Bindungstheorien usw. – studiere ja schließlich Erziehungswissenschaft! Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich hatte andauernd das Gefühl, diesen (meinen) Ansprüchen einfach nicht gerecht werden zu können. Haufenweise Artikel in diesem Blog zeugen davon. (Zum Beispiel hier oder hier.) Mir ging es nicht um eine glänzende Wohnung oder den hübschesten Kuchen beim Kita-Sommerfest, sondern darum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich empfinde und wie ich denke. Und ich dachte oft „Oar nee, keine Lust jetzt!“, „Hör. auf. zu. brüllen!“, „Kann K. nicht noch länger mit ihnen draußen bleiben?“, „Ich hätte gern einfach meine Ruhe.“ oder auch „Wie wäre es, jetzt einfach ins Flugzeug zu steigen. Irgendwohin. Ich könnte ein Strandcafé eröffnen, bräuchte aber eine neue Identität.“ Und klar, schon die Gedanken fühlen sich den Kindern gegenüber total illoyal an. Ich dachte letztendlich wirklich oft, dass man vielleicht besser keine Kinder bekommen sollte, wenn man „so ein Mensch“ ist. Dass es einfach eine scheiß Idee und total unüberlegt war. Ich war sehr oft sehr verzweifelt darüber und die Schuldgefühle in jede erdenkliche Richtung wurden zu einem Dauerrauschen. Egal was ich tat, ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig. Ich war – ich bin – einfach eine echt miese Mutter, ich bin dafür einfach nicht gemacht, dachte ich und fühlte mich wie eine Versagerin in nicht mehr und nicht weniger als der wichtigsten Sache der Welt. Schließlich geht es hier um zwei lebendige Menschen und nicht um den nächsten Pitch.

STOP!

Ist das wirklich so „einfach“? Es gibt Menschen, die „können“ das einfach „besser“ als Andere? Geht es hier wirklich um Egoismus und Altruismus? Gibt’s Menschen, die die „geborenen Eltern“ sind und andere, die es einfach lassen sollten?

Über Generationen sah man die Schuld vor allem beim Kind und zog daraus die relativ logische Konsequenz, „hart durchgreifen“ zu müssen mit dem hehren Ziel, „vernünftige Menschen“ aus ihnen zu machen. Heute scheint mir der Zeiger in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Nicht das Kind ist Schuld, wenn was nicht „richtig“ läuft, sondern die Eltern sind es. Das baut nicht nur enormen Druck auf, sondern kann Eltern auch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Ich weiß wovon ich spreche.

Man doktert an sich herum, analysiert die innersten Windungen, versucht krampfhaft darauf zu kommen, warum verdammt nochmal es mit der stets liebevollen Begleitung nicht klappen will. Man weiß doch alles, versteht schon längst, warum das Verhalten der Kinder einen manchmal so enorm triggert, man denkt und denkt und forscht und… es klappt einfach trotzdem nicht. Die Genervtheit und die Überforderung, der Wunsch nach Zeit ohne „Kinderdienst“, die Verzweiflung… alles bleibt – trotz der tollen Erkenntnisse – da und es bleibt nur, diese Gefühle zu unterdrücken. Oder? Gute Miene zum bösen Spiel. Es kann einen zerreißen, einerseits authentisch und echt sein zu wollen und andererseits „gute Eltern“. Was, wenn ich echt und authentisch mal ’ne echt beschissene Mutter bin? Ich bin launisch. Ich bin leicht reizbar. Ich will eigentlich nur mein Ding machen und kann kaum was anderes ertragen. Ich bin aufbrausend. Ich bin ungeduldig. Ich bin ungerecht. Undsoweiterundsofort. Im Casting für die beste Mutter der Welt würde ich nicht einmal in den Re-Call kommen. Wenn ein Vater zum Beispiel ständig wütend wird. Was macht man da? Was ist hier richtig? Die Wut ausleben, rauslassen wäre authentisch, unverstellt und echt. Die Kinder lernen ihren Vater kennen. Er ist halt Choleriker, aber immerhin ist er echt. Oder soll er seine Wut unterdrücken, muss er sich besser kontrollieren lernen? Das wäre dann nicht authentisch, aber zum Wohl der Kinder. Nur: Wie lange funktioniert das? Und was macht das mit den Kindern, wenn sie feststellen, dass der Vater die ganze Zeit mehr oder weniger Theater spielt? Gute Miene zum bösen Spiel. Ich kenne beides. Und beides ist auf je eigene Art scheiße. Ständige Wutanfälle sind scheiße. Aber zu merken, dass mit einem Elternteil was los ist, ohne dass man jemals erfährt, was, das ist nicht unbedingt besser. Also hätten beide die Verantwortung, ihren Kram aufzuarbeiten und klarzukommen? Therapie machen, rausfinden was mit einem los ist, woher die Wut kommt, Techniken erarbeiten, damit umzugehen. Fertig ist der Lack. So stellt man sich das heute gerne vor. Ist aber sehr viel leichter gesagt als getan. Ich arbeite seit Jahren hart daran, klarzukommen, um meinen Vergangenheits-Scheiß nicht an meiner Familie auszulassen. Aber es lässt sich (oder sollte ich sagen: Ich lasse mich) nur bedingt ändern. Die ständigen Schuldgefühle, das Gegrübel, die Aggressionen, die Traurigkeit, die Verletzungen, die Unsicherheit, die Bedürftigkeit, die Genervtheit… Das alles geht nicht einfach weg. Eine der Therapeutinnen bei der Mutter-Kinder-Kur, zu der ich im Februar/März mit T. war, fragte entgeistert, als ich meine krampfhaften Versuche der Auf- und Verarbeitung schilderte:

Ääääääääähm…. Vielleicht hören Sie damit mal auf?!?

Ich glaub, ich starrte ebenso entgeistert zurück. Sie erklärte mir, ihre Sicht auf die Dinge: Ich würde auch mit diesen Versuchen weiter das Muster der Selbstabwertung vertiefen, würde mich immer nur in Differenz wahrnehmen und beurteilen:

Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Bei meinen Sitzungen dort ging es folglich um Selbstakzeptanz, um Annahme und Achtsamkeit. Tatsächlich ein neues Terrain für mich. Ich wusste wohl, dass ich nicht gerade nett mit mir selbst umgehe und laute selbstkritische Stimmen in mir habe, aber ich habe nie gesehen, dass meine Versuche, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und meine Reaktionen, mein Fühlen, mein Handeln zu ändern, um meinen Kindern eine bessere Mutter sein zu können, auch in dieses Horn blasen. Das war durchaus ein Augenöffner. Ich bin tatsächlich ständig unzufrieden mit mir, sehe nur, was ich alles nicht kann, nicht gut mache, fokussiere auf die Dinge, die nicht klappen. Eine andere Therapeutin empfahl mir, mal „auf Schatzsuche“ zu gehen. Damit meinte sie einerseits, ich solle Menschen fragen, was sie an mir mögen und andererseits am Ende eines Tages aufschreiben, was gut war. Sie spiegelte mir, wie sie mich sah und ich empfand Scham und konnte ihr nicht in die Augen schauen, wenn sie was Nettes sagte. Abends schrieb ich auf, was am Tag schön/gut war und fokussierte dabei vor allem auf Momente mit T. Das war ziemlich neu und ziemlich heilsam. Ich stellte fest: So eine miese Mutter bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich viele gute Momente am Tag. (Wer also ähnlich Probleme mit der Selbstwahrnehmung hat, dem kann ich das nur ans Herz legen.)

Das könnte jetzt hier enden. Ich will es aber hier nicht enden lassen. Denn die Frage, warum das Elternsein für viele von uns so anstrengend ist, beantwortet die Feststellung nicht, dass weder Kinder noch Eltern wirklich zu beschuldigen sind. Aber woran liegt es dann?

Ziehen wir den Fokus etwas größer und schauen uns den Kontext an: Wie leben wir allgemein? Welchen Einfluss hat die Eingerichtetheit der Gesellschaft auf unser Leben als Eltern, als Erwachsene, die mit kleinen Kindern zusammenleben und für sie verantwortlich sind?

Ich habe inzwischen auch darüber viel nachgedacht und bin damit noch lange nicht am Ende. Trotzdem möchte ich einige Gedanken mitteilen.

Zunächst ein Gedankenexperiment:

Du bist Mutter von zwei Kindern. Das jüngere ist 1,5 Jahre, das ältere 7. Du trägst dein Kind in einem Tuch auf der Hüfte und bist gerade mit anderen Menschen auf dem Weg zurück vom Früchtesammeln zum Dorf. Ihr singt und unterhaltet euch. Andere Frauen haben auch ihre Kinder im Tuch dabei, einige ältere Kinder haben beim Sammeln geholfen und rennen zwischen euch hin und her. Als ihr zurück im Dorf seid, wird von anderen bereits das Abendessen vorbereitet. Im ganzen Dorf sind die Menschen beschäftigt: Essen wird vorbereitet, an anderer Stelle werden Stellen an den Häusern verbessert, es wird geschnitzt, Schmuck hergestellt, Kleidung geflickt… Eine Gruppe Kinder badet unten am Fluss, andere hocken etwas abseits der Dorfmitte und untersuchen gespannt etwas. Du setzt dich zusammen mit einigen Erwachsenen und Kindern und beginnst, die gesammelten Früchte für das Abendessen vorzubereiten. Deine ältere Tochter kommt vom Baden nach oben und schaut interessiert zu, was ihr gesammelt habt. Dein jüngeres Kind sitzt auf dem Schoß deiner Mutter, die ein Lied anstimmt. Andere umsitzende steigen in den Gesang ein.*

Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt haben (vom Hirn her können Menschen wohl intensivere Beziehungen zu 150 Menschen pflegen)mit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten (und genau wussten, wer für was „gut“ ist – die eine spendet gut Trost, der andere weiß viel, die nächste erzählt toll Geschichten, von dem kann ich lernen, wie man schnitzt), Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich.

Mal nur fokussiert auf die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern (, das ganze Paket mit Naturnähe, Handarbeit usw. lasse ich mal außen vor): Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.)

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen kame das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)

Noch einmal ein Bild: Statt einem vielspurigen Straßennetz wird eine einspurige Autobahn immer und immer wieder befahren. Und wenn diese eine Autobahn nicht ganz in Ordnung ist, dann kracht das kleine Auto jedes Mal beim drüberfahren in das eine fiese Schlagloch. Das wird natürlich durch die Dauerbeanspruchung immer größer. Die Autobahn bekommt Risse und ist irgendwann eigentlich unbefahrbar. Aber es gibt ja nur diese eine, also wird sie weiter befahren.

Ist das Bild verständlich? Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere.

Es reihen sich ein: Ordnungsdogma, Beschleunigung, Effizienz, Schnelllebigkeit, Reibungslosigkeitskult, Störungsfreiheit, Regeln, Bürokratie, … Unvollständige Aufzählung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Dazu kommen noch die kaum zu überschätzenden Erwartungen anderer Erwachsener. Eltern antiziperen, dass von ihnen allgemein erwartet wird, ihre Kinder „im Griff“ zu haben, „im Zaun zu halten“, sie sollen ihre Bälger bitteschön „unter Kontrolle“ haben und Störungen der Rationalität durch die quasi unerträgliche Irrationalität der Kinder auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduzieren. Wenn Eltern das mehr oder weniger gewaltvoll versuchen, erhalten sie sowohl anerkennend-zustimmende wie ablehnende Reaktionen. Wenn sie die Kinder ihr Ding machen lassen, genauso. Wenn sie es liebevoll-bedürfnisorientiert angehen ebenfalls. (Siehe glücklich scheitern: Du bist eine gute Mutter, wenn…)

Die Idee von bedürfnis- oder bindungsorientierter Elternschaft, „Attachement Parenting“ etc. ist ansich – im Sinne des Kindes – ziemlich lobenswert. Man will das Beste für’s Kind. Wenn ich Artikel und Bücher aus dem Dunstkreis lese, nicke ich durchaus mit dem Kopf. Aber als ich dieses Differenzdenken in mir festgestellt habe – Was ich heute mal wieder nicht hinbekommen hab -, habe ich gemerkt, dass es auch solche Ideen von „guter Elternschaft“ sind, die mich unter Druck setzen und mir beständig das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Wenn ich von dem gerade gedachten ausgehe, dann befinden sich solche Ansätze genau in dieser „Elternschuld“-Schiene. Inzwischen halte ich diese Art des Zusammenlebens mit Kindern für mich/für uns für utopisch und ich frage mich: Was bürdet man sich mit dem Versuch der straighten Kinderbedürfnis-Orientierung eigentlich auf? Es sind ziemlich heftige Ansprüche und teilweise wirklich „unmenschliche“ Erwartungen, die man da an sich selbst stellt: Quasi völlige Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung und Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Impulse. Extreme Reflektiertheit, in jeder Situation. Und eine unmenschliche Geduld. Ich glaube, man erträumt sich da einen Einklang von Kindern und Eltern, eine Harmonie den bzw. die ich – zumindest im Kontext unserer modernen Lebensweise – für illusorisch halte. Ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass das Menschen womöglich durchaus glücklich machen kann, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein ausgeprägtes „Helfer-Syndrom“ haben und tatsächlich ihre Erfüllung darin finden, von anderen gebraucht zu werden. (Das ist nicht abwertend gemeint, eher Ergebnis von Analyse.) Ich sehe da die Gefahr symbiotischer Beziehungen und heftiger Abhängigkeiten und frage mich: Was kommt „danach“, wenn die Kinder das Nest verlassen? Wenn die Eltern nicht mehr so sehr gebraucht werden? Was ist davon abgesehen, wenn man das einfach nicht hinkriegt, mit der Bedürfnisorientierung, dem Verständnis, der Geduld, dem pädagogisch wertvollem Verhalten? Manchmal frage ich mich außerdem, ob man auf die Kinder nicht ausgesprochen schizophren und damit auch verunsichernd wirkt, wenn man oft ganz nett und verständnisvoll reagiert, in regelmäßigen Abständen aber dann plötzlich total ausrastet, weil der Unterdrückungsmechanismus gerade mal wieder aussetzt. Ich hab das Gefühl, dann verstehen Kinder die Welt nicht mehr. Und auch das sieht man und kann es wunderbar als Anlass nehmen, noch unzufriedener mit sich selbst zu sein. Man ist ständig mit dem eigenen Scheitern konfrontiert und das kann zu wirklich ausgeprägtem Selbsthass führen. Wenn Auspeitschen noch angesagt wäre, man würde es wohl freiwillig tun. 

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben. Vielleicht kriegen wir damit auch endlich das Problem mit den Behinderten, Gestörten und generell Unproduktiven in den Griff. *ironieoff*

Also:

Liebe Eltern, 

ihr seid nicht scheiße, wenn es euch manchmal (oder auch oft) nicht leicht fällt, eure nach eurer ungeteilten Aufmerksamkeit dürstenden Kinder zu „ertragen“, geschweige denn das Ganze zu genießen. Ihr seid nicht falsch und ihr seid auch nicht persönlich schuld daran. Eure Kinder sind es aber noch viel weniger. Dass es so ist, ist bei genauerer Betrachtung der Umstände, in denen wir leben, eigentlich ziemlich logisch. Eure Verantwortung ist immens. Und dass das erdrückend wirkt, ist klar. 

Eltern! In Wirklichkeit seid ihr Superhelden! Denn ihr verlangt von euch, insofern ihr versucht, gute Eltern zu sein, quasi übermenschliches. Heute im Standardleben mit all den scheinbaren Annehmlichkeiten, all dem scheinbaren „Luxus“ und der Bequemlichkeit, all den Verführungen, all der Rationalität, all den Erwartungen und Idealen ist es tatsächlich verdammt anstrengend und beschwerlich, als Familie mit Kindern zu (über-)leben.

Was ich empfehle? Oder mir wünsche?

Empfehlen kann ich einerseits „Born to be wild“ von Herbert Renz-Polster, um Kinder in ihrem „ursprünglichen“ Verhalten zu sehen und es zu verstehen und andererseits ein bisschen richtiges Leben im falsch (ver-)suchen: Viel Zeit mit anderen Familien verbringen, immer Kinder zusammenschmeißen, andere Menschen (Großeltern!) in die Betreuung einbeziehen und zu alternativen Bezugspersonen entwickeln lassen, ein „sie können es nicht anders“-„sie macht es nicht, um mich zu stressen“-„sie ist noch klein“-Mantra gegenüber den Kindern, regelmäßiger Abstand, weniger schlechtes Gewissen wegen Glotze und Gadgets – Glotze ist die logische Konsequenz des separierten Kleinfamilienlebens – und viel Auslauf.

Wünschen tue ich mir eigentlich ein alternatives Lebensmodell. Ich habe die Stadt satt. Ich habe die Hektik satt. Gib mir 50 coole Leute mit Kindern, wir kaufen zusammen ein heruntergekommenes Haus (von welchem Geld auch immer), polieren das auf und leben zusammen, vielleicht auch teilweise als Selbstversorger. Ohne Waldorf-Hippie-Kram, ohne spirituellem Überbau und Firlefanz. Einfach nur, weil wir glauben, dass an dem afrikanischen Sprichwort 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

etwas dran ist. Und weil man zusammen einfach weniger allein ist.

Warum sind wir also oft genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Es gehört niemand so wirklich auf der Anklagebank. Die Kinder nicht, die Eltern nicht. „Schuld“ ist niemand. Und das passt nicht zu unserem Denken, deshalb ist es so schwer zu ertragen und so unbefriedigend. Wir suchen immer nach Ursachen, Gründen, Schuldigen. Und dann müssen wir das Ausmerzen. Basta. „Schuld“ ist in diesem Fall aber, wenn man so will, „der Kosmos“, sind Zufälle, „kosmische Kräfte“, die vor 12.000 Jahren das Ende der Eiszeit einläuteten, was zu anderen, schwankenden klimatischen Bedingungen führte und die allgemein als „neolithischen Revolution“ bezeichneten Änderungen der menschlichen Lebensweise wohl bedingten. Mit der neuen Lebensweise kamen Dinge wie Produktion, Sesshaftigkeit, Bevölkerungswachstum, größere Siedlungen, später Städte, zu verwaltende Überschüsse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, technische Innovationen, Ungleichheit, Monotheismus, du sollst/darfst // du sollst/darfst nicht… usw. usf. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht und heute sind wir, wo wir sind. Die Verhältnisse haben sich geschichtlich entwickelt. Und das ist wichtig: Das, was heute als „normal“ gilt, galt nicht schon immer. Nichts ist selbstverständlich einfach so. Alles ist geworden. Und die „kosmischen Kräfte“ lassen sich nicht ausmerzen.

Ich glaube nicht, dass es einen (gesamtgesellschaftlichen) Weg zurück gibt. Das lähmt manchmal meinen Aktionismus. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, alle „Fortschritte“ vergessen und alles auf Anfang setzen. Vielleicht leider. Vielleicht zum Glück. Auch entweder-oder, schwarz-weiß, optimal-suboptimal sind nur Kategorien menschlichen Denkens, die es so „natürlich“ gar nicht gibt. Das Leben in Jäger-Sammler-Clans ist nicht optimal. Das Leben heute ist nicht optimal. Gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Jäger-Sammler-Clans funktionieren z.B. über straighte Traditionen, mit Frauen wird oft wohl nicht gut umgegangen, und dass es wohl kaum Alternativen, keine freie Wahl der Leute und des Lebensmodells gibt, ist schwer vorstellbar und schwer gut zu finden. Aber ob „homo oeconomicus“ wirklich eine smarte Alternative ist?

Wir reden über fucking Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über regretting motherhood, über Einzelphänomene und verlieren dabei den Blick für größere Zusammenhänge. Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, kommen mir viele Debatten und Themen so unwesentlich vor. Frauenquote, Frauen früher in den Job zurück, Karriere, Vereinbarkeit, Brei oder nicht, U-Untersuchungen, Kinderwagenmarken, … Das ist hinsichtlich dessen, wo ich die wirklich tiefgreifenden Probleme verorte einfach nicht entscheidend. Die Gedanken mögen realitätsfern wirken, aber für mich sind sie es nicht. Sie sind ein Erklärungsansatz für mein alltägliches Leiden am Familienleben in einer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft, das ich nicht länger als individuelles Versagen beurteilen will. Mich erleichtert das irgendwie. Die Gedanken mindern zunehmend meine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie führen zu mehr Selbstakzeptanz und zu Verständnis gegenüber eigenen Gefühlen und Gedanken und gegenüber dem Verhalten meiner Kinder. Das ist gut. Und sie führen zu Vorstellungen von einer alternativen Lebensform, die ich vielleicht vielleicht irgendwann doch noch realisieren kann.

P.S.: Wer mit mir nach Rügen ziehen und einen auf Selbstversorgung machen will, kann sich gern melden ;-)

*
Ich glaube nicht, dass ein Leben in totaler Abhängigkeit von der Natur – also ohne Ackerbau/Viehzucht – irgendwie paradiesisch wäre. Mir ist bewusst, dass das oft ein ziemlich harter Überlebenskampf war/ist, mit Hunger, Kälte und Todesgefahr. Aber vielleicht ist – bei all der Gefahr – genau das eher „artgerecht“? Ich frage mich ernsthaft, ob Eltern indigener Jäger-Sammler-Gemeinschaften Situationen erleben, in denen ihre 2,5-jährigen Kinder auf den (Feld-)Wegen stehen und sich weigern, weiterzulaufen. (Okay, die Mutter hat vermutlich kein Laufrad, keine 3 Rücksäcke, kein Sandspielzeug, keine Verpflegung für den mindestens 15-minütigen Fußmarsch zum Kinder-/Familien-Ghetto dabei,… Aber vielleicht einen Sack mit Feuerholz.) Und „Alleinerziehende“, die auch tatsächlich allein sind, mit ihren Kindern, trifft man in solchen Sozialzusammenhängen wahrscheinlich auch eher weniger an. Vielleicht glorifiziere ich dennoch das „ursprüngliche Leben“ und vermutlich ist das latent rassistisch. Ich versuche, mich im Moment diesbezüglich weiterzubilden (Ethnologie!), erkenne aber zunehmend die absolut notwendigen Grenzen und die problematischen Aspekte. (Siehe survivalinternational.de, Gesellschaft für bedrohte Völker) Ich will hier nicht das Bild der „edlen Wilden“ reproduzieren. Ich will nur den größtmöglichen Kontrast zu unserer modernen Lebensweise zeichnen. 

Ich gegen mich.

1) Immer wieder spülen meine Timelines Artikel in mein Blickfeld wie jüngst „Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?“ von Franziska Schutzbach. Artikel also, die irgendwie mehr oder weniger mit dem „regretting  motherhood“-Ding zu tun haben.

2) Mein letzter Artikel ist vom 13. Dezember. In meinen jüngsten Artikeln ging es häufig nicht oder nur am Rande um Elternschaft, Mutterschaft, Leben mit Kindern.

3) Ich stecke mitten in einem Morbus Crohn-Schub und bin aktuell zusätzlich auf Cortison-Entzug. Ich fühle mich wie von jemandem ausgekackt, der einen dauerhaft entzündeten Darm hat. Sorry, für die Direktheit. Ich schlafe abends 21 Uhr mit den Kindern ein, wache kur nach 7 auf und fühle mich wie vom LKW überfahren. Meine Augen sind entzündet, ich hab Akne und ein Neurodermitis-Schub kündigt sich an. Wie schon so oft habe ich das Gefühl, dass mein verdammter Körper nicht für dieses verdammte Leben gemacht ist. Im Dschungel wäre ich vermutlich längst tot. Mit oder ohne Schamane.

4) Prüfungsphase. Ich müsste für die Statistik-Klausur lernen. Ich fühle mich zu alt für Klausuren. Ich habe Hass auf diese Form des Geprüft-werdens. Ich will das nicht mehr! Aber ich mag das Studieren (manchmal) noch immer ganz gern. Wenn nur der Zeitdruck nicht wäre.

5) Schlechtes Gewissen und Hass auf mich selbst. Ich will nicht jammern. Ich will nicht jammern. ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Ich denke ständig an diesen Blog. Ich denke daran, wie gerne ich schreibe. Aber ich fühle mich leer. Habe ich nichts mehr zu sagen? Habe ich mich eingefunden, in die Elternschaft? Nicht wirklich oder: Mal mehr, mal weniger. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Kraft verlässt mich nach kurzer Zeit. In mir und in der Couch sind Magnete befestigt, die sich beständig zueinander hingezogen fühlen. Ich will die Rollläden schließen, mich in eine Decke einigeln und mich tagelang mit Steinzeit-Dokus ablenken vom hier und meinem erschöpften Körper.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

„Durchziehen“ denkt ein Teil in mir. „Fresse halten und DURCHZIEHEN! Reiss dich mal zusammen!!!“ Wenn ich indigene Frauen sehe, die in brasilianischen oder venezuelanischen Regenwaldgebieten schweres Zeug auf dem Kopf kilometerlang von A nach B tragen… und daran denke, wie ich fertig, schwitzend, keuchend in der Bahn stehe und fast zusammenbreche, nachdem ich einige Meter rennen musste… METER! NICHT KILOMETER!!! „Verzärtelt“ nennt Nietzsche das. Die Arschlöchin in mir spuckt mir das Wort vor die Füße: VERZÄRTELT! Und ich fauche zurück: Und? Nietzsche war ein herrischer Antisemit! Warum sollt ich mir von DEM was vorwerfen lassen?!

Es gäbe so viel zu sagen. In meinem Kopf denkt sich so viel zusammen… Und so vieles davon halte ich durchaus für mitteilenswert. Aber der Flow fehlt. Die Zweifel hingegen sind erdrückend. Hört sich alles so bescheuert an. Ist nicht zu Ende gedacht, nicht rund. Ich bin damit noch nicht fertig. Und kurze Zeit später ist der Gedanke schon überholt und ich bin ganz froh, ihn für mich behalten zu haben. Außerdem leidet auch meine Koordination unter meinem körperlichen Zustand. Ich treffe kaum die Tasten, verschreibe mich ständig. Lange am Rechner arbeiten geht auch nicht, Augen sind entzündet.

ICH WILL NICHT JAMMERN!!!

Franziska Schutzbach schreibt: „Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte.“ – das kann ich nachvollziehen. So geht’s mir oft auch. Womit wir beim schlechten Gewissen wären. Gestern habe ich meinen Körper zur Kita geschleift, um die Kinder abzuholen. Menschen, die sich mit Depressionen herumschlagen, können vielleicht nachvollziehen, was für eine monströse Aufgabe das sein kann, wenn man eine üble Phase hat. Oft schleift man dann auch tatsächlich nur den Körper, führt Automatismen aus, spult Abläufe ab. Anwesend bin ich nicht wirklich. Ich mache Dienst nach Vorschrift, an solchen Tagen. „Ich hatte ‚Dienst am Kind'“ zu sagen, fühlt sich dann gar nicht mehr so lustig an, wie ich es sonst meine. Aber zurück zum Gestern.

Die Mutter einer Freundin von P. schlug vor, gemeinsam mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen. Der Sprachautomat am oberen Ende meines Körpers sagte „Ja, gerne.“ – der antwortete übrigens auch kurz zuvor „Alles gut.“ auf die Frage, wie es mir geht. Der verbannte Teil im Kopf plärrte: „NEIN! NEIN! NEIN! NACH HAUSE! WIR WOLLEN NACH HAUSE!!! BIST DU BESCHEUERT??!?“ Ich zog den Kindern ihre gefühlten 4000 Lagen Winterklamotten an, schwitzte dabei wie ein Schwein, Schwindel… P.s Freundin ging es dann nicht gut, Bibliothek fiel also aus, wir gingen also doch nach Hause. „Couch, Couch, Couch“ hallte es durch meinen Kopf. „Du kannst doch nicht immer. nur. rumhängen! Du bist noch nicht einmal 30 Jahre alt! Was bist du für ein Vorbild?“ wettert die Arschlöchin. Ich ducke mich weg, fühle mich schuldig. Ich will gerade nicht sein und schon gar kein Vorbild für irgendwen.

Wir gingen, weil ich das für eine gute Idee hielt. An den kalt-regnerischen Tagen gehen die in der Kita nicht viel raus. Frische Luft, gesundheitlich und pädagogisch wertvoll und so. Es pisste, es wurde dunkel und nach kurzer Zeit wollte T. getragen werden. Ich hab das einfach nicht länger als ein paar Minuten hinbekommen. Erklär das mal einem 2,5-jährigen. P. stellte derweil Fragen am laufenden Band. Zuhause sollte ich vorlesen. Eine Geschichte reicht nicht. Wenn ich einwerfe, dass ich lieber nur eine vorlese, weil ich es sinnlos finde, 10 hintereinander vorzulesen: „Du bist gemein!“-Geschrei. „Ich halte das heute nicht aus!“ in meinem Kopf. Immer wieder. „Reiß dich zusammen!“ Immer wieder. Gucke auf die Uhr: 17:00. Rechne nach, wie viele Stunden es noch dauert, bis Bettzeit. Schon die Frage macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich wähle den Notausgang und schalte die Glotze an. Sie läuft mehrere Stunden, bis zum Abendbrot. Ja, auch vor T.s 2,5-jähriger Nase. Wir gucken „Frozen Partyfieber“, „Maulwurf“ und fast alle Folgen „PeppaWutz“. Und nein, das ist kein ganz außergewöhnliches „ausnahmsweise mal“. Es ist zwar nicht alltäglich – wir versuchen irgendwie die 2 Folgen-Sache durchzuziehen… Aber: Der Geist ist willig… und der Geist ist schwach. Oder so. Als ich den Fernseher endlich ausschalte, weil ich den Tisch für’s Abendbrot gedeckt habe: Geschrei. Gebrüll. „Du bist gemein!“ Die Kinder sind eindeutig drüber, ich merke das und ärger mich über mich selbst. „Selbst schuld!“ raunz die Arschlöchin. „Das ist sehr hilfreich“ blaffe ich zurück. P. zetert lautstark vor mir rum. „Ich klatsch dir gleich eine!“ sage ich. Plötzlich. Ja, das habe ich wirklich gesagt. (Aber noch nie – ich schwöre! – gemacht!) P. war natürlich entrüstet und weinte „Sowas darf man nicht sagen!“ noch lauter, zurecht, natürlich. „So redet man nicht mit Kindern!“ Ja, sie hat Recht. Und ich schäme mich. Und ich bin so fassungslos über mich selbst: Immer wieder ist da diese unglaubliche Wut, die Hilflosigkeit und immer wieder der Drang, das laute Kind überzeugen zu können, abzustellen… Und nichts funktioniert. Keine Rücksicht, keine Einsicht, nur laut und kräh. Und die eigenen Ideale, an denen ich immer und immer wieder scheitere. Verständnisvoll sein, ruhig bleiben, … Später versuch ich ihr, mich zu erklären. „Schon gut“ sagt sie, wie immer in solchen Situationen.

Ich fühl mich ständig wie die Ärzte in dem Zeit-Artikel „Kranker Job“.

Szenenwechsel.

Mitte Januar bin ich fünf Tage auf einer Seminarfahrt gewesen. Davon abgesehen, dass mich das Thema interessiert hat, stelle ich rückblickend (fast mit Erschrecken) fest: Das Burn-Out-Gefühl war weg. Ich hab interessante Gespräche geführt, gute Leute kennengelernt, konnte spontan sein und trotz wenig Schlaf fühlte ich mich geradezu energiegeladen. Als K. mich am Abreisetag abholte, war ich euphorisch, ich fühlte mich wie als hätte jemand den Akku gewechselt… Und ich freute mich so richtig, meine Kinder wiederzusehen! Die hatte ich nämlich tatsächlich nach drei Tagen vermisst. Und als wir wieder zusammen waren, konnte ich sie wieder sehen! Und vor allem sehen, dass ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte, vor lauter Trott. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir dieses Gefühl und diesen Blick auf K. und die Kinder irgendwie zu erhalten. Das ist jetzt 2,5 Wochen her. Immer mal raus, immer mal Abstand, das wäre so wichtig. Aber ich habe das Gefühl (die Befürchtung), dass mein Bedürfnis danach zu groß ist. Es wundert mich nicht, dass getrennt lebende Eltern, die sich die Betreuung der Kinder teilen, oft sehr viel entspannter wirken. (Wie’s den Kindern damit geht, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.)

„Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes.“ zitiert Franziska Schutzbach eine Mutter in ihrem Artikel. Ja und ja und ja! Diese Ambivalenz ist für mich derart spürbar, dass ich sie manchmal kaum aushalten kann. Wenn ich abends mit den Kindern im Bett liege und darauf warte, dass sie schlafen, spüre ich sie. Weil ich es liebe, so nah bei ihnen zu sein, ihren Atem zu hören, für sie da zu sein. Und weil ich es gleichzeitig kaum ertragen kann, diese Nähe, das Gewusel, die laaaaange Zeit, die sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen, der Termindruck im Nacken, weil es noch etwas zu erledigen gibt oder einfach der nicht wegzudrückende Wunsch meinerseits, mal machen zu können, was ich will. Wenn ich in irgendwelchen Kinder-Ghettos bin, spüre ich es. Weil ich Kinder mag und Kinder gern beim Spielen zusehe, aber ich möchte eigentlich Beobachterin bleiben. Ich will und muss da nicht mitmachen. Ich halte das auch für Quatsch. Aber das interessiert meine Kinder ja nicht, die von mir fordern, mit ihnen auf dem doofen Klettergerüst rumzukraxeln. Wenn mein Körper am Ende ist – wenn ich am Ende bin – spüre ich es extrem deutlich. Wenn sich alles nach Auszeit, Rücksichtnahme, Ruhe, Regeneration sehnt, das aber einfach nicht drin ist. Und ich auch gar nicht einschätzen kann, ob wirklich mein Körper die Ruhe braucht oder meine depressiven Anteile mal wieder zuschlagen. Ist es richtig, sich immer wieder selbst anzutreiben, durchzuziehen, sich die Ruhe nicht zu gönnen, weil ich damit einer depressiven Phase die Stirn biete? Oder wäre es angebracht, zur Ruhe zu kommen, zu regenerieren, um den Schub nicht noch schlimmer werden zu lassen oder zumindest einzugestehen, dass so viele Entzündungsherde im Körper zu Energieverlusten und Schlappheit führen?? Oder ist meine Schlappheit am Ende doch der Versuch, die Verantwortung abzugeben, ein Weg, mich zurückzuziehen? So habe ich das als Kind schon (unbewusst) gemacht, um mir Auszeiten zu verschaffen.

Franziska Schutzbach schreibt weiter:

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‘Mutterrolle’ identifizieren, sei es aus anderen Gründen). Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das “Richtige” (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde.

Die Sache mir der Autonomie, dem Subjekt-sein, dem Individualismus, dem freien Willen und Wollen gehört zu so einem Komplex, über den ich so viel mitzuteilen hätte. Aber ich kriege die Gedanken nicht geordnet, finde überall schlaue Worte von Menschen, die schon alles dazu gesagt zu haben scheinen. Braucht es meinen Senf noch dazu? Das Gefühl, dass alles schon viel besser gewusst, gesagt, getan worden ist, hat mich schon als Kind eingeschüchtert und gelähmt.

Franziska Schutzbachs Gefühle kann ich nachvollziehen und ich teile sie zum Teil mit ihr. Wenn ich mittwochs mit meinen Kindern zu Kawi gehe, um dort die Musikkurse der Kinder mitzumachen – zumindest bei T., P. geht mittlerweile allein -, dann kommt mir diese Szenerie manchmal völlig bekloppt vor: Wie diese erwachsenen Menschen (meist Frauen) dort im Kreis sitzen, ihre Kinder auf dem Schoß, „Babababa“ wiederholen, Tücher wie Schneebälle werfen oder auf allen vieren durch den Raum robben, die Kinder auf dem Rücken sitzend… Und manchmal denke ich mir auch: Warum stellt man sich eigentlich so an? Was hat es auf sich, mit diesen Gefühlen der Peinlichkeit und Scham in solchen Situationen? Warum kommen die gerade dann, wenn wir mit unseren Kindern singen und tanzen? Warum fühlen sich überhaupt fast alle unwohl, beim laut singen und haben sogar fremdschäm-Gefühle angesichts von Leuten, die ohne Rücksicht auf Schönheit singen und tanzen. Fast neidvoll denke ich an die Bilder der Himba (und auch vieler anderer indiginen Stämme), die ausgelassen in Gruppen singen und tanzen… Was ist der Unterschied zwischen unserem Leben und deren? Warum können sie so ausgelassen sein und wir nicht?

Was soll ich also sagen? Ja, ich leide. Im Moment. Und immer wieder. Aber leide ich darunter, Eltern zu sein? Würde ich weniger leiden, wenn ich nicht verantwortlich wäre für zwei Heranwachsende?

Ich habe das Gefühl, das Falsche am „modernen Leben“, die Eingerichtetheit der Gesellschaft als Eltern sehr stark zu spüren. Das war vorher nicht so stark oder nicht so eindeutig. Die individualisierte, rationalisierte Lebensweise passt einfach nicht zusammen mit Familien und heranwachsenden (irrationalen) Menschen. Auf mich selbst gestellt käme ich damit vielleicht besser zurecht. Weil ich anpassungsfähiger wäre oder meinen Auf- und Widerstand konsequenter ausüben könnte. Weil Regeneration und Aktivität selbstbestimmter ablaufen würden. Weil mich meine sozialen Rollen vielleicht weniger Kraft kosten würden oder ich mich rausnehmen kann, wenn’s mir mal wieder zu viel wird, weil ich selbst mir in sozialen Kontexten zu viel bin. Weil ich gefallen will, weil ich nicht abgelehnt werden will, weil ich kräftezehrend aufdrehe bis mir das Gesicht glüht. Und weil ich darüber keine Kontrolle habe. Ünerhaupt wäre es vielleicht nicht so anstrengend, weil ich die Illusion, die Kontrolle zu haben über mein Leben, leichter aufrecht erhalten könnte. Vielleicht wäre die Vereinzelung auch nicht derart schmerzhaft spürbar… Weil ich mich weniger stark nach einem Clan sehnen oder einfach in irgendein Hausprojekt ziehen würde. Weil ich mich immer dann in Gesellschaft begeben würde, wenn mir danach ist. Andererseits würde ich daran und darunter leiden, dass es mir an Sinn fehlt. Die Sinnfrage würde mir das Hirn zermartern und ich würde mich vermutlich nicht viel weniger zerrissen fühlen als jetzt. Nach dem Sinn frage ich mich jetzt nicht mehr. Der Sinn krabbelt jeden morgen in zweifacher Ausführung in mein Bett.

Wenn man gelernt hat, alles zu hinterfragen, dann sind Elternschaft und die eigenen Kinder davon nicht ausgenommen. Wie Franziska Schutzbach auch schreibt, ist das Ideal unserer Zeit, in unseren Gefilden (!) Selbstbestimmtheit, kritisches Hinterfragen, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, autonom sein. Ich halte das grundsätzlich für eine Illusion. Autonomität ist nichts, was ich für realisierbar halte. Wir werden verantwortlich gemacht, für die Entscheidungen, die wir treffen. Dabei ist jeder Mensch beeinflusst von allen möglichen Dingen, auf die wir zum Teil noch nicht einmal Zugriff haben. Die Menschheit überschätzt sich selbst, das Denken und die eigene Rationalität gewaltig.

Wir sind es gewohnt, uns dagegen entscheiden zu können, abzubrechen, wenn uns etwas nicht passt. Mit Kindern hört genau das auf. (Obwohl der Schritt natürlich auch jenseits von Abtreibungen nach der Geburt prinzipiell möglich wäre. Man könnte sich sehr wohl dafür entscheiden, die Kinder wegzugeben, sich dagegen zu entscheiden… Aber wer geht diesen radikalen Schritt und begründet das mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung?)

Und dieses Hinterfragen, kritisch sehen, selbst bestimmen wollen steht womöglich in direktem Gegensatz zu den geradezu archaischen Programmen, die meiner Meinung sowohl in uns, wenn wir Eltern werden als (und besonders) auch in den Kindern ablaufen. An Kinder kommen wir mit unseren rationalen Techniken nicht ran. Und auch unsere absolut rational eingerichtete Welt passt nicht zu unseren irrationalen Kindern. Und genau das macht es so scheiße schwer. Es fühlt sich an, als müssten wir Eltern die verdammte rationale Suppe auslöffeln, die die Menschheitsgeschichte uns eingebrockt hat. Und das auch noch weitgehend jede_r für sich allein bzw. als Kleinfamilie.

Ich sehe gerade nur einen sinnvollen Ausweg: Zusammenrotten! Wir müssen weg von der Kleinfamilie und hin zum Clan! Gründet Hausgemeinschaften mit Gärten, schmeißt eure Kinder zusammen und lasst sie gemeinsam spielen, statt sie mit gezwungenem Lächeln zu bespielen. Ich kriege gerade ständig mit, dass immer mehr Familien sich danach sehen. Das Teuflische ist: Die meisten sind heute derart eingebunden in Verpflichtungen, dass ihnen Energie, Zeit und Geld dafür fehlen, etwas zu realisieren, was womöglich dazu führen könnte, mehr Energie, Zeit und Geld zu haben. Genau so geht es uns gerade. Und es kotzt mich an.

Inside #le1212

Ihr habt es in den Nachrichten mitbekomme, vielleicht.

Das ist bei uns vor der Haustür und der größte Krawall lief in der Straße, in der die Kita der Kinder ist. Und weil das so ist, will ich etwas dazu schreiben. Was ging hier ab? Was soll, was kann ich dazu schreiben?

Erst einmal: Nachrichtenmagazine suchen sich krasse Bilder raus. So „Krieg“ wie das in den Nachrichten wirken mag, war es nicht. Dass es Krawall geben würde, war mit Ansage. Warum? Siehe (zum Beispiel) hier: https://twitter.com/mauritz_berg/status/667306993829306369/. Dass die Nazis ihre Demos ausgerechnet hier angemeldet haben, war Provokation.

Vorgeschichte: Connewitz ist die Hochburg der Linken in Leipzig, in Sachsen, vielleicht sogar in Ostdeutschland. Die Nazis haben drei Demos in Connewitz angekündigt. Letztendlich wurden die – aus diversen Gründen – von Connewitz etwas weiter Richtung Stadtmitte, in die Südvorstadt verlegt und aus dem Sternmarsch, den die Faschos vorhatten, wurde eher ein Märschchen von 600 Metern. Angekündigt (und angemeldet) hatten die Nasen 400 Menschen pro Demo. Außerdem wurden mehrere Gegendemos angemeldet, in der kompletten Südvorstadt.

Zur Vorgeschichte gehören auch: Die Demos der LEGIDA-Rassisten wöchentlich, seit nun beinahe einem Jahr, schwankende Anzahl Menschen dort und bei den Gegendemos. Auch ich gehe nicht mehr jeden Montag dahin. Ich weiß nicht, wie viele hundert „Versammlungen“ es in diesem Jahr schon in Leipzig gab. Auch die Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten zähle ich dazu. Die steigenden Werte der AfD. Die Sticker auf Ortsschildern in und um Leipzig vor einigen Wochen: „Refugees in… not welcome„. Die ganze „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“-Scheiße.

Eine erste Gegen-Demo gab es schon am 11.12. abends. In der Nacht vom 11. zum 12. wurde am Büro eines Linken-Abgeordneten Scheiben eingeschlagen. Kurz-Bilanz ansonsten (Zahlen hab ich auch nur aus den Medien): 2500 Gegendemonstrant_innen. 130-150 Nazis. Haufenweise (!) Polizei in dicken Schutzanzügen, bewaffnet mit Schlagstöcken, Reizgas, 4 Wasserwerfer, ein Räumungsfahrzeug – soweit ich das sehen konnte. Und dann ist da noch die „Krawall“-Bilanz: Fliegende Pflastersteine, zerbrochene Schaufensterscheiben, Werbetafeln, Haltestellenhäuschen, einiges an Sachbeschädigungen (auch Freisitz-Inventar von Kneipen – die Karli, die hier vorn ist, ist die Ausgeh-Meile im Leipziger Süden… Hier reiht sich Café an Café), brennende Mülltonnen + Inhalte, brennender (Sperr-)Müll und Autoreifen.

Die Kinder waren bei meinen Eltern. Der gesamte Morgen war begleitet von Hubschrauber-Geratter, Geknalle (Böller?) und Polizei-Sirenen. Eine ziemlich ungewöhnliche Geräuschkulisse. (Ich frage mich, wie das für die Asylsuchenden ist, die eine Straßenecke von unserem Haus entfernt in einer alten Schule untergebracht sind…) Ich hab den Stand der Lage anfangs über Facebook, twitter und die Live-Ticker der Medien versucht, zu verfolgen. Die ersten heftigeren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und einigen der Anti-Nazi-Demonstrant_innen liefen zu dem Zeitpunkt offenbar schon. K. und ich mussten/wollten im Laufe des Tages eigentlich noch in die Innenstadt, Weihnachtsgeschenke und so. Es ist ziemlich seltsam, sowas vollkommen… bescheuertes vorzuhaben, während vor der Haustür das läuft… Einerseits haben wir uns gefragt, zu welcher Demo wir nun gehen. Und andererseits, wie und ob wir überhaupt in die Stadt kommen. Es fuhren ja keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Auto kam man auch nicht durch. Das nächste ungewöhnliche Gefühl: Man kann sich nicht frei bewegen, fühlt sich eingekesselt. Und das waren wir ja auch, irgendwie.

Als wir losgegangen sind, war es ca. 14 Uhr. Start für die meisten der Gegendemos. Wir sind mit den Rädern einfach ein paar hundert Meter gefahren und standen schon zwischen vielen Gegendemonstrant_innen. Die Nazis kamen offenbar gerade vorbei, was wir aber nur erahnen konnten, weil die Polizei Sicht und Weg komplett mit Wagenburgen verrammelt hat. Wir haben Krach gemacht… Und schlecht Luft bekommen, das fiel uns nach einigen Minuten schon auf. Die Polizei hatte an der nächsten Straßenecke offenbar massiv Tränengas eingesetzt. Wir haben nur das, was der Wind rübergeweht hat, abbekommen, und mussten dann echt da weg, weil die Augen tränten und das Atmen zunehmend schwer fiel. (Für mich mit Asthma echt ziemlich uncool…) Einige Menschen waren mit Kindern dort. Es ist tatsächlich auch mehr als fraglich, wie unter diesen Bedingungen ein Protest gegen den Nazi-Aufzug möglich sein soll. Über den Dächern der Häuserreihen steig Rauch auf – brennende Barrikaden – sprich: Mülltonnen, Sperrmüll, Mülltonnen-Inhalt, Autoreifen – auf der Karli.

Wir haben dann versucht, eine andere Stelle zu finden, an der wir gegen die Nazis laut sein können. Aber es war schlicht nicht möglich. Zwischen den Faschos und den Gegendemonstrationen hat die Polizei meterweite Korridore gezogen. Alles Seitenstraßen waren mit Polizeikontrollen versperrt. Da war kein Rankommen. Und genau das ist ja das Problem, was einige der Gegendemonstant_innen haben, die regelmäßig mit der Polizei heftig aneinandergeraten. Im Prinzip ist der Punkt: „Das ist unser Kiez und wir sehen nicht ein, dass Rassist_innen hier aufmarschieren!“ – beschützt und eskortiert von der Staatsgewalt und wohlgemerkt nur einige zehn Meter entfernt von einer Unterkunft für Asylsuchende, die nicht wenige der Intoleranten liebend gern abbrennen sehen würden – am liebsten inklusive der dort lebenden Menschen. Dass die Rechten hier langziehen können, sich an einem Platz treffen und dort ihren ätzenden Mist über Lautsprecher erzählen können – das ist, wogegen alle der Protestierenden sind. Sitzblockaden werden von der Polizei aufgelöst, damit die Rechten zu „ihrem Recht“ kommen, sprich: Die von ihnen angemeldete Demonstration (Merke: für Intoleranz, Fremdenhass und Nationalismus!) ungestört ablaufen kann. Soweit so… naja.

Hier gibt/gäbe es viel zu bereden, zu bedenken, einzubeziehen: Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, Meinungsfreiheit… Alles wichtige Dinge. „Keine Toleranz gegenüber Intoleranz!“ aber genauso. Wenn nun aber am selben Tag andere, ebenso offiziell angemeldete Demonstrationen von der Polizei mit Reizgas-Granaten beschossen werden, dann gibt das nicht nur zu denken, sondern macht wütend und fassungslos:

Wir suchen also nach einem anderen Standort, um das inakzeptable Gerede der Nazis zu übertönen, stehen an einem Platz (mit Spielplatz!) als eine zunehmend größere Gruppe Anti-Rassist_innen über den Platz gelaufen kommt… Kurze Zeit später kommen 4-6 Sixpacks angerast (!), stoppen mit Vollbremsung wenige Meter vor uns, die Türen gehen auf, die Polzist_innen springen raus und gehen direkt auf Menschen los. Mindestens auf zwei Menschen schlagen sie ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken ein, viele werden festgenommen. Ein Polizist sagt zu einem anderen:

Was wir haben, rein da – verarbeitet wird später!

Ja mit „Was“ waren hier die Gegendemonstrant_innen gemeint… Erst jetzt (!) fingen vereinzelte an, Steine zu schmeißen – insgesamt vielleicht 5-9 Stück. Die Polizist_innen stellen sich in Reihe auf, schießen mit Nebelpistolen und – wieder, wie so oft an diesem Tag – Reizgas-Granaten. Die Menschen werden von den Polizist_innen eigentlich ausschließlich angebrüllt… Die wirkten definitiv völlig überreizt / überspannt, adrenalingeladen,  und reagieren meiner Meinung nach (!) in vielen Fällen extrem unverhältnismäßig und übertrieben. Auch wir werden angefahren, dass wir jetzt da weg sollen. Der Platz wurde dann (mehr oder weniger) geräumt…

Zu dem Zeitpunkt waren die Nazis durch mit Marsch und Kundgebung. Die Krawalle gingen dann wohl noch weiter, Hubschraubergeratter und Sirenen blieben uns jedenfalls noch eine Weile erhalten. Als wir uns auf den Weg in die Innenstadt machten, mussten wir an einer Kreuzung länger warten, weil die Wasserwerfer gerade abfuhren… Ein dermaßen seltsames Bild und Gefühl. Du stehst mit deinem Rad an der Kreuzung, die du immer befährst, K. hat den Kinderhänger hinten dran. Neben euch: Sixpacks en masse – links und rechts. Vor euch: Vier riesige Wasserwerfer. Hinter euch: Noch mehr Polizei… Warum bloß fühle ich mich angesichts soviel „Staatssicherheit“ alles andere als sicher? Könnte vielleicht an dem Bildern in meinem Kopf liegen… Immer wieder das selbe Bild: Der Mann mit dickem Sicherheitshelm, Schutzanzug, Springerstiefeln, bewaffnet, ausgerüstet prügelt auf den jungen Typen in Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen ein… Keine Waffen.

In der Stadt dann Weihnachtsmarkt-Verkehr: Glühweingeruch. Langosz. Gebrannte Mandeln. KaufenKaufen. Irgendwie surreal. Mein Hals kratzt noch immer vom Tränengas.

Ich finde es bescheuert, den eigenen Kiez zu zerlegen. Ich verstehe auch nicht, was es mit Protest gegen Rassismus zu tun hat, das Schaufenster der selbstständigen Frisörin oder des kleinen Cafés an der Ecke einzuschmeißen. Ich glaube auch nicht daran, dass die, die „randalieren“, ausschließlich Leute aus anderen Städten sind, denen der Kiez hier egal ist. Ich glaube, dass sich bei dieser „Räuber-und-Gendarme“-Nummer eine Eigendynamik zwischen überspannten Polizist_innen und angepissten Anti-Rassist_innen entwickelt, bei der beide Seiten regelmäßig ziemlich sinnlosen, kontraproduktiven Kack machen. Außerdem ist natürlich der Kampf zwischen „Staatsgewalt“ und einigen Anti-Faschist_innen ein Nebenschauplatz, der hier gestern mal wieder zum Hauptschauplatz wurde. Polizisten, die Nazis dabei unterstützen, zu demonstrieren und ihre Intoleranz öffentlich und laut zu verkündigen und gleichzeitig Gegendemonstrationen angreifen, werden hier den Faschisten zugerechnet.. Und ich kann es ihnen angesichts dessen, was ich gesehen habt, nicht verübeln. Und brennende Barrikaden? Vielleicht geht’s hier um eine gewisse – so absurd es klingen mag – „Demo-Ästhetik“…

Ich weiß nur nicht, was wir nun – alles in allem – davon haben: Die Nazis sind gelaufen und haben geredet. Sachschäden sind zu bezahlen. Auch zukünftige Demonstrationen werden nicht einfach untersagt. Und die Medien kennen vor allem Thema: Ausschreitungen auf Seiten der Gegendemonstrant_innen. Und die Nachwehen der Auseinandersetzungen finden sich (mal wieder) in den Kommentarspalten.

Wichtig bleibt: Wo immer Nazis auftreten, sollten zehn Mal so viele antreten und lautstark, aber gewaltfrei zeigen, dass die nicht viele und nicht die meisten sind. Die wichtigste Message des gestrigen Tages sollte sein: Leipzig denkt bunt. Und das ist, was ich gern vor allem groß in den Medien lesen würde: In Leipzig (Sachsen) demonstrierten 130-150 für Intoleranz und 2500 für Toleranz und Vielfalt.

Sie flüchten. Wir flüchten. Keine Sicherheit. Nirgends.

Vielleicht denken einige von euch „Jetzt kommt die schon wieder mit dem Thema, ich kann’s nicht mehr hören.“ Ich kann es auch nicht hören und vor allem nicht mehr sehen, aber ich kann auch nicht lassen, darüber nachzudenken und ich kann mir nicht mehr zugestehen, nicht hinzusehen.

Ich kann es einfach nicht ab, in einem Land zu leben, das mitmacht in einem Zusammenschluss von Staaten, der so mit Menschen umgeht, wie es gerade, nein, eigentlich schon ewig, passiert. Es wird nur gerade so offensichtlich, so unübersehbar, weil die Massen von Geflüchteten vor unseren Haustüren und in unseren Urlaubsregionen ankommen, unter anderem weil der Winter ansteht und die Menschen versuchen, vorher noch nach Europa zu kommen und weil die Lage in den Krisenländern aussichtsloser wird (> lesenswerter Artikel dazu von adopt a revolution, eine Organisation, die friedliche syrische Aktivisten unterstützt: Warum kommen gerade so viele Geflüchtete nach Europa?) Wir können nicht mehr wegsehen. Wir können nicht mehr weitermachen wie bisher, uns unsere Wänste in unserem Wohlstandsland fettfressen und so tun als ob uns das alles nichts angeht.

Derzeit befinden sich weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl, die jemals von UNHCR verzeichnet wurde. Und sie wächst weiter. 2014 wurden 13,9 Millionen Menschen zur Flucht getrieben – viermal so viele wie noch 2010. Jeden Tag machten sich durchschnittlich 42.500 Menschen auf den Weg auf der Suche nach Frieden, Sicherheit und einem neuen Leben. (Quelle UNO)

Und hey, das ist ja ein Blog über Familienthemen, also:

Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

Dreißig. Millionen. Kinder.

Kinder, wie dieses hier:

osman sagirli

Ich habe mich in den letzten Tagen in die Syrien- bzw. Flucht-Thematik verstiegen, versucht zu verstehen und die ganzen kleinen und großen Details, auf die ich stoße, bereiten mir Magenschmerzen.

Da ist dieser wahnsinnig authentische Film vom 24-jährigen Durchschnitts-Generation Y’ler Hubertus Koch, der für 2-3 Wochen nach Syrien fuhr, um als Dokumentarfilmer ein Hilfsprojekt mit der Kamera zu begleiten und der so eindrücklich und unglaublich nah vermittelt, dass und wie seine Welt erschüttert wurde durch das, was er in Syrien erlebt hat. Die Welt braucht mehr Menschen, die solche ehrlichen Dinge schreiben, drehen, erzählen… Viel mehr!

 

Da ist Aylan Kurdi, dessen Bild mich mehrmals zum Heulen brachte und mir auf einen Schlag so deutlich klar machte, dass das Grenzregime der EU ein verdammt großer Teil des Problems ist.

Da ist die EU-Richtlinie 2001/51/EG, durch die Fluggesellschaften Unterkunft, Rückflug, Versorgung von Menschen bezahlen müssen, die sie – ohne Visum – in ein EU-Land transportieren und (!) die dann abgewiesen werden, denen Asyl nicht gewährt wird. Der letzte Punkt ist wichtig, denn Menschen aus Syrien wird in der Regel Asyl gewährt, d.h. die Fluggesellschaften müssten hier nichts befürchten und könnten diese Menschen einfach mitnehmen. Wenige hundert Euro kostet ein Flug von der Türkei nach Deutschland. Aber die Fluggesellschaften nehmen niemanden ohne gültiges Visum mit, denn dann müssten sie genauer/anders kontrollieren, wer da in die Flieger steigen will… Politische Entscheidungen würden dann quasi am Boarding-Schalter stattfinden, von Menschen, die damit eigentlich nichts am Hut haben. Also verweigern die Fluggesellschaften allen die Möglichkeit der sicheren Flucht und überlassen sie dadurch den Schleppern, den Gummibooten, dem Mittelmeer, den verriegelten LKWs, den verschlossenen Kisten, den Frachtern, den Kofferräumen. Warum gibt es keine Proteste, die die Fluggesellschaften aufruft, Zufluchtsuchende mitzunehmen??? Warum boykottiert niemand das Fliegen, wenn daran nichts geändert wird? Es macht mich krank, dass die einen auf dem Weg von der Türkei nach Deutschland vor allem die Frage beschäftigt, ob sie Menü 1 oder 2 wählen, während die anderen sich in Lebensgefahr begeben. Während Familien mit Kindern im Alter meiner Kinder mit unsicheren Booten versuchen nachts über’s Mittelmeer zu kommen und danach, falls sie es geschafft haben, tage- und wochenlang und über weite Strecken zu Fuß versuchen, sichere Länder zu erreichen, über Berge, in der prallen Hitze, teilweise ohne Schuhe, ohne Kleidung, ohne Essen, ohne Wasser… Auf der selben Route über’s Mittelmeer, die das Boot von Alyan und seiner Familie genommen hat, fahren täglich Fähren. Kinder unter 6 Jahren fahren kostenlos mit. Es ist so unglaublich, so – entschuldigt das Pathos! – beschämend für die Menschheit, dass sowas geht! Das sind doch alles Menschen! Es ist so unbegreiflich, dass alles das passiert und ich bin hier und habe das Gefühl, überhaupt nichts daran ändern zu können. Ich kann, ich will aber keine „Mein Arsch an meine Wand“-Haltung einnehmen! Mir geht das nicht am Arsch vorbei, sondern verdammt nah.

Da ist das Dublin-Verfahren, das regelt, dass Asylsuchende sich in dem europäischen Land registrieren lassen und um Asyl bitten müssen, das sie zuerst betreten, was schon für einen Laien ganz offensichtlich nicht hinhauen kann, gerade auch vor dem Hintergrund der gerade erwähnten EU-Richtlinie. Die einzige Möglichkeit, europäisches Festland zuerst in Deutschland (oder Schweden oder Dänemark…) zu betreten, ist nun einmal das Flugzeug. Da das nicht geht, flüchten die Menschen in den besagten Booten. Eine Freundin, die arabisch spricht und in dem Bereich sehr aktiv ist erzählte mir gestern, dass es eine Facebook-Gruppe gibt, in der Notrufe geteilt werden, wenn Boote kentern, damit die Küstenwache informiert werden kann. Sie meinte, dass jede Nacht mindestens 6-8 Notrufe eingehen. (In diesem Video sieht man, wie diese Flucht per Boot (und das Kentern) passiert… Die Motoren fallen ständig aus, ständig!) Und dann ist das erste europäische Land, das die Menschen erreichen nun einmal Griechenland. (Die haben’s ja eh gerade so dicke…) Also lassen Griechenland, Mazedonien und Serbien die Geflüchteten ziehen, stellen Kurz-Visa aus und umgehen so das Dublin-Verfahren mehr oder weniger. Dann kommen die Fliehenden nach Ungarn. Was da abgeht, ist unter aller Würde…

 

Die Ungarn haben die Grenze nun dicht gemacht und die Polizei geht mit Tränengas und Gummi-Geschossen auf die Menschen los. Ich frage mich ernsthaft, wo die Menschen hin sollen. Griechenland schiebt sie weiter, Mazedonien schiebt sie weiter, Serbien schiebt sie weiter. Ungarn macht zu. Deutschland jetzt auch. Könnt ihr euch vorstellen, wie sich sowas anfühlen muss? Wenn in der eigenen Stadt, im eigenen Land Krieg ausbricht und es plötzlich jeden Tag um Leben und Tod geht? Wenn du dich nicht mehr fragst, ob deine Kinder in den Turnschuhen vielleicht nasse Füße bei dem regnerischen Wetter bekommen oder ob das Jäckchen zu kühl ist, sondern ob ihr – ob sie – den Tag überleben werden? Wenn die Frage nicht heißt „Gehen wir nachher noch auf den Spielplatz oder in den Wald?“, sondern „Wann wird wo die nächste Bombe hochgehen?“? Vielleicht hilft das hier dabei:

 

Und dann fliehst du mit deiner Familie, lässt alles zurück… Fotos, Erbstücke, Wohnung, Möbel, Spielzeug der Kinder, Klamotten…; ihr verkauft, was ihr besitzt, um die Flucht zu bezahlen; ihr gebt alles, was ihr an Geld habt, irgendwelchen dubiosen Typen; setzt euer und das Leben eurer Kinder noch einmal auf’s Spiel, um nach Europa zu kommen und merkt dann, wenn ihr es bis nach Europa geschafft habt, dass ihr nirgends – nirgends willkommen seid. Ihr werdet hin- und her geschoben, rumgeschubst, in Lagern zusammengepfercht, es stinkt, die hygienischen Zustände sind katastrophal, die Menschen behandeln euch abschätzig, wie Tiere… Deine Kinder spielen im Müll…

 

Oder ihr verliert euch

Österreich und vor allem Deutschland hatten eine humanitäre Woche, haben Dublin ausgesetzt und signalisiert, dass die Geflüchteten kommen können. Jetzt kommt die „Rolle rückwärts“. „Nee, könnt doch nicht kommen. Deutschland sei „an seiner Belastungsgrenze“. Wie absurd das ist! Die Menschen sind angesichts dieser Kehrtwende am Boden zerstört! Durch die Signale der Bundesregierung haben sich sehr, sehr viele Menschen auf den Weg gemacht, Ziel Deutschland. Endlich Sicherheit! Endlich Schutz! Endlich Ankommen! Endlich heißt uns ein sicheres Land Willkommen! ENDLICH!!! Merkel hat den Menschen Hoffnung gemacht, sie haben sie gefeiert.

 

Wie kann die Regierung dieses Landes dieses Hin und Her verantworten, um „mal eine Verschnaufpause“ zu haben?!?!? EINE VERSCHNAUFPAUSE!!!! Was ist mit den Menschen, die seit Jahren – in anderen Ländern seit JAHRZEHNTEN – keine verdammte Verschnaufpause hatten, weil sie jeden Tag damit rechnen müssen, dass ihr Haus oder Kind weggebombt wird, unter anderem durch Waffen und Panzer, die Deutschland denen am Abzug verkauft hat?! Was bitte ist mit deren „Verschnaufpause“???

Reisen in oder aus Europa darf man also nur mit Visum. Und wie bekommt man ein Visum? Man muss vor allem nachweisen, dass man Geld hat. Dazu kommt, dass es fast unmöglich ist, in den Botschaften im Ausland Visa zu beantragen. In Damaskus gibt es schon lange keine Botschaften mehr und in der Türkei bekommt man offenbar keine Termine vor Sommer 2016. Die Flucht kostet wahnsinnig viel Geld, das wissen wir nun alle aus den Medien. Aber woher haben die Menschen das? Sie verkaufen alles, was sie haben. Die Familie sammelt vielleicht, wenn überhaupt noch Geld da ist. So war es im Fall von Alyan Kurdis Familie. Da haben viele Menschen gebürgt, damit sie ein Visum für Kanada bekommen. Es wurde ihnen versagt. Begründung? Keine. Willkür. Oder die Menschen arbeiten in Transitländern wie der Türkei und sparen, wo sie nur können. Sie teilen sich manchmal zu 10. ein kleines Zimmer und essen nur, wenn es wirklich sein muss. Und warum kann man nicht von einem anderen Land aus Antrag auf Asyl in einem EU-Land stellen? Man muss es persönlich tun, sich auf dem Boden des Landes befinden, in dem Asyl beantragt wird, seine Fingerabdrücke abgeben. (Ich war gestern auf dem Bürgeramt, um mir einen neuen Personalausweis zu besorgen. Die Dame fragte mich: „Wollen – WOLLEN! – Sie ihre Fingerabdrücke abgeben?“ Ich so: „Hmmmmnööö…“.) Fazit: Es gibt viele Regelungen, die es Menschen erschweren bzw. fast unmöglich machen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig sorgen wir Wohlstandsnationen mit Waffenexporten in Milliardenhöhe mit dafür, dass es in diesen Ländern nicht sicher ist, nicht sicher sein kann und in naher Zukunft auch nicht sicher werden wird. Deutschland wird 2015 etwa 10 Milliarden Euro in die Flüchtlingshilfe stecken… In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden Rüstungsexporte in Höhe von insgesamt 6,35 Milliarden Euro genehmigt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage van Akens hervorgeht. Der Wert ist damit bereits fast so hoch wie im gesamten Jahr 2014. (Quelle) Und dann behauptet die Regierung dieses Landes, dass sie sich die Flüchtlingshilfe nicht leisten können??? Soll das ein Witz sein??? Das ist ja fast ein System der Selbsterhaltung: Unruhen in einem Krisenland > Waffen aus dem Ausland (z.B. Deutschland) > Einnahmen aus Waffenhandel (für Deutschland) in Höhe von 6-12 Milliarden Euro > bewaffneter Krieg im Krisengebiet > Kriegs-Opfer bzw. Lebensbedrohung > zunehmende Flucht aus dem Krisengebiet in reiche, sichere Länder (z.B. durch Waffenexporte) > Ausgaben Flüchtlingshilfe > dafür brauchen wir Geld (zum Beispiel aus Waffenverkauf). Liefert keine Waffen und es gibt weniger Flüchtlinge. Punkt.

Offiziell liefert Deutschland zwar keine Waffen nach Syrien, aber in andere Gebiete im nahen Osten, die früher oder später auch in Syrien landen können. Aber Deutschland beliefert zum Beispiel den Irak. 86 Millionen haben wir (WIR!) allein 2014 an Waffenverkäufen an den Irak verdient. Nicht wenige der Asylbewerber kommen von dort und bitten in Deutschland um Asyl: 10.500 Menschen aus dem Irak haben allein 2015 Asylanträge in Deutschland gestellt. Und dann wird allen ernstes darüber diskutiert, ob aus dem Irak geflüchtete als schutzbedürftig eingestuft werden? In was für einer Welt leben wir eigentlich? Und ja, es werden wohl Waffen in den Irak geliefert, um den Kampf gegen den IS zu unterstützen. Nach Syrien werden aber keine geliefert, obwohl genau das dort auch ein Thema ist. Wie wird das denn begründet? Warum dann diese Ungleichbehandlung? Ach jaaa… In Syrien gibt es ja noch das Assad-Problem.

Genau. DAS Assad-Problem. Denn das ist, was ich früher oder später immer von Menschen aus Syrien höre:

 

Denn was das Assad-Regime dort anrichtet, ist zum Beispiel sowas:

ACHTUNG!!! TRIGGER-WARNUNG!!! DAS VIDEO ZEIGT UNZENSIERTES MATERIAL AUS SYRIEN NACH EINEM GIFTGAS-ANSCHLAG!!!

 

Ja, diese Bilder sind unerträglich. Aber ich kann – genau wie im Fall von Aylan Kurdi – nur denken: Die Menschen MÜSSEN das sehen. Wir MÜSSEN ENDLICH hinsehen, nachdem wir viel zu lange weggesehen haben. Müsst ihr nicht auch an Nazi-Deutschland denken? Habt ihr nicht auch diese Frage im Kopf, warum sich damals nicht mehr Menschen gegen Hitler, gegen sein Regime und vor allem gegen die Judenverfolgung, gegen die Konzentrationslager, gegen die Euthanasie gewehrt haben? Warum haben alle mitgemacht? Warum haben alle weggesehen als Millionen von Menschen erst ausgegrenzt wurden und dann nach und nach verschwanden, die Leichen sich zunehmend in Gruben stapelten und merkwürdiger Rauch aus Arbeitslagern aufstieg? Warum haben sie – verdammt nochmal – nicht hingesehen, was dort passiert??? Wir leben im Jahr 2015, im digitalen Zeitalter globaler Vernetzung. Für uns ist es noch schwerer, nicht hinzusehen. Für uns wird es noch schwerer sein zu rechtfertigen, warum wir weggesehen haben, obwohl wir alle Möglichkeiten hatten, hinzusehen. Ich wiederhole, was ich schon auf meiner Facebook-Seite in Bezug auf den Umgang mit dem Bild des toten dreijährigen Aylan Kurdi geschrieben habe:

Doch, man muss hinsehen. Ich kann es nicht, ohne zu weinen. Und beim Anblick des Kindes ist mir die ganze Wucht, das ganze Ausmaß und das drängende Problem bewusst geworden. Mir wird schlecht, mein Herz krampft und ich will unbedingt, dass sich das ändert! Wir leben in diesem Europa; wir lassen das – SOWAS – zu?! Ich will das nicht! Der Vater selbst sagt, die ganze Welt soll das sehen. Ich kann nicht verstehen, wie hier von Sensationsgeilheit oder von „Geschmacklosigkeit“ die Rede sein kann, warum das zum Thema wird, obwohl es doch um etwas ganz anderes gehen sollte! Warum reden wir darüber, ob man dieses Bild zeigen darf oder nicht, während jeden Tag tausende von Kindern sterben??? Von „Geschmack“ in dem Zusammenhang überhaupt zu reden, das ist geschmacklos! Niemand darf hiervor die Augen verschließen! Ein Kind ist ein Kind ist ein Mensch. (…) SCHAUT! NICHT! WEG! Denn DAS ist die Realität, gegen die wir nicht laut genug etwas unternehmen. Wir hier in Europa hängen da ALLE mit drin!

Und auch dieses so schmerzhaft passende Zitat von Rosa Luxemburg muss ich an dieser Stelle wiederholen:

Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln.

Aber wie kann man diesen Krieg in Syrien beenden? Wie soll das gehen? Die Welt hat bisher eine „Geht uns nichts an“ / „Was sollen wir denn machen?“-Haltung gehabt. Ich hatte die auch. Hubertus Koch ebenfalls… Aber das sind diese Hilferufe aus Syrien. Was sollen, was können wir tun?

Und wir? Wir kümmern uns um die, die es überhaupt nach alle den Strapazen bis hierher schaffen… Um die, die hier eigentlich gar nicht sein wollen. Um Menschen, die nie in die Situation kommen wollten, ihre Heimat verlassen zu müssen.

Ja, große Hilfsbereitschaft in Deutschland. Das ist gut. Die Fremdenfeinde sind nicht die Einzigen hier. Wir wollen helfen. Ich bin Teil von Blogger für Flüchtlinge. 115.000 Euro in 3 Wochen haben wir gesammelt, viele Projekte unterstützt. Die 2500 Euro-Geldsammlung für eine Großbestellung Unterwäsche, die ich organisiert habe, dauerte kaum 48 Stunden, eine weitere offene Sammlung für noch mehr Unterwäsche wird folgen. Als ich meine Sammlung geplant habe, gab es eine Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig für 450 Menschen. Inzwischen sind 2200 Plätze dazugekommen, deshalb sammle ich wieder bzw. weiter, um mehr Unterwäsche bestellen zu können. (Wer sich an der Unterwäsche-Großbestellung beteiligen möchte, kann das hier tun.) Ich sammle Geld für Unterwäsche… UNTERWÄSCHE! Einfach weil das der konkrete Bedarf hier vor Ort ist, der mir kommuniziert wurde und ich wenigstens irgendetwas tun wollte, was akut hilft. Ein Gefühl, dass wahrscheinlich viele haben, die versuchen den Geflüchteten in diesen Tagen irgendwie zu helfen. „Du kannst nicht die ganze Welt retten“ hat meine Mutter nach meinen letzten Blogartikeln gesagt. Ich weiß. Scheiße. Während ich diesen Text hier schreibe, sollte ich eigentlich an einer wissenschaftlichen Arbeit für die Uni arbeiten. Aber ich kann nicht. Ich kann mich einfach nicht darauf konzentrieren. In wenigen Tagen fahren wir in den Urlaub. Nach Kroatien. Über die österreichische Grenze. Ich bin so gar nicht in Urlaubsstimmung. 

#bloggerfuerflüchtlinge hat jetzt jedenfalls das Profil etwas geschärft: Die gespendeten Gelder sollen zukünftig vor allem an Projekte weitergeleitet werden, deren Hilfe im Bereich Kinder und Kommunikation angesiedelt ist. (Ha! Das war die Information, um die es eigentlich in diesem Beitrag gehen sollte…)

Das Helfen hier vor Ort ist gut und wichtig. Aber was ist mit den Ursachen? Es gibt verschiedene Teilgebiete auf dieser riesigen Großbaustelle: Da sind 1. die komplexen Situationen in den Krisenländern. Da sind 2. die Bedingungen, die die Flucht in sichere Länder erschweren und das Flüchten der eh schon mit der Welt fertigen Menschen zum lebensgefährlichen Wagnis machen, das nicht wenige mit ihrem Leben bezahlen.  Und da ist (erst) 3. die Art und Weise wie mit Schutzsuchenden umgehen, die es – trotz aller Hindernisse – tatsächlich bis hierher geschafft haben. Und dann gibt es Unmenschen – nicht wenige! -, die deren Unterkünfte abbrennen. Ich kann das überhaupt nicht fassen… Was muss das für die Menschen bedeuten, die glauben, hier nun endlich wenigstens in Sicherheit zu sein, vorm Feuer?

Denn wenn sie es nach Deutschland geschafft haben, was gut einen Monat oder länger dauern kann, geht die Odysee auch offiziell weiter. Zufluchtsuchende sind den deutschen Behörden ausgeliefert, ihre Würde und ihre Selbstbestimmungsrechte geben sie fast vollständig ab. Sie müssen sich registrieren und werden dann in eine Erstaufnahmeeinrichtung in irgendeinem Bundesland verteilt. Darauf haben sie keinen Einfluss. Dann dürften sie sich von dort für die Dauer der Bearbeitung ihres Antrags nicht wegbewegen (Residenzpflicht). Sie sollen jederzeit erreichbar sein. (Warum zur Hölle gibt es diese Residenzpflicht in Zeiten von Internet und Smartphones, die gerade Geflüchtete in aller Regel besitzen??) … Sie werden ausgestattet, sie werden versorgt. Es ist unklar, wann sie vorsprechen müssen, um ihre private Geschichte zu erzählen, über die dann geurteilt wird. Reicht die Scheiße, die ein Mensch erlebt hat aus, um ihn nicht in die Scheiße zurückzuschicken? In den Einrichtungen haben sie keine Privatsphäre, sie schlafen auf Liegen dicht an dicht oder in Zelten. Sie haben keine Beschäftigung. Das ist wohl eins der größten Probleme… Sie kriegen 140 Euro „Taschengeld“, soweit ich weiß. (Arrrgh, wie mich schon allein diese Begrifflichkeiten rund um das Thema aufregen Flüchtlinge, Taschengeld, … Meine Fresse! Das sind erwachsene Menschen, nicht selten haben sie studiert und in großen Städten wie Damaskus ein „ganz normales“ Leben geführt!) In anderen Ländern wie Ungarn oder Griechenland sind die Zustände in den Lagern noch um einiges schlimmer. Die Zustände dort sind menschenunwürdig.

 

Bei uns ist das vielleicht etwas weniger der Fall, aber es bleibt dennoch so. Bei vielen Asylsuchenden dauert die Bearbeitung der Anträge Jahre. In der Zeit sind die Menschen nicht mehr von Bomben bedroht, aber sie sind de facto auf Standby, was zu Bedrohungen ganz anderer Art führt. Depressionen. Wieder Konflikte. Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

Wir sind eins der reichsten Länder dieser Erde. Wir sind das Land, dass nach den USA und Russland am meisten Geld mit Rüsungsexporten verdient. Und wir sprechen gleichzeitig davon, dass wir den Menschen, deren Zustand wir zumindest mit-verursachen nicht besser helfen können.

Ich wollte eigentlich nur einen kurzes Update zur Blogger für Flüchtlinge-Initiative geben. Nun ist es doch wieder ein Sermon geworden, der kein Ende und keine Lösung hat, nur einen Haufen Schmerz, Wut und Fragen. Ich fühle mich gerade sehr hilflos und sehr ohnmächtig. Und ich habe wirklich eine verdammte Scheiß-Wut auf die Konservativen und Fremdenhasser in diesem Land und in diesem Europa.

Man soll sich ja trauen in Utopien zu denken: Vielleicht wäre eine Umsortierung der Welt entsprechend Gesinnungen eine Lösung. Alles noch einmal auf Start. Menschen, die in Vielfalt leben möchten, zusammen in ein grooooßes Land. Gruppierungen, die unter sich bleiben wollen, in jeweils eine anderes. Sollen sie doch die Grenzen zu machen und in ihrer je eigenen reinen Suppe kochen. Ich will hier nicht nur Weißbrote haben.

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Rousseau hatte Recht:

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.

… bzw. ist es genau dieses territoriale Besitzdenken meiner Meinung nach die Wurzel des Problems.

#bloggerfuerfluechtlinge (1)

Im letzten Beitrag habe ich zum Thema Zufluchtsuchende geschrieben, dass ich ständig dieses „da muss man doch mehr tun (können)“-Gefühl habe. Wenige Stunden später habe ich die Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ entdeckt. Bei der Kampagne geht es darum, dass sich Menschen zusammenschließen, um sich gemeinsam a) für Zufluchtsuchende und b) gegen Fremdenhass lautstark zu machen. Gute Aktion. Mitmachen kann übrigens jede/r, nicht nur Bloggende!

Innerhalb von 3 Tagen wurden fast 30.000 Euro 7 Tagen wurden 40.000 Euro gesammelt. Das ist wohl nicht schlecht… Mit den Spenden über die Betterplace-Kampagne werden bundesweit verschiedene regionale Flüchtlingshilfe-Projekte  unterstützt. In dieser Übersicht könnt ihr nachvollziehen, welche Projekte bisher Geld erhalten haben (Stand: 28.08.2015):

Spenden für Flüchtlinge in Berlin Moabit/ Bürgerinitiative „Moabit hilft!!“
Teachers on the road
BieBie One – Nähwerkstatt für Flüchtlinge
Making a difference for refugees in Munich
Kinderlachen kehrt zurück!
Kinder stärken! Hilfe für Flüchtlingskinder
Refugees Solidarity Mainz
Ein Zuhause für syrische Flüchtlinge 
Unterstützung junger Flüchtlinge in Aalen
Chancen statt Grenzen e.V. – Für Flüchtlinge & Hilfsbedürftige in Neumarkt
Miteinander reden können – Deutschkurse für Flüchtlinge
Flüchtlinge Willkommen
Sächsischer Flüchtlingsrat e.V.
Über den Tellerrand kochen I Für ein WIR aus Flüchtlingen und Einheimischen
Raum für Hilfe – Unterstützung für Flüchtlinge in Krefeld
Solidarität mit den Menschen in der Flüchtlingsunterkunft Wolfhagen
Schenke Kindheit! Spende Spielgeräte für Flüchtlingskinder!
Refugees welcome – Karoviertel Hamburg

Die Initiatoren der Kampagne sagen zur Verteilung der Spenden:

Wir sind in enger Abstimmung mit Betterplace, um die richtigen Projekte zur Flüchtlingshilfe zu identifizieren und zu unterstützen.

Björn von Betterplace.org hat mir erklärt, wie das mit dem Geld konkret abläuft:

Die eingehenden Gelder liegen „virtuell“ auf der Sammelseite bei betterplace.org. Die Initiatoren verteilen das Geld dann von dort an die einzelnen Projekte (konkret macht das Paul Huizing von lecker-essen.com). Wieviel Geld welches Projekt bekommt, kann man ganz unten auf der Sammelseite sehen. Das betterplace-Team unterstützt bei der Projektauswahl. Dabei wird insbesondere auf eine breite regionale Streuung geachtet sowie auf konkrete Umsetzungsprojekte.

Wenn in eurer Stadt konkret Hilfe gebraucht wird – in Leipzig braucht es aktuell z.B. Männer-Unterwäsche und Obst – können neue Projekte kostenlos auf betterplace.org angelegt werden.

Außerdem hat ein Hamburger EDEKA-Laden eine – wie ich finde – super Aktion gestartet:

SPENDEN für Flüchtlinge: Sie kaufen ein ganzes Paket an extra bereitgestellten Artikeln wie z.B. „Zahngel, Windeln, Duschgel, Shampoo, Deospray, Zahnbürsten, Damenbinden usw.“, zu unserem Einkaufspreis. An der Kasse können Sie die Artikel abgeben, und wir sorgen für den Transport zu den Flüchtlingsunterkünften am Volkspark und an den Messehallen. Helfen Sie mit!

Ich habe lokale Supermärkte kontaktiert und angefragt, ob solche Aktionen nicht auch hier möglich gemacht werden können. Das könntet ihr auch machen! Außerdem habe ich mich bei den Johannitern gemeldet, die die Hilfe in den Leipziger Notunterkünften organisieren und gefragt, was gerade dringend benötigt wird. Antwort: Unterwäsche und Obst. Also versuchen wir, eine Spendensammlung für Unterwäsche zu organisieren und ich habe Fruchtgroßhändler angeschrieben, um in Erfahrung zu bringen, inwiefern sie zum Spenden bereit wären.

Und total wichtig: Wie man „richtig“ spendet (und wie bitte nicht), das lest ihr hier: Die 4 Typen von Kleiderspendern und hier: Entsorgen Sie noch oder spenden Sie schon?, konkret auch noch einmal hier: Ihr wollt Kleider für die Flüchtlinge spenden? So geht’s! – durch die Artikel habe ich auf jeden Fall etwas dazu gelernt!

Wer etwas Zeit übrig hat, sollte seinen Hintern einfach zum Flüchtlingsrat seiner Stadt bzw. direkt zu den Unterkünften schieben und fragen, wo er wie helfen kann, wie es zum Beispiel Mareice von kaiserinnenreich getan hat. Hier hat sie über ihre Erfahrungen geschrieben: Was ich nicht weiß.

Werdet aktiv, Leute!

Vom „richtigen“ Umgang mit Kindern

Das ist doch, worum wir irgendwie alle ringen. Wie sollten wir mit Kindern umgehen? Als Eltern? In pädagogischen Institutionen? als Gesellschaft?

Willst du ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn du mit (deinen) Kindern umgehst? Hast du dich das mal gefragt? Du, Elter? Du, Erzieherin? Du, Lehrerin? Du, Sozialarbeiterin? Du, Kindertherapeutin? Was ist das Ziel, das du im Kopf hast? Was soll am Ende dabei rauskommen, wenn du dir jetzt was wünschen könntest? Welche Art von Menschen siehst du neben dir: Du als alte Omi / alter Opi darfst die Menschen um dich versammeln, auf die du stolz bist, bezüglich derer du guten Gewissens sagen könntest: „Ich hab einen guten „Job“ gemacht.“? Wie sehen sie aus? Wie sind sie? Was tun sie?

Was für Zielvorstellungen hast du im Kopf? Welche Vorstellungen leiten dein Handeln Kindern gegenüber? Was möchtest du – im Idealfall – erreichen? Soll aus den Kindern, die du in einer eine bestimmte Art und Weise behandelst, eine bestimmte Sorte erwachsener Menschen werden? Willst du Mündigkeit erreichen, einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung? Oder hast du Menschen mit einer kritischen Geisteshaltung im Sinn, widerständige, subversive, die nicht einfach mitmachen, die alles hinterfragen? Oder willst du erfolgreiche Menschen, die zum wirtschaftlichen Fortschritt des Landes beitragen? Fleißige, ehrgeizige, kluge, innovative oder wenigstens fleißige und produktive, jedenfalls auf keinen Fall nicht faule, doofe Menschen? Sowas? Willst du, dass die ganzen möglichen Potenziale, die so ein Exemplar der Gattung „Mensch“ womöglich in sich hat, sich entfalten – willst du einen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder, mit denen du jetzt umgehst, später mal Menschen werden, die alles oder wenigstens so viel wie möglich bestmöglich können? Ist dir vor allem wichtig, dass die Menschen später mal gut zurechtkommen, in Wohlstand leben, gesund sind und ein zufriedenes und komfortables Leben führen? Menschen also, die flexibel statt festgefahren, die schlüsselkompetent und anpassungsfähig sind? Oder ist dir eher wichtig, dass Kinder zu vollwertigen, wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden? Willst du, dass aus den Kindern, mit denen du umgehst, Menschen werden, denen es wichtig ist, so wenig Arschloch wie möglich zu sein, wenig Schaden anzurichten und Gutes zu tun? Willst du, dass die Kinder später mal vor allem widerstandsfähig sind, dass sie sich durchbeißen können? Sollten die Menschen, die durch dich beeinflusst werden, im Einklang mit sich und der Natur sein?

Oder willst du genau dieses Denken vermeiden? Willst du gar keine bestimmte Zielvorstellungen im Kopf haben? Ist es dir vor allem wichtig, dass sich das Innere der Kinder frei entfalten kann? Dass sie ihre Neigungen und Talente entdecken und zum Ausdruck bringen können? Dass sie irgendwie möglichst unverzogen und -manipuliert und wenig verstellt und von sich selbst entfremdet heranwachsen, eigene Erfahrungen machen, sich eigene Meinungen vor allem aus sich heraus bilden und sie selbst bleiben? Willst du also glückliche Menschen, die ganz bei sich sind und mit sich im Reinen?

Was ist dieses „erziehen“ überhaupt? Wann fängt „erziehen“ an und wo hört es auf? Wozu ist es gut? Hat Erziehung immer ein bestimmtes Ziel? Und wenn ja, was ist deins? Wie ist das mit der Selbstbestimmung / Individualität auf der einen und der Anpassung / Gesellschaft auf der anderen Seite? Was ist dir wichtiger: Anpassung oder Widerstand? Wie sieht für dich eine gelungene Balance dieser beiden Extreme aus? Und wie ist das mit heute und morgen? Ist das kindliche (er)leben im Hier und Jetzt wichtig? Oder kommt’s vor allem darauf an, was und wie die Erwachsenen sind?

Die Frage ist, wie wir Kindern gerecht werden. Einerseits. Wie kann man mit Kindern umgehen, sodass es ihnen gut geht, was entspricht ihnen? Was brauchen sie? Was ist gut für sie? Wie geht man „richtig“ mit Kindern um – was brauchen sie, was tut ihnen gut, hier und heute, in diesem Moment. Brauchen sie vor allem Selbstbestimmung, Freiheit, machen-lassen? Oder brauchen sie mehr Anleitung, Grenzen, vormachen, Orientierung, Struktur? Und wie soll man darauf kommen, was sie brauchen? Was zeigt uns „japp, das ist genau das, was dieses Kind jetzt gerade braucht.“? Und was ist dann mit sowas wie „Manchmal muss man sie zu ihrem Glück zwingen.“ oder „Das kann sie doch gar nicht einschätzen.“? Worum geht es beim Aufwachsen? Geht es vor allem darum, zu sich zu kommen, sich zu finden und auszuleben, sich selbst zu verwirklichen und dabei so wenig wie möglich gestört zu werden? Sollten wir also einfach nur ermöglichen, dass sich unsere Kinder vielfältig mit den Dingen, die sie umgeben, auseinandersetzen können und gut? Oder geht es vor allem darum, in der Gesellschaft an- und klarzukommen? Ist es also wichtig, dass man sie Maßregelt, ihnen zeigt, was nicht geht und was gut geht?

Was soll sowas wie „Selbstverwirklichung“ sein? Glaube ich an sowas wie ein „wahres Ich“, dass sich entfalten könnte? Und glaube ich daran, dass es möglich ist, das „in sich selbst“ zu finden? Bin ich Bestimmerin im eigenen (inneren) Haus? Kann ich denn alles über mich erfahren? Ist das möglich? Oder bleiben da nicht immer Anteile, über die ich nicht verfüge, die ich nicht erklären, nicht in Worte fassen kann? Vielleicht ist es gerade das, dieser Anteil, den ich nicht erklären, nicht entschlüsseln kann, vielleicht weist gerade das ja wirklich auf sowas hin wie das „wahre Ich“… Vielleicht gibt es das doch. Aber komme ich da ran? Kann ich dieses „wahre Ich“, was ich manchmal fühle, auf den Begriff bringen? Macht das Sinn? Ist unsere allgemeine Sprache dazu geeignet, sowas individuelles – wenn es das denn gibt – auszudrücken? Muss man „sich selbst“, selbst wenn man es wahrnehmen könnte und ausdrücken wollte, nicht zwangsläufig mit dieser allgemeinen Sprache verfehlen? Kann ich mich ausbuchstabieren, mich vollständig transparent machen? Hab ich mich im Griff? Ja, muss man! Das wird uns jedenfalls immer suggeriert: Man muss doch wissen, wer man ist. Man muss doch erklären, warum man das getan hat. Man ist doch jemand ganz Bestimmtes, eine (er)fassbare Einheit, eine Identität… Kann ich wirklich mit Gewissheit erklären, warum ich etwas gemacht, warum ich mich letztendlich für A. und nicht für B. entschieden habe? Sind wir Menschen denn so total rational? Wer spricht da, wenn ich spreche? Wenn ich genau hinschaue, dann merke ich, dass ich schon das Sprechen nicht im Griff hab… Die ersten Sätze kann man sich noch zurechtlegen, aber danach? Selbstläufer. Hat man sich also wirklich im Griff? Und ist dieses – sich Selbst (er)kennen, sich im Griff haben – denn überhaupt ein sinnvolles Menschenbild? Glaube ich an sowas wie absolute „Selbstbestimmung“? Ist es überhaupt möglich, sich von allen äußeren Einflüssen komplett frei zu machen und Urteile einzig und allein aus sich selbst heraus zu fällen? Sind wir nicht immer verstrickt in unsere Beeinflussungen? Sind unsere Beeinflussungen und unser eigenes „Ich“ überhaupt voneinander zu unterscheiden?

Wie gehst du mit (deinen) Kindern um? Woran orientierst du dein Handeln? Was ist dir wichtig? Worauf legst du wert? Wie erziehst du sie? Welche Handlungen machst du? Wie sprichst du mit ihnen? Wie reagierst du auf ihre Gefühlsäußerungen, auch auf die heftigen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was dir nicht passt? Was sind das für Dinge, die dir nicht passen? Und was denkst du, warum es genau die sind, die dir nicht passen? Wie reagierst du, wenn sie etwas tun, was du gut findest? Was findest du „lobenswert“? Hinterfragst du all das? Oder verlässt du dich auf dein Gefühl und machst einfach? Und wenn ja: Wie geht das? ;-)

Was an der Vereinbarkeits- und Demographie-Debatte nervt

So ziemlich alle großen und kleinen Medien haben jüngst vom Mal wieder großen, aber eigentlich gar nicht so neuen Schock berichtet: Die seit einigen Jahren so unerträglich beliebten – und viel zu selten kritisch hinterfragten –  OECD-Ländervergleichsstudien haben das Demographie-Fass aufgemacht. Deutschland. Ist. Das. Land. Mit der. Niedrigsten. Geburtenquote. Achduscheisseunnu? Unter anderem Stefanie Lohaus hat das in ihrem Artikel „Land ohne Kinder“ für die FAZ aufgegriffen und kommentiert. 

Dass in diesem Land familienunfreundliche Politik betrieben wird, sehe ich nicht anders als die meisten Autor_inn_en. Meiner Meinung nach spielen davon abgesehen aber auch andere, in der Debatte unterbelichtete Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, dass die Menschen ausgehend vom 18. Jahrhundert noch kompromissloser im Individualismus angekommen sind, der im übrigen ganz hervorragend zum gegenwärtigen absurden Turbo-Kalitalismus passt. Wenn dem politisch nicht Paroli geboten wird, wie etwa in den skandinavischen Ländern, und tatsächlich umfangreiche Anreiz-Systeme fürs  Familiegründen geschaffen werden, dann sieht’s halt schnell so finster aus. Aaaaaaber –  und dann bin ich auch schon bei meinem Knackpunkt:

Richtig nervig finde ich an der Debatte um die Probleme der (Un-)Vereinbarkeiten (stets in Bezug auf Familie und Karriere) und des damit zusammenhängende Demographiewandels, dass das Problem – wie so häufig – so gnadenlos unkritisch innerhalb der klar abgesteckten Mauern der OECD-Religion verhandelt wird. Denn was wird da immer und immer wieder als das vorrangiges Problem aufgerufen? Rüschtüüüüsch! Es „droht ein Rückgang der Wirtschaftsleistung“ (aus oben zitiertem Artikel). Jahaaa! Schland kann nicht mehr mithalten im internationalen Wettrennen um die meisten Kinder, heißt zukünftig weniger Arbeiterbienen = keine Garanten für beständiges Wirtschaftswachstum. Okay, die Renten, das ist auch noch n Ding… Aber die Wachstumsproblematik führt die Top 10 der schlimmsten Katastrophen in Folge des demografischen Wandels unumstößlich an.

Ich halte hier mal fest: Ich gehöre wahrscheinlich zur Post-Wachstums-Bewegung und aus der Perspektive geht es mir echt gehörigst auf die Eier, wie einhellig selbst von (angeblich) kritischen und/oder feministischen Mitsprecher_inne_n (!) bei Themen aus dem Bereich der Familien- und Bildungspolitik, die so vetrauten und deshalb wohl für sie selbst nicht mehr auffälligen, dabei aber nicht weniger stumpfen „Wir müssen doch das wirtschaftliche Wachstum unseres Landes sichern“-Predigten mitgegröhlt und wiedergekäut werden. Dabei bemerken sie nicht, dass sie ihren eigenen kritischen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil eine ganz entscheidende Prämisse nicht mehr hinterfragt wird: Wirtschaftlicher Wachstum = Hoffnung = Ziel = Gesetz = Glaube = Ideologie.

Immerhin: Im letzten Absatz lenkt Lohaus etwas ein: „Im Endeffekt ist mir die Geburtenrate ja egal. Von wegen Aussterben der Deutschen und so. Stattdessen können wir auch das Renteneintrittsalter auf 75 erhöhen und mehr Arbeitsmigration zulassen, auch das sind Lösungen.“; das geht mir aber defintiv nicht weit genug. (Andererseits: Kann man in/von der FAZ etwas anderes erwarten?)

Es gäbe so vieles zu kritisieren, so viel zu hinterfragen, zu vermuten und zu fordern an/von der beschissenen deutschen Familien- und Bildungspolitik, gerade auch von uns Betroffenen! Aber das geht m.E. auch ohne die heute scheinbar unverzichtbar gewordenen Verweise auf zukünftiges Wachstum des nationalen BIP, Durchsetzen und Mithalten müssen in irgendwelchen kruden internationalen Vergleichstabellen und fucking Karrierechancen.  Wettbewerb! Wettbewerb! Wettbewerb! Als gäb’s nichts wichtigeres, als gäb’s nichts anderes, als gäb’s keine Alternativen dazu. Ich gegen die andere Mutter, ich gegen die Kollegin, Frauen gegen Männer, Homos gegen Heteros, Sachsen gegen Bayern (und Bayern gegen den Rest der Welt ;)), Deutschland gegen Schweden, EU gegen USA – alle gegen alle. Mittlerweile ist es egal, worum es geht, Hauptsache „wir“ kacken nicht ab. Schande über Deutschland! Letzter Platz beim ESC und jetzt auch noch bei der Geburtenrate? So kann’s nicht weitergehen, da muss dor was passiorn! Mior sind doch keine Forliorornazion!

Jede_r die/der sowas unhinterfragt mitschleift, betreibt Lobby-Arbeit für die Wachstums-Ideologie und den Konkurrenz-Fanatismus der (erweiterten) westlichen Welt, indem sie/er die eben nicht neutralen Vergleiche und Verbreitungen der OECD* inkl. der darin mitgedachten und von ihr beförderten globalen Ungerechtigkeiten und Missstände verbreitet und weiter normalisiert und darüber hinaus – ja das wird jetzt drastisch – einen kleinen ekligen Nationalismus-Warzenpickel.

* OECD = die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in der nur 34 Länder vertreten sind – darunter nicht etwa Indien oder Bangladesh, sehr entscheidend für den globalen Wirtschaftskreislauf, aber nur in ihrer Funktion als quasi-Sklaven für die westliche Welt. Die Haupt-Ziele Dr OECD sind zu einer optimalen Wirtschaftsentwicklung (in den Mitgliedsstaaten!) beizutragen, Wirtschaftswachstum (in den Mitgliedsstaaaten!!) zu fördern und zu einer Ausweitung des Welthandels beizutragen. 

„Mode“diktatoren

Ich bin kein Shopping-Mensch. Zumindest versuche ich keiner zu sein. Ich kaufe trotzdem noch zu viel, finde ich. Ich versuche beim Kauf von Klamotten, Schuhen usw. immerhin auf sowas wie Langlebigkeit zu achten. Klappt aber bei weitem nicht so wie ich das gern hätte. Ich versuche, den Großteil gebraucht zu kaufen. Ja, einkaufen macht auch mir durchaus Spaß. Genau wie Süßigkeitenessen. Beides ist aus Vernunftgründen aber keine gute Sache. Weil moderne Sklavenwirtschaft, ungesund (in vielerlei Hinsicht) usw. Soviel zum Moralapostel-Teil.

Kurz vor meiner Straßenecke habe ich mir gerade meine scheiß „Ballerinas“ ausziehen müssen, weil die an meinen Zehen reiben. Und es kotzt mich an! Früher habe ich immer über meine Oma geschmunzelt, die zuerst ihre Hose ausgezogen und „in was bequemes geschlüpft“ ist, kaum dass die Haustür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Heute mache ich das selber so. Heute hab ich’s nicht mal bis nach Hause geschafft. Seit so etwa zwei Monaten – hm, gut, ehrlicher: seitdem ich wieder zugenommen habe, vor allem am Bauch – sehe ich es eigentlich einfach nicht mehr ein, unbequemes Zeug anzuziehen. Was ist das eigentlich für eine Scheiße?

Frauenschuhe sind für viele Frauen vorne viel zu schmal geschnitten. Die Schuhe reiben an Zehen, an Fersen… Ich habe offenbar ziemlich weit auseinanderstehende Zehen. Jedenfalls wurde die durch’s Schuhetragen der letzten Jahre extrem zusammenquetscht. Richtig deformiert sehen die aus. Und dabei achte ich schon auf bequeme Schuhe. Was ist das für ’ne Scheiße mit den Mode-Diktaten?

Hosen drücken den meisten Menschen am Bauch. Das ist ja auch logisch, weil Durchschnitts-Nicht-Waschbrett-Bäuche im Stehen nicht den gleichen Umfang haben wie im Sitzen. Ständig guckt irgendwo eine Arschritze aus. Auch das ist logisch, weil beim in die Hocke gehen, beugen, bücken, kurz: beim Bewegen nun einmal… nee, noch anders: Weil der Arsch sich im Regelfall nach außen wölbt. Schon mal aufgefallen, dass z.B. Röcke rundherum eine Länge haben? Der Hintern ist da einfach nicht mit eingeplant. Und in Hosen ist Bewegung nicht mit eingeplant. Völlig Gaga wird’s ja bei dieser Fett-Weg-Wäsche. Im Netz geistert Mal ein Bild rum, das zeigte, wie die Organe zusammengequetscht werden, wenn sowas getragen wird.

Das muss man sich mal vorstellen: Da erfindet eine High-Society-Trulla aus Ummärrica einen Ganzkörper-Wonderbra und wird damit zum Vorzeige-Model für die Vereinbarkeit von „Familie und Karriere“. Ihr ging’s ja auch so schlecht, weil sie so aus der Form gegangen war, nach der Geburt der Kinder… Da musste sie sich was einfallen lassen. Und weil es mehr oder weniger unmöglich – oder zumindest unwahrscheinlich – ist, den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen – vor allem als Mutter – wird „Funktionswäsche“ (!) erfunden, die das Unerwünschte einfach wegquetscht. Geht’s eigentlich noch sinnbildlicher? Und die High Society-Läääidiies bedanken sich in Scharen bei der! Weil sie ihnen „ihr Leben zurückgegeben haben“.

Photoshop, XS-Models, Konfektionsgrößen, „porentiefe Reinheit“, keine Falten im Alter, keine grauen Haare, keine Haare an und zwischen den Beinen oder unter’m Arm… Diese verdammten Schönheitsideale machen mir schon seit meiner Teenie-Zeit zu schaffen, weil ich immer meilenweit von ihnen entfernt war. Seit ich denken kann fühle ich mich hässlich. Zu dick, zu hellhäutig, zu klein, zu stämmig, … Nicht fit genug. Meine Komplexe begleiten mich jeden Tag. Und sie sind nicht gerade leise. Ich habe eine völlig verquere Selbstwahrnehmung und leider sind mir die Blicke der Anderen nicht so egal, wie es mir lieb wäre. Mein bewusstes Denken und meine mir angedachten Ideale brüllen dagegen an – ich will diesen Dogmen nicht folgen, ich will, dass es mir egal ist wie mich wer findet. Ich will meine Beine nicht rasieren, weil ich davon Neurodermitis-Rückfälle bekomme. Ich will meinen Bauch nicht 90% des Tages einziehen müssen. Ich will nicht, dass mir der Hosenbund schmerzhaft in’s Fett schneidet. Ich will mich nicht für meine Risse schämen, die meinen Bauch und meine Oberschenkel noch unansehnlicher machen. Ich will mich nicht mehr dabei erwischen, wie ich beschämt eine Jacke über meinen Bauch lege, sobald ich mich hinsetze. Ich will nur noch in luftigen Jogging-Hosen mit doofen Mustern rumrennen, die ich selber genäht habe. Ich will meinen Bauch raushängen lassen, wenn er halt einfach gerade mal wieder voluminöser ist. Ich will mich nicht nach allem, was ich gegessen habe, fragen, ob das jetzt ein Fehler war. Ich will mir nicht ständig einbilden, dass andere sich vor mir ekeln. Ich will diese „ich versteck mich“-Impulse nicht mehr. Ich will mir nicht jeden zweiten Tag (ernsthaft!) denken: „Ab morgen esse ich nichts mehr, dann geht das schon wieder weg“ und mir danach selbst links und rechts eine Watschen müssen für diese Gedanken. Ich will auf solche Oberflächlichkeiten scheißen.

Die Mode-Diktatoren helfen nicht dabei, das hinzubekommen. Im Gegenteil. Und wieder mal frage ich mich, was für eine menschenunfreundliche Welt wir uns da erschaffen haben. Klar sind das Luxus-first world-problems. Aber machen wir uns nichts vor: Diese ständigen Unzulänglichkeitsgefühle sind wahrscheinlich Realität in den Köpfen vieler Menschen. Warum machen wir das mit? Warum begehren wir nicht auf? Warum ziehen wir die scheiß-engen Schuhe und Hosen trotzdem an? Warum wehren wir uns nicht viel, viel mehr gegen sowas? Und wem nützt dieser Kackmist?

Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als „normal“ angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr „mal schnell“ was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können („Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…“ -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt („Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.“) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der „normalen“ Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es „richtig“ bzw. „gut“ wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das „Leben im Falschen“ mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt „richtige“ oder zumindest „gute“ Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie „fit“ zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht „schlechter“ sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als „normal“ empfunden wird. Erziehe ich sie zu „guten“ Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die „heile Welt“ in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die „fiese Realität“ und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie „Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?“ und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte „Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein „Bauchgefühl“ einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das „Beste“. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder „Wohlstand“ und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest „verkommen“ ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der „Magie“ nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von „außen“ würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur „das außen“ vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es „gut“? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das „Nachgeben“ aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.