Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als „normal“ angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr „mal schnell“ was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können („Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…“ -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt („Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.“) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der „normalen“ Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es „richtig“ bzw. „gut“ wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das „Leben im Falschen“ mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt „richtige“ oder zumindest „gute“ Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie „fit“ zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht „schlechter“ sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als „normal“ empfunden wird. Erziehe ich sie zu „guten“ Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die „heile Welt“ in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die „fiese Realität“ und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie „Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?“ und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte „Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein „Bauchgefühl“ einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das „Beste“. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder „Wohlstand“ und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest „verkommen“ ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der „Magie“ nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von „außen“ würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur „das außen“ vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es „gut“? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das „Nachgeben“ aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.

Du darfst kein ROSA mögen!

Anlass des heutigen Geschröbs: Mein Tochter wird bald 4 Jahre alt. Sie liebt rosa und Glitzer und Einhörner und (wirklich!) die ganze verdammte rosarote Mädchenträume-Klischee-Palette. Sie trägt schon seit geraumer Zeit ausschließlich (und das meine ich wortwörtlich!) Kleider. Immer. Nur. Kleider. Weil (Zitat!) „sonst sehe ich nicht schick aus“ — ZONK! —

Genderneutralität oder zumindest -Bewusstsein sieht anders aus.

„Ohhhh… Muss das sein?“ denke (und sage) ich, wenn sie beim Einkaufen eine FillyPferde- oder Lillifee-Zeitung – was ist eigentlich ekelhafter? – in den Einkaufswagen schmuggelt. Und klar: Die Zeitungen wurden vorher von ihr natürlich ausgiebig hinsichtlich des größtmöglichen Schrott-Gadgets untersucht. Ein rosarotes GlitzersteinchenHännnndiiiie zum Beispiel. Oder pinker N-A-G-E-L-L-A-C-K. Oder Haarzeug. Oder Schminke. Oder irgendwas anderes Beklopptes.

Problem: Meiner Tochter kann man mit sowas tatsächlich eine Freude machen. Ist es denn eins? Also ein Problem? Hm…

Ich erwische mich schon dabei, wie ich mir unterbewusst denke, dass es irgendwie schön wäre, wenn sie etwas weniger dem Überklischee Mädchen entsprechen würde. In den ersten zwei Jahren ging das noch super, sowohl von den Klamotten her, als auch vom Spielzeug und Verhalten. Spätestens seit dem Kindergarten hat sich das geändert. Spätestens als die beste Freundin FillyPferde mitgebracht hat und die ersten Prinzessinnen-Märchen interessant wurden.

Exkurs: Warum ich das erstrebenswert finde?

(Mit „das“ meine ich sowas wie Gender-Bewusstsein… Also ein Bewusstsein darüber, dass Geschlechterrollen nicht in Stein gemeißelt, sondern Konstrukte – mit einer bestimmten historisch gewachsenen und allgemein gesellschaftlichen Bedingtheit – sind und dass davon abgesehen Individualität und Vielfalt gut und m.E. erstrebenswert sind.)

Weil wir in einer Konsum-Welt leben und naja… Unternehmen wollen Kohle machen, oder? Nicht immer sind die Leute, die die Kohle verdienen, gute Leute. Diese Leute beschäftigen Marktforscher, Marketer usw., die herausfinden sollen, was die „Kunden“ wollen. Damit sich der Schrott gut verkauft. Also gibts für Mädchen pink-glitzer-holysweetness-pferde-Plunder und für Jungs grau-blauen-Auto-toughsport-Kram. Weil die es (angeblich) so wollen und weil es so zu sein hat. Und dann wird die entsprechende Werbung geschaltet. Die Mädchen mit dem Mädchenkram, die Jungen mit dem Jungskram. Und damit produzieren H&M und C&A und Ernstings und Lego und wie sie alle heißen geschlechterbedingt unterschiedliche Begehrlichkeiten und festigen die Rollenklischees. Und Klischees nerven, weil sie eben Klischees sind und Vielfalt im Weg stehen. Das ist in etwa so super wie ne Reihenhaus-Siedlung. Kurz gesagt: Hat nichts mit Individualität und so zu tun. Ich will eigentlich nicht, dass meinen Kindern ein bestimmtes „So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein“ infiltriert wird – und schon gar nicht von der Werbung. Denn was damit (Klamotten, Werbung, Spielzeug, Erwartungen) transportiert wird ist schon weitreichend: Jungs sind stark, sportlich, kämpferisch. Mädchen sind süß, nett und adrett. Jungs = Betonung der körperlichen Stärke, Mädchen = Betonung des „Hübschseins“. Insbesondere letzteres halte ich für hochproblematisch. Ich hab selbst echt Komplexe, die mich tierisch nerven, und ich möchte, dass es meinen Kindern diesbezüglich mal anders geht. Soviel dazu, nichts Neues, das. Aber der Vollständigkeit halber sei es erklärt.

Genau am „Ich möchte nicht, dass meinen Kindern ein ’so musst du als Junge/Mädchen sein‘ infiltriert wird“ hängt sich das hier auf. Mir ist es also irgendwie ein Dorn im (ehemaligen Punker-)Auge, dass mein Kind schon mit knapp 4 Jahren ein bisschen so aussieht und sich verhält wie eine… jaaaaaa… wie „eine Tussi“. Manchmal sehe ich dann eine rumtakelnde, überschminkte 15-jährige vor meinem inneren Auge genervt die Augen verdrehen, weil ich ihr das falsche verdammte Smartphone zum Geburtstag geschenkt hab. (Ich habe wirklich ein Problem mit nervig-oberflächlichen Leuten, die ihre hirnlose, vorrangig aus Schminke, Shopping und Unterhaltung genährte Haltung zur Welt mit allzu viel Stolz vor sich her tragen.) Und dennoch glaube ich: Dieses Denken meinerseits zeigt etwas, was viel entscheidender ist als die Frage, ob meine Tochter sich in Kleid oder Hose wohler fühlt. Es entblößt MICH.

Denn: 1. ist „Du sollst doch nicht so (ein typisches Werbe-gesteuertes Püppchen) sein“ im Endeffekt nur eine andere Variante von „So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein“ und hat auch nicht viel mit individueller Entfaltung und „ich liebe dich, weil du bist, nicht wie du bist“ zu tun. Denn auch rosa Kleidchen und Glitzerkram zu mögen, gehört zur Vielfalt. (Im übrigen schlug ich als Kind wohl in die gleiche Kerbe) und 2. zeigt das, dass es nach wie vor eine viel zu große Rolle für mich zu spielen scheint, was die Anderen von mir, von uns denken. Zwar auch wieder im Sinne eines Gegenentwurfs (nicht angepasst, nicht nett und freundlich und ganz bestimmt nicht rosa-doof), aber ist das denn wirklich so anders als die, die mühsam an einem kleinen Minimodel feilen? Genau DAS steckt nämlich dahinter: Die Anderen sollen nicht denken, dass meine Tochter „eine Tussi“ ist. Wenn man noch etwas mehr elterliche Fürsorge hineininterpretiert, könnte man noch „…damit sie sie nicht deswegen doof finden“ als Zusatz gelten lassen.

Das ist nicht gut!

Zu meiner Verteidigung sei erwähnt: Ich torpediere das nicht. Also ich bin mir schon darüber bewusst, dass das ihr Ding ist. Ich mach ihr die Haar und… ich bringe ihr ab und zu Zeug mit, von dem ich weiß, dass sie sich den Hintern darüber wegfreut. Wenn ich will, dass meine Kinder sich so frei wie möglich entwickeln können, dann gehört dazu wohl vor allem auch die Akzeptanz von Dingen, die ich lieber anders hätte. Da kommt ganz garantiert noch „Schlimmeres“.

Manchmal frage ich mich, wie man damit zB bezüglich der Geburtstagsgeschenke und Klamottenbeschaffung umgeht. Kompromisse? Selbst bestimmen? Ganz nach ihr richten? Wie fänd ich es, wenn mir mein Freund zum Geburtstag eine seltene Münze schenken würde (seinerseits Numismatiker)? Beschissen. Ich würde denken, dass er mich nicht kennt, mich und meinen Stil oder Geschmack doof findet oder ignoriert und dass seine Empathie ziemlich kümmerlich ist. Homer Simpson hat Marge mal eine Bowlingkugel zum Geburtstag geschenkt, auf der sein Name eingraviert war und die Löcher nach der Abmessung seiner eigenen Finger hatte…

Also. Dilemma? Wenn ich meinem Kind eine Freude machen möchte und mich zu diesem Zweck in sie hineinversetze um herauszufinden, worüber sie sich freuen würde und wenn das Resultat dieser Forschung (unter Gender-Aspekten) vorrangig klischeebehaftete Dinge wären… Wäre es dann gut, das bewusst nicht zu erfüllen, um die Rollenklischee-Sachen zu boykottieren? Oder schenkt man gemäß der ehrlichen Vorlieben des Kindes, seien sie nun (Gender-politisch, aber und vor allem auch für mich) korrekt oder nicht? Und wie sehr ist Ps Like und Dislike durch Werbung beeinflusst? Ich entscheide mich bisher für letzteres, fühle mich aber nicht wohl dabei, weil ich das Gefühl habe, 1. damit den Teufel zu supporten und 2. zu Ps glitzeriger „Versauung“ beizutragen. Ich meine, verdammt! Das dämliche Schwein von Prinzessin Lillifee heißt PUPSI (!) und die Trulla propagiert, dass es nichts wichtigeres und schöneres gibt, als weiße Milch mit einem Tipp des Zauberstabs rosa zu machen, weil die Welt doch viel schöner ist, wenn sie rosa ist und überhaupt ist das einzige, was eine Rolle spielt, dass alles hübsch ist. Hirnloser geht’s wohl kaum noch.

Heute morgen nach dem „Frisieren“ tänzelt P in ihrem rosa Kleid zu ihrem Vater und flötete ihm die Worte: „Papa, stimmt’s? Ich bin die Schönste von allen!“ ins Ohr. Tja, schon wieder — ZONK! — da reagier mal souverän drauf. Im Kindergarten ist das nämlich gerade DAS Thema überhaupt. Ist ja auch irgendwie logisch, denn ihre Heldinnen (Aschenputtel, Cinderella, …) zeigen ihnen genau das. Und die sind wohl mehr Orientierungsfolie für die Kleinen als uns lieb ist. Aber was soll man machen? Ich hab’s zB mit der nett gemeinten pc-Alternative „Küss den Frosch“ versucht. Keine Chance. Glitzern muss es! Schön muss es sein! Lillifee hat schon ganze Arbeit geleistet.

Da draußen ist Krieg…

Palästina/Israel. Syrien. Ukraine. Afghanistan. Irak. Kaukasus. Sudan. Mali. Zentralafrika. Somalia. Kongo. Nigeria. (…)

Da draußen ist Krieg, da sterben Menschen,… Menschen, die wahrscheinlich alle versuchen (oder versucht haben), irgendwie ihre kleinen Leben zu führen.

Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann… Aber ich will darüber schreiben. Es geht mir im Kopf rum. Andauernd. Ich fühle mich in den letzten Wochen wie in meiner Kindheit, als ich anfing, Kriege wahrzunehmen. Vergangene Kriege – Weltkriege – im Deutsch- und Geschichtsunterricht und aktuelle „Konflikte“ – das sagt man ja heute zum Krieg – im Fernsehen. Eine ständige Angst fraß sich in meinen Kopf. Ich hatte Angst vor einem neuen Weltkrieg, vor Atombomben, vor Selbstmordanschlägen… Dann kam 9/11 und ich hatte ja kein Gefühl für die Distanz zwischen hier und Amerika. Ich war 13. Ich hatte Angst vor Dieben und Mördern, ich sah im Dunkeln Männer auf meinem Balkon stehen und hatte zeitweise Angst vor jedem Geräusch in der Wohnung. Ich hatte Angst vor Neonazis, weil ich (sowas wie) Punkerin war. Und ich hatte Angst im Dunkeln. Die Welt, die vorher noch irgendwie klein und nicht unbedingt heil, aber zumindest übersichtlich war, wurde groß und unberechenbar. Vor meinem inneren Auge sah ich brennende Flugzeuge in den Leipziger Uni-Riesen rasen und Bomben in Leipziger Straßenbahnen hochgehen. Ich habe die Bilder und Meldungen in meine kleine Welt transferiert. Ich hielt das für möglich. Die Gründe und unterschiedlichen Anlässe dafür, dass Leute sich gegenseitig wegbomben, waren mir nicht klar. Ich hatte das Gefühl, es könnte jeden treffen.

Ich wurde älter und fing an, Zusammenhänge zu verstehen. Erster Weltkrieg und dann… die unmenschlichen Vergehen der deutschen Nazis im zweiten Weltkrieg. Meine Eltern besuchten mit uns Konzentrationslager, mein Vater heulte wie ein Schlosshund nach dem Besuch des KZ Theresienstadt. Später versucht ich, zu verstehen, was hinter „islamistischem Terror“ steckt (und versuche es noch immer). Ich las Michael Moore und für mich war das damals eine Offenbarung… Aber es machte alles komplizierter. Vorher waren gut und böse noch relativ klar: Islamisten böse, Amerikaner Freunde. Ich verstieg mich in krude Verschwörungstheorien über den 11. September und landete bei der Infragestellung des großen Ganzen: Kapitalismus, Amerika und die Welt, Europa, Nahrungsmittelindustrien, Banken, Regierungsklüngelei, mediale Berichterstattung … territoriale Machtansprüche, Kolonialismus, Menschenrechte, … Und begriff? Immer mehr und damit immer weniger… In mir wuchs der Gedanke, dass Niemand – wirklich Niemand – einen Überblick über diesen ganzen Wahnsinn haben kann und dass die Menschheit nur irgendwie gemäß ihren jeweils eigenen egoistischen Interessen am Verlauf der Dinge herumstümpern. Ich hatte die kindliche Naivität und damit das Vertrauen in die Menschheit verloren. So pathetisch, wie das vielleicht klingen mag.

„What is the most resilient parasite? Bacteria? A virus? An intestinal worm? An idea. Resilient… highly contagious. Once an idea has taken hold of the brain it’s almost impossible to eradicate. An idea that is fully formed – fully understood – that sticks; right in there somewhere.“ (aus: „Inception„)

Mir kam alles sinnlos vor. Ich hatte keine Idee, was ich hätte tun können, ohne falsch zu liegen, weil sich alles falsch anfühlte. Die Menschheit hatte mich tief enttäuscht. Gerade noch war die Welt voller Abenteuer und Großartigkeiten und auf einmal sah ich in jedem Menschen ein potenzielles Arschloch, bereit, im Fall der Fälle – solange es seinen Interessen dient – zu töten. Dich, mich, uns alle. Dann kam die Pubertät, in der das bedrohlich aufsteigende depressive Gedankengut von tobenden Emotionsstürmen und grenzenlosem Egoismus weggespült wurde, an irgendeinen Strand im hinteren Teil meiner Kopfwelt. All das draußen konnte mich nicht mehr so stark bewegen, weil das drinnen so übermächtig war. MEINE Band, MEINE Liebeleien, MEINE Ziele, MEINE Gesundheit, MEINE Autonomie, MEINE Freunde… Anerkennung, Liebe, Saufen, Rock’n’Roll und persönliche Dramen. Ich hatte alles, was ich brauch. Was ging mich die Welt an? Das schöne an der Pubertät ist doch, dass du lebst, als gäbe es kein Morgen, weil dir das Morgen scheißegal ist. „NO FUTURE“ stand dick und fett auf meinem Schülerkalender – btw: Was für ein wunderschönes Paradoxon, oder? – und ich fühlte das tatsächlich so.

Dann kam meine Sinnkrise. Ich machte Abitur, wir versuchten es mit der Band. Ich durchtrennte hier und da größere und kleinere Abhängigkeiten… und die Welt da draußen konnte ich nicht länger ignorieren. Der große Sturm hatte sich gelegt und ich schipperte ziemlich ziellos auf meiner Hirnsuppe herum… Dann der positive Test. Ich fühlte mich ruhig. Mein lautes Schreien nach Sinn und Bedeutung hatte in zwei blauen Strichen eine vorläufige Antwort gefunden.“No Future“ war nicht mehr, plötzlich ging es darum, eine Zukunft aufzubauen. Ich musste Entscheidungen treffen, die nicht nur für mich bedeutsam sein sollten. Und zwischen MEINEN Zukunftsängsten auf der einen und dem Gefühl, dass diese großen „normalsten Sache der Welt“ eine gute Entscheidung für uns sein könnte, erkannte ich auch meine alten Gedanken wieder… Das Chaos und die Undurchschaubarkeit der Welt strömte wieder auf mich ein.

Mir fiel auf, dass es kaum möglich ist, sein Kind „gesund“ zu ernähren und später fragte ich mich, wonach ich mich bezüglich des „gesund“ überhaupt richte und was „gesund“ überhaupt ist. Hinter allem standen Fragezeichen.

Wie soll ich meinem Kind eine Welt erklären, die ich selber nicht verstehe?

Wie kann ich es verantworten, ein Kind in eine Welt zu setzen, die ich als „kaputt“ empfinde?

Und damit sind wir im Heute. Ich habe eine mögliche (erfolgreiche) Laufbahn als Werbetexterin nicht weiter verfolgt. Ich konnte und wollte nicht länger doofe Produkte für doofe Leute von doofen Leuten anpreisen. Heute studiere ich „was mit Bildung“ und setze mich für gute Kinderbetreuung ein. Warum mache ich das? Weil ich dem Rat einer guten Freundin gefolgt bin, die mir irgendwann mal gesagt hat: „Weißt du, wenn du dich engagieren willst, dann musst du dich irgendwann einfach für eine Sache entscheiden. Du kannst nicht die ganze Welt retten.“ Und ich habe mich für Bildung entschieden, weil ich denke, dass Kinder gute Leute verdient haben und weil ich denke, dass Kinder gute Leute sind, die es verdient haben,dazu befähigt zu werden, in einer ziemlich hässlichen Welt, gute Leute zu bleiben. Weil sie begreifen und selbstständig durchdenken können sollen, was vor sich geht. Auch so ein Dilemma… Würde ich gefragt, ob ich mir wünsche, dass meine Kinder später glückliche Menschen sind, würde ich natürlich spontan und innbrünstig mit „JA“ antworten. Wenn ich aber darüber nachdenke, wohin das, was ich unter „Bildung“ verstehe, eigentlich führen soll, dann stehen am Ende nicht unbedingt glückliche Menschen. Denken macht nicht zwangsläufig glücklich. Darum geht es beim Denken nicht. Denken macht kritisch, auch selbstkritisch. Denken kann wehtun. Und Denken macht alles verdammt kompliziert. Und trotzdem stehe ich dahinter.

„Ambivalenz ist doch nichts Schlimmes“

schrieb mir vor Kurzem Doro von dorobot in einem anderen Zusammenhang per SMS. Kann sein… Aber im Bezug auf’s große Ganze kann sie ziemlich lähmend sein.

Ich mache das, was ich tue, sicher auch, weil ich zu den Guten gehören will. Wer sind „gute Leute“? Leute, die nachdenken. Leute, die nicht mitmachen bei… Leute, die keine Arschlöcher sind. Ich fürchte, man kann sein Leben nicht „perfekt“ – im Sinne von „durch und durch gut“ – machen. (Was ist schon „gut“ und „richtig“?) Ich und Andere strampeln sich immerhin ein bisschen ab dafür, es wenigstens zu versuchen. Wir essen fleischloses Biogelumpe (von dem man ja gar nicht alle satt bekäme, wenn alle sich so ernähren wollten), nutzen keine Flugzeuge und versuchen, unser Umfeld positiv zu gestalten, uns einzubringen, Politik zu machen, Entscheidungen mitzuverantworten. Und dann rennen wir auf dem Heimweg von der Beiratssitzung noch schnell zu H&M, um kurz noch ein Shirt und einen Winteranzug für das Kind zu kaufen und schließen unterwegs mit dem Smartphone die Bestellung für’s Tablet ab und ordern hintendrein noch das Buch über eine bessere Welt bei Amazon. Überall Fallen! Obwohl wir wissen (sollten), dass ein Shirt  für vier Euro nicht korrekt sein kann. Obwohl wir wissen (sollten), dass daran das Blut von versklavten Menschen klebt. Und wenn ich daran denke, wird mir klar, dass Krieg eigentlich nicht weit weg ist. Europa sitzt schon irgendwie auf einem Pulverfaß. Dass Krieg nicht weit weg ist, wie es den Anschein hat, wird umso deutlicher, wenn ein ziviles Passagierflugzeug aus den Niederlanden über der Ukraine abgeschossen wird, weil es vielleicht für etwas Anderes gehalten wurde.

 

Die Bilder und Nachricht aus Gaza schockieren. Der Bürgerkrieg in Syrien ist inzwischen medialer Alltag. Ich fühle mich hilf- und ahnungslos. Wie kann man gegenüber Gewaltbereiten pazifistisch-humanistisch auftreten? Bleibt Israel wirklich nichts anderes übrig, weil weite Teile der arabischen Welt das Land vernichtet sehen will? Rechtfertigt die Bedrohungslage Angriffe in diesem Ausmaß? Nutzt die Hamas wirklich Kinder als Schutzschilde, um antiisraelisches Propagandamaterial in der Hand zu haben? … Unterstützt Russland die pro-russischen Separatisten mit schwerem Geschütz? Und wenn ja, warum? Machtinteressen? … Gibt es in Syrien wirklich noch so viele Assad-Unterstützer? Ich glaub, wir können uns kaum vorstellen, was in diesen Ländern abgeht… Wie sieht ihr Alltag aus?

Und dann steht meine Tochter neben mir, mit ihrem zugeschwollen Auge, weil sie zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten Impetigo Contagiosa hat und ich sehe die Klebestreifen an ihrem Kinn, die von die Platzwunde nach einem Stolpersturz am letzten Sonntag herrühren. Und ich humple in die Küche, weil ich mir den Fuß verstaucht habe, und zu K., dass ich es ätzend finde, dass wir erst Ende September Urlaub machen können, wenn überhaupt, und den ganzen heißen Sommer hier verbringen müssen. Und die Waschmaschine verweigert aus irgendeinem Grund das Abpumpen. Und ich fühle mich wegen all dem gebeutelt und tippe „Das gibt’s doch alles gar nicht!“ in meinen Facebook-Status und kriege „Wenn schon scheiße, dann richtig“-Kommentare.

Denn das ist meine Welt, das ist unser Alltag. Ich bin über das glücklich oder traurig oder besorgt, was mir in meiner Welt und hier passiert… Ist es erlaubt, glücklich zu sein, während überall auf der Welt so viel Scheiße passiert? Geht uns das alles eigentlich nichts an? Wäre jede Einmischung in „fremde“ Konflikte eine, die uns eigentlich nicht zusteht? Ist das Selbstschutz, unseres Frieden zuliebe? Könnten wir überhaupt etwas bewirken? Warum machen wir nicht mehr? Warum sind wir nicht bessere Menschen? Am Ende schauen wir doch dabei zu, wie die Leute aufeinander losgehen und nehmen in Kauf, dass Menschen und Tiere ausgebeutet werden, damit wir es bequem haben. Ja! Es ist so! Und woher kriechen die ganzen Dummbrote, die die Kommentarspalten der Medien mit „Pfui, Gutmenschentum“ vollspammen? Wann ist es eigentlich verwerflich geworden, ein guter Mensch sein zu wollen? Habe ich irgendwas verpasst?

Manchmal muss ich aufpassen, nicht zurück in meine alte menschenverachtende Schockstarre zu verfallen. „Es ist doch völlig egal, ob ich darüber nachdenke oder es sein lasse… Ob ich für Frieden oder Kinderbetreuung oder clean Clothes demonstriere oder Zuhause einen Hackbraten in den Ofen schiebe. Die Menschheit ist schlecht und du wirst daran nichts ändern.“ Warum gehen wir denn auf die Straße? Warum engagieren wir uns im Kleinen? Ist die naive Hoffnung, dass jedes kleine Rädchen große Maschinen zum Umlenken bringen kann? Oder tun wir’s am Ende nur für unser gutes Gefühl? Tun wir es aus Angst? Aus Verzweiflung? Aus Wut? Bei mir ist es wohl vor allem die Überzeugung, dass sich nur etwas bewegen kann, wenn viele kleine Rädchen sich in eine andere Richtung bewegen. Und ja… vielleicht auch die Hoffnung… zumindest im Kleinen… dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen will (Gandhi).

Keine Panik! (Und ein bisschen Schulkritik)

Weil ich jetzt schon einige Anfragen bekommen habe, an dieser Stell Mal eine kurze Info: Der letzte Beitrag sollte nicht bedeuten, dass ich mit Bloggen aufhöre o.ä. und hatte auch keinen konkret schlimmen Knaller als Auslöser, abgesehen vom stinknormalen Leben und Fühlen…

Der Alltag mit unseren beiden Kindern, dem Studium, meinem dauernden Gekränkel, der Kita-Initiative, meinem Praktikum, (was ich gestern angefangen habe), dem zwei-Kleinkinder-Wahnsinns-Haushalt undsoweiterundsofort… Das alles schlaucht einfach ziemlich und liebgewonne Angewohnheiten – wie Nähen, Komponieren oder Bloggen – stehen gerade ein bisschen auf dem Abstellgleis. Es kommen aber ganz sicher auch wieder schreibwütigere Zeiten. Im Moment frisst mich das Andere einfach meine Zeit.

Hier läuft davon abgesehen alles… irgendwie. Wir schaffen es zwar oft nicht, einzukaufen, weil dafür in unseren Tetris-Wochen gerade nicht wirklich Platz ist. Die Wäsche türmt sich viel zu oft zu Bergen, als mir das lieb ist. Und wir hängen abends nach wie vor spätestens ab 21 Uhr total in den Seilen. Aber wir verstehen uns alle meistens ziemlich gut und zunehmend besser. Das ist ja nicht unwichtig…

T. ist unglaubliche 10 Monate alt und ich habe wirklich keine Ahnung, wo das (fast) eine Jahr hin ist. Ich habe das Gefühl, dass die Zeitgeschwindigkeit sich mit zwei Kindern noch einmal verdoppelt. Dieses Zeitparadoxon finde ich echt faszinierend… Einerseits ist natürlich eine Menge passiert: Kind bekommen usw. und meine Schwangerschaft scheint schon ewig weg zu sein. Andererseits kann ich es nicht fassen, wenn ich kleine Babys sehe und dann meinen T. anschauen, der nun schon 4 Zähne hat, „Dadadada-Mamama“t ohne Pause, sich überall hochzieht und die Welt im Alleingang erforscht. T. ist übrigens nach wie vor ein ziemlich entspannter Kollege. In zwei Monaten wird die Eingewöhnung in P.s Kindergarten anfangen. Und ICH FREUE MICH SO DARAUF! Es ist wahnsinnig nervenzerreibend, in den zwei Stunden Tagesschlaf irgendwie zu versuchen, alles zu erledigen, was man zu erledigen habt. Genau genommen ist es unmöglich. T. hat total Bock auf andere Kinder, insofern gehe ich davon aus, dass das ganz gut klappen wird. Hoffentlich…

P. geht derweilen straight auf die 4 zu und als ich vorhin meine weitere Studienplanung überdacht hab, fiel mir auf, dass wir uns vermutlich schon mit P.s EINSCHULUNG beschäftigen, wenn ich an meiner Bachelorarbeit sitze. Oh Mann! SCHULE! Und P. ist jetzt schon heiß drauf…

Mir stellt sich dann auch gleich wieder die Frage nach der Schulform, die ich bisher noch weitgehend wegschiebe. Ich würde P. am liebsten auf die freie Schule hier schicken. Das ist mit einem deutlich längerem Anfahrtsweg verbunden, aber ich glaube, dass es sich lohnt! Das Schulkonzept ist so toll! Aber dort einen Platz zu bekommen ist Glückssache, da die Platzzusagen unter den (zu vielen) Bewerbern ausgelost werden. Also muss ich mich fragen, ob ich sie – im wahrscheinlichen Fall einer Absage – auf die „normale“ Kiez-Grundschule um die Ecke schicke oder ob andere alternative Schulformen für mich in Frage kommen. Ich habe aber ein Problem mit Waldorf und auch Montessori. Ich kann dieses strikte und esoterisch-spirituelle daran nicht  leiden und mir fehlen die demokratischen Elemente, auf die an freien Schulen viel Wert gelegt wird. Andererseits sehe ich bei meinem Cousin, der eine Waldorfschule besucht, dass er gar nicht so „esoterisch“ drauf ist und seine Schule liebt. Er steht auf Fußball, Star Wars, Harry Potter und gruselige Filme. Also besser noch Waldorf als Standard-Schule? Hm… Ich muss das mal noch gären lassen. Es hängt ja auch so viel vom für P. zuständigen Pädagogen ab… Mit einem engagierten Lehrer, kann auch die Regelbeschulung gut sein.

Ich habe aber wirklich große Probleme mit dem deutschen Regelschulsystem. Durch die Beschäftigung damit im Rahmen meines Studiums sind die auch nicht kleiner geworden, eher konkreter. Ich finde es Mist, dass die gemeinsame Grundschulzeit auf nur vier Jahre begrenzt ist und danach schon auf weiterführende Schulen selektiert wird, die so eng an die späteren Berufsmöglichkeiten geknüpft sind. Das ist totaler Schwachsinn! Langes gemeinsames Lernen hat so eindeutige Vorteile, dass es mir vollkommen unbegreiflich ist, wie man an dieser Regelung, die übrigens aus dem Jahr 1919 (!) stammt, festhält. (Stichwort: Weimarer Schulkompromiss: Dass wir heute noch ein gegliedertes Schulsystem statt einer Einheitsschule für alle haben scheint das Ergebnis eines bemerkenswerten Kuhhandels zu sein. Die Einheitsschule war offenbar der Preis für nichts geringeres als den Versailler Friedensvertrag! Nur unter der Bedingung, die Konfessions-)Schulen im bisher geordneten Schulbetrieb beizubehalten anstatt die Einheitsschule einzuführen, trat die Zentrumspartei damals in das sozialdemokratisch geführten Kabinett um Gustav Bauer ein und ebenfalls zu der Bedingung, stimmte sie in der Nationalversammlung dem Versailler Friedensvertrag zu!, siehe auch: http://fakten-uber.de/weimarer_schulkompromissErst in Klasse 6 oder noch besser 8 aufzuteilen wäre so viel sinnvoller…

Davon abgesehen halte ich generell diese stark unterschiedlichen Schulformen für nicht sinvoll. Meiner Meinung nach bringt das nicht viel mehr als eine Zementierung der „Ständeunterschiede“. (Ja! Ständeunterschiede!) Die unterschiedlichen Schulformen sind überwiegend bestimmten „Klassen“ vorenthalten. Kinder aus „unteren Schichten“ müssen mehr Leistung bringen, um eine Übergangsempfehlung fürs Gymnasium zu kommen. Lehrer bewerten mehr oder weniger unbewusst die Schichtzugehörigkeit mit… Bestimmte Kids haben kaum oder gar keine Chancen, halbwegs gut aus der Schule rauszukommen. Abwärtsspirale: Die Eltern können den Kindern aus unterschiedlichsten Gründen weniger „Rüstzeug“ für die Schule mitgeben. Deshalb starten Kinder nicht mit gleichen Eingangsbedingungen in die Schulen… Dort treffen sie auf Lehrerinnen, die aus der bürgerlichen Mittelschicht kommen und automatisch das besser bewerten, was ihnen näher ist und Anderes abwerten. Sie kommen nicht aufs Gymnasium, wo sie von einem besseren Lernklima theoretisch profitieren könnten. Stattdessen kommen sie oft auf Schulen, wo das Lernklima Mist ist und in denen sie noch weniger Bock haben. Wie auch immer: Ich bin für die Einheitsschule, aus verschiedenen Gründen. Vor allem aber, weil ich nicht in einer Ständegesellschaft leben will.

Und – jetzt Mal wieder weg von der Ideologie und hin zu dem, was P. und uns ganz praktisch betreffen wird – ich halt nichts von der Art, a) wie Schule gemacht wird, b) wie Unterricht organisiert wird und c) was Lernstoff ist. Ich möchte nicht, dass mein Kind total platt nachts noch vor 6 aufstehen muss, um todmüde 7:30 in der Schule zu sitzen. Ich finde die – übrigens auch im großen und ganzen seit 300 Jahren kaum wirklich veränderten – Lehrpläne größtenteils viel zu vollgestopft. Ich finde die Lehrerausbildung nicht sinnvoll. Ich finde den Schulalltag nicht sinnvoll organisiert… Ich halte viel von Lernen in Zylken statt in Stunden, Lernen nach Interesse statt Vorgabe, Lernen durch experimentieren, forschen und erleben statt eingetrichtert bekommen. Ich bin gegen Noten und für schülerbezogenes, individuelles Feedback. Ich bin gegen PISA und für selbstbestimmtes Lernen. Ich bin dafür, dass jeder in irgendwas gut ist und ich finde es so wichtig, dass jedem Kind auch genau das vermittelt wird. Was soll dieser kollektive Leistungsdruck? Warum bekommt ein Kind vermittelt, dass es möglichst überall möglichst gut sein muss? Das führt dazu, dass Kinder am Ende oft keinen Bock auf gar nichts mehr haben und überall durchschnittlich sind. So kommen sie vielleicht am besten durch und vielleicht werden sie sogar das, was so allgemein als „erfolgreich“ bezeichnet wird. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie feststellen, was ihnen liegt, dass sie ihren Interessen an der Welt nachgehen können und dass sie in der Lage sind, sich selbst Meinungen zu Dingen zu bilden und dass sie ihren Weg finden.

 

Okay, das ist jetzt ein bisschen abgedriftet. Aber hey! So ist immerhin ganz von allein ein Blogpost entstanden ;-)

Mama, ich will…!

Neulich im Zoo:

„Mamaaaa, Ich will ein Eis!

Mamaaaa, ich will einen Lutscher!

Mamaaaa, ich will Pommes!

Mamaaaa, ich will ein Brötchen mit Wurst!

Mamaaaa, ….“

Manchmal entsprechen meine unsere Kinder so sehr dem Klischee nerviger, verwöhnter westliche Welt-Göhren, dass es ein bisschen weh tut. Und manchmal entsprechen wir vermutlich sehr dem überforderte Eltern-Klischee, wenn wir es mit unserer dauerfordernden Tochter zu tun bekommen. Ich selbst könnte einen herrlich reißerischen Artikel über unser teilweise echt bekloppt-lächerliches Eltern-Verhalten schreiben… Wir versuchen dann nämlich gerne Mal, „vernünftig“ zu argumentieren:

„Aber P., wir sind nicht hier, um zu essen. Wir wollen uns Tiere angucken, hm? Wir können jetzt nicht die ganze Zeit eine Sache nach der anderen kaufen.“ 

-„Warum?“

„Weil das alles Geld kostet und wir nicht so viel Geld dafür ausgeben wollen. Und können.“

– „Ich will aber!“

„Ja, ich weiß, dass du das willst. Ich will dir jetzt aber keinen Lutscher kaufen. Du hattest gerade Pommes und ein Eis und…“

– „UääääääääähichwiillaaaaaaaaabeeeereinenLuuuuuuuuuu…“ (TretenStampfenAurasten)

Einatmenausatmeneinatmenausatmen…Puuuuuuh.

„Wie mich dieser andauernde kindliche Konsumtrieb nervt…“ sage ich zu K. Er guckt mich an und verdreht die Augen, seufzt. Da stehen wir also. Sonntag um 11. Im überfüllten Zoo. Die Massen schubsen uns rum, T. rumort in der Trage, irgendwie hat niemand Spaß.  „Toller Ausflug,“ murmelt K. und steckt sich eine Kippe an. Manchmal passieren mir dann Gedanken wie: „Was mache ich hier eigentlich? Ich bin 25 und stehe am Sonntagmittag im ekelhaft übervollen Kack-Zoo mit einer unersättlichen, aktuell nach Lollie-brüllenden Dreijährigen an der Hand, einem schweren lebendigen Rucksack am Bauch und einem genervten Mann neben mir. Dabei mag ich gar keine Sonntagsausflüge. Oder Zoos. Oder Pommesbuden. Oder Menschen. Und ich hab Rücken. Ich mag Sonntage im Bett, mit Glotze und/oder Lektüre. Waruuuuuuum tue ich mir das hier an???“

Warum mache ich das also? Meinen Kindern zuliebe. Dem Familienidyll zuliebe. Weil man mit ’ner Dreijährigen nicht ständig Zuhause rumhocken kann und sollte. Weil ZuhauseRumhock-Sonntage sich mit kleinen Kindern endlos anfühlen und sich spätestens 14:30 alle gegenseitig auf den Sack gehen… Und ja, weil wir es uns das eigentlich ganz nett ausgemalt haben. Schönes Wetter, wir gucken Tiere an, ein heißer Kakao in der Kiwara-Lounge… „Und dann macht sie mit ihrem blöden Dauerhabenwollen alles kaputt“ höre ich mich kopffrotzeln. Und na klar: Es sind irgendwie (mal wieder) unsere Erwartungen das Problem, weil sie mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. „Ideal- und Realtypus sind in diesem Falle nicht vereinbar.“ sagt die Wissenschaft zu sowas. Ich sage: Wären die Erwartungen nicht da, wäre  man nicht unzufrieden, weil nicht enttäuscht. Wäre irgendwie besser. Aber zu sagen „Erwarte doch einfach nichts“ hat für mich in etwa so einen Effekt wie „Denk nicht an einen rosa Elefanten“.

Kleine Kinder leben im Jetzt. Und nur da. Im Gegensatz zu Erwachsenen legen Kinder keine Konten an. Sie rechnen nicht auf und ziehen nicht ab. Keine Rechnung à la: „Mama und Papa sind ja jetzt mit mir in den Zoo gegangen und das ist ja erstmal eine ziemlich coole Sache – ein Zugeständnis -, da benehm‘ ich mich jetzt mal besonders gut und bin nicht so kackn anstrengend, sondern tu mal so als wäre ich zufrieden. Sie haben sich’s ja verdient, weil: Sie bemühen sich ja, mir/uns eine tolle Zeit zu machen und das muss man schließlich auch mal honorieren…“ Nö. Das geneigte, städtisch-verwöhnte Kleinkind denkt wohl eher so: „Au ja! Zoo! Will ich!“ – swooooosh – „Au ja! Eis! Will ich!“ – swooooooosh – „Au ja! Pommes! Will ich!“ – swoooooosh – „Oh! Das Kind hat einen Lutscher! Ich will auch einen Lutscher!“ – swooooosh – „Oh! Die Bratwurst sieht aber gut aus! Ich will!“ … „Oh Gummischlangen!“ … „Oh Luftballons!“ … „Oh! Wo ist das Kinderschminken?“

Kinder sind hemmungslos (und) lustgesteuert!

Deshalb sind sie auch so beliebte Zielgruppen Opfer für der Werbeindustrie. Spielzeuge, Freizeit, Snacks. Werbeleute wissen genau, wie leicht Kinderbedürfnisse zu wecken sind. In den großen Werbeagenturen beschäftigen sich ganze Abteilungen ausschließlich damit, zu „erforschen“, wie das kindliche Habenwollen noch zuverlässiger getriggert werden kann. 

Und Eltern…? Wir stehen da irgendwie vor einem Dilemma, oder? Wir wollen unsere Kinder nicht mehr autoritär erziehen. Wir wollen, dass sie sich frei entfalten können, sich selbst kennen (und lieben) lernen und zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen. Wir wissen um die Bedeutung der frühen Kindheit für Bindung, Selbstsicherheit und Persönlichkeitsentfaltung. Wir wissen allgemein viel zu viel. Wir wollen vielleicht keine perfekten Übermütter (im Sinne von Braten im Ofen und glänzendem Haus) sein, aber eine unserer größten Ängste ist, unseren Kindern durch unsere eigenen Charakterschwächen zu schaden. Wir sind es gewohnt, in Freiheit und durchaus lustbetont zu leben. Wir sind freiheitsliebende Hippie-Punks und Jemanden zu begrenzen missfällt uns. Unser Regulativ ist unser Verstand. Aber genau darauf können wir beim Kind nicht setzen. Also stehen wir da, haben alle elterlichen „Waffen“ abgelegt und sind bereit, zu verhandeln. Sie sollen ja können, wie sie wollen… Aber wie sollen wir entscheiden, wann das Wollen begrenzt werden muss, weil das Wollen zum Müssen wird und das macht ja auch wieder unglücklich… Und sind wir nicht unserer Kinder Glücksschmiede?

Deshalb sieht man Erwachsene zuweilen mit Kindern über die Schädlichkeit von Lutschern und Nahrhaftigkeit von Gemüse diskutieren… > Gesunde Ernäherung ist wichtig. Übergwicht und Krankheiten und so. Deshalb sieht man uns auf dem Spielplatz zwischen zwei Dreieinhalbjährigen über das Teilen eines Sandeimers verhandeln > Unsozial sein ist kacke. Teilhabe, Depressionen und so. Wir schmieren abends Brote mit Frischkäse (OHNE RINDE!), obwohl wir frisches und gesund gekocht haben, weil der Brokkoli in der Brokkoli-Käse-Soße eben doch nicht gut genug versteckt war. > Mein Kind muss nicht essen, worauf es keine Lust hat! Und jajaja! Natürlich kommen wir uns dabei albern vor. Es fühlt sich falsch an, streng  den Ton anzugeben. Und es fühlt sich falsch an, ständig nachzugeben. Wir wollen keine Service-Eltern sein. Und keine Helikopter-Eltern. Aber Arschloch-Eltern wollen wir auch nicht sein. Wir wissen, dass es vermutlich ziemlich albern ist, zu hoffen, die besten Freunde und Vertrauten vom Kind sein zu können. Und wir versuchen es trotzdem.

Unsere Kinder sind ein bisschen wie Diktatoren. Despoten! Egoisten!  Ohne Vernunft! Triebgesteuert! Raffgierig! Geizig! Und maßlos ohne Ende! (Ja, sie sind auch herrlich neugierig, phantasie- und liebevoll, … aber darum geht es hier ja gerade nicht…) Und ich glaube, wir sind damit einfach überfordert. Niemand sagt uns, was eindeutig gut oder eindeutig böse ist. Wir können uns in wenigen Minuten zu jedem Thema haufenweise Fakten und Meinungen reinziehen. Wir müssen selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden und inwieweit wir, unsere Kinder bestimmen und uns von ihnen bestimmen lassen. Richtig gibt’s nicht.

Ich höre an dieser Stelle oft Argumentationen wie „Mit Dreijährigen darfst du nicht diskutieren. Du bist die Mutter, du entscheidest. Basta!“ oder auch gerne „Da musst du deinem Bauchgefühl – deiner INTUITIOOOOON – vertrauen.“ Mir persönlich hilft das aber nicht weiter. Ich hab ein sehr diskutierfreudiges Kind, das Gründe haben will, wenn ich „Nein!“ sage und ich will ihr die auch irgendwie liefern. Meiner  „Intuition“ nach zu urteilen ist das richtiger als zu sagen „Weil ich das so (nicht) will.“ Für diese Variante müsste ich mich ziemlich verbiegen und härter tun, als ich fühle und bin. Oft wird mir aber suggeriert, dass das die bessere – die richtige – Variante wäre. Und die Diskutiererei macht mich ja auch alle…

Irgendwie ist es auch das Zusammenspiel von Programmierung und Umwelt, was hier Probleme macht: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie glücklich machen. Und wir sind – furchtbar biologistisch gesprochen – darauf gepolt, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen. Wir leben aber in einer Überflussgesellschaft. Eine ziemlich unnatürliche (Um)Welt für Menschen(kinder). Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie süß und bunt und fettig. Sie können zwar tatsächlich nicht immer und nicht alles haben, aber theoretisch heute und hier sehr, sehr viel. Mehr, als sie brauchen und mehr als – so mutmaßen wir – gut für sie ist. Erwachsene haben – mal mehr mal weniger erfolgreich – gelernt, ihre Bedürfnisse zu kontrollieren und zu unterscheiden, um in der Welt des too much klarzukommen. Und manchmal werden wir fett und unbeweglich und krank, weil wir uns in dieser unnatürlichen Welt eben doch nicht im Griff haben.

Es gehört Einiges dazu, diesen fiesen Teufelskreislauf zu durchbrechen: Verstand, Durchhaltevermögen, Resilienz, Konsequenz, ein Masterplan, … Und – um zurück zum Thema zu kommen – man unterschätze nicht die Verführung, auf durch Nachgeben zu einem „zufriedenem“ Kind und stressfreien Moment zu kommen. Das ist es ja, was uns die Werbung verspricht, oder? Zufriedene Kinder. Entspannte Eltern. Glückliche Familien. Aber sehen wir es, wie es ist: Immer nachgeben, das ist de facto: Ruhigstellen. Damit geht man den Weg des geringsten Widerstands und macht es sich so einfach wie es nur irgendwie geht. Hauptsache keinen Stress… Und was ist falsch daran? Klingt doch nach einem ziemlich guten Lebensmotto. Auf Dauer tut man sich damit selbstverständlich keinen Gefallen. Die Kinderbedürfnisse könnten sich unkontrolliert vermehren. Kinder, bei denen es kein „genug“ gibt und im Resultat: Konsumorientierte, doofe Menschen, die lernen, dass man Befriedigung vor allem kaufen kann (und muss). Wollen wir das? Wollen wir nicht. Davon gibt es auf der Welt wahrlich schon genug.

Was ist also mit dem kindlichen Dauer-Habenwollen? Wie sollen wir damit umgehen?

Kleine Kinder kennen noch kein Maß. Sie können nicht verstehen, warum sie nicht dürfen, wenn Dinge in greifbarer Nähe und theoretisch zu haben sind. Ihnen fehlen die „Kompetenzen“, derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sich selbst zu begrenzen und aus reinen Verstandsgründen zu verzichten. Sie sind dieser – Achtung, Polemik! – fiesen, unnatürlichen, ihre Unschuld und Unwissenheit ausnutzenden, kapitalistischen Waren- und Konsumwelt schutzlos ausgeliefert, und man kann hier zu dem Schluss kommen, dass wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigen, wenn wir unsere Kinder nicht davor beschützen. Oder? Gerade unser Verstand sollte uns doch eigentlich hier sehr deutlich zeigen, dass es wichtig und richtig ist, (Konsum-)Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen und sie in dieser Hinsicht zu begrenzen. Um sie vor sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zu schützen, quasi. Ist das so? Ihnen „Grenzen setzen“ ist also tatsächlich der richtige Umgang damit?

Ich denke nicht, dass dieses Dilemma Kinderwollen vs. Elternmeinen ein für allemal auflösbar ist. Man muss die Situationen immer wieder neu bewerten. Man wird sich immer wieder fragen müssen, wie man das gerade findet und ob man es gerade zulassen will. Ab und zu sollte man sich vielleicht wirklich fragen, was man zu einem guten Freund in der Situation sagen würde. Andererseits können Kinder in vielen Situationen nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wann können sie? Wann müssen wir?

Wieder denke ich an Juul, der sich auch dazu äußert. Man müsse zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden. Das Bedürfnis des Kindes ist zum Beispiel Ernährung. Nur Nugggets bei McDoof oder einen Lutscher zu wollen, das ist ein Wunsch. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie den Wunsch erfüllen wollen. „Man kann eine lange, glückliche Kindheit haben ohne Pizza oder McDonalds“ sagt Juul dann. Hier geht es um die eigenen Werte, Einstellungen und Sichtweisen der Eltern. Was findet man gut? Was nicht? Welchen Wunsch will man erfüllen, welchen nicht? Juul meint auch, dass Kinder ihre Eltern kennenlernen wollen. Mit etwa 4 bis 5 Jahren hätten sie den Großteil von dem, was ihre Eltern prinzipiell zulassen und was nicht – die elterlichen Grenzen – ausgelotet. Und Kinder wollen selbstständig sein und selbst entscheiden. „Ich will meine Jacke nicht anziehen! Ich will meine Zähne nicht putzen!“ – „Hör mal, Zähne putzen muss man irgendwie, sonst passiert alles Mögliche. Zwei Dinge kann ich dir sagen: Es ist unangenehm, weil irgendwelche Erwachsenen vielleicht etwas Hartes in deinen Mund stecken und anfangen zu bohren…“ – Und was ist, wenn das Kind auf seinem „Nein“ beharrt? – „Wenn man dieses Grundvertrauen hat , dann sagt man: ‚Okay, schade, weil wie du weißt, finde ich es wichtig, aber wenn es für dich nicht wichtig ist, dann machen wir es heute nicht.“ Man müsse einfach das Vertrauen haben, dass Kinder prinzipiell kooperieren wollen. Das ist Juuls ganz grundsätzliche These. Verantwortung müsse man vor allem übernehmen, wenn es um Leib und Leben geht – das Anhalten an roten Ampeln ist nicht verhandelbar. Nachlesen kann man das zum Beispiel in diesem Interview mit Jesper Juul, und in dem und dem.

Vertrauen wir unseren Kindern nicht? Würde es mit ein wenig mehr Vertrauen alles einfach gehen? Wir denken „Zähne putzen muss sein!“, weil wir das so beigebracht bekommen haben und „weil man das so macht“ und wir denken so Sachen wie „Wenn ich das jetzt einmal schleifen lasse, dann wird das nie was und dann kriegt sie Karies und faulige Zähne… und im Kindergarten wird man über sie reden, weil sie einen schlechten Atem hat… und die Erzieherinnnen zerreißen sich das Maul über uns unfähige Eltern.“ – Genau! Das „Was sollen denn da die Leute denken?“ steckt nämlich viel zu oft dahinter, egal für wie unabhängig man sich hält. Man will nicht als Eltern dastehen, die es nicht hinkriegen. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich das Kind nie wieder die Zähne putzen wird, weil man einmal sagt: „Gut, wenn du es partout nicht willst, dann machst du es halt nicht.“ Andererseits sage ich, dass es schon ziemlich wahrscheinlich ist, dass mein Kind sich ausschließlich von ungesundem Kack ernähren würde, könnte es das selbst entscheiden. Und was es zu essen gibt, das geht doch irgendwie alle was an, oder?? Vielleicht teilt man die Woche mal testweise in „Du bestimmst, was es zu essen gibt“-Tage und „Wir bestimmen, was es zu essen gibt“-Tage auf.

Wir haben uns dann jedenfalls dann doch noch sehr ausgiebig die Affen angeguckt, über eine Stunde beim Karpfenbecken abgehangen und eine halbe Stunde auf die Fütterung der Pinguine gewartet. Hat sich gelohnt, das Konsumieren zu durchbrechen, drei Mal „Nein, gibt’s nicht! Ich will jetzt Affen angucken“ zu sagen und die jeweiligen Wutausbrüche zu ertragen.

„Manchmal muss man sie doch echt zu ihrem Glück zwingen.“ sage ich während der Rückfahrt zu K., kurz nachdem beide Kinder zeitgleich weggepennt sind und wir um 17 Uhr das erste „störungsfreie“ Gespräch des Tages miteinander führen.

Muss… Darf man das? Die Kinder zu „ihrem Glück“ zwingen? Ist ihr Glück nicht in allererster Linie das, was wir als „Glück“ – als schön / gut / erstrebenswert – bewerten? Passt das zu unserer Vorstellung der frei denkenden, selbstbestimmten Menschen, als die wir unsere Kinder gern später sehen würden? Ist Lesen wirklich „besser“ als iPad-Daddeln? Ist es echt sinnvoll, immernoch dieses Idealbild vom auf der großen Wiese frei herumtollenden Kind im Kopf zu haben und darum ständig mit schlechtem Gewissen durch die betonierte Großstadt zu laufen, weil man es einfach nicht realisiert bekommt??

Hm. Man sollte vielleicht auch nicht vergessen, dass unsere Kinder später eh selbst entscheiden werden, was sie unter Glück verstehen. Und dass diese Definition nur zu einem Teil davon abhängt, wie sie ihre Kindheit mit uns verbracht haben. Unsere Kinder haben ein Recht auf’s Heute. Das ständige ans Morgen denken macht mich auch wirklich alle… Die Gedanken krieg ich nur ganz schwer ausgeschaltet. „Wenn sie heute zu viel fernsieht, wird sie niemals Bücher lesen oder sich für Kultur oder Geschichte oder … interessieren“, „Wenn ich jetzt nicht versuche, sie zum Gemüse essen zu bewegen, wird sie das niemals tun und krank und fett werden“, „Wenn sie jetzt nicht lernt, dass…, dann wird sie nie…“ – Was für ein Bullshit das doch ist! Und wie einen das tagtäglich unter Druck setzt! Das nimmt die ganze Leichtigkeit aus dem Alltag und aus dem Umgang mit dem Kind. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen, „den Förderauftrag“ der Bildungseinrichtungen Zuhause fortzuführen. Und auch davon spricht Juul gerne mal. Man wird bekloppt, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einen irgendwie anders… irgendwie besser haben wollen als man ist. Die einen umerziehen wollen. Unsere Kinder sollten bei uns einfach mal nichts müssen müssen, einfach mal sein dürfen, so (unperfekt und launisch und unausgeglichen) wie sie sind. Unsere Kinder sind keine Projekte, die wir möglichst erfolgreich abschließen. Unsere Kinder sind Menschen. Ihre Persönlichkeit sollten wir in erster Linie annehmen und respektieren. Wir können ihnen eigentlich nur sagen: „Hör mal, so fühlst du dich jetzt und das ist okay. Du bist du. Und ich bin ich. Und das da draußen ist die Welt. Und wenn du das jetzt (nicht) machst, könnte das passieren. Deshalb mag ich nicht, dass du es machst. Jetzt kannst du entscheiden, ob du es trotzdem tun willst.“

An Denkstoff mangelt es mir jedenfalls ganz und gar nicht, seitdem ich Kinder habe. Gesellschaftliche Zwänge. Freiheit. Die eigene und die der eigenen Kinder. Werte. Moral… Können, wollen, sollen, müssen. Kinder konfrontieren einen wirklich sehr schonungslos mit sich selbst, den eigenen Maßstäben und Nicht zu Ende-Gedachtem. Man muss permanent kurzfristig nötige („Ich will aber JETZT, Mama!“), aber langfristig wirkende („Warum habe ich nur so große Selbstzweifel? Meine Eltern sind schuld!“) Entscheidungen treffen und das unter akutem Handlungszwang und erschwerten Bedingungen („UÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHICHWILLABER!“).

Memo an mich selbst: Unbedingt mal darüber nachdenken, wie ich diese exzellent trainierten „Troubleshooting“- und „Multitasking“-Kompetenzen in meiner Vita einbauen kann.

Welt retten: Weil Kinder Zeit brauchen!

https://www.openpetition.de/petition/online/weil-kinder-zeit-brauchen-fuer-einen-besseren-personalschluessel-in-sachsen-kitas

Eine großartige Initiative, die unbedingt (!) von Allen unterstützt werden sollte. 

Nur 2.838 UNTERSTÜTZER bisher – 5000 werden mindestens gebraucht. Helft mit, indem ihr (elektronisch) unterschreibt teilt, per E-Mail weiterschickt!

FÜR:

– Vor- und Nachbereitungszeit in den Kitas

– eine Verbesserung des Personalschlüssels

– Verbesserung der Betreuungsbedingungen

– eine sinnvollere Berechnung des Personalschlüssels

Bitte! Was in den Kitas zum Teil abgeht ist irrsinnig! Das muss sich ändern! Dringend!

Geburtstagsdilemmata

Der dritte Geburtstag meines großen Kindes – Ha! Es fühlt sich immernoch so neu an, das so zu sagen – wurde ja an diesem Montag begangen. (Und er wird am Sonntag mit einem fetten Kindergeburtstag bei Kawi Kids noch weiter zelebriert…)

kaqpjöj

Ich habe gelernt, dass der dritte Geburtstag ganz, ganz wichtig ist. Weil es nämlich der erste Geburtstag im Leben eines Kindes zu sein scheint, den sie bewusst mitbekommen. P. hat jedenfalls w-o-c-h-e-n-l-a-n-g auf ihren Geburtstag hingefiebert. Das wurde noch dadurch verstärkt, dass unglaublich viele ihrer kleinen Freunde in den vergangenen Wochen Geburtstag hatten. „Wann hab ich Geburtstag? Wann hat die T. Geburtstag? Und wer kommt da alles?“ war Dauer-Thema.

Und Geschenke. Die waren auch Dauerthema.

Wir haben das ja eigentlich ziemlich schlau angestellt, wie ich finde. Also das mit ihrem Geschenk. Sie wollte nämlich eigentlich einen dritten Arztkoffer haben. Warum auch immer. Wir haben ihr dann „nahegelegt“, dass so eine Kasse doch ’ne gaaaanz tolle Sache wäre. Darauf hat sie sich dann (zum Glück) eingeschossen und sich den Po weggefreut, als am Geburtstagsmorgen im großen Geschenk tatsächlich eine Kasse drin war: „Eine Kasseeee! Ja wirklich! Eine Kasseee! Ich hab die wirklich gekommen, Mami!“ – ich krieg schon feuchte Augen, wenn ich nur daran denke. So niedlich war das. Der Kaufmannsladen kam alles in allem super an, ist ein gutes Geschenk, weil es lange Spielspaß bringt, der auch noch so halbwegs sinnvoll ist und alle konnten kleines Zubehör dazuschenken. Super Ding also. Kann ich nur empfehlen zum dritten Geburtstag.

Wo da das Dilemma ist?

Beim Thema Geschenke ganz allgemein, finde ich. Wie handhabt man das? Als Eltern macht’s ja schon großen Spaß, dem Kind eine Freude zu machen und ihm einen sehnlichen Wunsch zu erfüllen. Leuchtende Kinderaugen sind ja was Schönes… Aber: Wie weit will, kann und sollte man da „mitgehen“?? Kann man es vertreten, dem Kind Scheiß zu schenken, wenn es sich das nun einmal wünscht? Und wie geht man mit Verwandten um, die von den Eltern sehr unerwünschten (vom Kind aber natürlich heiß geliebten) Trash anschleppen??

Es dürfte in den nächsten Jahren sicher noch sehr viel wichtiger werden, was man dazu für eine Meinung hat.

Ja, Elternbuddies. Ihr wisst genau wovon ich spreche… Ich sage nur eins:

FILLY PFERDCHEN !!!

Vor kurzem stand ich in unserem schönen Spielzeugladen, um Geschenke für eine der Freundinnen meines Kindes zu besorgen. Neben einem coolen kleinen Spielzeug (aufziehbare Eisenbahn + Eisenbahnschienen zum Zusammenpuzzeln) schleppte ich fast unbemerkt auch zwei verdammte Tüten Filly-Dreck zur Kasse. Der Verkäufer guckte mich fragend an. „Mit drei? Echt jetzt?“ – „Äh.. äh… Ich kann da nichts für, echt… Also äh… ich…“ – „Ja, ich weiß schon… Da fängt einer im Kindergarten mit an, stimmt’s? Und dann haste keine Chance.“ – „Äääääh, ja genau.“

Ja, naja, also nein. Also hätte man doch… Klar hätte man die! Man könnte sich weigern. Man könnte dem Kind natürlich sagen, dass man solchen Mist nicht kauft und gut. Also mehr oder weniger gut. Das würde dem Kind nämlich einmal mehr sein kleines Kinderherz ein bisschen brechen. Es gäbe Tränen und ein fieses Kleinkind-Gewitter und wenn man das Kind beim nächsten Mal  von der Omi abholt kann man ganz, ganz sicher sein, dass der Bann gebrochen wurde und das Kind sein beknacktes Filly-Pferdchen noch viel, viel mehr liebt als ohne die „Nein“-Ansage der fiesen Eltern. (O-Ton: „Ihr seid ganz gemein zu miiiiir!“)

Und außerdem: Wie war das denn bei uns? Da gab es zum Beispiel TAMAGOTSCHIS. Bei meinem Bruder war Pokémon in. Und ich kenne einige, deren Eltern den Barbie-Mist versucht haben, zu unterbinden und deren Kinder am Ende die schlimmsten Barbie-Fanatikerinnen waren. Ich selbst gehöre übrigens auch dazu.

Mein Kind hat zum dritten Geburtstag eine Mischung bekommen. Einen Kaufmannsladen und Bücher zum Beispiel. Dinge, die ich unterstütze. Und ein (!) Filly-Pferdchen. Und Kinderschminkstifte. Und einen schrecklichen Plaste-Girly-Mini-Schminktisch (!!!) von meiner Oma. Ohne Absprache natürlich… Und meine Tochter liebt das Teil. Klar. Tja…

Was soll man machen? Ich muss darüber mal noch ein bisschen sinnieren. Mir schwant, dass es unmöglich (und unsinnig) ist, immer zu versuchen, pädagogisch wertvoll zu handeln und zu entscheiden, damit das Kind auch ja ein kluges, cooles Stück Mensch wird. Ich denke nicht, dass das insbesondere davon abhängt, dass das Kind nur mit Stöcken und Kastanien spielt. Inwiefern man es als Eltern vertreten kann, Mist zu konsumieren und anzuhäufen ist da wohl die viel wichtigere Frage. Von wegen vorleben und so.

Jesper Juul (ich glaub, der war’s) hat jedenfalls Mal gesagt: Eltern sind nun einmal Eltern und keine Pädagogen. Und das ist auch gut so. *hinter die Ohren schreib*

Liebende Mutter. Zweifelnder Kopf.

Reflektieren und Erziehen, das bedeutet für mich:

Ich versuche zu erkennen, was dir und uns gut tut. Ich versuche, dir und uns nicht zu schaden.

Ich versuche, mir darüber im Klaren zu sein (und auch dir irgendwann klarzumachen), dass meine Sicht der Welt und mein Umgang mit den Menschen, mein Umgang mit mit mir und dir nur mein Versuch ist. Und nicht die Wahrheit. Deinen Weg musst du selbst herausfinden. Irgendwann. Irgendwie.

Ich will dir gern vermitteln, dass es Sinn macht, darüber nachzudenken, wie man zur Welt und den Anforderungen der Zeit steht. Dass es Sinn macht, zu versuchen, bestimmte Zusammenhänge und Funktionsweisen zu verstehen. Und dass es Sinn macht, sich zu fragen, wie man sich verhalten will. Was man tun, was lassen, was man gut finden will und was nicht. Dass es Sinn macht, nicht einfach alles nur hin- und anzunehmen. Dass Sinn macht, von einem „Jemand“ zu einem „Selbst“ zu werden. Und dass das wahrscheinlich am ehesten geht, indem man nachdenkt.

Das ist nicht leicht, weil ich mir darüber bewusst bin, dass du zunächst vor allem Klarheit und Sicherheit brauchst, um dich entwickeln zu können.

Ich möchte gern, dass du dir selbst vertrauen kannst und dass du weißt, dass du auch mir vertrauen kannst. Ich möchte ehrlich zu dir sein. Und doch zeige ich dir jeden Tag eine heile Welt und nette Menschen, obwohl ich weder das eine, noch das andere so sehe. Weil ich dich liebe. Ich bringe dir bei, dir die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen. Ich sage „jaaaa“, wenn du nach Gummibären fragst und „bitte“ gesagt hast. Ich wasche deine Sachen, wenn sie dreckig sind und kaufe dir solche, in denen du schön aussiehst. Weil ich will, dass du ankommst in der Welt da draußen. Weil ich nicht will, dass du aufgrund von Ausgrenzung leiden musst. Obwohl ich doch finde, dass es viel wichtiger wäre, dass die Welt mit dem Ausgrenzen aufhört. Aber du sollst nicht das Versuchsobjekt sein, an dem ich feststelle, wie weit sie damit schon ist. Dir soll es gut gehen. Obwohl ich weiß, dass es schlauen Köpfen allgemein wohl häufiger eher schlecht als gut geht. Dass „mir geht es gut“ einen nicht zum Nachdenken bringt.

Es ist schwierig für mich zu wissen, dass du dich an meinem Umgang mit der Welt (zunächst jedenfalls) orientierst. Dass du denkst, ich wüsste, wie das geht, mit dem Leben.

Ich kann dir nur zeigen, dass das da draußen in etwa so läuft und dass dies und das so und so funktioniert und dass sich Menschen hier in etwa so und so verhalten, wenn sie keinen Stress haben wollen. Und dass ich dies und jenes eher gut oder eher schlecht finde. Ich kann dich mit 2, 3, 4, 5, … Jahren nicht fragen, wie du das so siehst. Das wäre wohl zu viel. Ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt für diese und jene Zweifel ist… Und ob es von Mutter zu Kind überhaupt einen dafür geben wird. Ich weiß, dass ich dir weniger zeigen werde, als es mir klug erscheint. Weil ich es wichtig finde, dass du die fiesen und dunklen Seiten der Weltmedaille selbst entdeckst und an die für dich passende Stelle in deinem eigenen Werteschrank hängst. Ich will das nicht vorwegnehmen, weil ich es dir nicht abnehmen kann. Nicht abnehmen will. Nicht abnehmen darf.

Ich kann es kaum abwarten, wie es sein wird, wenn du feststellst, dass die Dinge anders sind. Nicht so eindeutig. Nicht so glatt. Und ich habe Angst davor. Ich kann es kaum ertragen, dass du dich (und mich) dann vielleicht fragen wirst: „Warum hast du mir das nicht gesagt?“

Ich kann nur sagen: Es gibt kein eindeutig und für alle immer richtig oder falsch. Es gibt nur das draußen und das drinnen. Und weil wir immer mal ins Draußen müssen (oder auch wollen), müssen wir herausfinden – uns entscheiden – wie das Innen mit dem Außen zurechtkommen kann. Für die einen ist das Anpassung, für die anderen ist es Verweigerung. Für die einen ist es Rückzug, für die anderen ist es Offenheit. Für viele mag es problematisch sein, für einige wenig bedeutsam. Die einen suchen bewusst, die anderen stolpern so rein, die nächsten schwimmen mit. Aber müssen, müssen es alle. Das ist eine der wenigen Wahrheiten, die ich kenne und wohl eine, die man am schwersten vermitteln kann ohne vorzusagen. Denn: Das Außen wird dem Innen einfach begegnen. Es wird mit ihm umgehen, es verletzten, es einengen und überfordern. Das Außen ist kompliziert, unübersichtlich, unklar, zufällig und ziemlich unstet. Das Innen kann ziemlich verletzlich sein.

Weil ich dich liebe, hätte ich dafür gerne ein Rezept. Ich würde dir nur zu gern beibringen wie das gehtdas Leben. Das Zurechtkommen. Das Mitschwimmen ohne unterzugehen. Aber die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Und das ist wohl die schwerste, unbarmherzigste und verdammt verunsicherndste Wahrheit überhaupt. So verunsichernd, dass ich gar nicht weiß, ob ich will, dass du sie jemals herausfindest. Ob ich nicht lieber doch stark aussehend bleiben will. Für dich.

Aber für dich da sein, das kann ich und das werde ich. Dir helfen, dich auffangen, dich unterstützen, wo es nur geht. Das Innen vor dem Außen schützen, wenn es sein muss, wenn du es willst und zulassen kannst. Dein Innen ist sicher hier, bei mir.

Eine liebende Mutter. Ein kritischer Kopf. Das ist, was ich bin. Das ist, was ich sein will. Das ist unendlich schwer.

Eltern-Bedürfnisse vs. Politik

Aus gegebenem Anlass:

Das Netzwerk „Familie 2.0“ hat einen Offenen Brief an die Bundesregierung bezüglich Vereinbarkeit von Beruflichkeit und Familie sowie Kinderbetreuung/Bildung im Allgemeinen formuliert. Da ich die Inhalte weitestgehend unterstütze – insbesondere die Punkte: „Schule muss endlich Bundessache werden!“ und „Bessere Bezahlung von ErzieherInnen und PädagogInnEn!“ – teile euch den Brief gerne und fänd es toll, wenn viele viele mitmachen!

Teilt das in euren Social Media-Kanälen, druckt den Brief aus und schickt in ab, schreibt ihn via Mail. Diese Aktion verfolgt schlussendlich einen ähnlichen Zweck wie wir mit unserer Kita-Initiative: Eltern – BewohnerInnen eines Landes allgemein – müssen begreifen, dass wir die Münder aufmachen müssen, damit sich die Dinge in unserem Sinne entwickeln. Sich hinstellen und sagen „Es ändert sich eh nichts“ ist bescheuert und traurig. Also macht mit!

Der offene Brief zum Ausdrucken: Familie 2.0 Offener Brief

Familie 2.0  – Wir machen mobil! Eltern bewegen Familienpolitik!

Liebe Frau Merkel, liebe Frau von der Leyen, liebe Frau Schröder,

Sie bekleiden drei der einflussreichsten Ämter in diesem Land.  Die Gleichstellung der Frau, für die die  Vereinbarkeit von Familie und Beruf unerlässlich ist, rückt damit für uns alle in greifbare Nähe. Aber leider nur fast.

Denn viele der Aktionen, die uns – Mütter, Väter und Kinder – angeblich unterstützen sollen, stellen uns vor die Frage, ob unser Bedarf und die Situation, in der wir uns befinden, überhaupt verstanden wird?

Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, unsere Vorstellungen darüber, was wir wirklich benötigen, heute am Weltfrauentag zu veröffentlichen, um uns Gehör zu verschaffen und aktiv in den politischen Prozess von Familien- und Bildungspolitik einzusteigen. Wir zählen auf Ihre Unterstützung!

Deutschland benötigt in den kommenden Jahren dringend eine Familien- und Bildungspolitik,  die wirklich einen Unterschied für uns arbeitende Familien macht und nicht zuletzt kurz-, mittel- und langfristig dem Fachkräftemangel vorbeugt und Deutschland als Wirtschaftsstandort stärkt! Wir sind die Arbeitnehmer und Steuerzahler von heute. In unseren Kinderwagen liegen die Arbeitnehmer und Steuerzahler von Morgen! Jetzt machen wir in Sachen Familienpolitik mobil!

Denn nicht nur bei Punkten wie der Kürzung des Elterngeldes und der Einführung des Betreuungsgeldes können wir nur mit dem Kopf schütteln. Es geht um viel mehr

Wir brauchen:

1.      Ein einheitliches Bildungssystem in allen Bundesländern
2.      Qualitativ hochwertigere Betreuungsangebote (…)
3.      besser bezahlte Erzieher/ Pädagogen

4.      eine bessere Einbindung der Generation 60+
5.      flexible Arbeitszeitlösungen für Mütter und Väter
6.      kein Ehegattensplitting

Dies bedeutet im Detail: (…)

 Link zum Offenen Brief

Kita-tatataaaa… (Engagement und so)

Ich habe mich ja bereits mehrfach selbst und auch laut (zum Beispiel hier, hier und hier, ;-) ) dazu geäußert, dass es mir in den Fingern und im Kopf kribbelt und ich irgendetwas tun muss… Mal anfangen, die Welt zu verändern sozusagen und Menschen finden, die das auch wollen. Wenn möglich in eine ähnliche Richtung wie ich.

Nun, es ist angerollt und sieht derzeit zum Beispiel so aus:

Die Leipziger Kita-Initiative (Klar! Auch im Arschbook!)

Irgendwo muss Mensch schließlich mal anfangen.

 

Ach ja, wenn wir gerade dabei sind: Morgen (Do, 06.12.12, 21:45) läuft Panorama im Ersten unter dem Titel ‚Schuften und Sterben für unsere Kleidung‘. Kann man sich mal angucken. Jauch hat Anfang der Woche aus aktuellem Anlass (Brand in Textilfabrik in Bangladesh) ebenfalls eine Talk-Runde zum Thema ‚(un)saubere Kleidung‘ gehabt. Wer den noch ertragen kann: Die Sendung wird sicher noch mehrfach wiederholt und online kann man sich das auch ansehen.